Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und
leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden,
wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst, wo das Schilf immer mehr
den Schloßteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch
noch immer so frühlingsschön ist – wie einst im Mai!
Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren. Ich blieb so lange
als möglich, denn ich fühlte, daß ich das alles nie wiedersehen werde.
Es war schon spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße ausstieg.
Ich ging zu Fuß bis zum Buckingham-Hotel. Viel Häßliches, viel Elend
streift man auf solch kurzem Abendweg. Ich drückte das Gesicht in
den großen Strauß Garziner Flieders, den ich mir mitgenommen, und es
war mir, als hörte ich leise, durch all den rasselnden, rollenden
Straßenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller Grabspruch sein
könnten:
O Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an!
30.
_Berlin_, Mai 1900.
Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin
ich gewesen. Ich glaube, er würde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen
von ihm erzählen.
Nach äußerlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen
Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein
Wesen aus einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener
alter Grieche, der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute,
oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischen
Renaissance – aber kein Savonarola, der gegen die Verderbnis der
Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern ein Mönch von der
beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben
seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl
erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt,
sondern denkt, daß, wer das eigene Herz nur rein hält, auch schon sein
Teil getan hat.
Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Straße, deren eines Ende sich zu
einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbüschen eine
Kirche steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch
keiner von den ganz neuen, und es ist dort wohltuend geräuschlos. Zu
den ernsten, etwas gleichmäßigen Häusern denkt man sich unwillkürlich
als Bewohner still arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in
denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen
Umzügen wissen. – Es ist eine Gelehrtengegend.
So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten
Stock. Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal, von
dessen Balkon aus man auf Gärten blickt, in denen es jetzt grünt und
Frühling wird. Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der
Wand. Es stellt die längst verstorbene Frau des Onkels dar, und das
kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim
oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem man in unseren Tagen
selten mehr begegnet, und der früher häufiger gewesen zu sein scheint.
Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche. Wer
würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen?
– Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf, so muß die verstorbene Tante
ein wahrer Gentleman gewesen sein, der nie aus der Not anderer Kapital
geschlagen hätte.
Der Onkel ist in den Jahren, die ich in der Ferne verlebt, ein ganz
alter Mann geworden. Sein langes Haar ist weiß geblichen, die ganze,
hohe Gestalt ist so abgemagert, als seien die irdischen Bestandteile,
deren wir zum Leben bedürfen, von ihm schon abgefallen. Die Worte
»ein verklärter Leib« fielen mir ein, als ich ihn wieder sah. Die
klaren, schönen Augen sind dieselben geblieben, nur größer sind sie
geworden, und es ist, als übersähen sie vieles, was sich unsern Blicken
aufdrängt, und als gewahrten sie dafür schon Dinge, die uns noch
verborgen sind.
Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus.
Er lebt in seiner besonderen Welt, und ich merkte bald, daß er sich
gegen alles, was ihn daraus reißen könnte, ablehnend verhält, als
fürchte er sich zu zersplittern und mit einer großen Aufgabe nicht
mehr fertig zu werden. Er sprach gleich von seinem Lebenswerk »Florenz
in der Renaissancezeit«, an dem er arbeitete, als ich vor Jahren in
die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten
Lieferungen erscheint. Er zeigte mir die neuesten Blätter. – Wie
klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen, mit ihren
hastigen, wechselnden, folgelosen Bestrebungen, neben solch einem
Leben, durch das sich ein einziges großes Interesse bestimmend
hindurchzieht!
Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast. Ein kleines, buckliges,
engbrüstiges Männchen, mit gescheitem, scharf geformtem Kopf,
durchdringenden Augen, und bitterem Lächeln um die feinen schmalen
Lippen. Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz-Buckau. In einem
hohen, altersgrauen Gebäude an der Spree, verwaltet er seit Jahren eine
Bibliothek; und in den Mußestunden, die ihm diese Arbeit und häufiges
Kranksein lassen, übersetzt er klassische italienische Dichtungen,
verfaßt selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und
versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich. Hanz-Buckau
ist einer der wenigen Menschen in Berlin, die einen Salon gebildet
haben. Die Leute, die zu ihm kommen, erscheinen in seinen vier Wänden
viel gescheiter, als bei sich zu Hause. Es ist, als locke er den
versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus. Vielleicht
auch leiht er ihnen von dem eigenen. Eine grenzenlose Bewunderung hat
Hanz-Buckau für schöne Frauen, und sie müssen wohl fühlen, welchen
Altar dieses arme, verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen
errichtet, denn ich kenne keine, die ihm nicht gut gewesen wäre. Der
arme Hanz-Buckau, der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum
unter dem eigenen mißgestalteten Äußern so besonders schwer leidet, der
führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und
Körper. Er erinnert mich stets an Leopardi, an jenen großen Italiener,
der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug, der um die Vergangenheit
trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte. Hanz-Buckau ist solch
eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe.
Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine
Eigenart des vornehm Maßvollen richtig erkannt. »Professor Lichte Höh«
ist der neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr
gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel
dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend. Dieser
betrachtet alles sehr kritisch, läßt wenig gelten und spottet gern
über die Herdennatur der Menschen, über die Leichtigkeit, mit der sie
sich Götzen aufnötigen lassen, die sich stets als blecherne erweisen.
Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit der Welt
abgefunden, und es entrüstet ihn die falsche Bewertung, die er überall
sieht.
»Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt«, sagte
er, »aber geistige Trägheit wird eher unterstützt. Die eine Hälfte
der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der
anderen Hälfte so viele als irgend möglich. Durch diese künstliche
Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Größen
möglich.«
Und später sagte er: »Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich
nichts weniger gern, als nachdenken, besonders nicht über Dinge, die
uns doch praktisch angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz
verwundert, wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung
wirklich äußert. Gewöhnlich schläft sie, im Bewußtsein, daß Minister,
Geheimräte, Professoren, die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich
haben, für sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im gegebenen Moment
immer die nötigen großen Männer zu haben, als hätten wir sie ein für
allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, daß wir in dieser Ware doch
oft recht übervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter
und nehmen fürlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden
kleiner, ganz wie die Brötchen während der Teuerungen.«
Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als
charakteristisch erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig
geboren sind, hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn
alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen, an großen Männern
reich zu sein. Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber
oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen. In
unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die Erscheinungen
erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die Anlegung
eines allgemeinen Maßstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde
Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt,
kommen schließlich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu fälschen,
ist nur auf kurze Zeiten möglich – drum lasset den Eintagsgötzen die
Eintagsanbeter.«
»Ihr Onkel,« wandte sich Hanz-Buckau an mich, »hat zeitliche Begriffe
bereits überwunden. Für ihn sind Luther, Friedrich der Große,
Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten, Manifestationen ein
und desselben großen germanischen Geistes, die zusammen bestehen.
Geringeres übersieht er. Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige
falsche Größe anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig. Nur
auf die Genies kommt es dem Onkel an. – Ich will Ihnen ganz leise ein
Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es selbst zu wissen,
einer von den ganz schrecklich Modernen!«
Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit
gesagt, die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht.
Es ist, als solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.
Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf
den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür. Eine schmale
Treppe führt von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel
ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die
Hand auf das Geländer gestützt hatte, die durchsichtige, feine Hand,
die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang. Ich hatte mich schon
verabschiedet, aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm
hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben
Greisenhände. Eine Träne fiel auf sie – – der Onkel ist einer der
allerletzten aus meiner Kinderzeit.
»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das
ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen,
die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie
unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang
auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive
zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still
im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer
Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der
mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir
sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein
führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen,
und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher
solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was
man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«,
wie Hanz-Buckau sagt.
Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen
standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in
zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig
ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«
Hanz-Buckau antwortete: »Ja, in den müssen wir schließlich alle mal
hinab, und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen.«
Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute
ich hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne
beschienen – der weißhaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters
milde lächelte, und der arme Verwachsene, dem äußerliches Gebrechen,
Entsagung heischend, Schicksal geworden ist. Sie beugten sich über das
Geländer und winkten mir nach.
31.
_Berlin_, Mai 1900.
Lieber Freund!
Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen, neben denen
in Klammern steht »wird viel von Deutschen besucht.« Der erfahrene
Reisende vermeidet solche Hotels. Von dem Buckingham, in dem wir hier
wohnen, könnte man sagen, »wird von Diplomaten, Fürstlichkeiten und
Amerikanern besucht.«
Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig
Bequemen; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind
bei der Einrichtung noch mit untergelaufen; es fehlt an großen
Kleiderschränken, dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis
XVI. Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen. Das soll
wahrscheinlich gemütlich aussehen. Aber im ganzen will es alles
möglichst amerikanisch sein.
»Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria,« sagte ich zum Direktor Specht,
als wir ankamen. Der faßte das als höchstes Kompliment auf, murmelte
etwas von »Pionier der Kultur in Berlin« und ist seitdem voll
herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich, beinah als wäre ich ein
Botschafter. Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über
einen Botschafter: aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges
ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen; sie erscheinen ihm als
Träger vieler Möglichkeiten, mit denen man sich rechtzeitig gut stellen
muß. Im ersten Speisesaal, dem der Privilegierten, sind mehrere Tische
reserviert, an denen immer Diplomaten sitzen. Wenn Herr Direktor Specht
diese Herren an ihre Plätze geleitet, hat er etwas so Feierliches und
so einen Frieden auf Erden-Ausdruck, als vollzöge er eine heilige
Handlung. Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen
Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen. »Herr
Graf, ich gratuliere zu der Ernennung nach X.« »Was, lieber Specht,«
antwortet der andere und klopft ihn auf die Schulter, »das wissen Sie
schon? ist ja eben erst raus.« Und Specht verschämt und wonneglänzend:
»Herr Graf werden verstehen – habe doch auch so meine Attachen – man
gehört allmählich ja selbst so'n bißchen zur Diplomatie.«
Aber auch sonst weiß Specht die schicklichen Rücksichten zu nehmen. So
hat er neulich, wegen einer kurzen Hoftrauer, die übliche Tafelmusik
acht Tage lang ausfallen lassen. Eine reisende Millionärin aus Denver,
Mrs. Bluffer, gab während dieser Zeit ein Diner im Buckingham. Ich
hörte die Dame den feierlich aussehenden Oberkellner erregt fragen, als
schmälere man ihr ein mit guten Dollars erworbenes Recht: »Kellner,
warum spielt die Bande nicht?«
»Es ist wegen der Hoftrauer, Madame. In diesem Hotel wohnen so viel
Prinzen und hohe Herrschaften, daß wir natürlich deren Gefühle schonen
müssen.«
Diese Antwort machte auf Miß Bluffer einen tiefen Eindruck und sie
sprach zur Mutter: »Oh, mamma darling, ist das nicht herrlich? es ist
doch fast ganz so als ob wir bei Hofe wären!«
Mein Bruder ist gestern von seiner Reise aus der Kohlen- und
Eisengegend zurückgekehrt. Als wir abends zusammen zum Essen in das
Restaurant heruntergingen, sahen wir, daß es auffallend voll war. »Was
ist denn los?« fragte mein Bruder, und Specht antwortete: »Das sind all
die letzten diplomatischen Revirements, die jetzt bei mir durchkommen.
Die Herrschaften werden übrigens einen Bekannten finden; Mr. Stone
Stonehead aus Peking ist da, hat die Rückreise durch Sibirien gemacht,
geht jetzt nach Rio – fürchte – schlechtes Avancement.«
Und Specht zuckte die Achseln über die wechselnden Chancen, die es auf
der großen diplomatischen Wippe gibt.
Und richtig, da saß er, der große Stone Stonehead; selbstzufrieden und
pomphaft wie immer, gar nicht, als habe er Strapazen durchgemacht,
im Gegenteil, eine lebende Reklame für die transsibirische Bahn, so
wohlgenährt und dick. Er saß zwischen einem Mediatisierten und einem
eben ernannten Botschafter, muß also, wie ich ihn kenne, glücklich
gewesen sein.
Mir fiel ein, wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Im Seebad in Pei-ta-ho.
Er trug dort beim Baden ein weites rosarotes Flanellkostüm: das blähte
sich im Wasser auf, so daß er darin wie eine rosige Riesenqualle
aussah. Eine Familie mit mehreren schlanken Töchterchen pflegte stets
zur gleichen Zeit wie er zu baden, und die schmächtigen, geschmeidigen
Mißchen, in schwarzen Badekostümen, umschwammen und umspielten ihn.
Wie eine Schar Kaulquäbblein sich drängt, wenn man ihnen ein großes
Stück rosa Fleisch zuwirft. Aber keine von ihnen hat den dicken Stone
Stonehead erwischt.
Nachdem der Mediatisierte und der Botschafter gegangen waren, setzte er
sich, gönnerhaft wie immer, zu uns. Er erzählte von seiner Reise und
erwähnte auch, daß er an einem Orte, dessen Name schrecklich weit fort
und unbekannt klang, Leute getroffen habe, die von noch viel weiter weg
kamen, und Sie dort irgendwo gesehen hatten – in solch einer Gegend,
von der Geographen so tun, als kennten sie sie, über die sie allerhand
Behauptungen aufzustellen lieben, da, für gewöhnlich, niemand da ist,
der widersprechen könnte.
Solch ein paar dürftige Worte Nachricht: Jemand hat jemand getroffen,
der Sie gesehen hat – und davon muß man nun wieder lange zehren! – Wie
die Ritterfrauen in den Burgen, denen ein vorüberziehender Sänger viele
Monate alte Kunde von den fernen Kreuzfahrern brachte!
Natürlich fragten wir Stone Stonehead, was er von den beunruhigenden
Nachrichten hielte, die Hofer aus China gebracht, und die in den
letzten Tagen mehrmals in Zeitungen aufgetaucht sind. Er antwortete,
die Missionare seien verwöhnt durch allzu viel Schutz, wollten sich
wichtig machen und den Diplomaten ins Handwerk pfuschen.
»Ich glaube Missionaren nie,« sagte er, »außer wenn sie die Bibel
vorlesen. Die übrigen Nachrichten sind sicher von den Russen lanziert,
die lauern nur auf einen Vorwand, die Mandschurei zu kapern – bin nicht
umsonst jetzt gerade dort überall herumgereist. – Aufregung? Aufstände?
– ist ja alles künstlich gemacht – hoffe nur, man behält bei uns den
Kopf kühl und läßt sich nicht in ein Abenteuer hineindrängen.«
Hoffentlich hat der große Stone Stonehead recht? Ich wünsche es ja so
sehr.
Hier denkt niemand an Gefahr.
32.
_Cherbourg_, Mai 1900.