Wo keine Ziele unmittelbar gegeben sind, verlieren die Gebilde, die

die Seele bei ihrer Menschwerdung als Schauplatz und Substrat ihrer

Tätigkeit unter den Menschen vorfindet, ihr evidentes Wurzeln in

überpersönlichen, seinsollenden Notwendigkeiten; sie sind etwas einfach

Seiendes, vielleicht Machtvolles, vielleicht Morsches, tragen aber weder

die Weihe des Absoluten an sich, noch sind sie die naturhaften Behälter

für die überströmende Innerlichkeit der Seele. Sie bilden die Welt der

Konvention: eine Welt, deren Allgewalt nur das Innerste der Seele

entzogen ist; die in unübersichtlicher Mannigfaltigkeit überall

gegenwärtig ist; deren strenge Gesetzlichkeit, sowohl im Werden wie im

Sein, für das erkennende Subjekt notwendig evident wird, die aber bei

all dieser Gesetzmäßigkeit sich weder als Sinn für das zielsuchende

Subjekt noch in sinnlicher Unmittelbarkeit als Stoff für das handelnde

darbietet. Sie ist eine zweite Natur; wie die erste nur als der

Inbegriff von erkannten, sinnesfremden Notwendigkeiten bestimmbar und

deshalb in ihrer wirklichen Substanz unerfaßbar und unerkennbar. Für die

Dichtung hat aber nur die Substanz Dasein und nur einander innerlichst

homogene Substanzen können in die kampfvolle Verbundenheit der

kompositionellen Beziehungen zueinander geraten. Die Lyrik kann das

Phänomenalwerden der ersten Natur ignorieren und aus der konstituitiven

Kraft dieses Ignorierens heraus eine proteische Mythologie der

substantiellen Subjektivität schaffen: für sie ist nur der große

Augenblick da, und in diesem ist die sinnvolle Einheit von Natur und

Seele oder ihr sinnvolles Getrenntsein, die notwendige und bejahte

Einsamkeit der Seele ewig geworden: losgerissen von der wahllos

abfließenden Dauer, herausgehoben aus der trüb bedingten Vielheit der

Dinge, gerinnt im lyrischen Augenblick die reinste Innerlichkeit der

Seele zur Substanz, und die fremde und unerkennbare Natur ballt sich von

innen getrieben zum durch und durch erleuchteten Symbol. Aber nur in

den lyrischen Augenblicken ist diese Beziehung zwischen Seele und

Natur herstellbar. Sonst verwandelt sich die Natur wegen dieser ihrer

Sinnesferne in eine Art malerischer Rumpelkammer sinnfälliger Symbole

für die Dichtung, die in verhexter Beweglichkeit erstarrt zu sein

scheint und nur vom Zauberwort der Lyrik zur sinnvoll bewegten Ruhe

besänftigt werden kann. Denn diese Augenblicke sind nur für die Lyrik

konstitutiv und formbestimmend; nur in der Lyrik wird dieses unvermittelte

Aufblitzen der Substanz zu einem plötzlichen Ablesbarwerden verschollener

Urschriften; nur in der Lyrik wird das Subjekt, das dieses Erlebnis

trägt, zum alleinigen Träger des Sinnes, zur einzig wahren Wirklichkeit.

Das Drama spielt in einer Sphäre, die jenseits dieser Realität liegt,

und für die epischen Formen bleibt das subjektive Erlebnis im Subjekt:

es wird zur Stimmung. Und die Natur wird -- ihres sinnesfremden

Eigenlebens sowohl wie ihrer sinnerfüllten Symbolik entkleidet

-- zum Hintergrund, zur Kulisse, zur Begleitstimme: sie hat ihre

Selbständigkeit verloren und ist nur die mit den Sinnen ergreifbare

Projektion des Wesentlichen, der Innerlichkeit.

Die zweite Natur der Menschengebilde hat keine lyrische Substantialität:

ihre Formen sind zu starr, um sich dem symbolschaffenden Augenblick

anzuschmiegen; der inhaltliche Niederschlag ihrer Gesetze ist zu

bestimmt, um die Elemente, die in der Lyrik zu essayistischen

Veranlassungen werden müssen, je verlassen zu können; diese Elemente

aber leben so ausschließlich von der Gnade der Gesetzlichkeiten, haben

so gar keine von ihnen unabhängige sinnliche Valenz des Daseins, daß

sie ohne sie in Nichts zerfallen müssen. Diese Natur ist nicht stumm,

sinnfällig und sinnesfremd, wie die erste: sie ist ein erstarrter,

fremdgewordener, die Innerlichkeit nicht mehr erweckender Sinneskomplex;

sie ist eine Schädelstätte vermoderter Innerlichkeiten und wäre deshalb

-- wenn dies möglich wäre -- nur durch den metaphysischen Akt einer

Wiedererweckung des Seelischen, das sie in ihrem früheren oder sollenden

Dasein erschuf oder erhielt, erweckbar, nie aber von einer anderen

Innerlichkeit belebbar. Sie ist dem, was die Seele erstrebt, zu

verwandt, um von ihr als bloßer Rohstoff zu Stimmungen behandelt zu

werden und doch zu fremd, um der angemessene Ausdruck dafür zu sein.

Die Fremdheit der Natur, der ersten Natur gegenüber, das moderne

sentimentalische Naturgefühl ist nur die Projektion des Erlebnisses,

daß die selbstgeschaffene Umwelt für den Menschen kein Vaterhaus mehr

ist, sondern ein Kerker. Solange die von den Menschen für den Menschen

gebauten Gebilde ihm wahrhaft angemessen sind, sind sie seine notwendige

und eingeborene Heimat; keine Sehnsucht kann in ihm entstehen, die sich,

als Gegenstand des Suchens und des Findens, die Natur setzt und erlebt.

Die erste Natur, die Natur als Gesetzmäßigkeit für das reine Erkennen

und die Natur als das Trostbringende für das reine Gefühl, ist nichts

als die geschichtsphilosophische Objektivation der Entfremdung zwischen

dem Menschen und seinen Gebilden. Wenn das Seelische der Gebilde nicht

mehr unmittelbar zur Seele werden kann, wenn die Gebilde nicht mehr nur

wie Ballung und Stauung von Innerlichkeiten erscheinen, die jeden

Augenblick in Seele rückverwandelt werden können, müssen sie eine die

Menschen wahllos, blind und ausnahmslos beherrschende Macht erlangen, um

bestehen zu können. Und die Erkenntnis der Macht, die sie knechtet,

nennen die Menschen Gesetze, und die Trostlosigkeit ihrer Allmacht und

ihres Allbereichs wird für die Erkenntnis im Begriff des Gesetzes zur

erhabenen und erhebenden Logizität einer menschenfernen, ewigen und

unwandelbaren Notwendigkeit. Die Natur der Gesetze und die Natur der

Stimmungen stammen aus demselben Ort in der Seele: sie setzen die

Unmöglichkeit einer erreichten und sinnvollen Substanz voraus, die

Unmöglichkeit für das konstitutive Subjekt ein angemessenes

konstitutives Objekt zu finden. Im Naturerlebnis löst das allein reale

Subjekt die ganze Außenwelt in Stimmung auf und wird, ob der

unerbittlichen Wesensgleichung des kontemplativen Subjekts mit seinem

Objekte, selbst zur Stimmung; und das reine Erkennenwollen einer vom

Wollen und Wünschen reingewordenen Welt verwandelt das Subjekt zum

asubjektiven, konstruktiven und konstruierten Inbegriff erkennender

Funktionen. Es muß so kommen. Denn konstitutiv ist das Subjekt nur, wenn

es von innen handelt, nur das ethische Subjekt; es muß dem Gesetz und

der Stimmung nur dann nicht verfallen, wenn der Schauplatz seiner Taten,

das normative Objekt seiner Handlung aus dem Stoffe der reinen Ethik

geformt ist: wenn Recht und Sitte mit Sittlichkeit identisch sind, wenn

in die Gebilde nicht mehr Seelisches hineingetragen werden muß, um an

ihnen zur Tat zu kommen, als aus ihnen handelnd herausgelöst werden

kann. Die Seele einer solchen Welt sucht keine Gesetze zu erkennen, denn

die Seele selbst ist das Gesetz für den Menschen; in jeder Materie

seiner Bewährung wird er das nämliche Antlitz der nämlichen Seele

erblicken. Und es würde für ihn wie ein kleinliches und überflüssiges

Spiel erscheinen, die Fremdheit der nichtmenschlichen Umwelt durch die

stimmungerweckende Kraft des Subjektes zu überwinden: die Welt des

Menschen, die in Betracht kommt, ist die, wo die Seele, als Mensch, Gott

oder Dämon, zu Hause ist; in ihr findet die Seele alles was nottut, sie

braucht nichts aus sich heraus zu schaffen oder zu beleben, denn ihre

Existenz ist überreichlich erfüllt mit dem Finden, Sammeln und Formen

dessen, was ihr unmittelbar, als Seelenverwandtes, gegeben ist.

Das epische Individuum, der Held des Romans, entsteht aus dieser

Fremdheit zur Außenwelt. Solange die Welt innerlich gleichartig ist,

unterscheiden sich auch die Menschen nicht qualitativ voneinander: es

gibt wohl Helden und Schurken, Fromme und Verbrecher, aber der größte

Held hebt sich auch nur um Haupteslänge aus der Schar seinesgleichen,

und die würdevollen Worte der Weisesten werden selbst von den Törichten

vernommen. Das Eigenleben der Innerlichkeit ist nur dann möglich

und notwendig, wenn das Unterscheidende zwischen den Menschen zur

unüberbrückbaren Kluft geworden ist; wenn die Götter stumm sind und

weder Opfer noch Ekstase die Zunge ihrer Geheimnisse zu lösen vermag;

wenn die Welt der Taten sich von den Menschen ablöst und ob dieser

Selbständigkeit hohl wird und unvermögend, den wahren Sinn der Taten

in sich aufzunehmen, an ihnen zum Symbol zu werden und sie in Symbole

aufzulösen: wenn die Innerlichkeit und das Abenteuer für immer

voneinander abgetrennt sind.

Der Held der Epopöe ist, streng genommen, niemals ein Individuum.

Es ist von alters her als Wesenszeichen des Epos betrachtet worden,

daß sein Gegenstand kein persönliches Schicksal, sondern das einer

Gemeinschaft ist. Mit Recht, denn die Abrundung und die Geschlossenheit

des Wertsystems, das den epischen Kosmos bestimmt, schafft ein zu

organisches Ganze, als daß darin ein Teil sich so weit in sich

abschließen, so stark auf sich gestellt sein könnte, um sich als

Innerliches zu finden, um zur Persönlichkeit zu werden. Die Allgewalt

der Ethik, die jede Seele als eigene und unvergleichliche setzt, ist

dieser Welt noch fremd und fern. Wenn das Leben als Leben einen

immanenten Sinn in sich findet, so sind die Kategorien der Organik die

alles bestimmenden: die individuelle Struktur und Physiognomie entsteht

aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingtsein von Teil und

Ganzheit, nicht aus dem polemischen Sich-auf-sich-selbst-Besinnen der

einsamen und verirrten Persönlichkeit. Die Bedeutung, die eine

Begebenheit in einer derart geschlossenen Welt erhalten kann, ist

deshalb immer eine quantitative: die Abenteuerreihe, in der sich die

Begebenheit versinnbildlicht, erhält ihr Gewicht von der Wichtigkeit,

die sie für das Wohl und Wehe eines großen, organischen Lebenskomplexes,

eines Volkes oder Geschlechts besitzt. Daß also die Helden der Epopöe

Könige sein müssen, hat andere, wenn auch ebenfalls formelle Ursachen

wie die gleiche Forderung für die Tragödie. Dort ist sie nur aus der

Notwendigkeit der Wegschaffung aller kleinlichen Lebenskausalitäten

aus dem Wege der Schicksalsontologie entstanden: weil die soziale

Gipfelgestalt die einzige ist, deren Konflikte, bei Beibehaltung des

sinnlichen Scheines einer symbolischen Existenz, nur aus dem tragischen

Problem heraus erwachsen; weil bloß sie bereits in ihrer äußeren

Erscheinungsform die erforderliche Atmosphäre von isolierter

Bedeutsamkeit haben kann. Was dort Symbol war, wird hier zur

Wirklichkeit: das Gewicht der Verknüpftheit eines Schicksals mit einer

Ganzheit. Das Weltschicksal, das in der Tragödie nur die nötige Anzahl

von Nullen war, die an eine Eins angehängt sie zur Million verwandelt,

ist hier das Inhaltgebende der Ereignisse; und das Tragen dieses

Schicksals schafft keine Einsamkeit um ihren Träger, knüpft ihn vielmehr

mit unlösbaren Fäden an die Gemeinschaft, deren Geschick sich in seinem

Leben krystallisiert.

Und die Gemeinschaft ist eine organische -- und darum in sich sinnvolle

-- konkrete Totalität: darum ist die Abenteuermasse einer Epopöe immer

gegliedert und niemals streng geschlossen: sie ist ein Lebewesen von

innerlich unendlicher Lebensfülle, das gleiche oder ähnliche Lebewesen

als Brüder oder Nachbarn besitzt. Das In-der-Mitte-Anfangen und

Nicht-mit-dem-Ende-Schließen der Homerischen Epen hat seinen Grund in

der begründeten Gleichgültigkeit der wahrhaft epischen Gesinnung gegen

jeden architektonischen Aufbau, und das Hineinspielen fremder

Stoffmassen -- wie Dietrich von Bern im Nibelungenlied -- wird dieses

Gleichgewicht nie stören können: denn alles lebt sein eigenes Leben im

Epos und schafft seine Abrundung aus der eigenen inneren Bedeutsamkeit.

Fremdes kann hier dem Zentralen ruhig die Hände reichen, die bloße

Berührung von Konkreta untereinander läßt konkrete Beziehungen

entstehen, und das Fremde wird infolge seiner perspektivischen Ferne

und seiner unentfalteten Fülle die Einheitlichkeit nicht gefährden und

dennoch die Evidenz des organischen Daseins haben. Dante ist das einzige

große Beispiel, wo die Architektur über die Organik eindeutig siegt:

deshalb ein geschichtsphilosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum

Roman. Er hat noch die vollendete immanente Abstandslosigkeit und

Abgeschlossenheit der wahren Epopöe, aber seine Gestalten sind schon

Individuen, die sich bewußt und energisch einer ihnen gegenüber sich

abschließenden Wirklichkeit entgegenstellen und in diesem Widerstand

zu wirklichen Persönlichkeiten werden. Und auch das konstituierende

Prinzip von Dantes Totalität ist ein systematisches, das die epische

Selbständigkeit der organischen Teileinheiten aufhebt und sie in

hierarchisch eingeordnete, eigentliche Teile verwandelt. Freilich

findet sich diese Individualität der Gestalten mehr bei den Nebenfiguren

als beim Helden, und die Intensität dieser Tendenz nimmt gegen die

Peripherie und mit der Entfernung vom Ziele zu; jede Teileinheit bewahrt

ihr lyrisches Eigenleben, eine Kategorie, die das alte Epos nicht kannte

und nicht kennen konnte. Diese Vereinigung der Voraussetzungen von Epos

und Roman und ihre Synthese zur Epopöe beruht auf der Zweiweltenstruktur

der Danteschen Welt: die diesseitige Zerrissenheit von Leben und Sinn

wird durch ein Zusammenfallen von Leben und Sinn in der gegenwärtigen

und erlebten Transzendenz überboten und aufgehoben: der postulatslosen

Organik des älteren Epos stellt Dante die Hierarchie erfüllter Postulate

gegenüber, geradeso wie er, als einziger, die sichtbar gesellschaftliche

Höhe des Helden und sein die Gemeinschaft mitbestimmendes Geschick

entbehren kann, weil das Erlebnis seines Helden die symbolische Einheit

des Menschenschicksals überhaupt ist.

4.

Die Totalität der Danteschen Welt ist die des sichtbaren Begriffssystems.

Gerade diese sinnliche Dinghaftigkeit und Substantialität sowohl der

Begriffe selbst, wie ihrer hierarchischen Ordnung im System ermöglicht,

daß die Geschlossenheit und die Totalität zu konstitutiven und nicht zu

regulativen Aufbaukategorien werden; daß der Gang durch das Ganze eine

an Spannungen reiche, aber wohlgeleitete und ungefährdete Reise und

nicht eine nach dem Ziele tastende Wanderung sei; es ermöglicht das

Epos, wo die geschichtsphilosophische Situation die Probleme schon hart

an die Grenze des Romans drängt. Die Totalität des Romans ließe sich

nur abstrakt systematisieren, weshalb auch ein hier erreichbares System

-- die einzig mögliche Form der abgeschlossenen Totalität nach dem

endgültigen Entschwinden der Organik -- nur ein System abgezogener

Begriffe sein kann und deshalb in seiner Unmittelbarkeit für die

ästhetische Gestaltung nicht in Betracht kommt. Freilich ist gerade

dieses abstrakte System die letzte Grundlage, auf der sich alles

aufbaut, aber in der gegebenen und gestalteten Wirklichkeit wird nur

sein Abstand vom konkreten Leben sichtbar, als Konventionalität der

objektiven und als überspannte Innerlichkeit der subjektiven Welt. So

sind die Elemente des Romans, im Hegelschen Sinn, durchwegs abstrakt;

abstrakt ist die auf utopische Vollendung hinstrebende, nur sich und ihr

Begehren als wahre Realität empfindende Sehnsucht der Menschen; abstrakt

ist das nur auf Tatsächlichkeit und Macht des Bestehens beruhende Dasein

der Gebilde; und abstrakt ist die gestaltende Gesinnung, die den Abstand

zwischen den beiden abstrakten Gruppen der Gestaltungselemente

unaufgehoben bestehen läßt, ihn als Erlebnis des Romanmenschen

unüberwunden versinnlicht, zur Verbindung der beiden Gruppen verwendet

und so zum Vehikel der Komposition macht. Die Gefahr, die aus diesem

abstrakten Grundcharakter des Romans entsteht, ist bereits erkannt

worden: als Transzendieren ins Lyrische oder Dramatische, oder als

Verengerung der Totalität ins Idyllenhafte, oder endlich als Herabsinken

auf das Niveau der bloßen Unterhaltungslektüre. Und bekämpft

kann sie nur werden, indem das Unabgeschlossene, Brüchige und

Übersichhinausweisende der Welt bewußt und konsequent als letzte

Wirklichkeit gesetzt wird.

Jede Kunstform ist durch die metaphysische Lebensdissonanz definiert,

die sie als Grundlage einer in sich vollendeten Totalität bejaht und

gestaltet; der Stimmungscharakter der hieraus entspringenden Welt, die

Atmosphäre der Menschen und Begebenheiten ist durch die Gefahr bestimmt,

die, die Form bedrohend, aus der nicht absolut aufgelösten Dissonanz

entsteigt. Die Dissonanz der Romanform, das Nicht-eingehen-Wollen der

Sinnesimmanenz in das empirische Leben gibt ein Formproblem auf, dessen

formeller Charakter viel verdeckter ist, als der anderer Kunstformen,

das wegen dieser seiner scheinbaren Inhaltlichkeit ein vielleicht noch

ausgesprocheneres und entschiedeneres Zusammenwirken von ethischen und

ästhetischen Kräften erfordert, als es bei evident reinen Formproblemen

der Fall ist. Der Roman ist die Form der gereiften Männlichkeit im

Gegensatz zur normativen Kindlichkeit der Epopöe; die lebensseitige Form

des Dramas steht jenseits selbst der -- als apriorische Kategorien, als

normative Stadien gefaßten -- Lebensaltern. Der Roman ist die Form der

gereiften Männlichkeit; das bedeutet, daß das Abschließen seiner Welt

objektiv gesehen etwas Unvollkommenes, subjektiv erlebt eine Resignation

ist. Die Gefahr, von der diese Gestaltung bedingt ist, ist deshalb eine

doppelte: es ist die Gefahr da, daß entweder die Brüchigkeit der Welt

kraß und die formgeforderte Sinnesimmanenz aufhebend zutage tritt und

die Resignation in quälende Trostlosigkeit umschlägt, oder daß die allzu

starke Sehnsucht, die Dissonanz aufgelöst, bejaht und in der Form

geborgen zu wissen, zu einem voreiligen Schließen verführt, das die Form

in disparater Heterogenität zergehen läßt, weil die Brüchigkeit nur

oberflächlich verdeckt, aber nicht aufgehoben werden kann und so die

schwächlichen Bindungen zerbrechend als unverarbeiteter Rohstoff

sichtbar werden muß. In beiden Fällen aber bleibt das Gebilde abstrakt:

das Formwerden der abstrakten Grundlage des Romans ist die Folge des

Selbstdurchschauens der Abstraktion; die formgeforderte Immanenz des

Sinnes entsteht gerade aus dem rücksichtslosen Zu-Ende-Gehen im

Aufdecken ihrer Abwesenheit.

Die Kunst ist -- im Verhältnis zum Leben -- immer ein Trotzdem; das

Formschaffen ist die tiefste Bestätigung des Daseins der Dissonanz,

die zu denken ist. Aber in jeder anderen Form, aus jetzt schon

selbstverständlichen Gründen auch in der Epopöe, ist diese Bejahung

etwas der Formung Vorangehendes, während sie für den Roman die Form

selbst ist. Darum ist hier das Verhältnis von Ethik und Ästhetik im

formenden Prozeß ein anderes, als in den übrigen Dichtungsarten. Dort

ist die Ethik eine rein formelle Voraussetzung, die durch ihre Tiefe ein

Vordringen bis zum formbedingten Wesen, durch ihre Weite die ebenfalls

formbedingte Totalität ermöglicht und die durch ihr Umfassen das

Gleichgewicht der konstituierenden Elemente -- wofür Gerechtigkeit nur

ein Ausdruck in der Sprache der reinen Ethik ist -- zustande bringt.

Hier ist die Ethik, die Gesinnung im Gestalten jeder Einzelheit

sichtbar, ist also in ihrer konkretesten Inhaltlichkeit ein wirksames

Aufbauelement der Dichtung selbst. So erscheint der Roman im Gegensatz

zu dem in der fertigen Form ruhenden Sein anderer Gattungen als etwas

Werdendes, als ein Prozeß. Es ist deshalb die künstlerisch am meisten

gefährdete Form und wurde von vielen, aus Gleichsetzung von Problematik

und Problematisch-Sein, als Halbkunst bezeichnet. Mit einem bestechenden

Schein von Recht, denn nur der Roman besitzt eine, ihm in allem

unwesentlich Formellen fast bis zur Verwechslung gleichende Karikatur;

die Unterhaltungslektüre, die alle äußerlichen Kennzeichen des Romans

aufweist, die aber in ihrem Wesen an nichts gebunden und nichts treffend

aufgebaut, also völlig sinnlos ist. Während also in den Formen des als

erreicht geleisteten Seins solche Karikaturen unmöglich sind, weil das

Außerkünstlerische der Formung keinen Augenblick verdeckt werden kann,

ist hier eine -- scheinbare -- Annäherung fast bis zur Verwechselbarkeit

möglich; wegen des regulativen, versteckten Charakters der wirkenden,

bindenden und formenden Ideen, wegen der -- scheinbaren -- Verwandtschaft

einer leeren Bewegtheit mit einem Prozeß, dessen letzter Inhalt nicht

rationalisierbar ist. Aber dieses Angenähertsein muß in jedem konkreten

Fall vor jedem genauen Blick sich doch als Karikatur enthüllen, und

auch die von anders her geholten Beweise gegen die echt künstlerische

Wesensart des Romans haben nur einen Schein des Rechts. Nicht nur

weil die normative Unvollendung und Problematik des Romans eine

geschichtsphilosophisch echtgeborene Form ist und als Zeichen ihrer

Legitimität ihr Substrat, den wahren Zustand des gegenwärtigen Geistes,

erreicht, sondern weil seine Prozeßartigkeit nur inhaltlich die

Abgeschlossenheit ausschließt, als Form jedoch ein schwebendes, aber

sicher schwebendes Gleichgewicht von Werden und Sein repräsentiert, als

Idee des Werdens zum Zustand wird und sich so zum normativen Sein des

Werdens verwandelnd aufhebt; »begonnen ist der Weg, vollendet die

Reise«.

Diese »Halbkunst« schreibt also eine noch strengere und unfehlbarere

künstlerische Gesetzlichkeit vor, als die »geschlossenen Formen«,

und diese Gesetze sind desto bindender, je mehr sie ihrem Wesen nach

undefinierbar und unformulierbar sind: es sind Gesetze des Taktes. Takt

und Geschmack, an und für sich untergeordnete Kategorien, die durchaus

der bloßen Lebensphäre angehören und selbst einer wesentlichen ethischen

Welt gegenüber belanglos sind, gewinnen hier eine große und konstitutive

Bedeutung: bloß durch sie ist die Subjektivität von Anfang und Abschluß

der Romantotalität imstande, sich im Gleichgewicht zu halten, sich als

episch normative Objektivität zu setzen und so die Abstraktheit, die

Gefahr dieser Form, zu überwinden. Denn die Gefahr läßt sich auch so

aussprechen: wo die Ethik, inhaltlich und nicht als bloß formales

Apriori, den Aufbau einer Form zu tragen hat, und wo nicht, wie in den

epischen Zeitaltern, ein Zusammenfallen oder wenigstens eine deutliche

Konvergenz zwischen Ethik als innerlichem Lebensfaktor und ihrem

Handlungssubstrat in den Gebilden gegeben ist, ist die Gefahr da, daß

statt einer daseienden Totalität ein subjektiver Aspekt derselben, die

von der großen Epik geforderte Gesinnung zur hinnehmenden Objektivität

trübend oder gar zerstörend, gestaltet wird. Diese Gefahr ist nicht zu

umgehen, sondern bloß von innen zu überwinden. Denn diese Subjektivität

ist nicht beseitigt, wenn sie unausgesprochen bleibt, oder wenn sie in

einen Willen zur Objektivität verwandelt wird: dieses Verschweigen und

dieses Streben sind noch subjektiver, als das offene Hervortreten einer

klarbewußten Subjektivität und darum, wieder im Hegelschen Sinn, noch

abstrakter.

Die Selbsterkenntnis und damit die Selbstaufhebung der Subjektivität

wurde von den ersten Theoretikern des Romans, den Ästhetikern der

Frühromantik, Ironie genannt. Sie bedeutet, als formelles Konstituens

der Romanform, eine innere Spaltung des normativ dichterischen Subjekts

in eine Subjektivität als Innerlichkeit, die fremden Machtkomplexen

gegenübersteht und der fremden Welt die Inhalte ihrer Sehnsucht

aufzuprägen bestrebt ist, und in eine Subjektivität, die die

Abstraktheit und mithin die Beschränktheit der einander fremden

Subjekts- und Objektswelten durchschaut, diese in ihren, als

Notwendigkeiten und Bedingungen ihrer Existenz begriffenen, Grenzen

versteht und durch dieses Durchschauen die Zweiheit der Welt zwar

bestehen läßt, aber zugleich in der wechselseitigen Bedingtheit der

einander wesensfremden Elemente eine einheitliche Welt erblickt und

gestaltet. Diese Einheit ist jedoch eine rein formale; die Fremdheit und

die Feindlichkeit der innerlichen und der äußerlichen Welten ist nicht

aufgehoben, sondern nur als notwendig erkannt, und das Subjekt dieser

Erkenntnis ist geradeso ein empirisches, also weltbefangenes und in der

Innerlichkeit beschränktes Subjekt, wie jene, die zu seinen Objekten

geworden sind. Das nimmt der Ironie jede kalte und abstrakte

Ueberlegenheit, die die objektive Form zur subjektiven, zur Satire und

die Totalität zum Aspekt verengen würde, denn es zwingt das schauende

und schaffende Subjekt, seine Welterkenntnis auf sich selbst anzuwenden,

sich selbst, geradeso wie seine Geschöpfe, als freies Objekt der freien

Ironie zu nehmen; kurz gefaßt: sich in ein rein aufnehmendes, in das für

die große Epik normativ vorgeschriebene Subjekt zu verwandeln.

Diese Ironie ist die Selbstkorrektur der Brüchigkeit: die inadäquaten

Beziehungen können sich zu einem phantastischen und wohlgeordneten

Reigen von Mißverständnissen und Vorbeigehen aneinander verwandeln, wo

alles von vielen Seiten gesehen wird; als Isoliertes und Verbundenes,

als Träger des Wertes und als Nichtigkeit, als abstrakte Absonderung

und als konkretestes Eigenleben, als Verkümmern und als Blühen, als

Leidenmachen und als Leiden.

Die Theorie des Romans · 第 3 / 10 段