III.

Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene

mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien

mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es

allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene

Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und

dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden

Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum

Leben, Lieben und Leiden erwacht.

Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die

Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So

bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die

leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.

Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein

Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft

die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die

Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag

lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfeln

ist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten

aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond

leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie

geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen

und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne

brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als

gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in

der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine

Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und

da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel.

Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme

bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.

Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie

auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt

und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem

alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.

Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen

und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos

mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch

Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, was da ist, diese Wege geht,

mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze

Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.

Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich

mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn

ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren,

die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr

stilles reines Kinderherz entgegentrug, -- ich mußte wieder zu Heri

zurück.

Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli

von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und

an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über

das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten

sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten

Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in

Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene

Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles

lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!

„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit

einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing

ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher war ich mit

dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet

hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in

der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere

Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des

Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien

meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer

sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.

„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du

auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich

studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu

verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich

macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch

zeitlebens“ -- sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne,

friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte -- „ein zufriedener,

glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig

dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist,

genug sein.“

Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der

Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster

zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der

Höhe, auf der z. B. Heris Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr

im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt,

deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der

ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis

zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen

Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben

verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie

schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen,

einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern

und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben

dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der

Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde

pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme

Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die

nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich

nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte

teilnehmen lassen sollen.

Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan

auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag

stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben,

wie es mein Vater geführt hatte, hatte seinen Reiz und sein Glück,

aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.

Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht

studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns

öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre

Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle

lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im

voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein,

das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen,

studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.

Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und

allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war

niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht,

wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte

Bitte wollte ich nicht tun.

Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne

Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden

Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch,

der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache

und Wirkung tritt.

Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite

Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen,

in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie

endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“

Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte:

„Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre

nicht mehr beisammen sein sollen?“

Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen

Augenblick stillstehen.

„Du -- du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.

„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren

Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“

„Und du freust dich darauf?“

„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das

andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten

da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den

Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren

gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir,

lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“

Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr

nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als

sie endlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den

Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und

ich gehe auch mit in die Stadt!“

Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz

mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du

denn dort?“

„Studieren!“

„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel

zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“

Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht,

aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät,

wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch

Geld genug!“

Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich

mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will

den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort

einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und

wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“

Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für

sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte:

„Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Eltern haben

mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und

da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag

beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus

auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber

ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich,

wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht

nachlassen. Ich setz’ es durch!“

Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters

erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung

in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach

der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere

Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.

Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle

hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.

Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen

hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen

Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur

Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt

wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter,

sondern auch mir die Hand. Letzteres hatte sie noch nie getan und

ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als

Erwachsener.

Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes

tun, nämlich Tee kochen.

„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie,

„such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“

So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg

gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den

Garten hinaus.

Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von

den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme.

An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot

der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben

die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden,

und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel

wehen.

Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor

mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich

auf die Laube zu.

Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den

Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar

nicht gehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf

darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.

Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden

oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich

eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich

daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht

verantworten konnte.

So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie

hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und

er klang zu leise und heiser.

Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du,

Marieli!“

Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und

Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.

Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte

es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“

Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen

könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise:

„Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“

Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der

ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so

dasaß mit ihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte

ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir

sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich

auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch

ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte

ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine

überströmte.

So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.

„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.

„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“

„Du und deine Mutter?“

„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da

nehmen sie mich auch gleich mit.“

Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand

wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen

immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein

Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was

in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein

liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal

keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da

nahm ich sie in heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren

Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’

dich, nicht weinen!“

Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die

im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über

mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.

Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller

Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr

stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl

augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt.

Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es

mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus

meinem Leben zu schaffen sei.

Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges

Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein

ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.

„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.

„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ --

ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu -- „wenn’s

mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann

werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“

In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes

Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu

lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch

oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.

Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein

bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf

ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.

Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei,

und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für

Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 10 / 54 题