Dieses Anderswerden der transzendentalen Orientierungspunkte

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Georg Lukács

DIE THEORIE DES ROMANS

Ein geschichtsphilosophischer Versuch

über die Formen der großen Epik

1920

Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin

Jeljena Andrejewna Grabenko

zu eigen

Inhalt.

I.

Die Formen der großen Epik in ihrer Beziehung zur

Geschlossenheit oder Problematik der Gesamtkultur.

Seite

=1. Geschlossene Kulturen= 9

Die Struktur des Griechentums. -- Sein geschichtsphilosophischer

Entwicklungsgang. -- Das Christentum.

=2. Das Problem der Geschichtsphilosophie der Formen= 22

Allgemeine Prinzipien. -- Die Tragödie. -- Die epischen Formen.

=3. Epopöe und Roman= 44

Vers und Prosa als Ausdrucksmittel. -- Gegebene und aufgegebene

Totalität. -- Die Welt der objektiven Gebilde. -- Der Heldentypus.

=4. Die innere Form des Romans= 61

Sein abstrakter Grundzug und die Gefahren, die daraus entstehen.

-- Das Prozeßartige seines Wesens. -- Die Ironie als Formprinzip.

-- Die kontingente Struktur der Romanwelt und die biographische

Form. -- Die Darstellbarkeit der Romanwelt und die Mittel ihrer

Darstellung. -- Der innere Umfang des Romans.

=5. Geschichtsphilosophische Bedingtheit und Bedeutung des Romans= 79

Die Gesinnung des Romans. -- Das Dämonische. -- Die

geschichtsphilosophische Stelle des Romans. -- Die Ironie als

Mystik.

II.

Versuch einer Typologie der Romanform.

Seite

=1. Der abstrakte Idealismus= 95

Die beiden Haupttypen. -- Don Quixote. -- Seine Beziehung zur

Ritterepik. -- Die Nachfolge des Don Quixote: a) die Tragödie des

abstrakten Idealismus; b) der moderne humoristische Roman und

seine Problematik. -- Balzac. -- Pontoppidans »Hans im Glück«.

=2. Die Desillusionsromantik= 116

Das Problem der Desillusionsromantik und seine Bedeutung für die

Form des Romans. -- Jacobsens und Gontscharows Lösungsversuche. --

Die »_Education sentimentale_« und das Problem der Zeit im Roman.

-- Rückblick auf das Zeitproblem im Roman des abstrakten

Idealismus.

=3. »Wilhelm Meisters Lehrjahre« als Versuch einer Synthese= 140

Das Problem. -- Die Idee der gesellschaftlichen Gemeinschaft und

die Formen ihrer Gestaltung. -- Die Welt des Erziehungsromans und

die Romantisierung der Wirklichkeit. -- Novalis. -- Goethes

Versuch der Lösung und das Transzendieren des Romans zur Epopöe.

=4. Tolstoj und das Hinausgehen über die gesellschaftlichen Formen

des Lebens= 156

Die gestaltete Polemik gegen die Konvention. -- Tolstojs

Naturbegriff und seine problematischen Folgen für die Form des

Romans. -- Tolstojs doppelte Stellung in der Geschichtsphilosophie

der epischen Formen: Ausblick auf Dostojewsky.

I.

Die Formen der großen Epik in ihrer Beziehung zur Geschlossenheit oder

Problematik der Gesamtkultur

1.

Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der

gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne

erhellt. Alles ist neu für sie und dennoch vertraut, abenteuerlich und

dennoch Besitz. Die Welt ist weit und doch wie das eigene Haus, denn das

Feuer, das in der Seele brennt, ist von derselben Wesensart wie die

Sterne; sie scheiden sich scharf, die Welt und das Ich, das Licht und

das Feuer, und werden doch niemals einander für immer fremd; denn Feuer

ist die Seele eines jeden Lichts und in Licht kleidet sich ein jedes

Feuer. So wird alles Tun der Seele sinnvoll und rund in dieser Zweiheit:

vollendet in dem Sinn und vollendet für die Sinne; rund, weil die Seele

in sich ruht während des Handelns; rund, weil ihre Tat sich von ihr

ablöst und selbstgeworden einen eigenen Mittelpunkt findet und einen

geschlossenen Umkreis um sich zieht. »Philosophie ist eigentlich

Heimweh,« sagt Novalis, »der Trieb überall zu Hause zu sein.« Deshalb

ist Philosophie als Lebensform sowohl wie als das Formbestimmende und

das Inhaltgebende der Dichtung immer ein Symptom des Risses zwischen

Innen und Außen, ein Zeichen der Wesensverschiedenheit von Ich und Welt,

der Inkongruenz von Seele und Tat. Deshalb haben die seligen Zeiten

keine Philosophie, oder, was dasselbe besagt, alle Menschen dieser

Zeiten sind Philosophen, Inhaber des utopischen Zieles jeder

Philosophie. Denn was ist die Aufgabe der wahren Philosophie, wenn nicht

das Aufzeichnen jener urbildlichen Landkarte; was ist das Problem des

transzendentalen Ortes, wenn nicht die Bestimmung des Zugeordnetseins

jeder aus dem tiefsten Innern quellenden Regung zu einer ihr

unbekannten, ihr aber von Ewigkeit her zugemessenen, sie in erlösender

Symbolik einhüllenden Form? Dann ist die Leidenschaft der von der

Vernunft vorherbestimmte Weg zur vollendeten Selbstheit, und aus dem

Wahnsinn sprechen rätselvolle, aber enthüllbare Zeichen einer sonst zum

Stummsein verurteilten transzendenten Macht. Dann gibt es noch keine

Innerlichkeit, denn es gibt noch kein Außen, kein Anderes für die Seele.

Indem diese auf Abenteuer ausgeht und sie besteht, ist ihr die wirkliche

Qual des Suchens und die wirkliche Gefahr des Findens unbekannt: sich

selbst setzt diese Seele nie aufs Spiel; sie weiß noch nicht, daß sie

sich verlieren kann und denkt nie daran, daß sie sich suchen muß. Es ist

das Weltzeitalter des Epos. Nicht Leidlosigkeit oder Gesichertheit des

Seins kleiden hier Menschen und Taten in fröhlich-strenge Umrisse (das

Sinnlose und Trauervolle des Weltgeschehens ist nicht gewachsen seit

Beginn der Zeiten, nur die Trostgesänge klingen heller oder gedämpfter),

sondern diese Angemessenheit der Taten an die inneren Anforderungen der

Seele: an Größe, an Entfaltung, an Ganzheit. Wenn die Seele noch keinen

Abgrund in sich kennt, der sie zum Absturz locken oder auf wegelose

Höhen treiben könnte, wenn die Gottheit, die die Welt verwaltet und die

unbekannten und ungerechten Gaben des Geschickes austeilt, unverstanden

aber bekannt und nahe den Menschen gegenübersteht, wie der Vater dem

kleinen Kinde, dann ist jede Tat nur ein gutsitzendes Gewand der Seele.

Sein und Schicksal, Abenteuer und Vollendung, Leben und Wesen sind dann

identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Antwort das

Epos entsteht, ist: wie kann das Leben wesenhaft werden? Und das

Unnahbare und Unerreichbare Homers -- und streng genommen sind nur seine

Gedichte Epen -- stammt daher, daß er die Antwort gefunden hat, bevor

der Gang des Geistes in der Geschichte die Frage laut werden ließ.

Wenn man will, so kann man hier dem Geheimnis des Griechentums

entgegengehen: seiner von uns aus undenkbaren Vollendung und seiner

unüberbrückbaren Fremdheit zu uns: der Grieche kennt nur Antworten, aber

keine Fragen, nur Lösungen (wenn auch rätselvolle), aber keine Rätsel,

nur Formen, aber kein Chaos. Er zieht den gestaltenden Kreis der Formen

noch diesseits der Paradoxie, und alles, was seit dem Aktuellwerden

der Paradoxie zur Flachheit führen müßte, führt ihn zur Vollendung. Man

vermischt, wenn von den Griechen die Rede ist, immer Geschichtsphilosophie

und Ästhetik, Psychologie und Metaphysik und dichtet ihren Formen eine

Beziehung zu unserem Weltalter zu. Schöne Seelen suchen die eigenen,

flüchtig vorbeihuschenden, nie erfaßbaren höchsten Augenblicke einer

erträumten Ruhe hinter diesen schweigsamen, für immer verstummten

Masken, vergessend, daß der Wert dieser Augenblicke ihre Flüchtigkeit

ist, daß das, wovor sie zu den Griechen flüchten, ihre eigene Tiefe und

Größe ist. Tiefere Geister, die ihr entströmendes Blut zu purpurnem

Stahl zu erstarren und zum Panzer zu schmieden versuchen, damit ihre

Wunden ewig verborgen bleiben und ihre Gebärde des Heldentums zum

Paradigma des kommenden, wirklichen Heldentums werde, damit es das neue

Heldentum auferwecke, vergleichen die Brüchigkeit ihrer Formung mit der

griechischen Harmonie und die eigenen Leiden, aus denen ihre Formen

entsprossen sind, mit erträumten Qualen, die griechische Reinheit

zur Bändigung brauchten. Sie wollen -- die Vollendung der Form in

eigensinnig solipsistischer Weise als Funktion des inneren Zerstörtseins

fassend -- aus den Gebilden der Griechen die Stimme einer Qual

vernehmen, die um so viel an Intensität die ihre übertrifft, wie die

griechische Kunst das, was sie gestalten. Es handelt sich aber hier

um eine vollkommene Umwandlung der transzendentalen Topographie des

Geistes, die in ihrem Wesen und ihren Folgen wohl beschrieben, in ihrer

metaphysischen Bedeutsamkeit wohl ausgelegt und begriffen werden kann,

für die es jedoch immer unmöglich sein wird, eine wenn auch noch so

einfühlende oder bloß begreifende Psychologie zu finden. Denn jedes

psychologische Begreifen setzt bereits einen bestimmten Stand der

transzendentalen Orte voraus und funktioniert nur innerhalb deren

Bereich. Statt das Griechentum in dieser Weise verstehen zu wollen,

also letzten Endes unbewußt zu fragen: wie könnten wir diese Formen

hervorbringen? oder: wie würden wir uns verhalten, wenn wir diese Formen

hätten? wäre es fruchtbarer, nach der, von uns wesensverschiedenen,

transzendentalen Topographie des griechischen Geistes, die diese Formen

möglich und auch notwendig gemacht hat, zu fragen.

Wir sagten: der Grieche hat seine Antworten früher als seine

Fragen. Auch dies ist nicht psychologisch, sondern (höchstens)

transzendentalpsychologisch zu verstehen. Es bedeutet, daß in dem

letzten Strukturverhältnis, das alle Erlebnisse und Gestaltungen

bedingt, keine qualitativen, mithin unaufhebbaren und bloß durch

den Sprung überwindbaren Unterschiede der transzendentalen Orte

untereinander und zu dem a priori zugeordneten Subjekte gegeben sind;

daß der Aufstieg zum Höchsten und der Abstieg zum Sinnlosesten auf Wegen

der Adäquation, also schlimmstenfalls durch einen graduell abgemessenen,

übergangreichen Stufengang vollzogen wird. Das Verhalten des Geistes in

dieser Heimat ist deshalb das passiv-visionäre Hinnehmen eines fertig

daseienden Sinnes. Die Welt des Sinnes ist greifbar und übersichtlich,

es kommt nur darauf an, in ihr den Einem zubestimmten Ort zu finden. Das

Irren kann hier nur ein Zuviel oder ein Zuwenig sein, nur ein Mangel an

Maß oder Einsicht. Denn Wissen ist nur ein Aufheben trübender Schleier,

Schaffen ein Abzeichen sichtbar-ewiger Wesenheiten, Tugend eine

vollendete Kenntnis der Wege; und das Sinnesfremde stammt nur aus der

allzu großen Ferne vom Sinn. Es ist eine homogene Welt, und auch die

Trennung von Mensch und Welt, von Ich und Du vermag ihre Einstoffigkeit

nicht zu stören. Wie jedes andere Glied dieser Rhythmik, steht die Seele

inmitten der Welt; die Grenze, die ihre Umrisse erschafft, ist im Wesen

von den Konturen der Dinge nicht unterschieden: sie zieht scharfe und

sichere Linien, trennt aber doch nur relativ; trennt nur in bezug auf

und für ein in sich homogenes System des adäquaten Gleichgewichts. Denn

nicht einsam steht der Mensch, als alleiniger Träger der Substantialität,

inmitten reflexiver Formungen: seine Beziehungen zu den anderen und

die Gebilde, die daraus entstehen, sind geradezu substanzvoll, wie

er selbst, ja wahrhafter von Substanz erfüllt, weil allgemeiner,

»philosophischer«, der urbildlichen Heimat näher und verwandter: Liebe,

Familie, Staat. Das Sollen ist für ihn nur eine pädagogische Frage,

ein Ausdruck für das Noch-nicht-heimgekehrt-sein, es drückt noch nicht

die einzige und unaufhebbare Beziehung zur Substanz aus. Und auch im

Menschen selbst ist kein Zwang zum Sprung: er ist befleckt von der

Substanzferne der Materie, er soll rein werden in der Substanznähe des

stofflosen Emporschwebens; es liegt ein weiter Weg vor ihm, aber kein

Abgrund in ihm.

Solche Grenzen schließen notwendigerweise eine abgerundete Welt ein.

Wenn auch jenseits des Kreises, den die Sternenbilder des gegenwärtigen

Sinnes um das erlebbare und zu formende Kosmos ziehen, drohende und

unverständliche Mächte fühlbar werden, die Gegenwart des Sinnes vermögen

sie doch nicht zu verdrängen; sie können das Leben vernichten, aber

niemals das Sein verwirren; sie können schwarze Schatten auf die geformte

Welt werfen, aber auch diese werden von den Formen, als schärfer betonende

Kontraste, einbezogen. Der Kreis, in dem die Griechen metaphysisch leben,

ist kleiner als der unsrige: darum können wir uns niemals in ihn lebendig

hineinversetzen; besser gesagt: der Kreis, dessen Geschlossenheit die

transzendentale Wesensart ihres Lebens ausmacht, ist für uns gesprengt;

wir können in einer geschlossenen Welt nicht mehr atmen. Wir haben die

Produktivität des Geistes erfunden: darum haben die Urbilder für uns

ihre gegenständliche Selbstverständlichkeit unwiederbringlich verloren

und unser Denken geht einen unendlichen Weg der niemals voll geleisteten

Annäherung. Wir haben das Gestalten erfunden: darum fehlt allem, was

unsere Hände müde und verzweifelt fahren lassen, immer die letzte

Vollendung. Wir haben in uns die allein wahre Substanz gefunden: darum

mußten wir zwischen Erkennen und Tun, zwischen Seele und Gebilde,

zwischen Ich und Welt unüberbrückbare Abgründe legen und jede

Substantialität jenseits des Abgrunds in Reflexivität zerflattern

lassen; darum mußte unser Wesen für uns zum Postulat werden und zwischen

uns und uns selbst einen noch tieferen und gefahrdrohenderen Abgrund

legen. Unsere Welt ist unendlich groß geworden und in jedem Winkel

reicher an Geschenken und Gefahren als die griechische, aber dieser

Reichtum hebt den tragenden und positiven Sinn ihres Lebens auf: die

Totalität. Denn Totalität als formendes Prius jeder Einzelerscheinung

bedeutet, daß etwas Geschlossenes vollendet sein kann; vollendet, weil

alles in ihm vorkommt, nichts ausgeschlossen wird und nichts auf ein

höheres Außen hinweist; vollendet, weil alles in ihm zur eigenen

Vollkommenheit reift und sich erreichend sich der Bindung fügt.

Totalität des Seins ist nur möglich, wo alles schon homogen ist, bevor

es von den Formen umfaßt wird; wo die Formen kein Zwang sind, sondern

nur das Bewußtwerden, nur das Auf-die-Oberfläche-Treten von allem, was

im Inneren des zu Formenden als unklare Sehnsucht geschlummert hat; wo

das Wissen die Tugend ist und die Tugend das Glück, wo die Schönheit

den Weltsinn sichtbar macht.

Das ist die Welt der griechischen Philosophie. Aber dieses Denken

entstand, als die Substanz bereits zu verblassen begann. Wenn es,

eigentlich gesprochen keine griechische Ästhetik gibt, weil die

Metaphysik alles Ästhetische vorweggenommen hat, so gibt es für

Griechenland auch keinen eigentlichen Gegensatz von Geschichte und

Geschichtsphilosophie: die Griechen durchlaufen in der Geschichte selbst

alle Stadien, die den großen Formen _a priori_ entsprechen; ihre

Kunstgeschichte ist eine metaphysisch-genetische Ästhetik, ihre

Kulturentwicklung eine Philosophie der Geschichte. In diesem Gang

vollzieht sich das Entweichen der Substanz von der absoluten

Lebensimmanenz Homers bis zur absoluten, aber greifbaren und

ergreifbaren Transzendenz Platons; und seine sich klar und scharf

voneinander abhebenden Stadien (hier kennt das Griechentum keine

Übergänge), in denen sich sein Sinn wie in ewigen Hieroglyphen

niedergelegt hat, sind die großen, die zeitlos paradigmatischen Formen

des Weltgestaltens: Epos, Tragödie und Philosophie. Die Welt des Epos

beantwortet die Frage: wie kann das Leben wesenhaft werden? Aber zur

Frage gereift ist die Antwort erst, wenn die Substanz schon aus weiterer

Ferne lockt. Erst wenn die Tragödie die Frage: wie kann das Wesen

lebendig werden? gestaltend beantwortet hat, ist es bewußt geworden,

daß das Leben, so wie es ist (und jedes Sollen hebt das Leben auf), die

Immanenz des Wesens verloren hat. Im formenden Schicksal und im Helden,

der sich schaffend sich findet, erwacht das reine Wesen zum Leben, das

bloße Leben versinkt zum Nichtsein vor der allein wahren Wirklichkeit

des Wesens; es ist eine Seinshöhe jenseits des Lebens voll reich

blühender Fülle erreicht worden, der gegenüber das gewöhnliche Leben

nicht einmal als Gegensatz gebraucht werden kann. Auch diese Existenz

des Wesens ist nicht aus dem Bedürfnis, aus dem Problem geboren: die

Geburt der Pallas ist das Prototypon für die Entstehung griechischer

Formen. So wie die sich ins Leben entladende, lebengebärende

Wirklichkeit des Wesens den Verlust seiner reinen Lebensimmanenz verrät,

so wird dieser problematische Untergrund der Tragödie erst in der

Philosophie sichtbar und zum Problem: erst wenn das ganz lebensfern

gewordene Wesen zur absolut alleinigen, transzendenten Wirklichkeit

geworden ist, wenn auch das Schicksal der Tragödie als rohe und sinnlose

Willkür der Empirie und des Helden Leidenschaft als Erdgebundenheit,

seine Selbstvollendung als Beschränktheit des zufälligen Subjekts durch

die gestaltende Tat der Philosophie enthüllt ist, erscheint die Antwort

auf das Sein, das die Tragödie gibt, nicht mehr als blos gewachsene

Selbstverständlichkeit, sondern als Wunder, als schlanke und

festgeschwungene Regenbogenbrücke über bodenlose Tiefen. Der Held der

Tragödie löst den lebenden Menschen Homers ab und erklärt und verklärt

ihn gerade dadurch, daß er seine erlöschende Fackel von ihm abnimmt und

zum neuen Leuchten entzündet. Und der neue Mensch Platons, der Weise,

mit seiner handelnden Erkenntnis und seinem wesenschaffenden Schauen,

entlarvt nicht bloß den Helden, sondern durchleuchtet die dunkle Gefahr,

die er besiegt hat und verklärt ihn, indem er ihn überwindet. Aber der

Weise ist der letzte Menschentypus und seine Welt die letzte

paradigmatische Lebensgestaltung, die dem griechischen Geist gegeben

war. Das Klarwerden der Fragen, die Platons Vision bedingen und tragen,

hat keine neuen Früchte mehr gezeitigt: die Welt ist griechisch geworden

in der Folge der Zeiten, aber der griechische Geist, in diesem Sinne,

immer ungriechischer; er hat unvergängliche neue Probleme (und auch

Lösungen), doch das eigenst Griechische des /topos noêtos/ ist für

immer versunken. Und das Losungswort des kommenden, neu schicksalhaften

Geistes ist: den Griechen eine Torheit.

Wahrlich eine Torheit für den Griechen! Kants Sternenhimmel glänzt nur

mehr in der dunklen Nacht der reinen Erkenntnis und erhellt keinem der

einsamen Wanderer -- und in der neuen Welt heißt Mensch-sein: einsam

sein -- mehr die Pfade. Und das innere Licht gibt nur dem nächsten

Schritt die Evidenz der Sicherheit oder -- ihren Schein. Von innen

strahlt kein Licht mehr in die Welt der Geschehnisse und in ihre

seelenfremde Verschlungenheit. Und ob die Angemessenheit der Tat an das

Wesen des Subjektes, der einzige Wegweiser, der übrig blieb, wirklich

das Wesen trifft, wer kann es wissen, wenn das Subjekt für sich selbst

zur Erscheinung, zum Objekt geworden ist; wenn seine innerste und

eigenste Wesenheit nur als unendliche Forderung auf einem imaginären

Himmel des Seinsollenden ihm entgegengestellt ist; wenn sie aus einem

unermeßlichen Abgrund, der im Subjekt selbst liegt, heraustreten muß,

wenn nur das aus dieser tiefsten Tiefe Emporsteigende das Wesen ist und

niemand jemals ihren Grund zu betreten und zu erschauen vermag? Die

visionäre Wirklichkeit der uns angemessenen Welt, die Kunst, ist damit

selbständig geworden: sie ist kein Abbild mehr, denn alle Vorbilder sind

versunken; sie ist eine erschaffene Totalität, denn die naturhafte

Einheit der metaphysischen Sphären ist für immer zerrissen.

Es soll und kann hier keine Geschichtsphilosophie über die Verwandlung

im Aufbau der transzendentalen Orte gegeben werden. Ob hier unser

Weitergehen (als Steigen oder als Sinken: gleichviel) der Grund des

Wechsels ist, oder ob die Götter Griechenlands von anderen Mächten

vertrieben wurden: nicht hier ist der Ort darüber zu sprechen. Und nicht

einmal andeutend soll der ganze Weg, der zu unserer Wirklichkeit führt,

aufgezeichnet werden: die verführerische Kraft, die noch im toten

Griechentum lag, dessen luciferisch blendender Glanz die unheilbaren

Risse der Welt immer wieder vergessen und neue, aber dem neuen Wesen der

Welt widersprechende und darum immer wieder zerfallende, Einheiten

erträumen ließ. So ward aus der Kirche eine neue Polis; aus der

paradoxen Verbundenheit der in unrettbarer Sünde verlorenen Seele mit

der absurden, aber gewissen Erlösung ein beinahe platonisches

Hineinleuchten des Himmels in die irdische Wirklichkeit; aus dem Sprung

die Stufenleiter der irdischen und himmlischen Hierarchien. Und bei

Giotto und Dante, bei Wolfram und Pisano, bei Thomas und Franciscus

wurde die Welt wieder rund, übersichtlich und zur Totalität: der Abgrund

verlor die Gefahr der tatsächlichen Tiefe, aber sein ganzes Dunkel ward,

ohne an schwarzleuchtender Kraft etwas einzubüßen, zur reinen Oberfläche

und fügte sich so in eine abgeschlossene Einheit der Farben zwanglos

ein; der Schrei nach Erlösung ward zur Dissonanz im vollendeten

rhythmischen System der Welt und machte ein neues, aber nicht minder

farbiges und vollendetes Gleichgewicht möglich als das griechische: das

der inadäquaten, der heterogenen Intensitäten. Das Unbegreifbare und

ewig Unerreichbare der erlösten Welt ward so nahe gebracht: bis zur

sichtbaren Ferne. Das jüngste Gericht ward gegenwärtig und ein Glied

bloß der bereits als geleistet gedachten Harmonie der Sphären; seine

wahre Wesenheit, die die Welt zur philoktetischen Wunde, deren Heilung

dem Parakleten vorbehalten ist, verwandelt, mußte vergessen werden. Es

ist ein neues, paradoxes Griechentum entstanden: die Ästhetik ist wieder

zur Metaphysik geworden.

Zum ersten, aber auch zum letzten Male. Nachdem diese Einheit zerfallen

ist, gibt es keine spontane Seinstotalität mehr. Die Quellen, deren

Gewässer die alte Einheit auseinandergerissen haben, sind zwar versiegt,

aber die hoffnungslos ausgetrockneten Strombetten haben das Antlitz der

Welt für immer zerklüftet. Jede Auferstehung des Griechentums ist

nunmehr eine mehr oder weniger bewußte Hypostasis der Ästhetik zur

alleinigen Metaphysik; ein Vergewaltigen und ein Vernichtenwollen der

Wesenheit von allem, was außerhalb des Bereichs der Kunst liegt, ein

Versuch zu vergessen, daß die Kunst nur eine Sphäre von vielen ist, daß

sie das Auseinanderfallen und das Nichtausreichen der Welt zur

Voraussetzung ihrer Existenz und ihres Bewußtwerdens hat. Diese

Überspannung der Substantialität der Kunst muß aber auch ihre Formen

belasten und überladen: sie müssen alles selbst hervorbringen, was sonst

einfach hingenommene Gegebenheit war; sie müssen also, bevor ihre

eigentliche, apriorische Wirksamkeit beginnen könnte, deren Bedingungen,

den Gegenstand und seine Umwelt, aus eigener Kraft herbeischaffen. Eine

nur hinzunehmende Totalität ist für die Formen nicht mehr gegeben: darum

müssen sie das zu Gestaltende entweder so weit verengen und

verflüchtigen, daß es von ihnen getragen werden kann, oder es entsteht

für sie der Zwang, die Unrealisierbarkeit ihres notwendigen Gegenstandes

und die innere Nichtigkeit des einzig möglichen polemisch darzutun und

so die Brüchigkeit des Weltaufbaus dennoch in die Formenwelt

hineinzutragen.

2.

Dieses Anderswerden der transzendentalen Orientierungspunkte unterwirft

die Kunstformen einer geschichtsphilosophischen Dialektik, die aber je

nach der apriorischen Heimat der einzelnen Gattungen für jede Form

anders ausfallen muß. Es kann geschehen, daß die Umwandlung nur den

Gegenstand und die Bedingungen seines Gestaltens trifft und die letzte

Beziehung der Form auf ihre transzendentale Existenzberechtigung

unberührt läßt; dann entstehen bloß Formveränderungen, die zwar in allen

technischen Einzelheiten auseinandergehen, das Urprinzip des Gestaltens

jedoch nicht umstoßen. Es ist aber möglich, daß der Wechsel sich gerade

im alles bestimmenden _principium stilisationis_ der Gattung vollzieht

und dadurch notwendig macht, daß demselben Kunstwollen --

geschichtsphilosophisch bedingt -- verschiedene Kunstformen entsprechen.

Dies ist kein gattungschaffender Wandel der Gesinnung; solche sind schon

in der griechischen Entwicklung sichtbar geworden, wenn etwa das

Problematischwerden von Held und Schicksal das untragische Drama von

Euripides ins Leben rief. Da herrscht ein völliges Entsprechen zwischen

der apriorischen Bedürftigkeit und dem metaphysischen Leiden des

Subjektes, die zum Schaffen treiben und zwischen dem prästabilierten,

ewigen Ort der Form, auf den die vollendete Gestaltung auftrifft. Das

gattungsschaffende Prinzip aber, das hier gemeint ist, fordert keinen

Wandel der Gesinnung; es nötigt vielmehr dieselbe Gesinnung, sich auf

ein neues, vom alten wesensverschiedenes Ziel zu richten. Es bedeutet,

daß auch die alte Parallelität der transzendentalen Struktur im

gestaltenden Subjekt und in der herausgesetzten Welt der geleisteten

Formen zerrissen ist, daß die letzten Grundlagen des Gestaltens

heimatlos geworden sind.

Die deutsche Romantik hat den Begriff des Romans, wenn auch nicht

immer bis ins letzte geklärt, mit dem des Romantischen in enge

Beziehungen gebracht. Mit großem Recht, denn die Form des Romans ist,

wie keine andere, ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit.

Das Zusammenfallen von Geschichte und Geschichtsphilosophie hatte für

Griechenland die Folge, daß jede Kunstart erst dann geboren ward, wenn

auf der Sonnenuhr des Geistes abzulesen war, daß gerade ihre Stunde

gekommen ist und jede mußte verschwinden, wenn die Urbilder ihres Seins

nicht mehr am Horizonte standen. Für die nachgriechische Zeit ist

diese philosophische Periodizität verloren. In einer unentwirrbaren

Verschlungenheit kreuzen sich hier die Gattungen als Zeichen des echten

und des unechten Suchens nach dem nicht mehr klar und eindeutig

gegebenen Ziele; ihre Summe ergibt bloß eine geschichtliche Totalität

der Empirie, wo man für die einzelnen Formen wohl nach empirischen

(soziologischen) Bedingungen ihrer Entstehungsmöglichkeit suchen mag und

sie eventuell auch finden kann, wo aber der geschichtsphilosophische

Sinn der Periodizität sich niemals mehr auf die symbolisch gewordenen

Gattungen konzentriert und auch aus den Gesamtheiten der Zeitalter mehr

entziffert und herausgedeutet als in ihnen selbst aufgefunden werden

kann. Während aber bei dem kleinsten Erbeben der transzendentalen

Bezogenheiten die Lebensimmanenz des Sinnes unrettbar versinken muß,

vermag das lebensferne und lebensfremde Wesen sich mit der eigenen

Existenz in solcher Weise zu krönen, daß diese Weihe selbst bei größeren

Erschütterungen nur verblassen, aber niemals ganz verflattern wird.

Darum hat sich die Tragödie, wenn auch verwandelt, so doch in ihrer

Essenz unberührt in unsere Zeit herübergerettet, während die Epopöe

verschwinden und einer ganz neuen Form, dem Roman, weichen mußte.

Freilich die vollkommene Wandlung des Lebensbegriffes und seiner

Beziehung zum Wesen hat auch die Tragödie verändert. Etwas anderes

ist es, wenn die Lebensimmanenz des Sinnes mit katastrophaler Klarheit

verschwindet und eine durch nichts verworrene, reine Welt dem Wesen

überläßt, als wenn diese Immanenz wie durch allmähliges Verzaubertwerden

aus dem Kosmos verbannt wird; wenn die Sehnsucht nach ihrem

Wiedererscheinen ungestillt und niemals in zweifelsfreier

Hoffnungslosigkeit lebendig bleibt; wenn man das Verlorene in jeder

jetzt so ungefügen und wirren Erscheinung, des Lösungswortes harrend,

vermuten muß; wenn das Wesen deshalb keine tragische Bühne aus den

gefällten Stämmen des Lebenswaldes aufschlagen kann, sondern entweder

in dem Brande aller toten Überreste eines verfallenen Lebens zum kurzen

Flammendasein erwachen oder diesem ganzen Chaos schroff ablehnend

den Rücken kehren und in eine abstrakte Sphäre der ganz reinen

Wesenhaftigkeit flüchten muß. Es ist die Beziehung des Wesens zu dem an

sich außerdramatischen Leben, die die Stilzweiheit der neueren Tragödie,

deren Pole Shakespeare und Alfieri bezeichnen, notwendig macht. Die

griechische Tragödie stand jenseits des Dilemmas von Lebensnähe oder

Abstraktion, weil für sie die Fülle keine Frage der Annäherung an das

Leben, die Transparenz des Dialogs keine Aufhebung seiner Unmittelbarkeit

war. Aus welchen geschichtlichen Zufällen oder Notwendigkeiten der Chor

auch entstanden sein mag, sein künstlerischer Sinn ist: das Wesen, in

einem Jenseits von jedwedem Leben, zur Lebendigkeit und Fülle zu führen.

Er konnte deshalb einen Hintergrund abgeben, der geradeso nur die

Funktion des Abschließens erfüllt wie die marmorne Atmosphäre zwischen

den Reliefgestalten, der aber dennoch voll von Bewegung ist und sich

sämtlichen scheinbaren Schwankungen einer nicht aus abstraktem Schema

geborenen Handlung anschmiegen, sie in sich aufnehmen und aus eigenem

bereichert dem Drama zurückgeben kann. Er kann den lyrischen Sinn des

ganzen Dramas in weiten Worten ertönen lassen, er kann, ohne in sich zu

zerfallen, sowohl die niederen, der tragischen Widerlegung bedürftigen

Stimmen der kreatürlichen Vernunft, wie die der hohen Übervernünftigkeit

des Schicksals in sich vereinen. Sprecher und Chor sind in der

griechischen Tragödie aus demselben Wesensgrunde entstiegen, sie sind

einander völlig homogen und können deshalb, ohne den Bau zu zerreißen,

gänzlich getrennte Funktionen erfüllen; im Chor kann sich die ganze

Lyrik der Situation und des Schicksals stauen und den Spielern die

alles aussagenden Worte und die alles umfassenden Gebärden der nackt

gewordenen tragischen Dialektik überlassen; und sie werden doch niemals

anders als durch sanfte Übergänge voneinander geschieden sein. Für

keines von beiden ist die Gefahr einer die dramatische Form sprengender

Lebensnähe auch nur als ferne Möglichkeit eigen: darum können sich beide

zur unschematischen, aber apriorisch vorgezeichneten Fülle ausbreiten.

Aus dem neueren Drama ist das Leben nicht organisch verschwunden, es

kann höchstens aus ihm verbannt werden. Aber die Verbannung, die die

Klassizisten vollziehen, bedeutet das Anerkennen nicht nur des Seins,

sondern auch der Macht des Verbannten: er ist in jedem Wort und jeder

Gebärde, die in angstvoller Selbstüberspannung sich überbieten, um sich

von ihm in unbefleckter Ferne zu halten, gegenwärtig; er ist es, der die

kahle und berechnete Strenge des aus abstrakter Apriorität erzeugten

Aufbaus unsichtbar und ironisch leitet: verengt oder verwirrt,

überdeutlich oder abstrus macht. Die andere Tragödie verzehrt das Leben.

Sie stellt ihre Helden als lebendige Menschen, inmitten einer bloß

lebenhaften Masse auf die Szene und aus der Verworrenheit einer von

Lebensschwere beladenen Handlung soll das klare Schicksal allmählich

erglühen; soll durch sein Feuer alles bloß Menschliche zu Asche

verbrennen, auf daß das nichtige Leben der bloßen Menschen in

Nichtigkeit zerfalle, die Affekte der Heldenhaften aber zu tragischen

Leidenschaften erbrennen und diese zu schlackenlosen Helden umschmelzen.

Damit ist das Heldentum polemisch und problematisch geworden: Heldsein

ist nicht mehr die naturhafte Existenzform der Wesenssphäre, sondern ein

Sicherheben über das bloß menschliche sowohl der Masse, wie der eigenen

Instinkte. Das hierarchische Problem von Leben und Wesen, das für

das griechische Drama ein formendes Apriori war und deshalb nie als

Gegenstand zur Gestalt ward, wird so in den tragischen Prozeß selbst

hineingezogen; es zerreißt das Drama in einander völlig heterogene

Hälften, die nur durch ihr gegenseitiges Negieren und Sichausschließen

miteinander verbunden sind: also polemisch und -- die Grundlagen gerade

dieses Dramas störend -- intellektualistisch. Und die Breite des

Fundamentes, das so aufgezwungen ist, und die Weite des Weges, den der

Held in seiner eigenen Seele zurücklegen muß, bis er sich als Helden

findet, widerstreiten der formgeforderten Schlankheit des dramatischen

Aufbaus, nähern es den epischen Formen an; geradeso wie der polemische

Akzent des Heldentums (auch in der abstrakten Tragödie) eine

Überwucherung von rein lyrischer Lyrik zur notwendigen Folge hat.

Diese Lyrik hat aber noch eine andere Quelle, die ebenfalls aus der

verschobenen Beziehung von Wesen und Leben entspringt. Für die Griechen

hat das Versinken des Lebens als Sinnesträger die Nähe und die

Verwandtschaft der Menschen untereinander nur in eine andere Atmosphäre

übertragen, aber nicht vernichtet: jede Gestalt, die hier vorkommt, ist

dennoch in gleicher Entfernung vom Allerhalter, vom Wesen, ist also

jeder anderen in ihren tiefsten Wurzeln verwandt; alle verstehen

einander, denn alle sprechen die gleiche Sprache, alle vertrauen

einander, wenn auch als Todfeinde, denn alle streben in gleicher Weise

dem gleichen Zentrum zu und bewegen sich auf der gleichen Höhe einer

innerlich wesensgleichen Existenz. Wenn aber das Wesen, wie im neueren

Drama, nur nach hierarchischem Wettkampf mit dem Leben sich offenbaren

und zu behaupten vermag, wenn jede Gestalt diesen Wettstreit als

Voraussetzung ihrer Existenz oder als bewegendes Element ihres Daseins

in sich trägt, dann muß jede der _dramatis personae_ mit nur ihr eigenem

Faden an ihr gebärendes Schicksal gebunden sein; dann muß jede aus der

Einsamkeit stammen und in unaufhebbarer Einsamkeit inmitten der anderen

Einsamen dem letzten tragischen Alleinsein zueilen; darin muß jedes

tragische Wort unverstanden verklingen und keine tragische Tat wird eine

adäquat aufnehmende Resonanz finden können. Die Einsamkeit ist aber etwas

Paradox-Dramatisches: sie ist die eigentliche Essenz des Tragischen, denn

die im Schicksal selbstgewordene Seele kann Sternenbrüder haben, aber

keinen Gefährten. Die dramatische Äußerungsform jedoch -- der Dialog --

setzt eine hohe Gemeinsamkeit dieser Einsamen voraus, um mehrstimmig,

um wirklich dialogisch, dramatisch zu bleiben. Die Sprache des absolut

Einsamen ist lyrisch, ist monologisch, im Zwiegespräch tritt das

Inkognito seiner Seele zu stark zutage und überflutet und belastet

die Eindeutigkeit und die Schärfe von Rede und Widerrede. Und diese

Einsamkeit ist tiefer als die von der tragischen Form, der Beziehung zum

Schicksal, erforderte (in der ja auch die griechischen Helden gelebt

haben): sie muß sich selbst zum Problem werden und das tragische Problem

vertiefend und verwirrend an seine Stelle treten. Diese Einsamkeit ist

nicht bloß der Rausch der vom Schicksal erfaßten, zum Gesang gewordenen

Seele, sie ist zugleich die Qual der zum Alleinsein verdammten, sich

nach Gemeinschaft verzehrenden Kreatur. Diese Einsamkeit entläßt

aus sich neue tragische Probleme, das eigentliche Problem der neuen

Tragödie: das Vertrauen. Die in Leben gehüllte, aber wesenserfüllte

Seele des neuen Helden wird niemals begreifen können, daß unter dem

gleichen Mantel des Lebens nicht auch die gleiche Wesenhaftigkeit wohnen

muß; sie weiß von einer Gleichheit aller, die sich gefunden haben und

kann nicht begreifen, daß dies ihr Wissen nicht aus dieser Welt stammt,

daß die innere Zweifelsfreiheit dieses Wissens keine Gewähr dafür bieten

kann, daß es für dieses Leben konstitutiv sei; sie weiß von der Idee

ihres Selbst, die, sie bewegend, in ihr lebendig ist, sie muß daher

daran glauben, daß das Menschengewühl des Lebens, das sie umgibt, nur

ein verwirrter Fastnachtsscherz ist, in dem, bei dem ersten Wort aus dem

Wesen, die Masken fallen und unbekannte Brüder einander umarmen müssen.

Sie weiß es und sucht es und findet sich selbst, allein, im Schicksal. Und

in ihre Ekstase des Sich-gefunden-habens mischt sich anklagend-elegisch

die Trauer des Weges, der hierher geführt hat: die Enttäuschung über

das Leben, das nicht einmal eine Karikatur dessen war, was ihre

Schicksalsweisheit so hellseherisch klar verkündet hat, dessen Glaube

ihr die Kraft gab, den Weg im Dunkeln allein zu gehen. Diese Einsamkeit

ist nicht nur dramatisch, sondern auch psychologisch, denn sie ist nicht

allein die Apriorität aller _dramatis personae_, sondern zugleich das

Erleben des zum Helden werdenden Menschen; und wenn die Psychologie im

Drama nicht unverarbeiteter Rohstoff bleiben soll, so kann sie sich nur

als Seelenlyrik äußern.

Die große Epik gestaltet die extensive Totalität des Lebens, das Drama

die intensive Totalität der Wesenhaftigkeit. Darum kann das Drama, wenn

das Sein die sich spontan abrundende und sinnlich gegenwärtige Totalität

verloren hat, in seiner Formapriorität dennoch eine vielleicht

problematische, aber trotzdem alles enthaltende und in sich abschließende

Welt finden. Für die große Epik ist dies unmöglich. Für sie ist die

jeweilige Gegebenheit der Welt ein letztes Prinzip, sie ist in ihrem

entscheidenden und alles bestimmenden transzendentalen Grunde empirisch;

sie kann das Leben manchmal beschleunigen, kann Verstecktes oder

Verkümmertes zu einem ihm immanenten utopischen Ende führen, aber Weite

und Tiefe, Abrundung und Versinnlichung, Reichtum und Geordnetsein des

geschichtlich gegebenen Lebens wird sie niemals aus der Form heraus

überwinden können. Jeder Versuch einer wahrhaft utopischen Epik wird

scheitern müssen, denn sie muß subjektiv oder objektiv über die Empirie

hinausgehen und deshalb ins Lyrische oder Dramatische transzendieren.

Und diese Transzendenz kann für die Epik niemals fruchtbar werden. Es

hat vielleicht Zeiten gegeben -- vereinzelte Märchen bewahren Fragmente

dieser verschollenen Welten -- wo das jetzt nur utopisch Erlangbare

in visionärer Sichtbarkeit gegenwärtig war; und Epiker solcher Zeiten

hatten die Empirie nicht verlassen müssen, um die transzendente

Wirklichkeit als allein seiende darzustellen; ja, sie konnten einfache

Erzähler von Begebenheiten sein, so wie die Schöpfer der beflügelten

assyrischen Urwesen sich gewiß -- und mit Recht -- für Naturalisten

hielten. Doch schon für Homer ist das Transzendente unlösbar in das

irdische Dasein verwoben, und seine Unnachahmlichkeit beruht gerade

auf dem restlosen Gelingen dieses Immanentwerdens.

Diese unzerreißbare Gebundenheit an das Dasein und das Sosein der

Wirklichkeit, die entscheidende Grenze zwischen Epik und Dramatik, ist

eine notwendige Folge des Gegenstandes der Epik: des Lebens. Während der

Begriff des Wesens schon durch sein einfaches Setzen zur Transzendenz

führt, sich aber dort zu einem neuen höheren Sein kristallisiert

und so durch seine Form ein sollendes Sein ausdrückt, das in seiner

formgeborenen Realität von den inhaltlichen Gegebenheiten des bloß

Seienden unabhängig bleibt, schließt der Begriff des Lebens eine solche

Gegenständlichkeit der aufgefangenen und geronnenen Transzendenz aus.

Die Welten des Wesens sind durch der Formen Kraft über das Dasein

gespannt und ihre Art und ihre Inhalte werden nur durch die inneren

Möglichkeiten dieser Kraft bedingt. Die Welten des Lebens verharren

hier, sie werden von den Formen nur aufgenommen und gestaltet, nur auf

ihren eingeborenen Sinn gebracht. Und die Formen, die hier nur die Rolle

des Sokrates bei der Geburt der Gedanken spielen dürfen, werden niemals

aus eigenem etwas ins Leben zaubern können, was nicht bereits in ihm

gelegen ist. Der Charakter, den das Drama schafft -- dies ist nur ein

anderer Ausdruck für dasselbe Verhältnis --, ist das intelligible Ich

des Menschen, der der Epik das empirische Ich. Das Sollen, in dessen

verzweifelte Intensität das auf der Erde vogelfrei gewordene Wesen

flüchtet, kann sich im intelligiblen Ich als normative Psychologie des

Helden objektivieren, im empirischen Ich bleibt es ein Sollen. Seine

Kraft ist eine bloß psychologische, gleichartig den anderen Elementen

der Seele; sein Zielsetzen ist ein empirisches, gleichartig den anderen

vom Menschen oder seiner Umwelt gegebenen möglichen Bestrebungen; seine

Inhalte sind geschichtliche, gleichartig den anderen, vom Lauf der

Zeiten hervorgebrachten und sind von dem Boden, auf dem sie gewachsen

sind, nicht loszureißen: sie können verwelken, aber niemals zu neuem

ätherischen Dasein erwachen. Das Sollen tötet das Leben, und der

dramatische Held umgürtet sich mit den symbolischen Attributen der

sinnfälligen Erscheinung des Lebens nur deshalb, um die symbolische

Zeremonie des Sterbens als Sichtbarwerden der seienden Transzendenz

sinnfällig vollziehen zu können; die Menschen der Epik müssen aber

leben, sonst zerreißen oder verkümmern sie das Element, das sie trägt,

umgibt und erfüllt. (Das Sollen tötet das Leben, und jeder Begriff

drückt ein Sollen des Gegenstandes aus: darum kann das Denken niemals

zu einer wirklichen Definition des Lebens kommen, und vielleicht darum

ist die Kunstphilosophie der Tragödie so viel adäquater als der Epik.)

Das Sollen tötet das Leben und ein aus sollendem Sein erbauter Held

der Epopöe wird immer nur ein Schatten des lebenden Menschen der

geschichtlichen Wirklichkeit sein; sein Schatten, aber niemals sein

Urbild, und die Welt, die ihm als Erleben und Abenteuer aufgegeben ist,

nur ein verdünnter Abguß des Tatsächlichen und niemals ihr Kern und ihre

Essenz. Die utopische Stilisierung der Epik kann nur Distanzen schaffen,

aber auch diese Distanzen bleiben die zwischen Empirie und Empirie,

und der Abstand und seine Trauer und seine Hoheit verwandeln nur den

Ton in einen rhetorischen und können zwar die schönsten Früchte einer

elegischen Lyrik tragen, aber niemals kann aus dem bloßen Distanzsetzen

ein über das Sein hinausgehender Inhalt zum lebendigen Leben erwachen

und zu selbstherrlicher Wirklichkeit werden. Ob diese Distanz vorwärts

oder zurück weist, ob sie ein Hinauf oder ein Herunter dem Leben

gegenüber bezeichnet: es ist niemals das Schaffen einer neuen Realität,

sondern immer nur ein subjektives Spiegeln der bereits daseienden. Die

Helden Vergils leben ein kühles und gemessenes Schattendasein, gespeist

vom Blut einer schönen Inbrunst, die sich geopfert hat, um das für

immer Entschwundene heraufzubeschwören, und die Zolasche Monumentalität

ist nur die monotone Ergriffenheit vor der vielfältigen und doch

übersichtlichen Verzweigung eines soziologischen Kategoriensystems,

das das Leben seiner Gegenwart vollständig zu begreifen sich anmaßt.

Es gibt eine große Epik, aber das Drama bedarf niemals dieses

Attributes und muß sich seiner stets erwehren. Denn das aus sich heraus

substanzvolle und aus Substantialität runde Kosmos des Dramas kennt

keinen Kontrast von Ganzheit und Ausschnitt, keine Entgegensetzung von

Fall und Symptom: existieren bedeutet Kosmossein für das Drama, das

Erfassen des Wesens, den Besitz seiner Totalität. Mit dem Begriff des

Lebens ist jedoch die Notwendigkeit seiner Totalität nicht mitgesetzt,

es enthält geradeso die relative Unabhängigkeit jedes in sich

selbständigen Lebewesens von jeglicher, darüber hinausweisender Bindung,

wie die ebenfalls relative Unvermeidlichkeit und Unentbehrlichkeit

solcher Bindungen. Darum kann es epische Formen geben, deren Gegenstand

nicht die Totalität des Lebens ist, sondern ein Ausschnitt, ein in sich

lebensfähiger Bruchteil des Daseins. Darum aber ist der Begriff der

Totalität für die Epik kein aus den gebärenden Formen geborener, kein

transzendentaler, wie im Drama, sondern ein empirisch-metaphysischer,

der Transzendenz und Immanenz untrennbar in sich vereinigt. Denn Subjekt

und Objekt fallen in der Epik nicht zusammen, wie im Drama, wo die

gestaltende Subjektivität -- aus der Werkperspektive gesehen -- nur ein

Grenzbegriff ist, eine Art von Bewußtsein überhaupt, sondern sind klar

und deutlich im Werke selbst vorhanden und voneinander geschieden; und

da aus der formgewollten Empirität des Gegenstandes ein empirisches,

gestaltendes Subjekt folgt, kann dieses niemals der Grund und die Gewähr

der Totalität der herausgestellten Welt sein. Die Totalität kann sich

nur aus der Inhaltlichkeit des Objekts mit wahrer Evidenz ergeben: sie

ist metasubjektiv, transzendent, eine Offenbarung und eine Gnade. Das

Subjekt der Epik ist immer der empirische Mensch des Lebens, aber

seine schaffende, das Leben meisternde Anmaßung verwandelt sich in der

großen Epik in Demut, in Schauen, in stummes Erstaunen vor dem hell

heranleuchtenden Sinn, der ihm, dem einfachen Menschen des gewöhnlichen

Daseins, so unerwartet selbstverständlich im Leben selbst sichtbar

geworden ist.

Die Theorie des Romans · 第 1 / 10 段