Es ist auf einer qualitativ völlig neuen Grundlage wieder ein Standpunkt

des Lebens erreicht, der der unauflösbaren Verschlungenheit von der

relativen Selbständigkeit der Teile und ihrer Gebundenheit an das Ganze.

Nur daß die Teile trotz dieser Bindung niemals die Härte ihres abstrakten

Auf-sich-Gestelltseins verlieren können und ihre Beziehung zur Totalität

eine zwar dem Organischen möglichst angenäherte, aber doch immer wieder

aufgehobene begriffliche Beziehung ist und keine echtgeborene Organik.

Das hat kompositionell betrachtet zur Folge, daß die Menschen und

Handlungsmaße zwar die Grenzenlosigkeit des echt epischen Stoffes

besitzen, ihre Struktur jedoch von der der Epopöe wesentlich verschieden

ist. Die Strukturdifferenz, in der diese im Grunde begriffliche

Pseudoorganik des Romanstoffes zum Ausdruck kommt, ist die zwischen

einer homogen-organischen Stätigkeit und einem heterogen-kontingenten

Diskretum. Wegen dieser Kontingenz sind die relativ selbständigen Teile

selbständiger, in sich abgerundeter, als die der Epopöe und müssen

deshalb durch Mittel, die ihr einfaches Dasein transzendieren, ins Ganze

eingefügt werden, um es nicht zu sprengen. Sie müssen, anders wie in der

Epopöe, eine strenge, kompositionell-architektonische Bedeutung haben,

sei es als Gegenbeleuchtung des Problems, wie die Novellen in »Don

Quixote«, sei es als präludierendes Einsetzen verborgener, aber für

das Ende entscheidender Motive, wie die »Bekenntnisse einer schönen

Seele«; ihre Existenz ist jedoch niemals durch ihr einfaches Dasein

gerechtfertigt. Diese Möglichkeit zum diskreten Eigenleben der nur

kompositionell vereinigten Teile ist freilich nur als Symptom bedeutsam,

indem darin die Struktur der Romantotalität am deutlichsten sichtbar

wird, es ist an und für sich durchaus nicht notwendig, daß jeder

vorbildliche Roman diese äußerste Konsequenz seiner Struktur

aufweise; und der Versuch, die Problematik der Romanform durch ihre

ausschließliche Orientierung auf diese ihre Eigenart zu überwinden,

muß sogar zu Künstlichkeiten, zur Überdeutlichkeit der Komposition

führen, wie in der Romantik oder in Paul Ernsts erstem Roman.

Denn für die Kontingenz ist dies nur Symptom; es erhellt bloß einen

Tatbestand, der notwendigerweise immer und überall vorhanden ist, aber

durch den kunstvoll ironischen Takt der Komposition mit einem immer

wieder enthüllten Schein der Organik verdeckt wird: die äußere Form des

Romans ist eine wesentlich biographische. Das Schweben zwischen einem

Begriffssystem, dem das Leben immer entgleitet, und einem Lebenskomplex,

der niemals zur Ruhe seiner immanent-utopischen Vollendung zu gelangen

vermag, kann sich nur in der erstrebten Organik der Biographie

objektivieren. Für eine Weltlage, wo das Organische die alles

beherrschende Kategorie des gesamten Seins ist, würde es als eine

törichte Vergewaltigung gerade seines organischen Charakters erscheinen,

wenn man die Individualität eines Lebewesens in ihrer begrenzenden

Begrenztheit zum Ausgangspunkt der Stilisierung und zum Mittelpunkt des

Gestaltens machen wollte. Und für ein Weltalter der konstitutiven

Systeme ist die vorbildliche Bedeutung eines Einzellebens niemals mehr

als ein Beispiel: es als Träger und nicht als Substrat der Werte

darzustellen, wenn ein solcher Plan überhaupt auftauchen könnte, müßte

zur lächerlichsten Anmaßung werden. In der biographischen Form hat das

Einzelne, das gestaltete Individuum, ein Eigengewicht, das für die

Allherrschaft des Lebens zu schwer, für die des Systems zu leicht wäre;

einen Grad der Isolation, der für diese zu groß, für jene bedeutungslos

wäre; eine Beziehung auf das von ihm getragene und verwirklichte Ideal,

die für diese zu stark betont, für jene ungenügend untergeordnet wäre.

In der biographischen Form wird das unerreichbare, sentimentalische

Streben sowohl nach der unmittelbaren Lebenseinheit, wie nach der alles

abschließenden Architektonik des Systems zur Ruhe und zum Gleichgewicht

gebracht, zum Sein verwandelt. Denn die Zentralgestalt der Biographie

ist nur durch ihre Beziehung auf eine sich über sie erhebende Welt der

Ideale bedeutsam, aber diese wird zugleich einzig durch ihr Leben in

diesem Individuum und durch das Auswirken dieses Erlebens realisiert.

So entsteht in der biographischen Form aus dem Gleichgewicht der beiden

nicht verwirklichten und in ihrer Isoliertheit der Verwirklichung nicht

fähigen Lebenssphären ein neues und eigenes, in sich -- wenn auch

paradoxerweise -- vollendetes und immanent sinnvolles Leben: das Leben

des problematischen Individuums.

Kontingente Welt und problematisches Individuum sind einander

wechselseitig bedingende Wirklichkeiten. Wenn das Individuum

unproblematisch ist, so sind ihm seine Ziele in unmittelbarer Evidenz

gegeben, und die Welt, deren Aufbau dieselben realisierten Ziele

geleistet haben, kann ihm für ihre Verwirklichung nur Schwierigkeiten

und Hindernisse bereiten, aber niemals eine innerlich ernsthafte Gefahr.

Die Gefahr entsteht erst, wenn die Außenwelt nicht mehr in bezug auf die

Ideen angelegt ist, wenn diese im Menschen zu subjektiven seelischen

Tatsachen, zu Idealen werden. Durch das als Unerreichbar- und -- im

empirischen Sinn -- als Unwirklich-Setzen der Ideen, durch ihre

Verwandlung in Ideale, ist die unmittelbare, problemlose Organik der

Individualität zerrissen. Sie ist für sich selbst zum Ziel geworden,

weil sie das, was ihr wesentlich ist, was ihr Leben zum eigentlichen

Leben macht, zwar in sich, aber nicht als Besitz und Grundlage des

Lebens, sondern als zu Suchendes vorfindet. Die Umwelt des Individuums

ist aber nur ein inhaltlich anderes Substrat und Material derselben

kategorialen Formen, die seine Innenwelt begründen: die unüberbrückbare

Kluft zwischen seiender Wirklichkeit und seinsollendem Ideal muß also,

dem verschiedenen Material bloß in der strukturellen Verschiedenheit

entsprechend, das Wesen der Außenwelt ausmachen. Diese Verschiedenheit

zeigt sich am klarsten in der reinen Negativität des Ideals. Während in

der subjektiven Welt der Seele das Ideal geradeso einheimisch ist wie

die anderen seelischen Wirklichkeiten, wenn es auch auf deren Niveau,

auf das des Erlebnisses herabgedrückt erscheint, und deshalb unmittelbar

und auch inhaltlich positiv hervortreten kann, zeigt sich das

Auseinanderklaffen von Wirklichkeit und Ideal in der Umwelt des Menschen

nur in der Abwesenheit des Ideals und in der hierdurch verursachten

immanenten Selbstkritik der bloßen Wirklichkeit: in der Selbstenthüllung

ihrer Nichtigkeit ohne immanentes Ideal.

Die Erscheinungsform dieser Selbstvernichtung, die in ihrem einfachen

Gegebensein eine durchaus gedankliche Dialektik und keine unmittelbare,

dichterisch-sinnliche Evidenz aufweist, ist eine zweifache. Erstens der

Mangel an Übereinstimmung zwischen der Innerlichkeit und ihrem

Handlungssubstrat, der um so schärfer hervortreten muß, je echter die

Innerlichkeit ist, je näher ihre Quellen den in der Seele zu Idealen

gewordenen Ideen des Seins liegen. Zweitens die Unfähigkeit dieser Welt,

sich in ihrer idealfremden Feindlichkeit der Innerlichkeit gegenüber

wirklich abzurunden; die Unfähigkeit, sowohl für sich als Ganzes die

Form der Totalität, wie für die Beziehung zu ihren Elementen und für

deren Beziehungen untereinander die der Kohärenz zu finden. Anders

ausgedrückt: die Undarstellbarkeit. Die Teile sowohl wie das Ganze einer

solchen Außenwelt entziehen sich den Formen der unmittelbar sinnlichen

Gestaltung. Sie gewinnen erst ein Leben, wenn sie entweder zu der

erlebenden Innerlichkeit der in ihnen verirrten Menschen, oder zu dem

schauend-schöpferischen Blick der darstellenden Subjektivität des

Dichters in Beziehung gebracht werden können; wenn sie zu Gegenständen

der Stimmung oder der Reflexion werden. Dies ist der formale Grund und

die dichterische Rechtfertigung der romantischen Anforderung an den

Roman, daß er alle Formen in sich vereinigend reine Lyrik und reinen

Gedanken in seinen Aufbau aufnehmen soll. Der diskrete Charakter

dieser Wirklichkeit erfordert, paradoxerweise, gerade um der epischen

Bedeutsamkeit und der sinnlichen Valenz willen diese Einbeziehung an

und für sich teils der Epik, teils der Dichtung überhaupt wesensfremder

Elemente. Und ihre Rolle erschöpft sich nicht in der lyrischen

Atmosphäre und der begriffenen Bedeutsamkeit, die sie sonst prosaischen,

vereinzelten und wesenlosen Begebenheiten verleihen, sondern die letzte,

alles zusammenhaltende Basis des Ganzen kann nur in ihnen sichtbar

werden: das die Totalität konstituierende System der regulativen Ideen.

Die diskrete Struktur der Außenwelt beruht ja letzten Endes darauf, daß

das Ideensystem der Wirklichkeit gegenüber nur eine regulative Macht

hat. Das Nicht-hineindringen-Können der Ideen in das Innere der

Wirklichkeit macht diese zum heterogenen Diskretum und schafft aus

eben demselben Verhältnis eine noch tiefere Bedürftigkeit der

Wirklichkeitselemente nach betonter Beziehung zum Ideensystem als dies

in der Welt Dantes der Fall war. Dort war jeder Erscheinung durch die

Zuweisung ihres Ortes in der Weltarchitektonik geradeso unmittelbar das

Leben und der Sinn verliehen, wie diese in der homerischen Welt der

Organik in jeder Lebensäußerung in vollendeter Immanenz gegenwärtig

waren.

Der Prozeß, als welcher die innere Form des Romans begriffen wurde,

ist die Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst, der

Weg von der trüben Befangenheit in der einfach daseienden, in sich

heterogenen, für das Individuum sinnlosen Wirklichkeit zur klaren

Selbsterkenntnis. Nach dem Erringen dieser Selbsterkenntnis scheint zwar

das gefundene Ideal als Sinn des Lebens in die Lebensimmanenz hinein,

aber der Zwiespalt von Sein und Sollen ist nicht aufgehoben und kann

auch in der Sphäre, wo dies sich abspielt, in der Lebensphäre des Romans

nicht aufgehoben werden; nur ein Maximum an Annäherung, ein ganz tiefes

und intensives Durchleuchtetsein des Menschen vom Sinn seines Lebens ist

erreichbar. Die formgeforderte Immanenz des Sinnes wird durch sein

Erlebnis geleistet, daß dieses bloße Erblicken des Sinnes das Höchste

ist, was das Leben zu geben hat, das einzige, was des Einsetzens von

einem ganzen Leben würdig ist, das einzige, wofür sich dieser Kampf

gelohnt hat. Dieser Prozeß umfaßt ein Menschenleben und mit seinem

normativen Inhalt, dem Weg zur Selbsterkenntnis eines Menschen, ist

zugleich seine Richtung und sein Umfang gegeben. Die innere Form des

Prozesses und ihre adäquateste Gestaltungsmöglichkeit, die biographische

Form zeigen am schärfsten den großen Unterschied zwischen der diskreten

Grenzenlosigkeit des Romanstoffes und der kontinuumartigen Unendlichkeit

des Stoffes der Epopöe. Diese Grenzenlosigkeit hat eine schlechte

Unendlichkeit und bedarf deshalb der Grenzen, um zur Form zu werden,

während die Unendlichkeit des rein epischen Stoffes eine innere,

organische, an sich werttragende und wertbetonte ist, die sich ihre

Grenzen selbst und von innen heraus setzt, für die die äußere

Unendlichkeit des Umfangs fast gleichgültig, nur eine Folge und

höchstens ein Symptom ist. Die biographische Form vollbringt für den

Roman die Überwindung der schlechten Unendlichkeit: einerseits wird der

Umfang der Welt durch den Umfang der möglichen Erlebnisse des Helden

begrenzt und ihre Masse durch die Richtung, die sein Werdegang auf das

Finden des Lebenssinnes in der Selbsterkenntnis nimmt, organisiert;

andererseits erhält die diskret-heterogene Masse von isolierten

Menschen, sinnesfremden Gebilden und sinnlosen Begebenheiten eine

einheitliche Gliederung durch das Beziehen jedes einzelnen Elementes

auf die Zentralgestalt und das von ihrem Lebenslauf versinnbildlichte

Lebensproblem.

Anfang und Ende der Romanwelt, die von Beginn und Ende des Prozesses,

der den Inhalt des Romans erfüllt, bestimmt sind, werden dadurch zu

sinnesbetonten Marksteinen eines klar abgemessenen Weges. So wenig der

Roman an und für sich an das naturhafte Beginnen und Enden des Lebens,

an Geburt und Tod gebunden ist, zeigt er doch gerade durch den Punkt,

wo er einsetzt und den, wo er aufhört, die problembestimmte, allein

wesentliche Strecke an, alles was davor und dahinter liegt bloß in

perspektivischer Abbildung und reiner Problembezogenheit berührend --,

so hat er dennoch die Tendenz, seine ganze epische Totalität im Ablauf

des für ihn wesentlichen Lebens zu entfalten. Daß Anfang und Ende dieses

Lebens nicht mit denen des Menschenlebens zusammenfallen, zeigt den auf

die Ideen orientierten Charakter dieser biographischen Form: es ist

wahr, daß die Entwicklung eines Menschen der Faden ist, auf den die

ganze Welt aufgeknüpft und durch den sie abgerollt wird, aber dieses

Leben gewinnt einzig dadurch diese Bedeutsamkeit, daß es der typische

Repräsentant jenes Systems von Ideen und erlebten Idealen ist, das die

Innen- und Außenwelt des Romans regulativ bestimmt. Wenn das dichterische

Dasein Wilhelm Meisters sich von seiner akut gewordenen Krise mit seinen

gegebenen Lebensumständen bis zum Finden des wesenhaft zugemessenen

Lebensberufs ausdehnt, so hat diese biographische Gestaltung dieselben

Prinzipien wie der Lebenslauf in Pontoppidans Roman, der von dem ersten

wichtigen Kindheitserlebnis bis zum Tode des Helden dauert. Und in allen

Fällen weicht diese Stilisierung schroff von der der Epopöe ab: dort

sind die Zentralgestalt und ihre wichtigen Abenteuer eine an und für

sich organisierte Masse, so daß Anfang und Ende für sie etwas ganz

anderes und wesentlich unwichtigeres bedeuten: es sind Momente großer

Intensität, gleichartig den anderen, die die Höhepunkte des Ganzen

ausmachen, und bedeuten niemals mehr als ein Ansetzen oder ein Auflösen

großer Spannungen. Dante nimmt hier, wie überall, eine eigenartige

Stellung ein, indem bei ihm Gestaltungsprinzipien, die zum Roman

hinstreben, in die Epopöe zurückverwandelt werden. Anfang und Ende sind

bei ihm die Entscheidung des wesenhaften Lebens und alles, was als

sinngebend bedeutsam werden kann, spielt sich zwischen ihnen ab; vor

dem Anfang lag ein unerlösbares Chaos, nach dem Ende eine nunmehr

ungefährdete Sicherheit der Erlösung. Aber was Anfang und Ende umfassen,

entzieht sich gerade den biographischen Kategorien des Prozesses: es

ist ein ewig-seiendes Werden der Entrücktheit; und das, was für die

Romanform erfaßbar und gestaltbar wäre, ist von der Allbedeutung dieses

Erlebnisses zur absoluten Unwesenhaftigkeit verurteilt. Der Roman

schließt zwischen Anfang und Ende das Wesentliche seiner Totalität ein,

erhebt damit ein Individuum auf die unendliche Höhe dessen, der durch

seine Erlebnisse eine ganze Welt zu schaffen und das Geschaffene in

Gleichgewicht zu halten hat; auf eine Höhe, die das epische Individuum

niemals erreichen kann, selbst das Dantesche nicht, das diese

seine Bedeutung der ihm zugemessenen Gnade und nicht seiner reinen

Individualität verdankt. Durch dieses selbe Abschließen wird aber das

Individuum zum bloßen Instrument, dessen Zentralstellung darauf beruht,

daß es geeignet ist, eine bestimmte Problematik der Welt aufzuzeigen.

5.

Die Komposition des Romans ist ein paradoxes Verschmelzen heterogener

und diskreter Bestandteile zu einer immer wieder gekündigten Organik.

Die zusammenhaltenden Beziehungen der abstrakten Bestandteile sind in

abstrakter Reinheit formell: darum muß das letzte vereinigende Prinzip

die inhaltlich deutlich gewordene Ethik der schöpferischen Subjektivität

sein. Weil aber diese sich selbst wieder aufheben muß, damit die

normative Objektivität des epischen Schöpfers realisiert werde; und weil

sie die Objekte ihrer Gestaltung doch nie ganz zu durchdringen und

deshalb nie ihre Subjektivität gänzlich abzulegen und als immanenter

Sinn der Objektswelt zu erscheinen vermag, bedarf sie selbst einer

neuerlichen, wieder inhaltlich bestimmten, ethischen Selbstkorrektur, um

den Gleichgewicht schaffenden Takt zu erreichen. Dieses Ineinanderwirken

von zwei ethischen Komplexen, ihre Zweiheit im Formen und ihre Einheit

in der Formung, ist der Inhalt der Ironie, der normativen Gesinnung

des Romans, die durch die Struktur ihrer Gegebenheit zur größten

Kompliziertheit verurteilt ist. Für jede Form, in der die Idee als

Wirklichkeit gestaltet wird, braucht das Schicksal der Idee in der

Wirklichkeit nicht zum Gegenstand einer dialektischen Reflexion zu

werden. Die Beziehung von Idee und Wirklichkeit wird in der rein

sinnlichen Gestaltung erledigt, es bleibt kein leerer Raum des Abstands

zwischen ihnen, der von der bewußten und hervortretenden Weisheit des

Dichters ausgefüllt werden müßte; diese Weisheit kann sich also vor der

Gestaltung erledigen, sich hinter den Formen verbergen und ist nicht

dazu gezwungen, sich in der Dichtung selbst -- als Ironie -- aufzuheben.

Denn die Reflexion des schaffenden Individuums, die inhaltliche

Ethik des Dichters, ist eine doppelte: sie geht vor allem auf die

reflektierende Gestaltung des Schicksals, das dem Ideal im Leben

zukommt, auf die Tatsächlichkeit dieser Schicksalsbeziehung und auf die

wertende Betrachtung ihrer Realität. Diese Reflexion wird aber nochmals

zum Gegenstand des Nachdenkens: sie selbst ist bloß ein Ideal, etwas

Subjektives, bloß Postulatives, auch ihr steht ein Schicksal in einer

ihr fremden Wirklichkeit bevor, das, diesmal jedoch rein reflektiert,

nur im Erzähler bleibend, gestaltet werden muß.

Dieses Reflektieren müssen ist die tiefste Melancholie jedes echten

und großen Romans. Die Naivität des Dichters -- ein positiver Ausdruck

bloß für das innerlichst Unkünstlerische des reinen Nachdenkens -- wird

hier vergewaltigt, ins Entgegengesetzte umgebogen; und der verzweifelt

errungene Ausgleich, das freischwebende Gleichgewicht voneinander

aufhebenden Reflexionen, die zweite Naivität, die Objektivität des

Romandichters ist dafür nur ein formeller Ersatz: sie ermöglicht die

Gestaltung und schließt die Form, aber die Art des Schließens selbst

weist mit beredter Gebärde auf das Opfer hin, das gebracht werden mußte,

auf das ewig verlorene Paradies, das gesucht und nicht gefunden wurde,

dessen vergebliches Suchen und resigniertes Aufgeben den Kreis der Form

abgerundet hat. Der Roman ist die Form der gereiften Männlichkeit: sein

Dichter hat den strahlenden Jugendglauben aller Poesie, »daß Schicksal

und Gemüt Namen eines Begriffes seien«, verloren; und je schmerzlicher

und tiefer die Notwendigkeit in ihm wurzelt, dieses wesentlichste

Glaubensbekenntnis jeder Dichtung dem Leben als Forderung

entgegenzuhalten, desto schmerzlicher und tiefer muß er begreifen

lernen, daß es nur eine Forderung, keine wirkende Wirklichkeit ist.

Und diese Einsicht, seine Ironie, wendet sich sowohl gegen seine Helden,

die in poetisch notwendiger Jugendlichkeit an der Verwirklichung

dieses Glaubens zugrunde gehen, wie gegen die eigene Weisheit, die die

Vergeblichkeit dieses Kampfes und den endgültigen Sieg der Wirklichkeit

einzusehen gezwungen wurde. Ja, die Ironie verdoppelt sich in beiden

Richtungen. Sie erfaßt nicht nur die tiefe Hoffnungslosigkeit dieses

Kampfes, sondern auch die noch tiefere Hoffnungslosigkeit seines

Aufgebens; das niedrige Scheitern einer gewollten Anpassung an die

idealfremde Welt, eines Aufgebens der irrealen Idealität der Seele um

einer Bezwingung der Realität willen. Und indem die Ironie die

Wirklichkeit als Siegerin gestaltet, enthüllt sie nicht bloß ihre

Nichtigkeit vor dem Besiegten, nicht nur, daß dieser Sieg niemals ein

endgültiger sein kann und immer wieder von neuen Aufständen der Idee

erschüttert werden wird, sondern auch, daß die Welt ihr Übergewicht

weniger der eigenen Kraft verdankt, deren rohe Richtungslosigkeit

selbst dazu nicht ausreicht, als einer inneren, wenn auch notwendigen,

Problematik der idealbelasteten Seele.

Die Melancholie des Erwachsenseins entsteht aus dem zwiespältigen

Erlebnis, daß das absolute, jugendliche Vertrauen auf die innere Stimme

des Berufenseins aufhört oder abnimmt, daß es aber unmöglich ist, der

Außenwelt, der man sich nunmehr in gelehriger Herrschsucht hingibt, eine

eindeutig wegweisende und zielbestimmende Stimme abzulauschen. Die

Helden der Jugend werden auf ihren Wegen von den Göttern geleitet: ob

Glanz des Unterganges, ob Glück des Gelingens am Ende des Weges winkt

oder beides in einem, niemals gehen sie allein, sie sind immer geführt.

Daher die tiefe Sicherheit ihres Ganges; sie mögen von allen verlassen

auf einsamen Inseln trauernd weinen, sie mögen in der tiefsten Verirrung

der Blindheit bis an die Pforten der Hölle taumeln, immer umgibt sie

diese Atmosphäre des Gesichertseins: des Gottes, der die Wege des Helden

vorzeichnet und auf den Wegen dem Helden voranschreitet.

Die vertriebenen und die noch nicht zur Herrschaft gelangten Götter

werden Dämonen: ihre Macht ist wirksam und lebendig, aber sie

durchdringt die Welt nicht mehr oder noch nicht: die Welt hat einen

Sinneszusammenhang und eine Kausalverknüpftheit erhalten, die der

lebendig wirkenden Kraft des zum Dämon gewordenen Gottes unverständlich

ist und aus deren Augenpunkt gesehen sein Treiben als reine

Sinnlosigkeit erscheint. Die Kraft seiner Wirksamkeit bleibt aber

unaufgehoben, weil sie unaufhebbar ist, weil das Sein des neuen Gottes

von dem Vergehen des alten getragen ist; und aus diesem Grund besitzt

der eine -- in der Sphäre des einzig wesentlichen, des metaphysischen

Seins -- dieselbe Valenz von Wirklichkeit wie der andere. »Es war nicht

göttlich,« sagte Goethe vom Dämon, »denn es schien unvernünftig; nicht

menschlich, denn es hatte keinen Verstand; nicht teuflisch, denn es war

wohltätig; nicht engelisch, denn es ließ oft Schadenfreude merken. Es

glich dem Zufall, denn es bewies keine Folge; es ähnelte der Vorsehung,

denn es deutete auf Zusammenhang. Alles was uns begrenzt, schien für

dasselbe durchdringbar; es schien mit den notwendigen Elementen unseres

Daseins willkürlich zu schalten; es zog die Zeit zusammen und dehnte den

Raum aus. Nur im Unmöglichen schien es sich zu gefallen, und das

Mögliche mit Verachtung von sich zu stoßen.«

Aber es gibt eine wesenhafte Bestrebung der Seele, der es nur um das

Wesenhafte zu tun ist, einerlei woher es kommt, einerlei was seine Ziele

sind; es gibt eine Sehnsucht der Seele, wo der Heimatsdrang so heftig

ist, daß die Seele den ersten Pfad, der heimzuführen scheint, in blindem

Ungestüm betreten muß; und so groß ist diese Inbrunst, daß sie ihren Weg

zu Ende zu gehen vermag: für diese Seele führt jeder Weg zum Wesen, nach

Hause, denn für diese Seele ist ihre Selbstheit die Heimat. Darum kennt

die Tragödie keinen wirklichen Unterschied zwischen Gott und Dämon,

während für die Epopöe, wenn überhaupt ein Dämon ihre Gefilde betritt,

er ein machtloses, ein unterliegendes höheres Wesen ist, eine

schwächliche Gottheit. Die Tragödie zerbricht die Hierarchie der oberen

Welten; es gibt in ihr keinen Gott und keinen Dämon, denn die äußere

Welt ist nur eine Veranlassung zum Sichfinden der Seele, zum Heldsein;

an und für sich ist sie nicht vollendet oder mangelhaft vom Sinn

durchdrungen, sondern gleichgültig objektiven, seienden Sinnesformungen

gegenüber, eine Wirrnis von blindem Geschehen, aber die Seele verwandelt

jedes Geschehnis in Schicksal und sie allein tut es mit jedem. Erst wenn

die Tragödie vergangen ist, wenn die dramatische Gesinnung transzendent

wird, erscheinen die Götter und Dämonen auf der Szene, erst im

Gnadendrama erfüllt sich die _tabula rasa_ der oberen Welt wieder mit

über- und untergeordneten Gestalten.

Die Theorie des Romans · 第 4 / 10 段