Das Subjekt der kleineren epischen Formen steht beherrschender und

selbstherrlicher seinem Objekte gegenüber. Mag der Erzähler -- es kann und

soll hier kein System der epischen Formen, nicht einmal andeutungsweise

gegeben werden -- mit kühler und überlegener Chronistengebärde dem

merkwürdigen Walten des Zufalls, der die Geschicke der Menschen für sie

sinnlos und vernichtend, für uns Abgründe aufdeckend und ergötzlich

durcheinanderwirft, zusehen; mag er einen kleinen Winkel der Welt als

geordnet blühenden Garten, umgeben von den grenzenlosen und chaotischen

Wüsten des Lebens, gerührt zur alleinigen Wirklichkeit erheben; mag er

ergriffen und gefaßt das seltsame und tiefe Welterleben eines Menschen

in ein stark geformtes und objektiviertes Schicksal gerinnen lassen;

immer ist es seine Subjektivität, die aus der maßlosen Unendlichkeit

des Weltgeschehens ein Stück herausreißt, ihm ein selbständiges Leben

verleiht und das Ganze, aus dem es entnommen wurde, nur als Empfindung

und Denken der Gestalten, nur als unwillkürliches Weiterspinnen

abgerissener Kausalreihen, nur als Spiegelung einer an sich seienden

Wirklichkeit in die Welt des Werks hineinscheinen läßt. Die Abrundung

dieser epischen Formen ist deshalb eine subjektive: ein Lebensstück wird

vom Dichter in eine sie heraushebende, betonende, und vom Lebensganzen

abhebende Umwelt versetzt; und Auswahl und Abgrenzung tragen im Werk

selbst den Stempel ihres Ursprungs aus Willen und Wissen des Subjektes:

sie sind mehr oder weniger lyrischer Natur. Die Relativität von

Selbständigkeit und Allgebundenheit der Lebewesen und ihrer -- organisch

auf sich gestellten -- ebenfalls lebendigen Vereinigungen kann

aufgehoben, zur Form gehoben werden, wenn eine bewußte Setzung des

schaffenden Werksubjekts einen immanent herausstrahlenden Sinn in dem

isolierten Dasein gerade dieses Lebensstückes zur Evidenz bringt.

Die formende, Gestalt und Grenze gebietende, Tat des Subjekts, diese

Souveränität im beherrschenden Schaffen des Gegenstandes ist die Lyrik

der epischen Formen ohne Totalität. Diese Lyrik ist hier die letzte

epische Einheit; sie ist kein Schwelgen eines vereinsamten Ichs in

der gegenstandsfreien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung

des Objekts in Sensationen und Stimmungen, sondern normgeboren und

formschaffend, trägt sie die Existenz alles Gestalteten. Doch mit der

Bedeutsamkeit und Schwere des Lebensausschnitts muß die unmittelbar

strömende Wucht dieser Lyrik wachsen; das Gleichgewicht des Werks

ist das des setzenden Subjekts und des von ihm herausgestellten und

emporgehobenen Gegenstandes. In der Form der isolierten Merkwürdigkeit

und Fragwürdigkeit des Lebens, in der Novelle, muß sich diese Lyrik

noch ganz hinter den harten Linien der vereinzelt herausgemeißelten

Begebenheit verstecken: die Lyrik ist hier noch reine Auswahl: die

schreiende Willkür des beglückenden und vernichtenden, aber immer

grundlos darniederfahrenden Zufalls kann nur durch sein klares,

kommentarloses, rein gegenständliches Erfassen balanciert werden. Die

Novelle ist die am reinsten artistische Form; der letzte Sinn alles

künstlerischen Formens wird von ihr als Stimmung, als inhaltlicher Sinn

des Gestaltens, wenn auch eben deshalb abstrakt, ausgesprochen. Indem

die Sinnlosigkeit in unverschleierter, nichts beschönigender Nacktheit

erblickt wird, gibt ihr die bannende Macht dieses furchtlosen und

hoffnungslosen Blickes die Weihe der Form: die Sinnlosigkeit wird, als

Sinnlosigkeit, zur Gestalt: sie ist ewig geworden, von der Form bejaht,

aufgehoben und erlöst. Zwischen der Novelle und den lyrisch-epischen

Formen ist ein Sprung. Sobald das von der Form zum Sinn Erhobene auch

seinem Inhalte nach, wenn auch nur relativ, sinnvoll ist, muß das stumm

gewordene Subjekt nach eigenen Worten ringen, die vom relativen Sinn der

gestalteten Begebenheit eine Brücke zum Absoluten bauen. In der Idylle

verschmilzt diese Lyrik noch fast vollständig mit den Umrissen der

Menschen und der Dinge; sie ist es ja, die diesen Umrissen das

Weiche und das Luftige der friedevollen Abgeschiedenheit, die selige

Getrenntheit von den Stürmen, die draußen wüten, verleiht. Nur wo die

Idylle zur Epopöe transzendiert, wie in Goethes und Hebbels »großen

Idyllen«, wo das Ganze des Lebens mit allen seinen Gefahren, wenn auch

von weiten Fernen gedämpft und gebändigt, in die Geschehnisse selbst

hineinspielt, muß die Stimme des Dichters selbst ertönen, muß seine Hand

die heilsamen Distanzen schaffen: damit weder das siegende Glück seiner

Helden zur unwürdigen Genügsamkeit derer werde, die vor einer allzu

gegenwärtigen Nähe des nicht überwundenen, sondern bloß für sie

beseitigten Elends feig abrücken, noch die Gefahren und das Erbeben der

Lebenstotalität, das diese verursacht, zu blassen Schemen werden, den

Jubel der Rettung zur nichtigen Farce erniedrigend. Und zum klaren und

breit strömenden Allesaussagen erwächst diese Lyrik, wo das Geschehnis

in seiner episch objektivierten Gegenständlichkeit der Träger und das

Symbol eines unendlichen Gefühls wird; wo eine Seele der Held ist und

ihre Sehnsucht die Handlung -- Chantefable nannte ich einmal von Ch. L.

Philippe sprechend diese Form --; wo der Gegenstand, das gestaltete

Ereignis etwas Vereinzeltes bleibt und bleiben soll, wo aber in dem

Erlebnis, das das Ereignis aufnimmt und ausstrahlt, der letzte Sinn des

ganzen Lebens, die sinngebende und lebenbezwingende Macht des Dichters

niedergelegt ist. Doch auch diese Macht ist eine lyrische: es ist die

Persönlichkeit des Dichters, die in bewußter Selbstherrlichkeit die

eigene Deutung des Weltsinnes -- die Ereignisse als Instrumente

meisternd -- ertönen läßt, nicht aber ihnen als Hütern des geheimen

Wortes den Sinn ablauscht; es ist nicht die Totalität des Lebens, die

gestaltet wird, sondern die Beziehung, die wertende oder verwerfende

Stellung des Dichters, der als empirisches Subjekt in seiner ganzen

Größe, aber auch in seiner ganzen kreatürlichen Begrenztheit die Bühne

der Gestaltung betritt, zu dieser Totalität des Lebens.

Und auch das Vernichten des Objekts durch das zum Alleinherrscher des

Seins gewordene Subjekt vermag keine Totalität des Lebens, die ihrem

Begriffe gemäß eine extensive ist, aus sich zu entlassen: wie hoch es

sich auch über seine Objekte erhebt, immer sind es nur einzelne Objekte,

die es in dieser Weise als souveränen Besitz erwirbt und eine solche

Summe wird niemals eine wirkliche Totalität ergeben. Denn auch dieses

erhaben-humoristische Subjekt bleibt ein empirisches, seine Gestaltung

eine Stellungnahme zu seinen, ihm dem Wesen nach dennoch gleichgearteten

Objekten; und der Kreis, den es um das von ihm als Welt Ausgeschiedene

und Abgerundete zieht, bezeichnet nur die Grenze des Subjekts und keine

eines irgendwie in sich kompletten Kosmos. Die Seele des Humoristen

dürstet nach einer echteren Substanzialität als ihm das Leben bieten

könnte; deshalb zerschlägt er alle Formen und Grenzen der zerbrechlichen

Totalität des Lebens, um zur einzig wahren Quelle des Lebens, zum

reinen, weltbeherrschenden Ich zu gelangen. Aber mit dem Zusammenbrechen

der Objektswelt ist auch das Subjekt zum Fragment geworden; nur das Ich

ist seiend geblieben, doch auch seine Existenz zerrinnt in der

Substanzlosigkeit der selbstgeschaffenen Trümmerwelt. Diese

Subjektivität will alles gestalten und kann gerade deshalb nur einen

Ausschnitt spiegeln.

Dies ist das Paradoxon der Subjektivität der großen Epik, ihr »wirf

weg, damit du gewinnst«: jede schöpferische Subjektivität wird lyrisch

und nur die bloß hinnehmende, die sich in Demut zum reinen Aufnahmeorgan

der Welt verwandelnde vermag der Gnade: der Offenbarung des Ganzen,

teilhaftig zu werden. Es ist der Sprung von der »_Vita nuova_« zur

»_Divina Commedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der

Sprung, den Cervantes vollzogen hat, der, selbst verstummend, den

Welthumor des »Don Quixote« laut werden läßt, während Sternes und Jean

Pauls herrlich laute Stimmen bloß subjektive Spiegelungen eines bloß

subjektiven und darum begrenzten, engen und willkürlichen Weltbruchstückes

bieten. Dies ist kein Werturteil, sondern ein gattungbestimmendes

Apriori: das Ganze des Lebens läßt keinen transzendentalen Mittelpunkt

in sich aufweisen und duldet es nicht, daß eine seiner Zellen sich zu

seiner Beherrscherin erhebe. Nur wenn ein Subjekt, weit abgetrennt von

jeglichem Leben und seiner notwendig mitgesetzten Empirie, in der reinen

Höhe der Wesenhaftigkeit thront, wenn es nichts mehr ist als der Träger

der transzendentalen Synthesis, vermag es in seiner Struktur alle

Bedingungen der Totalität zu bergen und seine Grenze zur Grenze der

Welt zu verwandeln. Ein solches Subjekt kann aber in der Epik nicht

vorkommen: Epik ist Leben, Immanenz Empirie, und Dantes »Paradiso« ist

dem Leben wesensverwandter als die strotzende Fülle Shakespeares.

Die synthetische Macht der Wesenssphäre verdichtet sich in der

konstruktiven Totalität des dramatischen Problems: das vom Problem aus

Notwendige, sei es Seele oder Begebenheit, gewinnt Dasein aus seinen

Beziehungen zum Zentrum; die immanente Dialektik dieser Einheit verleiht

jeder Einzelerscheinung das ihr -- je nach der Entfernung vom Zentrum

und dem Gewicht für das Problem -- zukommende Sein. Das Problem ist

hier unaussprechbar, weil es die konkrete Idee des Ganzen ist, weil nur

das Zusammenklingen aller Stimmen den Reichtum an Inhalt, der darin

verborgen ist, zu heben vermag. Für das Leben ist aber das Problem eine

Abstraktion; die Beziehung einer Gestalt auf ein Problem kann niemals

deren ganze Lebensfülle in sich aufnehmen, und jedes Ereignis der

Lebenssphäre muß sich zum Problem allegorisch verhalten. Wohl vermag die

hohe Kunst Goethes in den von Hebbel mit Recht »dramatisch« genannten

»Wahlverwandtschaften« alles in Bezug auf das zentrale Problem abzutönen

und abzuwägen, aber selbst die von vorneherein in die engen Kanäle des

Problems geleiteten Seelen können sich hier nicht zum wirklichen Dasein

ausleben; selbst die auf das Problem hin engbeschnittene Handlung rundet

sich nicht zur Ganzheit ab; selbst um das zierlich schmale Gehäuse

dieser kleinen Welt zu füllen, ist der Dichter gezwungen, fremde

Elemente mit hinein zu beziehen, und wenn dies auch überall so geglückt

wäre, wie in einzelnen Momenten des äußersten Taktes an Arrangement,

könnte es keine Totalität ergeben. Und die »dramatische« Konzentration

des Nibelungenliedes ist ein schöner, _pro domo_ entstandener Irrtum

Hebbels: die verzweifelte Anstrengung eines großen Dichters, die in der

veränderten Welt zerfallende epische Einheit eines wirklich epischen

Stoffes zu retten. Die übermenschliche Gestalt Brunhilds ist bereits zur

Mischung von Weib und Walküre gesunken, den schwachen Freier Gunther

zur haltlosen Fragwürdigkeit erniedrigend, und aus dem Drachentöter

Siegfried haben sich nur vereinzelte Märchenmotive in die Rittergestalt

hinübergerettet. Hier ist das Problem von Treue und Rache, von Hagen und

Kriemhild freilich die Rettung. Aber ein verzweifelter, ein rein

artistischer Versuch: mit den Mitteln der Komposition, mit Aufbau und

Organisation eine Einheit herzustellen, die gewächsmäßig nicht mehr

gegeben ist. Ein verzweifelter Versuch und ein heldenhaftes Scheitern.

Denn eine Einheit kann wohl zustande kommen, aber niemals eine wirkliche

Ganzheit. In der Handlung der Ilias -- ohne Anfang und ohne Abschluß --

erblüht ein geschlossener Kosmos zu alles umfassendem Leben; die klar

komponierte Einheit des Nibelungenliedes birgt Leben und Verwesung,

Schlösser und Ruinen hinter ihrer kunstvoll gegliederten Fassade.

3.

Epopöe und Roman, die beiden Objektivationen der großen Epik, trennen

sich nicht nach den gestaltenden Gesinnungen, sondern nach den

geschichtsphilosophischen Gegebenheiten, die sie zur Gestaltung

vorfinden. Der Roman ist die Epopöe eines Zeitalters, für das die

extensive Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben ist, für

das die Lebensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist, und das

dennoch die Gesinnung zur Totalität hat. Es wäre oberflächlich und

nur artistisch, in Vers und Prosa die einzigen und entscheidenden

gattungsbestimmenden Kennzeichen zu suchen. Sowohl für die Epik, wie für

die Tragödie ist der Vers kein letztes Konstituens, wohl aber ein tiefes

Symptom, ein Scheidewasser, das ihr eigentliches Wesen am eigentlichsten

und echtesten zur Erscheinung bringt. Der tragische Vers ist scharf und

hart, isolierend und Distanzen schaffend. Er umkleidet die Helden mit

der ganzen Tiefe ihrer formgeborenen Einsamkeit, läßt keine anderen

Beziehungen als die des Kampfes und der Vernichtung zwischen ihnen

aufkommen; in seiner Lyrik kann Verzweiflung und Rausch des Weges und

des Endes ertönen, kann das Unermeßliche des Abgrunds, über dem diese

Wesenhaftigkeit schwebt, erglänzen, aber niemals wird -- was die Prosa

zuweilen zuläßt -- ein bloß seelisch-menschliches Einverständnis

zwischen den Gestalten durchbrechen, niemals wird die Verzweiflung zur

Elegie und der Rausch zur Sehnsucht nach den eigenen Höhen werden,

niemals kann die Seele ihren Abgrund in psychologistischer Eitelkeit zu

ermessen suchen und sich im Spiegel der eigenen Tiefe selbstgefällig

bewundern. Der dramatische Vers -- so ungefähr schrieb es Schiller an

Goethe -- entlarvt jede Trivialität der tragischen Erfindung, er besitzt

eine spezifische Schärfe und Schwere, vor der nichts bloß Lebenhaftes,

ein anderer Ausdruck nur für das dramatisch Triviale, bestehen kann: an

dem Gewichtsgegensatz zwischen Sprache und Gehalt muß sich die triviale

Gesinnung verheben. Auch der epische Vers schafft Distanzen, aber

Distanzen bedeuten in der Lebenssphäre eine Beseligung und eine

Leichtigkeit, ein Lockererwerden der Bande, die Dinge und Menschen

unwürdig umschlingen, ein Aufheben jener Dumpfheit und Gedrücktheit, die

an dem Leben, an und für sich genommen, haftet, die nur in einzelnen

glücklichen Augenblicken sich zerstreut; und gerade diese sollen durch

das Distanzieren des epischen Verses zum Lebensniveau werden. Die

Wirkung des Verses ist also hier eine entgegengesetzte, gerade weil

seine unmittelbaren Folgen die gleichen sind: Vertilgung der Trivialität

und Näherkommen dem eigenen Wesen. Denn das Triviale ist für die Sphäre

des Lebens, für die Epik: die Schwere, so wie es für die Tragödie die

Leichtigkeit war. Die gegenständliche Gewähr dafür, daß die völlige

Entfernung alles Lebenhaften keine leere Abstraktion vom Leben ist,

sondern ein Existentwerden des Wesens, kann nur in der Konsistenz

liegen, die diese lebensfernen Gestaltungen erhalten: nur wenn ihr Sein,

über allen Vergleich mit dem Leben hinaus, erfüllter, gerundeter und

gewichtiger geworden ist, als jede Sehnsucht nach Erfüllung es zu

wünschen vermag, erscheint es in abtastbarer Evidenz, daß die tragische

Stilisierung geleistet ist; und jede Leichtigkeit oder Blässe, die

freilich nichts mit dem banausischen Begriff von Unlebendigsein zu tun

hat, zeigt, daß die normativ tragische Gesinnung nicht vorhanden war,

zeigt, bei aller psychologischen Feinheit und lyrischen Sorgfalt der

Einzelerfindung, die Trivialität des Werkes auf.

Für das Leben bedeutet aber Schwere: die Abwesenheit des gegenwärtigen

Sinnes, die unauflösbare Befangenheit in sinnlosen Kausalverknüpfungen,

das Verkümmern in unfruchtbarer Erdennähe und Himmelsferne, das

Beharrenmüssen und Sichnichtbefreienkönnen aus den Fesseln der bloßen

brutalen Stofflichkeit, das, was für die besten immanenten Kräfte des

Lebens das stete Ziel der Überwindung ist; mit dem Wertbegriff der Form

ausgedrückt: Trivialität. Die selig daseiende Totalität des Lebens ist

in prästabilierter Harmonie dem epischen Verse zugeordnet: schon der

vordichterische Prozeß einer mythologischen Umspannung alles Lebens hat

das Sein von jeder trivialen Schwere gereinigt, und in den Versen Homers

öffnen sich bloß die zum Aufblühen bereiten Knospen dieses Frühlings.

Aber der Vers kann nur den leisen Anstoß zum Aufspringen herbeiführen,

nur das aus allen Fesseln Gelöste mit dem Kranze der Freiheit umwinden.

Wenn die Tat des Dichters ein Ausgraben des verschütteten Sinnes ist,

wenn seine Helden erst ihre Kerker sprengen und ihre erträumte Heimat

der ersehnten Freiheit von Erdenschwere erst in schweren Kämpfen erobern

oder auf mühseligen Irrfahrten suchen müssen, dann reicht die Macht

des Verses nicht aus, um diesen Abstand -- den Abgrund mit einem

Blütenteppich verdeckend -- zum gangbaren Weg zu verwandeln. Denn die

Leichtigkeit der großen Epik ist nur die konkret immanente Utopie

der geschichtlichen Stunde, und die formende Entrücktheit, die der

Vers allem, was er trägt, verleiht, muß dann der Epik ihre große

Subjektslosigkeit und Totalität rauben: sie zur Idylle oder zum

lyrischen Spiel verwandeln. Denn die Leichtigkeit der großen Epik ist

nur durch ein wirkliches Abwerfen der niederziehenden Fesseln ein Wert

und eine wirklichkeitsschaffende Macht. Das Vergessen der Sklaverei in

schönen Spielen der freigewordenen Phantasie oder im gefaßten Flüchten

auf selige Inseln, unauffindbar auf der Landkarte der Welt der trivialen

Gebundenheit, kann niemals zur großen Epik führen. In Zeiten, denen

diese Leichtigkeit nicht mehr gegeben ist, ist der Vers aus der großen

Epik verbannt, oder er verwandelt sich unversehens und unbeabsichtigt in

einen lyrischen. Nur die Prosa kann dann das Leiden und den Lorbeer, den

Kampf und die Krönung, den Weg und die Weihe gleich stark umfassen; nur

ihre ungebundene Schmiegsamkeit und ihre rhythmenlose Bindung treffen

mit gleicher Kraft die Fesseln und die Freiheit, die gegebene Schwere

und die erkämpfte Leichtigkeit der vom gefundenen Sinn nunmehr

immanent erstrahlenden Welt. Es ist kein Zufall, daß das Zerfallen der

liedgewordenen Wirklichkeit in Cervantes' Prosa zur leiderfüllten

Leichtigkeit der großen Epik erwuchs, wo der heitere Tanz von Ariostos

Vers ein Spiel, eine Lyrik blieb; es ist kein Zufall, daß der Epiker

Goethe seine Idylle in Verse goß und für die Totalität des Meisterromans

die Prosa erwählte. In der Welt des Abstandes wird jeder epische Vers

zur Lyrik -- die Verse »Don Juans« und »Onegins« gesellen sich den

großen Humoristen zu --, denn im Vers wird alles Verborgene offenbar,

und der Abstand, den der bedächtige Schritt der Prosa kunstvoll durch

den sich allmählich nähernden Sinn überwindet, tritt nackt, verhöhnt,

mit Füßen getreten oder als vergessener Traum im schnellen Flug der

Verse zutage.

Auch Dantes Verse sind lyrischer als die von Homer, aber doch nicht

lyrisch: sie verdichten und vereinen den Balladenton zur Epopöe. Die

Immanenz des Lebenssinnes ist für Dantes Welt da und gegenwärtig, aber

im Jenseits: sie ist die vollendete Immanenz des Transzendenten. Der

Abstand in der gewöhnlichen Welt des Lebens ist zur Unüberwindbarkeit

gesteigert, aber jenseits dieser Welt findet jeder Verirrte seine auf

ihn von Ewigkeit her wartende Heimat; jeder hier einsam verklingenden

Stimme harrt dort der Chorgesang, der ihren Ton aufnimmt, zur Harmonie

führt und durch sie zur Harmonie wird. Die abstandsvolle Welt liegt weit

ausgebreitet und chaotisch sich ballend unterhalb der strahlenden

Himmelsrose des sinnfällig gewordenen Sinnes und ist in jedem

Augenblicke sichtbar und unverhüllt. Jeder Bewohner der jenseitigen

Heimat stammt aus ihr, jeder ist mit des Schicksals unlösbarer Macht

an sie gebunden, aber jeder erkennt sie und überblickt sie in ihrer

Brüchigkeit und Schwere erst, wenn sein sinnvoll gewordener Weg zu Ende

gelaufen ist; jede Gestalt singt ihr vereinzeltes Schicksal, besingt

die isolierte Begebenheit, in der das ihr Zubestimmte klargeworden ist:

eine Ballade. Und so wie die Totalität des transzendenten Weltaufbaus

für jedes Einzelgeschick das vorbestimmte, sinngebende und umfassende

Apriori ist, so umhüllt das steigende Begreifen dieses Gebäudes, seiner

Struktur und seiner Schönheit -- das große Erlebnis des irrenden Dante

-- alles mit der Einheit seines nunmehr geoffenbarten Sinnes: Die

Erkenntnis Dantes verwandelt das Einzelne zum Baustein des Ganzen, die

Balladen werden zu Gesängen einer Epopöe. Doch nur im Jenseits ist der

Sinn dieser Welt abstandslos sichtbar und immanent geworden. In dieser

Welt ist die Totalität eine brüchige oder ersehnte, und die Verse

Wolframs oder Gottfrieds sind nur lyrischer Schmuck ihrer Romane, und

die Balladenhaftigkeit des Nibelungenliedes kann nur kompositionell

verdeckt, aber nicht zur weltumfassenden Totalität abgerundet werden.

Die Epopöe gestaltet eine von sich aus geschlossene Lebenstotalität,

der Roman sucht gestaltend die verborgene Totalität des Lebens

aufzudecken und aufzubauen. Die gegebene Struktur des Gegenstandes --

das Suchen ist nur der vom Subjekt aus gesehene Ausdruck dafür, daß

sowohl das objektive Lebensganze wie seine Beziehung zu den Subjekten

nichts selbstverständlich Harmonisches an sich hat -- gibt die Gesinnung

zur Gestaltung an: Alle Risse und Abgründe, die die geschichtliche

Situation in sich trägt, müssen in die Gestaltung einbezogen und können

und sollen nicht mit Mitteln der Komposition verdeckt werden. So

objektiviert sich die formbestimmende Grundgesinnung des Romans als

Psychologie der Romanhelden: sie sind Suchende. Die einfache Tatsache

des Suchens zeigt an, daß weder Ziele noch Wege unmittelbar gegeben sein

können, oder daß ihr psychologisch unmittelbares und unerschütterliches

Gegebensein keine evidente Erkenntnis wahrhaft seiender Zusammenhänge

oder ethischer Notwendigkeiten ist, sondern nur eine seelische Tatsache,

der weder in der Welt der Objekte noch in der der Normen etwas

entsprechen muß. Anders ausgedrückt: es kann Verbrechen oder Wahnsinn

sein; und die Grenzen, die das Verbrechen von dem bejahten Heldentum,

den Wahnsinn von der das Leben meisternden Weisheit trennen, sind

gleitende, bloß psychologische Grenzen, wenn das erreichte Ende sich

auch in der schrecklichen Klarheit des offensichtlich gewordenen,

hoffnungslosen Verirrtseins von der gewöhnlichen Wirklichkeit abhebt.

Epopöe und Tragödie kennen in diesem Sinn kein Verbrechen und keinen

Wahnsinn. Das, was vom Alltagsgebrauch der Begriffe Verbrechen genannt

wird, ist für sie entweder überhaupt nicht da, oder ist nichts anderes,

als der symbolisch geknüpfte, sinnlich weithin leuchtende Punkt, wo die

Beziehung der Seele zu ihrem Schicksal, dem Vehikel ihres metaphysischen

Heimatsdranges, sichtbar wird. Die Epopöe ist entweder die reine

Kinderwelt, in der das Übertreten feststehend übernommener Normen

notwendig eine Rache nach sich zieht, die wieder, und so ins Unendliche

fort, gerächt werden muß, oder sie ist die vollendete Theodizee, wo

Verbrechen und Strafe als gleich schwere, einander homogene Gewichte in

der Wage des Weltgerichts liegen. Und in der Tragödie ist das Verbrechen

ein Nichts oder ein Symbol; ein bloßes Element der Handlung, von

technischen Gesetzmäßigkeiten erfordert und bestimmt, oder das

Zerbrechen der wesensdiesseitigen Formen, die Pforte, durch die die

Seele zu sich selbst eintritt. Den Wahnsinn kennt die Epopöe gar nicht,

es wäre denn eine allgemein unverständliche Sprache einer nur so

deutlich werdenden Überwelt; für die unproblematische Tragödie kann er

der symbolische Ausdruck für das Ende sein, gleichwertig dem leiblichen

Tode oder dem lebenden Abgestorbensein der im Wesensfeuer der Selbstheit

verbrannten Seele. Denn Verbrechen und Wahnsinn sind Objektivation

der transzendentalen Heimatlosigkeit; der Heimatlosigkeit einer Tat

in der menschlichen Ordnung der gesellschaftlichen Zusammenhänge und

der Heimatlosigkeit einer Seele in der seinsollenden Ordnung des

überpersönlichen Wertsystems. Jede Form ist die Auflösung einer

Grunddissonanz des Daseins, eine Welt, in der das Widersinnige an seine

richtige Stelle gerückt, als Träger, als notwendige Bedingung des Sinnes

erscheint. Wenn also in einer Form der Gipfel des Widersinnes, das ins

Leere Hinauslaufen tiefer und echter menschlicher Bestrebungen oder die

Möglichkeit einer letzten menschlichen Nichtigkeit, als tragende

Tatsache aufgenommen und das an sich Widersinnige erklärt und zerlegt,

mithin als seiend und unaufhebbar daseiend anerkannt werden muß, dann

können in dieser Form zwar einige Ströme ins Meer der Erfüllung münden,

aber das Verschwundensein der offenbaren Ziele, die entscheidende

Richtungslosigkeit des ganzen Lebens muß dennoch allen Gestalten und

Begebenheiten als Fundament des Aufbaus, als konstituitives Apriori

zugrunde gelegt werden.

Die Theorie des Romans · 第 2 / 10 段