Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er:
„Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller
wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“
Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.
Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das
liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.
„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die
Augen senkte.
Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und
dann sah sie mich an, so eigen, so fremd und doch so vertraut, wie
mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder
und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir
ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch
eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle
Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein
Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht
kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.
Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine
Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich
voneinander verabschiedeten.
Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren
auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke
Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie
habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.
Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen
Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.
Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang,
der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen
Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen Morgenstunden die Rehe
und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken,
als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten
unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen
zwischen zwei Reisen.
Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete
Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe
wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte
in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen
hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer
heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.
Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen
wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus
Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.
„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch
einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“
Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das
Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch
mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges
Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all
der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt
hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.
Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini,
sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz
geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch
eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das
sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher
nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst
es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst.
Gelt, du versprichst es uns?“
Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.