Lärmendes Geschrei ihrer Freunde empfing sie. Und nach und n

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Buches.

Fritz Barschdorff

Sächsisch Volk

Ausgewählte Skizzen

[Illustration]

Leipzig, Verlag von Georg Merseburger

Inhalt

Seite

Der Erfinder 3

Ein fixer Junge 10

Schlaaerei 15

Facker 23

Der feine Bernhard 34

Der wilde Max erzählt 48

Klavierfritze 61

Hofsänger 70

Volksmaskenball 79

Großmutter 90

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.

Der Erfinder.

Meister Hanns betrieb schlecht und recht eine kleine Schlosserei. Ich

kannte ihn schon lange als einen spekulierenden Kopf, der an allem,

was ihm unter die Hände kam, Verbesserungen anbrachte, jedes Ding

nach seiner Weise zu modeln suchte und sich nie damit zufrieden gab,

wie es in der Welt nun einmal war, sondern gern davon sprach, wie es

sein könnte und müßte. Er hatte mir oft von seinen Zukunftshoffnungen

erzählt, seinen Plänen und eignen Erfindungen, die er als Patent

anzumelden gedachte.

Die Zeit der ersten Fliegererfolge, die ersten Zeppelinfahrten hatten

ihn mächtig ergriffen. Er hielt mehrere Zeitschriften für Flugsport und

las Bücher über Flugprobleme.

Als ich da wieder einmal zu ihm kam, sah ich in ein lächelndes

Gesicht. Er führte mich ohne weiteres in einen, durch eine Bretterwand

abgeschlossenen Raum, in dem allerlei Gerümpel herumstand und -lag. Von

einem Tisch nahm er ein paar große Zeichenbogen und hielt mir einen

kleinen Vortrag, dem ich entnahm, daß er ein Luftschiff bauen wollte.

Das wäre die Konstruktion der einzelnen Teile, und sein Schiff sollte

sich nicht nur in der Luft, sondern auch im Wasser fortbewegen. Aus

seinen Worten sprach große Zuversichtlichkeit, und erwartungsvoll sah

er mich an. Ich verstände nichts davon, sagte ich, aber wenn das auf

dem Papier mit seinen Gedanken zusammenstimme und er den Bau seines

Luftschiffs für ausführbar halte, warum sollte da nichts werden?

Einmal zeigte er mir das Gerippe der Tragflächen, dann den Propeller,

dann wieder Seiten- und Höhensteuer. Er sah bleich und übernächtig

aus, da er die Nächte an seiner Erfindung bastelte und studierte. Am

Tage schlief er mehrere Stunden, und mancher Kunde, der die Werkstatt

verschlossen fand, kam nicht wieder.

Eines Tages trat ich im Vorbeigehen bei ihm ein und fand ihn in dem

kleinen Nebenraum, der jetzt sauber hergerichtet war. Der Tisch war mit

einem weißen Tuch gedeckt, und darauf stand das fertige Modell seines

Luftschiffs. Freunde und Bekannte standen um den Tisch herum, und

Meister Hanns erklärte alles und beantwortete alle Fragen bereitwillig.

Jeder fand das Modell bis aufs kleinste und feinste ausgeführt, lobte

ihn und wünschte ihm Erfolg. Als ich allein bei ihm zurückblieb,

schaute er mich lächelnd an wie ein glückliches Kind. Die Hände auf

dem Rücken, spazierte er, liebevoll sein Werk bestaunend, um den

Tisch. Spähend rückte er an einem der Verbindungsdrähte und probierte

die Beweglichkeit der Tragflächen. Dabei erzählte er mir von seinen

weiteren Plänen. Er habe bereits an verschiedene Gesellschaften

geschrieben, die sich mit dem Bau von Flugzeugen befaßten. Sie hätten

geantwortet, daß sie ihren Vertreter schicken wollten. Dann suche er

auch einen Geldmann, damit er den Bau seiner Luftschiffe selbständig

betreiben könne. Das wäre ihm am liebsten; denn bei einer Gesellschaft

wäre er denn doch nur deren Angestellter. Auch einen Fluglehrer, einen

Offizier, habe er kennengelernt, der sich für sein Modell interessiere.

Überhaupt läge ihm jetzt etwas daran, daß er und seine Erfindung

bekannt würden. Man würde nicht beachtet, wenn man still und bescheiden

im Hintergrund bliebe. Nein, Radau und Reklame müßte man machen, um

gesehen und gehört zu werden. Man müßte im Munde der Leute sein, damit

sie immer etwas zu reden hätten. Wenn auch nur die Hälfte von dem, was

sie erzählten, wahr wäre, dürfe man sich nicht daran stoßen. Es gäbe

immer Krähen, die krächzten, wenn einer höher als sie flöge. Nach einer

Pause setzte er hinzu, daß er seine Werkstatt irgendeinem armen Kerl

schenken wolle.

Beim Hinausgehen wies er auf ein altes hinfälliges, zweisitziges Auto,

das er für eine Schuld angenommen hatte und das nun schon mehrere

Monate im Hof stand. Es war ein jämmerlicher Kasten. Hanns meinte, er

gäbe zu, daß einem neunundneunzig Pfennige an einer Mark fehlten, wenn

man den Kasten ansähe. Das hindere ihn aber alles nicht, den alten

Kasten wieder aufzufrischen, damit nach dem Flugplatz zu fahren, um dem

Offizier das Modell zu zeigen. Es sähe doch gleich ganz anders aus,

wenn er in einem Auto ankäme. Ein paar Wochen würde die Reparatur

allerdings in Anspruch nehmen. Aber der Motor wäre noch gut, und der

wäre ja die Seele. Ob ich mitfahren wolle, frug er noch. Ich sagte zu,

und wir setzten einen Tag fest.

An dem bestimmten Tage stand er auf dem Hofe. Er trug gelbe glänzende

Gamaschen und einen hellbraunen Staubmantel. Seine Mütze schwenkend und

auf sein Äußeres deutend, lachte er mir zu: »Es sieht besser aus.«

Sein Auto war in einem ganz leidlichen Zustand. Er habe den Motor

vollständig auseinandergenommen, jeden einzelnen Teil gereinigt und

geölt, die Schläuche der Gummireifen geflickt, das Segeltuchverdeck

ausgebessert und so noch allerhand --. Er habe schon eine Probefahrt

gemacht. Es wäre ein Staat, wie die Karre laufe; wie ein Teckchen,

setzte er hinzu und zog mit einer stolzen Bewegung ein Paar neue

Stulpenhandschuhe an. Auch für mich hatte er einen Staubmantel und

eine Autobrille aufgetrieben. Er übergab mir beides und sagte wieder

lachend: »Es sieht immer besser aus.« Auf dem Reparaturkasten, der

sich an der hinteren Seite des Wagens befand, hatte er sein Modell

fein säuberlich verpackt und festgebunden. Ich bekam die Rolle mit den

Zeichnungen in die Hand, da er ja den Wagen steuern wollte.

Nun war alles bereit. Hanns ging an die Stirn des Wagens und kurbelte

den Motor an. Fünf- bis sechsmal riß er die Kurbel herum. Er zog seine

Stulpenhandschuhe aus und versuchte es wieder. Er schwitzte bereits.

Nun versuchte ich's. Auch mir gelang es nicht. Hanns schob mich

beiseite und riß mit aller Kraft an der Kurbel. Endlich, unter einem

donnerähnlichen Krach, kam der Motor in Gang und bullerte darauf los.

Er machte aber seinem Ingrimm noch in fauchenden, platzenden Ausbrüchen

Luft. Der ganze Wagen schütterte und hüpfte unter der Arbeit des

Motors. Wir sprangen in den Wagen, und hupend ging's zum Tore hinaus.

Der Motor hielt sich brav, und so brachten wir die Stadt bald hinter

uns.

»Wenn er sich erst einmal warmgelaufen hat, läuft er --! Wie ein

Teckchen.« So schrie mir Hanns zu.

Solange wir gerade glatte Straßen hatten, ging es noch.

Aber o weh! Da machte die Straße eine Steigung. Der Motor lärmte,

rasselte wie eine Kette, die in einem verrosteten Blecheimer

herumgeschüttelt wird, schnaubte kurzatmig und stand. Hanns sprang

hinaus. Er riß wieder an der Kurbel. Alles umsonst. Manchmal schien das

verheißungsvolle Bullern wieder gleichmäßig einsetzen zu wollen. Aber

die »Seele« brachte keine Schwungkraft mehr auf. Wir untersuchten nun

den Motor, um zu entdecken, woran die Stockung wohl liegen könne. Da

mußte aber erst das Modell wieder losgebunden werden, damit wir in den

Werkzeugkasten gelangen konnten. Nach stundenlangem Herumhantieren,

Schrauben und Hämmern gelang es endlich, den Motor wieder in Gang zu

setzen. Wir sausten los, als gälte es, die Landstraße zu verschlucken.

Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß es sehr spaßig aussehen

müsse, wenn der Wagen in voller Fahrt mitten auseinanderfiele und die

Vorderräder mit dem Motor weiterfegten.

Als wir auf dem Flugplatz angelangt waren, wurde das Modell

aufgestellt, und Hanns machte sich auf, den ihm bekannten Fluglehrer zu

suchen. Er kam auch bald inmitten einer Gruppe von Herren wieder. Teils

waren es Flugschüler, teils Offiziere. Lebhaft wurde debattiert und

hin- und hergesprochen. Von allem Möglichen und Unmöglichen.

Keiner wollte mit Bestimmtheit behaupten, ob ein Luftschiff auch

fliegen könne, wenn es nach diesem Modell gebaut würde.

Der Besuch auf dem Flugplatze endete unter höflichem Abschiednehmen und

vielen Wünschen für baldigen Erfolg.

Wir wollten nun wieder unser Auto besteigen. Aber der Motor streikte.

Sehnsüchtig sah Meister Hanns hinauf in den blauen Himmel. Dort

schwebte mit ausgebreiteten Schwingen ein Flugapparat, eine Taube.

Ruhig zog sie ihre Kreise. Ihr heller Leib glänzte in der Sonne. Lustig

knatterte der Motor, daß es wie eine himmlische Musik in unsern Ohren

klang. Einer plötzlichen Aufwallung folgend, belegte Meister Hanns

sein Auto mit den erdenklichsten Schimpfworten und redete sich in eine

solche Wut, daß ich es nicht verwunderlich gefunden hätte, wenn er den

altersschwachen Kasten mit der müden, entflohenen Seele einfach hätte

stehen lassen.

Als er sich ausgeschimpft hatte, schoben wir den Wagen auf die

Landstraße bis zu einer Anhöhe. Von der Anhöhe ließen wir ihn

herabrollen, bis er stillstand. So ging das nicht weiter. Zum Glück

kam ein Mietauto vom Flugplatze zurück. Hanns rief den Chauffeur an.

Sie wurden handelseinig, und das defekte Auto wurde mit einem starken

Strick an das Mietauto angeseilt. So ging's nach der Stadt zurück.

Es war keine lustige Fahrt. Denn Hanns dachte an die vergangene

Besichtigung und widerlegte gereizt die harmlosen Bemerkungen des

Fluglehrers und seiner Schüler ...

Nach langer Zeit hörte ich, daß Meister Hanns seine Schlosserei aufgäbe

und von dem Erlös die Verkaufsstelle einer Molkerei übernähme. Ich

suchte ihn auf und kam gerade, als man ihm seine letzten Arbeitstische

und Schraubstöcke hinaustrug.

Wir standen zusammen in seiner Werkstatt hinter der Bretterwand. Lange

schwiegen wir. Er kaute an seiner kurzen Pfeife und blies den Rauch

gedankenvoll vor sich hin.

»Wenn man selber Geld hätte -- --«, sagte er, die Pfeife zwischen den

Zähnen. »Oder wenn man wenigstens nicht verheiratet wäre -- -- --.«

Sinnend paffte er und sah dem davonschwebenden Rauch nach.

Ich wagte ihn nicht zu stören und ging leise an die Tür. Aus seinen

Worten sprach die ganze Erfindertragik. Armut, schlaflose, von Grübeln

und Studieren erfüllte Nächte, peinigendes und hoffendes Warten, jähes

Emporwollen und niederdrückendes Gebundensein.

Ein fixer Junge.

Während der Engrosmesse hatte ich einmal Gelegenheit, in die innere

Stadt zu gehen.

Am Naschmarkt war eine ziemliche Menschenmenge um einen Ausschreier

versammelt. Ich drängte mich hinzu und erkannte in dem Ausschreier

einen ehemaligen Schulkameraden.

Der Faschingszug der Reklamebilder und -schilder zog an mir vorüber,

und ich dachte an die vergangene Schulzeit.

Im Gegensatz zu den artigen, braven und folgsamen Jungen, vergaß man

den, den ich hier wiedersah, so leicht nicht wieder.

Er war bei allen Jungenstreichen obenan und dabei von einer so

verblüffenden Geistesgegenwart und Gerissenheit, daß sein Ruhm

bei allen Lehrern, bis zum Direktor, und selbst in umliegenden

Polizeiwachen befestigt war.

Alljährlich zogen wir ein paar Tage vor dem »Tauchschen«[1] auf den

Brühl und gingen die »Itzige« um Felle an. Wie freigebig die »Itzige«

waren! Abfälle von Tierschwänzen aller Art, manchmal sogar brustgroße

Fellstücke, warfen sie uns zum Fenster herunter. Sie hatten dabei auch

ihr Spezialvergnügen. Denn wenn sich die ganze Jungenschar am Boden

um die Beute balgte, folgte hinterher ein Schwapp Wasser, das uns oft

bis auf die Haut näßte, aber in der Hitze des Gefechtes nicht weiter

auffiel.

[1] Tauch(a)scher Jahrmarkt.

Ein Tauchscher ist mir noch lebhaft in der Erinnerung.

Damals standen in der Wächterstraße noch nicht die vornehmen

abgeschlossenen Villen. Nur ein Neubau stand dort. Sonst waren es große

umzäunte Plätze, auf denen lustig Gras und Löwenzahn wucherten. Und daß

ich die Bäume nicht vergesse, die so schmackhaftes Obst trugen. Zwar

hatte uns der Platzwächter gedroht, daß er uns schon einmal erwischen

werde, aber er ließ sich selten sehen, und ein Zaun -- ist das ein

Hindernis für einen Jungen?

Wir, ausgestattet, bekleidet und nicht bekleidet, wie echte Indianer

und Trapper, besetzten nun den Neubau, der als Blockhaus galt und von

den Indianern belagert und erstürmt wurde. Nur in Brand steckten wir's

nicht, wie das die richtigen Wilden machen. Im ersten Stock, dessen

Fußboden vorläufig noch aus Balken bestand, wurde die Friedenspfeife

geraucht. Eine Wache hatten wir ausgestellt, damit uns kein Unberufener

störte. Und die Wache meldete auch bald, daß der Wächter käme.

Dieser stand unten an der langen Leiter, schwang einen tüchtigen

Knüppel und rief: »Kommt nur runter!«

Während unser Häuptling, oben an der Leiter stehend, mit ihm

verhandelte und einige wohlmeinende Redensarten wechselte --

balancierten wir übrigen von Balken zu Balken, bis an die Hinterseite

des Baues. Dort baumelte ein Tau, an dem die Eimer hinauf- und

herabgeleiert wurden, und einer nach dem andern rutschte an dem

Tau hinab. Der Häuptling, der unsern Rückzug gedeckt hatte, geriet

nun aber selbst in Bedrängnis. Denn der Wächter begann die Leiter

hinaufzuklimmen. Schon tauchte sein Kopf auf. Aber bis zur Hinterseite,

dort wo das Tau hing, war es dem Häuptling zu weit. Er machte deshalb

einen Sprung zum Fenster. Ein Baum reichte dort seine Zweige herein.

Ein Satz -- der Häuptling sprang vom Fenster herab, mitten in den Baum.

Wie eine Katze kletterte er den Stamm entlang und ließ sich auf die

Erde fallen.

Ein Siegesgeheul verkündete dem Wächter, daß es diesmal noch nichts war

mit dem Erwischen.

Und jetzt war dieser Häuptling, dem damals allseitige Bewunderung

gezollt wurde, Straßenverkäufer.

Ganz nett und bürgerlich sah er aus. Er verkaufte Ansichtskarten, die

reißenden Absatz fanden. Unter seinem Arm trug er einige Pappkästen

mit Ansichtskarten, und zwischen seinen Füßen standen ebenfalls einige

dieser Kästen. Und nun zu sehen, wie er mit der rechten Hand aus

der unter den linken Arm geklemmten Pappschachtel immer neue Karten

nahm, sie in die zahlreich ausgestreckten Hände gab, gleichzeitig das

Zehnpfennigstück in seine Rocktasche gleiten ließ; sich langsam im

Kreise drehte und die zwischen seinen Füßen aufgestapelten Kasten

mitdirigierte -- dabei unermüdlich redend und preisend -- das zu sehen

war allein zehn Pfennige wert. Ja, das Publikum schien selbst seine

Freude an dieser taschenspielerartigen Fertigkeit zu haben. Denn aus

allen Richtungen des Kreises scholl es: »hier -- mir eine -- mir

auch --«, so daß er sich fortwährend redend, Karten austeilend, Geld

kassierend drehte, aber keinen Moment irremachen ließ.

Da entstand eine kleine Pause.

Ein Herr schob sich durch den Kreis. Mit hochrotem Kopf schrie er: »Sie

oller Quasselfritze, wat issn det fürn Humbug mit die Kaarte. Is ja

janz schwarz -- is ja nischt zu sehn druff!«

Der Kartenverkäufer schien ihn nicht zu beachten. Er nahm noch einige

Geldstücke in Empfang und sagte dann mehr gutmütig: »Sie haben das

nicht richtig gemacht, wie ich das erklärt habe. Meine Herrschaften,

ich will Ihnen das noch einmal erklären. Man geht also an einen dunklen

Ort -- sehen Sie -- die Karte ist ganz schwarz. Nun nehmen Sie ein

Streichholz und halten es hinter die Karte. Da werden Sie sehen --

einen Herrn und eine Dame -- na, ich will weiter nichts sagen. Alles

lacht! Der größte Meßschlager!« Und er begann seine Karten weiter zu

verkaufen.

»Hab ick doch jemacht!« rief der Käufer dazwischen.

»Da haben Sie wohl das Streichholz nicht angebrannt?« frug der

Verkäufer mit unschuldiger Miene.

»Nu warte man, Freundchen -- jetzt werd ick mal'n Schutzmann holen«,

drohte der andere erbost.

Wie er sich zum Gehen wandte und vom Schutzmannholen sprach, rief ihm

der Kartenverkäufer nach: »Ach, du denkst wohl, weil du aus Berlin

bist, kannst du die Leite uff der Leipziger Messe alleene anschmiern?

Siehste -- jetzt hammer dich ooch mal angeschmiert.«

Das Publikum war lächelnd diesem Zwist gefolgt und amüsierte sich nicht

zuletzt über die Entrüstung, des um seinen Stammtischwitz betrogenen

Meßonkels.

Aber nun brach unter allen »Angeschmierten« ein Gelächter los, wie es

wohl die beiden Löwen am Naschmarkt selten gehört haben.

Ich hätte meinen ehemaligen Schulkameraden gern einmal gesprochen. Aber

er war spurlos verschwunden. Denn ein Ratsdiener tauchte auf. Und den

hatte er natürlich schon längst gesehen.

Schlaaerei.

Robert Ziegenbalg, genannt Merke, patschte mit hochgezogenen

Hosen hinter einem Sprengwagen her. Ganz vertieft war er in seine

Beschäftigung und sah vergnügt auf die vielen Wasserstrahlen, die seine

nackten Beine bespülten. Getreulich machte er jede Schwenkung, jeden

Bogen des Sprengwagens mit.

Da rief jemand seinen Namen.

Er wandte den Kopf und gewahrte drüben seinen Freund und Schulkameraden

Richters Männe. Der kniete vor dem vergitterten Schacht eines

Kellerfensters und hatte einen langen Stock, an dem ein umgebogener

Löffel befestigt war, durch ein Loch des Eisengitters hinabgelassen.

Er angelte.

Mancherlei fiel in solche Kellerschächte, was ohne den Entdeckertrieb

Mannes nicht wieder ans Tageslicht gekommen wäre. Eine ansehnliche

Kreiselsammlung hatte er schon auf diese Weise geangelt.

Mecke ließ den Sprengwagen im Stich und kniete neben seinem Freund

nieder. Hinunterspähend sah er, wie Männe sich abmühte, einen kleinen

roten Gummiball auf den Löffel zu bekommen.

»Ich habe ihn schon mal ziemlich gehabt,« erzählte er dabei aufgeregt,

»aber das kleene Aas kullerte wieder runter. Das ist nämlich so ein

harter -- die so hoch springen -- weißt du.«

Endlich zog er den Stock vorsichtig in die Höhe. Mecke war ganz

hingerissen. Er rutschte auf den Knien umher und schrie: »Langsam!« Je

zwei Finger seiner Hände zwängte er durch die Gitterlöcher, griff den

Ball sachte und drückte ihn nach oben. Sein Freund erwischte den Ball,

ließ ihn ein paarmal triumphierend auf dem Straßenpflaster springen und

steckte ihn dann in die Tasche. Mecke paßte genau auf. Es war die linke.

Die beiden waren unzertrennliche Freunde und waren besonders da obenan,

wo es galt, die Leute zu verasten oder zu vergackeiern, wie sie in

ihrer Jungensprache sagten. Sie machten eine Tüte zurecht, legten

sie auf den Fußsteig und beobachteten, wer darauf hineinfiel. Bei

Regenwetter legten sie einmal ein Taschenmesser auf den Fußsteig, das

sie an einen Bindfaden banden. Den Faden hatten sie in einer Pfütze

schwarzgemacht. Mecke lehnte an der Haustür, während Männe hinter ihm

kauerte. Wollte nun ein Vorübergehender nach dem Messer greifen, so zog

Männe an dem Bindfaden. Wer Humor hatte, lachte, mancher schimpfte auch

über eine solche Niederträchtigkeit. Da kam zufällig die Blindschleiche

dahergegangen. Das war ihr Klassenzweiter, der eine Brille trug und

sein Gesicht meistens der Erde zugekehrt hielt. Er suche den gestrigen

Tag, sagten sie von ihm. Die Blindschleiche machte es wie alle

Scheinheiligen. Er hob das Messer auf, steckte es in die Tasche und

ging weiter, als wäre nichts geschehen. Nun erst zog Männe an dem

Bindfaden und riß ihm das Messer aus der Tasche. Der so Ertappte fing

wie besessen an zu rennen und die beiden hinter ihm her.

»Messermauser -- Messermauser«, schrien sie ihm nach.

Männe hatte sich auf das Trittbrett eines gelben Postwagens gesetzt,

und Mecke trabte nebenher. In einer Seitenstraße sahen sie ein

Leitergerüst stehen und vermerkten sich die Tatsache stillschweigend.

Denn hier war Aussicht, bald wieder einmal Feuerwehr spielen zu können.

Diese schöne asphaltierte Straße verband sie auch mit einer herrlichen

Erinnerung, einer denkwürdigen Geschichte.

Männe hatte einen großen Bruder, der in einem Fahrradgeschäft

beschäftigt war. Er hatte ausgelernt, und sein Verdienst reichte weder

hinten noch vorn.

Da hatte er eine Idee!

Er gab seinem jüngeren Bruder auf, er solle seine sämtlichen

Schulfreunde zusammentrommeln und für den nächsten Sonntagnachmittag

bestellen. Alle, alle kamen. Denn der kleine Bruder hatte von dem

großen Bruder Geschichten erzählt, die vielen Jungen zum mindesten

wie Märchen klangen. Der große Bruder kam denn auch mit einem

zweisitzigen Fahrrad an, und wer fünf Pfennig bezahlte, durfte sich

auf den Hintersitz setzen. Dafür konnte er eine bestimmte Strecke hin

und zurückfahren. Radfahren brauchte man nicht zu können, denn der

große Bruder saß ja vorn, lenkte und hatte das Rad in der Gewalt. Auf

dem hintersten Sitze brauchte man seine Beine nur auf die Pedale zu

setzen und die Drehbewegungen mitzumachen. Es war kinderleicht und

sah einfach großartig aus, wenn man so dahinflitzte. Viele rannten

an diesem Sonntag mehrmals nach Hause, um von den Eltern noch ein

paar Fünfer zu erlangen. Es gab einen Heidenfez, und der große Bruder

konnte eine hübsche Anzahl Fünfer einheimsen. Leider wurde die Freuden-

und Geldquelle schnöde verstopft. Der Eigentümer des Rades, der es

dem Fahrradgeschäft zur Reparatur übergeben hatte, wollte es eines

Sonnabendabends abholen. Männes großer Bruder war aber schon fort. Als

er es Montags früh auf Umwegen wieder an seinen Platz bugsieren wollte,

gab ihm der Meister zu verstehen, daß es vielleicht andere Geschäfte

gäbe, die damit einverstanden wären. In den anderen Geschäften,

in denen er hierauf arbeitete, konnte er jedoch nicht so über das

vorhandene Material bestimmen.

Männe sprang von dem Tritt des Postwagens. Sie waren in die Nähe des

Bahnhofes gekommen und bogen nach dem Texas ab. Dort wohnten sie.

Der Texas lag hinter dem Bahnhof und war eine Ansiedlung von 4 bis 5

Häusern, die sich um eine Fabrik gruppierten. Anschließend an eine

Gartenkolonie, lagen längs der Straße Geräteschuppen, Lagerplätze und

Niederlagen -- bis man dann die paar Häuser traf. Rechts der Straße

sah man durch einen Zaun in die Eisenbahnwerkstätten, sah altes

ausgedientes Eisengerümpel umherliegen und Züge rangieren; hörte Züge

ein- und ausfahren, Abfahrtssignale ertönen, Lokomotiven pfeifen und

hatte den Rauch und Ruß des Bahnhofs in allernächster Nähe. Abends,

wenn die vielen Lichter des Bahnhofs aufblitzten, war es im Texas

still und dunkel, während man am Tage eine romantische Verwahrlosung

erblickte. Keine drei Minuten von dem Großstadttreiben entfernt, wähnte

man sich in der Dunkelheit in einer friedlichen Einöde. Und das Gesicht

dem Bahnhof und der Stadt zugewandt, hörte man die vielen Geräusche wie

aus weiter Ferne und hatte im Rücken die Stille und das Schweigen der

Felder. Denn diese begannen, wenn man den Weg ein kleines Stück weiter

verfolgte.

Die beiden gingen zunächst nach dem Trockenplatz, wo sie sich mit ihren

Freunden zu treffen pflegten. Der Trockenplatz lag inmitten der Felder.

Gras, Löcher, Sandhaufen und umgestürzte Schubkarren gab es hier genug.

Augenblicklich war der Platz wenig mit Wäsche behangen. Man sah nur die

zahlreichen Pfähle, die gabelförmig nach oben zu gingen und kreuz und

quer durch Wäscheleinen verbunden waren.

Lärmendes Geschrei ihrer Freunde empfing sie. Und nach und nach

erfuhren sie, was geschehen war. Der Zwerg war im Freibad gewesen,

und einer von der Ulla hatte ihn ins Wasser geschubbt. Hinterrücks

auch noch! Der Zwerg, der doch einer ihrer Kleinsten und Schwächsten

war, ging auf dem Nachhauseweg mit hocherhobenem Kopfe mitten durch

die Ulla, so daß ihn jeder sehen mußte. Da war man aber über ihn

hergefallen, und, obwohl er Wunder der Tapferkeit verrichtete, wie

er selbst erzählte, hatte er doch der Übermacht weichen müssen.

Die Ulla müßte verschlaan werden, schrien ein Dutzend Stimmen. Die

Ulla, so genannt nach der früheren Ulrichsgasse, war ebenso berühmt

wie der Texas, da die Jungen dieser Straßen immerwährend mit andern

Straßenvierteln in Fehde lagen. Als die Dämmerung hereinbrach, waren

alle versammelt, die sich zum Texas rechneten. Rohrstöcke, Riemen,

Gummischläuche, Ruten und Knüppel hatten sie in der Hand. Es sah

ganz schrecklich aus. Der ganze Haufe setzte sich in Bewegung, und

im Laufschritt ging es durch die Straßen. Mit aller Macht trappten

sie taktmäßig auf die Erde. Denn der Lärm erhöhte ihren Mut. In der

Ulla spielten einige Kinder auf der Straße. Vor den kleinen niedrigen

Häusern standen oder saßen friedliche Frauen und Männer. Mit großem

Geschrei zog der Texas durch die Ulla, wild mit den Stöcken drohend

und fuchtelnd. Am Straßenende hielten sie an. Allgemein herrschte

die Ansicht, daß die Ulla Angst habe und sich versteckt halte. Im

Laufschritt ging's durch verschiedene Straßen, und mit Siegerbewußtsein

trennten sie sich. Wie hätte man die Ulla verschlaan, wenn sie sich

gezeigt hätte.

Der Zwerg erkannte am nächsten Morgen auf dem Schulwege einen von

der Ulla. Es kam zu einem aufgeregten Wortwechsel, und der Zwerg

versicherte, daß der Texas heute abend wiederkommen wolle, die Ulla

möge nur nicht wieder ausreißen.

In der Schule wirkte diese Nachricht alarmierend. Der Lehrer hatte in

der Frühstückspause seine Not, die sich immer wieder bildenden Gruppen

aufzulösen. Hübsch geordnet sollten sie auf dem Schulhofe im Kreise

umhergehen und dabei ihr Frühstück verzehren. Das fiel ihnen besonders

heute schwer. Wie Kletten hingen sie aneinander.

»Ihr sollt nachher alle warten«, zischelte es, bevor der Lehrer Ruhe

gebot, von Bank zu Bank durch die ganze Klasse. Der Schulschluß

wurde sehnlichst herbeigewünscht. Nur mühsam konnten sie nach dem

Klingeln noch einige Augenblicke ruhig sitzen. Dann aber schossen

sie von ihren Bänken in die Höhe, die Tintenfässer flogen zu, manche

blieben auch offen, Schieferkästen klapperten, die Bücher wurden in

den Ranzen gepfropft, und ein Füßescharren und Stimmengewirr erfüllte

den Schulraum. Mit Geschrei rannten sie nach dem Trockenplatz. Dort

schmissen sie ihre Ranzen hin und wollten alle auf einmal reden. Das

Ergebnis war, daß sie abends nach der Ulla ziehen wollten.

Der Abend kam, und wieder rotteten sie sich zusammen. Wieder ging's

im Laufschritt durch die Straßen, und, an der Ulla angelangt, sahen

sie etwa in der Mitte der Straße einen dichten Haufen stehen. Sie

hielten an und beratschlagten, was zu tun wäre. Sollte man den Feind

überrennen oder warten, bis er herankäme? Sie entschlossen sich nach

längerem Warten, zu stürmen. Noch ein gelindes Zögern. Keiner wollte

so recht den Anfang machen. Aber dann riß es alle vorwärts. Unter

ohrenbetäubendem Johlen und Pfeifen rannten sie dicht zusammengedrängt

dem Feind entgegen. Der teilte sich nach rechts und links und ließ

die Anstürmenden hindurch. Wie später erzählt wurde, sollte die

Ulla heimtückischerweise auf die letzten eingeschlagen haben. Denn

plötzlich, als sie den Feind im Rücken hatten, drängten alle mit voller

Wucht nach vorn, rissen die übrigen mit, und es wurde eine wilde

Flucht. Auf einem freien Platze sammelte sich der spärliche Rest.

Hier wurde mächtig geschimpft -- auf die feige Ulla und auf die, die

zuerst ausgerissen waren. Nachdem sie noch zwei fremden Jungen eine

große Latte abgenommen hatten, die diese vergeblich unter dem Jackett

zu verstecken suchten, machten sie sich unter fürchterlichen Drohungen

gegen die Ulla auf den Heimweg. Wenn die Ulla nicht so feige auf die

letzten eingehauen hätte! Wenn diese Angsthasen nicht nur Mitläufer

gewesen wären, die man nicht zum Texas rechnen konnte, dann wäre es zu

einer großen Schlaaerei gekommen! Ja wenn -- -- -- --

Facker.

Auf einem Neubau draußen in der Vorstadt herrschte tätiges Leben. Es

klopfte und hämmerte in allerlei Tönen und Takten. Es scharrte und

stampfte, krachte und knirschte.

»Ei--nen Jupp!!!« schrie ein Arbeiter, der mit mehreren andern einen

großen eisernen Träger in die richtige Lage bringen wollte. Die Kraft

aller Beteiligten schien bei dem Ausruf »Jupp« in einer mächtigen

Welle zusammenzufluten, die den Träger erfaßte und ein gutes Stück von

der Stelle rückte. Köpfe und Hände, Kelle und Meißel, Zollstab und

Wasserwage, Schippe und Hacke arbeiteten mit an der Vollendung des

Hauses.

Vor dem Bau stand ein mit Ziegelsteinen beladener Wagen. Von dem

Wagen aus wurden die Steine bis auf die höchste Spitze des Baus

getrieben. In langen Abständen, von Stockwerk zu Stockwerk, bildeten

die Steinetreiber eine Kette und warfen sich die Steine zu. Der letzte

der Kette schichtete die Steine neben sich auf. Fest standen sie mit

den Beinen auf dem Boden, die Steinetreiber. Nur der Oberkörper und

die schwingenden Arme waren in Tätigkeit. An den Händen steckten Leder,

damit sich die Finger nicht an den rauhen, gebrannten Ziegelsteinen

und deren scharfen Kanten rissen. Mit den Handledern fluschte es nur

so. Als wäre der Schwung und die anzuwendende Kraft aufs feinste

abgemessen, flog der Stein mit wunderbarer Genauigkeit, ohne sich

auch nur ein wenig zu drehen oder zu neigen, in die Höhe. Jedem der

Steinetreiber wurde so ein Stein vor die Hände gezaubert. Er griff

einfach in die Luft -- ein Schwung -- der Stein flog den Weg der

übrigen -- und schon war der nächste wieder erschienen. Ganz selten

passierte es, daß einer aus der Reihe tanzte, wirbelnd aneckte oder in

der Luft zerbrach. Er bekam einen Klaps mit der Hand, daß er beiseite

flog.

Wenn es Feierabend pfiff, marschierten die Steinetreiber in einer

Kolonne ab. Barfuß waren sie und trugen die nun unbequemen Holzlatschen

unter dem Arm. Weiße Maurerhosen, eine enganliegende blaue Strickjacke,

Halstuch und Blaser (Ballonmütze) vervollständigten die Kleidung. Alle

waren sie aufrechte, kernige, kraftvolle Gestalten. Und die Art, wie

sie ihr Halstuch und ihre Blaser trugen, zeigte, daß sie Kerle waren,

die wußten, »wo Boom wohnt«.

Wilhelm war der stärkste von ihnen. Er hatte einen mächtigen Nacken und

eine mächtige Brust; konnte sich einen Ziegelstein auf die flache Hand

legen und ihn durch eine Luke in die Decke facken, dem Obenstehenden

zu. Oder er faßte den Stein mit zwei Fingern an seiner Schmalseite und

schleuderte ihn in die Höhe, daß der Stein, sich fortwährend drehend,

mit unfehlbarer Sicherheit durch die Luke in die Hände seines Kameraden

gelangte.

Ehe sie in die erste Kneipe traten, sagte einer: »Bloß eens -- --.« Das

war so eine stehende Redensart. Und war zugleich wie ein guter Vorsatz,

hinter dem aber ein leises Lachen steckte. Denn sie wußten genau, es

wurde nicht »bloß eens«. Es ging von einer Kneipe in die andre, und

jedesmal hieß es: »Bloß eens ...«

Zwei nebeneinanderliegende Stuben bewohnten die Bier. Zwei Tischler,

ein Schneider und Wilhelm. Gingen sie am Abend nicht aus, so spielten

sie Karte, sangen, oder Wilhelm holte die Ziehharmonika hervor.

Der Schneider war still und machte sich immer Beschäftigung. Die

Kleidungsstücke der Drei wiesen keine Löcher oder fehlende Knöpfe auf.

Er war ein Mensch, der um Gottes willen alles gütlich und friedlich

um sich herum haben wollte. Er schlichtete, versöhnte, redete zum

Guten und ermahnte den wilden, unbändigen Wilhelm. Der antwortete

dann nur: »Daß nur uff, daß de deine Hosen richt'ch flickst«, und

pfiff sich eins. Wilhelm hatte in einem Dorf in der Nähe ein Mädel

sitzen mit einem Kind. Mitunter walkte er seine ganze Sehnsucht in die

Ziehharmonika hinein. Die stöhnte dann sentimental, quietschte und

schrie, und er nahm sich vor, kommenden Sonntag sein Mädel bestimmt zu

besuchen ...

»Bloß eens«, sagten die Kameraden am Sonnabend.

Und wenn Wilhelm Sonntagmorgens nach Hause kam, fidel und munter

wie ein Fisch im Wasser, tanzte er in der Stube herum. Kitzelte die

drei Schläfer. Zog ihnen die Bettdecke weg. Tatschte mit der Hand ins

Waschbecken und den Schlafenden ins Gesicht. Die Muntergewordenen

schimpften, sahen aber bald ein, daß es klüger war zu lachen. Denn

in dem Wilhelm war in solchen Momenten alles Wilde und Rebellische

erwacht und es konnte vorkommen, daß er kurzerhand das ganze Bett des

Schimpfenden umkippte. Er wollte sich scheckig lachen, wenn der sich

abmühte, das Bett wieder auf alle vier Füße zu stellen. Hatte er dann

ausgeschlafen, und man hielt ihm vor, daß es doch keine Sache wäre,

solchen Spektakel zu machen und andere im Schlafe zu stören, zog er

ein saures Gesicht. Wenn er daran dachte, daß er ja hatte sein Mädel

besuchen wollen, wurde sein Gesicht finster, und er sprach nicht.

»Bloß eens -- -- -- -- -- -- --.«

An einem Sonnabend, als er sich zum Gehen anschickte, kehrte er an der

Stubentür wieder um. Ein paarmal ging er in der Stube hin und her, trat

dann an den Tisch, besah sich lange sein Geld und tat es in eine kleine

Schachtel. Der Schneider, der regen Anteil an ihm nahm, war aufmerksam

geworden. »Ich will dir's uffhebn«, sagte er entgegenkommend. »Na ja«,

sagte Wilhelm zögernd und gab's ihm.

In der Nacht schüttelte den Schneider jemand heftig. Der hatte

friedlich geschlummert, und fuhr nun in die Höhe. Wilhelm stand vor

ihm. »Gibb mei Geld her«, knurrte er. Der Schneider, der augenblicklich

wach war, durchsuchte seinen Kopf nach einer Ausrede. »Ich hab's uff

de Sparkasse getragn«, antwortete er ängstlich wie ein Missetäter,

der seine Sünden eingesteht. »Rück das Geld raus, sag ich dir.« Der

Schneider sah wohl ein, daß er sich nicht weigern konnte, schlüpfte aus

dem Bett, zog die Hosen an und tat, als suchte er das Geld.

Er hatte es nicht aufgegeben, auf Wilhelm in seinem Sinne einzuwirken,

und gerade jetzt schien ihm die Gelegenheit dazu günstig, als daß

er sie sich entgehen lassen sollte. Er fand die Stubentür offen und

schlich hinaus. Wilhelm tappte in der dunklen Stube herum. »Wo haste

dich hinverkrochen, Zwärnsfaden, elender?« brummte er, ein Streichholz

anzündend. In der Stube war der Schneider nicht. Auf den Vorsaal

hinausleuchtend, sah er den Schneider in der Türnische der Nebenwohnung

kleben. Er packte ihn am Genick und zog ihn hervor. »Wenn du jetzt das

Geld nich hergibbst -- -- du -- --«. »Ich geb's nich her«, trotzte der

Schneider. »Was --! Was denkst denn du, was ich mit dir mache -- --.«

Der Schneider sank immer tiefer zusammen und zerrte mit beiden Händen

an der Hand Wilhelms, die ihm wie eine Schraubzwinge im Genick saß.

»Laß mich los«, schrie er. Wilhelm tat's. Der Schneider ging zu seinem

Reisekorb, schloß auf und legte geduckt das Geld auf den Tisch. Wilhelm

machte eine drohende Miene, ließ das Geld in seine Hosentasche gleiten

und ging. Die beiden Tischler, die längst aufgewacht waren, lagen noch

lange wach, schimpften und philosophierten über so einen Menschen, der

kein Maß und Ziel kenne ...

Es war Sonntag vormittag und das Bett Wilhelms noch unberührt. Der

Schneider flickte. Der eine Tischler putzte seine Sonntagsschuhe

blitzblank und pfiff gefühlvoll. Der andere hatte einen zerbrochenen

Handspiegel ans Fensterkreuz gelehnt und rasierte sich. Da kam Wilhelm.

Keiner sprach ein Wort, und der Tischler hörte auf zu pfeifen. Wilhelm

ging einigemal hin und her und sah, daß ihn die Drei nicht beachteten.

Er wusch sich und setzte sich mit aufgekrempelten Hemdärmeln an den

Tisch. Verschränkte seine kolossalen Arme, die zahlreiche Tätowierungen

aufwiesen und stierte vor sich hin. Die anderen rüsteten sich zum

Fortgehen. Als Wilhelm allein war, wurde ihm die Stille unerträglich.

Er holte die Ziehharmonika und fing allerlei Lieder und Märsche an zu

spielen, bis ganz krauses Zeug daraus wurde. Wie er einen Blick zum

Fenster hinaus warf, bemerkte er gegenüber ein junges Mädchen. Sie war

im Sonntagsstaat und sah zufrieden auf die Straße hinab. Er stand auf,

daß der Stuhl umfiel. Mit voller Wucht warf er das Instrument auf den

Schrank, wo es sonst zu liegen pflegte. Eine Staubwolke stieg auf, und

eine Gipsfigur, die über die Verzierung des Schrankes herabschaute,

bekam eins an den Kopf, daß sie zu Boden fiel und in tausend Stücke

zersprang. Dann schmiß er sich aufs Bett und zog die Decke über den

Kopf, daß man nichts mehr von ihm sah.

Schwitzend und schnarchend fanden ihn die Drei bei ihrer Rückkehr im

Bett liegen. Er erwachte und frug, wie spät es sei. Nach und nach kamen

sie ins Gespräch. Die Drei erzählten, wo sie gewesen, was sie gesehen

und erlebt hatten, und einträchtig setzten sie sich an den Tisch, um

zu essen. Brot -- das in ein nasses Tuch gewickelt war, damit es nicht

hart wurde -- und was sonst noch an Wurst oder Käse in der Ofenröhre

oder auf dem Fensterbrett aufzutreiben war -- suchten sie hervor und

ließen's sich schmecken. Wilhelm schlug vor, einen Sauser zu machen.

Sie könnten ja bei der Gelegenheit den Jahrmarkt mit umstoßen, der

draußen auf der Wiese hinter der Sandgrube abgehalten wurde.

Zunächst ging's in die Kneipe, wo sich die Steinetreiber zu treffen

pflegten. Eine ganze Anzahl schloß sich ihnen an, und so marschierten

sie auf den Jahrmarkt.

Eine Luftschaukel und eine Reitbahn mit den dazugehörigen Leierkasten

waren dort. Ein kleiner Wanderzirkus und Buden mit nützlichem und

unnützem Kram. Sie mischten sich sogleich unter den Trubel. Die

Steinetreiber scherzten mit den vorbeikommenden Mädchen und umhalsten

sie im Weitergehen. Die in der Luftschaukel fuhren, hatten ihren Kahn

durch kräftiges Ziehen an dem Tau bald so weit, daß die Spitze des

Kahns oben an das Zelttuch stieß ...

Um einen Mann, der recht fremdländisch aussah, hatte sich viel Volk

angesammelt. Tiefschwarzes Haar hatte er und Ohrringe. Wohl ein

Italiener. Ein ganzes Bündel Luftballons hatte er an einem Faden um

den Arm gebunden. Dünne Blättchen, die man zwischen Zunge und Gaumen

klemmt, daß man wie eine Nachtigall zwitschern kann -- verschrumpelte

Häute mit einem Mundstück zum Aufblasen, so daß eine pralle, mit Luft

gefüllte Wurst entsteht -- und noch allerlei Schnurren verkaufte er.

Vor sich hatte er einen Kasten, in dem ein bunter Papagei saß. Wenn

der fremde Mann den Vogel mit ein paar Lauten seiner Muttersprache

ermunterte, zog dieser mit seinem Hornschnabel aus einem Bündel

Briefe einen davon heraus. Der kostete 10 Pfennige und enthielt

Liebesbriefsteller, dazu ein Bild der oder des Zukünftigen. Deshalb

stand auch besonders viel junges Volk um ihn herum.

Nun hatte der Italiener keinen festen Stand. Daher war er unter den

Ausstellern und Ausschreiern nicht besonders beliebt, weil er die

Aufmerksamkeit der Kauflustigen auf sich zu lenken verstand und

glänzende Geschäfte machte. Der Menschenknäuel mitsamt dem Italiener

wogte hin und her, und so war man in die Nähe einer alten Mutter

gekommen, die neben einem schräggestellten Korb saß. Ihr Jüngster

schrie unausgesetzt mit seiner Kinderstimme: »Drei Stück Fefferkuchen

zehn Fennje!« Unmutig war er über den Mann mit seinem bunten Kram,

dessen Zuschauer beinahe den Korb umzureißen drohten. Aufgestachelt

durch die murrende Mutter, die noch keinen Pfennig eingenommen hatte,

sah er das Fruchtlose seiner Anstrengungen ein und drängte sich resolut

durch die Leute. Er tippte den Italiener auf den Arm und sagte, er möge

doch ein Stück weitergehen. Der Italiener schien ihn nicht verstehen zu

wollen, und der Knabe zeigte deshalb mit der Hand nach der Mitte des

Platzes, wo noch Raum genug war. Sei es nun, daß in der Handbewegung

des Knaben etwas Befehlendes lag -- oder daß er sich genarrt glaubte

-- kurz, der Italiener nahm keine Notiz weiter von ihm. Der Junge war

aber keineswegs gewillt, seine Sache so schnell verloren zu geben. Er

stellte sich direkt vor dem Manne auf, hielt die Hände an den Mund und

schrie mit der ganzen Kraft seiner Stimme: »Drei Stück Fefferkuchen

zehn Fennje -- drei Stück Fefferkuchen zehn Fennje --.«

Der Italiener ließ ihn einigemal gewähren. Dann nahm er rasch den

langen Stock, der als Stütze des Kastens diente und schlug nach dem

Knaben. Der bückte sich behende. Ein zweiter Schlag traf ihn aber.

Er heulte laut auf und wollte, sich den Kopf haltend, flüchten. Das

gelang ihm in dem Gedränge nicht gleich, und der erregte Italiener

hieb weiter auf ihn ein. Er drängte sich mit Gewalt ins Freie, und die

zurückweichende Menge warf den Korb mit den Pfefferkuchen um. Die Alte

sprang von ihrem Feldstuhl auf, hob diesen in die Höhe und wollte mit

wütenden Worten auf den Italiener los.

Da schob einer die gaffende Menge beiseite und pflanzte sich breit,

die Mutter hinter sich, vor dem Italiener auf. »Du Schlawake mach dich

mal nich so maus'g hier -- sonst kannst du vielleicht mal ne richt'ge

Abreibung erwischen!« rief er.

Wilhelm war's.

Der aufgeregte Italiener hob blindwütig den Stock, um auch ihn zu

schlagen. Der fing den Schlag mit dem vorgestreckten Unterarm auf. Ein

Griff mit der andern Hand -- ein Ruck -- und der Stock war in seinem

Besitz. Ihn übers Knie legen und zerbrechen -- mit der abgebrochenen

Hälfte in die Luftballons schlagen, daß die eingepreßte Luft mit einem

Knall entwich; während andre Ballons die Gelegenheit benutzte, um frei

und ungefesselt in der Luft zu segeln -- das ging alles so rasch, bevor

es die Umstehenden richtig gewahr wurden. Sie lachten schadenfroh

und gafften den entfliehenden Ballons nach. Der Italiener streifte

hastig den Tragriemen seines Kastens ab. Der Papagei hüpfte ängstlich

drucksend am Boden. Der Italiener achtete nicht darauf. Ihm war der Haß

in den Kopf gezuckt und hatte alle Vernunft verscheucht. Wilhelm hob

den Korb der Alten auf, half dem Jungen die verstreuten Pfefferkuchen

einsammeln und entfernte sich, die in dem Tumult verlorenen Freunde

suchend.

Da erscholl ein vielstimmiger warnender Schrei. Wilhelm sah an seinem

Kopf etwas Dunkles auftauchen. Ein Satz zur Seite. Das Messer des

Italieners traf an den Kopf. Abgleitend schnitt es ein Stück des

rechten Ohrs ab. Einen Atemzug lang standen sie sich gegenüber und

prallten dann wie zwei fauchende Lokomotiven aufeinander. Schnell hatte

sich ein Kreis um die beiden Kämpfenden geschlossen. Die wälzten sich

auf dem Boden. Haßerfülltes Schnauben der zwei ebenbürtigen Gegner.

Stampfen -- Zähneknirschen und harte Schläge. Wo Wilhelm hinschlug,

wuchs so leicht kein Gras mehr. Zuletzt lag der Italiener auf den

Knien, hielt sich sein blutendes, zerschlagenes Gesicht und heulte

in tierischen Lauten vor ohnmächtiger Wut, daß er seinem Gegner

unterlegen, daß er der Besiegte war.

Die Kameraden verbanden Wilhelm den Kopf mit Taschentüchern, und alle

zusammen verließen sie den Jahrmarkt. Er mußte alles noch einmal genau

und ausführlich erzählen, und es gab ein lebhaftes Durcheinander von

Fragen und Antworten, Lachen und Witzen. Es begann zu dunkeln. Von

weitem sah man schon die zahllosen Lichter der Stadt. Mit ihren festen

Schritten überholten sie umschlungene Pärchen, die gleich ihnen vom

Jahrmarkt der Stadt zustrebten, und aus voller Kehle sangen sie das

Lied:

»Immer wacker -- immer wacker,

mir sein Facker -- mir sein Facker.

Ju, ju, ju, huhuhuuu.

Und brennt uns die Sonne in den Nacken,

Mir lassen uns nicht verknacken,

Mir sein Fa--a--cker.«

Aber nun hat Wilhelm ein verstümmeltes Ohr.

Der feine Bernhard.

Wer ihn in der Dämmerung an der Ecke neben seiner Droschke stehen sah,

konnte wohl meinen, einen ungeschlachten Bären zu sehen. Die dicke

zottige Pudelmütze, der dicke, innen gefütterte Mantel und die groben

Holzschuhe machten aus dem ganzen Menschen einen unförmlichen schwarzen

Klumpen. Nur der kleine Ausschnitt des von Wind und Wetter bronzenen

Gesichts unterbrach das Schwarz der Erscheinung.

Oft saß er auch wohl auf dem Bock seines Wagens und starrte in das

lichterfüllte wühlende Großstadttreiben, bis die Reihe an ihn kam,

einen Passagier durch die Stadt zu fahren. Verträumt, noch das Sinnen

im Auge, faltete er dann die Pferdedecke zusammen, ließ die Bremse

locker und steuerte, mit der Zunge schnalzend, in das Gewühl hinein.

Hei! Das war eine Freude, sich so in dem Getümmel zwischen allerhand

Fuhrwerk im schlanken Trabe hindurchwinden zu können. Wie das alles

ineinander griff. Manchmal schien es ein unentwirrbarer Knäuel zu

werden, als hätten sich Räder und Wagen zu einem wunderlichen Knoten

verfitzt. Da hieß es, im Moment eine erspähte Lücke benutzen und jede

Handbreit Luft am Boden in der Sekunde günstig verwerten. War glücklich

wieder freie Bahn, dann knallte der feine Bernhard wohl pfeifend mit

der Peitsche oder drohte nach einem andern hin. Der Stümper -- wenn er

etwa nicht fahren könne, solle er's ja bleiben lassen!

Vormittags, wenn er in der Destille frühstückte, zeigte sich auch

oft sein Kopf an der Türscheibe. Sah er, daß jemand an seinem Wagen

stand und auf den Kutscher wartete, trank er erst sein Bier aus und

stapfte ruhig ohne Eile über die Straße. Die Leute sagten dann: seht

nur, wie er rennt, der feine Bernhard -- er hat's ja auch nicht nötig

-- er möchte noch gute Worte haben, wenn man in seiner Karrete fahren

will. Er ging deswegen nicht schneller. Die Leute --! Aber er -- er

erzählte ihnen nichts von dem, was ihn bewegte, er frug sie nicht um

ihre Meinung, legte seine Gedanken nicht vor ihnen auf den Tisch, daß

sie sie von allen Seiten begucken konnten. Nein -- er erzählte ihnen

nicht einmal eine Geschichte, in der ein Frauenzimmer vorkam, bei der

sie sich hätten zunicken können: is doch ein geriebener Junge -- nein,

nicht einmal das tat er.

Es war ihm immer gut gegangen. Erst war er Hoteldiener gewesen, hatte

gegeizt und gespart, wo es nur anging. Trinkgelder gab es reichlich

in der Saison. Im Sommer diente er in Badeorten und erübrigte sich

jedesmal einen hübschen Batzen Geld. Bis er es so weit gebracht hatte,

selbständiger Droschkenkutscher zu werden und seine zwei Braunen im

Stall zu haben, die er abwechselnd laufen ließ ...

Februar war's und die vielen Maskenbälle verschafften manche reichliche

Nachtfuhre. Der feine Bernhard hielt vor einem großen Vergnügungslokal.

Buntfarbige Plakate wiesen auf den Maskenball hin. Öffneten sich die

Türen, so zog wie aus einem Ventil heißer dichter Qualm an der Decke

des kurzen Vorraums entlang und zerfloß an der frischen Nachtluft im

Licht der Bogenlampen. Dazu war sekundenlang ein quirlendes Gemisch von

menschlichen Stimmen und das abgehackte Stück eines Walzers zu hören.

Es war schon spät in der Nacht. Bernhard hatte die Hände in die

Taschen seines Mantels vergraben, die Mütze tief im Gesicht und saß im

Halbschlummer auf seinem Bock. Ein Herr im Zylinder tippte ihm mit dem

Spazierstock auf den Arm, nannte Straße und Hausnummer und stieg in den

Wagen.

In langsamer Fahrt rollte der Wagen durch die stillen Straßen. Bernhard

tat einen mächtigen Gähner. Müde war er heute wieder! So richtig

schlafen konnte man jetzt so selten. Es sollte heute auch die letzte

Fuhre sein.

Er hielt vor dem angegebenen Hause. Der Herr stieg aus, bezahlte und

schloß pfeifend seine Haustür auf.

Durch einen leichten Schlag aufgemuntert, trabte der Braune dem Stall

zu. Dieser war im Hofe eines altertümlichen Gasthauses, wo meistens

Bauern, Landleute, besonders an Markttagen, übernachteten. Neben dem

Stall war ein kleiner Raum, eine einzelne Stube, in der er schlief und

wohnte.

Er schirrte das Pferd ab, schüttete Futter, hing das Lederzeug und

das Gestänge an den großen eisernen Haken und ging, den Wagen unter

den Schuppen zu zerren. Öffnete die Wagentür, um die gute Plüschdecke

während der Nacht herauszunehmen. Da traf seine Hand, die im Dunkel auf

dem Wagensitz herumtastete, unvermutet auf einen warmen Körper.

Wa--was war denn da los? Er nahm eine der noch brennenden Kutschlampen

und leuchtete ins Wageninnere.

Eine weibliche Gestalt lehnte in einer Ecke. Sie hatte ein

apfelsinengelbes Maskenkostüm an, das mit rotem und grünem Flitterkram

übersät war.

Er setzte sich ihr gegenüber und betrachtete sie aufmerksam. Der Kopf

war zur Seite gesunken, und die mit einer Nadel in dem hellblonden Haar

befestigte Mütze war auf das eine Ohr gerutscht. Das ausgeschnittene

Kostüm ließ ein Stück der weißen Brust sehen, die sich in regelmäßigen

Atemzügen hob und senkte. Neben ihr lag ein Bündel.

Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen · 第 1 / 5 段