»Gestern -- ja -- ja -- da is mir wieder sowas Komisches passiert.

Mer solltes garnich fer meeglich haltn. Ich sitze also hier uffn Sims

un trockne mir meine Mütze innewendch, weils doch son heeßer Tag war.

Da kommt eener un sagt, werter Freind, Sie könn mir mal mein Koffer

von der Bahn holn. Wie ich schon sagte, war's mächtch warm, un hier

an der rechten Ecke beim Konditter putzte das neie Dienstmädchen von

Zahnartzts grade de Fenster. Daderbei trat se so weit raus, daß ich

jeden Momang dachte: jetzt fällt se. Ich schtand dessertwegen immer

mit een Been uffn Schprunge, daß ich se noch zu packn kriege, wenn

se fällt. Ich sage nu zu dem Reiseonkel: ich habe jetzt keene Zeit.

Entschuldign Sie, meent er, un sah nach de Uhr -- wielange könnte denn

das dauern? -- Ne halbe Schtunde vielleicht, das weeß ich jetzt noch

nich. Da komm ich nachher noch mal, sagt er, zieht den Hut un sagt

adjö. Adjö. Ja, ich passe wieder uff, daß die leichtsinnige Karline

nich ausn Fenster fällt -- da uff eemal merke ich, wie jemand von der

Seite her ruft. Sst! Sst! Sie da --! Na, ich schiele mit een Ooche

hin, daß ich nich verpasse, wenn se runterfällt, un sehe da, wie eener

uffä Gaule sitzt. Lange Reitschtibbeln, schwarzn Schwenker un Esse.

In sein Handschuhfingern hat er ä weißn Brief -- un ruft so von ohm

runter, daß ich den Brief gleich besorgen solle. Das Kerlchen hättet

ihr überhaupt ämal sehn solln. Den uffn Feifenkopp -- da könnt ihr vor

Lachen nich roochen. Na, ich denke mir, so eilig wärd das nich sin mit

dein Briefbesorchn, un meene zu ihm, daß ich jetzt keene Lust habbe. Hä

-- macht er un klemmt sei drittes Ooche fester ins Gesichte. Er hatte

's wohl nich richtch verschtandn, un da sag ich's noch ämal, daß ich

jetzt keene Lust nich habbe. Ach nee, sagt er, un fung an ze feixn. So

recht dreckch, wißt ihr, un das wißt ihr ooch, daß ich alles vertragn

kann, bloß das nich. Ich behalte abber meine Ruhe un gucke wieder mit

allen beeden Oochn bei Zahnartzts ihre Anna. Uff eemal schreit der von

sein Gaul runter mit änner Schtimme wie ne Groschentrompete. Fräächer

Kärrl, sofort kommst du her --! Jetzt feixe ich. Das bringt mein Urach

natierlich in de Wolle, un gefällt mir, weil das ä menschlicher Zug

is, den ich ooch von mir kenne. Wie ich nu immer noch feixe un sitzn

bleibe, huppt eich der Kerl, als hättn der Hahn gehackt, mit seiner

Zicke uffs Trottewahr un fuchtelt mit seiner Fiepe in der Luft rum. Na,

ich denke, was soll denn das nu wärn, wenn's fertj is? Hau du nur! Een

Schlag! Un wärklich zieht er mir eens übern Buckel. Wenn Anna jetzt

runterfällt, is der Schuld! Mir wärds schwarz vorn Oochn -- alles

schwimmt -- na, ihr kennt mich ja -- greife dem Bock in de Nasenlöcher,

un mit der Faust haukch eens uff de Pferdeschtärne. Der Gaul kriegtn

Lachkrampf in de Knieä un fällt um. Mei Anies kommt mit een seiner

langschtibblichn Beene daderbei unter den Pferdebauch ze liegn. Er

krächzt und zappelt un schreit, wenn er sein Bixtol mit hätte -- -- --.

Ich setze mich wieder uff mein Platz un sage: siehste mei alter Freind,

du kennst den wilden Max noch nich. Nu schreit er un schimpt un zerrt

wie verrückt an sein Been rum. Wie das so is -- hier an der Ecke is

immer ä mächtger Verkehr -- da dauerts nich lange, un alles is schwarz

von Menschen. Alle schtehn drum rum. Keener traut sich ran, weil das

Pferd um sich schlägt. Mir dauert das nu ooch ä bißchen lange. Das arme

Pferd konnte doch nischt davor -- un eh ä Schutzmann geholt -- oder de

Feierwehr -- denke ich, 's wärd doch besser sin, wenn du die Sache

wieder ins richtge Gleise bringst. Erscht gucke ich noch mal bei Annan,

die natierlich 's Fensterputzn vergessn hat un das ganze Theater fein

sehn kann -- un schubbe de Menschen beiseite. Da liegt nu der zitternde

Gaul, un mein Freind hat sei Been immer noch unter den Pferdebauch. Ä

paar Zuschauer ham unter de Arme gefaßt un zerrn un zerrn -- --. Na,

ich packe das zitternde Vieh mit eener Hand an Hals, mit der anderer

an Schwanz, hebs in de Höhe un schtells wieder sachte uff de Beene.

Was mein Freind is -- der kraucht uff alln Viern rum -- denn bei dem

Zerrn da hatter sei Been glücklich aus sein Schtibbel rausgewärgt. Nu

schtand er da mit een Schtibbel un een rosarotn Schtrump. Vor lauter

Fitz konnte er sein Langschäfter nich schnell genug anziehn, drehte

sich erscht paarmal im Kreise rum -- fiel beinahe hin -- bis eener mit

half. Wie ich den Leiten de ganze Geschichte erzähle, klatschtn sie in

de Hände un wolln mich uffs Pferd setzn. Aber ich winke mit der Hand,

se solln nich solches Uffhebens machen von der Sache. Mei Urach is nu

schleinigst wieder uff sein Bock geklettert un will sich ausn Schtoobe

machen. Wie er schon son Schticke fort is, feife ich mit mein zwee

Fingern Huitt! Er dreht sich um, un ich winke. Richtch kommt er schnell

angeschwirrt, zieht heeflich sein Hut un fragt, was ich wünsche. Ich

mache noch ne kleene Kunstpause, weil er so verlegen is un seine hohe

Persönlichkeet so lächerlich gemacht wurde, un sage denn leise zu ihm:

du hattst doch vorhin ä Brief zu besorchn!? Er sucht mit zittrigen

Fingern in sein sämtlichen Taschen rum un bringt endlich den ganz

zerknautschten Brief raus. Die Adresse schteht druff, haucht er, un

will mir son hartes Schtick Gott-mit-uns in de Hand drückn. Ich sage,

laß nur dei Geld schtickn, da kannste dir dein Anzug frisch uffbiegeln

lassen. Immer nobel, un wenn's Hemde guckt -- wenn ooch heeme der Kamm

uff der Butter liegt. Er sagte: danke scheen, un drückt sich seitwärts

in de Büsche. Eh ich mich uff de Sockn mache, gucke ich erscht noch mal

bei Annan. Abber die is nich mehr zu sehn. Wahrscheinlich isse doch

runter gefalln, weil ich nich immer hinguckn konnte ... An den fein

Hause, was uff den Brief schteht, klingle ich. Son glattrasierter Junge

nimmt mir den Brief ab, un ich sage fix, daß ich uff Antwort warte.

Ich schtehe da un warte -- kee Mensch läßt sich sehn. Na, ich mache de

Tür von innewendch zu, geh durchn Garten -- ä paar Schtufn nuff un ins

Haus. Das kannch eich nu gar nich beschreim, wie's da aussah. Ihr wärd

glatt uffn Rückn falln. Alles in Marmor un dicke Teppche -- da gehste

als obste schwebst --. Ich huste nu mal so recht anzieglich, un wie

ich mich umdrehe, da schteht eene da -- ich wußte nich, is die gemalt,

oder is das sone Fijur, die schon daschtand, alste reinkamst. Die

Fijur schtärzt mir vor de Beene, hebt de Hände hoch und bettelt, ich

soll ihr nischt tun. Ich schtreiche ihr über ihre fein Haare un sage,

ich will Sie nischt tun -- ich kenne Ihnen doch gar nich. Ich gloobe,

ich habbe geweent. Abber denn schrie ich mit Wut in der Schtimme, ich

müßte sofort was zu essn ham -- ä fein Pickus müßt ich ham. Was denkt

ihr wohl, wie die nausflitzte. Eens zwee drei kamse wieder rein,

un zwee Diener brachtn ä Tisch mit lauter Fresserein druff. Ich --

mein Leibriem abgeschnallt -- un wie so ä Habicht über den Tisch her

-- ich habbe eich ungefähr gehamstert wie ne neinköppche Raupe. Mir

wars Wasser immer aus eener Backe in de andre geloofn. Wie ich fertch

bin, kommt das kleene Freilein rein un fragt, ob ich ihr helfn wolle.

Na, warum denn nich? Wenn sies verlangt hätte, hättch das ganze Haus

umgefackt, weil ich so satt war un sie so hübsch. Ja, sie wolle von

hier fort fliehn. M. W., mit Wonne sage ich. Sie hielt's hier nich mehr

aus. Natierlich -- das feine Essen jeden Tag. Draußn in der Remise

schtänd ä kleener Handwagn -- der wärde geniegen für ihre Sachen. Gut,

ich hole den Wagn raus, un sie bringt ungefähr son Schticker zwanzch

Hutschachteln raus. Abber solche Schachteln, da konnt ich allemal bloß

eene untern Arm nehm. Wie ich alle zwanzch uffgeladn hatte, zogn mir

los. Niemand ließ sich sehn. Ich hätts je ooch keen geraten. Abber

wundern tatch mich, wo se eegentlich hinwollte! Kreiz un quer ging's

durch de Schtadt. Eenmal links un eenmal rechts -- dann wieder links --

dann ging's im Kreise rum, bis mar wieder uffn sellm Flecke schtandn.

Wie mir so ne Schtunde egal hin und her gefahrn warn, da sagt se ze mir

-- mir wolltn nur wieder ze Hause gehn. 's wär heite so scheißliches

Wetter -- se hätte gar nich gedacht, daß der Wind so kalt blies. Un

ihre Gummischuhe hätte sie ooch vergessn. Un wie ihr de Beene weh

tätn von den vielen Loofn. Da fuhr ich ähmt wieder heeme un lud de

Hutschachteln ab. -- Ich mache jeden Unfug mit. Nu horcht mal genau

druff, was ich eich sage. Morgen oder wenn's grade mal paßt, nehme ich

Schlesingern sein zehnmetrigen Möbelwagen un fahre nach der Willa.

Das kleene Freilein hat schon ze mir gesagt, dasse von ihrn zwölf

Zimmern bloß zweeä braucht. Da lade ich alles uff, die fein Tische und

Schtühle, de Teppche un so, un da machn mir mal son recht verhaun Tag,

un ich schenke eich dann alles -- -- ich wär mich doch nich mit dem

ganzen Kram rumärgern. -- -- -- Hm -- 's geht nirgends närrscher zu als

in der Welt -- --«

Der wilde Max steht auf, reckt sich und macht einige schwerfällige

Schritte.

Abraham entfernt sich eilig und murmelt so etwas wie: »Der Schtromer,

der ganz große.«

Da lacht Max durch die Nase und entnimmt einer abgegriffenen Blechdose

ein Stück Männerschokolade, wie er den Priem nennt.

Die neuste Räubergeschichte haben seine Zuhörer diese Erzählung

genannt. Sie ist aber schon so oft von ihm erzählt worden, daß sie

sie selbst so ziemlich auswendig können. Nur schmückt sie der wilde

Max öfters hier und da ein wenig aus, oder bringt ein neues, gerade

aktuelles Geschehnis hinein. Und immer beginnen seine Geschichten mit

»gestern« und enden mit »morgen oder wenn's grade mal paßt«.

Wenn am Tage der Straßenverkehr an ihnen vorüberflutet und der Gang,

die Haltung, die allerneuste Mode einer oder eines Vorübergehenden

ihre Lachlust erregt, dann drehen sie sich um und rufen: »Haste den

gesehn? Das war dei Freind Anies.« Oder mit einer Kopfbewegung und

einem Augenzwinken: »Max -- das war deine Fijur, die mit dem großen

Schiebel[3].«

[3] Hut.

Dann aber steckt Max sein überlegenstes Lächeln auf und brummt: »So ne

Fijur wie meine Fijur, gibt's nich zweemal.«

Klavierfritze.

Ein flacher Tafelwagen, mit einem kleinen flinken Pferd bespannt,

rollte durch die Straßen. Drei Männer saßen auf dem Wagen. Einer auf

dem Bock und zwei an der Seite des Wagens. Dunkel waren die drei

gekleidet, trugen Ballonmützen und waren von athletischem Körperbau.

Die beiden zur Seite des Wagens hingen die Beine gemächlich herunter,

hatten die Hand auf das Knie gestützt und schauten mit selbstsicherer

Ruhe auf das bewegliche Treiben der Straße.

Inmitten der Stadt, vor einem altertümlichen Hause, hielt der Wagen.

Der breite Torweg mündet in einen langen Hof. An den obersten

Stockwerken, dicht unter dem Dach, sieht man Flaschenzüge hängen. Eine

Anzahl Treppenaufgänge, die alphabetisch bezeichnet sind, führen ins

Innere des Hauses. Rissig und vom Wetter gedunkelt lehnt in einer Ecke

des Hofs ein früherer Schmuck des Hauses, der steinerne Oberkörper

einer Frauenfigur. Abgebrochene Schnörkel und Verzierungen liegen

daneben. An den meisten der zahlreichen Fenster hängen Firmenschilder.

Diese bunten Standarten erzählen von Städten und Ländern und dem

überall wohnenden Fleiß, der nun hier sein Lager, seinen Stapelplatz

hat. Sie erzählen aber auch von den vielen Räumen, die in einem solchen

alten Hause sein müssen, von kleinen niedrigen Stuben, von nüchternen

kahlen Wänden, von Wänden mit dicken Tapeten, hinter denen der Kalk

leise herunterrieselt, und von rechnenden kalkulierenden Profitmenschen

und kritzelnden Federn. Auf der breiten Rampe im Hofe werden Kisten und

Pakete in allen Formen und Größen auf- und abgeladen. Ein Stimmengewirr

ist hier, ein fortwährendes Kommen und Gehen, ein täglich mit gleicher

Emsigkeit pulsierendes Leben.

Einer der Treppenaufgänge hat einen schmalen Flur, in dem ein

gelbliches, von einem Drahtgeflecht umgebenes Gasflämmchen flackert.

Gibt man sich Mühe, in dem ungewissen Licht etwas zu erkennen, so sieht

man ganz hinten eine steile gewundene Treppe in die oberen Räume führen.

Sieht man Klavierfritz, der auf dem Bock des Wagens saß, durch den Hof

gehen, so meint man, daß es ihm nicht schwer fallen könnte, eins von

den Klavieren, die in Holzverschlägen verpackt sind, unter den Arm zu

nehmen. Und daß er es womöglich mit genau denselben kleinen Schritten,

der ihm eigenen Würde, auf den draußen haltenden Wagen legen könnte.

Alle seiner Zunft sind so kräftige Männer, und an ihrem Auftreten merkt

man, daß sie eine Vergangenheit verkörpern.

Klavierfritze bewahrt noch ein altes Bild auf. Darauf sieht man so

eine Art Halbkutsche, doch ohne Kutscherbock, Deichsel und Räder. Es

ist eine Sänfte, in der man sich zur Zeit der kurzen Hosen und der

Schnallenschuhe ins Theater, in die Kirche oder nach Hause tragen ließ.

Zwei große starke Männer, in blauem Schoßrock mit gelben Knöpfen, auf

dem Kopfe einen schwarzlackierten Zylinderhut, tragen die Sänfte an

zwei langen Stangen. Diese stecken außerdem noch in den Ösen eines

Lederriemens, der über der Schulter hängt.

Ein solcher Sänftenträger ist der Großvater des Klavierfritz gewesen.

Der Enkel, der dieses Bild für so wertvoll hält, daß er es nicht an die

Wand seiner Stube hängt, sondern zuunterst in einer eisernen Kassette

aufbewahrt, transportiert jetzt Pianos, wie er sagt. Das tut er schon

zehn Jahre, bei ein und derselben Firma.

Er geht jetzt durch die kleine Hausflur, wo das Gasflämmchen brennt,

die steile Treppe hinauf ins Kontor.

Er führt den Finger an die Mütze und fragt Hans nach einer neuen

Bestellung. Hans ist der älteste Lehrling, sitzt in nächster Nähe

der Türe und ist ein bleicher, lang aufgeschossener Jüngling. Für

Ungerechtigkeiten, Bedrückung, harte Worte, die Hans Klavierfritzen

klagt, hat dieser volles Verständnis. Er hat dem Jungen schon manchmal

Rückgrat und Festigkeit gegeben, den Unsichern klärenden Rat erteilt.

Er pflegt dann seine große Faust auf den vor Hans aufgeschlagenen

Folianten zu legen und zu sprechen: »Un wenn du weeßt, daß du im Recht

bist, dann sagste, ihr kennt eich uffn Kopp stelln, ich machs ähmt

nicht.« Dafür hat Hans für ihn auch eine Zuneigung, die mehr ist als

Hochachtung.

Den Zettel mit der genauen Adresse, den er von Hans bekommt, steckt

Fritz unter seine Mütze.

Mit seinen beiden Kameraden lädt er im Hofe ein Klavier auf den Wagen,

klettert auf den Bock, macht mit der Zunge »ksss, ksss«, und das flinke

Pferdchen zieht an.

Grau ist der Himmel, und ein feiner Regen rieselt herab.

Sie sind eine gute halbe Stunde gefahren, als sie vor einer Villa der

Vorstadt halten.

Ein langer Möbelwagen steht bereits dort. Sechs Möbelräumer in blauen

Blusen und Schürzen schleppen das Haus voller Möbel.

»Gu'n Tag ihr«, sagt Klavierfritze.

»Mahlzeit«, sagten die Sechs.

»Bringst du das Trinkgeld?« fragt einer und wischt sich den Schweiß mit

der Schürze aus dem Gesicht.

»'s liegt doch schon uffn Fensterbrett«, sagte Fritz, jeden der Reihe

nach betrachtend. Sein Blick fällt auf einen, der, eine schwere eichene

Truhe auf dem Rücken, die Treppe hinaufkeucht.

»Is das nich Nasenfranz?«

»Ja -- das isser«, ruft der im Weitergehen unter seiner Last hervor. Es

klingt gereizt, wie er weiter fragt: »Hast du was dagegen?«

»I wo«, sagt Klavierfritze gemütlich. Sie sind keine guten Freunde,

Nasenfranz und er. Seiner Meinung nach ist das so ein Allerweltskerl

und eine unheimliche Großgusche. Man braucht ihn nur mit ein paar

Worten anzutippen, so fährt er kampfbereit in die Höhe. Was konnte er

nicht alles, und was war er nicht alles schon gewesen. Zuzeiten der

Leipziger Messe war er groß. Da hatte er in den verschiedenen Buden

schon Gastspiele gegeben, und war bereits eine bekannte Erscheinung. Er

konnte Feuer fressen, Glas und Kohlen verschlucken, Zauberkunststücke

waren ihm nicht fremd und als Entfesselungskünstler und Ringkämpfer

war er auch schon aufgetreten. Wenn sich gar nichts Passendes fand,

fungierte er als Ausschreier. Arbeitslos war er ja den größten Teil des

Jahres. Zur Messe halfen ihm nur seine mannigfachen Fähigkeiten darüber

hinweg. Seine Nase mußte er bei irgendeiner Gelegenheit eingebüßt

haben. Sie zeigte sich nur noch als kleiner Stummel. Das Nasenbein

fehlte vollständig. In den Buden, in denen er zur Messe arbeitete,

schlief er auch. War dann die Messe vorbei, so stand er wieder vor

dem Nichts, nächtigte, wo es gerade anging, wurde erwischt, bekam ein

paar Tage Haft, und hatte er Glück und Gelegenheit, einige Zeit zu

arbeiten, so langte es wenigstens zum Übernachten in einer Herberge.

Und er kämpfte wie ein Ertrinkender. Nie gab er sich besiegt. Wenn er

unterlag oder ihm etwas mißlang, schob er das nur einem zufälligen

Zusammentreffen zu, und weil er nun einmal ein Unglücksmensch sei.

Er brauchte Geschrei, Gewühl, viel Menschen und Aufregung um sich

herum. Wenn er auf den Brettern einer Schaubude stand, hatte er oft

ein dumpfes Gefühl des Staunens. Wie sie da unten standen und Geld

ausgaben. Wie sie gafften und lachten, schmatzten und grinsten, soffen

und schrien und so taten, als wären sie es gar nicht anders gewöhnt.

Das da unten auch genug waren, die sich nur mit den Augen sattaßen

und -tranken, sah er nicht und wollte er nicht sehen. Er sah nur den

schmausenden, behaglich vorbeifließenden Menschenstrom und gab so der

Wut und dem Haß immer neue Nahrung, daß er allein ein Ausgestoßener

sei. Wenn er mit seiner heisergebrüllten Stimme geschrien hatte, daß

sie doch ja nicht versäumen sollten, die Bude zu besuchen, konnte er

mitten im Satze abbrechen. Hastig ging er schnellen Schrittes ins

Innere der Bude, warf hungrig seine Augen umher, als suche er etwas,

als müsse er sich auf etwas besinnen, was ihm nicht einfallen wollte,

und war dann eine Zeitlang still. Rechnete nach, was er in dieser Woche

verdiente, wie lange er damit auskommen könne und was wohl nachher zu

unternehmen wäre, wenn Geld und Arbeit alle war.

Wie er einmal als Ringkämpfer aufgetreten war, hatte da unter den

Zuschauern einer gestanden, der die andern alle überragte. Die

Besitzerin der Bude hatte ihn auf den Großen aufmerksam gemacht.

Nasenfranz hatte ihn auch gehörig aufgestachelt, und Klavierfritze

konnte sich unmöglich so in den Augen des Publikums herabsetzen lassen,

daß seine Größe, seine Stärke nur angeschwemmtes Bier wäre. Die Bude

war zum Bersten gefüllt, und Klavierfritze »legte« denn den zappelnden,

durch allerlei Finten und Kapriolen ausweichenden Nasenfranz auch nach

wenigen Minuten regelrecht. Die Zuschauer tobten und klatschten wie

rasend.

Nasenfranz vergaß so etwas nicht leicht. Es war reiner Zufall, daß er

unterlegen war. Er war gestolpert und ausgerutscht, als es sich um den

entscheidenden Griff handelte -- und -- wenn er so groß wäre wie der,

dann hätte man einmal sehen sollen! Unter den Arm hätte er ihn genommen.

»Was habt ihr denn gehabt, ihr beede«, sagte einer der Möbelräumer, der

neben Klavierfritzen stand und den Blick sah, den Nasenfranz seinem

Gegner zuwarf. Der wartete mit seiner Antwort, bis Nasenfranz wieder

vorbeikam, und sagte gemütsruhig, als striche er ein Butterbrötchen:

»Ich hab'n mal gelegt.«

Nasenfranz fuhr herum: »Du Dicknischel -- du vollgefressener -- du

mich --?!«

»Wo fehlt's denn?« fragte der.

Nasenfranz sprang in die Höhe, stellte sich breitbeinig in

Kampfstellung, ballte die Fäuste, drehte sie umeinander und fletschte

die Zähne.

»Los doch -- los doch -- trample doch los -- Elefante.« Wie ein aufs

tiefste verwundetes Tier stand er da.

Klavierfritze maß ihn von oben bis unten und schüttelte den Kopf. »'s

is besser, du gehst«, sagte er mit einer abfertigenden Bewegung.

Doch in dem kleinen getretenen, hin und her geworfenen Mann rauchte

noch das jähe empfindliche Blut, das sich Luft schaffen mußte und nicht

viel danach fragte, wer der Gegner war. Er rückte näher und schlug dem

andern mit der Faust in die Seite.

Klavierfritze trat auf ihn zu, bekam ihn beim Genick zu fassen und

drückte seinen Kopf nieder.

Nasenfranz gurgelte, fauchte und spuckte, aber seinen Kopf bekam er

nicht in die Höhe.

Fritze ließ ihn nach einer Weile los und sagte: »Du -- also nu is

Schluß!«

Nasenfranz ging zum Möbelwagen, stieß einen seiner Kollegen beiseite,

der eben eine Kommode anheben wollte, und schwang sie ingrimmig auf

seinen Rücken. Seine Augenbrauen zogen sich finster über seiner

verstümmelten Nase zusammen. Es fraß in ihm und verstärkte seinen

Groll, daß er an den Dicknischel nicht herangekonnt hatte. Wenn der ihn

nicht so unvermutet im Genick gepackt hätte --! Pah! Er war doch nicht

etwa schwächer als der.

Der Kutscher kam mit den beiden Lastpferden und schirrte sie vor den

Möbelwagen. Die Möbelräumer rafften die umherliegenden Decken zusammen,

warfen sie in den Wagen und trockneten Gesicht, Kopf und Hals vom

Schweiß. Dann quetschten sie sich alle sechs auf den Kutscherbock,

jeder den Arm um seinen Nebenmann legend.

Der Regen hatte stärker eingesetzt und klatschte in großen Tropfen auf

das Straßenpflaster.

Klavierfritze überholte mit seinem leichteren Gefährt den Möbelwagen

und knallte vorbeifahrend mit der Peitsche. Er und seine beiden

Genossen, die mit herunterhängenden Beinen zur Seite des Wagens saßen,

hatten die Rockkragen hochgeschlagen und die Mützen tief ins Gesicht

gezogen.

Nasenfranz sah lange diesen drei breiten Rücken nach. Das Sichere,

Bestimmte, das von ihnen ausging, löste in ihm wieder jenes Staunen

aus, in das sich ein leiser Neid mischte.

Seine Gedanken wanderten unruhig durch den Kopf. Die folgenden Nächte

konnte er vielleicht wieder in dem Möbelwagen schlafen. Es war jetzt

keine Umzugszeit, da würde der Wagen wohl noch eine Weile leer stehen.

Dem großen Hund, der ihn neulich angesprungen hatte, konnte er

vielleicht einen Knochen hinwerfen.

Sie bogen über einen Platz, auf dem dunkle, regennasse Bäume standen,

in eine Straße ein, die geradeswegs in die Stadt führte. Die mächtige

breite Straße dehnte und streckte sich. Der dunstige nebliche Himmel

hatte sich schwer und beklemmend auf die Dächer der Häuser gelagert.

Die Straßenlaternen zu beiden Seiten schwebten wie schwimmende Punkte,

zwei lange Ketten bildend, in der Luft. Sie schienen sich ganz hinten

zu einem Punkt zu vereinigen, der sich immer weiterschob, je näher man

kam.

Die Fünf neben ihm auf dem Kutscherbock sangen ein langsames,

getragenes Lied, das eintönig den niederrauschenden Regen und das

Rütteln und Poltern des Wagens begleitete.

Und er schloß die Augen.

Hofsänger.

Die Fenster, die nach dem Hof hinausgingen, öffneten sich. Frauenköpfe

wurden hier und da sichtbar oder ließen das Fenster, nach einem Blick

in den Hof, halboffen stehn.

Ein gefühlvolles Lied schwebte zu den Fenstern hinauf. Vogerl, stiegst

in die Welt hinaus, begann es und erzählte von dem Vogel weiter, daß er

seine Mutter allein zu Hause ließ.

An manchem Fenster, in mancher Küche wurde das Lied mitgesummt. Es war

eine jener Melodien, die, auch wenn man ihnen den Eintritt verwehren

wollte, doch durch alle Ritzen und Spalten zu schleichen wissen und

schwer zu vertreiben sind. Wie Fliegen, die nicht vom Zucker lassen

können und hundertmal wiederkommen, wenn man sie verscheucht.

Unten im Hofe standen zwei junge Leute, beide etwa im Anfang der

zwanziger Jahre. Der lange knochige, etwas eckige Mensch mit der

schwarzen Strickweste war Hermann, während der andre, der wenig kleiner

und schmächtig war, Paul hieß. Paul war der Sänger, während ihn Hermann

auf der Mundharmonika begleitete.

Einige in Papier gewickelte Geldstücke fielen neben sie nieder, die

sie, nachdem sie geendet, aufhoben, während sie dankend den Hut

lüfteten. Nach einer kleinen Weile holte auch Paul seine Mundharmonika

hervor, und zu zweit spielten sie einen forschen Marsch. Dann spähten

sie umher, ob etwa irgendwo noch ein Geldstück lag, zogen noch einmal

grüßend den Hut und gingen.

Ihr Programm war in jedem Hof dasselbe. Sie spielten einen Marsch, dann

sang Paul sein Lied, manchmal gab er auch eins zu, wenn die Geldstücke

zahlreicher als sonst fielen, und zum Schluß bliesen sie wieder.

Sie waren innige Freunde und hatten sich auf der Walze kennen gelernt.

Hatten sie da schon alles redlich miteinander geteilt, so taten sie

es jetzt erst recht. Wenn es auch nicht viel war, was sie mit ihrem

Hofsingen einnahmen, es half doch ein wenig über die arbeitslose Zeit

hinweg.

Manchmal wurden sie auch barsch von einem Hof gewiesen, noch ehe sie

begonnen hatten, und manchmal zogen sie es auch selbst vor, ein paar

Häuser weiterzugehn, wenn ihnen die Gelegenheit nicht besonders günstig

schien.

Hermann sah sich jeden Hof erst an. Da war in dem einen ein Schlosser,

der an einem Schraubstock stand und ein langes Eisenrohr mit dem

Hammer bearbeitete. Auch aus der Werkstatt ertönte helles und dumpfes

Pochen durcheinander. In einem andern Hofe wurden Motore repariert.

Mehrere Geschäftsautomobile standen umher. Die Motore wurden in Gang

gesetzt und untersucht. Es war ein Rattern und Stöhnen, bald langsam,

bald schneller, oder sich in puffenden Stößen überstürzend. Die damit

beschäftigten Menschen schrien sich ihre Worte ins Gesicht, denn das

Geräusch der Motoren übertönte sie.

Hier war kein Platz für die beiden. Sie suchten sich ruhigere Höfe aus.

Eines Nachmittags standen sie wieder vor einem Hause. Paul wartete und

Hermann ging hinein, um sich ein bißchen umzuschauen. Es verging eine

geraume Zeit. Hermann kam nicht wieder zum Vorschein, und Paul ging ihm

deshalb nach. Er sah ihn an der Tür lehnen und wollte ihn eben fragen,

was es denn gäbe, als er betroffen stehen blieb.

Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen · 第 3 / 5 段