Es ist die Zeit, die diese Überwindung möglich macht. Ihr ungehemmtes und

ununterbrochenes Strömen ist das vereinigende Prinzip der Homogeneität,

das alle heterogenen Stücke abschleift und miteinander in eine --

freilich irrationale und unaussprechliche -- Beziehung bringt. Sie ist

es, die die planlose Wirrnis der Menschen ordnet und ihr den Anschein

einer aus sich blühenden Organik verleiht: ohne sonst sichtbaren Sinn

tauchen Gestalten auf und ohne einen Sinn sichtbar zu machen, tauchen

sie wieder unter, knüpfen Beziehungen mit den anderen an und brechen

diese wieder ab. Aber in dieses sinnesfremde Werden und Vergehen, das

vor den Menschen da war und sie überdauert, sind die Gestalten nicht

einfach eingebettet. Jenseits von Geschehnissen oder Psychologie gibt

es ihnen die eigentliche Qualität ihres Daseins: wie zufällig immer das

Auftreten einer Gestalt pragmatisch und psychologisch sei, sie taucht

aus einer existenten und erlebten Kontinuität auf, und die Atmosphäre

dieses Getragenseins vom einmaligen und einzigen Lebensstrom hebt die

Zufälligkeit ihrer Erlebnisse und die Isoliertheit der Geschehnisse, in

denen sie figuriert, auf. Das Lebensganze, das alle Menschen trägt, wird

dadurch etwas Dynamisches und Lebendiges: die große Zeiteinheit, die

dieser Roman umfaßt, die die Menschen in Generationen gliedert und ihre

Taten einem geschichtlich-sozialen Komplex zuweist, ist nicht ein

abstrakter Begriff, nicht eine gedanklich nachkonstruierte Einheit, wie

die des Ganzen der »_Comédie humaine_«, sondern etwas an und für sich

Existentes, ein konkretes und organisches Kontinuum. Nur ist dieses

Ganze insofern ein wahres Abbild des Lebens, daß auch ihm gegenüber

jedes Wertsystem der Ideen regulativ bleibt, daß die Idee, die ihm

immanent innewohnt, nur die der eigenen Existenz, die des Lebens

überhaupt ist. Aber diese Idee, die die Ferne der wahren, im Menschen

zum Ideal gewordenen Ideensysteme noch krasser aufzeigt, nimmt dem

Scheitern aller Bestrebungen ihre trockene Trostlosigkeit: alles was

geschieht ist sinnlos, brüchig und trauervoll, es ist aber immer

durchstrahlt von der Hoffnung oder von der Erinnerung. Und die Hoffnung

ist hier kein vom Leben isoliertes, abstraktes Kunstwerk, das durch sein

Scheitern am Leben entweiht und beschmutzt wird; sie ist selbst ein Teil

des Lebens, das sie, sich daran anschmiegend, und es schmückend, zu

meistern versucht, wovon sie jedoch immer abgleiten muß. Und in der

Erinnerung verwandelt sich dieser stete Kampf zu einem interessanten

und unbegreiflichen Weg, der jedoch mit unzerreißbaren Fäden an den

gegenwärtigen, an den erlebten Augenblick gebunden ist. Und dieser

Augenblick ist so reich von der zugleitenden und hinweggleitenden Dauer,

als deren Stauung er einen Moment des bewußten Schauens bietet, daß sich

dieser Reichtum auch dem Vergangenen und Verlorenen mitteilt, ja damals

unbemerkt Vorbeigegangenes mit dem Wert des Erlebens ziert. So ist, in

merkwürdiger und melancholischer Paradoxie, das Gescheitertsein das

Moment des Werts; das Denken und Erleben dessen, was das Leben versagt

hat, die Quelle, der die Fülle des Lebens zu entströmen scheint. Es

ist die völlige Abwesenheit jeder Sinneserfüllung gestaltet, aber

die Gestaltung erhebt sich zur reichen und runden Erfülltheit einer

wirklichen Lebenstotalität.

Das ist das wesentlich epische dieses Gedächtnisses. Im Drama (und

in der Epopöe) existiert das Vergangene nicht oder ist vollkommen

gegenwärtig. Da diese Formen den Zeitablauf nicht kennen, gibt es in

ihnen keinen Qualitätsunterschied des Erlebens zwischen Vergangenem und

Gegenwärtigem; die Zeit besitzt keine wandelschaffende Macht, nichts

wird von ihr in seiner Bedeutung verstärkt oder abgeschwächt. Das ist

der formelle Sinn der von Aristoteles aufgezeigten, typischen Szenen

der Enthüllungen und der Erkennungen: etwas ist den Helden des Dramas

pragmatisch unbekannt, nun tritt es in ihren Gesichtskreis ein und

sie müssen in der dadurch veränderten Welt anders handeln, als sie es

wollten. Aber das neu Hinzutretende ist durch keine Zeitperspektive

blasser geworden, es ist dem gegenwärtigen völlig gleichartig und

gleichwertig. So verändert der Zeitablauf auch in der Epopöe nichts:

Hebbel konnte das rein dramatische Nicht-vergessen-Können, die

Vorbedingung der Rache bei Kriemhild und Hagen, unverändert aus dem

Nibelungenlied übernehmen, und jeder Gestalt der »_Divina Commedia_«

steht das in ihr Lebendige ihres irdischen Lebens so gegenwärtig vor der

Seele, wie der mit ihr sprechende Dante, wie der Ort der Strafe oder der

Gnade, wohin sie heimgelangt ist. Für das lyrische Vergangenheitserlebnis

ist nur die Veränderung wesentlich. Die Lyrik kennt kein als Gegenstand

gestaltetes Objekt, das entweder in dem luftleeren Raum der Zeitlosigkeit

oder in der Atmosphäre des Ablaufs stehen könnte: sie gestaltet den

Prozeß des Erinnerns oder des Vergessens, und das Objekt ist nur eine

Veranlassung für das Erlebnis.

Nur in dem Roman und in einzelnen, ihm angenäherten, epischen Formen

kommt eine schöpferische, den Gegenstand treffende und ihn umwandelnde

Erinnerung vor. Das echt Epische dieses Gedächtnisses ist die erlebende

Bejahung des Lebensprozesses. Die Dualität von Innerlichkeit und

Außenwelt kann hier für das Subjekt aufgehoben werden, wenn es die

organische Einheit seines ganzen Lebens als das Gewachsensein seiner

lebendigen Gegenwart aus dem, in der Erinnerung zusammengedrängten,

vergangenen Lebensstrome erblickt. Die Überwindung der Dualität, also

das Treffen und Einbeziehen des Objekts, macht dieses Erlebnis zum

Element einer echt epischen Form. Die stimmungshafte Pseudolyrik des

Desillusionsromans zeigt sich vor allem darin, daß im erinnernden

Erleben Objekt und Subjekt deutlich geschieden sind: die Erinnerung

erfaßt vom Standpunkt der gegenwärtigen Subjektivität die Diskrepanz,

die zwischen dem Objekt, wie es in Wirklichkeit war, und zwischen seinem

vom Subjekte als Ideal erhofften Vorbild gesetzt ist. Das Spitze und

Unerfreuliche einer solchen Gestaltung stammt also nicht so sehr aus der

Trostlosigkeit des gestalteten Inhalts, wie aus der stehengelassenen

Dissonanz in der Form; daraus, daß das Objekt des Erlebnisses sich

nach den Formgesetzen des Dramas aufbaut, während die es erlebende

Subjektivität eine lyrische ist. Drama, Lyrik und Epik stehen aber nicht

-- in welcher Hierarchie immer gedacht -- als Thesis, Antithesis und

Synthesis in einem dialektischen Prozesse, sondern jedes von ihnen ist

eine, jeder anderen qualitativ völlig heterogene Art der Weltgestaltung.

Die Positivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen

Strukturgesetze; die Lebensbejahung, die als Stimmung von ihr auszugehen

scheint, ist nichts anderes als die Auflösung ihrer formgeforderten

Dissonanzen, die Bejahung ihrer eigenen, formgeschaffenen Substanz.

Die objektive Struktur der Romanwelt zeigt eine heterogene, nur von

regulativen Ideen geregelte Totalität, deren Sinn nur aufgegeben

aber nicht gegeben ist. Darum ist die in der Erinnerung aufdämmernde

aber erlebte Einheit von Persönlichkeit und Welt, in ihrer

subjektiv-konstitutiven, objektiv-reflexiven Wesensart das tiefste

und echteste Mittel, die von der Romanform geforderte Totalität zu

leisten. Es ist die Heimkehr des Subjekts in sich selbst, die in diesem

Erlebnis offenbar wird, so wie die Ahnung und die Forderung dieser

Heimkehr den Hoffnungserlebnissen zugrunde liegt. Diese Heimkehr ist es,

die alles Angefangene, Abgebrochene und Fallengelassene nachträglich zu

Taten rundet; in der Stimmung ihres Erlebens wird der lyrische Charakter

der Stimmung überwunden, weil auf die Außenwelt, auf die Lebenstotalität

bezogen; und die Einsicht, die diese Einheit erfaßt, erhebt sich, wegen

dieser Objektsbeziehung, aus ihrer zersetzenden Analytik: sie wird das

ahnend-intuitive Erfassen des unerreichten und darum unaussprechbaren

Lebenssinnes, der deutlich gewordene Kern aller Taten.

Es ist eine natürliche Folge der Paradoxie dieser Kunstart, daß die

ganz großen Romane eine gewisse Tendenz zum Transzendieren auf die

Epopöe hin haben. Die »_Education sentimentale_« ist hier die einzige,

wirkliche Ausnahme und ist darum für die Form des Romans am meisten

vorbildlich. In der Gestaltung des Zeitablaufs und seiner Beziehung zum

künstlerischen Zentrum des ganzen Werkes zeigt sich diese Tendenz am

deutlichsten. Pontoppidans »Hans im Glück«, der vielleicht von allen

Romanen des neunzehnten Jahrhunderts dem großen Gelingen Flauberts am

nächsten steht, bestimmt das Ziel, dessen Erreichen seine Lebenstotalität

begründet und abrundet, zu inhaltlich konkretisiert und zu wertbetont,

als daß vom Ende aus diese vollendete, wirklich epische Einheit entstehen

könnte. Zwar ist auch für ihn der Weg mehr als eine unumgängliche

Erschwerung des Ideals; er ist der notwendige Umweg, ohne dessen

Durchschreiten das Ziel leer und abstrakt bliebe und das Erreichen

darum seinen Wert verlöre. Aber er hat seinen Wert doch nur in Bezug auf

dieses bestimmte Ziel, und der Wert, der so entsteht, ist doch nur der

des Gewachsenseins und nicht der des Wachstums selbst. Sein Zeiterleben

hat also eine leise Neigung zum Transzendieren auf das Dramatische, auf

das richtende Scheiden vom Wertgetragenen und Sinnverlassenen, das zwar

mit bewundernswertem Takt überwunden wird, dessen Spuren, jedoch als

nicht ganz aufgehobene Dualitäten, doch nicht vertilgt werden können.

Der abstrakte Idealismus und seine innige Beziehung zur zeitjenseitigen,

transzendenten Heimat machen diese Gestaltungsart notwendig. Darum muß

das größte Werk dieses Typus, der »Don Quixote« noch stärker, und zwar

seinen formellen und geschichtsphilosophischen Grundlagen nach, zur

Epopöe transzendieren. Die Geschehnisse im »Don Quixote« sind fast

zeitlos, eine bunte Reihe von isolierten und in sich vollendeten

Abenteuern, und das Ende vollendet zwar das Ganze dem Prinzip und dem

Problem nach, krönt aber doch nur das Ganze und nicht die konkrete

Gesamtheit der Teile. Das ist das Eposartige des »Don Quixote«, seine

wundervolle, atmosphärenfreie Härte und Heiterkeit. Es ist freilich nur

das Gestaltete selbst, das in dieser Weise aus dem Zeitablauf in reinere

Gegenden emporragt, der Lebensgrund selbst, der es trägt, ist nicht

zeitlos-mythisch, sondern aus dem Ablauf der Zeit entstanden und

vermittelt die Spuren dieser Abstammung jeder Einzelheit. Nur daß

die Strahlen des wahnsinnig dämonischen Gesichertseins in der nicht

existenten, transzendenten Heimat die Schatten und die Abschattungen

dieser Geburt auffangen, und alles mit den scharfen Konturen ihres

Lichts umreißen. Vergessen machen können sie es aber nicht, denn

diesem einmaligen und einzigen Überwinden der Zeitenschwere verdankt

ja das Werk seine unwiederholbare Mischung von herbster Heiterkeit und

mächtiger Melancholie. Wie in allen anderen Punkten hat nicht der naive

Dichter Cervantes die ihm unbekannten Gefahren seiner Form überwunden

und eine unwahrscheinliche Vollendung gefunden, sondern der intuitive

Visionär des nicht wiederkehrenden geschichtsphilosophischen Augenblicks.

Seine Vision erwuchs an dem Punkt, wo zwei Weltepochen sich schieden,

erkannte und begriff sie und erhob die verworrenste und verlorenste

Problematik in die Lichtsphäre der ganz aufgegangenen, ganz zur Form

gewordenen Transzendenz. Die Vorfahren und die Erben seiner Form, der

Ritterepik und des Abenteuerromans, zeigen die Gefahr dieser Form, die

aus ihrem Transzendieren zur Epopöe, aus ihrem Nichtgestaltenkönnen der

_durée_ entspringt: die Trivialität, die Tendenz zur Unterhaltungslektüre.

Es ist dies die notwendige Problematik dieses Romantypus, so wie das

Zerfallen, die Formlosigkeit, wegen des Nicht-bewältigen-Könnens der

überschweren und überstark existenten Zeit die Gefahr der anderen Art,

des Desillusionsromans ist.

3.

»Wilhelm Meister« steht ästhetisch wie geschichtsphilosophisch

zwischen diesen beiden Typen der Gestaltung: sein Thema ist die

Versöhnung des problematischen, vom erlebten Ideal geführten Individuums

mit der konkreten, gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese Versöhnung

kann und darf nicht ein Sichabfinden, noch eine von vornherein

bestehende Harmonie sein, die würde ja zu dem bereits charakterisierten

Typus des modernen humoristischen Romans führen, nur daß dabei dem dort

notwendigen Übel die Hauptrolle zufiele. (Freytags »Soll und Haben« ist

ein Schulbeispiel für diese Objektivation der Ideenlosigkeit und des

antipoetischen Prinzips.) Menschentypus und Handlungsstruktur sind also

hier von der formalen Notwendigkeit bedingt, daß die Versöhnung von

Innerlichkeit und Welt problematisch aber möglich ist; daß sie in

schweren Kämpfen und Irrfahrten gesucht werden muß, aber doch gefunden

werden kann. Darum steht die hier in Betracht kommende Innerlichkeit

zwischen beiden vorher analysierten Typen: ihre Beziehung zur

transzendenten Ideenwelt ist eine lose, subjektiv wie objektiv

gelockerte, aber die rein auf sich gestellte Seele rundet ihre Welt

nicht zu einer in sich vollendeten oder vollendet sein sollenden

Wirklichkeit ab, die als Postulat und wetteifernde Macht der äußeren

gegenüber auftritt, sondern trägt als Zeichen der entfernteren aber

noch nicht erloschenen Verknüpftheit mit der transzendentalen Ordnung

eine Sehnsucht nach einer diesseitigen Heimat in sich, die dem -- im

Positiven unklaren, im Ablehnen eindeutigen -- Ideal entspricht. Diese

Innerlichkeit ist also einerseits ein breiter und deshalb milder,

schmiegsamer, konkreter gewordener Idealismus und anderseits eine

solche Erweiterung der Seele, die sich handelnd, auf die Wirklichkeit

einwirkend und nicht kontemplativ ausleben will. So steht diese

Innerlichkeit in der Mitte zwischen Idealismus und Romantik und wird,

in sich eine Synthese und Überwindung beider versuchend, von beiden

als Kompromiß abgelehnt.

Aus dieser durch das Thema gegebenen Möglichkeit, in der sozialen

Realität handelnd zu wirken, folgt, daß die Gliederung der Außenwelt,

Beruf, Stand, Klasse usw. als Substrat des sozialen Handelns für den

hier in Betracht kommenden Menschentypus von entscheidender Bedeutung

ist. Das Ideal, das in diesen Menschen lebt und ihre Taten bestimmt, hat

deshalb zum Inhalt und Ziel: in den Gebilden der Gesellschaft Bindungen

und Erfüllungen für das Innerlichste der Seele zu finden. Damit ist

aber, wenigstens postulativ, die Einsamkeit der Seele aufgehoben. Diese

Wirksamkeit setzt eine menschliche und innerliche Gemeinschaft, ein

Verständnis und ein Zusammenwirkenkönnen in bezug auf das Wesentliche

zwischen den Menschen voraus. Diese Gemeinschaft ist jedoch weder das

naiv-selbstverständliche Gewurzeltsein in gesellschaftlichen Bindungen

und die naturhafte Solidarität des Zusammengehörens, die daraus entsteht

(wie in den alten Epopöen), noch ein mystisches Gemeinschaftserlebnis,

das die einsame Individualität als etwas Vorläufiges, Erstarrtes und

Sündhaftes vor dem plötzlich aufzuckenden Licht dieser Erleuchtung

vergißt und hinter sich läßt, sondern ein gegenseitiges Sichabschleifen

und Aneinandergewöhnen von früher einsamen und eigensinnig auf sich

beschränkten Persönlichkeiten; die Frucht einer reichen und bereichernden

Resignation, die Krönung eines Erziehungsprozesses, eine errungene und

erkämpfte Reife. Der Inhalt dieser Reife ist ein Ideal der freien

Menschlichkeit, die alle Gebilde des gesellschaftlichen Lebens als

notwendige Formen menschlicher Gemeinschaft begreift und bejaht,

zugleich jedoch in ihnen nur die Veranlassung zum Auswirken dieser

wesentlichen Substanz des Lebens erblickt, sie also nicht in ihrem

staatlich-rechtlichen, starren Fürsichsein, sondern als notwendige

Instrumente über sie hinausgehender Ziele sich aneignet. Das Heldentum

des abstrakten Idealismus und die reine Innerlichkeit der Romantik

werden deshalb als relativ berechtigte, aber nur als zu überwindende

und der verinnerlichten Ordnung eingefügte Tendenzen zugelassen; an und

für sich erscheinen sie als geradeso verwerflich und zum Untergange

verurteilt, wie das Sichabfinden mit jeder noch so ideenlosen äußeren

Ordnung, nur weil sie die gegebene Ordnung ist: wie das Philistertum.

Eine solche Struktur der Beziehung zwischen Ideal und Seele relativiert

die Zentralstellung des Helden: sie ist eine zufällige; der Held wird

aus der unbegrenzten Zahl der Gleichstrebenden nur darum herausgegriffen

und in den Mittelpunkt gestellt, weil gerade sein Suchen und Finden die

Gesamtheit der Welt am deutlichsten offenlegt. Aber in dem Turm, wo

Wilhelm Meisters Lehrjahre aufgezeichnet sind, stehen -- unter sehr vielen

anderen -- auch die von Jarno und Lothario und weiteren Mitgliedern des

Bundes, und der Roman selbst enthält, in den Erinnerungen der Stiftsdame,

eine ausgeführte Parallele des Erziehungsschicksals. Freilich kennt

auch der Desillusionsroman diese zufällige Zentralität der Hauptgestalt

(während der abstrakte Idealismus notwendigerweise mit einem, von seiner

Einsamkeit gekennzeichneten und in den Mittelpunkt gestellten Helden

arbeiten muß), dies ist jedoch nur ein Mittel mehr für das Aufzeigen der

depravierenden Wirklichkeit: in dem Scheiternmüssen jeder Innerlichkeit

ist jedes Einzelschicksal nur eine Episode, und die Welt stellt sich

aus der unendlichen Anzahl von solchen, einander heterogen, einsamen

Episoden zusammen, die nur das Scheiternmüssen als gemeinsames Schicksal

miteinander teilen. Hier jedoch ist die weltanschauliche Grundlage

dieser Relativität das Gelingenkönnen der auf ein gemeinsames Ziel

gerichteten Bestrebungen; die einzelnen Gestalten werden durch diese

Gemeinschaft des Schicksals innig miteinander verbunden, während im

Desillusionsroman die Parallelität der Lebenskurve die Einsamkeit der

Menschen nur noch steigern mußte.

Darum wird hier auch zwischen dem ganz auf das Handeln Gerichtetsein

des abstrakten Idealismus und der zur Kontemplation gewordenen, rein

inneren Handlung der Romantik ein Mittelweg gesucht. Die Humanität,

als Grundgesinnung dieses Gestaltungstypus, erfordert ein Gleichgewicht

von Aktivität und Kontemplation, von Einwirkenwollen auf die Welt und

Aufnahmefähigkeit ihr gegenüber. Man hat diese Form Erziehungsroman

genannt. Mit Recht, denn seine Handlung muß ein auf ein bestimmtes Ziel

gerichteter, bewußter und geleiteter Prozeß sein, die Entwicklung von

Eigenschaften in den Menschen, die ohne ein derartiges, tätiges

Eingreifen von Menschen und glücklichen Zufällen, niemals in ihnen zur

Blüte gekommen wären; denn das auf diese Weise Erreichte ist selbst

etwas für andere Bildendes und Förderndes, selbst ein Erziehungsmittel.

Die Handlung, die von diesem Ziel bestimmt ist, hat eine gewisse Ruhe

des Gesichertseins. Aber es ist nicht die aprioristische Ruhe einer

gebundenen Welt; es ist der zielbewußte und zielsichere Wille zur

Bildung, der diese Atmosphäre der letzten Gefahrlosigkeit schafft. An

und für sich ist diese Welt durchaus nicht frei von Gefahr. Man muß

ganze Reihen von Menschen, wegen ihrer Unfähigkeit zur Anpassung,

untergehen und andere, wegen ihres vorschnellen und bedingungslosen

Kapitulierens vor jeder Wirklichkeit, verdorren und vertrocknen sehen,

um die Gefahr, der jeder ausgesetzt ist und gegen die es wohl für

jeden einen Weg der individuellen Rettung, nicht aber der apriorischen

Erlöstheit gibt, zu ermessen. Aber es gibt solche Wege, und man sieht

eine ganze Gemeinschaft von Menschen -- einander helfend, wenn auch

dabei mitunter Irrtümer und Verwirrungen stiftend -- diese Wege

siegreich zu Ende gehen. Und was für viele wirklich geworden ist, muß

für alle, wenigstens der Möglichkeit nach, offen stehen.

So stammt das kräftige und gesicherte Grundgefühl dieser Romanform

aus dem Relativieren ihrer Zentralgestalt, das wieder von dem Glauben an

die Möglichkeit gemeinsamer Schicksale und Lebensgestaltungen bedingt

ist. Sobald dieser Glaube verschwindet -- was formal ausgedrückt soviel

bedeutet: sobald die Handlung sich aus den Schicksalen eines einsamen

Menschen aufbaut, der durch die, scheinbaren oder wirklichen,

Gemeinschaften nur hindurchgeht, aber dessen Geschick nicht in sie

mündet -- muß sich die Art der Gestaltung wesentlich ändern und sich dem

Typus des Desillusionsromans nähern. Denn die Einsamkeit ist hier weder

zufällig noch gegen das Individuum zeugend, sie bedeutet vielmehr, daß

der Wille zum Wesentlichen aus der Welt der Gebilde und der Gemeinschaften

hinausführt, daß eine Gemeinschaft nur auf der Oberfläche und auf dem

Boden des Kompromisses möglich ist. Wird hierdurch zwar auch die

Zentralgestalt problematisch, so liegt ihre Problematik nicht in

ihren sogenannten »falschen Tendenzen«, sondern eben darin, daß

sie ihr Innerlichstes in der Welt überhaupt realisieren wollte.

Das Erziehungsmäßige, das dieser Form doch bleibt und das sie vom

Desillusionsroman scharf unterscheidet, ist, daß das schließliche

Ankommen des Helden in eine resignierte Einsamkeit nicht einen völligen

Zusammenbruch oder ein Beschmutztwerden aller Ideale bedeutet, sondern

die Einsicht in die Diskrepanz zwischen Innerlichkeit und Welt,

eine handelnde Verwirklichung der Einsicht in diese Dualität: das

Sichabfinden mit der Gesellschaft im resignierten Aufsichnehmen ihrer

Lebensformen und das Insichabschließen und Fürsichbewahren der nur in

der Seele realisierbaren Innerlichkeit. Die Gebärde des Ankommens drückt

den gegenwärtigen Weltzustand aus, ist aber weder ein Protest dagegen

noch seine Bejahung: nur ein verstehendes Erleben; ein Erleben, das

gegen beide Seiten gerecht zu werden bestrebt ist und das in dem

Sich-nicht-auswirken-Können der Seele in der Welt nicht nur die

Wesenlosigkeit dieser, sondern auch die innere Schwäche jener erblickt.

Freilich sind in den meisten Einzelfällen die Grenzen zwischen

diesem nachgoetheschen Typus des Erziehungsromans und dem der

Desillusionsromantik oft gleitend. Die erste Fassung des »Grünen

Heinrich« zeigt dies vielleicht am deutlichsten, während die endgültige

klar und bestimmt diesen formgeforderten Weg einschlägt. Aber die, wenn

auch überwindbare, Möglichkeit eines solchen Gleitens zeigt die eine

große Gefahr auf, die diese Form von ihrer geschichtsphilosophischen

Grundlage aus bedroht: die Gefahr einer nicht vorbildlichen, nicht zum

Symbol gewordenen Subjektivität, die die epische Form sprengen muß. Denn

bei dieser Voraussetzung sind möglicherweise sowohl Held wie Schicksal

etwas bloß Persönliches, und das Ganze wird zu einem memoirenartig

erzählten Privatgeschick, wie es einem bestimmten Menschen gelungen

ist, sich mit der ihm gegebenen Umwelt auseinanderzusetzen. (Der

Desillusionsroman gleicht die gesteigerte Subjektivität der Menschen

durch die erdrückend-gleichmachende Allgemeinheit des Schicksals aus.)

Und diese Subjektivität ist unaufhebbarer als die des erzählenden Tones:

sie gibt allem Dargestellten -- selbst wenn die technische Gestaltung

aufs vollendetste objektiviert ist -- den fatalen, belanglosen und

kleinlichen Charakter des bloß Privaten; es bleibt ein Aspekt, der um so

unangenehmer die Totalität vermissen läßt, weil er in jedem Moment mit

dem Anspruch eine solche zu gestalten, auftritt. Der weitaus größte Teil

der modernen Erziehungsromane ist dieser Gefahr rettungslos verfallen.

Die Struktur der Menschen und Schicksale im »Wilhelm Meister« bestimmt

den Aufbau ihrer sozialen Umwelt. Auch hier handelt es sich um einen

Zwischenzustand: die Gebilde des gesellschaftlichen Lebens sind nicht

Abbilder einer feststehenden und sicheren, transzendenten Welt, noch in

sich selbst eine abgeschlossene und klar gegliederte Ordnung, die sich

zum Selbstzweck substanziert; denn dann wäre ja das Suchen und die

Möglichkeit der Verirrung aus dieser Welt ausgeschlossen. Aber sie

bilden auch keine amorphe Masse, denn sonst müßte die auf Ordnung

gerichtete Innerlichkeit in ihrem Bereich immer heimatlos bleiben und

das Erreichen des Zieles wäre von vornherein undenkbar. Die soziale

Welt muß deshalb zu einer Welt der Konvention werden, die aber eine

Durchdringung von dem lebendigen Sinn teilweise zugänglich ist.

Damit tritt ein neues Prinzip der Heterogeneität in die Außenwelt ein:

die irrationale und nicht rationalisierbare Hierarchie der verschiedenen

Gebilde und Schichten von Gebilden nach ihrer Durchdringbarkeit von

dem Sinn, der in diesem Fall nicht etwas Objektives bedeutet, sondern

die Möglichkeit einer Auswirkung der Persönlichkeit. Die Ironie als

Gestaltungsfaktor wächst hier zu ganz entscheidender Bedeutung, da an

und für sich keinem Gebilde der Sinn weder zugesagt noch abgesprochen

werden kann, da diese ihre Eignung oder Untauglichkeit von vornherein

gar nicht deutlich zu machen ist, sondern nur in der Wechselwirkung mit

dem Individuum hervortreten darf; diese notwendige Zweideutigkeit wird

noch dadurch gesteigert, daß es bei den einzelnen Wechselwirkungen gar

nicht feststellbar ist, ob die Angemessenheit oder Unangemessenheit der

Gebilde an das Individuum ein Sieg oder ein Scheitern von diesem ist

oder gar ein Gericht über das Gebilde. Aber diese ironische Bejahung der

Wirklichkeit -- denn dieses Schweben ergießt einen Glanz selbst über das

Ideenverlassenste -- ist doch nur ein Zwischenstadium: die Vollendung

des Erziehungswerkes muß notwendigerweise bestimmte Teile der

Wirklichkeit idealisieren, romantisieren und andere, als des Sinnes bar,

der Prosa verfallen lassen. Anderseits aber kann die ironische Haltung

auch dieser Heimkehr und ihren Vehikeln gegenüber nicht aufgegeben

werden und einer bedingungslosen Bejahung den Platz überlassen. Denn

diese Objektivationen des gesellschaftlichen Lebens sind ja auch nur

Veranlassungen des sichtbaren und fruchtbaren Tätigwerdens von etwas,

was jenseits von ihnen liegt, und die vorangegangene, ironische

Homogeneisierung der Wirklichkeit, der sie ihren Wirklichkeitscharakter

-- ihr, für die subjektiven Aspekte und Tendenzen nicht durchschaubares

Wesen, ihre selbständige Existenz ihnen gegenüber -- verdanken, kann

auch hier nicht aufgehoben werden, ohne die Einheit des Ganzen zu

gefährden. Die erreichte, sinnvolle und harmonische Welt ist also

gerade so wirklich und hat dieselben Merkmale der Wirklichkeit wie

die verschiedenen Abstufungen der Sinnesverlassenheit und des brüchigen

Sinnesdurchdringens, die ihr im Gang der Handlung vorangehen.

Die Theorie des Romans · 第 8 / 10 段