Selig, wer sich aus der Kette der Verluste, als Opium letzter Stunde,
den Glauben an ein Ziel gerettet.
9.
_New York_, Oktober 1899.
Lieber Freund! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier
eingetroffen. Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und
fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria. Ich wartete in der großen
Halle des Hotels, während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei
den Direktoren erkundigte, die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter
Gittern sitzen. Während ich so wartete, bildete sich allmählich ein
Gedränge um mich, das ich mir nicht zu erklären wußte, da ich mich
weder schön noch abschreckend genug fühlte, um ein derartiges Interesse
bei meinen Mitmenschen zu erregen. Das Rätsel löste sich aber bald.
Nicht ich, sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Während er gleichmütig neben
mir stand, in jeder Hand eine Reisetasche, auf seinem guten runden
Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz, und die kleinen
geschlitzten Augen so zugekniffen hielt, als lohne es sich gar nicht,
sie zu öffnen, um diese ganz neue Welt zu betrachten, standen Herren
und Damen um ihn herum, riefen andere herbei, ihn auch zu begaffen, und
tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äußeres aus. Der Orientale,
dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein mußte, war dem
westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene
und anerzogene Ruhe. Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte
nur: »Wenn sie mich genug betrachtet haben, werden sie wohl aufhören.«
Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war,
daß sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden
ließen. Sie waren voller Neugier, China und besonders die alte Kaiserin
betreffend, über die sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre
Sagenkreise gebildet haben. »Ob wir an den Fortbestand Chinas glaubten?
Ob es zu einer Aufteilung kommen würde? Ob Li Hung Tschang wirklich in
russischem Solde stände? Welchen Mächten die Kaiserin zuneige?« Wir
suchten uns aus all den verfänglichen Fragen herauszuziehen, indem wir
wiederholten, daß wir ja keine Diplomaten, sondern einfache Privatleute
seien – aber es war schwer, diese professionellen Frager los zu werden.
Schließlich ließen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen, daß wir von
der Reise sehr müde seien und niemand mehr sehen könnten. Da hörten
wir denn durch die Tür, wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhör anstellten.
Besonders wollten sie wissen, wie ihm New York gefalle, was ja immer
die erste Frage ist, die Amerikaner stellen. Ta entwickelte wieder die
größte Ruhe und würdevolle Zurückhaltung, indem er antwortete, er sei
ja eben erst bei Nacht angelangt und habe noch nichts erblicken können,
es schiene ihm aber, daß die Amerikaner noch nicht viel Leute aus
fremden Ländern gesehen hätten.
Heute Morgen stand ich ganz früh auf, setzte mich ans Fenster und sah
die große Stadt erwachen. Wir wohnen im achten Stock, die Menschen
unten in der Avenue sehen wie Ameisen aus, und dabei sind wir noch
nicht auf der halben Höhe des Hotels. Über seinem letzten Stockwerk
ist eine Terrasse angelegt, ein sogenannter Dachgarten, wo man in
den heißen Sommernächten Musik hören, kalte Getränke einnehmen und
ein bißchen kühle Brise einatmen kann. Auf mehreren der höchsten
Gebäude der Stadt, den achtzehn, zwanzig und noch mehr Stockwerke
hohen Himmelskratzern, sind solche Vergnügungslokale errichtet – hell
erleuchtet, scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln
Himmel zu hängen. Von unsern Fenstern aus haben wir einen schönen
weiten Blick auf die Fünfte Avenue und die Dreiunddreißigste Straße,
bis auf das Wasser des East River, auf dem früh noch nächtlicher Nebel
lagert. Das Astorsche Haus, uns unmittelbar gegenüber, das ich vor
Jahren so massiv und prächtig fand, ist längst überflügelt durch die
neuesten Riesenbauten. Aus dem bläulichen Morgendunst tauchen sie auf
wie Werke eines neuen Geschlechts, voll noch ungeahnter Möglichkeiten,
wie die Schlösser künftiger Märchen, gigantisch, himmelstürmend und
schön in ihrer Art, weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind.
Das erste, was ich heute tat, war, mich mit der Ausschmückung meines
äußeren Menschen zu beschäftigen, denn ach, im Sonnenlicht westlichster
Zivilisation besehen, erscheint meine chinesische Garderobe doch
nicht ganz up to date. Ich fürchte, ich werde die Werke Tientais,
dieses einzigsten Pekinger Schneiders, der für die Europäer alles
fabrizierte, von Fracks bis zu Maskenkostümen, Ballkleidern und
Layetten, nur noch als Reliquien vergangener Zeiten bewahren. Als
ich heute in die Salons eines großen Schneidergeschäfts trat und
unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenem
Haar die letzten Modeschöpfungen anlegten und darin vor mir zwischen
langen Spiegelreihen auf und ab stolzierten, mußte ich lächeln im
Gedanken an das letzte Schneideratelier, in dem ich vor wenigen Wochen
noch gewesen – das Atelier Tientais. – Ein paar Schritte von der
englischen Gesandtschaft lag es, dicht an der Brücke, die über den
Kanal führt. Aus dem Sumpf und den Löchern der Straße konnte man sich
auf die Karikatur eines Trottoirs retten, das auch nur aus ein paar
übereinander geworfenen Steinen bestand. Schaute man durch die offene
Tür in die Schneiderhütte, so sah man ein niedriges Zimmerchen, dessen
Wände mit Modebildern besteckt waren; mehrere Chinesen saßen darin,
eifrig nähend an Herren- und Damenkleidern; in einem Winkel lag ein
Haufen englischer Stoffe, die zu »Nummer-Eins«-Kostümen verarbeitet,
von der Pekinger europäischen jeunesse dorée bei den Frühlings- oder
Herbst-Rennen eingeweiht wurden.
Andre Städtchen! andre Mädchen! Wie würde Tientai staunen, wenn er
hörte, daß die Säle mit den Spiegelscheiben, vor denen die blonden
Houris auf und ab paradieren, die Behausung eines amerikanischen
Tientais sind.
Als ich meinen Namen und meine Adresse angab, ertönten kleine Schreie
freudigen Erstaunens von der Direktrice, den Verkäuferinnen und den
schönen Probiermamsells: »Was, Sie sind die Dame, die gestern aus
Peking angekommen ist?« »Wir haben es alles in den Morgenblättern
gelesen.« »Sie wohnen im Waldorf und haben einen Chinesen mitgebracht.«
Alle wollten mich nun bedienen, und jede hatte eine andere Frage über
China und vor allem über die alte Kaiserin; die Existenz anderer Kunden
schien vergessen. Aber die Direktrice, Madame Blanche, führte mich in
einen kleinen Nebensalon, und während ich die ausgewählten Kleider
anprobierte, schwirrten Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und
Taillenarbeiterinnen wirr durcheinander.
»Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so böse Frau?«
(»Miß Caroline, bitte die Taille etwas enger.«)
»Wir haben so viel Sympathie für den armen kleinen Kaiser.«
(»Miß Harriet, bitte, straff über den Hüften und von den Knieen an weit
und faltig.«)
»Ist es wahr, daß sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hält?«
(»Recht weit über die Büste, Miß Caroline, das Fichu voll drapiert, du
flou toujours du flou.«)
»Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten!«
(»Miß Harriet, den Rock recht lang, das gibt etwas schwebendes.«)
»Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen?«
(»Die Ärmel enger, Miß Caroline.«)
»Natürlich haben Sie die Kaiserin gesehen! Wie interessant muß das
gewesen sein! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl
nur wenig Idee?«
(»Mehr Grazie im Faltenwurf, Miß Harriet, soignez la ligne.«)
»Saß die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen?«
(»Miss Caroline, il faut avantager madame.«)
»Nein, es geht doch nichts über reisen und fremde Völker sehen. Aber
man darf sie natürlich nicht wie uns beurteilen – es sind ja nur arme
Heiden!«
(»Miß Harriet, nehmen Sie noch einmal genau die Maße.«)
»Seien Sie versichert, daß wir alles aufs beste für Sie liefern werden.
Wir interessieren uns außerordentlich für Sie. Wir haben noch nie eine
Kundin gehabt, die bei der Kaiserin von China gewesen ist.«
Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China, wenn meine New
Yorker Kleider wirklich ganz besonders schön ausfallen!
10.
_New York_, Oktober 1899.
Lieber Freund! Haben Sie je von Charles William O'Doyle gehört? anders
auch »Chinalack-O'Doyle« genannt? Dieser 50fache Millionär, der heute
an der Spitze der größten Eisenbahnen steht, der Bergwerke, Schiffe und
Ländereien, groß wie ein Königreich, besitzt, hat seine Laufbahn vor
Jahren als Apothekergehilfe in San Francisco begonnen. Wie er dahin
gekommen, wer seine Eltern waren, erzählt er heute wahrscheinlich
niemandem – aber Geduld, die nächste Generation der O'Doyles wird
gewiß entdecken, daß die Vorfahren von Charles W. einst angesehene
Großgrundbesitzer in Irland gewesen, unter Cromwell ihres katholischen
Glaubens halber verfolgt wurden, verarmten und, vom grünen Eiland
vertrieben, nach Amerika auswandern mußten.
In Amerika wird jetzt alles fabriziert, wie in Europa – auch Stammbäume!
Charles W. legte den Grund zu seinem Vermögen durch einen wahrhaft
genialen Einfall. Er hatte in San Francisco Gelegenheit, die Chinesen
zu beobachten, die damals noch massenweise frei nach Kalifornien
einwandern durften und ebenso massenweise nach ihrem Tode in großen
schweren Holzsärgen nach Kanton zurückbefördert wurden. Chinesen
glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande regelrecht begraben werden
zu können. Aber die schweren Holzsärge und der teure Transport
verschlangen oft alles, was sich der Tote während Jahren erspart hatte,
zum großen Ärger der bezopften Erben. Da erfand Charles W. einen
eigenen Lack, den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte.
Damit bestrichen, konserviert sich jeder Tote monate-, ja jahrelang;
er dörrt vollkommen aus, wird hart wie Stein und erscheint, als sei
er mit einer gelben Lederhaut überzogen. Charles W. nahm ein Patent
auf seinen »Chinalack« und damit bestrichen legten nun Tausende toter
Chinesen den Weg nach Kanton zurück. Die teuren, nach chinesischem
Muster in San Francisco verfertigten Holzsärge waren erspart und der
Preis der Überfahrt bedeutend verringert, denn man konnte nunmehr
die toten Chinesen wie Sardinen in irgend einen Schiffswinkel fest
aufeinander pressen und unterstauen, und sie kamen vollkommen
unversehrt daheim an, den hart gedörrten gelben Enten ähnlich, die als
große Delikatesse im San Franciscoer Chinesenviertel feilgeboten werden.
Dies war die Grundlage der O'Doyleschen Millionen!
Seitdem macht Charles W. Geschäfte in allen Ländern der Welt, er ist
längst aus San Francisco fortgezogen und nach New York übergesiedelt,
aber er ist mit China stets in besonderen Beziehungen geblieben. Es
wird gemunkelt, daß er, abgesehen von seinen großen chinesischen Bank-
und Bahninteressen, durch die Dankbarkeit seiner ersten chinesischen
Klienten, denen sein Chinalack manch kleine Erbschaft erhalten, Anteile
an kantonesischen Pfandinstituten, Teehäusern und Blumenbooten erworben
hat. Mein Bruder kannte ihn schon lange, hat auch von Peking aus
Geschäfte mit ihm gemacht, und so war denn Charles W. O'Doyle einer
unserer ersten Besucher im Waldorf-Astoria, und gestern Abend waren wir
zum Diner bei ihm.
Sein Haus liegt dicht am Central-Park. Es hat hohe Türme und eine
breite Bogen-Loggia, von der aus man in die herbstlich gefärbten
Bäume des Parks und auf den fortwährenden Strom der vorbeifahrenden
Equipagen blickt. Auf dem mit blitzenden Kupferplatten belegten Dach
stehen zwei große Bronzereiter, ähnlich wie die auf dem deutschen
Reichstagsgebäude, bei denen man sich auch immer staunend fragt, wie
sie wohl da hinaufgeraten sind. Die Haustür ist massiv geschnitzt
und entstammt einem alten befestigten Hause bei Golconda; sie ist
mit weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen, die einst dazu
dienten, den Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten. Durch
diese Tür tritt man in eine weite, weißgoldene Halle. Zwei ägyptische
Mumienkasten, reich bemalt und vergoldet, mit Deckeln, deren obere
Enden Sperberköpfe darstellen, stehen aufrecht, wie Schildwachen zu
beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe, die zu den oberen
Stockwerken führt.
Es ist eine weltbekannte Treppe, über die die Lebemänner zweier
Kontinente geschritten; führten ihre Stufen doch einst zu jener
berühmten Aspasia des zweiten Kaiserreiches, der sie ein russischer
Großfürst geschenkt. In der großen débacle, die das Kaiserreich
verschlang, verschwand auch jene Dame. Ihr mit Schätzen gefülltes
Haus ward während der Belagerung von Paris durch feindliche Kugeln
zerlöchert und dann von Kommunarden geplündert. Ein armenischer
Antiquar, der mit richtiger Witterung guter Gelegenheiten in Paris in
einem Keller versteckt geblieben war, erwarb in jenen Tagen für ein
Spottgeld die Malachittreppe, und von ihm hat sie der jetzige Besitzer
erstanden.
Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich
auf den Treppenabsätzen stumm gegenüber.
»Als der Herzog von Hardup neulich verkrachte«, erklärte mir Charles
W. O'Doyle, »habe ich nach London telegraphiert und seine ganze
Dienerschaft rüberkommen lassen – so war ich doch sicher, Leute zu
haben, die in einem anständigen Hause trainiert worden sind.«
O'Doyle ist ein breitschultriger, stämmiger Mann. Sein rotes
glattrasiertes Gesicht ist unter dem Kinn bis zu den Ohren von einem
kurzen Bart umgeben, der einer Halskrause ähnlich sieht. Große Perlen
prangen auf dem Hemde, eine Kette mit allerhand seltenen Berlocks hängt
ihm quer über dem Magen. Mit dem spitzen vorspringenden Bauche, über
dem sich die breiten haarigen Hände von kostbaren Ringen funkelnd
kreuzen, mit dem gutmütigen, halb irischen, halb Yankeedialekt, in
dem er fortwährend von seinen verschiedenen Kunstschätzen und ihrem
Ursprung spricht, hält man ihn zuerst für einen eingebildeten, aber
harmlosen Narren, bis sich unter den buschigen Augenbrauen einmal
die schläfrig gesenkten Lider heben und man eine Sekunde lang in die
seltsamen Augen blickt; kalt und lauernd sind sie, wassergrün mit
kleinen dunkeln Flecken, wie die gesprenkelte Schale von Kiebitzeiern
–; hat man einmal in sie hineingeschaut, so glaubt man gern eine
jede der vielen Geschichten, die über O'Doyles Skrupellosigkeit im
Gelderwerb kursieren.
Mrs. O'Doyle merkt man es auf den ersten Blick an, daß sie aus der
früheren Lebensepoche ihres Mannes stammt, und daß sie sich unter ihrer
Perlenlast und zwischen den gepuderten Dienern nicht recht wohl fühlt.
Von Zeit zu Zeit schaut sie ängstlich nach ihrem Mann, wenn sie sich
einer besonderen gesellschaftlichen Schwierigkeit gegenüber sieht, oder
wenn sie fürchtet, eine Dummheit gesagt zu haben. Ihr ängstliches,
um Vergebung flehendes Benehmen und die kalten, lauernden Augen von
O'Doyle – welche Faktoren für eine jener häuslichen Tragödien, die sich
täglich neben uns abspielen, ohne daß wir es ahnen!
Die arme Frau hat es nicht einmal fertig gebracht, dem Hause O'Doyle
Erben zu schenken – und Charles W. hat deshalb einen Neffen und eine
Nichte an Kindesstatt angenommen. Der Sohn war nicht anwesend, dagegen
die Tochter, Prinzessin von Armenfelde, die zur Zeit mit ihrem Manne
in Scheidung liegt, weil Charles W. den stets von neuem verschuldeten
Schwiegersohn nicht zum viertenmal von seinen Gläubigern retten will.
So muß sich denn die Prinzessin scheiden lassen, ob sie selbst will
oder nicht. Sie wird den Namen ihres Mannes behalten, und Charles W.
findet, daß er ihn allmählich teuer genug bezahlt hat. Es war übrigens
amüsant zu beobachten, wie sehr die »Prinzeß« der ganzen Familie
imponiert, obschon sie doch vor ein paar Jahren auch noch eine einfache
Miß O'Doyle war, die aus einer Anzahl armer Verwandten zur Adoption
ausgesucht wurde.
Zwei entfernte junge Vettern von Mrs. O'Doyle waren auch anwesend.
Der eine erfreut sich der klangvollen Vornamen Washington Montgomery.
Ich war ganz gespannt, welcher Familienname für solchen Anfang
hochtrabend genug sein würde, und denken Sie sich, er heißt Baggs.
Washington Montgomery – Baggs! Es ist ein Sprung wie von einem Palais
am Central-Park in eine Mietskaserne der neunten Avenue!
Während die Gäste sich versammelten, zeigte mir Washington Montgomery
einige der wundervollen Bilder, die in den Salons hängen, und die in
seinen Augen hauptsächlich deshalb Wert haben, weil sie meistens aus
historischen Sammlungen fürstlicher Häuser stammen, die unter dem
Hammer endigten.
Der zweite Vetter, dessen Name ich mich nicht entsinne, ist offenbar
erst ganz kürzlich in das O'Doylesche Millionenreich verpflanzt worden.
Als Champagner serviert wurde, ward er ganz aufgeregt und rief laut
über den Tisch: »Drink, drink, gentlemen, whilst it's fizzing!«
Der Speisetisch war übrigens ein wahres Entzücken! Ich habe noch nie
eine solche Fülle von Orchideen gesehen, außer vielleicht in dem
Botanischen Garten von Kalkutta. Ich hätte sie gern alle einzeln
bewundert: die langen weißen Dolden, die vom Kronleuchter herabhingen,
die grünlichen, braungeäderten, die wie kleine samtige Schuhe aussehen,
in denen Feen nachts im Mondschein tanzen; die großen blaßlila, die auf
ihren hohen Stengeln so stolz und abwehrend erscheinen, bis daß man
ihre verlangend geöffneten purpurnen Lippen gewahrt. Orchideen kommen
mir immer vor wie manche schöne Frauen, in deren Nähe man gleich fühlt,
daß sie wunderbare geheimnisvolle Dinge erlebt haben müssen. Ich
wünschte, ich verstände die Orchideensprache! Es werden darin gewiß die
seltsamsten Geschichten erzählt.
Bei diesem New Yorker Diner fehlte es übrigens auch nicht an
Geschichten. Beim Öffnen der Servietten fiel jedem Gast ein Etui
in die Hand, das irgendein Geschenk enthielt: Manschettenknöpfe,
Portebonheurs, Nadeln, Schnallen. Alles im modernsten art
nouveau-Geschmack! Kolonel Patterson, der bisherige amerikanische
Vertreter in Kairo, rief seinem alten Freund O'Doyle über den Tisch zu:
»Aber Charles, wozu hast du denn das gemacht? Hier ist doch niemand,
der bestochen werden soll?«
Darauf stürzte sich der Kolonel in eine Flut türkischer
Bestechungsgeschichten, die mir aber ziemlich zahm erschienen, weil ich
drei Jahre lang chinesische Bestechungsgeschichten gehört habe und der
fernste Osten darin dem näheren Orient doch noch über ist. Der Prinzeß,
die nie die Gegenwart der herzoglich Hardupschen Diener vergißt, war
diese Konversation offenbar unangenehm, sie suchte den Kolonel davon
abzulenken und fragte ihn, welche bedeutenden Leute er in Kairo gekannt
habe, worauf sie die Antwort erhielt: »Well, Mrs. Princess, da ist ein
Mann, der Cromer heißt, who bosses the show, und außer ihm war ich da!«
Und nun, liebster Freund, genug aus diesem Vanity Fair!
Möchte mein Brief Sie wohl antreffen, wo Sie auch sein mögen, und
möchten Sie nicht gar zu lang dort bleiben, wo »dort« auch sein möge,
da es doch auf alle Fälle von mir sehr weit fort ist!
11.
_New York_, November 1899.
Lieber Freund! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine
Töchter. Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer
Gesandter in Petersburg, woher mein Bruder und ich ihn kennen. Jetzt
lebt er mit seinen Töchtern ganz in New York und in Tuxedo Park.
Er steht hier an der Spitze großer, wohltätiger Institutionen,
schriftstellert und reist häufig nach Europa, mit jener amerikanischen
Leichtigkeit, die eine Art Gottähnlichkeit an sich hat, da sie über
Raum, Zeit und Geld erhaben zu sein scheint.
Mr. Bridgewater erzählte mir von der großen Veränderung, die sich in
Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der öffentlichen Meinung und
in den politischen Anschauungen vollzogen habe. Diese Veränderung
drückt sich in einem enorm gesteigerten Selbstgefühl aus. Die ganze
Nation ist vom Glauben, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein, erfüllt,
ein Glaube, durch den schon soviel Großes auf der Welt erreicht worden
ist. Sie fühlt sich als politische Erwählte des Herrn. Und es ist eine
ganz amüsante Mischung der Gefühle, vor denen man als Zuschauer steht:
ganz trocken prosaische Berechnungen von künftigen Handelsvorteilen,
die errungen werden sollen, und daneben eine beinah religiöse
Begeisterung für den Beruf, andern Licht und Freiheit zu bringen, aber
nicht etwa nur den wilden Völkern – da haben wir ja alle dieselbe
Pretension, Händler und politisch-religiöse Apostel zu sein –, sondern
gerade auch uns armen, umnachteten Europäern. Amerika fängt an, nach
allen Seiten seine Fühlfäden auszustrecken – kann wahrscheinlich gar
nicht anders, denn man empfängt hier den Eindruck einer angesammelten
Kraftfülle, die ungeduldig auf den Moment wartet, sich zu betätigen,
der dabei gar keine Wahl bleibt, sondern die durch die Logik der Dinge
getrieben werden wird, sich weitere Grenzen zu suchen, sich in immer
neuen Weltfragen geltend zu machen.
Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten
jedes anderen Landes gleichgefühlt hat, und sein persönlicher
Unternehmungsgeist keine Schranken kannte, so hält sich Amerika
jetzt als Nation auch für fähig und berechtigt, alles zu erringen,
was es will. Und was Amerika will, ist die Welt. Die Welt will ja
jeder, der auch nur die geringsten Chancen hat, sie je zu besitzen
– und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut! Schon deshalb haben
die Amerikaner soviel Aussichten, ihre Ziele zu erreichen, weil
sie alles mit ihrem großen Sinn fürs Praktische, ihrer angeborenen
Organisationsgabe anfassen; weil es eine Nation selbständiger
Menschen ist, die individuell genommen, dem Europäer überlegen sind.
Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab, denen es in Europa zu
eng und unfrei war, von Leuten, die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in
neue Welten getrieben wurden, wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt
entfalten konnte. Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der
neuen Rasse, und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und
persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet, als im alten Europa. Vor
allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich
nicht auf die Führung anderer zu verlassen.
Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es, daß sie die
politische Nervosität, an der man in Europa so oft leidet, noch
nicht kennen. Die in manchen europäischen Ländern so beliebte
Beschwichtigungsformel: »Laßt nur die anderen koloniale Gebiete
erobern, sie werden schon dran verbluten«, ist den Amerikanern ganz
fremd. Eine Auffassung, die ungefähr so klingt, als ob ein Eunuche
sich damit trösten wolle, daß man durch Liebesaffairen mitunter in
Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Nordamerikaner dagegen haben
vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil
für Tabu erklärt, sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die
ganze Welt ausdehnen, wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn
haben, seitdem sie dort Fuß gefaßt haben. – Vorläufig spricht man
in Amerika freilich nur von friedlicher, kommerzieller Expansion,
aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben, denn seit
dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei, die keine Scheu
mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt.
Diese Leute würden bereit sein, es mit jedem aufzunehmen und, wie Mr.
Bridgewater durchblicken ließ, am liebsten mit dem, den sie für den
gefährlichsten Konkurrenten halten. Mr. Bridgewater warf die Bemerkung
hin, daß an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde. Mit
ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame
Sache machen, um eine Art politischen Riesentrust zu schließen, zur
endgültigen Regelung der Welt.
Das ist das Weltzukunftsbild, wie es mir ein Amerikaner entwarf.
Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land, dessen urprosaische,
enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart
aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen.
Und doch könnten vielleicht gerade diese, allen Zukunftsgedanken so
abgewandten Leute in der Weltzukunft ein großer Faktor werden – –
denn über uns allen steht das Schicksal, und es läßt Handlungen und
Gedankenströmungen, einzelne Menschen und Völker oftmals genau den
entgegengesetzten Zwecken nützen, denen sie ursprünglich dienen wollten.
12.
_New York_, November 1899.
Lieber Freund!
Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht.
Schon ihr Haus zu sehen, ist eine wahre Freude. Alle Räume sind mit
individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen
geschmückt, die Mr. Bridgewater und seine kunstsinnigen Töchter auf
ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine eigene Physiognomie,
viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung, wie eine
ausgeprägte Persönlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem
Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln – das ist in
New York an sich schon eine Merkwürdigkeit.
Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung
einer anderen amerikanischen Welt – und beide Häuser liegen doch nur
ein paar Blocks von einander entfernt! Wir hören aber so viel von
der amerikanischen Gleichheit reden, davon, daß der Präsident aller
Welt die Hände schüttelt, daß wir leicht auf den Gedanken kommen
könnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche
Brühsuppe, aus der, als Klöße, nur etliche Vanderbilts herausragen.
Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose
verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind.
Es sind ja alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden
sie wohl gemeinsam haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der
Bridgewaterschen Koterie z. B. ist ein Unterschied, wie zwischen einem
rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos
à la Rossini. Und die Tournedos achten strengstens darauf, daß
niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im Sinn
für aristokratische Exklusivität, haben die Amerikaner uns Europäer
vielleicht schon überflügelt. Ein jeder, der etwas auf sich hält, muß
hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein,
weil die Amerikaner niemand haben, der die nötige erhabene Stellung
einnimmt, um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen
erteilen zu können. Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen, das
sei in europäischen Städten, wo es Höfe gibt, so bequem, da könne
man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen
Hofgesellschaften befohlen würden (nicht etwa zu den großen
Aufwaschefesten, da liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf
der kleinen Liste ständen, könne man mit Sicherheit annehmen, daß sie
sozial wünschenswert seien. Aber in Amerika gibt es kein offizielles
soziales Haarsieb.
Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe
da angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gäste waren alle
reich. Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt,
daß sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen, von dem ich
weiß, wie schrecklich teuer es hier ist. Keiner von ihnen erwähnte
Geld oder Geschäfte. Ich glaube, man könnte ihren »set« den der
Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den Begriff
Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten, übergeknöpften Manschetten
und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.
Ich saß bei Tisch neben einem Mr. Anstruther, der zum Klub der
vierzig amüsantesten Männer New Yorks gehört. Er war recht nett und
unterhaltend, äußerte aber leider nichts so erstaunlich Amüsantes, daß
es nicht auch außerhalb dieses Klubs hätte erdacht werden können. Ich
wartete den ganzen Abend darauf, wie auf das Bukett beim Feuerwerk.
Aber es stiegen nur einzelne Raketen auf.
Es gehört doch Selbstvertrauen dazu, sich um die Mitgliedschaft
dieses Klubs zu bewerben! Ich fragte, was man denn täte, wenn man
blackballiert würde, und ob man dann sein Lebenlang die Etikette trüge,
ein langweiliger Mensch zu sein? Mr. Anstruther antwortete: »Dann geht
man nach Hause und schreibt ein gescheites Buch und nennt es: a clever
book by a bore.«
»Das ist möglicher, als es zuerst klingt,« meinte Bridgewater, »denn es
ist leichter, ein gescheites Buch zu schreiben, als im täglichen Leben
amüsant zu sein – Bücher werden mit dem esprit d'escalier geschrieben,
der häufig vorkommt, amüsant ist man durch die viel seltenere Gabe der
repartie, und vor allem durch Sinn für Humor.«
»Und wegen dieses Sinns für Humor sind amüsante Menschen eigentlich nie
lustige Menschen,« sagte Anstruther, »denn der Humor sieht die traurige
Komik des Lebens, den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen,
zwischen dem, was man sich einbildet, und dem, was wirklich ist. Humor
existiert deshalb auch selten bei jungen Menschen, er kommt mit den
Jahren, und in gleichem Maße, wie er wächst, schwindet die Fähigkeit
eigentlicher Lustigkeit.«
Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat, sind Fremde häufig
bei ihm zu Gaste, und wir trafen dort eine russische Witwe, Madame
Baltykoff, eine Schriftstellerin, die Mr. Bridgewater in Petersburg
gekannt hat und die nach New York gekommen ist, um das amerikanische
Leben zu studieren und dann das unvermeidliche Buch darüber zu
schreiben. Madame Baltykoff ist jung und hübsch, voller Interesse und
Begeisterung für amerikanische Einrichtungen; natürlich erwidern das
die Amerikaner, indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff begeistert
sind. Anstruther scheint besonders für sie zu schwärmen. Mir gefällt
an ihr, wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witz und Spott
überspringt, alles plötzlich wieder in Frage stellend. Heiliger Ernst
und Blague, ungefähr zu gleichen Teilen – eine echt slawische Mischung.
Die Amerikaner, die bei dem Diner zugegen waren, sind alle weitgereiste
und gebildete Leute, besonders auch die Frauen. Aber keiner von ihnen
scheint tätigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen.
Sie waren offenbar stolz auf ihr Land, aber sie schienen es als
einen Eilzug anzusehen, mit dem sie gern zu reisen bereit sind, aber
dessen Führung sie lieber andern überlassen. Denn in Amerika zeigen
gerade die Besten eine gewisse Scheu davor, sich an den öffentlichen
Angelegenheiten handelnd zu beteiligen – na, um so besser, denn es ist
auch so schon ein genügend gefährlicher Konkurrent.
Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an
Regierungsgeschäften zu nehmen; vielleicht ist es eine Folge seines
langen Aufenthalts in Ländern, wo die geringste Verbindung mit der
offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht, den hier eine noch so
entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors gewährt.
Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim
Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten
an. Mr. Bridgewater sagte: »Ich möchte ein Buch schreiben über den
Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte, denn das ist die
wichtigste Tatsache am Schluß des Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht
nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse, sondern sie wird
weittragende geistige Konsequenzen haben. Durch den zunehmenden Verkehr
mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und
von unsern Geschäftsmethoden beeinflußt werden. Wir sind daran gewöhnt,
über alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie frei
zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, daß, sobald Amerika
an einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert
von den Zeitungen erörtert wird, als wenn es sich um rein europäische
Angelegenheiten handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in
denen Amerika eine Rolle spielt, um so mehr wird auch diese Methode
angewandt werden. Das ist ein erster Schritt, um die Europäer zu einem
stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen
Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken; so werden sie lernen die
Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen, über ihre eigenen
Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden; sie werden sich nicht
mehr damit begnügen, blind geführt zu werden, wie es heute noch
in allen auswärtigen Fragen geschieht. Nichts ist ansteckender als
gewisse Ideen. Früher waren wir es, die alles aus Europa entnahmen,
aber das ist längst anders geworden; heute sind wir schon beinah
völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn, Fleisch,
Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel – aber viel
wichtiger als all das ist, daß die amerikanischen politischen Ideen
Europa überfluten werden.«
»Halten Sie es wirklich für denkbar, daß amerikanische Anschauungen
über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden?« fragte Madame
Baltykoff eifrig.
»Im letzten Ende ganz sicherlich ja«, antwortete Mr. Bridgewater.
»Da bin ich doch anderer Ansicht«, sagte mein Bruder, »denn das
Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten,
die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes
geschildert haben, ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug.
Je mehr Gewicht der äußern Expansion und einer starken auswärtigen
Politik beigemessen wird, um so mehr werden die Volksvertreter, die
sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen,
an Bedeutung verlieren. Eine große imperialistische Politik bedingt
die Herrschaft einzelner großer Führer, und da haben die Länder den
Vorteil, wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.«
»Sehen Sie, Bridgewater«, sagte Anstruther lachend, »dieser Fremde
prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention,
Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.«
»So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen«, antwortete unser
Wirt, »dann werden wir sicher sein, daß er gescheit ist.«
»Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika
freilich sein – sonst müßte er sich ja vor den europäischen Kollegen
schämen.«
Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man
hier die Empfindung bekommt, daß die Amerikaner uns Europäer als
bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne
Geschäftsmethoden gelehrt haben, wollen sie uns jetzt mit modernen
Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem, was uns sonst auf
geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht sonderbar? Und sie haben
doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren Schultern. Mein
Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man nach
Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte;
die Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei
ihnen »sehr groß« fände, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt
sind sie überzeugt, uns überflügelt zu haben.
Na, es muß ja vorkommen, daß Kinder ihren Eltern _über_ sind – wie wäre
sonst das erste Genie entstanden?
13.
_New York_, Dezember 1899.
Lieber Freund! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schönen
wie teuren Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer
in einem Boarding House in der Nähe des Central-Parks gefunden, wo
auch Mme. Baltykoff wohnt. Ta ist natürlich bei uns und bildet hier
wie im Waldorf die Freude der weißbemützten Stubenmädchen. Er ist
hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking. Dort erfuhren
wir eigentlich nie etwas über das Leben unserer Boys. Sie waren immer
da, wenn man sie brauchte, verrichteten ihre Arbeit lautlos, kannten
all unsere kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau – aber mit dem
Augenblick, da sie aus unseren Häusern hinaus auf die Straße traten,
verloren sie sich in einer uns unbekannten Welt, und von diesem Teil
ihres Lebens hörten wir nie ein Wort. Nur wenn sie mal einen etwas
längeren Urlaub haben wollten, hieß es, ihr Vater oder ihre Mutter
lägen im Sterben. Anfänglich rührte mich das sehr, ich bewilligte
ihnen immer den Urlaub, bot ihnen auch Arzneien an. Aber sie hatten
wirklich zu viel sterbende Väter und Mütter – mein Vorrat an Mitgefühl
ward so sehr beansprucht, daß er sich schließlich erschöpfte. Hier ist
es ganz anders; Ta ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzählt
mir von den Stubenmädchen, die ihn seines langen Zopfes halber gern
als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen ihrer Bälle mitgenommen
haben. Hier bin ich ihm offenbar »Vater und Mutter und Beschützer der
Armen«, wie die Inder sagen; ich erscheine ihm als einziges Bindeglied
zwischen seinem früheren und jetzigen Leben. Seitdem er hier so viel
Neger gesehen, hält er, glaube ich, weiße Leute überhaupt für beinahe
stammverwandt. »Das sind keine Menschen, das sind schwarze Teufel«,
sagte er ganz ernsthaft, und will keinesfalls zugeben, daß sie Christen
wie er sein könnten. Auf andere herabzuschauen, ist für Wesen aller
Nüancen nun mal eine freudige Genugtuung.
Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen. Er ist an solchen
Tagen immer sehr still und traurig, und ich fragte ihn, ob er Heimweh
habe. Er antwortete, nein, gar nicht, er sei sehr gern hier, aber seine
alte Mutter ließe ihm immer schreiben, er solle doch wieder kommen,
sie möchte ihn gern bei sich haben. »Ist es nicht eher deine junge
Frau?« fragte ich. »Oh nein!« rief er entrüstet, als habe ich ihn einer
beschämenden Schwäche beschuldigt, »Frau gar nichts, Mutter alles!«
Mein Bruder hat nun für die Mutter Geld nach Peking geschickt, was sie
hoffentlich beruhigen wird.
Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung
eingerichtet. Es war eine solche Freude, all die lieben gewohnten Dinge
wiederzusehen: die Nephritschalen und Bronzevasen, die Figuren des
Laotse, mit dem langen Kopf, aus Elfenbein geschnitzt, die chinesischen
Sammte, die mit dem Alter einen ganz chinesischen Charakter angenommen
haben, die feinen verblaßten Damaste und Stickereien. Ich habe alles
möglichst so gestellt und drapiert, wie es im Pekinger Häuschen war;
in der Dämmerstunde, wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt, glaube ich
manchmal, wieder dort zu sein und würde mich gar nicht wundern, wenn er
Sie anmeldete.
Auch einen Buddha-Altar habe ich über dem Kamin aufgebaut, und
da thronen all die seltsamen Gestalten, die Sie allmählich bei
bestechlichen Bonzen, in verlassenen Tempeln und verstaubten
Antiquarläden für mich aufgestöbert haben. Noch ehe ich Sie in Peking
kannte, hatte ich die Manie, Buddhas zu sammeln. Ich hatte mehrere
von Händlern gekauft, die sie, in ihren weiten Ärmeln versteckt, zu
uns trugen und dabei geheimnisvoll flüsterten, diese Götzen stammten
aus kaiserlichen Tempeln, und es sei ein großes Risiko, sie zu mir
zu bringen. Ich zeigte Ihnen sehr stolz diese Schätze; Sie schauten
sie einen Augenblick prüfend an und sagten dann: »Gar nicht übel für
moderne europäische Imitation«. Das war ein harter Schlag, und ich
war Ihnen zuerst beinah böse, denn nichts tut weher, als liebe Götzen
zu verlieren. Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und
immer frische Blumen vor sie hingestellt! Aber es sei Ihnen verziehen,
denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt, und das tun
die wenigsten Leute, die andern ihre Götter nehmen.