In diesem ironischen Takt der romantischen Wirklichkeitsgestaltung

liegt die andere große Gefahr dieser Romanform, der zu entgehen nur

Goethe, und auch ihm nur teilweise, gelungen ist. Es ist die Gefahr

der Romantisierung der Wirklichkeit bis in ein Gebiet des vollends

Wirklichkeitsjenseitigen oder, was die eigentliche, künstlerische Gefahr

deutlicher aufzeigt, in eine völlig problemfreie, problemjenseitige

Sphäre, für die die gestaltenden Formen des Romans nicht mehr ausreichen.

Novalis, der gerade in diesem Punkte Goethes Schöpfung als prosaisch

und antipoetisch abgelehnt hat, setzt die im Wirklichen realisierte

Transzendenz, das Märchen, als Ziel und als Kanon der epischen Poesie

der Gestaltungsart des »Wilhelm Meister« entgegen. »Wilhelm Meisters

Lehrjahre sind«, schreibt er, »gewissermaßen durchaus prosaisch und

modern. Das Romantische geht darin zugrunde, auch die Naturpoesie, das

Wunderbare. Er handelt bloß von gewöhnlichen, menschlichen Dingen, die

Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poetisierte

bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darin wird

ausdrücklich als Poesie und Schwärmerei behandelt. Künstlerischer

Atheismus ist der Geist des Buches ... Es ist im Grunde ... undichterisch

im höchsten Grade, so poetisch auch die Darstellung ist.« Und es

ist wiederum kein Zufall, sondern die rätselhafte und doch so tief

rationelle Wahlverwandtschaft zwischen Gesinnung und Stoff, daß Novalis

mit solchen Tendenzen auf die Zeit der ritterlichen Epik zurückgriff.

Auch er will wie diese (es ist hier freilich von einer apriorischen

Gemeinschaft der Bestrebungen und nicht von einem direkten oder

indirekten »Einfluß« irgendwelcher Art die Rede) eine diesseitig

abgeschlossene Totalität der offenbar gewordenen Transzendenz gestalten.

Darum muß diese seine Stilisierung, so gut wie die ihre, das Märchen

zum Ziel haben. Während aber die Epiker des Mittelalters in

naiv-selbstverständlicher, epischer Gesinnung geradezu auf die

Gestaltung der diesseitigen Welt ausgingen und die hineinscheinende

Gegenwart der Transzendenz und mit ihr die Verklärung der Wirklichkeit

zum Märchen nur als Geschenk ihrer geschichtsphilosophischen Situation

erhielten, wird für Novalis diese Märchenwirklichkeit, als Herstellung

einer zerrissenen Einheit von Realität und Transzendenz, zum bewußten

Gestaltungsziel. Deshalb kann aber die hier alles entscheidende,

restlose Synthese nicht vollzogen werden. Die Wirklichkeit ist allzu

belastet und beladen von der Erdenschwere ihrer Ideenverlassenheit, und

die transzendente Welt ist zu luftig und inhaltlos wegen ihrer allzu

direkten Abstammung aus der philosophisch-postulativen Sphäre des

abstrakten Überhaupt, als daß sie sich zur Gestaltung einer lebendigen

Totalität organisch vereinigen könnten. So ist der künstlerische Riß,

den Novalis scharfsinnig bei Goethe aufdeckt, in seinem Werke noch

größer, ganz unüberbrückbar geworden: der Sieg der Poesie, ihre

verklärende und erlösende Herrschaft über das gesamte Universum, besitzt

nicht die konstitutive Kraft, alles sonst Irdische und Prosaische in

dieses Paradies nach sich zu ziehen; das Romantisieren der Wirklichkeit

überzieht diese nur mit einem lyrischen Schein der Poesie, der sich

nicht in Begebenheiten, in Epik umsetzen läßt, so daß die wirkliche,

epische Gestaltung entweder die Goethesche Problematik, aber

noch verschärft, aufweist, oder durch lyrische Reflexionen und

Stimmungsbilder umgangen wird. Die Stilisierung von Novalis bleibt

deshalb eine rein reflexive, die die Gefahr auf der Oberfläche

zwar verdeckt, im wesentlichen jedoch nur verschärft. Denn das

lyrisch-stimmungshafte Romantisieren der Gebilde der gesellschaftlichen

Welt kann sich unmöglich auf ihre bei dem gegenwärtigen Stand des

Geistes nicht vorhandene prästabilierte Harmonie zu dem wesenhaften

Leben der Innerlichkeit beziehen, und da Goethes Weg, hier ein ironisch

schwebendes, vom Subjekt aus geschaffenes und die Gebilde möglichst

nicht antastendes Gleichgewicht zu finden, von Novalis verworfen wurde,

blieb ihm kein anderer Weg frei, als die Gebilde in ihrem objektiven

Dasein lyrisch zu poetisieren und so eine schöne, harmonische, aber in

sich bleibende, beziehungslose Welt zu schaffen, die sowohl mit der

endgültigen real-gewordenen Transzendenz, wie mit der problematischen

Innerlichkeit nur reflexiv, nur stimmungshaft aber nicht episch

zusammenhängt und so nicht zur wahren Totalität werden kann.

Die Überwindung dieser Gefahr ist aber auch bei Goethe nicht ohne

Problematik. So stark auch die bloß potentielle und subjektive Wesensart

des Sinnesdurchdringens für die gesellschaftliche Sphäre des Ankommens

betont wird, der Gemeinschaftsgedanke, der den ganzen Bau trägt,

erfordert, daß die Gebilde hier eine größere, objektivere

Substanzialität und damit eine echtere Angemessenheit an die

seinsollenden Subjekte besitzen, als es den überwundenen Sphären gegeben

war. Diese objektivistische Aufhebung der Grundproblematik muß aber den

Roman der Epopöe annähern; es ist jedoch gerade so unmöglich, das als

Roman Begonnene als Epopöe zu schließen, wie dieses Transzendieren durch

neuerliche, ironische Gestaltung aufzufangen und der übrigen Romanmasse

völlig homogen zu machen. Darum muß der wunderbar einheitlichen, aus

dem wahren Geiste der Romanform geborenen Theateratmosphäre die

transzendierende und deshalb brüchige Welt des Adels, als Symbol

der tätigen Lebensbeherrschung gegenüberstehen. Es ist wahr: das

Verinnerlichen des Standes ist durch die Art der Ehen, die den Roman

beschließen, in größter Kraft sinnlich-episch gestaltet; weshalb auch

die objektive Überlegenheit des Standes zu einer bloß günstigeren

Gelegenheit für ein freieres und großzügigeres Leben herabgesetzt wird,

die aber jedem, der die dazu notwendigen, inneren Voraussetzungen

besitzt, offensteht. Trotz dieses ironischen Vorbehalts ist aber der

Stand doch auf eine Höhe der Substantialität gehoben, der er innerlich

nicht gewachsen sein kann: es soll sich in seinem Rahmen, wenn auch

auf einen begrenzten Kreis beschränkt, eine allgemeine und umfassende

kulturelle Blüte entfalten, die die Lösung der verschiedensten,

individuellen Geschicke in sich aufzunehmen vermag; es muß sich also

über die Welt, die vom Adelsstand umgrenzt und aufgebaut wird, etwas

von einem problemjenseitigen Glanz der Epopöe ergießen. Und dieser

immanenten Konsequenz der Endsituation kann selbst Goethes klügster

künstlerischer Takt, sein Dazwischenschieben und Auftauchenlassen neuer

Probleme nicht ausweichen. In dieser Welt selbst aber, in ihrer bloß

relativen Angemessenheit an das wesentliche Leben, liegt kein Element,

das die Möglichkeit zu einer solchen Stilisierung darbieten würde. Dazu

war der vielgerügte, phantastische Apparat der letzten Bücher, der

geheimnisvolle Turm, die vorsehungsartig waltenden, allwissenden

Eingeweihten usw. notwendig. Goethe griff hier zu Gestaltungsmitteln

der (romantischen) Epopöe, und wenn er diese Mittel, die ihm für die

Gestaltung der sinnlichen Bedeutsamkeit und Schwere des Schlusses

unbedingt nötig waren, durch ihre leichte und ironische Behandlung

wieder herabzusetzen, ihres Eposcharakters zu entkleiden und sie zu

Elementen der Romanform umzuwandeln versuchte, so mußte er hier

scheitern. Seine gestaltende Ironie, die sonst überall das der Formung

Unwürdige mit ausreichender Substanz versah und jede transzendierende

Bewegung mit der Immanenz der Form auffing, kann hier nur das Wunderbare

-- seinen spielerischen, willkürlichen und für das Letzte unwesentlichen

Charakter aufdeckend -- entwerten, aber doch nicht verhindern, daß

es die Toneinheit des Ganzen dissonierend zerreiße: es wird zu einer

Geheimnistuerei ohne verborgenen Tiefsinn, zu einem stark betonten

Handlungsmotiv ohne wirkliche Wichtigkeit, zu einem spielerischen Zierat

ohne schmückende Grazie. Und dennoch ist es mehr als ein Zugeständnis an

den Zeitgeschmack (wie es manche entschuldigend auffassen), und es ist

trotz allem vollkommen unmöglich, dieses so unorganische »Wunderbare«

irgendwie aus dem »Wilhelm Meister« wegzudenken. Es war eine wesentliche,

formale Notwendigkeit, die Goethe zwang, es zu benutzen; und seine

Anwendung mußte nur darum mißglücken, weil es, der Weltgesinnung des

Dichters entsprechend, auf eine weniger problematische Form intendiert,

als es sein Substrat, das zu gestaltende Zeitalter, gestattet. Auch hier

ist es die utopische Gesinnung des Dichters, die es nicht aushält, bei

dem Abzeichnen der zeitgegebenen Problematik stehenzubleiben und sich

mit dem Erblicken und dem subjektiven Erleben eines nicht realisierbaren

Sinnes zu beruhigen; die ihn dazu zwingt, ein rein individuelles

Erlebnis, das postulativ allgemeingültig sein mag, als seienden und

konstitutiven Sinn der Wirklichkeit zu setzen. Jedoch die Wirklichkeit

ist auf dieses Sinnesniveau nicht heraufzuzwingen und -- wie in allen

entscheidenden Problemen großer Formen -- gibt es keine noch so große

und noch so meisterhaft reife Kunst des Gestaltens, die diesen Abgrund

zu überbrücken vermöchte.

4.

Immerhin verbleibt dieses Transzendieren zur Epopöe innerhalb des

gesellschaftlichen Lebens und es zerreißt die Formimmanenz nur insofern,

als es an der entscheidenden Stelle der zu gestaltenden Welt eine

Substantialität zumutet, die diese in keiner, wenn auch noch so

abgeschwächten, Weise zu ertragen und im Gleichgewicht zu halten fähig

ist. Die Gesinnung zum Problemjenseitigen, zur Epopöe intendiert hier

doch nur auf ein immanent-utopisches Ideal der gesellschaftlichen Formen

und Gebilde, sie transzendiert deshalb nicht diese Formen und Gebilde

überhaupt, sondern nur ihre geschichtlich gegebenen, konkreten

Möglichkeiten, was freilich zum Zerbrechen der Formimmanenz ausreicht.

Eine solche Stellungnahme entsteht erst im Desillusionsroman, wo die

Inkongruenz von Innerlichkeit und konventioneller Welt zu einem völligen

Verneinen der letzteren führen muß. Solange aber diese Verneinung bloß

eine innere Stellungnahme bedeutet, bleibt, bei geleisteter Form, die

Immanenz des Romanes bewahrt und bei Verfehlen des Gleichgewichts ist

eher von einem lyrisch psychologischen Zersetzungsprozeß der Form

überhaupt die Rede, als von einem Transzendieren des Romans zur Epopöe.

(Die eigenartige Stellung Novalis' wurde bereits analysiert.) Das

Transzendieren ist aber unvermeidlich, wenn die utopische Ablehnung der

konventionellen Welt sich in einer, ebenfalls existenten Wirklichkeit

objektiviert und die polemische Abwehr so die Form der Gestaltung

erhält. Eine solche Möglichkeit war der westeuropäischen Entwicklung

nicht gegeben. Hier richtet sich die utopische Forderung der Seele auf

etwas von vornherein Unerfüllbares: auf eine Außenwelt, die einer aufs

äußerste differenzierten und verfeinerten, zur Innerlichkeit gewordenen

Seele angemessen wäre. Das Verwerfen der Konvention geht aber nicht auf

die Konventionalität selbst aus, sondern teils auf ihre Seelenfremdheit,

teils auf ihren Mangel an Verfeinerung; teils auf ihre kulturfremde,

bloß zivilisationshafte Wesensart, teils auf ihre trockene und dürre

Geistlosigkeit. Es ist aber -- abgesehen von reinen, fast mystisch zu

nennenden anarchistischen Tendenzen -- immer eine sich in Gebilden

objektivierende Kultur gemeint, die der Innerlichkeit angemessen wäre.

(Das ist der Punkt, wo Goethes Roman sich mit dieser Entwicklung

berührt, nur daß bei ihm diese Kultur gefunden wird, woraus der

eigentümliche Rhythmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende

Übertreffen der Erwartung durch die immer wesentlicher werdenden

Gebildeschichten, die der Held mit zunehmender Reife -- mit zunehmendem

Verzicht auf abstrakten Idealismus und utopische Romantik -- erreicht.)

Diese Kritik kann sich deshalb nur lyrisch äußern. Selbst bei Rousseau,

dessen romantische Weltanschauung eine Abkehr von jeder kulturellen

Gebildewelt zum Inhalt hat, gestaltet sich die Polemik rein polemisch,

d. h. rhetorisch, lyrisch, reflexionsmäßig; die westeuropäische

Kulturwelt wurzelt so stark in der Unentrinnbarkeit der sie aufbauenden

Gebilde, daß sie niemals fähig sein kann, sich anders als polemisierend

ihr entgegenzustellen.

Erst die größere Nähe zu den organisch-naturhaften Urzuständen, die der

russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts als Gesinnungs- und

Gestaltungssubstrate gegeben waren, machen eine solche schaffende Polemik

möglich. Nach dem wesentlich »europäischen« Desillusionsromantiker

Turgenjew hat Tolstoi diese Form des Romans mit der stärksten

Transzendenz zur Epopöe geschaffen. Die große, wahrhaft epische und

von jeder Romanform entfernte Gesinnung Tolstois strebt einem Leben

zu, das auf die Gemeinschaft gleichempfindender, einfacher, der Natur

innig verbundener Menschen gegründet ist, das sich dem großen Rhythmus

der Natur anschmiegt, sich in ihrem Takt von Geburt und Vergehen bewegt

und alles Kleinliche und Trennende, Zersetzende und Erstarrende der nicht

naturhaften Formen aus sich ausschließt. »Der Muschik stirbt ruhig«,

schreibt er über seine Novelle »Drei Tode« an die Gräfin A. A. Tolstoi.

»Seine Religion ist die Natur, mit der er gelebt hat. Er fällte Bäume,

säte Roggen, mähte ihn, er schlachtete Hämmel, Hämmel wurden bei ihm

geboren und Kinder kamen zur Welt, Greise starben und er kennt dieses

Gesetz, von dem er sich nie abgewendet hat, wie die Barinja, genau und

hat ihm direkt und einfach ins Auge geschaut ... Der Baum stirbt ruhig,

einfach und schön. Schön, weil er nicht lügt, weil er nicht grimmassiert,

nichts fürchtet und nichts bedauert.«

Die Paradoxie seiner geschichtlichen Stellung, die mehr als alles

andere beweist, wie sehr der Roman die notwendige epische Form unserer

Tage ist, zeigt sich darin, daß diese Welt, selbst bei ihm, der sie

nicht nur ersehnt, sondern auch konkret, klar und reich erblickt und

gestaltet, sich nicht in Bewegung, in Handlung umsetzen läßt; daß sie

nur ein Element der epischen Gestaltung bleibt, nicht aber die epische

Wirklichkeit selbst ist. Denn die naturhaft-organische Welt der alten

Epopöe war eben doch eine Kultur, deren spezifische Qualität ihr

organischer Charakter war, während die von Tolstoi als Ideal gesetzte

und als seiend erlebte Natur in ihrem innersten Wesen als Natur gemeint

ist und als solche der Kultur gegenübergestellt wird. Daß eine solche

Entgegensetzung notwendig ist, ist die unauflösbare Problematik der

Romane Tolstois. Also: nicht weil er die Kultur nicht wirklich in sich

überwunden hat und seine Beziehung zu dem, was er als Natur erlebt und

gestaltet, eine bloß sentimentalische ist, nicht aus psychologischen

Ursachen mußte seine Gesinnung zur Epopöe bei einer problematischen

Romanform landen, sondern aus Gründen der Form und ihrer Beziehung zu

ihrem geschichtsphilosophischen Substrat.

Eine Totalität von Menschen und Begebenheiten ist nur auf dem Boden

der Kultur, wie immer man sich auch zu ihr stellen mag, möglich. Das

Entscheidende sowohl als Gerippe wie als inhaltlich-konkrete Erfüllung

von Tolstois epischen Werken gehört deshalb der von ihm als problematisch

verworfenen Welt der Kultur an. Da aber die Natur, wenn sie sich zwar

nicht zur immanent abgeschlossenen und vollendeten Totalität abrunden

kann, doch etwas ebenfalls objektiv Existentes ist, entstehen im Werk

zwei Schichten von Realitäten, die nicht nur im Gewertetsein, sondern

auch in der Qualität ihres Seins einander völlig heterogen sind. Und

ihr Beziehen aufeinander, das erst den Aufbau einer Werktotalität

ermöglicht, kann nur der erlebte Weg von der einen zu der anderen sein;

oder bestimmter: da die Richtung mit dem Resultat des Wertens gegeben

ist, der Weg von der Kultur zu der Natur. Hierdurch wird -- als paradoxe

Folge der paradoxen Beziehung zwischen der Gesinnung des Dichters

und dem Zeitalter, das er vorfindet -- doch ein sentimentalisches,

romantisches Erlebnis zum Zentrum der ganzen Gestaltung: das

Unbefriedigtsein der wesentlichen Menschen von allem, was ihnen die sie

umgebende Welt der Kultur zu bieten vermag, und das aus ihrem Verwerfen

folgende Suchen und Finden der anderen, der wesensvolleren Wirklichkeit

der Natur. Die Paradoxie, die sich aus diesem Thema ergibt, wird noch

gesteigert dadurch, daß diese »Natur« Tolstois nicht die Fülle und die

Rundung besitzt, die es ermöglichen würde, daß sie, wie die relativ

substantiellste Abschlußwelt Goethes, zu einer Heimat für das Erreichen

und das Zur-Ruhe-Kommen werde. Sie ist vielmehr bloß die tatsächliche

Gewähr dafür, daß es jenseits der Konventionalität ein wesentliches

Leben wirklich gibt; ein Leben, das in den Erlebnissen der vollen und

echten Selbstheit, in dem Selbsterleben der Seele zwar erreicht werden

kann, aus dem man jedoch rettungslos in die andere Welt wieder

herabsinken muß.

Diesen trostlosen Konsequenzen seiner Weltansicht, die er mit der

heroischen Unerbittlichkeit eines welthistorischen Dichters zieht, kann

Tolstoi auch durch die eigentümliche Stellung, die er Liebe und Ehe,

zwischen Natur und Kultur -- in beiden beheimatet und in beiden fremd

-- zuweist, nicht entgehen. In dem Rhythmus des naturhaften Lebens, dem

Rhythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens

ist die Liebe der Punkt, wo die das Leben meisternden Mächte sich am

konkretesten und sinnfälligsten gestalten. Aber die Liebe als reine

Naturmacht, als Leidenschaft gehört doch nicht der Tolstoischen Welt der

Natur an: sie ist dazu zu sehr an die Beziehung von Individuum an

Individuum gebunden und deshalb zu sehr isolierend, zu sehr Abstufungen

und Verfeinerungen schaffend: zu kulturell. Die Liebe, die in dieser

Welt die wahrhaft zentrale Stelle einnimmt, ist die Liebe als Ehe, die

Liebe als Vereinigung -- wobei die Tatsache des Vereinigtseins und des

Einswerdens wichtiger ist, als wer sich darin findet -- die Liebe als

Mittel der Geburt; die Ehe und die Familie als Vehikel der naturhaften

Kontinuität des Lebens. Daß dadurch eine gedankliche Zwiespältigkeit in

den Bau hineinkommt, würde künstlerisch wenig bedeuten, wenn dieses

Schwanken nicht noch eine, den anderen heterogene Wirklichkeitsschicht

schaffen würde, die mit den an und für sich heterogenen beiden Sphären

in keine kompositionelle Verbundenheit gebracht werden kann; die deshalb,

je echter sie gestaltet ist, desto stärker in das Entgegengesetzte des

Beabsichtigten umschlagen muß: der Triumph dieser Liebe über die Kultur

soll ein Sieg des Ursprünglichen über das falsch Verfeinerte sein, er

wird jedoch zu einem trostlosen Verschlucktwerden alles menschlich Hohen

und Großen von der Natur, die im Menschen lebt, die sich aber, indem sie

sich wirklich auslebt -- in unserer Welt der Kultur -- nur als Anpassung

an die niedrigste, geistloseste, ideenverlassenste Konvention ausleben

kann. Darum ist die Stimmung des Epiloges von »Krieg und Frieden«, die

beruhigte Kinderstubenatmosphäre, in der alles Suchen ein Ende gefunden

hat, von einer tieferen Trostlosigkeit, als das Ende des problematischsten

Desillusionsromans. Hier ist von allem, was früher da war, nichts

übriggeblieben; wie der Sand der Wüste die Pyramiden bedeckt, ist alles

Seelische vom animalisch Naturhaften aufgesogen und zu nichts gemacht.

Dieser ungewollten Trostlosigkeit des Schlusses reiht sich eine

gewollte an: die Schilderung der konventionellen Welt. Tolstois wertende

und verwerfende Stellungnahme reicht in jedes Detail der Darstellung

herunter. Die Ziellosigkeit und Substanzlosigkeit dieses Lebens äußert

sich nicht nur objektiv, für den Leser, der es so durchschaut, auch

nicht nur als Erlebnis des allmählichen Enttäuschtwerdens, sondern als

eine apriorische und feststehende, bewegliche Leere und ruhelose

Langeweile. Jedes Gespräch und jede Begebenheit erhält hiermit den

Stempel dieses Gerichts, das der Dichter über sie vollzogen hat.

Diesen beiden Erlebensgruppen steht das Wesenserleben der Natur

gegenüber. In ganz seltenen großen Augenblicken -- zumeist sind es

Augenblicke des Todes -- öffnet sich dem Menschen eine Wirklichkeit, in

der er das über ihn und zugleich in ihm waltende Wesen, den Sinn seines

Lebens, mit einer alles durchleuchtenden Plötzlichkeit erblickt und

erfaßt. Das ganze frühere Leben versinkt in ein Nichts vor diesem

Erleben, alle seine Konflikte und die Leiden und Qualen und Irrungen,

die sie verursacht haben, erscheinen kleinlich und wesenlos. Der Sinn

ist erschienen und die Wege ins lebendige Leben stehen der Seele offen.

Und wieder deckt hier Tolstoi mit der paradoxen Unerbittlichkeit des

wahren Genies die tiefste Problematik seiner Form und ihrer Grundlage

auf: es sind die großen Augenblicke des Sterbens, die diese entscheidende

Seligkeit spenden -- es ist das Erlebnis des zu Tode verwundeten Andrej

Bolkonsky am Schlachtfeld von Austerlitz, das Einheitserlebnis von

Karenin und Wronsky am Sterbebette Annas -- und die wahre Seligkeit

wäre, jetzt zu sterben, so sterben zu können. Aber Anna wird gesund und

Andrej kehrt ins Leben zurück, und der große Augenblick ist spurlos

verschwunden. Man lebt wieder in der Welt der Konventionen, man lebt

wieder ein zielloses und wesenloses Leben. Die Wege, die der große

Augenblick gezeigt hat, haben mit seinem Vergehen ihre richtungweisende

Substantialität und Realität verloren; man kann sie nicht gehen, und

wenn man auf ihnen zu wandeln meint, so ist diese Wirklichkeit eine

bittere Karikatur dessen, was die Offenbarung des großen Erlebens

gezeigt hat. (Ljewins Gotteserlebnis und das darauffolgende Festhalten

des Errungenen -- trotz des stetigen psychischen Herabgleitens -- stammt

mehr aus dem Willen und der Theorie des Denkers, als aus der Vision des

Gestalters. Es ist programmatisch und besitzt nicht die unmittelbare

Evidenz der anderen großen Augenblicke.) Und die wenigen Menschen, die

ihr Erleben wirklich zu leben fähig sind -- vielleicht ist Platon

Karatajew die einzige solche Gestalt --, sind notwendige Nebengestalten:

jedes Ereignis gleitet von ihnen ab, nie werden sie mit ihrem Wesen in

die Begebenheiten verstrickt, ihr Leben objektiviert sich nicht, ist

nicht gestaltbar, nur andeutbar, nur als Gegensatz zu den anderen

künstlerisch-konkret bestimmbar. Sie sind ästhetische Grenzbegriffe

und keine Realitäten.

Die Theorie des Romans · 第 9 / 10 段