14.
_New York_, Dezember 1899.
Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung
gewidmet gewesen. Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner
äußeren Umgebung abhänge. Milde warme Farben, edler Faltenwurf,
schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend. Vielleicht
erheben sich die wirklich großen Geister über die äußeren Dinge und
lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen; aber ich bin nur ein
ganz kleines Geistchen, fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen,
Häßlichen, und fühle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir
eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen
Eigenart entsprechend zu gestalten. Ich suche auch immer mich über
das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen, indem ich unsere
jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere, als solle sie
ein alles überdauerndes Stammschloß werden – und sie ist doch nie
etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von
neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Häuser,
die wir im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tür und Decken
bemalt; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem
New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines
vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle. Das habe ich nun zwar
nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet
habe, will ich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser Wohnzimmer hat
ausgezeichnetes Licht, so daß es als Atelier dienen kann, und da mein
Bruder erst nachmittags zurückkommt, habe ich den ganzen Tag dafür
frei. All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche
an die Wände gehängt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun
noch japanische und kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen
blätterte, fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die
kleine Bilderausstellung, die ich vor unserer Abreise dort arrangierte.
»Premier Salon de Pékin« wurde sie genannt, und ich verkaufte eine
Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar
verdiene, fühle ich mich so stolz, so self made, als sei ich Charles
William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als
die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst
zu malen begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig
gleichen, quälenden Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem
Bruder ist es dann allmählich meine große Lebensfreude geworden, der
befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten. Und noch in anderem Sinn
ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden, denn wenn ich ein
Bild verkaufe, bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot, d. h. die
Möglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können,
denen es weniger gut geht als mir.
Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen. Wie viel haben
Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder, in denen Sie
gelebt, wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen
Peking geführt, die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren
völlige Eigenart so manches Motiv bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu
einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame
Götzen oder stille Klosterhöfe malte, in denen das Licht zwischen den
Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester
glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen
lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger
gleiten ließ – wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen
gefühlt und eine neue Arbeitslust, ein größeres Können empfunden durch
die Macht der Freude, die Sie an mir hatten! – Von einem andern in
unseren liebsten Beschäftigungen, in unserer individuellsten Eigenart
verstanden zu werden, ist wie eine geistige Liebkosung. So vieles
erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und Pflege. Und jene,
die am meisten in uns getötet und begraben haben, sind oft, die uns am
nächsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, für alles, was Sie in
mir geweckt und gepflegt haben, für all die Blumen, die geblüht haben,
weil Sie sich daran freuten.
15.
_New York_, 25. Dezember 1899.
Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem
Lande, wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders
fremd vorkommt. Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas
komischen Zug, an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen? Was
wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns
dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute
noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir von Frieden auf Erden
wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als hätte jeder Mensch
ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an,
um doch ja die Freude sehen zu können, falls sie wirklich mal zu uns
käme. Aber bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht
gerade an _dem_ Abend selten die Freude an die Tür. Andere Gäste sind
es, die uns besuchen. Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung, deren
Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird. Als ich gestern Nachmittag die
Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen
Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich durch die offene
Tür ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt, daß sie
draußen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlüpfen, und
den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen,
denn ich fürchte mich ein bißchen vor der alten Frau und ihrem großen
Bilderbuch. Aber nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde,
hatte sie wohl eingelassen.
Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des großen
Bilderbuchs! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen
wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen.
Lauter Dinge, die einst gewesen, füllten das Zimmer und umwogten uns;
kleine graue Geisterchen saßen lichtbeschienen in den Zweigen des
Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem; und auch all
das, was nie gewesen, was nur gewünscht und ersehnt worden – nun lebte
es für den einen Abend wieder auf.
Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches.
Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie
sich des einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir
ihm ein Bäumchen brachten? Ich saß in der Sänfte und hielt die winzig
kleine geschmückte Tanne auf dem Schoß, und Sie gingen nebenher und
ermahnten die Kulis, mich behutsam durch die holprigen, hart gefrorenen
Straßen zu tragen. Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen, als
wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch
vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland
lebenden Eltern und Geschwister, die er sich für _diesen_ Abend recht
nah an sein Bett hatte heranrücken lassen?
Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen
Häuschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal
kamen? Tagelang vorher war große Aufregung, um für jeden eine
Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben, und als erst die
Bahn eröffnet war, fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um
zu schauen, was etwa die dortigen europäischen Magazine böten.
Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor
mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr, die einst
in der Direktoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger
Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das
Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen
Guirlanden geschmückt; darüber erheben sich vier Drachen, die die Uhr
tragen, kuriose Geschöpfe, in denen der französische Künstler möglichst
dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch vorschwebte. Über
der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer Hahn, der
offenbar nach Freiheit kräht, aber ein so skeptisches Gesicht macht,
als glaube er schon längst nicht mehr daran.
Als Sie mir diese Uhr schenkten, sagten Sie: »Die paßt so gut zu Ihnen:
ein Fundament altererbten Geschmacks, der von vielen Generationen
herstammt; die Drachen, der Hang zum Absonderlichen, der Zug zum
Unbegreiflichen, Mystischen, der in uns erwacht, je mehr wir sehen,
daß das Exakte, Vernünftige, Realistische doch nichts erklärt und
schließlich immer wieder alles mit einem großen Fragezeichen endet –
und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn, der nach
Aufklärung und Freiheit quand même ruft, der viel graue, trübe Tage
erlebt hat und zu sagen scheint, nach all dem Krähen müßte die Sonne
doch endlich aufgehen.«
Ja, das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern
des großen Bilderbuchs!
Mein Bruder und ich saßen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter
dem Weihnachtsbaum, hielten uns schweigend an der Hand und dachten
vergangener Zeiten. Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen
aus, die herabgebrannt waren – ganz wie an anderen Weihnachtsabenden.
Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer, knisterten und
glühten, und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer – ja, ganz wie an
allen Weihnachtsabenden! –
16.
_New York_, 26. Dezember 1899.
Gestern, lieber Freund, ward ich unterbrochen und mußte meinen Brief
schließen, ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu
haben. Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende, sondern wir
waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen.
Mit allerhand Paketen beladen, fuhren wir auf der Hochbahn dorthin.
Nach längerem, vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die
Haustür und entschuldigte sich, »der Sam sei wohl beim Tischdecken«.
Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer, wo wir einige
deutsche Herren trafen, darunter auch den Generalkonsul mit seinem
herzerfreuenden, ansteckenden Lachen. Der Konsul ist vor einigen
Monaten hierher ernannt worden, und seine Frau ist ihm erst vor ein
paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern
nachgereist. Es ist ein rührend deutscher Zug, daß sie sich, selbst
kaum eingerichtet, zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen
haben, die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten.
»Meine Frau baut auf,« sagte der Konsul. Da kam sie schon selbst
herein, sehr jung, mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt,
erstaunten blauen Augen, das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet.
Auf dem Arm trug sie einen dicken, einjährigen Jungen, mit denselben
erstaunten blauen Augen; und neben ihr trippelte ein kleines,
dreijähriges Mädchen, das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt.
»Es ist alles fertig,« rief sie, »Evchen, nun klingle mal schön.«
Und Evchen klingelte, und wir alle folgten in das Wohnzimmer, wo der
Baum strahlte. Mit Ketten, vergoldeten Nüssen, Äpfeln, Pfefferkuchen
war er geschmückt – sicher genau nach dem Vorbild, das die Frau Konsul
bei ihrer Großmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen
gesehen hat. Es war sehr heimatlich. Man vergaß dabei die hastende,
neue Stadt da draußen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt,
wo der Wechsel so langsam vor sich geht, daß sie eigentlich still zu
stehen scheint.
Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein
zusammenlegbares, unzerreißbares Bilderbuch um ihn aufgestellt, und
wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken, die von ihrer Mutter
gekommen war. Wie sorgfältig war alles gepackt, in Seidenpapier
eingewickelt, mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und
ein Zettel dran gesteckt, mit ein paar lieben Worten für den Empfänger
in zittriger Handschrift darauf geschrieben. Lauter Dinge waren darin,
die man in New York ganz ebenso bekommen kann. Recht unpraktisch und
doch so rührend deutsch! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die
Kinder, selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten
geschlachteten Schwein, und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke
wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und, in modernstem
Rahmen, eine große Photographie von Böcklins geigendem Mönch, dem die
Engelchen lauschen. – Liebes altes Deutschland? Wäre doch Dein Raum
so groß wie Dein Gemüt, daß all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir
Platz fänden! –
Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet, nun lief sie ans
Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt.
»Was machst Du denn da,« fragte ich sie.
»Ich gucke, ob da draußen auch Engelchen herumfliegen,« antwortete sie
und setzte dann hinzu: »nein, hier gibt's keine.«
Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Straße mit den vielen
gleichmäßigen Häusern, an deren einem Ende, ganz nah von uns, eine
Station der Hochbahn war. Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust,
hielt einen Augenblick und brauste dann weiter.
»Der Eisenbahn gefällt es hier nicht,« sagte Evchen, »sie eilt sich so
sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort.«
»Liebes Kind,« sagte der Konsul zu seiner Frau, »gibt es nicht bald was
zu essen?«
Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor: »Aber ja, es muß alles
schon fertig sein.«
Sie klingelte, aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander. Nun
ging sie hinaus, kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück, trat an
ihren Mann und sagte leise: »Willst du nicht lieber mal mit ihm reden?«
Nun ging der Konsul hinaus, und bald hörten wir erregte Stimmen und
darauf etwas Schweres, das die Treppe hinabpolterte. Der Konsul kam
wieder herein, etwas aufgeregt und außer Atem: »Meine Herrschaften, ich
bitte sehr um Entschuldigung – ein kleiner amerikanischer Zwischenfall
– der Neger Sam war schwer betrunken – ich fand ihn, mit dem Eidamer
Käse Ball spielend. – Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm
etwas Ball gespielt – und dabei ist er die Treppe hinab und auf die
Straße geflogen.«
»Und als ich vorhin draußen war,« erzählte die Frau Konsul mit
kläglicher Stimme, »aß er die Austern auf und sagte mir, er nähme ja
nur die schlechten, um uns vor Vergiftung zu bewahren.«
Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art, und wir alle
stimmten mit ein. Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper, das
ich je mitgemacht, denn es stellte sich heraus, daß die irische Köchin
dem schwarzen Sam nachgelaufen war. So gingen wir denn mit der Frau
Konsul in die Küche, retteten, was zu retten war, trugen die Gerichte
hinauf in das Speisezimmer und sprachen außerdem tüchtig den Würsten
zu, die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten.
Als wir Abschied nahmen, sagte unsere Wirtin: »Sie müssen schon
entschuldigen – es ist hier halt alles so anders, als daheim in Baden.«
17.
_New York_, 1. Januar 1900.
Lieber Freund! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken, das ich
Ihnen wünsche! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über
die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen, in
denen der Sturm heult, flogen aus, Sie zu suchen, und konnten Sie nicht
finden, und flattern nun weiter unstet umher, können nirgends zur Ruhe
kommen, sehnen sich so sehr, Ihnen ein kleines Zeichen zu geben. Alles
Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern –
und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken, kann
Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen! Den ganzen Tag
war mir, als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen,
als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen, wie einstmals
in vergangenen Tagen, als Sie mir sagten: »Und darf es nicht Glück
sein, so sei's doch das Nächstbeste.« Und Ihr »Nächstbestes«, lieber
Freund, war immer noch so viel reicher und zarter, so viel sorgender
als alles, was andere Menschen als höchstes Glück zu geben vermögen;
Sie haben mich so sehr verwöhnt, daß ich mir jetzt oft ganz verlassen
vorkomme.
Auf daß Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme
und Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich
hinzusetzen, daß ich immer etwas am großen Heimweh der Vergangenheit
leide, und daß, wenn man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie
Peking gelebt und dort Wurzel gefaßt hat, es schwer fällt, in einer so
absolut entgegengesetzten Welt wie New York heimisch zu werden. Wer
sich in Brüssel wohl fühlt, dem wird auch Paris gefallen, wer sich
in Dresden eingelebt, der wird es auch in München fertig bringen.
– Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze
zu überwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der
passt nicht mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt
sich wohl auch mit dem Verstand, daß ihr das neue Jahrhundert gehören
wird, aber man wird in ihr nie mehr heimisch, man fühlt sich in stetem
Widerspruch. – Wie mag es nur Kipling, dieser große Orientale, hier
je ausgehalten haben! Wie sehr kann ich ihm das Heimweh nach dem
Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht durch
seine Werke zittert – unverständlich für die, deren beste Jahre nicht
jenseits Suez gelebt wurden.
Ich muß heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor
Jahren in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend
einem Städtchen Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten
sie viel räsonniert, über Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz
aller Klagen fühlten sie sich doch immer als Götter, wenn auch nur
als Achtel-, Viertel- oder Halbgötter; und es waren doch, ohne daß
sie es recht wußten, ihre glücklichsten Jahre gewesen, die sie dort
verlebt – man ist ja meist glücklich, ohne es zu wissen, und merkt, daß
man es war, daran, daß man aufhört es zu sein. In Bath oder Torquay,
unter grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten,
schlecht kochenden Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch
nachschmettern durften, umgeben von lauter Leuten, die nichts wußten
von der Gottgleichheit, die jedem weißen Sahib in den Städten auf
»abad« oder »epore« zu eigen ist, da verstanden die Armen es erst
ganz, wie schön es einst gewesen; und das große Heimweh nach dem Osten
schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.
Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen
Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand
anmerkt, daß sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem
Straßengewühl durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, daß,
wenn ich tot umfiele, ich in eine kalte, graue Morgue gebracht würde,
und niemand wüßte, wer ich bin, da sehne ich mich oft nach der Stadt,
wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof standen, als ich abreiste, und
mir nachwinkten.
Das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf
uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter
der eigenen Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und
Lebens, seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward.
Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher
Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht; sie müssen zufriedener gewesen
sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab zu allem übrigen
vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen Giebeln
wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren
leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit
nie getrübt wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja
nichts Befriedigenderes, als an sich glauben zu können. In solchen
kleinen Gemeinden floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen
Wichtigkeitsüberzeugung – der Glaube an ein persönliches Fortbestehen.
Es scheint doch ganz unmöglich, daß Herr A, mit dem man alle Samstag
seit dreißig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit der man schon auf
der Schule in Rivalität lebte, plötzlich ganz ausgewischt, wie nie
gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten
nimmer widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der großen
Reise begriffen, die alle mal antreten – aber nachher wird man sich
wieder finden, ganz selbstverständlich. – Wer aber von den Wellen an
zahllose fremde Küsten verschlagen worden ist und gesehen hat, daß
überall und seit unendlichen Zeiten Millionen und Millionen geboren und
begraben werden, ohne daß ihr Kommen und Gehen mehr Bedeutung hätte
als Mückenschwärme, die einen Augenblick durch die Sonnenstrahlen
schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der Erscheinungen
und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser
ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell
kaum unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und
vergehen. Wenn einem dann die Erkenntnis aufgeht, daß man selbst auch
nur in die Schar der menschlichen Eintagsfliegen gehört, dann sehnt
man sich nach denen, die durch Freundschaft und liebevolle Pflege uns
zeitweise die Illusion gegeben, als sei man eigentlich doch eine recht
wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe für ein anderes Wesen die
allergrößte Bedeutung hat.
Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo
es jedem offenbar ganz gleichgültig ist, wie arme, kleine, vertriebene
Königinnen das neue Jahr beginnen – drum habe ich Heimweh nach ...
sagen wir nach Peking!
18.
_New York_, Januar 1900.
Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines
Gefühl des Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest,
langweilt. Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso.
Beinah möchte man die Menschen beneiden, die selbstgefällig sagen, »ich
habe mich noch nie gelangweilt«, und die damit nur den Beweis liefern,
wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen, wenn sie wirklich
nicht imstande sind, die Langeweile des Meisten zu erkennen, womit das
Leben angefüllt ist.
Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre
mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise
in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern.
Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Daß Sie nicht eitel
sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede
echte Frau muß einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er
nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes
Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf
den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort
Bescheid gewußt hätte, nun doch schon tot ist.
Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende
Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen
vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen
alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an
mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen
sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd
das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen,
an die Anforderungen gestellt werden, denen sie in keiner Weise
gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren,
denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu
merken, wie sehr sie es sind.
Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, daß niemand da steht, wo er
stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten
bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the
right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und
gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.
Und ein großer »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, daß ich hier
sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Straße starre, und daß
alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos
wäre.
Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und
jemand kommt.
19.
_New York_, Januar 1900.
Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiß nicht, wie lange ich
Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte!
Seien Sie also dankbar, daß gestern die Tür wirklich aufging und Madame
Baltykoff bei mir eintrat, ein Pelzmützchen auf dem Kopf, das ihr so
natürlich gut stand, wie jeder Katze ihr Fell.
»Nein, wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen!« sagte Madame
Baltykoff. »Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und
wobei ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch
so viel von »sozialen Pflichten« reden hören! Ich glaube, sie ersetzen
alle anderen! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins
Schlepptau genommen, auf einem Dejeuner, einem Wohltätigkeitsbazar
und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die gewisse Ankunftslangweile
überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren, machte mir
mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil wir noch in so
und soviel Häusern gesehen werden müßten. Ich kam mir schließlich wie
eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich noch einen
Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmännin, und da müssen Sie mich
durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu
brüten, wie ein weiblicher Oblomoff.«
Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von
äußeren Mächten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoff
hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miß Tatiana de
Gribojedoff kennen.
Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heißt
wirklich so, und das Miß hat auch seine Berechtigung.
Tatianas Vater war natürlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter
eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in
Archangel, und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen
Tatiana gestanden. Madame de Gribojedoff, née Carmichael, scheint
sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben, woraus ihr
meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll. Ihr Bestreben ging dahin,
Tatiana in der Kritik und Mißachtung alles Russischen zu erziehen und
ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen.
Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes Vermögen hinterlassend,
wanderten beide Damen nach Amerika zurück; seit dem Tode ihrer Mutter
lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York.
Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die
gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden. So hat
sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht, die
an einer Wand hängen, dicht neben einem spanischen Fächer, auf dem
ein Stiergefecht abgebildet ist. In Mexiko hat sie allerhand aus
dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft, rosa Pfirsiche, grüne
Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit den
Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, großen schillernden Muscheln
und Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehängte
Spiegel gestattet auch, die Rückseiten zu bewundern. Von Sorrent hat
Miß Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht
und auf diesen steht, neben römischen Mosaikschälchen und einer
Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine ganze Batterie von Gläsern
aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miß Tatiana getrunken
hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen: »Zur
freundlichen Erinnerung an Schlangenbad«, »Wohl bekomm's«, auch eine
Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge
all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit, daß Miß Tatiana so lang,
spitz und mager ist.
Sie saß an einer Seite des Kamins, und auf der andern saß ein kleiner,
dicker, älterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch
begrüßte und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin
und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie
sah erregt aus, und nachdem wir uns gesetzt hatten, fuhr sie in dem
begonnenen Gespräch fort: »Wahrlich, Mr. Baschmakoff, jeden Tag, wenn
ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese, bin ich dankbar, daß
ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin.«
»Aber liebe Tatiana Feodorowna«, antwortete der kleine, dicke Herr, »es
wäre Ihnen doch nichts in Rußland geschehen – Sie sind ja gar keine
Finnländerin.«
»Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fällen muß man sich eins
fühlen mit den Unterdrückten. Da ich all dem Unrecht, das in Rußland
geschieht, nicht abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine
Auswanderung dagegen protestiert.«
»Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana
Feodorowna,« seufzte der alte Herr.
»Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens
einmal diese komische russische Anrede anzubringen – Tatiana
Feodorowna!«
Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der
Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muß, und erwiderte: »Es
ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.«
Das alte Fräulein schien hierdurch etwas besänftigt, wandte sich zu
mir und sagte: »Sie werden mir zugeben, daß es bei meinen Ansichten und
als freie Amerikanerin hart ist, den Namen Tatiana de Gribojedoff zu
tragen.«
»Vergessen Sie nicht, liebe Tatiana Feodorowna, wie oft ich Ihnen
angeboten habe, diesen Namen zu vertauschen,« sagte der kleine dicke
Herr und drückte wieder die Hand auf den vorspringenden Magen.
Da lachte die alte Dame laut. »Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder
Baschmakoff – das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie
Washington, Lincoln oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hießen,
hätte ich's mir überlegen können – aber so!«
Und beide, der alte Herr und das alte Fräulein, lachten über diese
Neckerei, die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff
alljährlich aus Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im
Lande ihrer Wahl zu besuchen.
»Die Philippinen machen mir viel Sorge«, erzählte uns die russische
Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, »es
ist offenbar notwendig, daß neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe
nur, daß das State Departement zu äußerster Energie in der Bekämpfung
der Rebellen entschlossen ist. Sicherlich müssen fremde Intrigen und
Aufwiegelungen derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist,
daß wir in dem geknechteten Orient Fuß fassen, sonst hätte jenes arme,
umnachtete Volk doch längst eingesehen, daß wir ihm das Licht der
Freiheit bringen.«
»Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so
recht gewürdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht
passen sie auch nicht so recht dorthin«, warf Herr Baschmakoff
schüchtern ein.
»Die Wahrheit und das Recht passen überall, aber Ihr Russen denkt
immer, daß Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, daß
Ihr jenen Völkern näher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch
auf dem weiten Umweg über Knute, Sibirien und Orthodoxie zu endlicher
Freiheit und wahrem Glauben geführt werden?«
»Was ist denn der wahre Glaube?« fragte Madame Baltykoff.
»Der wahre Glaube?« Miß Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete
dann rasch entschlossen: »Der wahre Glaube ist, was man in den
Vereinigten Staaten glaubt.«
»So so«, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als
sinne sie über ein schweres Rechenexempel nach, »Methodisten und
Baptisten, Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte
Brüder und Jünger Christi, Heilige der letzten Tage, Quäker und Shaker
– und gar die Mormonen – die haben also alle den wahren Glauben?«
Miß Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten
Diskussion verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff
bekam noch viel Schlimmes über Rußland von ihr zu hören und sie gab
ihm zu verstehen, daß, wer nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur
schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben
könne.
Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen
erscheint, so habe ich in Miß Tatiana eine lebende Assertion kennen
gelernt. Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich
vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte; in meiner damaligen
Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was das sei, und erhielt die
Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst bezahlt, indirekte
Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die ersteren
schlecht und die anderen gut.
Miß Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und
rascher Schlußfolgerung.
20.
_New York_, Januar 1900.
Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls
besuchen. Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit
draußen, in einer der Straßen mit den ganz hohen Nummern, die mich
immer an neuformierte, an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern.
Die Häuser sehen alle ganz gleich aus, man könnte jedes mit jedem
verwechseln, und darin liegt wohl gerade das Militärische; sagte
mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der seit ein
paar Wochen Leutnant war: »Vollkommene Gleichmäßigkeit ist das Ziel,
Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe.«
Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch
etwas auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter
ist, als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde, die
erwarten, daß ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere, in
dem eine Zeitung gedruckt, Korn verkauft, oder Geld gewechselt wird.
Ich ging noch durch einige allerletzte Straßen. Weiter hinaus sieht es
sehr bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstücke
erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen.
Zelte, aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt, Löcher in die
Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen, daneben Hütten, die
aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stücken von
Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevölkerung mit
unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus,
je weiter die Straßen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden.
Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite
im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs! Das wissen auch
die Leute, die heute noch in den exzentrischen Quartieren äußersten
Elends kampieren müssen, und deshalb ertragen sie alles leichter, weil
sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben,
daß man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in den neuen Ländern
weniger drückend. Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des
finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch über das
große Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter
sich zu lassen.
Heute war es aber unendlich melancholisch da draußen. Ein eisiger Wind
wehte über das flache Land. Kältebeladen kam er aus der Richtung der
großen nordamerikanischen Seen angesaust, fegte alles vor sich her und
pfiff unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen
Armeleutewinkelchen hinein. Ob die Bewohner all der wackligen,
klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren, daß dem geschorenen
Lamm der Wind bemessen wird? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt,
erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar.
Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking
verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes mußte ich gedenken, den wir
jetzt vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute
hier. Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so
eisig, als könne es nie wieder Frühling werden. Der Weg dehnte sich
endlos an der grauen Stadtmauer entlang. Die Türme mit den verfallenen
grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel.
Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee. Krähen flohen krächzend
vor dem Wind.
Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen
dies kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:
An den hohen Mauern der Stadt
Ritten wir beide schweigend,
Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,
Horchten im Schnee auf das Schrei'n
Der schwarzen Vögel.
Längst verließ ich dich, graue Stadt,
Wandre allein nun schweigend,
Habe keinem mein Leiden geklagt,
Nur in der einsamen Seele schrei'n
Die schwarzen Vögel.
Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt
erstarrt in Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. –
Stadt des Leidens, Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt
– und doch liebe ich die graue, düstre Stadt. Ich habe jetzt oftmals
ganz deutlich die Empfindung, als gehöre ich ihr, als hielte sie mich
für ewig, so fern ich ihr auch räumlich bin.
Ich fürchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt
haben und es nachher nicht mehr lassen können, immerwährend darüber zu
reden oder zu schreiben.
Das ist die Rache, die China an den weißen Menschen nimmt dafür, daß
sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stückchen
seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen –
schließlich sind _sie_ es, die von China absorbiert werden.
Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!
21.
_New York_, Februar 1900.
Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist
mir recht schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten
und Fieber. Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die
Meilensteine, die an meinem Lebensweg stehen. Schließlich wird solch
Meilenstein zu einem Kreuzchen werden. Und wohin der Weg dann weiter
geht und ob es überhaupt noch einen gibt, das weiß man nicht.
Es geht mir aber jetzt schon ein bißchen besser. Ich liege auf dem Sofa
am Kamin. Die weiße tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist
über mich gebreitet. Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus. Ich
weiß nicht, gilt seine Sorge mir, oder den vielen Briefen, die er in
letzter Zeit von zu Hause erhalten hat.
Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weißen
Treibhausflieders. In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von
draußen mit – so ein armer, winterlicher Flieder – all die Blütchen
schienen zu frösteln und sich zu wundern, warum man sie gezwungen habe,
sich so sehr zu beeilen, in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen.
Jetzt stehen die braunen Stengel, an denen oben die spärlichen weißen
Blütentrauben hängen, in einer schlanken, grünen Bronzevase neben
mir. Die Blumen haben sich etwas erholt, als seien sie dankbar, nun
doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben. Ein schwacher,
schüchterner Fliederduft, der beinah etwas Künstliches hat, steigt von
ihnen auf und zieht durch das Zimmer.
Er weckt viel Erinnerungen. Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene
Zeiten und Orte.
In Garzin, dem märkischen Gut, wo ich aufgewachsen, da blühte der
Flieder im Mai. Vier große Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloß,
in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr. Jeden Frühling, wenn der Flieder
blühte, kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuß angehumpelt; er
stellte sich im Schloßhof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel »Die
letzte Rose« und »Lang, lang ist's her«. Ich weiß nicht, wo er Winters
blieb, aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der
Invalide mit der Drehorgel, und der Flieder duftet, und wir Kinder
suchen fünfblättrige Fliederblüten – denn die sollten Glück bringen wie
vierblättriger Klee. Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch
ein fünfblättriges Blümchen – aber der glaubte nicht recht daran.
An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft!
Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder. In allen
Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche. Im April über Nacht
erblühten sie mit einemmal, alle zugleich. In allen Wohnzimmern, auf
allen Speisetischen war dann die gleiche weiß-lila Pracht und Fülle.
Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber. Das war die einzige Zeit des
Jahres, wo es in Peking gut roch.
In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmäßig eines
seiner Gartenfeste. Die chinesische, uniformierte Kapelle, die er sich
hielt und auf die er sehr stolz war, spielte die paar europäischen
Weisen, die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht
hatte. Mit den altbekannten, nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas
veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft.
Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar
Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen; sie
gingen paarweise, persönlicher Neigung folgend, oder gruppierten sich
je nach der augenblicklichen politischen Konstellation. Politik ist
eine Würze, die in Peking gern allem beigemischt wird. – Zum Schluß
dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf
dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt. Man tat jedesmal so, als
sei diese Quadrille der spontane Ausdruck überströmender festlicher
Stimmung – aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen.
Das war alles ganz stereotyp – denn alle Dinge in China haben die
Neigung, stereotyp zu werden!
Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas
so unendlich Wehmütiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der
Selbsttäuschung, zu dem so sehr viel guter Wille gehört. Kleine rührend
traurige Bemühungen, um zu vergessen, wo man ist, was alles fehlt. Der
festgefaßte und ernsthaft durchgeführte Vorsatz, auch einmal »große
Welt« zu sein.
Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich
verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen – sie erinnern an
kümmerlichen weißen Winterflieder – der ist auch nichts Rechtes!
22.
_New York_, Februar 1900.
Ich bin noch recht elend, möchte Ihnen aber doch ein bißchen schreiben,
um mir dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.
Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid – ich
möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und
mich trösten. Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg; wir
fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden,
und sobald man das ist, ist ja alles gut. Wenn wir aber oft krank sind
und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit
für uns schließt, dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel, das
nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb
nicht, daß ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre; die
kleine Ecke Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist
wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es
besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen. Am häufigsten kommt Madame
Baltykoff, und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein.
Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst; sie
besieht sich New York von allen Seiten: Auswandererherbergen, Fifth
Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street, Gefängnisse, Klöster
– tout lui est bon. Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch,
bei dem sie gewesen. Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft
sind und Geld verdienen, vertreiben sich die Damen die Zeit, indem
sie sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in
neuen, kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen. Für einen solchen
Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt. Die neuliche war lila. Alle
Blumendekorationen, auf dem Tisch, an den Wänden und Kronleuchtern,
bestanden aus Parma-Veilchen, das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila
Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin und Gäste trugen Kleider
verschiedener lila Tönungen. Das kleine, sehr verzogene Töchterchen
des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzählte,
es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch
herumgelaufen; die zärtliche Mutter bemerkte schließlich, daß ihre
Gäste hiervon nervös wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken,
sagte sie ihm nur: »Dodo, darling, renn doch jetzt mal in der andern
Richtung um den Tisch – es wird uns sonst schwindlig.«
Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen
Begebenheiten auch, am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von
den Zeitungen beschrieben. Die Öffentlichkeit des Privatlebens in
Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde.
Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400. Das
gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im
voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung
und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den
Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche
Handschuhnummer sie trägt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre
Hofmacher sind. Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel
ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue
Berechnungen aufgestellt, was der Bräutigam wert ist (an Dollars
nämlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein – sie agiert
beständig vor Reportern, die der neugierigen Menge die wichtige
Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewußtsein,
fortwährend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag
dazu beitragen, daß die modernen Amerikanerinnen der obersten
Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie
hervorrufen. Sie sind immer darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen
nicht eher, bis jeder, der ihnen naht, sich ihrem Charme ganz gefangen
gibt. Sie sind stets liebenswürdig, reizend und faszinierend, aber
gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen, blutarmen
Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen. Sie leben hauptsächlich
von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen
kleinen Gerichten, an denen sie ein bißchen herumknabbern; die
Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel; sie möchten am liebsten
alles Physische abschaffen, nennen es roh, höherer Wesen unwürdig, und
denken, daß es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt
sei, weil sie es mißachten. Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit
und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche
Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind,
können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit
gehen. Ein verliebter Europäer, der europäische Folgerungen ziehen
wollte, käme schlimm an; er würde zu hören bekommen, daß er kein
Gentleman sei und Frauen nicht respektiere.
Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam, welche
Vergötterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz
charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt
er noch aus der Zeit her, wo es hier so wenig Einwohner für das
riesige Land gab, daß man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen
Bürger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im Gegenteil ein
allermodernstes Gefühl, weil in der neuesten Zeit in der elegantesten,
reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und
man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. – Die schönen New
Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!
Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf
allen Gebieten zugestanden wird. Literarischer, künstlerischer Ruf wird
von ihnen bestimmt; wer vorwärts kommen will, muß so malen, schreiben
oder musizieren, daß er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt.
In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern
sehr überlegen, und niemand weiß das besser, als sie selbst, aber ich
glaube kaum, daß sie sich dadurch unglücklich fühlen, es erscheint
ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen; und die Pose der
feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden Frau, die von einem aus
gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird, ist eine
kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschöpfe sind es,
für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen, und
die große Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst
mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der
tausenderlei Dinge, die sie in steter Eile betreiben.
Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht
gerade deshalb am raschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine
eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit
aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen,
um die Zeit zu füllen. Die wahrhaften, berufsmäßigen Arbeiter eines
Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen, denn die haben
keine Zeit für ihn – und wieviel arbeitende, schaffende Frauen muß es
in dieser 70 Millionen-Nation geben!
23.
_New York_, März 1900.
Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?
Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im äußern ganz
römisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor
zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie
alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich
spärlicher Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dünner
weißer Waschseide, die er mehrmals des Tags wechselte, so daß er
stets von immakulierter Weiße war und ich ihm dort einmal sagte, er
gliche im äußern den Lilien auf dem Felde, aber das Sorgen überlasse
er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es darin wohl mehr mit
Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer
Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser
Rückbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll
gesunden Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie
ich mich freute, jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah
ebenso froh war ich wie Ta, der dem Provikar einen kotau-artigen
Knix machte und ganz strahlend schien, endlich mal wieder chinesisch
sprechen zu können.
Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber,
nachdem was er in Peking gehört habe, glaube er, daß Sie erst im Juni
dort eintreffen würden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von
Ihnen höre, und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai
meine Briefe liegen, die ich immer in der Illusion schreibe, als
schwatzte ich mit Ihnen, und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar
erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar, und
obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt, kennt
er doch sämtliche dortigen, kleinen und großen Intrigen, als hielte
er die Fäden in der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der
merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus, der
alle Diplomaten, diese Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stümper
weit hinter sich läßt.
Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société
de Pékin mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise
bedeute. Er antwortete, daß er auf dem Weg nach Europa sei, um dort
darauf aufmerksam zu machen, daß sich in China schlimme Ereignisse
vorbereiteten. Er erzählte mir, in seiner Provinz herrschten seit
Monaten große Unruhen, die von geheimen Gesellschaften ausgingen und
die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen. »Daran sind wir
ja gewöhnt,« sagte er, »was mich aber ernstlich besorgt macht, das
ist, daß diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen
in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten
Autoritäten in Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische
Christen überfallen worden, ohne daß eine Bestrafung der Täter zu
erreichen gewesen wäre; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen
Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen
Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht
des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang
ist. Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter
Haltung ja immer am ersten. Wir hören auch manches, was für andere
Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort,
»man brauche sich nicht zu fürchten, die Stunde der fremden Teufel
habe geschlagen«. Favier glaubt wie ich an eine große, nahende Gefahr,
denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden.
Die Führer der Großmessermänner sprechen es ja offen aus: »zuerst
die chinesischen Christen, dann die Fremden«. Ich habe dies Wort an
die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet worden,
wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmaßend
geworden, in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die
notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht
nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe
denen in Peking die letzte Warnung gegeben: »Die Gefahr betrifft
diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden – vielleicht
geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzählte. Ich
erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit
der alle Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den
einsamen, entlegenen Tempeln der Umgegend lebten.
»Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können?«
fragte ich ihn.
»Da kam vieles zusammen,« antwortete er mir. »Seit ein paar Jahren
herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot, und es ist dadurch ein Grad
des Elends entstanden, den man in Europa überhaupt nicht kennt. Viele
Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb, wegen der Erbauung
von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen, wovon
sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören. Nachrichten
über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam,
noch 1897 erinnere ich mich, Priester und Mandarine in der Gegend
von Jehol gesprochen zu haben, die nichts von einem japanischen
Kriege ahnten, aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten
europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung
und Erbitterung hervorgerufen. Die wachsende Unzufriedenheit richtete
sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung, die all diese
Übergriffe zugelassen hatten. Nun ist es aber der Kaiserin gelungen,
diesen Zorn von sich abzulenken, indem sie seit dem September 1898
alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt, an allen
Einbußen, die China in den letzten Jahren erlitten, schuld zu sein.
Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt
ihnen zu verstehen, daß sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden
zählt. Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit,
die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat –
aber sie ist, wie viele sogenannte große Leute, eine Meisterin in der
Wahrnehmung ihrer eigenen, augenblicklichen Interessen und fühlt immer
rechtzeitig, welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist,
um sich auf diese zu stützen. Jahrelang stand sie an der Spitze der
chinesischen Fortschrittspartei, was allerdings immer eine sehr milde
Dosis Fortschritt bedeutet, zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch
die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht, und
als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden
wahrgenommen, ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt. Heute wissen
alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler, daß die Kaiserin
nur auf ihre Erfolge wartet, um sich offen zu ihnen zu bekennen.«
»Aber es ist doch nicht denkbar, daß man dem ruhig zusehen und nur
abwarten wird, was weiter geschieht?«
»Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu
überzeugen – in Peking wollte man Favier und mir nicht glauben. Eine
Krise wäre allen unbequem, drum will sie niemand kommen sehen. Es gilt
jetzt eben die Parole, in China herrsche Ruhe und Ordnung und alles
dort angelegte Kapital würde in nächster Zukunft Goldströme einbringen.
Wer an diesem bequemen Optimismus rüttelt, ist natürlich unwillkommen
und am unwillkommensten den Geldleuten, deren Einfluß der unheilvollste
von allen in China gewesen ist. Diesen Herren zu Liebe, die geborgen
in Europa sitzen, und die selbst nie chinesischen Mördern und Boxern,
chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen können, wurden den
Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen. Es ging den
Finanzleuten nie schnell genug, sie konnten nie genug bekommen. Mehr
als jede Regierung waren sie von ihrer Allwissenheit überzeugt und
hörten auf keinerlei Vorstellung, die ihnen von Peking aus gemacht
wurde.«
»Ja«, sagte ich, »davon wissen die geschäftlichen Vertreter der
Finanzbarone in Peking einiges zu erzählen. Aber nicht nur diese
konnten ihnen nie genug erwerben, auch die Gesandten klagten darüber,
daß sie getrieben würden, Dinge durchzusetzen, die sie selbst für
unheilvoll hielten.«
Der Provikar fuhr fort: »Ich habe damals in Peking mit Mandarinen
gesprochen, die derartige Verhandlungen zu führen hatten. Es waren
Leute darunter, die den besten Willen hatten, die gerecht waren und
sich innerlich zu den nötigen Konzessionen entschlossen hatten. Aber
sie sind verzweifelt zu mir gekommen und haben mir geklagt, die immer
neuen Forderungen, die an sie gestellt würden, könnten sie unmöglich
dem Throne empfehlen. Man kenne keine Rücksicht auf chinesisches
Empfinden, es sei auch kein Ende abzusehen, immer wieder kämen neue,
weitergehende Verlangen. – Schritt für Schritt mußten sie dann doch
nachgeben. Schließlich sagte mir mal der eine: »Das, wozu ich jetzt
gezwungen werde, meine Regierung zu überreden, wird die reaktionäre,
fremdenfeindliche Partei ans Ruder bringen, und mir wird es noch mal
den Kopf kosten.« Und er hat mit beidem recht gehabt. Die gierige
Unersättlichkeit der Fremden hat die chinesische Regierung der
reaktionären Partei in die Arme getrieben, und jener chinesische
Unterhändler ist eines ihrer ersten Opfer, eine Art Sündenbock
geworden. Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen, sitzt er heute
verbannt in Turkestan, falls er überhaupt noch am Leben ist. Er ist
eine tragische Figur der modernen chinesischen Geschichte.«
»Aber was ist jetzt noch zu tun möglich?« fragte ich.
»Vor allem in Peking keine Inkonsequenz, keine Schwäche zeigen. Auch
könnte man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen, daß man gegen
sie für den jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen
würde. Das ist eine Karte, die noch gar nicht ausgespielt worden
ist. Und vor allem, auf alle Möglichkeiten gefasst sein, immer
Gesandtschaftswachen in Peking halten und berittene Mannschaften zur
Hand haben, die auf die geringste Gefahr hin in Tientsin ausgeschifft
werden können, um die Bahn zu schützen.«
»Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen?«
»Ja, ich halte es für meine Pflicht, noch einmal zu warnen, denn wenn
man den jetzigen Moment versäumt, und nicht noch Einhalt geboten
wird, so muß gerade das eintreten, was man vermeiden möchte, und wir
können in China eine Katastrophe erleben, wie sie noch nie dagewesen.
Aller Handel, alle dortigen Unternehmungen werden auf Jahre hinaus
unterbrochen werden, und wir müssen notwendigerweise in Verwicklungen,
Opfer und Ausgaben geraten, die sich gar nicht absehen lassen.«
24.
_New York_, März 1900.
Heute früh brachte die Post einen Brief aus China für Ta. Ich gab ihn
ihm. Nach kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem
Gesicht, hinter dessen orientalischem Gleichmut doch die Bestürzung zu
lesen war, er bäte mich, ihn nach Hause zurückreisen zu lassen, seine
Mutter verlange durchaus nach ihm. Ich konnte es nicht verstehen,
denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmäßig Geld, und sie ist
eigentlich besser daran, als wenn Ta in Peking wäre. Er blieb aber
dabei, der Brief sei so, daß er nicht länger zögern dürfe, er müsse
durchaus nach Hause, wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein.
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück kam der Provikar zum
Frühstück zu uns. Ihm erzählte ich den Fall und bat ihn um Rat. Ta
wurde hereingerufen. Sie verhandelten lange miteinander auf chinesisch,
der Provikar las den Brief, dann wandte er sich an mich: »Das ist
nun gleich eine Bestätigung dessen, was ich Ihnen vor ein paar Tagen
erzählte. Die chinesischen Konvertiten in und um Peking scheinen zu
wissen, daß sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten. Tas Mutter,
die wie so viele Christen in der Nähe des Petang lebt, fürchtet sich
offenbar sehr. Sie hat Drohungen gehört gegen die Christen, die
Fremden und alle, die zu ihnen halten. Sie ist Witwe und wohnt allein
mit ihren jüngeren Kindern und mit Tas Frau. Den Brief hat sie einem
Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt, er solle möglichst rasch
zurückkommen. Er fügt noch hinzu, daß Ta, da er Tatare und Bannermann
sei, eigentlich gar nicht außerhalb eines bestimmten Umkreises von
Peking hinaus gedurft hätte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt
worden, sie hätten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch
mit kleinen Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen
übel wollten, an, von Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu
erkaufen, gehörten Summen, die sie nicht aufzubringen imstande seien.
Würden sie aber denunziert, so würden sie eingekerkert, gemartert und
um alles gebracht werden. Besonders in jetziger Zeit, wo sich Christen
still verhalten und suchen müßten, möglichst unbemerkt zu bleiben.«
»Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr?« fragte ich den Provikar.
»O ja,« antwortete er. »Es ist alles daran so echt chinesisch.
Nirgends wie in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d. h. Leute,
die auf ihn drücken, die etwas Schlimmes, das sie über ihn wissen,
ausnutzen, um ihn zu schröpfen. Es ist das Land der Denunziationen, der
Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem Anderen Mächtigeren.
Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften, große
Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat
eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit
den Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht für größere
Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den
Tientsiner Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.«
»Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?«
»Ich fürchte, Sie müssen sich entschließen, ihn nach Hause zu schicken.
Er wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich
nicht mehr beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefühl, daß es
seine Pflicht ist, zu ihr zurückzukehren. Wie sehr der Chinese seine
Eltern verehrt, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen – das steht
sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern. Ich habe durch jahrelange
Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die Verehrung an sich
wirklich eine so sehr große ist; aber jeder Chinese wird den Schein
wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafür
sogar große Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen
fort, er sagt, wenn er keine Mutter hätte, schnitte er sich den Zopf
ab und bliebe immer bei Ihnen, und mehr kann kein Chinese sagen; aber
er ist fest entschlossen, zurückzukehren. Sie hängen nun einmal alle
so merkwürdig an gewissen Dingen, die ihnen zum Anstand als notwendig
erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die ungerechte,
harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste
gepflegt haben – nicht etwa Gefühls und Mitleids halber, sondern des
äußern Anstandes wegen – sie hätten nicht für treulose Diener gelten
wollen. Dies selbe Gefühl zeigt sich uns ja täglich, wenn wir in China
Gäste haben; da wird in unseren Häusern immer alles musterhaft gehen
– darauf halten unsere chinesischen Diener um ihrer selbst willen, wo
sie in Stellung sind, soll es nach außen gut aussehen. Tas Wunsch, nach
Hause zurückzukehren, ist meiner Ansicht nach viel mehr eine Frage des
Scheins als der persönlichen Neigung. Ich wette, dem Gefühl nach bliebe
er lieber bei Ihnen – obschon ich es nach dreißigjährigem Aufenthalt in
China längst aufgegeben habe, Vermutungen anzustellen über die Gefühle
der Chinesen. Sie sind eben die ewig Rätselhaften.«
Wir sprachen dann über Tas Rückreise und kamen überein, daß es zu große
Schwierigkeiten verursachen würde, ihn ganz allein über San Francisco
nach Hause reisen zu lassen. Ich fühle mich doch auch verantwortlich
für dies gelbe Menschenkind, das ich aus seiner Welt herausgerissen
habe. Schließlich bot uns der Provikar Hofer an, Ta mit sich zu nehmen
nach Europa und von da zurück nach China. In wenigen Tagen reist er.
Ta selbst ist offenbar traurig darüber, scheint aber andererseits
befriedigt, einen hohen geistlichen Herrn zu begleiten, der ihm als
Geschäftsreisender der Kirche doch noch viel mehr imponiert, als mein
Bruder, der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht! – Aber mir
ist seitdem ganz weh ums Herz.
25.
_New York_, März 1900.
Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draußen
der Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.
Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar
nach Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte
die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet, die Stiefel blank
geputzt – das Methodische, Regelmäßige seiner Rasse lag in dieser
kleinen Handlung, noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun.
Sein Gesicht aber war ganz verändert, aufgedunsen vom Weinen, daß die
geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke, ihn gehen
zu lassen, kam mir plötzlich ganz unmöglich vor, ich fühlte, wie mir
selbst die Tränen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer
es ihm wurde, und so sagte ich ihm: »Willst du nicht bleiben? Es ist
ja noch Zeit, Ta.« Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen,
orientalischen Lachen, das wir Occidentalen nie ganz verstehen, das
bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als vollkommen unangebracht,
ja verletzend berührt, das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt
und dem rührenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten sind viel zu
gering, als daß sie dich stören dürften. So grinste denn der arme Ta,
während er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er,
indem er einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schüttelte und ganz
leise sagte: »Nicht sprechen, Taitai.«
Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen über das, was nicht zu ändern
ist.
Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmädchen
in den sauberen weißen Mützen umdrängten ihn, mehrere brachten ihm
kleine Andenken, und alle riefen ihm nach: »Glückliche Reise, Ta! Komme
wieder, Ta! Aber bringe keine chinesische Frau mit, Ta!«
Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im
fernen Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerührt und
traurig ist.
Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer
übergeben sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen
verschiedenen Straßen, die immer ärmlicher, häßlicher und holpriger
werden. In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es
von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern, zu den
Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden
kleinen Läden und Kneipen, die man ganz verwundert ist, noch irgendwo
in New York zu sehen. Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der
lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen
flüchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit
zu Arbeit hasten.
Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen,
Hasten, sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervöse Lachen,
das Händedrücken, das Küssen und Weinen der letzten Stunde vor der
Abfahrt. Unendlich viel verschiedene Typen, die die neue Welt auf
jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt! In die drei großen
Kategorien der Vergnügungs-, Geschäfts- und Gesundheitsreisenden
lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden die meisten
Reisenden noch begleitet, so daß ein entsetzliches Gedränge auf dem
Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso
abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen, und
erteilen mit lauter Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmäßig, echt
europäisch. –
Nur mit Mühe fand ich in dem Gewühl der Abreisenden und
Abschiednehmenden den Provikar. Ich übergab ihm Ta, und er versprach
mir nochmals, gut für ihn zu sorgen und ihn sicher bis nach China zu
bringen. Dann tönte auch schon die Glocke, daß die Nichtreisenden das
Schiff zu verlassen hätten. Ich reichte beiden noch einmal die Hand und
sagte zu Ta »Gott behüte dich!« denn in diesem letzten Augenblick hatte
ich das klare Bewußtsein, daß er mit offenen Augen in eine große Gefahr
ging, weil er es für recht hielt – in seiner Art auch ein Held, trotz
Zopf und Schlitzaugen – und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg, der
so viele Helden schon begleitet hat: »Gott behüte dich!«
Dann kam ich in das Gedränge, und zwischen lauter fremden Menschen,
die alle auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten, ward ich
vom Schiff auf die Brücke und dann in den großen dunkeln Schuppen
geschoben, an dem der Dampfer noch lag. Ich blieb noch einmal stehen,
durch das große, offene Tor, das man eben schließen wollte, sah ich
noch einmal das Schiff – es war jetzt los vom Lande, ein Zittern ging
durch das Ungeheuer, als ob ein Riese sich seiner Kraft bewußt würde.
Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar – da
schloß sich das Tor.
Vor mir zur Straße zurück ging eine gebeugte, alte Frau, die bitterlich
weinte; ein kleiner Junge führte sie, und ich hörte ihn tröstend sagen:
»Never mind, granny dear, they'll come back!« Aber die alte Frau weinte
weiter, sie hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren
sehen und wußte wie ich, daß Menschen vielleicht, Zeiten aber nie
wiederkehren.
Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf
mir, lieber Freund, das Zerrissene, Heimatlose. Der arme Ta war mir
immer noch wie eine Verbindung mit den chinesischen Jahren; sie waren
ja in vielem traurig und enttäuschend, manches haben wir dort erlebt,
manches aus der Heimat dort vernommen, was uns in tiefstem Herzen
geschmerzt hat – aber ich fühle jetzt doch, daß ich dort angefangen
hatte etwas Wurzel zu schlagen – und dann – man trauert ja auch um die
grauen Tage, wenn sie erst vorbei sind, weil sie eben nie wiederkehren
können und mit ihnen ein Stück von uns selbst verstorben ist.
Seit den Gesprächen mit dem Provikar habe ich die Empfindung, als sei
das China, das ich gekannt, auf immer dahin. Bis jetzt dachte ich, ich
brauchte nur umzukehren, dann fände ich dort alles wieder, wie ich es
verlassen habe – aber dem ist nicht so, man findet nie alles wieder,
denn nichts bleibt still stehen, nicht einmal in China. Und nun quält
mich die Angst, was werden wird, wenn der Provikar wirklich recht hat
mit allem, was er prophezeit.
Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen möchte, noch
rechtzeitig zu warnen! – Und dann sage ich mir wieder, ist es denn
je gelungen, Ereignisse abzuwenden, Schicksale zu lenken? Menschen
mühen sich ab, ängstigen und grämen sich, möchten helfen und bessern,
und in allem, was sie tun, zum Nutzen oder Schaden anderer, was sie
sich einbilden, aus freier Wahl zu tun, was ihnen als Versäumnis oder
als Verdienst erscheint – in alledem sind sie vielleicht nur blinde
Werkzeuge eines blinden Verhängnisses. – Wer kann es wissen?
Draußen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin, das Ta und den
Provikar trägt, und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere, alle
voller Menschen, die auch zweckerfüllt und verantwortungsbelastet sind.
Und vielleicht ist all das umsonst, vielleicht hat doch das Verschen
recht, das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten
Segelschiffes fand:
»Wirst du einst alt und weise,
So weißt du, daß die Reise
So zwecklos war wie die Well'n.«
26.
_New York_, März 1900.
Lieber Freund, es gibt doch komische kleine Züge in den Menschen!
Wie ein Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Diözese ausgezogen.
In elendem Boot auf dem großen Kanal und in knarrendem Karren auf
durchlöcherten Wegen ist er zuerst nach Peking gefahren, um vor
kommendem Unheil zu warnen; und als man dort nicht auf ihn hört, zieht
er weiter über Amerika nach Europa, um da seine Stimme zu erheben.
Selbstsüchtige Zwecke sprechen dabei nicht mit, auch nicht Angst um
eigene Sicherheit – er will von vielen Unschuldigen eine große Gefahr
abwenden, verhindern, daß die Stecklinge westlicher Zivilisation, die
so mühsam im fernen Osten gepflanzt wurden, in einer großen Katastrophe
vernichtet werden, er will die »Pekinger Taubblinden« um jeden Preis
retten.
Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen, und die Beschäftigung mit
der Kirche schärft den Sinn fürs Praktische. Kleine Vorteile soll man
auch auf dem Wege zu den höchsten Aufgaben mitnehmen. Während seiner
New Yorker Rasttage hat Hofer den ihm gänzlich unbekannten Charles
W. O'Doyle besucht und ihn auf Grund des chinesischen Ursprungs
seiner Millionen für die Missionshäuser angebettelt. O'Doyle hat
ihm eine bedeutende Summe gegeben, denn diesem großen Mann ist sein
Katholizismus ein Luxusgegenstand, den er sich etwas kosten läßt. Er
und mehr noch die Prinzeß von Armenfelde schmücken sich mit dieser
Religion, die ihnen wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint, und der
sie unter ihren Landsleuten viel Bekanntschaften in höheren sozialen
Kreisen verdanken, die sie ohnedem schwerlich je gemacht hätten. In den
Vereinigten Staaten ist der Katholizismus très-bien porté, wie Madame
Baltykoff neulich sagt.
Das Komischste aber ist, daß Hofers Appell an O'Doyles Wohltätigkeit
und dessen Spürsinn für das Sensationelle in Geschäften mir eine große
Bilderbestellung eingetragen haben!
O'Doyle und seine Tochter waren eben bei mir. Er teilte mir gleich
Hofers Besuch mit und ließ durchblicken, daß die Summe, die er ihm
für die Mission angewiesen habe, allein schon die Reise wert sei.
Dann sagte er, er glaube, Hofer habe recht mit seinen schlimmen
Prophezeiungen; sie stimmten überein mit den Voraussagungen seiner
Hongkonger Geschäftsfreunde.
»Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen,« sagte O'Doyle.
»Ich täusche mich selten, wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle.
Sollten Sie Geld in China haben, rat ich jetzt zu verkaufen, können
später billig wieder kaufen – ganzes Geschäftsgeheimnis in den paar
Worten: billig kaufen, hoch verkaufen. Zu merkwürdig, daß immer noch
Menschen durchaus umgekehrt operieren wollen.«
Nachdem ich ihm versichert, daß ich weder in China noch anderswo Geld
habe, fuhr er fort: »Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport.
Baue dort kleinen Pavillon für Nachmittagstee. Habe chinesischen
Pagodenstil gewählt, ausgeschweifte Dächer, bunte Kacheln, viele
Drachen, kleine Glöckchen; habe mich dazu entschlossen, weil dies
Jahr, wie gesagt, nur von China gesprochen werden wird. Teepagode
wird a great success sein! Brauche zur inneren Dekoration chinesische
Ansichten; wollen Sie sie malen?«
Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und mußte meine Mappen
chinesischer Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe,
während Sie zuschauten. Vater und Tochter suchten gleich aus. Die
Prinzeß war für das Malerische: ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse,
verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein Gewühl von Booten bei Kanton
gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das alles. »Ich will lauter
Pekinger Bilder haben,« sagte er, »dort liegt die Hauptgefahr, hat
Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.«
Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt
worden!
Schließlich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger
Stadtmauer, für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern
der Paläste und für ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer
Soldaten zieht – das behagte ihm besonders, denn er meinte, sie sähen
alle wie Räuber, Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehr
typisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme. Er stellte
mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen – vielleicht will er abwarten,
ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, daß die Bilder
wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.
Es war komisch, O'Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt
zu sehen, aber es beängstigte mich doch sehr, von Revolten und
Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören, als von Umständen, die man
im voraus eskomptiert, durch die Aktien steigen oder sinken. Aber die
Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt. Da sprach man ja auch
von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen, die ihren rückständigen
Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten, und es kam auch
wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die
Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen
das Häuflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre bloße Gegenwart genügte,
um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu
halten.
Es wird wohl diesmal wieder so werden!
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
27.
_Berlin_, Mai 1900.
Mehr als ein Monat ist verstrichen, ohne daß ich Ihnen geschrieben
habe. Ich bin während dem über den Atlantischen Ozean gefahren, stehe
auf demselben Festland wie Sie – aber doch welch unabsehbare Ferne
zwischen uns – und Sie wissen noch nichts von dem, was sich in dieser
Zeit ereignet hat. Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich
könnte sagen, daß es mir an Zeit gefehlt. Das wäre aber nicht wahr. Ein
dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten, das ich mir selbst kaum
zu erklären vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalität, die Schweigen
heißt. Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben, wie ich
deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht.
Denn es gibt Anlässe, wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet,
weil es eine Hülle ist, eine breite wohl ausgetretene Straße, an deren
Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird. Man bleibt damit dicht an
der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens, enthüllt nichts, was zum
innern Ich gehört. Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu
gelangen, muß man in die Tiefen des Herzens greifen, und davor graut
uns, wissen wir doch nie, was wir in ihnen finden werden.
Es ist alles so plötzlich gekommen. Das Ende scheint uns ja immer
plötzlich. Ich mußte mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich Ihnen
schreiben konnte.
Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben. – Wir erhielten in
New York ein Telegramm, daß er, dessen Namen ich trage, schwer
erkrankt sei. In der Anstalt, in der er sich seit Jahren befand,
war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Er war zwar gerettet worden,
aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute
Gehirnerkrankung ein. Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub
von seinem Geschäftshause, und wir reisten mit dem nächsten Schiff
von New York ab. Als wir eintrafen war alles vorüber. Wir fanden nur
ein frisches Grab. Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick,
wußte nicht, was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde, denn
für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir
uns zu kennen, aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst
immer wieder Überraschungen. – Als wir zum Grabe gingen, hielt ich
mich zuerst fest am Arm meines Bruders, wie um Schutz zu suchen vor
Unbekanntem, und dann allmählich ließ die Spannung der Nerven nach –
nichts Unbekanntes, nichts Neues erschien – nichts war verändert. Ich
ward mir plötzlich bewußt, daß ich ganz ruhig war.
Was habe ich eigentlich empfunden?
Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, daß sein Tod niemandem so
erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die
nicht wie er die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen,
das Leben der Jammer, nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch,
weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten
auch Leute regiert, wie sollten Leute zu Gott geführt werden, qui
feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses eine spezielle
Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch so
viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen läßt. Und doch
ist dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet.
Einer Kette mit bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz
hemmend und lähmend an eine andere gehängt. Diesem anderen Wesen war
die Fähigkeit verliehen, den vollen Schmerz, die ganze Entwürdigung
dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen; Hoffen, Streben,
Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt von all den
Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben
wie eine stumpfe, träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere
sich mit dem entsetzlichen Bewußtsein eigener Vergeudetheit und
Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte, da hat eine
rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht. Nichts ist aufgeklärt,
nichts versöhnt. Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen. Wozu
das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklärt mir nichts. In der
Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt, die
trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so
hoffnungsloses Wirrsal werden lässt, in der Vorstellung liegt eine
solche Grausamkeit und Willkür, daß man sie immer anrufen möchte: »So
verantworte dich doch, verantworte dich!« – Während all der letzten
Jahre habe ich immer gesucht, diese Gedanken niederzuhalten, habe
gekämpft, die Bitterkeit zu überwinden – und wie schwer war es doch
oft! Besonders wenn es Frühling wurde, Frühling für andere und sie es
so selbstverständlich fanden, glücklich zu sein – und man selbst war
so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, für die sich kein Platz
findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der
großen Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen
treibt, die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch
ungelebt zurückschwinden müssen in das Unbekannte, aus dem sie hoffend
aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen,
als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer. – Aber, wenn es uns
selbst trifft, wenn die Unabänderlichkeit gerade uns faßt, alles das
in uns knickt, was werden möchte, wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und
Warten beginnt und doch nie anderes bringt, als dieselbe Enttäuschung,
denselben müden Abend – dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit
des Weltenleids, weil es unser Leid ist. Ach, das gläubige Hoffen
junger Jahre, das allmählich zu zweifelndem Warten wird! Wenn uns
zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen, denken wir, daß sie
nur ein vorübergehender Irrtum sind – etwas wie ein Rechenfehler –
der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird. Alles in uns
selbst erscheint uns so wichtig, so sehr der Entfaltung wert, daß
wir den Gedanken unerträglich finden, irgend etwas unserer kostbaren
Gaben könne unentwickelt, ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen. –
Samenstäubchen? – ja, für die ist es unabänderliches Weltengesetz. Aber
wir?
Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen, sie wachsen zu langer
Kette, und blicken wir zurück, so sehen wir, wie Vieles schon in
uns gestorben, noch ehe es leben durfte, verkümmerte Talente,
schaffensfreudiges Wollen, Sehnsucht zu lieben, Anlagen und Interessen
– alles umsonst in uns gelegt, es sollte sich ja nie entfalten dürfen
– war schon im voraus verdammt. Denn viele sind berufen, aber Wenige
sind auserwählt. Mählich wächst dann die Erkenntnis, gegen die wir uns
zuerst noch sträubten, von der wir im Innersten längst wissen, daß sie
recht hat – auch wir gehören zu den Verschwendeten, zu den Millionen,
deren Erscheinen ganz zwecklos war. Überproduktion. Schaum, der über
den Rand des Bechers fließt.
Wer das vom eigenen Leben erkannt hat, den fröstelt es in Mark und
Blut. Wozu überhaupt noch weiter? An Stelle all des Gewollten tritt ein
einzig großes Sehnen, wie die welken Blätter müde niederzusinken und
unter weißschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden,
Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde – dazu vielleicht
taugen auch wir.
Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum
gekämpft, ruhig und still zu werden. Denn Bitterkeit und Empörung zu
Wehmut und Mitleid wandeln – das ist des Lebens Aufgabe, die wir lösen
müssen, wollen wir nicht in Verzweiflung enden.
Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch,
der da unten ruht. Hat mir nichts Übles gewollt – liebte mich sogar
einstmals auf seine Art – es kursiert ja so viel Verschiedenes unter
diesem Namen. Hat mir nichts Übles gewollt – hat nur mein ganzes Leben
vernichtet – hat dazu gerade lange genug leben müssen – in allem
anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein. Niemand kann darauf
Antwort geben: warum mußte er sein und selbst so viel leiden und so
viel Leiden verursachen? Sicher hat auch er einst die große Empörung
und Bitterkeit empfunden, als er zuerst des Unheils Nahen fühlte,
nicht mehr denken konnte wie er wollte, seltsame Handlungen beging,
deren Motive ihm nachher verschwunden waren. Sicherlich hat auch er
sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche, Stärkere; hat
sich doch schließlich auch in sein Schicksal fügen müssen, denn das
Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille – auch
wenn Schicksal Wahnsinn heißt.
»Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle,« erzählte uns sein Wärter, »hatten
vor der Feuersbrunst, während seiner letzten Lebenszeiten, mehr und
mehr abgenommen; es war, als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit;
wir erleben das an vielen Kranken; es ist dann schließlich ganz leicht,
mit ihnen fertig zu werden.«
Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dann stumpf und mürbe werden,
das ist so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen
Irrenzelle, der andere draußen in der weiten Narrenwelt.
»Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr,« sagte der
Wärter.
Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche
Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!
Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das Übel, Tod nur Ende und
Erlösung.
Immer stiller ward es in mir. Ich war so völlig ruhig, daß es mich
selbst erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die
Verzweiflung meines Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen
weit zurück in vergangenen Jahren. Als es niemand noch wußte, als ich
für eine glückliche Frau galt – das war meine härteste Zeit. Damals
lehnte ich mich innerlich auf. Unerträglich war das Gefühl eigener
Zwecklosigkeit, unerträglich der Jammer um mein junges Leben, das mir
noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles überwunden.
In mir ist schon lange eine große Stille – ich gleiche einem jener
ausgestorbenen Häuser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab
ändert nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal
sei's gedankt, daß von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben
kann, dem Schicksal sei es auch gedankt, daß in mir selbst die
Bitterkeit längst schweigt.
Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.
28.
_Berlin_, Mai 1900.
Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muß er nach
New York zurück. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist.
Ich warte hier in Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen
einschiffen, denn natürlich gehe ich wieder mit ihm – wir gehören ja
seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein
Stück Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiß verstehen. Hier
sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin bleiben
und mir ein Heim gründen – als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu
mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch
wohl: »Wäre gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau,
geistiges Milieu, neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung
werden.«
Welch einsames, kleines Heim würde das sein, und wie gleichgültig
läßt mich das »geistige Milieu«! Für wen? Für wen? – Mir ist es ganz
einerlei, ob mal bei meinem Begräbnis ein paar »politisch bedeutende«
Leute sagen: »Wieder ein angenehmes Haus weniger – gab doch famose
Diners, die Frau« und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen
gehen!
Ja, wenn man jung wäre und die Schwungkraft besäße, die der Glaube an
die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin müde – nur immer
müde.
Und soziale Ambitionen! – ach, Du lieber Gott!
Wäre mein Bruder nicht bei mir, ich käme mir ganz verloren vor, denn in
Berlin fühle ich mich so fremd – fremder beinahe als in Amerika oder
China!
Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, daß es, wenn ich mal wieder
nach Deutschland käme, gar nicht anders sein könne, als daß mich gleich
ein wonniges Heimatsgefühl umfange – und nun ist alles so ganz anders,
als ich es mir in der Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben
anders, als man es sich dachte – aber nie schöner!
Seit ich in Deutschland bin, warte ich beständig auf das Erwachen
meines Heimatsgefühls – aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte
viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber
vergeblich. Daß die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen großen
Männern es nicht weckte, ist nicht zu verwundern, denn die war mir
gänzlich neu. Hat mir nur bewiesen, daß mich als Kind ein richtiger
Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte – die
Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend.
Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es
Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht
zum Bewußtsein einer Heimat gelangen.
Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb
rührend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach
seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber fürchten Sie
nichts, lieber Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch
darüber schreiben! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer
Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen. Ich fürchte,
er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von den Stätten des
Glaubens, ich von denen der Jugend – für Glauben und für Heimat gibt es
vielleicht auch ein »zu spät«. Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd
geworden, so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht
wieder finden.
Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in
mir, daß ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will, um sie
mit mir zu nehmen, wenn ich wieder hinaus segle. Hier in Berlin ist
alles so neu, fremd und groß geworden, daß ich mich vergeblich darin
nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue. Ich will sie suchen draußen
auf dem Lande. Morgen früh will ich nach dem Gute fahren, das einst das
Elternhaus meiner Mutter war, und in dem ich dann später bei Verwandten
als Waise lebte, bis der unerwartete Glücksfall eintrat, daß sich für
mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand!
Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe
den Bruder beneidet, den ich damals selten sah, von dem ich aber
wußte, daß er sich zu einem nützlichen, ihn unabhängig machenden Beruf
ausbildete. Wie gern hätte auch ich das getan! Aber meine Verwandten
hielten es für ihre Pflicht, mich wie die eigenen Töchter zu erziehen,
d. h. mich moderne Sprachen, Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen
lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer
zu übertragen, wenn Besuche kamen. Es war möglichst unpraktisch, aber
ganz standesgemäß. Ich beneidete die Gutsmamsell, die sich ehrlich
ihr Brot verdiente, und ich suchte von ihr zu lernen. Die Verwandten
lachten mich aus und sagten, ich würde sicher noch mal eine gute Partie
machen. Na, sie haben ja in ihrer Art recht behalten – aber die Mamsell
habe ich später erst recht beneidet!
Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung
geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das
Recht, das man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich
es unbewußt immer »zu Hause« genannt, obschon die Verwandten, denen
es damals gehörte, längst tot sind und es jetzt, durch allerhand
unverständliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz fremden, alten Herrn
geworden ist, der nie hinkommt, und sein bißchen kränkliches Leben von
einem Badeort zum andern schleppt.
Dorthin will ich also morgen früh fahren, und bei dem Gedanken dieses
Wiedersehens klopft mir das Herz – ich denke mir, so muß einem zu Mute
sein, wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein
Stelldichein – mit der Vergangenheit!
Ich trete immer wieder ans Fenster, von dem man auf den innern, zu
einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den
hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir, und jede
graue Wolke, die daran vorüberzieht, beängstigt mich, denn ich möchte
mein liebes, altes Garzin nicht im Regen wiedersehen, sondern in seinem
hellsten, sonnenbeschienenen Frühlingsgewand. Das stand ihm immer am
besten!
29.
_Berlin_, Mai 1900.
Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!
Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstraßen-Bahnhof ab. Zuerst durch
das häßliche Straßengewirr, an hohen Häusern vorbei, in die man von
rückwärts hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrücks all
ihre Geheimnisse ergründen. Staub, Ruß, eine unabsehbare Menge von
Schienensträngen, auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren. An
allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen, ruhelosen Großstadtgesichtern,
lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen
müssen. Lauter kleine Räder eines einzigen großen Betriebs. Alles grau,
freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt.
Endlich hinaus aufs flache Land und, einer Überraschung gleich,
wahrgenommen, daß es ja eigentlich Frühling ist! Hellgrüne
Saatenfelder, Gemüsegärten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde,
Strausberg, noch andere, altbekannte Namen. Bald darauf hoher
Fichtenhorst, mit Wacholderbüschen als Unterholz; in den Wäldern
scheint die Nacht noch in großen bläulichen Nebelfetzen zu hängen; der
Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den
ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel.
Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum
Garziner Bezirk gehört. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen
sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmäßigen Pyramiden aufgebaut.
Bläulicher Dunst lagert über dem Moor, weiße Birkenstämme schimmern
hindurch, hellgrüne, herzförmige Birkenblättchen zittern in der
Morgenluft; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel.
Nun hält der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es
in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlüssig
auf dem Perron stehen. Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie,
die auch ausgestiegen ist, und ich höre ihn sagen: »Hier, über die
Bahnbrücke, zur Kleinbahn nach Garzin.«
Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der
Berliner Familie und dem Gepäckträger, der sich mit einem Fahrrad und
etlichen Taschen belastet hat, über die hohe Brücke, unter der wir den
Zug, der uns gebracht hat, schon nach Osten weiter rollen sehen, und
steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug.
»Kein Gepäck, Madamken?« fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise
und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe
den Mann sicher schon früher gesehen, und mir ist auf einmal so bang
geworden, als täte ich ein Unrecht, und könne dabei ertappt werden.
Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und
behäbig, Leute, an denen alles selbstverständlich erscheint, die das
Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die
Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen. Dann ist eine
erwachsene Tochter da, eine offenbar höhere Tochter, vielleicht hat
sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht, und eine kleine, kränkliche
Tochter mit altem, verbittertem Kindergesicht. Außerdem ein Vetter,
ein junger Mann, auf dessen blassem, pickeligem Gesicht die keimenden
blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen.
Er ist im Radelkostüm, wodurch dünne Beine und lange platte Füße
besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist vorne
mit roter seidener Kordel zugeschnürt. Er trägt einen weichen weißen
Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt.
Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten, als
seien sie allein auf der Welt, und ich entnehme, daß sie wegen Rikes
Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren, und daß ihnen das
Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden, die den letzten Sommer
dort verbrachten, sehr gerühmt worden ist.
Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!
In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand
und einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der früher einmal ein See
gewesen sein muß, bis zum Eingang des Städtchens Garzin. Dort steigen
wir aus. Die Berliner Familie, geführt vom Gepäckträger, schreitet
eifrig auf der Hauptstraße dem Stadtsee zu.
Ich folge langsam. Das Straßenpflaster ist ganz so holprig geblieben
wie es von jeher war. Große und kleine Feldsteine, rundliche,
eckige, spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt. Die kleinen
einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder, an den Haustüren hochstämmige
Rosen, deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt
haben. Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild,
auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die kleine
Gastwirtschaft, über deren Tor zu lesen ist: »Der alte Brauch wird
nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber neben dem
Altbekannten wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Häuser, echte
Vorortsvillen, anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein
richtiges Hotel, durch Gitter von der Straße getrennt, inmitten eines
Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen. Dahinter erblicke ich den
blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche,
schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher. Jetzt fahren ein
paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein großes
kastenartiges Gebäude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift
funkelt »Sanatorium«.
Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist
alles noch ziemlich unverändert. Das Geschäft der Witwe Wronkow,
deren bunte Kattune, Knöpfe, Parfümfläschchen uns als Kinder manchen
Groschen entlockt haben; der Eckladen von Rückheim, wo die Honoratioren
des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden; das
Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe.
Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen
Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze
Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom
Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das
Allerjüngste im Arm.
Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein
Adler mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend.
Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf.
Ich habe da plötzlich eine große Sehnsucht empfunden, in diese
Kirche einzutreten, wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefaßt und
zum lieben Gott gebetet habe, er möge mir große heroische Aufgaben
stellen, was dann doch nicht hinderte, daß ich gleich nachher über die
kleinen täglichen Pflichten stolperte. Ich wollte so gerne den Altar
wiedersehen, mit seinen gewundenen Säulen und den dicken, geschnitzten,
zopfigen Engeln, die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln,
auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70 stehen.
Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen
Kirche recht und vorschriftsmäßig ist, denn der Protestantismus
erzieht ruhige, pünktliche Menschen; plötzliche Sehnsuchten und
Gefühlsaufwallungen liebt er nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum
Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der ordnungsmäßigen Sprechstunde, die
im Kreisblättchen angezeigt wird.
Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten
Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dünnen, fadenartigen
Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster,
die in der Sonne glänzen. Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die
Kirche steht, und der längst nicht mehr benutzt wird, sieht genau wie
früher aus, eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern, die die grauen,
verwitterten Grabsteine überwuchern. Ich suchte nach einer alten
Gedenktafel, über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen
habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeißelten
Spruch, den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch
mehr verwischt haben:
»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.
Er war ein müder Wandersmann,
Gekettet schwer in Sündenbann,
Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an.«
Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, daß ich lange Romane
über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann; jetzt dünkt mich, sie
passen als Grabschrift für jeden unter uns.
Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden. Schaute
den Vögeln zu, wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln
anschleppen, da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben,
daß sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen läßt.
Dann ging ich dem Garziner Schloß zu.
Da lag es nun vor mir.
Ganz unverändert, wie damals vor all den Jahren. Nur noch etwas
verlassener; ungehegt und ungepflegt aussehend. Ich blieb stehen.
Tränen traten mir in die Augen. Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus
möchte ich dem alten Haus, wie einem Menschen, sagen: »Hab mich lieb!
Hab mich lieb!« Und ich meine, es müsse mir antworten: »Endlich,
endlich, bist du heimgekehrt.«
Der große grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen, die voll
lila Blütendolden sitzen – die alte Sonnenuhr – die Rampe, die zum
Schlosse führt – und das Schloß selbst, ein großes zweistöckiges Haus,
dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen
Ornamenten verziert worden ist, die in der märkischen Umgebung noch
immer etwas über sich selbst Erstauntes haben – alles ganz wie damals!
Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden, deren Zweige
auf dem Boden schleifen, und die eine Wand ist noch mit dem uralten
Efeu bedeckt, in dem zahllose Spatzen zwitschern.
Ja, das war einst Heimat!
Ich stehe und schaue. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem
einzigen, unendlichen Wehmutsgefühl, das die ganze Welt zu erfüllen
scheint.
»Wollen Sie nicht auch das Schloß besehen?« fragt mich da plötzlich der
junge Mann im Radelkostüm, und ich gewahre die ganze Berliner Familie,
die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird, das Schlüssel trägt.
»Wird es denn gezeigt?« frage ich.
»Na und ob,« antwortete der Sportjüngling. »Für'n Trinkjeld an das
Inspektormädchen können wir uns auch mal so'n Heim von die notleidenden
Ajrarier besehen.«
Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen
wiederzufinden, daß ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in
den alten Räumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz
so fremd bin wie sie, da fühle ich, daß ich nicht hätte kommen sollen.
Als würden liebe Tote unsanft berührt, so ist mir bei den schnoddrigen
Bemerkungen der Berliner. Ich möchte um keinen Preis erkannt werden
und begreife doch gar nicht, wie es denn möglich ist, daß ich so
unbeachtet dastehe, daß nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und
zuflüstern: »Sei gegrüßt, sei uns gegrüßt!«
Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie
unbewohnt, kalt und kahl nach dem Sonnenschein draußen. Ein paar der
alten, recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus, als
schämten sie sich, wie arme Kranke, deren Gebrechen von neugierigen
Medizinstudenten betrachtet werden. Den abgenutzten, gestreiften
Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen ich mich
entsinne, finde ich wieder.
»Du Karl,« sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen
Sesselbezug, »da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Straße.«
Und der dicke Karl antwortet: »Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend
könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen.«
Nur der große gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die
vielen weißen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche: »Du Karl, das
sind wohl die Ahnen von die Besitzer?«
»Jotte doch, Mama,« antwortet die höhere Tochter zurechtweisend, »das
sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen.«
Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.
»Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen,« sagt das
führende Bauernmädchen.
Ja, man hat es ihr richtig erzählt, det war det Schlafzimmer von die
jnädigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weißen Bettchen – jetzt
ist es ganz ausgeräumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen
kräftiger gefärbte Stellen die Plätze, an denen einst Bilder hingen.
An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde. Es
stellt einen Heiligen dar; ganz unbekleidet, wie durch langes Fasten
abgemagert und verhärmt, sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und
hält einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.
»Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,« sagt
der Sportjüngling. Und zwischen Tränen muß ich doch lachen, denn
genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige
die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war, nur daß es zu jenen
Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten.
Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen
geblieben. Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblaßt, die
Striche, die der Onkel machte, wenn er unser Maß nahm und unser
jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete. – Wo sind die kleinen
Mädchen hin, die da vor dem Onkel standen und denen er zurief: »Kinder,
nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln!« – Sie hatten es so eilig mit
dem Wachsen – nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen.