In der Mitte des Hofes stand ein dreirädriger Korbwagen, in dem

eine schwarzgekleidete Frau saß. Ihr graues Haar war in der Mitte

schnurgerade gescheitelt, und jedes Haar schien zu beiden Seiten des

Scheitels peinlich genau aneinandergereiht zu sein. Ihr Gesicht war

gelb und hatte einen immerfort lächelnden Ausdruck. Die ebenso gelben

Hände lagen auf den Armstützen des Wagens und zupften und spielten

an dem ausgefranzten Lederbezug. Ein barfüßiger Junge hielt die

Querstange des Wagens gefaßt, bereit, jeden Augenblick den Wagen wieder

fortzufahren.

»Die alte Liebichen«, sagte Hermann auf einen Blick Pauls.

Sie hüstelte lange und anhaltend und begann dann zu singen:

Es zog ein Matrose

Wohl über das Meer,

Nahm Abschied vom Liebchen,

Das weinte so sehr.

Da kam einst die Kunde:

Das Schifflein versank,

Ihr Herzallerliebster

Im Meere ertrank.

Da stand sie am Ufer

mit weinendem Blick;

Ihr Herzallerliebster

kehrt niemals zurück.

Sie sprach mehr, als daß sie sang. Ihre Stimme war dünn, schnappte

bei jedem Atemholen über, und es klang, als wollte jemand zum Scherz

absichtlich falsch und gequält singen.

Sie hüstelte wieder, und ihr Gesicht nahm wie vorher das unbewegliche

Lächeln an. Der Junge sammelte das Geld auf, die Alte hob mechanisch

den Arm, machte eine kraftlose grüßende Bewegung, und ihr Begleiter

schob nicht ohne Anstrengung den Wagen über das holprige Pflaster, zum

Tor hinaus.

Als sie an den beiden vorüberkamen, sagte Hermann: »Wie geht's denn,

Mutter Liebichen?« Die Alte hob etwas den Kopf. Aber in ihrem Blick

lag kein Erkennen. Sie nickte nur immer, und Hermann wußte nicht, ob

das eine Antwort sein sollte, oder ob es von dem Schütteln des Wagens

herrührte. Der Junge schob ohne Aufenthalt pflichteifrig den Wagen

vorbei, und draußen lenkte er ihn in das nächste Haus.

Die beiden Freunde gingen nach einer andern Gegend, klapperten noch

ein paar Höfe ab und schlenderten dann durch die Stadt. Hermann ging

zu einem Bäcker, kaufte Brot, während Paul in einen Fleischerladen

trat und Abfälle und Wurstzipfel verlangte. Er zwinkerte der drallen

Verkäuferin mit einem Blick auf seine aufgezählten Pfennige zu und

sagte, sie solle nicht so wenig geben, es wäre für einen Kranken. Sie

verstand ihn, schnitt sich beim Geben nicht in die Finger und machte

ihm ein reichliches Paket zurecht. Draußen auf der Straße traf er

wieder mit Hermann zusammen. Sie gingen in die Anlagen, setzten sich

auf eine Bank und aßen.

»Erzähl' das mal von der Alten«, sagte Paul kauend.

»Nachher«, gab Hermann zurück und hieb hungrig in sein Stück Brot.

Als sie gesättigt waren, machte sich's Paul bequem, streckte die Beine

weit von sich, nahm die Zigarrette, die wie ein Bleistift hinter seinem

Ohr saß, und rauchte sie. Wie einen langentbehrten Genuß stieß er den

Rauch durch Mund und Nase. Hermann holte seine Mundharmonika hervor

und begann zu spielen. Er war ein Künstler auf seinem Instrument.

Ein zartes weiches Lied war es. Solostimme und Begleitung hielt er

geschickt und vollendet auseinander. Mit einem Ausdruck und einer

Hingabe spielte er, daß dabei sein ganzer Oberkörper in Bewegung geriet.

Das Lied erregte Pauls Phantasie. Es zauberte ihm Bilder vor Augen,

Bilder seiner Wanderzeit, voller Farbe -- voller Sonne und Luft. Diesen

Winter wollte er noch hier aushalten, aber dann ging's wieder fort. Zum

Frühjahr, wenn sich der frische Märzwind aufmachte. Es trieb ihn schon

jetzt inwendig. Immer weiter. Immer weiter -- -- --

»Die alte Liebichen« -- begann Hermann, die Mundharmonika in der hohlen

Hand ausklopfend, mit einem Blick auf den sinnenden Freund.

»Hast du heute den Jungen gesehn, der sie fuhr? Vor zehn Jahren, ja

so lange wird es her sein, habe ich sie auch einmal von Hof zu Hof

gefahren. Ja ich! Ich weiß noch, sie wohnte in einem großen Hause, das

jetzt kaum wiederzuerkennen ist, vier Treppen hoch. Ich mußte sie die

Treppen mit hinauf- oder heruntertragen. Denn sie war damals schon halb

gelähmt und hätte eine Ewigkeit gebraucht, die Treppen zu steigen.

Manchmal, wenn ich sie gegen Abend zurückbrachte und niemand oben in

der Wohnung war, mußte ich unten bei ihrem Wagen warten. Wenn es lange

dauerte, wurde sie unruhig, warf sich auf ihrem Sitz hin und her und

sagte immer wie erstickt: ach -- ach -- als wollte sie die Tränen in

die Augen zwingen. Aber ich habe ihre Augen nie naß gesehn. Du mußt

nämlich wissen, daß ihre Leute in dem Hause richtig wie verhaßt waren,

und das ließ man auch die alte Liebichen merken. Sie wohnte bei ihrem

Bruder und war da nur eben so geduldet; groß mucksen durfte sie ja

nicht. Er kam immer erst gegen Morgen nach Hause, ich glaube, Kellner

war er, und da gab's oft Streit. Sein übernächtiges Gesicht war bleich

und eingefallen. Aber in seinem Körper mußte eine Kraft stecken, daß

man staunte. Einmal kam er früh polternd und schimpfend die Treppe

hinauf. Sie wollten ihn nicht hineinlassen, weil er so betrunken

war. Er donnerte mit den Füßen an die Türe, daß die Hausbewohner

zusammenliefen, und als es ihm zuviel wurde, hob er die Türe aus und

wütete in der Wohnung wie ein Sinnloser. Zwei Söhne hatte er, die

damals aus der Schule waren. Das waren dir zwei Kerle! Sie liefen auf

den Händen durch die Hausflur, schlugen einen Salto in der Luft, als

wäre das rein gar nichts, und hatten in allem so etwas Zügelloses, daß

es ihnen nie an einer bewundernden Schar von Altersgenossen fehlte. Ich

war auch nicht wenig stolz, daß ich ihnen so nahe war, da man ja in der

ganzen Umgegend von den Liebichs sprach. Wie das aussah, wenn die Frau

mit ihrer Tochter auf der Straße ging! Die Tochter war aufgeputzt, trug

sich gern bunt und auffällig, und die Mutter ging klein und dürftig

mit bloßem Kopf nebenher. Ich kann mich noch an die Grünewarenfrau

erinnern, die nebenan wohnte. Sie spuckte immer aus, wenn jemand von

den Liebichs vorbeikam, und sagte, das wäre ungefähr eine Gesellschaft.

Und dabei bildete sie sich ja ihre Meinung auch nur nach dem Klatsch,

der in ihren Laden getragen wurde. Was ich aber nicht begriff, war

daß die ganze Familie beisammenblieb, so sehr sie sich auch in den

Haaren lagen. Jeder ging seinen Weg, kümmerte sich um nichts, frug

nicht danach, was die andern taten, und plötzlich -- als habe der

Friede schon zu lange zwischen ihnen geherrscht -- standen sie eines

Wortes wegen in Flammen und fielen übereinander her. Wie Tiere, die

sich zerfleischen wollen. Und die alte Liebichen saß hilflos dabei und

wartete zitternd, bis man auch sie samt ihrem Stuhl umwarf. Ich habe es

einmal mit angesehn und kann es nie wieder vergessen -- -- -- --«

Er hauchte gedankenverloren in sein Instrument und entlockte ihm

langgezogene leise Töne.

Sacht dunkelte es.

Vor ihnen lag ein Stück mondübergossene Wiese, auf das die Bäume

ihre Schatten streuten. Viel Blätter hatten sie im Kampf mit dem

herbstlichen Wind schon lassen müssen. Nun standen sie stumm und

schwarz, mit entlaubten Wipfeln da. Kein Flüstern und Rauschen war

hörbar.

Weit hinten sah man die Straße, die die Anlagen umsäumte, wie in fahlen

wallenden Nebel getaucht. Das matte Licht brach durch die Äste und

Zweige, die mit schützenden Gebärden ängstlich dem lauten Treiben zu

wehren schienen.

Jenseits dieses natürlichen Gitters huschten Gestalten und Fahrzeuge

schattenhaft vorüber.

Ein dunkler Fußweg führte im Bogen eine kleine Anhöhe hinan. Dort,

wo er in die Straße mündete, war das Schwarz der Sträucher durch ein

großes gelbes Loch unterbrochen.

Hermann hatte den Rockkragen hochgeschlagen, den Hut ins Gesicht

gezogen und die Hände in die Hosentaschen versenkt.

Auch Paul war in sich zusammengekrochen.

Halblaut flüsterte er: »Im Frühjahr -- wenn der Märzwind geht -- dann

wandern wir -- dann wandern wir --«

»Ja,« gab Hermann ebenso zurück, »im Frühjahr --!«

Volksmaskenball.

Sie sah das große Eckhaus ganz erstaunt an. Wochenlang hatte das

Leitergerüst gestanden, und sie hatte wenig darauf geachtet, was da

eigentlich vor sich ging. Nun hatte man das Gerüst wieder abgebaut,

und da mußte das Haus freilich auffallen. Es leuchtete ordentlich

von weitem, so blendend weiß sah es aus. Aber was für einen Anblick

boten da auf einmal die Nebenhäuser. Man sah sie gar nicht gerne an,

so schwarz und schmutzig waren sie. Dazu hatte der Regen Spuren und

Streifen hinterlassen und mit der Zeit hier und da das Mauerwerk

abgewaschen.

Frida buchstabierte, was der Maler in seinem mit allen Farbenproben

versehenen Kittel malte. »Vergnügungs --« bekam sie heraus. Weiter war

die Schrift noch nicht gediehen.

Zwar hatte sie manchmal einen befrackten Kellner im Hauseingang stehen

sehen. Sie erinnerte sich, daß einmal ein Mann mit einem Mädchen am

Arm, die in einem fort lachte und ihren Hut immerzu gerade schob,

herausgekommen war. Wenn man aber einen Weg, durch eine große

lärmerfüllte Straße, ein paar Jahre lang, viermal täglich ging, so sah

und hörte man vieles, über das man nicht weiter nachdachte. An der

Straßenecke traf sie sich auch mit ihrer Freundin Martha und beide

gingen zusammen nach Hause.

Nun, wo sich das Eckhaus in seinem neuen Kleid präsentierte, stand

allabendlich ein Mann vor dem Hauseingang. Einen großen gelben Mantel,

mit silbernen Schnüren und Knöpfen verziert, hatte er an und auf dem

Kopfe trug er einen Dreispitz. Wie eine aufgezogene Figur stelzte er

maschinenmäßig auf und ab, eingelernte Worte vor sich her schnarrend.

Wenn man diesen Worten glauben wollte, mußte es im Innern des Hauses

unerhört großartig zugehen. Aber was mehr auffiel, war, daß der Mann

so fror. Denn es war bitter kalt, und um die Straßenecken fauchte der

eisige Wind besonders gern. Ohrenwärmer hatte der Mann, und unter

seiner roten Nase starrten die beiden gefrorenen spitzgezwirbelten

Schnurrbartenden wagerecht in die Luft. Mit seinen Holzschuhen

klapperte er taktmäßig auf den Steinfließen, und von dem, was er

zwischen den Zähnen hervorstieß, hörte man die immer wiederkehrenden

Worte: »eintreten -- phänomenal -- feenhaft --«.

Und noch etwas Neues konnte man eines Mittags beobachten.

Vor einem der Fenster des weißen Hauses blieben die Vorübergehenden

eine Weile stehen. Da war zu lesen, daß eine Woche später ein

Volksmaskenball stattfinden sollte. Die ausgestellten zehn Preise

fielen den zehn schönsten Masken zu.

In einer Schachtel mit blauem Samt lag eine goldene Uhr. In einer

zweiten Schachtel mit blauer Einfassung ein goldenes Armband. Andre

Preise waren: eine reichverzierte Standuhr, eine Teekanne mit Tassen,

ein Pokal mit Gläsern, ein Handtäschchen, an das ein Zettel geheftet

war. »A la Pompadour« stand darauf. Alle Wertstücke waren schön

dekoriert und die Preise der Reihenfolge nach bezeichnet.

In Fridas Augen wuchs das Staunen, als sie sich zum Gehen wandte. Einen

solchen Preis konnte man bekommen, wenn man eine der schönsten Masken

war? Nein -- kaufen hätte sie sich davon nichts können.

Es lockte und reizte sie in den folgenden Tagen, jedesmal wenn sie

an dem Fenster vorüberging. Sie sann und überlegte und war mit ihren

Gedanken öfter bei der goldenen Uhr und dem Täschchen a la Pompadour.

Was würde wohl die Mutter sagen, wenn sie einen solchen Preis mit nach

Hause brächte? Die Mutter? Sie erschrak ein wenig. Ja, wenn sie mit

der Mutter einmal wie mit einer guten Freundin hätte sprechen können.

Aber war nicht ein fröhliches Wort von der Mutter eine Seltenheit?

Sonntags, wenn Frida mit ihrer Mutter spazierengehen mußte, kam ja kaum

eine Unterhaltung auf. Die Mutter hatte so etwas Starres, Wortkarges.

Sie machten beide einen Umweg um die Stadt bis zum Friedhof. Die Mutter

begoß das Grab des Vaters, und Frida saß auf einer Bank und wartete.

Auf dem Rückwege gingen sie an der Fabrik vorbei, in der der Vater

viele Jahre gearbeitet hatte. Und manchmal besuchte die Mutter auch

den einarmigen Pförtner der Fabrik, der im Erdgeschoß wohnte. Der war

ein Freund des verstorbenen Vaters gewesen, und die Mutter hörte ihn

gern erzählen. Frida saß oder stand dabei, abseits und fremd. Als

müsse sie immer sinnen und sinnen, was es wohl wäre, das sie ruhig und

niedergedrückt beiseite zu stehen zwang.

Da war es für sie eine Erholung, wenn sie abends ein Stündchen zu ihrer

Freundin Martha ging. Wenn in der kleinen Stube alle Mitglieder der

Familie versammelt waren, herrschte ein Ton, der für Frida neu war. Das

Lachen war hier kein seltner Gast, und da sie alle zumeist erst abends

richtig Zeit hatten, sich miteinander auszusprechen, so kam oft eine

Unterhaltung zustande, bei der sie sich schon auf den nächsten Abend

freuten. Denn der Vater war es, der mehr die andern reden ließ. Nur

hier und da warf er seine klugen und anregenden Bemerkungen dazwischen

und hatte zum Schluß die Unterhaltung doch so in seinem Sinne gelenkt,

daß noch eine Frage offen blieb, und er seine Lieblingsbemerkung

anbringen konnte: »Darüber müßte man mal ausführlich reden.« Ja

bisweilen war es vorgekommen, daß sie die Aussprache über die kleinen

Fragen des Alltags hinaustrug. In dem kleinen Kreise herrschte eine

sekundenlange Stille, und es war als dehnten sich plötzlich die Wände.

Die Augen füllten sich mit Glanz, und in der Brust war ein Gefühl, als

könne man nicht schnell genug die beengenden Kleider aufreißen, damit

das Übermächtige Platz habe. Da kniff der Vater die Augen zusammen

und sagte, daß sie nun ein richtiges Lied singen sollten. Alles was da

lebendig geworden war, strömte dann hinein in das begeistert gesungene

»richtige« Lied.

Heute saß Marthas Vater am Tisch, den buschigen Kopf in die Hände

gestützt, und las in einem dicken Buch. Martha hatte die andre Hälfte

des Tisches inne und zerschnitt ein großes Stück bunten Stoff. Das

würde Rock und Bluse für den Maskenball, sagte sie. Schlimmstenfalls

nähme sie das kleine Hütchen ihres Bruders, an dem die lange Feder wäre

und die Tirolerin wäre fertig. Überhaupt wäre der Stoff so reichlich

und billig, daß sie zwei Röcke und zwei Blusen herausbekäme. Viel

Umstände würden nicht gemacht, denn das Kleid brauche ja bloß für

einen Abend zu halten. Ob denn Frida nun mitkomme? Frida lächelte

unschlüssig. Die Mutter würde -- --. »Eins kann man nur machen --

entweder man geht, oder man geht nicht.«

So sprach Martha in ihrer bestimmten Art. Ihr Vater hob den Kopf und

sah seine Tochter mit einem langen Blick an. Er kannte sie und hatte

ein starkes Vertrauen zu ihr. »Ein solches Fest müßte man im Sommer

machen -- im Freien -- auf einer großen Wiese. Natürlich ganz anders

als wie es jetzt geschähe.« Doch darüber müßte man mal ausführlich

reden, setzte er hinzu und las weiter.

Als der Abend des Volksmaskenballs herankam, sagte Frida zu ihrer

Mutter, die am Küchentisch saß und Brotstückchen in die Kaffeetasse

tauchte, daß sie heute zu ihrer Freundin ginge und wahrscheinlich

etwas später käme.

»Um zehne bist du wieder da«, sagte die Mutter, mürrisch und unbeirrt.

Martha war bereits fertig angezogen. Sie sang und tanzte in der Stube

herum, während Frida ihren Rock und ihre Bluse überstreifte.

An dem uniformierten Ausrufer vorbei betraten sie den Saal. Der war nun

schon zum Erdrücken voll.

Die nicht maskierten Besucher standen dichtgedrängt ringsherum um die

Tanzfläche, auf der das Maskentreiben wogte. Die Musikkapelle spielte

in einem fort Walzermelodien, mit einem Aufwand an Kraft, als gelte es

durch Donner und Getöse die rechte Stimmung zu erzwingen. Denn unter

den Masken herrschte noch ein unfrohes Schweigen. Sie hatten sich alle

unter die Arme gefaßt, und so zog das bunte Gemisch im Kreise um den

Saal. Hier und da fing eine schüchterne Lustigkeit schon an in den

Beinen zu zappeln. Gleich den beiden Freundinnen waren Tirolerinnen

in leichten billigen Kostümen vorherrschend. Ein großes stattliches

Mädchen stellte die Germania dar. Sie hatte ein langschleppendes

Gewand an, einen Brustpanzer und einen Helm aus blankem Blech. Auf der

Helmspitze war eine kleine grüne Eiche befestigt. Dazu umklammerte die

Germania mit beiden Händen den Fahnenstock einer schwarz-weiß-roten

Fahne. Die Fahne mußte gar nicht so leicht sein. Denn von Zeit zu

Zeit stützte sie den Fahnenstock auf die Brüstung, die die Tanzfläche

von den Zuschauern abschloß, und wallte dann wieder majestätisch

durch den Saal. Ein Mönch, fleißig betend, trug ihre Schleppe. Ein

Handwerksbursche dagegen beunruhigte und stieß die Germania und den

Mönch fortwährend mit seinem Knotenstock. Der Walzbruder trug ein

Felleisen, einen zerbeulten Zylinder, im Auge hatte er ein Monokel,

und aus seinen Stiefeln guckten sämtliche Zehen. Ein Schornsteinfeger

ging neben einem Schusterjungen und dieser neben einem grimmigen

Räuberhauptmann. Ein affektierter Stutzer hatte am Arm eine Hexe,

während in seinem andern Arm ein Lumpensammler hing. Ein Bäckerjunge

ging neben einem Koch, der den Löffel schwang. Dann folgte ein steifer

englischer Lord, der eine dralle Bauerndirne führte. Ein sich möglichst

dumm gebärdender deutscher Rekrut ging neben einem Lappländer, dessen

Kostüm aus lauter Lappen bestand. Der Lappländer zog eine Spanierin

mit sich. Doch hob er öfter seine Gesichtslarve und trocknete sich den

Schweiß ab.

Dazwischen quirlte ein Luftschiff herum, das die Aufschrift »Zeppelin«

trug. Der Träger des etwa zwei Meter langen Luftschiffs steckte mit

Kopf und Oberkörper in seinem Luftfahrzeug, so daß man von ihm nur

die langen Beine sah. Er mußte aber vergessen haben, eine Öffnung für

seine Augen anzubringen. Denn man sah es seinen zögernden unschlüssigen

Beinen an, die nur vorsichtig aufzutreten bemüht waren. Infolgedessen

eckte er fortwährend an und wurde hin und her gestoßen. Ein maskierter

Polizist schrieb ihn deshalb auf.

Nun kam eine Gruppe.

Zwei magere Fleischer in weißen Schürzen, mit grimmigen Gesichtern

und roten Ballonmützen. In der einen Hand hatten sie ein großes

Schlachtmesser, während die andre Hand ein großes Schild trug. Darauf

stand gedruckt: Zur Linderung der Fleischnot empfehlen wir Katze, Pfund

35 Pfg., Pferd, 45 Pfg., Hund, 45 Pfg. Der eine Fleischer hatte auf

seinem Rücken einen Vogelkäfig befestigt. Darin hing ein Hering in der

Schwebe. Und darunter war zu lesen:

Dänisches Fleisch ist nicht zu teuer für den Tisch,

Doch nicht so billig wie dieser Fisch.

Der zweite Fleischer trug an seiner Brust einen prächtigen Pferdefuß,

verziert mit bunten Schleifchen, wie sie manchmal die Würste in den

Fleischerläden aufweisen. Auch darunter standen einige ergänzende

Worte. »Laut Urteil des berühmten Herrn von Schorlemer sehr nahrhaft.«

Langsam ging der Tod am Schluß des Zuges. Die Schneide der

geschulterten Sense wies rote Spritzer und Flecken auf. Ein wirkliches

ausgehöhltes Knochengesicht meinte man zu sehen, so täuschend war die

Gesichtslarve. Wie Knochenfinger waren die Handschuhe des Todes bemalt,

und ein weißer Überhang, auf dessen Rückseite mit großen Buchstaben

»Krieg« stand, bedeckte vollständig den ganzen Körper.

Wenn der Tod von dem Maskenschwarm bedrängt wurde -- einige Übermütige

an seinem Gewand zupften, oder ihm ein Bein stellten -- ging er in die

Mitte des Saales und begann vorwärtsschreitend zu mähen.

Alle gingen sie ihm dann aus dem Wege und flüchteten vor seiner Sense.

Und sie lachten dabei. Die hohe Obrigkeit notierte ihn darauf hin auch.

Frida und Martha gaben das Umherziehen für eine Weile auf, stellten

sich an die Brüstung des Saales und ließen den Zug an sich

vorbeifluten. Der überladen dekorierte Saal, die krachende Tanzmusik

und die heiße tabakerfüllte Luft ließen ihr Frohgefühl allmählich

abstumpfen.

Nun trat ein Mann, dem man ansah, daß er Gehrock und weiße Handschuhe

nicht oft trug, in die Mitte des Saales und hielt eine kurze Ansprache

an das Maskenvolk. Ein mit den zehn Preisen beladener Tisch wurde

hereingetragen, und nun ging die Verteilung der Preise an diejenigen

Masken vor sich, die nach Ansicht der Preisrichter die schönsten waren.

Hunderte von Augen verfolgten diesen Vorgang, und die Preisrichter

mußten mit ihrem jeweiligen Spruch warten, bis der lebhafte

Meinungsaustausch wieder zur Ruhe gekommen war.

Auch der Tod war unter den Prämiierten.

Aber das Luftschiff meldete sich nicht, als man den sechsten Preis

ausrief. Quer vor der Musikbühne lag ein seltsames Wesen. An den

krampfhaft schlenkernden Beinen sah man, daß der Luftschiffer seinen

Oberkörper nicht aus dem Fahrzeug herausbekam. Rock und Weste schienen

ihm durch seine Bemühungen unter den Armen zu sitzen, und dieser Knäuel

verhinderte wohl sein Herausschlüpfen. Wie ein elektrischer Aal, der

sich fest gebissen hatte, schnellte er auf dem glatten Parkett entlang.

So aufmerksam war man also der Preisverteilung gefolgt, daß man gar

nicht bemerkt hatte, in welchen Nöten sich der Gute befand. Natürlich

half man ihm nun heraus, wobei sein Luftschiff freilich teilweise

in Trümmer ging. Mit gesträubten Haaren, rotem Kopf und zerrissener

Kleidung nahm er seinen Preis in Empfang.

Nun begann ein allgemeiner Trubel. Als wäre ein Ameisenhaufen im Saal,

so drängte, stieß und trat man sich. Denn das Drehen beim Tanzen war

schwer. Die Germania hatte ihre Fahne zusammengerollt, und auf dem

Tisch, an dem sie saß, stand der Helm mit der Eiche. Der Luftschiffer

hatte die Haare schön gekämmt, und der Tod war wieder ein leibhaftiger

Mensch geworden.

Eingepfercht zwischen vielen anderen Mädchen standen Frida und Martha

am Eingang des Saales. Sie lehnten und standen, warteten und warteten

auf etwas Unbestimmtes, das zu ihnen käme und die leise Verlassenheit

verscheuchte, die heranschleichend sie und die vielen zu packen schien.

In ihrer bescheidenen Tracht verschwanden sie unter der Menge.

Lange standen sie so.

»Komm«, sagte Frida.

Eilig schritten sie auf der kalten nächtlichen Straße vorwärts und

sprachen kein Wort. Frida dachte an ihre Mutter, die wohl allerlei

Schwarzes und Schreckliches folgerte, weil sie heute so lange ausblieb.

Und Martha war mit ihren Gedanken bei ihrem Vater. In einem neuen

Lichte erschien ihr jetzt sein: »Darüber müßte man mal ausführlich

reden.« Nicht, daß es das Reden allein tat. Aber in sich selbst grub

man so weiter und tiefer, und das sprang damit auch auf andre über. In

Frida mußte eine ähnliche Saite angeklungen haben; denn beim Abschied

gab sie Martha die Hand und versprach ihr, am nächsten Abend bei ihr

vorzusprechen.

Großmutter.

Schloßbude wurde das zwischen zwei großmächtigen, frisch gemalten

Häusern eingebaute kleine Haus genannt. Es war nur einen ganzen Stock

hoch und hatte ein spitzes Dach. Über dem niedrigen runden Torbogen

wagte sich ein schmaler, dürftiger Erker wenig hervor. Rechts und links

vom Erker war je ein niedliches Fensterchen, durch dessen Scheiben

weiße Gardinchen schimmerten.

Sah man sich das Häuschen länger und schärfer an, so meinte man

zur Seite gestemmte Ellenbogen zu sehen; und ein Gesicht, dessen

breitgedrückte Nase einem Erker nicht unähnlich sah und dessen Augen

zwei Fenstern glichen, schien blitzähnlich aufgetaucht und wieder

verschwunden zu sein. Was in dem Gesicht zu lesen war, hatte man

eben noch im Untertauchen erfassen können: Wut, Verzweiflung und die

Gewißheit, eines Tages von den beiden breitspurigen rücksichtslosen

Kerlen an seinen Seiten in aller Ruhe erdrückt zu werden.

Ein schmaler, langer Gang, durch den knapp ein gewöhnlicher Handwagen

ging, führte in den ziemlich geräumigen Hof. Ein geteertes Verdach

zog sich ringsherum, unter dem eine große Anzahl schön dunkelblau

gestrichener Handwagen stand. Einige Steinstufen führten vom Hof aus

ins Haus, und vor den Stufen saß die Großmutter. Wohl hörte man sie

vereinzelt »Die alte Jägern« nennen, aber sie war doch für alle und

jeden ganz einfach »Die Großmutter«.

Sie saß auf einem vom Sitzen glänzend gewordenen Schemel, trug eine

Hornbrille und ein schwarzes Kopftuch, das unter dem Kinn verknotet

war. Trotz der Brille waren die Augen noch lebhaft, und lebhaft war

auch die Zunge. Sie wußte, daß es morgen regnete, übermorgen der Regen

aufhörte und den darauffolgenden Tag die Sonne bestimmt wieder schien.

Ihre Arme und Beine waren da maßgebliche Propheten. Jedes Anliegen

fand bei ihr einen Rat, eine Deutung. Für alle Wunden hatte sie ein

geeignetes Pflaster oder eine Salbe. Und wenn gar nichts mehr half,

brachte sie ein kleines grünes Gläschen und Flasche mit Kräuterschnaps.

»Den mußt du mit Verstand trinken -- das is was ganz Extraes. Der geht

bis in die große Zehe -- was!?«

Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen · 第 4 / 5 段