Diese Stellungnahme ist eine so extreme Steigerung des Lyrischen, daß

sie nicht einmal mehr eines rein lyrischen Ausdrucks fähig ist. Denn

auch die lyrische Subjektivität erobert für ihre Symbole die Außenwelt;

wenn diese auch eine selbstgeschaffene ist, so ist sie die einzig

mögliche, sie steht, als Innerlichkeit, nie polemisch-ablehnend der ihr

zugeordneten Außenwelt gegenüber, nie flüchtet sie in sich selbst, um

diese zu vergessen, sondern willkürlich erobernd greift sie Bruchstücke

aus diesem atomisierten Chaos heraus und verschmilzt sie -- alle

Ursprünge vergessen machend -- in das neu entstandene, lyrische Kosmos

der reinen Innerlichkeit. Die epische Innerlichkeit ist aber immer

reflektiert, sie realisiert sich in einer bewußten und abstandsvollen

Weise, im Gegensatz zur naiven Abstandslosigkeit der echten Lyrik.

Darum sind ihre Ausdrucksmittel sekundäre: Stimmung und Reflexion;

Ausdrucksmittel, die den scheinbaren Ähnlichkeiten vom Trotz dem Wesen

der reinen Lyrik völlig fremd sind. Es ist wahr: Stimmung und Reflexion

sind konstitutive Aufbauelemente der Romanform, ihre formelle Bedeutung

ist aber gerade dadurch bestimmt, daß in ihnen das regulative Ideensystem,

das der ganzen Wirklichkeit zugrunde liegt, offenbar werden kann und

durch ihre Vermittlung gestaltet wird; also darin, daß sie eine

positive, wenn auch problematische und paradoxe Beziehung auf die

Außenwelt haben. Zum Selbstzweck geworden muß ihr undichterischer

Charakter kraß und jede Form zersetzend auftreten.

Dieses ästhetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein

ethisches; seine künstlerische Lösung hat deshalb -- den Formgesetzen des

Romans entsprechend -- das Überwinden der ethischen Problematik, die es

verursacht, zur Voraussetzung. Die hierarchische Frage von Über- und

Unterordnungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit ist das

ethische Problem der Utopie; die Frage, inwiefern ein Besserdenkenkönnen

der Welt sich ethisch rechtfertigen läßt, inwiefern darauf, als

Ausgangspunkt der Lebensgestaltung, sich ein Leben aufbauen läßt, das

rund in sich ist und nicht, wie Hamann sagt, ein Loch bekam, statt ein

Ende zu nehmen. Vom Standpunkt der epischen Form ist dieses Problem so

zu stellen: kann diese abgeschlossene Korrektur der Wirklichkeit sich in

Taten umsetzen, die, unabhängig vom äußeren Gelingen oder Versagen, das

Recht des Individuums auf diese Selbstherrlichkeit beweisen; die die

Gesinnung, aus der sie getan wurden, nicht kompromittieren? Das rein

künstlerische Schaffen einer Wirklichkeit, die dieser Traumwelt

entspricht oder ihr wenigstens angemessener ist als die tatsächlich

vorgefundene, ist nur eine scheinbare Lösung. Denn die utopische

Sehnsucht der Seele ist nur dann eine echtgeborene, nur dann würdig,

Mittelpunkt einer Weltgestaltung zu werden, wenn sie bei dem

gegenwärtigen Stand des Geistes, oder, was dasselbe besagt, in einer

gegenwärtig vorstellbaren und gestaltbaren, vergangenen oder mythischen

Welt überhaupt unerfüllbar ist. Ist eine Welt der Erfüllung zu finden,

so beweist dies, daß die Unzufriedenheit mit der Gegenwart ein

artistisches Mäkeln an dessen äußeren Formen war, eine dekorative

Hingezogenheit zu Zeiten, die ein großzügigeres Linienziehen oder

eine buntere Farbenpracht ermöglichen. Diese Sehnsucht ist freilich

erfüllbar, aber ihre Erfüllung zeigt ihre innere Leere in der

Ideenlosigkeit der Gestaltung auf, wie sie etwa in den so gut erzählten

Romanen Walter Scotts zutage tritt. Sonst hilft die Flucht vor der

Gegenwart für das entscheidende Problem gar nichts; in der monumentalen

oder dekorativen, distanzierten Gestaltung werden dieselben Probleme --

oft tiefe und künstlerisch unlösbare Dissonanzen zwischen Gebärde und

Seele, zwischen äußerem Geschick und innerem Schicksal schaffend --

sichtbar. Salambo oder C. F. Meyers allerdings novellistisch angelegte

Romane sind hierfür bezeichnende Beispiele. Das ästhetische Problem, die

Verwandlung von Stimmung und Reflexion, von Lyrismus und Psychologie in

echt epische Ausdrucksmittel, konzentriert sich deshalb um das ethische

Grundproblem, um die Frage der notwendigen und möglichen Tat. Der

Menschentypus dieser Seelenstruktur ist seinem Wesen nach eher ein

kontemplativer als ein aktiver: seine epische Gestaltung ist also

vor das Problem gestellt, wie sich dieses In-sich-Zurückziehen oder

zögerndes, rhapsodisches Handeln doch in Taten umzusetzen vermag; ihre

Aufgabe ist, den Einheitspunkt von dem notwendigen Dasein und Sosein

dieses Typus und von seinem notwendigen Scheitern gestaltend

aufzudecken.

Das Vorherbestimmteste des Versagens ist das andere, objektive Hindernis

der rein epischen Gestaltung: ob diese Schicksalsbestimmung bejaht oder

verneint, beweint oder verhöhnt wird, immer ist die Gefahr einer

subjektiv-lyrischen Stellungnahme zu den Geschehnissen an Stelle des

normativ-epischen reinen Aufnehmens und Wiedergebens viel näherliegend,

als es bei einem innerlich weniger von vornherein entschiedenen Kampf

der Fall ist. Es ist die Stimmung der Desillusionsromantik, die diesen

Lyrismus trägt und ernährt. Eine übersteigerte und überbestimmte

Begehrlichkeit des Seinsollenden dem Leben gegenüber und eine

verzweifelte Einsicht in die Vergeblichkeit dieser Sehnsucht; eine

Utopie, die von vornherein ein schlechtes Gewissen und die Gewißheit

der Niederlage hat. Und das Entscheidende an dieser Gewißheit ist ihre

unlösbare Verknüpftheit mit dem Gewissen; die Evidenz, daß das Scheitern

eine notwendige Folge ihrer eigenen, inneren Struktur ist, daß sie in

ihrem besten Wesen und höchsten Werte zu Tode verurteilt ist. Darum

ist die Stellungnahme sowohl zu dem Helden wie zu der Außenwelt eine

lyrische: die Liebe und die Anklage, die Trauer, das Mitleid und der

Hohn.

Die innere Wichtigkeit des Individuums hat den geschichtlichen

Gipfelpunkt erreicht: es ist nicht mehr, wie im abstrakten Idealismus,

als Träger von transzendenten Welten bedeutsam, sondern trägt

ausschließlich in sich selbst seinen Wert, ja die Werte des Seins

scheinen die Rechtfertigung ihres Geltens erst aus ihrer subjektiven

Erlebtheit, aus ihrer Bedeutung für die Seele des Individuums zu

schöpfen.

Si l'arche est vide où tu pensais trouver ta loi,

Rien n'est réel que ta danse:

Puisqu' elle n'a pas d'objet, elle est impérissable.

Danse pour le désert et danse l'espace.

(Henri Franck.)

Die Voraussetzung und der Preis dieser maßlosen Erhöhung des Subjekts

ist jedoch der Verzicht auf jedwede Rolle in der Gestaltung der äußeren

Welt. Die Desillusionsromantik folgt nicht nur zeitlich-geschichtlich

auf den abstrakten Idealismus, sie ist auch begrifflich sein Erbe, die

geschichtsphilosophisch auf ihn folgende Stufe im apriorischen Utopismus:

dort wurde das Individuum, der Träger der utopischen Forderung an die

Wirklichkeit, von ihrer rohen Kraft erdrückt; hier ist diese Niederlage

die Voraussetzung der Subjektivität. Dort erwuchs aus der Subjektivität

das Heldentum der streitbaren Innerlichkeit; hier erhält der Mensch

infolge seiner inneren Möglichkeit zum dichterähnlichen Erleben und

Lebengestalten die Befähigung zum Helden, zur Zentralgestalt der

Dichtung zu werden. Dort sollte die äußere Welt nach dem Vorbilde der

Ideale neu geschaffen werden; hier fordert eine sich als Dichtung

vollendende Innerlichkeit von der Außenwelt, daß sie sich ihr als

geeignetes Material der Selbstgestaltung hingebe. In der Romantik wird

der dichterische Charakter jeder Apriorität der Wirklichkeit gegenüber

bewußt: das von der Transzendenz abgeschnittene Ich erkennt in sich

die Quelle von allem Seinsollenden und -- als notwendige Folge -- sich

als das einzig würdige Material seiner Verwirklichung. Das Leben wird

zur Dichtung, aber damit wird der Mensch zugleich der Dichter seines

eigenen Lebens und der Zuschauer dieses Lebens als eines geschaffenen

Kunstwerks. Diese Doppeltheit kann nur lyrisch gestaltet werden. Sobald

sie in eine zusammenhängende Totalität eingestellt ist, wird das

Versagenmüssen offenbar: die Romantik wird skeptisch, enttäuscht und

grausam sich selbst und der Welt gegenüber: der Roman des romantischen

Lebensgefühls ist der der Desillusionsdichtung. Die Innerlichkeit, der

jeder Weg zum Sichauswirken versagt ist, staut sich nach innen, kann

aber dennoch niemals endgültig auf das für immer Verlorene Verzicht

leisten; denn wenn sie es auch wollte, das Leben versagt ihr jede

Erfüllung dieser Art: es zwingt ihr Kämpfe und mit ihnen unabwendbare,

vom Dichter vorausgesehene, vom Helden vorher empfundene Niederlagen

auf.

Aus dieser Sachlage erwächst eine romantische Maßlosigkeit in allen

Richtungen. Maßlos wird der innere Reichtum des rein Seelischen zur

alleinigen Wesenhaftigkeit erhoben und mit einer gleich maßlosen

Unerbittlichkeit das Belanglose seines Daseins im Ganzen der Welt

aufgezeigt; die Vereinsamung der Seele, ihr Abgeschnittensein von jedem

Halt und jeder Bindung wird ins Maßlose gesteigert und zugleich die

Abhängigkeit dieses Seelenzustandes von gerade dieser Weltlage mit

schonungslosen Lichtern beleuchtet. Es ist, kompositionell, ein

Maximum an Kontinuität erstrebt, denn nur in der durch nichts Äußeres

durchbrochenen Subjektivität gibt es eine Existenz; die Wirklichkeit

zerfällt jedoch in einander vollkommen heterogene Bruchstücke, die

nicht einmal isoliert, wie die Abenteuer in »Don Quixote« eine sinnlich

selbständige Valenz des Daseins besitzen. Sie leben alle nur von der

erlebenden Stimmung Gnaden, aber diese selbe Stimmung wird durch das

Ganze in ihrer reflexiven Nichtigkeit enthüllt. So muß hier alles

verneint werden, denn jede Bejahung hebt das schwebende Gleichgewicht

der Kräfte auf: die Bejahung der Welt gäbe dem ideenlosen Philistertum,

dem stumpfen Sichabfindenkönnen mit dieser Wirklichkeit recht und ließe

eine wohlfeile und glatte Satire entstehen; und die eindeutige Bejahung

der romantischen Innerlichkeit müßte ein formloses Schwelgen in sich

eitel bespiegelndem, sich frivol anbetendem, lyrischen Psychologisieren

hervorbringen. Aber die beiden Prinzipien der Weltgestaltung sind

einander zu feindlich heterogen, um gleichzeitig bejaht zu werden, wie

dies in Romanen, die eine Möglichkeit zum Transzendieren auf die Epopöe

hin besitzen, der Fall sein kann; und eine Verneinung beider, der einzig

gegebene Weg der Gestaltung, erneuert und potenziert die Grundgefahr

dieses Romantypus: Selbstauflösung der Form in einen trostlosen

Pessimismus. Die notwendige Folge der als Ausdrucksmittel herrschenden

Psychologie: die Zersetzung jedes voraussetzungslos-gewissen,

menschlichen Wertes, die Aufdeckung seiner letzthinigen Nichtigkeit; und

die ebenso notwendige Folge der Herrschaft der Stimmung: die ohnmächtige

Trauer über eine an sich wesenlose Welt, das unwirksame und monotone

Glänzen einer verwesenden Oberfläche, sind die rein artistischen Seiten

dieser Sachlage.

Jede Form muß irgendwo positiv sein, um als Form Substanz zu bekommen.

Die Paradoxie des Romans zeigt ihre große Fragwürdigkeit darin, daß die

Weltlage und die Menschenart, die seinen formellen Anforderungen am

meisten entgegenkommen, für die er die einzig angemessene Form ist,

die Gestaltung vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Jacobsens

Desillusionsroman, der die Trauer darüber, daß »es so viel sinnlose

Feinheit in der Welt gibt« in wundervollen, lyrischen Bildern

ausspricht, zerfällt und zerflattert; und der Versuch des Dichters in

dem heldenhaften Atheismus Niels Lyhnes, in dem kühnen Aufsichnehmen

seiner notwendigen Einsamkeit, eine verzweifelte Positivität zu finden,

wirkt als eine von außerhalb der eigentlichen Dichtung herbeigeholte

Hilfe. Denn dieses Leben, das zur Dichtung werden sollte und zum

schlechten Fragment wurde, wird in der Gestaltung wirklich zu einem

Scherbenberg; die Grausamkeit der Desillusion kann nur den Lyrismus der

Stimmungen entwerten, den Menschen und den Geschehnissen kann sie doch

keine Substanz und Schwere des Daseins verleihen. Es bleibt eine schöne

aber schattenhafte Mischung von Schwelgen und Bitterkeit, von Trauer und

Hohn, aber keine Einheit; Bilder und Aspekte, aber keine Lebenstotalität.

Und Gontscharows Versuch durch eine positive Kontrastgestalt, die

großartig, richtig und tief erschaute Figur Oblomows in eine Totalität

einzustellen, mußte ebenfalls mißlingen. Vergebens fand der Dichter für

die Passivität dieser Menschenart ein sinnlich so schlagend kräftiges

Bild wie das ewige, hilflose Liegenbleiben Oblomows. Vor der Tiefe der

Oblomowschen Tragik, der direkt und nur das Eigentliche im Innersten

erlebt, jedoch an der kleinsten äußeren Wirklichkeit kläglich scheitern

muß, wird das sieghafte Glück seines starken Freundes Stolz platt und

trivial, aber er hat dennoch genügend Kraft und Gewicht um Oblomows

Geschick ins Mesquine herabzuziehen: die schauererregende Komik dieser

Heterogeneität von Innerem und Äußerem, die der im Bette liegende

Oblomow offenbart, verliert mit dem Beginn der eigentlichen Handlung,

dem Erziehungswerk des Freundes und dessen Mißlingen immer stärker

ihre gestaltete Tiefe und Größe, sie wird immer mehr das gleichgültige

Geschick eines von vornherein verlorenen Menschen.

Die größte Diskrepanz zwischen Idee und Wirklichkeit ist die Zeit:

der Ablauf der Zeit als Dauer. Das tiefste und erniedrigendste

Sich-nicht-bewähren-Können der Subjektivität besteht weniger in dem

vergeblichen Kampfe gegen ideenlose Gebilde und deren menschliche

Vertreter, als darin, daß sie dem träg-stetigen Ablauf nicht standhalten

kann, daß sie von mühsam errungenen Gipfeln langsam aber unaufhaltsam

herabgleiten muß, daß dieses unfaßbare, unsichtbar-bewegliche Wesen ihr

allen Besitz allmählich entwindet und ihr -- unbemerkt -- fremde

Inhalte aufzwingt. Darum ist es, daß nur die Form der transzendentalen

Heimatlosigkeit der Idee, der Roman die wirkliche Zeit, Bergsons »durée«

in die Reihe seiner konstitutiven Prinzipien aufnimmt. Daß das Drama den

Begriff der Zeit nicht kennt, daß jedes Drama den richtig verstandenen

drei Einheiten -- wobei Einheit der Zeit Herausgehobensein aus dem

Ablauf bedeutet -- unterworfen ist, habe ich in anderen Zusammenhängen

dargelegt. Die Epopöe kennt allerdings scheinbar die Dauer der Zeit, man

denke nur an die zehn Jahre der Ilias und an die der Odyssee. Doch diese

Zeit hat ebensowenig eine Realität, eine wirkliche Dauer; die Menschen

und die Schicksale bleiben von ihr unberührt; sie hat keine eigene

Bewegtheit, und ihre Funktion ist nur die Größe eines Unternehmens oder

einer Spannung sinnfällig auszudrücken. Damit der Zuhörer erlebe, was

die Einnahme Trojas, was die Wanderungen des Odysseus bedeuten, sind

die Jahre notwendig, geradeso wie die große Zahl der Streiter, wie

die Erdoberfläche, die durchirrt werden mußte. Aber die Helden erleben

die Zeit innerhalb der Dichtung nicht, an ihre innere Wandlung oder

Unveränderlichkeit reicht die Zeit nicht heran; ihr Alter haben sie in

ihren Charakter aufgenommen, und Nestor ist alt, so wie Helena schön

und Agamemnon mächtig ist. Altwerden und Sterben, die schmerzliche

Erkenntnis jedes Lebens, besitzen freilich auch die Menschen der Epopöe,

aber nur als Erkenntnis; was sie erleben und wie sie es erleben, hat die

selige Zeitentrücktheit der Götterwelt. Die normative Einstellung zur

Epopöe ist, nach Goethe und Schiller, die zu etwas ganz Vergangenem;

eine Zeit also, die hier gegeben ist, ist stillstehend und auf einen

Blick zu übersehen. Dichter und Gestalten können sich in ihr nach jeder

Richtung hin frei bewegen, sie hat, wie jeder Raum, mehrere Dimensionen

und keine Richtung. Und die ebenfalls von Goethe und Schiller statuierte

normative Gegenwärtigkeit des Dramas verwandelt auch nach Gurnemanz'

Worten die Zeit in Raum, und erst die vollständige Desorientiertheit

der modernen Literatur stellte die unmögliche Aufgabe, Entwicklungen,

allmähliche Zeitabläufe dramatisch darstellen zu wollen.

Die Zeit kann erst dann konstitutiv werden, wenn die Verbundenheit mit

der transzendentalen Heimat aufgehört hat. So wie die Ekstase den

Mystiker in eine Sphäre erhebt, wo jede Dauer und jeder Ablauf aufgehört

hat, aus der er nur wegen seiner kreatürlich-organischen Beschränktheit

in die Zeitwelt herabsinken muß, so schafft jede Form der innig-sichtbaren

Wesensgebundenheit einen Kosmos, der dieser Notwendigkeit a priori

entzogen ist. Nur im Roman, dessen Stoff das Suchenmüssen und das

Nicht-finden-Können des Wesens ausmacht, ist die Zeit mit der Form

mitgesetzt: die Zeit ist das Sichsträuben der bloß lebenhaften Organik

wider den gegenwärtigen Sinn, das Verharrenwollen des Lebens in

der eigenen, völlig geschlossenen Immanenz. In der Epopöe ist die

Lebensimmanenz des Sinnes so stark, daß die Zeit von ihr aufgehoben

wird: das Leben zieht als Leben in die Ewigkeit ein, die Organik hat

aus der Zeit nur das Blühen mitgenommen und alles Verwelken und Sterben

vergessen und hinter sich gelassen. Im Roman trennen sich Sinn und Leben

und damit das Wesenhafte und Zeitliche; man kann fast sagen: die ganze

innere Handlung des Romans ist nichts als ein Kampf gegen die Macht

der Zeit. In der Desillusionsromantik ist die Zeit das depravierende

Prinzip: die Poesie, das Wesentliche muß vergehen, und die Zeit ist es,

die dieses Dahinsiechen letzten Endes verursacht. Darum ist hier jeder

Wert auf der Seite des unterliegenden Teiles, der, weil er dahinschwindet,

den Charakter der verwelkenden Jugend erhält, und alle Roheit und

ideenlose Härte sind auf der Seite der Zeit. Und nur als nachträgliche

Korrektur dieser einseitig lyrischen Bekämpfung der siegenden Macht

wendet sich die Selbstironie gegen das versinkende Wesen: in einem

neuen, nunmehr verwerflichen Sinn erhält es nochmals das Attribut der

Jugendlichkeit: das Ideal erscheint als konstitutiv nur für den Zustand

der seelischen Unreife. Aber die Gesamtanlage des Romans muß schief

werden, wenn in diesem Kampf Wert und Unwert so scharf getrennt zwischen

den beiden Seiten verteilt werden. Die Form kann ein Lebensprinzip

nur dann wirklich verneinen, wenn sie es apriorisch aus ihrem Bereich

auszuschließen vermag; muß sie es in sich aufnehmen, so ist es für sie

positiv geworden: die Verwirklichung des Wertes hat es dann nicht nur

in seinem Widerstand, sondern auch in seiner eigentlichen Existenz zur

Voraussetzung.

Denn die Zeit ist die Fülle des Lebens, wenn auch die Fülle der Zeit das

Sichaufheben des Lebens und mit ihm der Zeit ist. Und das Positive, die

Bejahung, die die Form des Romans, jenseits von aller Trostlosigkeit und

Trauer seiner Inhalte ausspricht, ist nicht nur der ferne dämmernde Sinn,

der sich hinter dem gescheiterten Suchen in mattem Glanze erhellt, sondern

die Fülle des Lebens, die gerade in der vielfältigen Vergeblichkeit des

Suchens und des Kämpfens offenbar wird. Der Roman ist die Form der

gereiften Männlichkeit: sein Trostgesang erklingt aus der ahnenden

Einsicht, daß überall Keime und Fußspuren des verlorenen Sinnes sichtbar

werden; daß der Widersacher aus der selben verlorenen Heimat stammt, wie

der Ritter des Wesens; daß dem Leben deshalb die Immanenz des Sinnes

verlorengehen mußte, damit sie überall gleich gegenwärtig sei. So wird

die Zeit zum Träger der hohen, epischen Poesie des Romans: sie ist

unerbittlich existent geworden, und niemand vermag der eindeutigen

Richtung ihres Stromes nunmehr entgegenzuschwimmen, noch seinen

unvorhergesehenen Lauf mit den Dämmen der Aprioritäten zu regeln.

Aber es bleibt ein resigniertes Gefühl lebendig: dies alles muß von

irgendwoher kommen und es muß nach irgendwohin gehen; mag die Richtung

auch keinen Sinn verraten, immerhin ist es eine Richtung. Und aus diesem

resigniert-mannbaren Gefühl entsteigen die episch echtgeborenen, weil

Taten erweckenden und aus Taten entsprossenen Zeiterlebnisse: die

Hoffnung und die Erinnerung; Zeiterlebnisse, die zugleich Überwindungen

der Zeit sind: ein Zusammensehen des Lebens als geronnene Einheit

_ante rem_ und sein zusammensehendes Erfassen _post rem_. Und wenn das

naiv-selige Erlebnis des _in re_ dieser Form und ihren gebärenden Zeiten

versagt sein muß, wenn diese Erlebnisse auch zur Subjektivität und zum

Reflexivbleiben verurteilt sind, das gestaltende Gefühl des Sinnerfassens

kann ihnen nicht genommen werden; sie sind die Erlebnisse der größten

Wesensnähe, die dem Leben einer von Gott verlassenen Welt gegeben sein

können.

Ein solches Zeiterlebnis liegt Flauberts »_Education sentimentale_«

zugrunde, und sein Fehlen, das einseitig negative Fassen der Zeit

ließ letzten Endes die anderen, großangelegten Romane der Desillusion

scheitern. Von allen großen Werken dieses Typus ist die »_Education

sentimentale_« scheinbar am wenigsten komponiert, es wird hier gar

kein Versuch gemacht, das Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in

heterogene, morsche und fragmentarische Teile durch irgendeinen Prozeß

der Vereinheitlichung zu überwinden, noch die fehlende Verbindung und

die sinnliche Valenz durch lyrische Stimmungsmalerei zu ersetzen:

hart, abgebrochen und isoliert stehen die einzelnen Bruchstücke der

Wirklichkeit nebeneinander da. Und die Zentralgestalt wird weder

durch Beschränkung der Personenzahl und straffe Komposition auf

den Mittelpunkt hin, noch durch das Hervorheben ihrer die anderen

überragenden Persönlichkeit bedeutsam gemacht: das innere Leben des

Helden ist gerade so brüchig wie seine Umwelt, und seine Innerlichkeit

besitzt keine lyrische oder hohnvolle Macht des Pathos, die sie dieser

Geringfügigkeit entgegensetzen könnte. Und dennoch ist dieser für alle

Problematik der Romanform typischste Roman des neunzehnten Jahrhunderts,

in der durch nichts gemilderten Trostlosigkeit seines Stoffes, der

einzige, der die wahre epische Objektivität und durch sie die Positivität

und bejahende Energie einer geleisteten Form erreicht hat.

Die Theorie des Romans · 第 7 / 10 段