offen. Sie stellten ihren Tragkorb in eine Ecke und sprachen mit der
Großmutter vom Wetter, von der Ernte, vom Gemüse und von der neuen
Glucke, die Staatseier lege. Die Großmutter bekam wohl auch die Eier in
die Hand, wog sie prüfend und gab dann ihr Urteil ab. Sie bekam eine
Messerspitze Butter zu kosten und mußte die verschiedenen Sorten Käse
begutachten.
Dienstmänner, die den ganzen Tag kamen und gingen, führten sonderbare
Gespräche mit ihr. Da sagte einer, er müsse gleich »de Fufzn« haben.
»Zu was?« fragte die Großmutter. Ein Kleiderschrank wär's, antwortete
der Dienstmann. Da wäre »de Sechsnzwanzj« noch lange gut. »De
Sechsnzwanzj«? Nee -- den Krepel könne sonstwer nehmen. »De Fufzn is
noch jung, un muß geschont wärn -- hier is de Sechsnzwanzj, un nu
mach dich ja schwach!« Damit übergab die Großmutter dem Dienstmann
einen Schlüssel mit einer Blechmarke, auf der die Zahl 26 eingestanzt
war. Der guckte sich die Zahl genau an -- denn bei der Großmutter
wußte man nie recht, ob sie scherzte oder ernsthaft war --, zog an
seiner kurzen Pfeife und blieb hartnäckig stehen. Zögernd ging er
dann, einige Worte zwischen den Zähnen zerkauend. Wie »Krepel«,
»unterwegs zusammenbrechen« und »Angstarbeiterei« klang es. Mit dem
Schlüssel suchte er im Hof unter den vielen Handwagen herum, zog einem
davon eine eiserne Kette vom Rad und fuhr zum Tor hinaus. Nun wußte
man's. Die Wagen wurden vermietet, und die Großmutter war die getreue
Schlüsselbewahrerin.
Wenn sie auch den Strickstrumpf hundertmal am Tage aus den Händen
legen mußte, so strickte und stopfte sie immer wieder da weiter, wo
sie zuletzt aufgehört hatte. Zwischendurch las sie in der Zeitung,
konnte verwundert den Kopf schütteln und laut auflachen. Besonders auf
bildliche Darstellungen war sie versessen. Sah sie irgendein Bild auf
einem Stück Papier, das zum Einwickeln oder Verpacken benutzt worden
war, so glättete sie's und legte es auf einen bereits gesammelten Stoß.
Bei Gelegenheit wird es eingehend studiert.
Nur Sonntags konnte sie an einem der zwei kleinen Puppenfenster der
Vorderfront sitzen. Da guckte sie auf die Straße, und der kleinsten
Begebenheit galt ihr Interesse. So lebhaft war das Interesse mitunter,
daß sie, den Hals reckend, von einem Fenster zum andern ging und
bedauerte, wenn der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit ihren Blicken
entschwunden war.
Sonntag für Sonntag -- um eine bestimmte Zeit -- kamen vorsichtige
Schritte die knarrende Treppe herauf, und in die gute Stube der
Großmutter trat Herr Pötsch aus Ötzsch. So lautete die scherzhafte
Bezeichnung des alten Schuhmachers, der aus seiner Kleinstadt in die
nahe Großstadt kam, um das frisch aufgearbeitete Schuhwerk an seine
Kundschaft abzuliefern. Er hieß jedoch weder Pötsch, noch war er aus
Ötzsch. Vielmehr hatte er, wohl von seinen eingewanderten wendischen
Ahnen her, einen verflixten Namen, der auf »stwyski« oder »rszyk«
endete. Da kam die Zunge leicht ins Stolpern. Er machte einen recht
demütigen Eindruck, der Herr Pötsch aus Ötzsch. Kopfhängend ging er
an den sonntäglich gekleideten Spaziergängern vorüber, wie einer, der
weiß, daß es sein unabänderliches Los ist, jahraus, jahrein mit krummem
Buckel zu gehen. Und wer so einen billigen, dauerhaften Stiefel
lieferte und das Geld noch ratenweise erhielt, der mußte auch in der
Großstadt viel Kundschaft haben.
Das hätte er vorigen Sonntag fein gedreht, erzählte er der Großmutter.
Sie horchte aufmerksam zu. Wie selten kam sie aus ihrem Häuschen. Sie
bot Herrn Pötsch aus Ötzsch erst einen aus dem grünen Gläschen an,
der bis in die große Zehe ging. Was er also vorhin erzählen wollte,
sagte der Schuhmacher, wie gesagt also -- er wäre in eine Wohnung
gekommen, da hätte er sich gleich an der Tür tief bücken müssen. Denn
auf dem dunklen Korridor hätte Wäsche zum Trocknen gehangen, weil kein
Trockenboden im Hause war. Die Frau läge stets wie halbtot auf dem
Sofa, wenn er käme, weil sie den Sonntag zum Schlafen und Ausruhen
brauche. Der Mann wickle Zigarren, hätte einen Stelzfuß zwischen den
Speichen des Kinderwagens stecken und schiebe so den Wagen immer hin
und her. Nun hätte er wochenlang kein Geld bekommen und habe zu dem
Mann mit dem Stelzfuß gesagt, er solle ihm doch fünfzig Pfennig borgen,
er hätte sein »Porteneechen« verloren und könne nun nicht nach Hause
fahren. Die fünfzig Pfennig habe er auch bekommen. Nu -- habe ich das
nicht fein gedreht? -- fragte Herr Pötsch aus Ötzsch die Großmutter und
rieb sich die Handflächen ineinander; lächelnd über seine Schlauheit,
durch solch kleine Notlügen nach und nach sein Geld zu erhalten.
Diejenigen Handwagen, deren Äußeres zerschabt und zerschunden war,
frischte die Großmutter mit Ölfarbe wieder auf. Wenn sie die Lager der
Räder ölte oder die Speichen mit Farbe streichen wollte, mußten ihr
»die alten großen Fläze« die Wagen umkippen. Die »alten großen Fläze«
waren die Jungen aus den Nachbarhäusern, die im Hofe der Großmutter
heimisch waren, in dem es manchmal von Kindern beiderlei Geschlechts
geradezu wimmelte. Großmutterkinder nannte man sie allesamt. Die, die
sie als »Fläze« bezeichnete, empfanden diesen Namen keinesfalls als
kränkend.
Wenn die Großmutter das sagte, mußte man ja eher lachen, ehe sie böse
werden konnte! Ja -- der wilde Max hatte einmal von ihr gesagt, daß
man mit ihr ein ausgewachsenes Pferd mausen könne, sie würde sogar
nebenherrennen. Und ob einer der Jungen die Haare schön gekämmt hatte,
oder ob sie ihm wild auf dem Kopfe wuchsen -- ob die Hose eines anderen
soundsoviel große und kleine Löcher aufwies, oder einem Mädel der eine
Strumpf bis auf den Schuh heruntergerutscht war -- das waren Dinge,
denen die Großmutter kein Gewicht beimaß.
Einmal kam ein ganz schwarzer Mann in einem ganz schwarzen Anzug in den
Hof. Die bloßen Füße steckten in Lederpantoffeln, und auf dem Kopfe
trug er das Zeichen der Gesellenwürde, den Zylinder. Über der Schulter
hing das Kratzeisen und ein zusammengerollter schwarzer Strick, an
dessen Ende eine eiserne Kugel und ein kleiner Besen hing. Das war der
Kugelfang, den er in die Schornsteine hinableierte. In der Hand trug
er einen kurzen, struppigen Kehrbesen. Das Weiß der Augen und das Rot
der Lippen fiel besonders in dem schwarzen Gesicht auf. Die Kleinern
flüchteten ängstlich, die größeren sicherten sich Rückenfreiheit und
sangen:
Feuerrüpel Katzenschniepel! Kehre deine Esse aus!
Kehrse nich so reene, sonst kriegst du krumme Beene.
Der schwarze Mann war das gewöhnt. Er nickte freundlich und lächelte,
daß man seine weißen Zähne sah. Als er fort war, wollten die Kinder
etwas vom Feuerrüpel erzählt haben. Ja früher -- sagte die Großmutter
-- da waren die Feuerrüpel viel mehr bekannt und beliebt. Einen Tag
vor dem Schornsteinkehren hatten sie in den Höfen mit singender Stimme
gerufen: »Mooooorjn wird gekehrt!« Das taten sie deshalb, weil sie beim
Kehren solchen Ruß[4] in die Küche machten. Zu Neujahr hatten sie an
jeder Wohnung geklingelt, einen Spruch hergesagt und zum neuen Jahre
gratuliert. Dafür bekamen sie ein Trinkgeld in die offene Hand gedrückt.
[4] Scherzhafte Zurückweisung eines Querulanten: Mach keen Ruß in
die Küche.
Mäuschenstill war es unter den Kindern, daß man hätte eine Katze
schleichen hören. Da brach einer das Schweigen und sagte, die
Großmutter solle doch noch einmal singen: »Mooooorjn wird gekehrt!«
Das tat sie denn auch und mußte es noch mehrmals tun. Bis sie abbrach.
Immer ein und dasselbe zu singen, mache keinen Spaß. Sie habe nämlich
den Wagen hier zu streichen, sagte sie, und daher gar keine Zeit.
Nein, war das lustig, der Großmutter zuzusehen, wenn sie einen Wagen
strich! Da rührte sie mit dem Pinsel lange in dem Blechtopf herum,
strich den Pinsel fortwährend drehend am Rande ab, tauchte ihn wieder
ein, strich ihn wieder ab, um dann langsam und gewissenhaft die Farbe
aufzutragen. Dabei machte ihre Zunge, von einem Mundwinkel zum andern,
jede Bewegung des Pinsels mit. »Nich lachen!« sagte sie, wenn ein
unterdrücktes Kichern hörbar wurde. Ihre Worte bezweckten aber, daß
alle umstehenden Jungen und Mädels erst recht laut lachten. Da drehte
sich die Großmutter auf ihrem dreibeinigen Schemel herum und drohte
mit dem Pinsel: »Ich wär eich gleich ä Schnurbart maln -- da könnt ihr
abber rumpeln, der geht nich gleich wieder weg. Nachert müßt ihr morjn
so in die Schule gehn -- da wärd eier Lehrer schön guckn.«
Die Großmutter malte weiter. Während sie, die Zunge im Mundwinkel,
den Kopf zur Seite beugte, um zu sehen, ob sie auch keine trockenen
Stellen gelassen hatte, sagte sie: »Ja -- wenn ich dadran denke --
damals wie ich in Kamerun war bei den Zulugaffern.« Ein jubelnder
Widerspruch erhob sich. »Ha -- gar nicht wahr -- gar nicht wahr --.«
»Doch -- das war damals, als der siemjährige Krieg losfing«, sagte sie
ruhig und erstaunt. Da wurde sie aber von einem der großen »Fläze«, der
das letzte Jahr zur Schule ging, entlarvt. »Da lebte die Großmutter
noch gar nich!« rief er. »Doch, ich war überall dabei -- ich war vom
Anfang an da -- --.« »Wer wußte denn, daß der Krieg siem Jahre dauert,
wie er anfing?« triumphierte er. Da verlor die Großmutter doch ihre
Ernsthaftigkeit, und sie lachte, bis sie zu husten anfing und ihre
Brille in den Farbentopf fiel. Lachende Tränen in den Augen, fischte
sie die Brille mit dem Pinsel wieder aus dem Topf heraus.
Die Großmutterkinder hatten auf geschickte Weise ihren Geburtstag
herausbekommen. Die kleine Trude von Bergers hatte ihre Mutter
gefragt, diese Herrn Pötsch aus Ötzsch und der die Großmutter. Dann
war die Erkundigung wieder ihren Weg zurückgegangen bis zu der
kleinen Trude. Denn hinter einer direkten Frage hätte die Großmutter
große Vorbereitungen und Feierlichkeiten gewittert. Schon um das
zu verhindern, hätte sie ein ganz unmögliches, fernliegendes Datum
angegeben.
Am Nachmittag dieses ausspionierten Geburtstags, der sechzigste war
es, kam Richters Hermann -- Männe hieß er kurz -- mit einer Waschleine
und begann sie kreuz und quer über den Hof zu spannen. Von der einen
Bretterplanke zur andern -- dann hinüber zur Teppichklopfstange und
wieder zurück bis zu dem eisernen Haken über den Hackeklotz. Die
Großmutter, die Buch darüber führte, daß die »14« eine Stunde und die
»19« zwei Stunden vermietet worden war, sah verwundert auf. Was denn
mit der Leine werden solle, fragte sie. »Ich weeß nich«, antwortete
Männe. So -- sagte die Großmutter -- aus langer Weile spanne man doch
die Leine nicht auf, da hätte sie doch auch ein Wörtchen mitzureden.
Sie werde überhaupt gleich das große Küchenmesser holen und damit ein
bißchen in dem Netz herumfitscheln. Ja -- zuckte Männe mit den Achseln
-- ihm hätte einer gesagt, er solle die Leine über den Hof spannen,
weiter wisse er auch nichts. Die Großmutter lachte. Da könne jeder
kommen. Sie begann ihre ungelenken Buchstaben mit Hilfe der Zunge
weiterzuzeichnen und dachte: entweder nimmt er die Leine wieder ab,
oder es steckt etwas dahinter.
Als die Dämmerung hereinbrach, kamen die Kinder in Scharen und drängten
die Großmutter ins Haus. Sie dürfe jetzt nicht herauskommen.
Alle hatten sie vom Sommerfest und besonders vom Tauchschen her ihre
Papierlaternen aufbewahrt. Zwei handfeste Jungen rollten den Hackeklotz
umher, Männe stieg hinauf, befestigte die Laternen an der Leine und
brannte die darin steckenden Lichtstummel an. In der Mitte hingen sie
ein mit Papier und Bindfaden lose umwickeltes Stück Kuchen auf.
Nun konnte die liebe gute Großmutter kommen. Helle Stimmen riefen
ihren Namen. Sie trat auf die oberste Steinstufe und machte zuerst
ein verdutztes Gesicht. Die bunten, eckigen, kugel- und länglichrund
geformten Laternen verbreiteten ein mildes, gedämpftes Licht und warfen
einen verklärenden Schein auf die Kindergesichter. Die Mädels stellten
sich im Halbkreise auf und sangen:
Großemutter tralala,
Ging spaziern und dachte,
Sechzig Jahr sind kurz und langk,
Großemutter wärd nich krank,
Großemutter lachte.
Tralala. Tralala.
Großemutter, sachte.
Sie hatten dabei die Hände auf der Brust gefaltet, drehten die
Daumen umeinander und nickten kurz mit dem Kopfe. Ließen sich im Takt
ruckweise immer tiefer in die Knie sinken, bis sie bei der letzten
Zeile in kauernder Stellung angelangt waren und so unbeholfene Schritte
machten -- ein mühsames Gehen darstellend.
Die Augen der Großmutter glänzten. »Nee nee --« sagte sie, »solche
dumme Sachn -- solche Dummheetn --.«
Man ließ sie aber nicht lange träumen. An den Händen wurde sie die
Stufen herabgezogen, daß sie kaum folgen konnte. In der Mitte wurde
haltgemacht. »Du ißt doch Kuchen gern, Großmutter, hier hängt welcher«,
sagte Männe. »Wie sollchn den runterkriegn?« lachte sie. Männe zog mit
seinem Laternenstock, an dessen Ende ein Drahthaken befestigt war,
die Leine so tief herab, daß das Stück Kuchen dicht vor dem Munde der
Großmutter baumelte. »Ihr denkt wohl, ich -- mit mein zwee Zähn kann
da neinbeißen --?« Sie suchte den Kuchen mit dem Mund zu haschen und
sprang, so gut sie's vermochte, in die Höhe. Da ließ aber Männe die
Leine zurückschnellen, so daß das Stück Kuchen hin und her geschleudert
wurde und für die kleine Großmutter nicht mehr zu erreichen war. Alle
kreischten vor Vergnügen. Sie faßten sich an den Händen, umtanzten sie
und sangen den Vers:
»Un die Großemutter, die is meine, kann ich huppen lassen,
wenn ich will.«
Männe wiederholte das Spiel mit dem Kuchen noch mehreremal, bis der
Kuchen durch das Schleudern in der Mitte auseinanderbrach und zur
Erde fiel. Sofort stürzte alles, was Hände hatte, über den Kuchen
her, und binnen wenigen Augenblicken war bis auf einige Krumen
nichts mehr übrig. Die Großmutter war atemlos und lachend bis zu
ihrem Schemel gewackelt. Dort ließ sie sich niederfallen und rief,
die Hände zusammenschlagend: »Un das nennt de Welt Geburtstag!« Die
Nächststehenden streichelten ihr die Wangen und umhalsten sie. »Ihr
wollt wohl Schindluder spieln mit eirer Großmutter. Ich hab doch nich
mehr solche jungen Beene wie ihr.« Sie lachte immer noch. »Ihr seid
mir ja das reene Chor der Rache. Ja -- wenn ihr nich so tolles Volk
wärd -- hättch eich ooch nich so gerne. Nee, ich hatte schon Angst --
ihr wolltet mir was schenkn. Ich hätts fertjgebracht, un hätts nich
genommen. Da muß man sovielmal dankeschön sagen.«
Neugierige drängten sich an der Haustür, schauten den nun spielenden
und singenden Kindern zu und schienen zu erwarten, daß noch etwas
Besonderes geschähe. Man wollte doch wissen, was eigentlich in der
Schloßbude »los« sei. Dienstmänner, die mit ihren Wagen durch die
Hausflur polterten, trieben mit ihrem dringlichen »Hööööö« die
Neugierigen auseinander.
Aus den Nebenhäusern riefen besorgte Mütter die Namen ihrer Mädels
und Jungen; diese verabschiedeten sich von der Großmutter und
wünschten ihr eine recht gute Nacht nach diesem herrlichen Abend. Eine
Papierlaterne nach der andern verlosch. Die Großmutter holte eine Lampe
aus dem Hause, zündete sie an und stellte sie auf den Hackeklotz.
Das ungewisse Licht machte den dunklen Hof noch schattenhafter
und geheimnisvoller. Hier glühte eine Zigarre auf, dort stieg der
Rauch einer Pfeife schwebend empor und verlor sich. Die Fenster der
Nachbarhäuser waren hell erleuchtet, ein blauer Sternhimmel guckte
in den Hof herab, und von der Straße her tönte wie von ferne her ein
immerwährendes Rumoren. Wie ein allmählich ruhiger und tiefer werdendes
Atemholen war es. Die Großmutter strickte. Dann kratzte sie sich mit
der Stricknadel gedankenvoll auf dem Kopfe, und mit einem kleinen
Seufzer sagte sie: »So isses.«
Nun entstand ein Räuspern -- ein Wagen knarrte -- es klang wie das
Aufrichten eines Körpers, der sich in eine andre Lage bringt. Und eine
männliche Stimme sprach wie zu sich selbst, ins Ungewisse hinein: »Das
is noch's scheenste, wemmer so ä bißchen vor sich hindösn kann -- in
der Dunkelheet.« Und aus einer andern Richtung kam es langsam und
schwer: »Hm -- wemmer das alles so mal vor sich sähe, was mer schon
uff sein Buckel geschleppt hat -- -- -- da könnte mer wohl ä kleen
Eisenbahnzug vollfroppen darmit.« »Nich bloß ä kleen.« »Wennde da so
dastehst, läßt den Zug an dir vorbeifahrn un willst de Wagen alle zähln
-- -- das wärd ne tüchtge Nubbe.«
Die Großmutter hob den Kopf. »Sis ooch wahr -- früh gehts los un ahmds
hörts uff. Mer muß egal uffn Damme sin -- een Dag wien andern, un renn
un renn, daß man nur mitkommt. Sonntags, wennch an Fenstr sitze, un
sehe den ganzn Spuk uff dr Straße vorbeiziehn -- da mach 'ch de Oogen
zu -- un da gibts ä Ruck, un ich falle ganz tief nunter, wies een
manchmal geht, wemmer im Bette liegt. Da summts un rauschts in Ohrn un
in Koppe in een fort, un da komm de ganzn Leite, die mer so jeden Tag
sieht un hört, und ich sehe mich selber mit so drinnerumquärln -- -- --
's is komisch -- 's is komisch.«
Der Großmutter sank der Kopf herab. Sie war eingeschlafen.
»Großmutter!«
Ein Dienstmann rüttelte sie. »'s is schon spät -- morjn früh is de
Nacht alle!«
»Ja«, sagte sie schlaftrunken, steckte die Nadeln in den Garnknäuel,
klemmte diesen unter die Achsel, nahm die Lampe in die eine und den
Schemel in die andre Hand. Ganz langsam stieg sie so die Steinstufen
hinauf und ging ins Haus.
Verlag von Georg Merseburger, Leipzig
Bücher für die ganze Familie
Eine Sammlung von Meisterwerken zur Freude, Erholung und Erfrischung
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Im Verlage von Georg Merseburger, Leipzig, erschienen von
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übersetzt von
~Dr.~ _Fr. Leskien_ und _Marie Leskien-Lie_
herausgegeben und durchgesehen vom Verfasser
mit Buchzeichnungen von
=A. Andresen=, =R. Carl=, =M. Loose=, =H. Schittenhelm=, =A. Sommer=
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Gift. Roman. Brosch. 2 M., geb. 2.75 M.
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Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 49: der bei → bei der
der viele Jahre {bei der} Heilsarmee gewesen