V.

Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich

sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust

der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden

bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb

ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken

sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen

und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen. Wie

viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch

die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern

sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun

haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher

so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend

schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es

mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient

zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele

zu.

Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er

nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat

es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend,

hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über

die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen

erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und

daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten,

demütig und geduldig sein.

Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach

jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der

bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten

schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir Unbehagen. Wer auf Höhen

will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten

Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein,

der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte

ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug,

und meine Sonne hieß: Heri.

In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst

zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man

forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle

jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln,

so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte

oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein

Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon

wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.

Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht

einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet

hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir

hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung,

aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben.

Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen

Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber

verschmähte jeden Kompromiß und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln

seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.

Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein

Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr

und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt

aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er

wollte.

Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß

gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit

ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein,

gut, so sollte er es gründlich sein!

Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt.

Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach

zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe,

erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß

er schließlich ganz verzagt wurde.

Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen

Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem

menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag

mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“

Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag

verpflichtet, mit ihm nichts zu reden. Deshalb zuckte ich mit den

Achseln und wollte weitergehen.

Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst

unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf

mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ -- Und nach einer kleinen

Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser

gehalten als die anderen!“

Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn

verhängt worden sei.

Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb

spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist,

darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn

eine Freude an diesen Kindereien?“

„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der

Fall wäre?“

„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du

ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’

ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das

läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß

du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das

Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß

ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch,

da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es

ist, weiß ich nicht und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja,

ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die

Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch

Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte

am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute

in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und

hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer

Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser

dein!‘“

Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung

gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von

dieser Welt war.

Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch

mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war

mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große,

leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das

mich damals zum Dichter machte.

Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst

lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts

machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den

andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da

-- da --“ sein Gesicht nahm den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an

-- „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß

du mich verstehst.“

Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu

in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja,

Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde

sein!“

Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen

Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura

ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es,

den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm

vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit

betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die

nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus.

Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf

sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe

hinan und trat rauchend ins Studierzimmer.

Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang

auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los:

„Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“

Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den Spucknapf und sagte

gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“

Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie

jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“

Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als

der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden

Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo

zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens

seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“

Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand

lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag

zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich

ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.

Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein

Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten

Tagen gemacht hatte.

In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich

so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du

der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem

ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben

würde und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“

Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen

Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die

Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden

flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum

stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen

Ast flatterte noch grünes Laub.

„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen

können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön

macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat,

die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der

Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß

das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? --

Was ist eigentlich dein Ziel?“

Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf

geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und

wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter

fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte

Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte:

„Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar

und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt nur eines vor: die Menschen,

die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner

von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“

Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht.

Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig,

und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ -- sein Auge

leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden

mußte -- „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott

nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das

wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben

sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“

Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und

rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum

Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken -- eher sterben!“

Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so

furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.

Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit

seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte

mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.

Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich: „Kennst du Eichendorff?“

Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne

Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber

noch fremd.

„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du,

Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler

braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es

keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen

Platz findet.“

Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der

Gedichte Eichendorffs.

Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen

Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und

über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte,

ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und

Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und

meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen

Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht

wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.

Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere

eigenen Wege.

„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die

Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“

Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn

ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht

hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn

auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach

ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten

an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein

Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise

entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen

tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun

oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen

mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte

summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand

der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie

ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort

her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in

silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.

Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in

der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal

ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief.

Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und obwohl ich sicher

sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch

nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in

meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand

ich mir: ich liebe Heri!

Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine

ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein

süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war

ja zum wirklichen Glück geworden.

Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein

außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel

schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden

hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen

in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel

hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen

Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige

Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf

den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die

Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt.

Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine

Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag

ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr besorgt gemacht. Als

ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor

mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des

Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt,

und als ich am Nachmittag des Ostersonntags -- ich war mittags im

Schlosse zu Tische geladen gewesen -- mit Heri durch den Park schritt,

sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin

ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer

traurig werden und nun sind sie so schön!“

Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der

schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen

Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem

kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von

goldenem Flimmer wob.

„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile.

„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich

und fühlte dabei, wie ich errötete.

„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine

flammende Röte.

Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen,

brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an

unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr.

Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem

Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das

Haar stecken, aber auch da hielt es nicht.

„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit

glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt

das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich

strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an.

Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte

stotternd: „Heri, hast mich lieb?“

Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf,

glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch.

Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir

aufdürsteten.

Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich

leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“

„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.

In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen

Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die

Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 15 / 54 题