ja nicht gerade -- na jung auch nicht mehr. Die hatte der im Zylinder
wohl hier liegen lassen. Hm -- er war ja auf dem Bock eingenickt --
dann hatte ihn der munter gemacht -- und da mußte sie wohl zuvor
eingestiegen sein.
Jjajjajaa -- was war da zu machen? Sie hier ruhig schlafen lassen? Daß
sie morgen früh in ihrem Aufputz wieder fortlief? Vielleicht wußte sie
selber nicht, wo sie hingehörte. Wenn er sie nun in seine Stube trug?
Da konnte sie schlafen, solange sie wollte, und kein Mensch sah sie.
Nachher konnte man ja weitersehen.
Na ja freilich, brummte er, stieg aus dem Wagen und hing die Lampe
wieder an ihren Ort. Da war das Mädchen jedenfalls ordentlich
eingeseift worden und hatte nun einen Tüchtigen in der Krone.
Er hing die Wagentür aus, der sie am nächsten saß. Behutsam faßte er
sie mit einem Arm unter den Knien, mit dem andern um den Leib und
zwängte sich mit ihr aus dem Wagen.
Himmel, an der war schon was dran! Eine hübsche Last war das. Da gibt
man sich schon so wenig wie möglich mit Frauenzimmern ab, und dabei
kommt einem ein so seltener bunter Vogel von selber ins Nest geflogen.
Er legte sie schweratmend in sein eisernes Feldbett und deckte sie mit
der Pferdedecke zu. Im Wagen fand er noch einen ihrer Halbschuhe, den
er vor das Bett stellte.
Hm -- was wollte er nun mit sich und seiner Müdigkeit anfangen? Er zog
seine Strickjacke aus und versuchte, nur mit den Hosen bekleidet, sich
neben sie zu legen. Nein, das war nichts. So ließ sich's auf die Dauer
nicht schlafen. Das Feldbett war zu schmal. Er ging hinüber in den
Stall, schüttete in einer Ecke Stroh auf, breitete eine Decke darüber
und deckte sich mit seinem Pelzmantel zu. Freilich -- hier war schon
mehr Platz. Er gähnte und lachte ein wenig. Wer ihm vor einer Stunde
gesagt hätte, daß er wegen einer wildfremden, vergessenen Maske im
Stall schlafen würde -- na, den hätte er vielleicht -- was einem doch
nicht alles passieren kann --. Ruhig schlief er ein.
Am nächsten Morgen ging er an seine gewohnte Arbeit. Brachte den
Pferden frisches Wasser und Futter, putzte und striegelte. Während er
so auf dem Rücken des einen Braunen herumarbeitete, die Hufe stampften
und scharrten, die wedelnden Schweife die Fliegen verscheuchten und das
Mahlen der kauenden Gebisse zu hören war, dachte er an die vergangene
Nacht. Ob sie noch schlief? Überhaupt -- daran hatte er noch gar nicht
gedacht -- wenn man so jemand hätte, der einem mal die Treter schmierte
oder früh eine Tasse heißen Kaffee kochte -- in der Strickjacke war das
Loch unter dem Ärmel auch schon wer weiß wie lange -- -- hm, das wäre
gar nicht so ohne. Er setzte den Wassereimer aus der Hand und ging die
paar Schritte über den Hof. Spähend sah er durch das kleine schmutzige
Fenster in die Stube. Nichts regte sich. Dort vor dem Bett lag noch,
wie eben hingeworfen, der Halbschuh. Am Kopfende schaute ein Stück
ihrer gelben spitzen Mütze hervor. Sie schlief also noch. Na, einen
anständigen Affen mußte sie schon gehascht haben!
Er ging leise hinein und machte die Tür des Wandschranks, der dem Bett
gerade gegenüber hing, weit auf. Sie mußte es sehen, daß da ein halbes
Brot lag, unter der Glasglocke Butter, Speck und der feine zerlaufene
Käse stand. Behutsam ging er.
Er machte sich fertig, schirrte das Pferd an, schloß den Stall mit dem
Querbalken und fuhr zum Hoftor hinaus.
Ach was -- er kam ja gegen Abend wieder, um das Pferd zu wechseln, und
zu mausen gab's in seiner Stube nicht viel, was der Rede wert gewesen
wäre.
An seinem Standort saß er zeitunglesend auf dem Bock; nickte dem
und dem zu, war gleichmütig wie immer. In der Destille frühstückte
er, stand hinter der Tür an die Wand gelehnt, betrachtete die
Vorübergehenden und blinzelte nach seinem Wagen.
Als es zu dunkeln begann, fuhr er wieder nach Hause. Jetzt konnte er
seine Ungeduld kaum noch zähmen. Schwer war's doch geworden, sich so
gar nichts anmerken zu lassen. Aber dabei ein so schönes Gefühl -- wenn
ihr wüßtet -- -- --.
Auf dem Hofe angelangt, näherte er sich sogleich seiner Stube. Ein
eigentümliches Schleifen und Kratzen ertönte. Er trat ein. Sie kniete
auf dem Boden und scheuerte mit der Wurzelbürste darauf los. Mit einem
Blick bemerkte er auch, daß die Tür des Wandschrankes verschlossen war.
Sie wußte Bescheid. Einen einfachen Rock und Bluse hatte sie an. War
das mit im Bündel gewesen?
Da sie immer noch weiter schrubbte, als hätte sie ihr Lebtag nichts
weiter getan, stieß er sie sachte mit dem Fuße an.
Sie erschrak ein wenig. Die derben bloßen Arme auf den Boden gestemmt,
hielt sie inne, drehte den Kopf und richtete sich dann auf.
Ganz verlegen wurde sie und wollte sich aus ihrer knienden Stellung
erheben. Er klopfte ihr beruhigend auf den Rücken und machte eine
Bewegung mit der Hand, sie solle sich nur nicht stören lassen. Sie sah
ihm mit einem langen Blick, der an seiner Gestalt in die Höhe ging,
in die Augen. Sie wollte lächeln und verzog nur die Mundwinkel. Dann
tauchte sie zögernd die Bürste in das Waschfaß und scheuerte weiter.
Er ging hinaus. Sinnend strich er seinen Bart und sah dem Obsthändler
zu, der auf seinem Wagen stand und einem Trupp Marktfrauen die
Tragkörbe von Äpfel sackte.
Sie wußte sich ja zu helfen. Die Scheuerbürste, das Waschfaß hatten auf
dem Hof neben der Wasserleitung gelegen. Sie würde schon finden, was
sie brauchte. Ihm war zumute, als könne er stundenlang auf einen Fleck
stieren, und als müßte er dann wieder lachen und singen.
Diese Nacht schlief er wieder im Stall und betrat auch am Morgen nicht
die Stube. Wie eine Scheu war es in ihm. Was hätte er ihr denn sagen
sollen?
Ehe er am Abend wieder heimfuhr, brachte er im Kasten des
Kutschersitzes eine Kaffeemühle, eine Tüte Kaffee, Wurst und Fleisch
unter. Ärgerlich wippte er mit der Peitsche. Heute mußte Gewißheit
werden.
Die eingekauften Sachen im Arm, betrat er die Stube. Sie stand schnell
vom Bett auf und drückte sich in eine Ecke. Er tat sehr geschäftig,
legte alles auf den Tisch und rumorte im Wandschrank herum, brummend,
daß er den Spirituskocher versiebt hätte, den er endlich in einem
Lappen eingewickelt fand. Es war noch kein Wort zwischen ihnen
gefallen. Nun drehte er sich um, räusperte sich laut und sagte, ob sie
ihm denn morgen früh eine Tasse Kaffee kochen wolle. Als sie nicht
antwortete und nur hilflos auf seine Lippen sah, machte er eifrig die
Gebärden des Kaffeemahlens.
Sie nickte, als sei das selbstverständlich. Dann zeigte sie nach einem
Ohr und sprach stockend und stotternd, daß sie kein Gehör habe, schon
als ganz kleines Kind nicht. Da sahen sie sich mit einem langen Blick
in die Augen, und es war ganz still in dem kleinen niedrigen Raum.
Am nächsten Morgen stand er zeitiger auf als sonst. Hastig richtete
er Pferd und Wagen her und fuhr davon. Planlos fuhr er in den Straßen
umher und frug sich immer wieder, ob sie wohl schon munter gewesen war
und ob sie Kaffee gekocht hatte.
Trotzig kam er abends wieder. Sich von einem hergelaufenen Weibsen
verdrängen -- verdrängen lassen -- aus der eigenen Behausung --? Oho!!
Er setzte sich auf einen Schemel an den wackligen Tisch und begann zu
essen. Verstohlen sah er nach ihr hin. Sie saß auf dem Bettrand und
hatte auf dem Schoß einige Schürzen liegen, deren Bänder sie durch die
Finger zog und glättete. Nun gewahrte er unter dem Bett auch einen
kleinen Reisekorb, dessen Deckel mit schwarzem Wachstuch überzogen war.
Er vermied jedes Erstaunen und winkte sie heran. Rückte den andern
Schemel zurecht und wies auf Wurst und Brot.
Sie setzte sich auch neben ihn, vorsichtig und geräuschlos essend.
Zuweilen blickten sie auf, nickten sich zu, als hätten sie sich nichts
zu sagen, als hätten sie immer so zusammengesessen. Sie hatte auch so
etwas in den Augen, das ihn wie etwas längst Vertrautes ansah: ich weiß
schon, was du sagen willst; sei du nur unbesorgt.
Nach dem Essen holte er seine Zeitung hervor und las. Dabei fühlte er,
wie sie ihn unausgesetzt betrachtete. Er wandte den Kopf und zeigte auf
eine Stelle in der Zeitung. Sie rückte näher heran, um es auch zu lesen.
Unwillkürlich legte er nach einer Weile seinen Arm um ihre Schultern,
und so lasen sie alle beide.
Drückend wurde das Schweigen. Keiner wagte sich zu rühren, wie sie so
saßen und längst das Zeitungsblatt nach allen Richtungen hin überflogen
hatten. Endlich wollte sie sich aufrichten. Da faßte er sie mit der
andern Hand am Kinn, zog ihren Kopf heran und küßte sie.
Er fühlte, wie ihre Lippen die Liebkosung erwiderten. Von nun an war
das Feldbett nicht mehr zu schmal.
Den folgenden Tag passierte etwas noch nie Dagewesenes.
Der feine Bernhard war früh nicht an seinen Standort gekommen. Er kam
am Mittag und auch am Abend nicht.
Dafür war er in der Stadt gesehen worden, wie er in den feinen Vierteln
an großen Gebäuden und Sehenswürdigkeiten herumkutschiert war -- wie
er, ein leidlich hübsches Frauenzimmer im Wagen, mit der Peitsche auf
dies und jenes gezeigt hätte. Ja -- und seine beiden Braunen wären
vor dem Wagen gewesen -- hätten sogar Blumen an den Ohren stecken
gehabt wie ihr Herr an seinem blitzenden Lackhut. Und alles hätte
so blank und so munter gelacht, daß selbst der Neid in der Gasse
zerplatzt wäre, hätte er das mit angesehen. Ja, hier konnte einer
wieder mal deutlich sehen, daß stille Wasser tief sind. Denn wer hätte
das dem feinen Bernhard so ohne weiteres zugetraut. Freilich, auf
Überraschungen war man ja bei dem gefaßt. Aber, daß er solche Dinger
baute und eine Hochzeitsreise durch die Stadt machte, ohne auch nur ein
Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, das war doch ein starkes Stück.
Nun hatte man ihm ja nicht einmal gratulieren können!
Und als er am nächsten Morgen in der Kneipe hinter der Tür lehnte,
seinen Schnitt Bier und seinen Korn trank, den Eintretenden guten Tag
zunickte oder sich zu einer skatenden Gruppe stellte, da kannte das
Staunen keine Grenzen. Ha -- er war eben der feine Bernhard! ...
So verging etwa ein Jahr. Nichts änderte sich in seinem Äußeren. Er war
wortkarg wie immer und bestimmt in seinem Tun.
Aber eines Tages war er wieder die Ursache allerlei Vermutungen und
kopfschüttelnden Staunen.
Er war wieder einen ganzen Tag nicht gekommen, auch nicht gesehen
worden.
In seiner Kutscherstube saß er auf dem Bettrand, hatte den Kopf in die
Hände gestützt und die Finger in die Haare gekrallt.
Sie war fort.
Mit weitgeöffneten Augen stierte er zu Boden. War denn das möglich?
Was war es denn, was sie fortgetrieben hatte? Hatte er je gefragt, ob
sie bleiben wollte? Nie! Er hatte es gestern abend gleich geahnt, als
er sie bei seinem Eintreten nicht in der Stube vorfand. Der Reisekorb
und aller übrige Kram fehlte ja auch. Wenn eine unter Tausenden zu ihm
gepaßt hatte, so war sie's gewesen. Sie war in ihn hineingewachsen.
Er wollte es abschütteln! Zum Teufel -- wenn sie gehen wollte -- nun
gut --!
Finstere Falten auf der Stirn, richtete er sich auf. Da fiel sein Blick
auf den geöffneten Wandschrank. Sie hatte die beiden Fächer fein mit
Papier ausgelegt und eine weiße Zackenborte an die Ränder der Bretter
gehäkelt. Er stand auf, nahm das Papier heraus und riß die mit Zwecken
befestigte Borte langsam ab, ging in den Stall und an seine Arbeit.
Es kam jetzt öfter vor, daß der feine Bernhard ein Glas über den Durst
trank und mit einem Fahrgast wegen der Bezahlung in Streit geriet, oder
beim Skat zu krakeelen anfing und mit dem Finger drohte: sie sollten
ihn nur erst einmal kennen lernen, er wäre kein Guter. Hatte er früher
für die harmlosen Späße der Straßenjugend nur einen Peitschenknall
übrig gehabt, so konnte er jetzt in Wut geraten, wenn sie ihm zuriefen,
daß sich die Räder so schnell drehten, oder -- ob er frei wäre --. Mit
gewaltigem Satz sprang er vom Bock und schlug ihnen die Peitsche um die
Ohren, daß sie ausrissen wie Schafleder ...
Eines Abends stand der dicke Wirt der Kutscherkneipe vor seiner Tür. Da
rief er auf einmal ins Lokal hinein:
»Jetzt kommt aber ne Porzellanfuhre.«
Die Gäste drängten sich an der Türe, um zu sehen, was es gäbe.
Der feine Bernhard kam angefahren. Aus seinem Wagen drang ein wüster
Spektakel, Lärm und Johlen. Angetrunkene Stimmen sangen: »Nach der
Heimat möcht ich wieder«. Aus den Wagenfenstern hingen verschiedene
Beine heraus. Bernhard riß den vollgepfropften Wagen auf und warf seine
Kumpane dem Wirt in die Arme. Mit dem abgebrochenen Peitschenstiel
schlug er drinnen auf den Tisch, daß die Gläser zu tanzen anfingen und
umfielen, schlug zu einem lustigen Lied krachend auf einen Stuhlsitz,
hüpfte herum und schrie juhu.
Der Tumult wollte kein Ende nehmen. Er hatte gewettet, die Ecke eines
Biertisches mit der Faust abzuschlagen. Krachend fielen die Schläge der
geballten Hand. Die Ecke wollte nicht weichen. Er warf seinen Mantel
fort und schlug weiter, vor Wut schäumend. Von seiner Faust tropfte das
Blut auf den Tisch. Bis sich der Wirt ins Mittel legte.
Er müsse die Ecke erst abhauen, brüllte er. Fluchend und schimpfend
wurde er hinausgeführt. Alles, was in seine Droschke hinein wollte
und hinein ging, kam mit. So ging es von Kneipe zu Kneipe. Der feine
Bernhard zahlte alles. Immer gefolgt von einem Schwarm wechselnder
Anhänger. Drei Tage und drei Nächte währte das Treiben.
Allein und verlassen langte er auf seinem Hofe an. Mühsam kletterte er
vom Bock, taumelte und stolperte in seine Bude und warf sich, so wie er
war, auf das Bett.
Die Bauern aus dem angrenzenden Gasthause fanden früh, als sie zum
Markte gingen, den kopfhängenden Braunen noch auf dem Hofe stehen. Sie
führten ihn in den Stall und fütterten ihn mit Brotrinden und Abfällen
ihrer Grünwaren.
* * * * *
Der feine Bernhard ist jetzt Dienstmann.
Mit Mütze und blauer Bluse sitzt er auf dem niedrigen Sockel des
Bahnhofgitters. Eine Droschkenhaltestelle ist dort. Wie riesige
Ungetüme in ihren dicken verwitterten Pelzen, stehen Droschkenkutscher
und Dienstmänner mit gebeugten Rücken und grauen zerzausten Vollbärten
um ihn herum und in der Nähe.
Sie sprechen von den Autos und den Messengerboys.
Manchmal schlägt ihm einer auf die Schulter und sagt wie zur
Bekräftigung:
»Nich wahr, Bernhard, so isses --?«
Da öffnet er die stets halbgeschlossenen Augenlider wie weltvergessen,
hängt die kurze Pfeife aus der Zahnlücke und über sein gelbes knochiges
Gesicht zuckt es wie vorüberhuschendes Lachen: »Ich bin der feine
Bernhard -- wehe wenn du's nich gloobst! Ich bin der feinste Mann von
Eiropa. Habt ihr ne Ahnung -- --.«
Der wilde Max erzählt ...
Stand die kleine Gruppe Dienstmänner an der Straßenecke, vor dem
rechten Ladenfenster, so daß man ihre vom Alter und Lastenschleppen
gebeugten Rücken lange Zeit fast unbeweglich sah, so wußten es die
Eingeweihten: der wilde Max erzählt ...
Zu dieser Gruppe gehörte Anton, der auch der versoffene Anton hieß.
Da er zugleich Couleurdiener einer studentischen Verbindung war, fiel
auch hier für ihn der nötige Alkohol ab. Mit Vorliebe trug Anton
Turnschuhe. Die drückten nicht und waren angenehm leicht. Er trug sie
auch an seinen Ausgehetagen. Da wußte er aber auch, was sich für einen
Couleurdiener ziemt. Denn er zog an solchen Tagen seine weißen Hosen
und seinen schwarzen Gehrock an, setzte einen steifen Hut auf sein
Haupt, und hielt einen derben Spazierstock in der Hand, der an einem
der studentischen Kneipabende in irgendeiner Ecke stehengeblieben war.
So ausgerüstet, besuchte er die vielen kleinen Gastwirtschaften, in
denen er durch seine weitverzweigte Tätigkeit bekannt war -- drückte
dem Wirt die Hand, begrüßte ein paar Gäste, trank einen Schnitt Bier
oder einen Schnaps und ging in die nächste Kneipe. Alles eilig und
wichtig, als hätte er ein dringendes Geschäft zu erledigen. »Ooch
hinne heite, Anton?« scherzte der eine oder andre. »Ich mache heite de
Runde -- kene Zeit -- ich komme sonst nich rum«, antwortete der mit
heiserer Stimme, die einem Grunzen glich. Hatte er so gewissenhaft
keine ihm bekannte Kneipe vergessen, so war sein Gesicht noch röter und
aufgedunsener als sonst, und sein Ausgehetag war damit zu Ende.
Einen andern Dienstmann, dem die weißen Haare in dichten Strähnen
unter seiner Mütze hervorsahen, nannten sie den Schtumpelschtecher.
Er sammelte weggeworfene oder an Schaufenstern und Treppenhäusern
weggelegte Zigarrenstummel. Er gab das aber niemals zu. Er rauche
nur, wenn es ihm schmecke. Und wenn er da manchmal mit einer Zigarre
erst zur Hälfte wäre, bewahre er sie auf, bis es ihm wieder schmecke.
Die Stummel zerschnitt er zu Pfeifentabak, oder er rauchte sie, wenn
sie noch gut erhalten waren, in seiner schwärzlichen, verräucherten
Zigarrenspitze.
Der dritte der Gruppe war der kleine schmächtige Abraham, der viele
Jahre bei der Heilsarmee gewesen war. Von ihm sagte der wilde Max,
daß er immer die »Zwenksche Krankheet«[2] hätte. Abraham galt als
verrückt, weil er je nach Jahreszeit oder Laune seine Fußbekleidung
wechselte, fortwährend Selbstgespräche führte, wobei er auf die Frage,
ob er etwas gesagt habe, stets mit »Wie?« antwortete. Kein Zweifel,
er war verrückt. Im Winter trug er Filzschuhe, dann wieder einmal hohe
Schaftstiefel oder Schuhe der verschiedensten Art, die er von denen
geschenkt bekam, die überflüssiges Schuhwerk hatten und ihn kannten.
Nicht selten besserte er sie auch selbst aus. Lange Zeit trug er auch
ein Paar Lackschuhe, in die er nicht wenig verliebt war. Sie mußten
ehedem für feine, schmale Füße gearbeitet worden sein. Durch Abrahams
Füße waren sie ausgetreten und hatten sich nur noch ihre lächerlich
erscheinende Spitze bewahrt. Oft, wenn er mit vorgestreckten Beinen an
der Mauer lehnte, spuckte er ein ganz klein wenig auf die Lackspitzen
und rieb sie dann abwechselnd an den Hosenbeinen, bis sie ganz blank
waren.
[2] Zwenksche (von dem Dorf Zwenkau herrührend) Krankheet: Husten,
Schnuppen un kee Geld.
Begann der wilde Max zu erzählen, so zögerte er stets, sich sofort
mit hinzustellen. Die verdammten Geschichten hielten einen bloß von
der Arbeit ab. War es doch schon vorgekommen, daß ihm ein Reisender
auf die Schulter geklopft hatte, wo es doch umgekehrt sein sollte!
Wenn man halbwegs ein paar Groschen verdienen wollte, mußte man
schon höllisch hinterher sein. Wenn hier auch ein Kreuzungspunkt
vieler verkehrsreicher Straßen war, der Bahnhof und die ankommenden
Reisenden gut beobachtet werden konnten, so war doch wiederum gegenüber
der Standort der Droschkenkutscher und der einer andern Gruppe
Dienstmänner, die ihnen manches Geschäft vor der Nase fortschnappten.
Da saß da drüben der feine Bernhard, dem man jedes Wort abkaufen
mußte, und der so tat, als wäre er wunder was. Dabei hatte er doch
sein ganzes Geld verjuchhet, der alte Sünder. Da waren Schlosserkarl
und Schmiedtemil, die beide Fahrräder hatten. Und das Unikum erst, die
Kaulquappe. Wie klein und fett er war, und der kurze, gedrungene Hals,
den er hatte, fast war es gar keiner. Und seine großen hervorquellenden
Froschaugen.
Den größten Triumph hatte die Gruppe am Schaufenster, als die
Rollschuhmode aufkam. War das ein Gaudium, als die Kaulquappe mit
Rollschuhen an den Füßen täglich mehrmals um die Verkehrsinsel
herumsegelte, die sich in der Mitte des Platzes befand. Wie ein
hilfloses Wrack, oder wie einer, der einen Schwips weg hat und
obendrein Seil tanzen will. Das waren Dinge, die den wilden Max
jedesmal zu dem Ausspruch veranlassen konnten: »Herr, siehe dein Volk
an -- es sin lauter Zijeiner.«
Der wilde Max saß stets auf dem Sims des großen Ladenfensters. Dieser
Sitz gehörte ihm. Saß ein andrer dort und er kam hinzu, so machte
er ohne weiteres bereitwillig Platz. Das Ladenfenster war bis zur
Manneshöhe milchfarbig gestrichen. Um so ungestörter konnten sie hier
sitzen -- ihr Mittagsschläfchen halten oder sich auf andre Art die Zeit
vertreiben.
Es war ein heller, freundlicher Nachmittag. Die angrenzenden Straßen
zeigten ihr um diese Zeit übliches Gesicht.
Abraham ging langsam auf und ab, sah auf seine Schuhe und murmelte
vor sich hin. Da stand man hier und wartete, wartete bis zum
Schwarzwerden. Hatte es nicht seine Frau besser, die in die
Buchbinderei ging? Solange Arbeit da war, hatte sie wenigstens ihren
regelmäßigen Verdienst. Ja, er allein hätte die Kinder nicht ernähren
können. Kaum eins. Geschweige denn vier. Hatte nicht neulich die
Zweitreppige gesagt, sie sähen aus wie Bettelkinder --! Die sollte
sich ja um sich bekümmern -- die -- die sollte sich ja vor ihm in acht
nehmen. Zornig stieß er im Gehen ein Blatt Papier mit dem Fuß zur
Seite. An der Ecke angelangt, bog er schnell in eine Seitenstraße ein
und trat in die erste Hausflur. Prüfend sah er sich um. Langte dann in
seine Bluse, zog die Flasche hervor und trank einige hastige Schlucke.
Die Flasche wieder verbergend, trat er mit unbefangener Miene auf
die Straße. Ging schnell bis zur nächsten Ecke und nahm dort seinen
langsamen Schritt wieder auf. Es war durchaus nicht nötig, daß es
jemand sah.
Da bemerkte er, wie bereits einige um den wilden Max herumstanden,
dröhnend lachten und ihn drängten, diese neueste Räubergeschichte zu
erzählen. Der hatte gut erzählen. Hatte ja auch halbwegs etwas Sicheres
jeden Monat. Denn er bekam eine kleine Rente für seinen rechten
Zeigefinger, dem zwei Glieder fehlten. Freilich sagte er, er hätte sich
die fehlenden Glieder einmal vor Wut abgebissen, weil er einen hauen
wollte und der ausgerissen wäre. Nein, Abraham wollte sich nicht mit
hinstellen. Man kann nicht wieder los von ihm. Dieser Teufel hatte es
ja auch nur auf ihn abgesehen. Wie er zögerte und nach ihm hergrinste!
Abraham fühlte das, auch wenn er nicht hinsah.
Lange konnte er indes das Abseitsstehen nicht durchführen. Sie riefen
ihn, bis er mit ärgerlichen Schritten, von denen jeder ein Protest war
und zeigen sollte, daß er nicht gern kam, zu ihnen trat.
Der wilde Max saß auf dem Fenstervorsprung und lehnte mit dem Rücken an
der Scheibe.
»Gibb mir erscht mal een«, sagte er zu dem Schtumpelschtecher. Dieser
entnahm seiner Ledertasche einen längeren Zigarrenstummel. Max steckte
ihn in seine papierne Zigarrenspitze und ließ sich Feuer geben. Dann
rückte er ingrimmig an seiner Dienstmannsmütze, bis sie etwas schief
saß, zog die borstigen Augenbrauen finster zusammen und kreuzte die
Arme über der Brust. »Was denkt ihr wohl, wenn ich meine Wut kriege
-- ich haue alles kurz und kleen -- da is mir alles egal dann --.«
Starr sah er dabei vor sich hin. Wenn nun vollends die Muskeln seiner
Kinnladen tanzten und vibrierten, sagte beinahe keiner seiner Zuhörer
ein Wort mehr. Das sah auch zu unheimlich aus. Eine fürchterliche
Wut mußte in ihm kochen. Dabei konnte man das Spiel seiner Kinnladen
wie das letzte Aufflackern eines unglücklichen Gegners deuten, der
unbarmherzig zermalmt wurde.