Diese gesicherte und abgerundete Irrationalität des ganzen gestalteten

Kosmos läßt den durchscheinenden Schatten Gottes als etwas Dämonisches

erscheinen: aus der Perspektive dieses Lebens kann er nicht begriffen

und eingeordnet werden, kann sich also nicht als Gott offenbaren; und

wegen der auf das diesseitige Leben angelegten Gestaltung ist es nicht

möglich, wie bei Dante, von Gott aus die konstitutive Einheit des

gesamten Seins aufzufinden und aufzuzeigen. Die Ritterromane, gegen die

der »Don Quixote« als Polemik und Parodie entstanden ist, haben diese

transzendente Beziehung verloren, und nach dem Verlust dieser Gesinnung

-- sofern aus der ganzen Welt, wie bei Ariosto, nicht ein ironisch

schönes, reines Spiel geworden ist -- mußte aus der geheimnisvollen

und märchenhaften Oberfläche etwas banal Oberflächliches werden.

Cervantes' gestaltende Kritik dieser Trivialität findet den Weg zu den

geschichtsphilosophischen Quellen dieses Formtypus wieder: das subjektiv

nicht erfaßbare, objektiv gesicherte Sein der Idee hat sich in ein

subjektiv klares und fanatisch festgehaltenes, aber die objektive

Beziehung entbehrendes Sein verwandelt; aus dem Gott, der wegen der

Unangemessenheit des ihn aufnehmenden Materials nur wie ein Dämon

erscheinen konnte, ist in Wahrheit ein Dämon geworden, der in der von

der Vorsehung verlassenen, die transzendentale Orientierung entbehrenden

Welt die Rolle Gottes zu spielen sich anmaßt. Und die Welt, die er

meint, ist dieselbe, die früher von Gott zum gefährlichen aber

wundervollen Zaubergarten verwandelt wurde, nur daß sie von bösen

Dämonen in Prosa verzaubert die Rückverwandlung durch das glaubende

Heldentum ersehnt; wovor man sich in der Märchenwelt nur hüten mußte,

um die gütige Verzauberung nicht aufzuheben, ist hier zur positiven

Tat, zum Kampf um das daseiende, nur eines erlösenden Wortes harrende

Paradies der Märchenwirklichkeit geworden.

So steht dieser erste große Roman der Weltliteratur am Anfang der Zeit,

wo der Gott des Christentums die Welt zu verlassen beginnt; wo der

Mensch einsam wird und nur in seiner, nirgends beheimateten Seele den

Sinn und die Substanz zu finden vermag; wo die Welt aus ihrem paradoxen

Verankertsein im gegenwärtigen Jenseits losgelassen, ihrer immanenten

Sinnlosigkeit preisgegeben wird; wo die Macht des Bestehenden --

verstärkt durch die nunmehr zum bloßen Sein degradierten utopischen

Bindungen -- zu unerhörter Größe erwächst und einen rasenden und

anscheinend ziellosen Kampf gegen die aufsteigenden, noch unfaßlichen,

zur Selbstenthüllung und zum Weltdurchdringen unfähigen Kräfte führt.

Cervantes lebt in der Periode der letzten, großen und verzweifelten

Mystik, des fanatischen Versuchs einer Erneuerung der versinkenden

Religion aus sich selbst; in der Periode der in mystischen Formen

aufsteigenden neuen Welterkenntnis; in der letzten Periode von wahrhaft

erlebten aber bereits zielverlorenen, suchenden und versucherischen,

okkulten Bestrebungen. Es ist die Periode der freigelassenen Dämonie,

die Periode der großen Verwirrung der Werte bei noch bestehendem

Wertsystem. Und Cervantes, der gläubige Christ und der naiv-loyale

Patriot, hat gestaltend das tiefste Wesen dieser dämonischen Problematik

getroffen: daß das reinste Heldentum zur Groteske, der festeste Glauben

zum Wahnsinn werden muß, wenn die Wege zu seiner transzendentalen

Heimat ungangbar geworden sind; daß der echtesten und heldenhaftesten,

subjektiven Evidenz keine Wirklichkeit entsprechen muß. Es ist die tiefe

Melancholie des historischen Ablaufs, des Vergehens der Zeit, die daraus

spricht, daß ewige Inhalte und ewige Haltungen ihren Sinn verlieren,

wenn ihre Zeit vorbei ist; daß die Zeit über ein Ewiges hinweggehen

kann. Es ist der erste große Kampf der Innerlichkeit gegen die

prosaische Niedertracht des äußeren Lebens und der einzige Kampf, in dem

es ihr gelungen ist, nicht nur unbefleckt aus dem Kampf herauszugehen,

sondern selbst ihren siegreichen Gegner mit dem Glanz ihrer siegreichen,

wenn auch freilich selbstironischen Poesie zu umgeben.

»Don Quixote« mußte, wie übrigens fast jeder wahrhaft große Roman, die

einzige bedeutende Objektivation seines Typus bleiben. Dieses Ineinander

von Poesie und Ironie, von Erhabenheit und Groteske, von Göttlichkeit

und Monomanie war so stark an den damals vorgefundenen Stand des Geistes

gebunden, daß derselbe Typus von Geistesstruktur sich in anderen

Zeitaltern anders und niemals mehr mit derselben epischen Bedeutsamkeit

zeigen mußte. Die Abenteuerromane, die seine rein künstlerische

Form übernommen haben, sind gerade so ideenlos geworden, wie seine

unmittelbaren Vorgänger, die Ritterromane. Auch sie haben die einzig

fruchtbare Spannung, die transzendentale verloren und sie entweder durch

eine rein gesellschaftliche ersetzt oder in einer Abenteuerlust um der

Abenteuer willen das bewegende Prinzip der Handlung gefunden. In beiden

Fällen war, trotz der wirklich großen Begabung mancher dieser Dichter,

einer letzthinigen Trivialität, einer immer stärkeren Annäherung des

großen Romans an die Unterhaltungslektüre und dem schließlichen Ankommen

in ihr doch nicht zu entgehen. Mit dem immer zunehmenden Prosaisch-Werden

der Welt, mit dem Entweichen der aktiven Dämonen, die immer mehr dem

dumpfen Widerstand einer ungeformten Masse gegen jede Innerlichkeit die

Szene der Kämpfe überlassen, entsteht das Dilemma für die dämonische

Verengerung der Seele: entweder jede Beziehung zu dem Komplex »Leben«

oder das unmittelbare Gewurzeltsein in der wahrhaften Ideenwelt

aufzugeben.

Den ersten Weg ist das große Drama des deutschen Idealismus gegangen.

Der abstrakte Idealismus hat jede, wenn auch noch so inadäquate

Beziehung zum Leben verloren; um aus seiner Subjektivität herauszukommen

und sich an Kampf und Untergang zu bewähren, bedurfte er der reinen

Wesenssphäre des Dramas: für Innerlichkeit und Welt ist das Vorbeihandeln

aneinander so groß geworden, daß es sich nur in einer eigens für ihre

Zusammenfügung angelegten und konstruierten, dramatischen Wirklichkeit

als Totalität gestalten ließ. Der künstlerisch so bedeutende Versuch

Kleists im »Michael Kohlhaas« zeigt, wie sehr für die damalige Weltlage

die Psychologie des Helden zur rein individuellen Pathologie, die

epische Form zur novellistischen werden mußte. In dieser, wie in jeder

dramatischen Formung muß das tiefe Ineinander von Erhabenheit und

Groteske verschwinden und einer reinen Erhabenheit Platz machen: die

Zuspitzung auf Monomanie und die Übersteigerung der Abstraktion -- der

Idealismus wird notwendig immer dünner, inhaltsloser, immer stärker ein

Idealismus »überhaupt« -- ist so groß, daß die Gestalten ganz an der

Grenze der unfreiwilligen Komik wandeln und der kleinste Versuch,

sie ironisch zu nehmen, müßte, die Erhabenheit aufhebend, sie in

unerfreulich komische Figuren verwandeln. (Brand, Stockmann und Gregers

Werle sind erschreckende Beispiele dieser Möglichkeit.) Darum lebt der

echtest geborene Enkel Don Quixotes, der Marquis Posa in einer ganz

anderen Form als sein Ahnherr, und die künstlerischen Schicksalsprobleme

dieser so tief verwandten Seelen haben miteinander gar nichts mehr

gemein.

Wenn aber die Verengerung der Seele etwas rein Psychologisches ist,

wenn sie jede sichtbare Beziehung zum Sein der Ideenwelt verloren hat,

so ist ihr auch die Fähigkeit, tragender Mittelpunkt einer epischen

Totalität zu werden, abhanden gekommen; die Unangemessenheit der

Beziehung zwischen Mensch und Außenwelt steigert sich noch an

Intensität, aber zu der tatsächlichen Unangemessenheit, die im »Don

Quixote« nur das groteske Gegenstück einer stetig geforderten und zu

fordernden seinsollenden Angemessenheit war, tritt noch die ideelle

hinzu: die Berührung ist eine rein peripherische geworden und der so

angelegte Mensch zur notwendigen Nebenfigur, der die Totalität ziert,

auszubauen hilft, aber immer nur Baustein ist, nie Mittelpunkt. Die

künstlerische Gefahr, die sich aus dieser Lage ergibt, liegt darin, daß

das nun zu suchende Zentrum etwas Wertbetontes und Sinnvolles aber die

Lebensimmanenz doch nicht Transzendierendes sein muß. Die Veränderung

der transzendentalen Einstellung hat also zur künstlerischen Folge, daß

die Quelle des Humors nicht mehr dieselbe ist, wie die der Poesie und

Erhabenheit. Die grotesk gestalteten Menschen werden entweder zur

harmlosen Komik erniedrigt oder die Verengerung ihrer Seele, ihre alles

andere vertilgende Konzentration auf einen Punkt des Daseins, der aber

nichts mehr mit der Ideenwelt zu tun hat, muß sie zur reinen Dämonie

führen; aus ihnen, wenn auch humoristisch behandelte, Vertreter des

schlechten Prinzips oder der reinen Ideenlosigkeit machen. Diese

Negativität der künstlerisch wichtigsten Gestalten erfordert ein

positives Gegengewicht und -- zum tiefen Unglück des modernen

humoristischen Romans -- konnte dieses »Positive« nur die Objektivation

einer bürgerlichen Wohlanständigkeit sein. Denn eine wirkliche Beziehung

dieses »Positiven« auf die Ideenwelt müßte die Lebensimmanenz des Sinnes

und damit die Romanform sprengen; konnte doch auch Cervantes (und

von seinen Nachfolgern etwa Sterne) gerade nur durch die Einheit von

Erhabenheit und Humor, von Verengerung der Seele und Beziehung zur

Transzendenz die Immanenz herstellen. Hier ist der künstlerische Grund,

der die an humoristischen Gestalten so unendlich reichen Romane von

Dickens letzten Endes so flach und spießbürgerlich erscheinen läßt:

die Notwendigkeit, als Helden Idealtypen einer sich mit der heutigen

bürgerlichen Gesellschaft innerlich konfliktlos abfindenden

Menschlichkeit zu gestalten, und um ihrer poetischen Wirkung willen, die

hierzu erforderlichen Eigenschaften mit dem zweifelhaften, erzwungenen

oder für sie inadäquaten Glanz der Poesie zu umhüllen. Darum sind aller

Wahrscheinlichkeit nach Gogols »Tote Seelen« ein Fragment geblieben: es

war von vornherein unmöglich für die künstlerisch so glückliche und

fruchtbare aber »negative« Gestalt Tschitschikows ein »positives«

Gegengewicht zu finden; und für das Schaffen einer wahrhaften Totalität,

die die echt epische Gesinnung Gogols erfordert hat, war ein solcher

Ausgleich unbedingt notwendig: ohne ihn hätte sein Roman keine epische

Objektivität, keine epische Wirklichkeit erlangen können, hätte ein

subjektiver Aspekt, eine Satire oder ein Pamphlet bleiben müssen.

Die äußere Welt ist so ausschließlich konventionell geworden, daß sich

alles, das Positive wie das Verneinte, das Humorvolle wie das Poetische,

nur innerhalb dieser Sphäre abspielt. Das dämonisch Humorvolle ist nichts

anderes als die verzerrte Übersteigerung von gewissen Seiten der

Konvention oder ihre immanent und darum ebenfalls konventionell bleibende

Verneinung oder Bekämpfung; und das »Positive« ist ein sich Abfindenkönnen

mit ihr, der Anschein eines organischen Lebens innerhalb der von der

Konvention genau bestimmten Grenzen. (Man verwechsle nicht mit dieser

geschichtsphilosophisch-materiell bedingten Konventionalität des

modernen humoristischen Romans die formgeforderte und darum zeitlose

Bedeutung der Konvention in der dramatischen Komödie. Konventionelle

Formen des gesellschaftlichen Lebens sind für diese nur formell-symbolische

Abschlüsse der intensiv gerundeten, dramatischen Wesenssphäre. Das

Heiraten sämtlicher Hauptpersonen, mit Ausnahme der entlarvten Heuchler

und Verbrecher, das die großen Komödien abschließt, ist geradeso eine

rein symbolische Zeremonie wie der Tod der Helden am Schluß der

Tragödie: beide sind nichts als sinnfällige Marksteine der Grenze, die

scharfen Konturen, die die statuenhafte Wesenhaftigkeit der dramatischen

Form erfordert. Es ist bezeichnend, daß mit dem Erstarken der Konvention

im Leben und in der Epik die Komödien immer unkonventionellere Schlüsse

erhalten. »Der zerbrochene Krug« und der »Revisor« können noch die alte

Form der Entlarvung gebrauchen, die »Parisienne« -- von Hauptmanns oder

Shaws Komödien ganz zu schweigen -- ist schon gerade so umrißlos und

unabgeschlossen, wie die zeitgenössischen, ohne Tod schließenden

Tragödien.)

Balzac hat einen völlig anderen Weg zur rein epischen Immanenz

eingeschlagen. Für ihn ist die hier bezeichnende, subjektiv-psychologische

Dämonie etwas schlechthin Letztes: sie ist das Prinzip jedes

wesentlichen, sich in epischen Taten objektivierenden, menschlichen

Handelns; ihre inadäquate Beziehung zur objektiven Welt ist zur

äußersten Intensität gesteigert, aber diese Steigerung erfährt einen

rein immanenten Gegenschlag: die Außenwelt ist eine rein menschliche

und ist im wesentlichen von Menschen, die eine ähnliche Geistesstruktur,

wenn auch mit ganz anderen Richtungen und Inhalten aufweisen, bevölkert.

Dadurch wird diese dämonische Inadäquatheit, diese endlose Reihe von

schicksalschweren Vorbeihandeln der Seelen aneinander, zum Wesen der

Wirklichkeit; es entsteht jenes merkwürdige, unendliche und

unübersichtliche Gewühl von Verflochtenheit der Schicksale und der

einsamen Seelen, das das Einzigartige dieser Romane ausmacht. Durch

diese paradoxe Homogeneität des Stoffes, die aus der extremen

Heterogeneität seiner Elemente entstanden ist, wird die Sinnesimmanenz

gerettet. Die Gefahr einer abstrakten, schlechten Unendlichkeit wird

durch die große novellistische Konzentration der Begebenheiten und

ihre derart erreichte, echt epische Bedeutsamkeit aufgehoben.

Dieser endgültige Sieg der Form ist aber nur für jede einzelne

Erzählung und nicht für das Ganze der »_Comédie humaine_« errungen. Es

ist wahr, seine Voraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres

allesumfassenden Stoffes. Auch ist diese Einheit durch das immer erneute

Auftreten und Untertauchen der Gestalten im unendlichen Chaos dieser

Erzählungen nicht nur verwirklicht, sondern hat eine Erscheinungsart

gefunden, die dem innersten Wesen dieses Stoffes vollständig angemessen

ist: die der chaotischen, der dämonischen Irrationalität; und die

inhaltliche Erfüllung dieser Einheit ist die der echten, großen Epik:

die Totalität einer Welt. Aber diese Einheit ist letzten Endes doch

keine rein aus der Form geborene: das, was das Ganze wirklich zum Ganzen

macht, ist doch nur das stimmungsmäßige Erleben eines gemeinsamen

Lebensgrundes und die Erkenntnis, daß dieses Erleben auf das Wesenhafte

des heutigen Lebens auftrifft. Episch gestaltet ist doch nur das

einzelne, das Ganze ist nur zusammengefügt; die schlechte Unendlichkeit,

die in jedem Teil überwunden wurde, kehrt sich gegen das Ganze als

einheitliche epische Gestaltung: ihre Totalität beruht auf Prinzipien,

die der epischen Form transzendent sind, auf Stimmung und Erkenntnis,

nicht auf Handlung und auf Helden, und kann deshalb nicht in sich

vollendet und abgerundet sein. Kein Teil hat vom Ganzen aus gesehen eine

wirkliche, organische Notwendigkeit der Existenz, es könnte fehlen und

dem Ganzen würde nichts abgehen, unzählige neue Teile könnten noch

hinzukommen und keine innere Vollständigkeit würde sie als nunmehr

überflüssige von sich weisen. Diese Totalität ist die Ahnung eines

Lebenszusammenhanges, der hinter jeder einzelnen Erzählung als großer

lyrischer Hintergrund fühlbar wird; er ist nicht problematisch und in

schweren Kämpfen erfochten, wie der der großen Romane, sondern ist --

in seiner lyrischen, das Epische transzendierenden Wesensart -- naiv

und unproblematisch, aber das, was ihn zur Romantotalität unausreichend

macht, gestattet ihm noch viel weniger seine Welt als Epopöe zu

konstituieren.

Allen diesen Formungsversuchen ist das Statische der Psychologie

gemeinsam, die Verengerung der Seele ist als abstraktes Apriori

unveränderlich gegeben. Darum war es natürlich, daß der Roman des

neunzehnten Jahrhunderts, mit seinen Tendenzen zu psychologischer

Bewegtheit und psychologistischer Auflösung, immer mehr von diesem Typus

abkam und die Ursache der Unangemessenheit von Seele und Wirklichkeit in

entgegengesetzten Richtungen suchte. Nur ein großer Roman, Pontoppidans

»Hans im Glück« stellt den Versuch dar, diese Seelenstruktur zentral zu

nehmen und in Bewegung und Entwicklung darzustellen. Durch diese

Problemstellung ist eine völlig neue Kompositionsart gegeben: der

Ausgangspunkt, das völlig sichere Gebundensein des Subjekts an das

transzendente Wesen ist zum Endziel, die dämonische Tendenz der

Seele, sie von allem, was dieser Apriorität nicht entspricht, völlig

abzutrennen, zur wirklichen Tendenz geworden. Während im »Don Quixote«

der Grund aller Abenteuer die innere Sicherheit des Helden und die

inadäquate Haltung der Welt ihr gegenüber war, so daß dem Dämonischen

eine positive, treibende Rolle zukam, liegt hier die Einheit von Grund

und Ziel verborgen, das Nicht-Entsprechen von Seele und Wirklichkeit

wird rätselhaft und scheinbar völlig irrationell, denn die dämonische

Verengerung der Seele zeigt sich nur negativ, im Fallen-lassen-Müssen

jedes Errungenen, weil es doch nicht »das« ist, was nottut, weil es

breiter, empirischer, lebenhafter ist, als was die Seele zu suchen

auszog. Während dort die Vollendung des Lebenskreislaufs die bunte

Wiederholung desselben Abenteuers und sein Sich-Ausbreiten zum

allesenthaltenden Mittelpunkt der Totalität war, hat hier die Bewegung

des Lebens eine eindeutige und bestimmte Richtung: zur Reinheit der rein

zu sich gekommenen Seele, die aus ihren Abenteuern gelernt hat, daß nur

sie selbst -- in einer starren Abgeschlossenheit in sich selbst -- ihrem

tiefsten, alles beherrschenden Instinkte entsprechen kann; daß jeder

Sieg über die Wirklichkeit eine Niederlage für die Seele ist, denn er

verstrickt sie immer, bis zum Untergang, im Wesensfremden; daß jeder

Verzicht auf ein erobertes Stück Wirklichkeit in Wahrheit ein Sieg ist,

ein Schritt zur Eroberung des illusionsfrei gewordenen Selbst. Darum

steckt die Ironie Pontoppidans darin, daß er seinen Helden überall

siegen läßt, daß aber eine dämonische Gewalt ihn zwingt, alles Errungene

als wertlos und uneigentlich anzusehen und es augenblicklich, sobald er

es besitzt, fahren zu lassen. Und die merkwürdige innere Spannung

entsteht daraus, daß der Sinn dieser negativen Dämonie sich erst am

Schluß, bei erreichter Resignation des Helden, zu enthüllen vermag, um

dem ganzen Leben eine retrospektive Klarheit der Sinnesimmanenz zu

verleihen. Die deutlich gewordene Transzendenz dieses Abschlusses und

ihre hier sichtbar werdende prästabilierte Harmonie zu der Seele werfen

einen Schein der Notwendigkeit auf jede vorangegangene Verirrung, ja von

ihnen aus gesehen, dreht sich die Bewegungsbeziehung von Seele und Welt

um: es scheint als ob der Held immer derselbe geblieben wäre und als

solcher ruhig in sich ruhend dem Vorbeiziehen der Ereignisse zugesehen

hätte; als ob die ganze Handlung nur darin bestanden wäre, daß die

Schleier, die diese Seele verhüllten, weggezogen wurden. Der dynamische

Charakter der Psychologie wird als bloß scheinbare Dynamik enthüllt,

jedoch -- und darin liegt die große Meisterschaft Pontoppidans -- erst

nachdem sie mit ihrem Schein der Bewegung die Reise durch eine bewegte

und lebendige Lebenstotalität ermöglicht hat. Daraus entsteht die

isolierte Stellung dieses Werkes inmitten der modernen Romane: seine an

die Alten gemahnende strenge Handlungsmäßigkeit, seine Abstinenz von

jeder bloßen Psychologie; und stimmungsgemäß: die weite Entfernung, die

die Resignation als Endgefühl dieses Romans von der enttäuschten

Romantik anderer gleichzeitiger Werke besitzt.

2.

Für den Roman des neunzehnten Jahrhunderts ist der andere Typus der

notwendig inadäquaten Beziehung zwischen Seele und Wirklichkeit

wichtiger geworden: die Unangemessenheit, die daraus entsteht, daß die

Seele breiter und weiter angelegt ist als die Schicksale, die ihr das

Leben zu bieten vermag. Der entscheidende Strukturunterschied, der sich

daraus ergibt, ist, daß es sich hier nicht um ein abstraktes Apriori dem

Leben gegenüber handelt, das sich in Taten realisieren will und dessen

Konflikte mit der Außenwelt die Fabel ergeben, sondern um eine in sich

mehr oder weniger vollendete, inhaltlich erfüllte, rein innerliche

Wirklichkeit, die mit der äußeren in Wettbewerb tritt, ein eigenes,

reiches und bewegtes Leben hat, das sich in spontaner Selbstsicherheit

für die einzig wahre Realität, für die Essenz der Welt hält, und dessen

gescheiterter Versuch diese Gleichsetzung zu verwirklichen den Gegenstand

der Dichtung abgibt. Es handelt sich hier also um ein konkretes,

qualitatives und inhaltliches Apriori der Außenwelt gegenüber, um den

Kampf zweier Welten, nicht um den der Wirklichkeit mit dem Apriori

überhaupt. Das Auseinanderfallen von Innerlichkeit und Welt wird aber

dadurch noch stärker. Das Kosmosartige der Innerlichkeit macht sie in

sich ruhend und selbstgenügsam: während der abstrakte Idealismus, um

überhaupt existieren zu können, sich in Handlung umsetzen, mit der

Außenwelt in Konflikt geraten mußte, scheint hier die Möglichkeit eines

Ausweichens nicht von vornherein ausgeschlossen. Denn ein Leben, das

alle Lebensinhalte aus Eigenem hervorzubringen vermag, kann rund und

vollendet sein, auch wenn es sich niemals mit der äußeren, der fremden

Wirklichkeit berührt. Während also für die psychische Struktur des

abstrakten Idealismus eine übermäßige und durch nichts gehemmte

Aktivität nach außen hin bezeichnend war, ist hier mehr eine Tendenz zur

Passivität vorhanden, die Tendenz äußeren Konflikten und Kämpfen eher

auszuweichen, als sie aufzunehmen; die Tendenz alles, was die Seele

betrifft, rein in der Seele zu erledigen.

Freilich: in dieser Möglichkeit liegt die entscheidende Problematik

dieser Romanform, der Verlust der epischen Versinnbildlichung, die

Auflösung der Form in ein nebelhaftes und ungestaltetes Nacheinander von

Stimmungen und Reflexionen über Stimmungen, der Ersatz der sinnlich

gestalteten Fabel durch psychologische Analyse. Diese Problematik wird

noch dadurch gesteigert, daß die Außenwelt, die mit dieser Innerlichkeit

in Berührung kommt, dem Verhältnis der beiden entsprechend, vollständig

atomisiert oder amorph, jedenfalls aber jedes Sinnes bar sein muß.

Sie ist eine ganz von der Konvention beherrschte Welt, die wirkliche

Erfüllung des Begriffs der zweiten Natur: ein Inbegriff sinnesfremder

Gesetzlichkeiten, von denen aus keine Beziehung zur Seele gefunden

werden kann. Damit müssen aber alle gebildeartigen Objektivationen des

sozialen Lebens jede Bedeutung für die Seele verlieren. Selbst ihre

paradoxe Bedeutung, als notwendiger Schauplatz und Versinnlichung der

Begebenheiten, bei einer Wesenlosigkeit im letzten Wesenskerne, können

sie nicht beibehalten; der Beruf verliert jede Wichtigkeit für das

innere Geschick des einzelnen Menschen; Ehe, Familie und Klasse für

das ihrer Beziehungen untereinander. Don Quixote wäre undenkbar

ohne seine Zugehörigkeit zum Ritterstande und seine Liebe ohne die

Anbetungskonvention der Troubadoure; in der »_Comédie humaine_«

konzentriert sich und objektiviert sich die dämonische Besessenheit

aller Menschen in die Gebilde des gesellschaftlichen Lebens, und selbst

wenn diese in Pontoppidans Roman als für die Seele unwesentlich entlarvt

werden, so macht gerade der Kampf um sie -- die Einsicht ihrer

Unwesentlichkeit und der Kampf um ihr Verwerfen -- den Lebensprozeß

aus, der die Handlung des Werks erfüllt. Hier aber hat jede dieser

Beziehungen von vornherein aufgehört. Denn die Erhebung der

Innerlichkeit zu einer völlig selbständigen Welt ist nicht bloß

eine seelische Tatsache, sondern ein entscheidendes Werturteil über

die Wirklichkeit: diese Selbstgenügsamkeit der Subjektivität ist

ihre verzweifelteste Notwehr, das Aufgeben jedes bereits a priori

als aussichtslos und nur als Erniedrigung angesehenen Kampfes um

ihre Realisierung in der Welt außer ihr.

Die Theorie des Romans · 第 6 / 10 段