Der Roman ist die Epopöe der gottverlassenen Welt; die Psychologie

des Romanhelden ist das Dämonische; die Objektivität des Romans die

männlich reife Einsicht, daß der Sinn die Wirklichkeit niemals ganz

zu durchdringen vermag, daß aber diese ohne ihn ins Nichts der

Wesenlosigkeit zerfallen würde: alles dies besagt eins und dasselbe.

Es bezeichnet die produktiven, von innen gezogenen Grenzen der

Gestaltungsmöglichkeiten des Romans und weist zugleich eindeutig auf den

geschichtsphilosophischen Augenblick hin, in dem große Romane möglich

sind, in dem sie zum Sinnbild des Wesentlichen, was zu sagen ist,

erwachsen. Die Gesinnung des Romans ist die gereifte Männlichkeit und

die charakteristische Struktur seines Stoffes ist seine diskrete Art,

das Auseinanderklaffen von Innerlichkeit und Abenteuer. »_I go to prove

my soul_«, sagt Brownings Paracelsus und die Unangemessenheit des

wundervollen Wortes liegt nur darin, daß es ein dramatischer Held sagt.

Der Held des Dramas kennt kein Abenteuer, denn das Geschehnis, das

für ihn zum Abenteuer werden sollte, wird an der schicksalgeweihten

Kraft seiner erreichten Seele bei der bloßen Berührung mit ihr zum

Schicksal, zur bloßen Gelegenheit der Bewährung, zur Veranlassung des

Offenbarwerdens dessen, was im Akt der Erreichung der Seele vorgebildet

lag. Der Held des Dramas kennt keine Innerlichkeit, denn die

Innerlichkeit entsteht aus der feindlichen Zweiheit von Seele und Welt,

aus dem peinvollen Abstand zwischen Psyche und Seele; und der tragische

Held hat seine Seele erreicht und kennt deshalb keine ihm fremde

Wirklichkeit: alles Äußere wird ihm zur Gelegenheit des vorbestimmten

und angemessenen Schicksals. Der Held des Dramas zieht darum nicht

aus, um sich zu prüfen: er ist Held, weil seine innere Sicherheit

jenseits von jedem Geprüftwerden _a priori_ gewährleistet ist; das

schicksalgestaltende Geschehnis ist für ihn nur eine symbolische

Objektivation, eine tiefe und würdevolle Zeremonie. (Es ist die

wesentlichste innere Stillosigkeit des modernen Dramas, Ibsens vor

allem, daß seine Gipfelgestalten geprüft werden müssen, daß sie den

Abstand zu ihrer Seele in sich fühlen und ihn in dem verzweifelten

Bestehenwollen der Probe, vor die die Ereignisse sie stellen, überwinden

wollen; die Helden der modernen Dramen erleben die Voraussetzungen des

Dramas: das Drama selbst durchläuft den Stilisierungsprozeß, den der

Dichter -- als phänomenologische Voraussetzung seines Schaffens -- vor

dem Drama hätte leisten müssen.)

Der Roman ist die Form des Abenteuers, des Eigenwertes der Innerlichkeit;

sein Inhalt ist die Geschichte der Seele, die da auszieht, um sich

kennenzulernen, die die Abenteuer aufsucht, um an ihnen geprüft zu

werden, um an ihnen sich bewährend ihre eigene Wesenheit zu finden. Die

innere Gesichertheit der epischen Welt schließt die Abenteuer in diesem

eigentlichen Sinne aus: die Helden der Epopöe durchlaufen eine bunte

Reihe von Abenteuern, daß sie sie aber innerlich wie äußerlich bestehen

werden, steht nie in Frage; die weltbeherrschenden Götter müssen immer

über die Dämonen (die Gottheit der Hindernisse nennt sie die indische

Mythologie) triumphieren. Daher die von Goethe und Schiller geforderte

Passivität des epischen Helden: der Abenteuerreigen, der sein Leben

ziert und erfüllt, ist die Gestaltung der objektiven und extensiven

Totalität der Welt, er selbst ist nur der leuchtende Mittelpunkt, um

den sich diese Entfaltung dreht, der innerlich unbeweglichste Punkt der

rhythmischen Bewegung der Welt. Die Passivität der Romanhelden ist aber

keine formale Notwendigkeit, sondern es bezeichnet das Verhältnis des

Helden zu seiner Seele und sein Verhältnis zu seiner Umwelt. Er muß

nicht passiv sein, darum hat jede Passivität bei ihm eine eigene

psychologische und soziologische Qualität und bestimmt einen bestimmten

Typus in den Aufbaumöglichkeiten des Romans.

Die Psychologie des Romanhelden ist das Wirksamkeitsgebiet des

Dämonischen. Das biologische und soziologische Leben hat eine tiefe

Neigung, in seiner eigenen Immanenz zu verharren: die Menschen wollen

bloß leben und die Gebilde wollen unangetastet bleiben; und die Ferne

und die Abwesenheit des wirkenden Gottes würde der Trägheit und der

Selbstgenügsamkeit dieses still verfaulenden Lebens die Alleinherrschaft

verleihen, wenn die Menschen nicht manchmal von der Macht des Dämons

ergriffen in grundloser und nicht begründbarer Weise über sich

hinausgingen und alle psychologischen oder soziologischen Grundlagen

ihres Daseins kündigten. Dann enthüllt sich plötzlich das Gottverlassene

der Welt als Substanzlosigkeit, als irrationale Mischung von Dichtigkeit

und Durchdringbarkeit: was früher als das Festeste erschien, zerfällt

wie vertrockneter Lehm bei der ersten Berührung des vom Dämon Besessenen

und eine leere Durchsichtigkeit, hinter der lockende Landschaften

sichtbar waren, wird auf einmal zur Glaswand, an der man sich vergeblich

und verständnislos -- wie die Biene am Fenster -- abquält, ohne

durchbrechen zu können, ohne selbst zur Erkenntnis gelangen zu können,

daß es hier keinen Weg gibt.

Die Ironie des Dichters ist die negative Mystik der gottlosen Zeiten:

eine _docta ignorantia_ dem Sinn gegenüber; ein Aufzeigen des gütigen

und des böswilligen Wirkens der Dämonen; der Verzicht, mehr als die

Tatsache dieses Wirkens begreifen zu können, und die tiefe, nur

gestaltend ausdrückbare Gewißheit: in diesem Nicht-wissen-Wollen und

Nicht-wissen-Können das Letzte, die wahre Substanz, den gegenwärtigen,

nichtseienden Gott in Wahrheit getroffen, erblickt und ergriffen zu

haben. Deshalb ist die Ironie die Objektivität des Romans.

»Wie weit sind die Gestalten des Dichters objektiv?« fragt Hebbel.

»Soweit der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott frei ist.« Der Mystiker

ist frei, wenn er sich aufgegeben hat und ganz in Gott aufgegangen ist;

der Held ist frei, wenn er in luziferischem Trotz sich in sich und aus

sich vollendet hat, wenn er -- für die Tat seiner Seele -- jede Halbheit

aus der von seinem Untergang beherrschten Welt verbannt hat. Der

normative Mensch hat die Freiheit Gott gegenüber errungen, weil die

hohen Normen der Werke und der substantiellen Ethik in dem Sein des

Alles vollendenden Gottes, in der Idee der Erlösung wurzeln; weil sie in

ihrem innersten Wesen von dem Beherrscher der Gegenwart, sei es Gott

oder Dämon, unberührt bleiben. Aber die Verwirklichung des Normativen in

der Seele oder im Werk kann sich von ihrem Substrat, vom Gegenwärtigen

(im geschichtsphilosophischen Sinn) nicht ablösen, ohne ihre eigenste

Kraft, ihr konstitutives Auftreffen auf ihren Gegenstand zu gefährden.

Auch der Mystiker, der über die geformten Götter hinaus zum Erleben der

endgültigen und einzigen Gottheit strebt und der es erreicht, ist in

diesem seinem Erleben doch an den gegenwärtigen Gott gebunden; und

insofern sein Erleben sich zum Werk vollendet, vollendet es sich in

den Kategorien, die der geschichtsphilosophische Stand der Weltuhr

vorschreibt. Diese Freiheit ist also einer doppelten, einer

sphärentheoretischen und einer geschichtsphilosophischen kategorialen

Dialektik unterworfen; was an ihr das eigenste Wesen der Freiheit ist,

bleibt unaussprechbar: die konstitutive Bezogenheit auf die Erlösung;

alles was ausgesprochen und gestaltet werden kann, spricht die Sprache

dieses doppelten Dienens.

Aber dieser Umweg über das Sprechen zum Schweigen, über die Kategorie

zum Wesen, über den Gott zur Gottheit, ist nicht zu überspringen:

ein direktes Schweigenwollen muß zu einem reflexiven Stammeln in

unausgereiften historischen Kategorien werden. So ist in der vollendet

geleisteten Form der Dichter frei Gott gegenüber, denn in ihr und nur

in ihr wird Gott selbst zum Gestaltungssubstrat, gleichartig und

gleichwertig allen anderen normativ gegebenen Materien der Form und

wird vollständig von deren Kategoriensystem umfaßt: sein Dasein und die

Qualität dieses Daseins sind von der normativen Beziehung bedingt, die

er -- als Gestaltungsmöglichkeit -- zu den bauenden Formen hat; von dem

Wert, der ihm für Aufbau und Gliederung des Werkes technisch zukommt.

Aber diese Subsumierung Gottes unter den technischen Begriff der

Materialechtheit der einzelnen Formen zeigt das doppelte Antlitz

des künstlerischen Schließens und seine Einordnung in die Reihe der

metaphysisch bedeutsamen Werke auf: diese vollendete technische Immanenz

hat eine -- normativ und nicht psychologisch -- vorangehende konstitutive

Beziehung auf das endgültige transzendente Sein zur Voraussetzung: die

wirklichkeitschaffende, transzendentale Werkform kann nur entstehen,

wenn in ihr eine wahre Transzendenz immanent geworden ist. Die leere

Immanenz, die nur im Erlebnis des Dichters und nicht zugleich in dessen

Einkehr in die Heimat aller Dinge verankert ist, ist nur die Immanenz

einer die Risse zudeckenden Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche

diese Immanenz halten kann und auch als solche löcherig werden muß.

Für den Roman ist die Ironie diese Freiheit des Dichters Gott gegenüber,

die transzendentale Bedingung der Objektivität der Gestaltung. Die

Ironie, die das von Gott Erfüllte der von Gott verlassenen Welt in

intuitiver Doppelsichtigkeit zu erblicken vermag; die die verlorene

utopische Heimat der zum Ideal gewordenen Idee sieht und dieses doch

gleichzeitig in seiner subjektiv-psychologischen Bedingtheit, in

seiner einzig möglichen Existenzform erfaßt; die Ironie, die -- selbst

dämonisch -- den Dämon im Subjekt als metasubjektive Wesenheit begreift

und dadurch, ahnend und unausgesprochen, von vergangenen und kommenden

Göttern spricht, wenn sie von Abenteuern verirrter Seelen in einer

wesenlosen und leeren Wirklichkeit redet; die Ironie, die in dem

Leidensgang der Innerlichkeit, die eine ihr angemessene Welt suchen muß

und nicht finden kann, zugleich die Schadenfreude des Schöpfergottes

über das Scheitern aller schwachen Aufstände gegen sein mächtiges

und nichtiges Machwerk und das über allen Ausdruck hohe Leiden des

Erlöser-Gottes über sein Noch-nicht-kommen-Können in diese Welt

gestaltet. Die Ironie als Selbstaufhebung der zu Ende gegangenen

Subjektivität ist die höchste Freiheit, die in einer Welt ohne Gott

möglich ist. Darum ist sie nicht bloß die einzig mögliche apriorische

Bedingung einer wahrhaften, Totalität schaffenden Objektivität, sondern

erhebt auch diese Totalität, den Roman, zur repräsentativen Form des

Zeitalters, indem die Aufbaukategorien des Romans auf den Stand der

Welt konstitutiv auftreffen.

II.

Versuch einer Typologie der Romanform.

1.

Die Verlassenheit der Welt von Gott zeigt sich in der Unangemessenheit

von Seele und Werk, von Innerlichkeit und Abenteuer; in dem Fehlen des

transzendentalen Zugeordnetseins für die menschlichen Bestrebungen.

Diese Unangemessenheit hat roh ausgedrückt zwei Typen: die Seele ist

entweder schmäler oder breiter als die Außenwelt, die ihr als Schauplatz

und Substrat ihrer Taten aufgegeben ist.

Im ersten Fall ist der dämonische Charakter des streitbar ausziehenden,

problematischen Individuums klarer sichtbar als im zweiten Fall,

zugleich aber tritt seine innere Problematik weniger kraß zutage; sein

Scheitern an der Wirklichkeit hat auf den ersten Blick mehr den Anschein

eines bloß äußeren Scheiterns. Die Dämonie der Verengerung der Seele ist

die Dämonie des abstrakten Idealismus. Es ist die Gesinnung, die den

direkten, ganz geraden Weg zur Verwirklichung des Ideals einschlagen

muß; die in dämonischer Verblendung jeden Abstand zwischen Ideal und

Idee, zwischen Psyche und Seele vergißt; die mit dem echtesten und

unerschütterlichsten Glauben aus dem Sollen der Idee auf ihre notwendige

Existenz schließt und das Nichtentsprechen der Wirklichkeit dieser

apriorischen Anforderung als ihr Verzaubertsein ansieht, das von bösen

Dämonen vollbracht, durch das Finden des lösenden Wortes oder durch das

mutige Bekämpfen der Zaubermächte zur Entzauberung und Erlösung geführt

werden kann.

Die strukturbestimmende Problematik dieses Heldentypus besteht also in

einem vollständigen Mangel an innerer Problematik und als Folge dieses

Mangels in einem vollständigen Fehlen an transzendentalem Raumgefühl,

an der Fähigkeit, Abstände als Wirklichkeiten zu erleben. Achilles oder

Odysseus, Dante oder Arjuna -- gerade weil sie auf ihren Wegen von

Göttern geführt werden -- wissen, daß diese Führung auch ausbleiben

könnte; wissen, daß sie ohne solche Hilfe machtlos und hilflos

übermächtigen Feinden gegenüberstehen würden. Die Beziehung von

objektiver und subjektiver Welt ist deshalb adäquat im Gleichgewicht

gehalten: in richtiger Stärke wird vom Helden die Überlegenheit der ihm

gegenüberstehenden Außenwelt empfunden; er kann aber trotz dieser

innersten Bescheidenheit am Ende doch triumphieren, denn seine an sich

schwächere Kraft wird von der höchsten Macht der Welt zum Siege geführt;

so daß nicht nur die vorgestellten und wahrhaften Kräfteverhältnisse

einander entsprechen, sondern auch die Siege und die Niederlagen weder

der tatsächlichen noch der seinsollenden Ordnung der Welt widersprechen.

Sobald dieses instinktive Abstandsgefühl -- dessen Stärke sehr wesentlich

zur vollständigen Lebensimmanenz, zur »Gesundheit« der Epopöe beiträgt

-- fehlt, wird die Beziehung der subjektiven Welt zur objektiven

paradox; wegen der Verengerung der handelnden, der episch in Betracht

kommenden Seele, wird für diese die Welt, als Substrat ihrer Taten,

ebenfalls eine engere, als sie in Wirklichkeit ist. Da aber einerseits

diese Umformung der Welt und jede aus ihr folgende, nur auf die

umgeformte Welt gerichtete Tat nicht das wirkliche Zentrum der Außenwelt

treffen kann, und da anderseits diese Haltung notwendigerweise eine rein

subjektive ist, die das Wesen der Welt unberührt läßt und bloß ein

verzerrtes Abbild von ihr bietet, kommt die Reaktion auf die Seele aus

ihr vollkommen heterogenen Quellen. Tat und Widerstand haben also weder

Umfang noch Qualität, weder Wirklichkeit noch Gerichtetsein des Objekts

gemein. Ihre Beziehung aufeinander kann deshalb niemals ein wahrhaftiger

Kampf, sondern nur ein groteskes Vorbeigehen aneinander oder ein

ebenfalls groteskes, von gegenseitigen Mißverständnissen bedingtes

Aufeinanderprallen sein. Dieser groteske Charakter wird durch Inhalt

und Intensität der Seele teils ausgeglichen, teils gesteigert. Denn

diese Verengerung der Seele ist ja ihr dämonisches Besessensein von der

seienden, von der als alleinigen und gewöhnlichen Wirklichkeit gesetzten

Idee. Der Inhalt und die Intensität dieser Handlungsart müssen deshalb

die Seele zugleich in die Region der echtesten Erhabenheit erheben

und zugleich den grotesken Widerspruch zwischen vorgestellter und

tatsächlicher Wirklichkeit -- die Handlung des Romans -- in ihrem

grotesken Charakter bestärken und befestigen. Die diskret-heterogene

Wesensart des Romans erfährt hier die stärkste Steigerung: die Sphären

der Seele und der Taten, Psychologie und Handlung haben gar nichts

mehr miteinander gemein.

Dazu kommt, daß keines von beiden Prinzipien weder in sich, noch aus

der Beziehung mit den anderen ein Moment der immanenten Fortbewegung

und Entwicklung besitzt. Die Seele ist etwas in dem für sie erreichten,

transzendenten Sein problemjenseitig Ruhendes; kein Zweifel, kein

Suchen, keine Verzweiflung kann in ihr auftauchen, um sie aus sich

herauszubringen und in Bewegung zu setzen, und die vergeblich grotesken

Kämpfe um ihre Verwirklichung in der Außenwelt können der Seele auch

nichts anhaben: sie kann in ihrer inneren Gewißheit durch nichts

erschüttert werden, jedoch nur, weil sie in diese gesicherte Welt

eingesperrt ist, weil sie nichts zu erleben vermag. Das vollständige

Fehlen einer innerlich erlebten Problematik verwandelt die Seele in

reine Aktivität. Weil sie in ihrem essentiellen Sein von allem unberührt

in sich ruht, muß jede ihrer Regungen eine Handlung nach außen sein. Das

Leben eines solchen Menschen muß also zu einer ununterbrochenen Reihe

selbstgewählter Abenteuer werden. Er stürzt sich in diese, denn

Leben kann für ihn nur so viel bedeuten wie: Abenteuer bestehen. Die

problemlose Konzentration seiner Innerlichkeit zwingt ihn, diese, die er

für das durchschnittliche und alltägliche Wesen der Welt hält, in Taten

umsetzen; es fehlt ihm in bezug auf diese Seite seiner Seele jede Art

von Kontemplation, jede Neigung und Möglichkeit zu einem nach innen

gekehrten Handeln. Er muß Abenteurer sein. Aber die Welt, die er zum

Schauplatz seiner Taten erwählen muß, ist eine merkwürdige Mischung von

ideenfremd blühender Organik und erstarrter Konvention derselben Ideen,

die in seiner Seele ihr rein transzendentes Leben leben. Daraus folgt

die Möglichkeit seines zugleich spontanen und ideologischen Handelns:

die Welt, die er vorfindet, ist nicht nur voll von Leben, sondern auch

von dem Schein gerade jenes Lebens, das in ihm als das einzig Wesentliche

lebendig ist. Aus dieser Mißverstehbarkeit der Welt folgt aber auch die

Intensität seines grotesken Vorbeihandelns an ihr, sobald er an sie

herantritt: der Schein der Idee verflattert vor dem wahnsinnigen Antlitz

des in sich erstarrten Ideals, und das wirkliche Wesen der seienden

Welt, die sich selbst erhaltende, ideenlose Organik nimmt ihre, ihr

zukommende, alles beherrschende Stellung ein.

Hier offenbart sich am deutlichsten der ungöttliche, der dämonische

Charakter dieses Besessenseins, zugleich aber seine, ebenfalls

dämonische, verwirrende und faszinierende Ähnlichkeit mit dem

Göttlichen: die Seele des Helden ist ruhend, geschlossen und in sich

vollendet, wie ein Kunstwerk oder wie eine Gottheit; diese Wesensart

kann sich aber in der Außenwelt nur in inadäquaten Abenteuern, die nur

für die eigene, maniakalische Abgesperrtheit in sich keine widerlegende

Kraft haben, äußern; und ihre kunstwerkhafte Isolation trennt die Seele

nicht nur von jeder äußeren Wirklichkeit, sondern auch von allen, vom

Dämon nicht ergriffenen Gebieten in der Seele selbst. So wird das

Maximum an erlebt erreichtem Sinn zum Maximum an Sinnlosigkeit: die

Erhabenheit zum Wahnsinn, zur Monomanie. Und diese Seelenstruktur muß

die mögliche Handlungsmasse vollständig atomisieren. Wenn auch, wegen

des rein reflexiven Charakters dieser Innerlichkeit, die äußere

Wirklichkeit von ihr ganz unberührt bleibt und »ganz so wie sie ist« bei

jeder Handlung des Helden als Gegenschlag in Erscheinung tritt, so ist

sie eben deshalb eine an sich vollkommen träge, formlose und sinnlose

Masse, der jede Fähigkeit zum planvollen und einheitlichen Gegenspiel

ganz abgeht, aus der die dämonische Abenteuerlust des Helden willkürlich

und zusammenhanglos jene Momente auswählt, an denen sie sich bewähren

will. So bedingen sich die Starrheit der Psychologie und der in

isolierten Abenteuern atomisierte Charakter der Handlung wechselseitig

und lassen die Gefahr dieses Romantypus, schlechte Unendlichkeit und

Abstraktheit, ganz klar hervortreten.

Und es ist nicht nur der geniale Takt des Cervantes, dessen Werk die

ewige Objektivation dieser Struktur ist, der diese Gefahr mit seinem

undurchdringbar tiefen und leuchtend sinnlichen Verweben von Göttlichkeit

und Wahnsinn in der Seele des Don Quixote überwunden hat, sondern auch

der geschichtsphilosophische Augenblick, in dem sein Werk geschaffen

wurde. Es ist mehr als ein historischer Zufall, daß der »Don Quixote«

als Parodie auf die Ritterromane gemeint war und seine Beziehung zu

ihnen ist eine mehr als essayistische. Der Ritterroman war dem Schicksal

jeder Epik verfallen, die rein aus dem Formalen heraus eine Form

aufrechterhalten und fortsetzen wollte, nachdem die transzendentalen

Bedingungen ihrer Existenz von der geschichtsphilosophischen Dialektik

bereits gerichtet waren; er verlor seine Wurzeln im transzendenten

Sein und die Formen, die nichts mehr immanent zu machen hatten, mußten

verkümmern, abstrakt werden, weil ihre zum Gegenstandschaffen bestimmte

Kraft sich an der eigenen Gegenstandslosigkeit verheben mußte; es

entstand an Stelle einer großen Epik eine Unterhaltungslektüre. Aber

hinter dem leeren Gehäuse dieser toten Formen stand einst eine reine

und echte, wenn auch problematische große Form: die Ritterepik des

Mittelalters. Diese ist der merkwürdige Fall für die Möglichkeit einer

Romanform in einem Zeitalter, dessen Gottgesichertheit eine Epopöe

möglich gemacht und gefordert hat. Die große Paradoxie des christlichen

Kosmos ist, daß der Zerrissenheit und der normativen Unvollendung der

diesseitigen Welt, ihrem Verfallensein an Verirrung und Sünde die ewig

seiende Erlöstheit, die ewig gegenwärtige Theodizee im jenseitigen Leben

gegenübersteht. Dante gelang es, diese Zweiwelten-Totalität in die rein

eposartige Form der »Divina Commedia« aufzufangen, die anderen Epiker,

die im Diesseits blieben, mußten das Transzendente in künstlerisch

unberührter Transzendenz verharren lassen, konnten also bloß

sentimentalisch gefaßte, bloß gesuchte und die seiende Sinnesimmanenz

entbehrende Lebenstotalitäten -- Romane und nicht Epopöen -- schaffen.

Das einzigartige dieser Romane, ihre Traumschönheit und Zaubergrazie,

besteht darin, daß alles Suchen in ihnen doch nur der Schein eines

Suchens ist, daß jede Verirrung ihrer Helden von einer unfaßlichen

metaformellen Gnade geführt und gesichert wird, daß in ihnen der Abstand,

seine gegenständliche Realität verlierend, zum dunkel-schönen Ornament

und der ihn überwindende Sprung zur tanzartigen Gebärde wird, beide

also zu rein dekorativen Elementen. Diese Romane sind eigentlich große

Märchen, denn die Transzendenz ist in ihnen nicht aufgefangen, immanent

gemacht und in die gegenstandschaffende, transzendentale Form aufgenommen,

sondern verharrt in ihrer ungeschwächten Transzendenz; nur ihr Schatten

füllt dekorativ die Risse und Abgründe des diesseitigen Lebens aus und

verwandelt dessen Materie -- wegen der dynamischen Homogeneität jedes

wahren Kunstwerks -- in eine ebenfalls aus Schatten gewobene Substanz.

In den homerischen Epen umfaßte die Allherrschaft der rein menschlichen

Kategorie des Lebens sowohl die Menschen wie die Götter und machte aus

diesen rein menschliche Wesen. Mit der gleichen Allgewalt beherrscht

hier das unfaßbare, göttliche Prinzip das Menschenleben und seine über

sich hinausweisende Ergänzungsbedürftigkeit, diese Flächenhaftigkeit

nimmt den Menschen das Relief, verwandelt sie in reine Oberfläche.

Die Theorie des Romans · 第 5 / 10 段