Diesen drei Wirklichkeitsschichten entsprechen die drei Zeitbegriffe

der Welt Tolstois, und ihre Unvereinbarkeit weist am stärksten die

innere Problematik dieser so reichen und innerlich gestalteten

Werke auf. Die Welt der Konvention ist eigentlich zeitlos: ein ewig

wiederkehrendes und sich wiederholendes Einerlei rollt sich nach

sinnesfremden Eigengesetzlichkeiten ab; eine ewige Bewegtheit ohne

Richtung, ohne Wachstum, ohne Vergehen. Die Figuren werden ausgetauscht,

aber mit ihrem Wechsel ist nichts geschehen, denn eine jede ist

gleich wesenlos, an die Stelle einer jeden kann eine beliebige andere

eingesetzt werden. Und wann immer man diese Bühne betritt und wann immer

man sie wieder verläßt; immer ist es dieselbe bunte Wesenlosigkeit, die

man findet oder von der man sich abkehrt. Darunter rauscht der Fluß

der Tolstoischen Natur: die Stetigkeit und das Einerlei eines ewigen

Rhythmus. Und was sich hierbei verändert, ist auch nur etwas Wesenloses:

das individuelle Geschick, das darin verflochten ist, das auftaucht und

untergeht, dessen Existenz keine Bedeutung besitzt, die in ihm selbst

gegründet wäre, dessen Beziehung zum Ganzen seine Persönlichkeit nicht

aufnimmt, sondern vernichtet, das für das Ganze -- als individuelles

Geschick, nicht als ein Element der Rhythmik neben zahllosen gleichartigen

und gleichwertigen anderen -- vollständig belanglos ist. Und die großen

Augenblicke, die eine Ahnung eines wesentlichen Lebens, eines sinnhaften

Ablaufs aufleuchten lassen, bleiben Augenblicke: isoliert von den beiden

anderen Welten, ohne konstitutive Bezogenheit auf sie. Die drei Begriffe

der Zeit sind also nicht nur einander heterogen und miteinander

unvereinbar, sondern keiner von ihnen drückt eine wirkliche Dauer, die

wirkliche Zeit, das Lebenselement des Romans aus. Das Hinausgehen über

die Kultur hat nur die Kultur verbrannt, kein gesichertes, wesenhafteres

Leben an seine Stelle gesetzt; das Transzendieren der Romanform macht

sie noch problematischer -- rein künstlerisch sind Tolstois Romane

übersteigerte Typen der Desillusionsromantik, ein Barock der Form

Flauberts -- ohne dem ersehnten Ziel, der problemjenseitigen Wirklichkeit

der Epopöe in konkreter Gestaltung näher zu kommen als andere. Denn die

ahnend erblickte Welt der wesenhaften Natur bleibt Ahnung und Erlebnis,

also subjektiv und für die gestaltete Wirklichkeit reflexiv; sie ist --

rein künstlerisch -- jeder Sehnsucht nach einer angemesseneren Realität

dennoch gleichartig.

Über den Typus des Desillusionsromans ist die Entwicklung nicht

hinausgekommen und die Literatur der allerletzten Zeit zeigt keine

wesentlich schöpferische, neue Typen bildende Möglichkeit: es ist ein

eklektisches Epigonentum früherer Gestaltungsarten da, das nur im

formell Unwesentlichen -- im Lyrischen und im Psychologischen --

produktive Kräfte zu haben scheint.

Tolstoi selbst nimmt freilich eine doppelte Stellung ein. In einer

rein auf die Form gerichteten Betrachtung -- die jedoch gerade bei

ihm unmöglich das Entscheidende seiner Gesinnung und selbst seiner

gestalteten Welt treffen kann -- muß er als Abschluß der europäischen

Romantik begriffen werden. In den wenigen ganz großen Momenten seiner

Werke jedoch, die nur formell, nur in bezug auf das im Werk gestaltete

Ganze, als subjektiv-reflexiv aufgefaßt werden mußten, ist eine deutlich

differenzierte, konkrete und existente Welt aufgezeigt, die, wenn sie

sich zur Totalität ausbreiten könnte, den Kategorien des Romans völlig

unzugänglich wäre und einer neuen Form der Gestaltung bedürfte: der

erneuerten Form der Epopöe.

Es ist die Sphäre einer reinen Seelenwirklichkeit, in der der Mensch

als Mensch -- und nicht als Gesellschaftswesen, aber auch nicht als

isolierte und unvergleichliche, reine und darum abstrakte Innerlichkeit --

vorkommt, in der, wenn sie einmal als naiv erlebte Selbstverständlichkeit,

als die einzig wahre Wirklichkeit da sein wird, sich eine neue und

abgerundete Totalität aller in ihr möglichen Substanzen und Beziehungen

aufbauen kann, die unsere gespaltene Realität gerade so weit

hinter sich läßt und nur als Hintergrund benützt, wie unsere

gesellschaftlich-»innerliche« Dualitätswelt die Welt der Natur hinter

sich gelassen hat. Aber diese Wandlung kann niemals von der Kunst

aus vollzogen werden: die große Epik ist eine an die Empirie des

geschichtlichen Augenblicks gebundene Form und jeder Versuch, das

Utopische als seiend zu gestalten, endet nur formzerstörend, aber nicht

wirklichkeitschaffend. Der Roman ist die Form der Epoche der vollendeten

Sündhaftigkeit, nach Fichtes Worten, und muß die herrschende Form

bleiben, solange die Welt unter der Herrschaft dieser Gestirne steht.

Bei Tolstoi waren Ahnungen eines Durchbruchs in eine neue Weltepoche

sichtbar: sie sind aber polemisch, sehnsuchtsvoll und abstrakt

geblieben.

Erst in den Werken Dostojewskys wird diese neue Welt, fern von jedem

Kampf gegen das Bestehende, als einfach geschaute Wirklichkeit

abgezeichnet. Darum steht er und steht seine Form außerhalb von diesen

Betrachtungen: Dostojewsky hat keine Romane geschrieben, und die

gestaltende Gesinnung, die in seinen Werken sichtbar wird, hat weder

bejahend noch verneinend etwas mit der europäischen Romantik des

neunzehnten Jahrhunderts und mit den mannigfaltigen, ebenfalls

romantischen Reaktionen gegen sie zu tun. Er gehört der neuen Welt an.

Ob er bereits der Homer oder der Dante dieser Welt ist oder bloß die

Gesänge liefert, die spätere Dichter, zusammen mit anderen Vorläufern,

zur großen Einheit verflechten werden, ob er nur ein Anfang, oder schon

eine Erfüllung ist: das kann nur die Formanalyse seiner Werke aufzeigen.

Und es kann erst dann Aufgabe einer geschichtsphilosophischen

Zeichendeuterei sein, auszusprechen, ob wir wirklich im Begriffe sind,

den Stand der vollendeten Sündhaftigkeit zu verlassen, oder ob erst

bloße Hoffnungen die Ankunft des Neuen verkündigen; Anzeichen eines

Kommenden, das noch so schwach ist, daß es von der unfruchtbaren Macht

des bloß Seienden wann immer spielend erdrückt werden kann.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

die Romantisierung der Wirklichkeit. Novalis. -- Goethes

die Romantisierung der Wirklichkeit. -- Novalis. -- Goethes

identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Anwort das

identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Antwort das

Metaphysik alles Asthetische vorweggenommen hat, so gibt es für

Metaphysik alles Ästhetische vorweggenommen hat, so gibt es für

Held in seiner eigenen Seele zurückerlegen muß, bis er sich als Helden

Held in seiner eigenen Seele zurücklegen muß, bis er sich als Helden

der gegenstands,freien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung

der gegenstandsfreien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung

»_Divina comedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der

»_Divina Commedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der

aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingstein von Teil und

aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingtsein von Teil und

deshalb ein geschichts-philosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum

deshalb ein geschichtsphilosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum

an Geburt und Tod gebunden ist zeigt er doch gerade durch den Punkt,

an Geburt und Tod gebunden ist, zeigt er doch gerade durch den Punkt,

einer die Risse zudeckender Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche

einer die Risse zudeckenden Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche

In den homerischen Epen umfaßte die Allherschaft der rein menschlichen

In den homerischen Epen umfaßte die Allherrschaft der rein menschlichen

ist wahr, seine Vorraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres

ist wahr, seine Voraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres

Dieses ästetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein

Dieses ästhetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein

bewußt: das von der Transzendenz abgeschnittene Ich erkennt in sich

Das »n« in »von« war auf den Kopf gestellt gedruckt.

kein Versuch gemacht, daß Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in

kein Versuch gemacht, das Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in

Die Posivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen

Die Positivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen

direkten Abstammung aus der philosopisch-postulativen Sphäre des

direkten Abstammung aus der philosophisch-postulativen Sphäre des

eigentümliche Rhytmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende

eigentümliche Rhythmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende

Rythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens

Rhythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens

]

Die Theorie des Romans · 第 10 / 10 段