Von den Unterschieden zwischen der Kopf- und Gehirngröße der

oberen und der niederen Stände gilt ganz Entsprechendes wie von

denen zwischen geistigen und körperlichen Berufen. Beides hängt

ja aufs engste zusammen. ~Niceforo~ hat bei zwölfjährigen Knaben

in Lausanne gefunden, daß die Kinder wohlhabender Eltern einen

durchschnittlichen Kopfumfang von 53-1/2 cm, die besitzloser Eltern

von 52-1/2 cm hatten. An sehr umfangreichem Material hat ~Röse~

in Dresden ganz entsprechende Unterschiede zwischen den Kopfmaßen

der Bürgerschüler und der Volksschüler festgestellt. Ebenso

hat ~Pfitzner~ in Straßburg gleichsinnige Standesunterschiede

an Leichen Erwachsener gefunden. ~Pfitzner~ hat auch darauf

hingewiesen, daß in Hutläden von billigen Hüten nur niedere und

mittlere Größen, von teueren nur die höheren und höchsten vorhanden

sind. Wenn der Volksmund in Bayern die „oberen Zehntausend“ als

die „Großkopfeten“ bezeichnet, so ist das also nicht ohne ernste

Unterlage. Die weiter oben genannten Zahlen ~Matiegkas~ sind

zugleich auch für die verschiedene Kopfgröße der verschiedenen

Stände ein Beleg. Selbst der so vorsichtige Anthropologe

~Martin~ sagt, daß „die durch die Vererbung gegebenen größeren

Gehirngewichte auch höhere geistige Leistungen bedingen und ihre

Träger damit in höhere geistige Klassen aufsteigen lassen“.

Der soziale Aufstieg vollzieht sich im allgemeinen im Laufe von

Generationen, derart daß jemand, der innerhalb seines Standes zu

wirtschaftlichem Wohlstand gelangt ist, seinen Kindern höhere Bildung

zu verschaffen und ihnen ein möglichst großes Erbe zu hinterlassen

bestrebt ist, wie es den Anforderungen eines höheren Standes

entspricht. Dieses Bestreben, die Kinder auf eine höhere soziale Stufe

zu bringen, ist im allgemeinen eher noch stärker als das nach eigenem

sozialen Aufstieg. Die Kinder wenigstens sollen es besser haben,

als man selber es gehabt hat. Auch hierbei ist die Erblichkeit der

geistigen Begabung natürlich von wesentlichster Bedeutung; und wenn

der Sohn nicht über ebenso tüchtige Anlagen wie der Vater verfügt, so

gelingt der Aufstieg in einen höheren Stand meist nicht, sondern er

hat Mühe, sich nur im Stande des Vaters zu behaupten. So ist es eine

ganz natürliche Folge der sozialen Auslese, daß die höheren Stände den

niedern an geistiger Begabung durchschnittlich überlegen sind.

Die ~Ständebildung~ erfolgt zum größten Teil einfach infolge des

Spieles der genannten Kräfte und ohne absichtliche Maßnahmen der

Gesellschaft. Andererseits aber ist sie auch zu den verschiedensten

Zeiten und in den verschiedensten Ländern bewußt gefördert oder gehemmt

worden. Durch besondere Auszeichnung bewährter Familien und ihre

Ausstattung mit Vorrechten erfolgte die Bildung von Adelsschichten. In

manchen Ländern wie besonders in Indien wurde die Ständebildung bis

zur Aufstellung streng abgeschlossener Kasten getrieben. Obwohl auf

sozialer Auslese beruhend, hemmt eine streng durchgeführte Sonderung

der Stände natürlich die weitere soziale Auslese. Im Interesse der

„freien Bahn für jeden Tüchtigen“, d. h. der sozialen Auslese, pflegt

eine strenge Sonderung der Stände daher heftig bekämpft zu werden. Man

will nur jene soziale Auslese bestehen lassen, welche auf Grund der

individuellen Tüchtigkeit des Einzelnen zustandekommt. Insbesondere

von ererbtem Besitz soll die soziale Einordnung des Einzelnen nicht

abhängig sein. Allen Individuen sollen vielmehr dieselben Ausbildungs-

und Aufstiegsmöglichkeiten offenstehen. Es ist aber ein Trugschluß

anzunehmen, daß durch Aufhebung der Standesunterschiede die soziale

Auslese durchaus gefördert werde. Vielmehr wird dadurch jener wichtige

Teil der sozialen Auslese, welcher auf Grund erblicher Tüchtigkeit

der Familien im Laufe von Generationen erfolgt, gerade stark

beeinträchtigt. Eine möglichst weitgehende Übereinstimmung zwischen

erblicher Befähigung und sozialer Stellung -- ob sie erstrebenswert

sei, ist eine Frage für sich! -- wird weder bei Bestehen starrer Kasten

noch bei ausschließlich individueller Auslese erreicht, sondern bei

Bestehen von Ständen, welche zwar genügend fest sind, um eine Auslese

nach den ererbten Anlagen der Familien im Laufe der Generationen zu

ermöglichen, aber andererseits nicht so starr, daß ein Überschreiten

der Standesgrenzen dadurch sehr erschwert würde. Bei rein individueller

Auslese bleibt dem Zufall und der Ämterschiebung ein verhältnismäßig

großer Spielraum. Wenn die soziale Auslese dagegen langsam im Laufe

der Generationen erfolgt, so gleichen sich Zufallswirkungen und

Ungerechtigkeiten mehr oder weniger aus.

Das erste Sieb der sozialen Auslese, welches der angehende Staatsbürger

zu passieren hat, und eines der wirksamsten überhaupt, ist die Schule.

Besonders die höheren Schulen sind ein wesentliches Mittel der sozialen

Auslese. Alle die verschiedenen Prüfungen und Berechtigungsscheine

dienen mehr oder weniger bewußt der sozialen Auslese. Mehr als die

Hälfte von denen, die in die höhere Schule eintreten, erreichen

ihr Endziel nicht. Diejenigen aber, welche die höhere Schule mit

ihrem ganzen Bildungsaufwand zu überwinden vermögen, stellen eine

Auslese nach geistiger Begabung dar. Die soziale Auslese im späteren

Berufsleben erfolgt freilich zum großen Teil nach andern Anlagen als

die in der Schule. Aber auch jene berühmten Musterschüler, welche im

späteren Leben versagen, bilden immerhin eine Auslese nach leichter

Auffassung, gutem Gedächtnis und manchen andern geistigen Anlagen.

Die allgemeine Volksschule dient der sozialen Auslese in viel

geringerem Maße. Wenn die Begabtesten zunächst denselben Unterricht

erhalten wie die Unbegabten, so bedeutet das eine Hemmung der sozialen

Auslese. Im Interesse einer stärkeren sozialen Auslese hat man

mancherorts sogenannte „Begabtenschulen“ eingerichtet, in welche Kinder

aufgenommen werden, die sich in der Volksschule besonders auszeichnen.

Diese Einrichtung fördert zwar die soziale Individualauslese, wirkt

aber wie jede Art von „Einheitsschule“ der sozialen Familienauslese,

die sich im Laufe der Generationen vollzieht, eher entgegen.

Auf den Hochschulen pflegt im allgemeinen keine intensive soziale

Auslese stattzufinden. Ein kleiner Bruchteil der Studenten verbummelt

zwar endgültig; die allermeisten bestehen schließlich aber doch

die Prüfungen, welche so milde gehandhabt zu werden pflegen, daß

nur wenigen dadurch die angestrebte Laufbahn versperrt wird. Die

Auslese durch die Hochschule geschieht daher hauptsächlich nach dem

Vermögensstande der Eltern; d. h. sie ist eine Familienauslese. In

Zukunft werden sogar voraussichtlich nur besonders wohlhabende Eltern

ihre Söhne studieren lassen können.

An den Prüfungsergebnissen der Schulen muß sich natürlich auch die

verschiedene Verteilung der erblichen Anlagen in den verschiedenen

Ständen verfolgen lassen. Das hat besonders schlagend der Bremer

Schulinspektor ~Hartnacke~ dargetan. In Bremen gibt es neben völlig

unentgeltlichen Volksschulen, die auch noch Lehrmittelfreiheit

gewähren, auch solche, die ein Schulgeld erheben. Daraus

ergibt sich eine Auslese der Kinder nach der wirtschaftlichen

Lage der Eltern. In den unentgeltlichen Schulen mußten nun im

allgemeinen etwa dreimal soviele Schüler sitzen bleiben als in

den entgeltlichen. Für den Übertritt in höhere Schulen waren

nach dem Zeugnis der Lehrer in den unentgeltlichen nur 2,9%, in

den entgeltlichen dagegen 11,5% geeignet. ~Hartnacke~ bemerkt

dazu: „Man muß sich durchaus frei machen von der Vorstellung,

als ob die Genies und Talente im Volke in Massen vorkämen. So

erklecklich die Zahl absolut genommen ist, so gering ist sie

relativ.“ Ganz Entsprechendes haben die Aufnahmeprüfungen für die

Berliner Begabtenschulen gezeigt. Von den geeignet befundenen

Kindern stammten 44% aus dem kleinen Mittelstande. (Kinder aus dem

oberen Mittelstande kamen nicht in Betracht, da diese nicht die

Volksschule besuchten.) 25% der begabten Kinder stammten aus dem an

Zahl den Mittelstand übertreffenden Stande der gelernten Arbeiter

und nur 17% aus dem der ungelernten Handarbeiter, obwohl dieser an

Zahl alle anderen übertrifft und auch die meisten Kinder hat. (Die

Väter der übrigen 14% waren entweder tot oder unbekannt.)

Auch aus den Untersuchungen von ~Peters~, über welche im ersten

Bande berichtet worden ist, folgt im Grunde dasselbe. Da sich

die Schulbegabung unmittelbar als erblich bedingt erwiesen hat,

so müssen natürlich auch die Kinder von Eltern, welche nach

ihrer Begabung in verschiedene soziale Gruppen gelangt sind, ein

verschiedenes Durchschnittsmaß der Begabung zeigen. Andererseits

kann man die soeben mitgeteilten Tatsachen als weitere Belege für

die erbliche Bedingtheit der Begabung ansehen.

Recht bemerkenswert ist auch die Erfahrung des Rechtslehrers

Professor ~Krückmann~: „Seit Jahren sehe ich bei den Referendar-

und Doktorprüfungen die Personalakten der Prüflinge nach, und

immer wieder ergibt sich, daß die besten Köpfe von Eltern stammen,

die selber schon höhere Stellungen im Leben zu erringen wußten.“

Diese Feststellung ist um so bedeutsamer, als aus niederen Ständen

im allgemeinen nur auffallend befähigte junge Leute zu studieren

pflegen, während aus den gebildeten Kreisen auch alle minder

begabten womöglich studieren wollen.

Von Leuten, denen die Tatsachen der Erblichkeit und der Auslese

gegen ihre Wünsche gehen, pflegt immer wieder auf Fälle hingewiesen

zu werden, in denen Söhne hochgestellter Männer unbegabt oder

gar schwachsinnig waren. Wenn man den Blick aber nicht auf

Ausnahmefälle, sondern auf den Durchschnitt richtet, so ergibt

sich ein ganz anderes Bild. Wie es kommen kann, daß hochbegabte

Männer unbegabte Söhne haben können, wurde schon im ersten Bande

gezeigt. Außerdem ist daran zu erinnern, daß die gebildeten

Stände mit ihrem hohen Heiratsalter ganz besonders den Gefahren

der Syphilis und des Alkoholismus ausgesetzt sind; daraus erklärt

sich meines Erachtens ein großer Teil der gedachten Fälle, die

keineswegs die Regel darstellen.

Nach ~de Candolle~ stammten von den auswärtigen Mitgliedern

der Pariser Akademie der Wissenschaften 41% aus den höchsten

Gesellschaftskreisen, 52% aus dem oberen Mittelstande und nur 7%

aus Familien von Handwerkern, Bauern u. ä., obwohl diese Gruppe

mindestens 2/3 bis 3/4 der Bevölkerung ausmachte. Von 60 der

bedeutendsten französischen Forscher stammten 21 aus der ersten,

25 aus der zweiten, 14 aus der dritten Gruppe. Dabei muß man noch

bedenken, daß die dritte Gruppe keineswegs einheitlich ist. Die

Kinder von Handwerkern schneiden noch sehr viel besser als die

von ungelernten Arbeitern ab; und im Bauernstande sind noch sehr

verschiedene Arten und Grade der Veranlagung vorhanden, weil dieser

von allen Ständen bisher am wenigsten von der sozialen Auslese

ausgesiebt worden ist.

Es ist durchaus die Regel, daß die Nachkommen von Familien

der höheren Stände wieder Berufe wählen, welche ein

überdurchschnittliches Maß von Begabung erfordern, und daß sie

sich auch darin bewähren. Besonders schlagend zeigt sich das

an der Geschichte eines großen Verwandtschaftskreises, der in

Amerika erforscht worden ist und der sich auf einen gemeinsamen

Stammvater namens ~_Jonathan Edwards_~ zurückführen läßt. Von

dessen 1394 Nachkommen bis zum Jahre 1900 promovierten 295 an einer

Hochschule; davon wurden 65 Hochschulprofessoren, 13 Rektoren von

Hochschulen; 60 waren Ärzte, über 100 Geistliche, 75 Offiziere, 60

bekannte Schriftsteller, über 100 Juristen, 30 Richter, 80 höhere

Beamte und eine ganze Reihe bedeutender Politiker, Staatsmänner

und Unternehmer. In diesem Zusammenhange sei noch einmal auf den

Stammbaum ~_Bardili_~ (S. 271 des 1. Bandes) hingewiesen.[*]

Auch Unterschiede der Schönheit bzw. der Häßlichkeit sind von

erheblicher Bedeutung für die soziale Auslese. Hübsche Mädchen

haben viel größere Aussichten, in einen höheren Stand zu heiraten

als häßliche. Aber auch der junge Mann kommt leichter voran,

wenn er ein angenehmes Äußere hat. Dazu kommt noch, daß eine

ausgesprochene Korrelation zwischen körperlicher Schönheit und

geistiger Begabung besteht, wie z. B. ~Miß Gilmore~ auf dem Wege

vorsichtiger Statistik festgestellt hat. So erklärt es sich, daß

die Angehörigen der oberen Stände im Durchschnitt auch schöner sind

als die der unteren.

Selbstverständlich ist die Sonderung der Stände nach den Erbanlagen

keine scharfe. Immer wieder muß betont werden, daß es sich nur um

Durchschnittsunterschiede handelt. Die soziale Auslese geht ebenso wie

die biologische mit erheblicher Streuung vor sich. Wie die natürliche

Zuchtwahl durch wahllose Ausschaltung bzw. wahllose Erhaltung

vermindert wird, gilt Entsprechendes auch von der sozialen Auslese;

d. h. bei dem sozialen Aufstieg und Abstieg spielen auch allerlei

Zufälle mit. Aber ebenso falsch wie es ist, daß der Tüchtige sich

immer durchsetze, ist es andererseits, in der sozialen Gliederung nur

ein Ergebnis des Zufalls zu sehen. Zufälligkeiten können die soziale

Auslese zwar beeinträchtigen, aber nicht aufheben. Ähnlich wie man der

biologischen Auslese durch Erhaltung der Schwachen entgegenwirkt, so

wird auch die soziale Auslese vielfach durch absichtliche Maßnahmen

beeinträchtigt, z. B. durch die Forderung gleicher Bezahlung für alle

Arbeit oder durch die Beförderung der Beamten nach dem Dienstalter an

Stelle der Leistung.

Eine häufige Ursache wahllosen Aufstieges, d. h. eines solchen, der

nicht von der Veranlagung abhängt, ist z. B. die Gonorrhoe. Aus der

Ehe gonorrhoischer Eltern geht sehr häufig nur ein Kind hervor, das

dann sein Erbe mit keinem andern zu teilen braucht und auf dessen

Ausbildung viel größere Mittel verwandt werden können, als wenn

mehrere Geschwister vorhanden wären. Ein einziger Sohn kann ein

Unternehmen mit einem viel größeren Anfangskapital beginnen. Eine

einzige Tochter wird als reiche Erbin geschätzt und kann viel eher

in einen höheren Stand hineinheiraten.

Wie bei der biologischen Auslese, so gibt es auch bei der sozialen eine

Gegenauslese oder Kontraselektion. Auch hier setzt der Begriff freilich

ein Werturteil voraus. An und für sich ist auch im wirtschaftlichen

Aufstieg der Schieber und Wucherer eine soziale Auslese wirksam,

denn diese wissen immerhin ihren Vorteil gut zu wahren. Und wenn in

revolutionären Zeiten leitende Stellen absichtlich nur mit Leuten, die

vorher weder höhere Bildung noch eine höhere Stellung errungen hatten,

besetzt zu werden pflegen, so handelt es sich immerhin um eine Auslese

von Menschen, welche den revolutionären Massen besonders überzeugende

Versprechungen zu machen verstehen. Eine Gegenauslese stellen sie aber

dar, wenn man das dauernde Gedeihen der Bevölkerung im Auge hat.

~P. J. Moebius~ hat nicht ohne Grund darauf hingewiesen, daß viele

Menschen, welche im wirtschaftlichen und sozialen Wettbewerb

besonders erfolgreich sind, eine seelische Veranlagung aufweisen,

welche der von Verbrechern ziemlich wesensverwandt ist. „Fehlt

der Leichtsinn und sind die übrigen Geistesgaben gut entwickelt,

so entstehen trotz Herzlosigkeit und Gewalttätigkeit nicht

Sträflinge, sondern hohe Beamte, Staatsmänner, Feldherrn, wohl

auch Gelehrte.“ Man begegnet in der Tat auch im wissenschaftlichen

Leben nicht selten Menschen, die durch geschickte Ausbeutung der

Entdeckungen anderer und durch rücksichtslose Beiseiteschiebung

ihrer bescheideneren Kollegen zu großen Erfolgen und Ehren

gelangen. Auch darin kann man eine soziale Gegenauslese sehen.

Man könnte zwar meinen, daß es im Daseinskampfe der Völker gerade

erhaltungsgemäß sei, wenn derartige Leute an die führenden Stellen

kommen. Hat doch ~Gobineau~, der französische Diplomat, nicht ohne

Grund gesagt: „Die den großen Völkermassen nützlichen Tugenden

müssen einen ganz besonderen Charakter von Kollektivegoismus haben,

welcher sie dem, was man beim Einzelnen Tugend nennt, nicht ähnlich

macht.“ Demgegenüber aber ist doch daran zu erinnern, daß die

Befriedigung des Willens zur Macht den Völkern nicht zu dauerndem

Gedeihen zu gereichen pflegt, sondern eher umgekehrt, wie bei

Betrachtung der Kriegsauslese gezeigt wurde. Daher kann man auch

bei der Durchsetzung der rücksichtslosen Streber wohl von sozialer

Gegenauslese reden. Aber es handelt sich bei dem Begriff der

Gegenauslese letztlich eben nicht um eine naturwissenschaftliche

Feststellung, sondern um ein Werturteil.

Eine soziale Auslese findet natürlich auch in bezug auf krankhafte

Anlagen statt. Farbenblinde z. B. taugen nicht für die Berufe des

Malers, des Färbers, des Chemikers und finden sich demgemäß darin

nur selten; vom Dienst bei der Eisenbahn und in der Marine werden

sie durch besondere Untersuchungen ferngehalten. Entsprechendes

gilt auch von der Kurzsichtigkeit. In andern Berufen, die nur

scharfes Sehen in die Nähe erfordern, wo die Kurzsichtigen nicht

benachteiligt, sondern in gewisser Weise sogar leistungsfähiger

sind, häufen sie sich an, wie unter Schriftsetzern, Lithographen,

Musikern. Psychopathisch veranlagte junge Leute aus dem

Handarbeiterstande wählen mit Vorliebe den Beruf des Setzers, der

keine schwerere körperliche Arbeit erfordert und daher oft als

etwas Besseres angesehen wird. Aus ähnlichen Gründen finden sich

unverhältnismäßig viele Psychopathen unter Musikern und anderen

Künstlern, Schriftstellern und Politikern, und nach dem, was wir im

ersten Bande über den Zusammenhang von Begabung und Psychopathie

gehört haben, ist es nicht unwahrscheinlich, daß viele von diesen

ihre Erfolge im Beruf zum Teil ihrer psychopathischen, insbesondere

orgoristischen Veranlagung verdanken.

Auch über die verschiedenen Stände sind krankhafte Anlagen

verschieden verteilt. In den niederen Ständen finden sich

häufiger Schwachsinn, Epilepsie, erbliche Hautleiden und allerhand

Mißbildungen. In den oberen Ständen dagegen sind unzweifelhaft

gewisse Arten von Psychopathie wie Neurasthenie und Orgoristie

stärker verbreitet. Man ist zwar immer geneigt, die größere

Häufigkeit der „Nervosität“ in den höheren Ständen auf die

geistige Arbeit zurückzuführen, und das ist bis zu einem gewissen

Grade natürlich auch richtig. Die psychopathische Veranlagung

aber wird dadurch nicht geschaffen, sondern nur in ihren

Äußerungen verstärkt. Die größere Häufigkeit psychopathischer

Anlagen in den oberen Ständen zeigt sich schon in früher Jugend,

wo von Überarbeitung noch keine Rede sein kann. Der Schularzt

~Schlesinger~ in Straßburg fand schon in der untersten Klasse der

höheren Schulen bei 10,0% der Kinder psychopathische Veranlagung

gegenüber 1,6% bei gleichaltrigen Volksschülern. In den späteren

Klassen nimmt die Häufigkeit der Psychopathie in beiden Gruppen

nur unwesentlich zu und zwar in den höheren Schulen weniger als

in den Volksschulen (auf 10,2 bzw. 3,3%), ein Zeichen, daß sie

nicht etwa durch die Überbürdung in den höheren Schulen verursacht

wird. Wir dürfen vielmehr annehmen, daß die größere Häufigkeit der

Psychopathie in den oberen Ständen ein Ergebnis sozialer Auslese

ist, indem die höhere Regsamkeit, die Lebhaftigkeit und das starke

Geltungsbedürfnis, welches wir bei vielen Psychopathen beobachten,

sie zum Aufstieg in höhere Stände treibt und befähigt.

Eine zweite krankhafte Anlage, die sich in den oberen Ständen

ausgesprochen häufiger findet, ist die Kurzsichtigkeit. Wir haben

oben (S. 148 des 1. Bandes) erfahren, daß es keinerlei stichhaltige

Beweise für die landläufige Ansicht, welche die Kurzsichtigkeit

als Folge der Naharbeit hinstellt, gibt. Der Breslauer Augenarzt

~Cohn~, welcher diese Ansicht vertreten hat, hat selber in der

untersten Klasse der Gymnasien schon 12,5% Kurzsichtige gefunden

gegenüber 3,5% in den Volksschulen. Die Unterschiede entsprechen

also völlig denen bei der Psychopathie und sie können in diesem

frühen Alter ebensowenig wie jene auf Unterschiede in der

Arbeitsweise zurückgeführt werden. Eine Vererbung „erworbener“

Kurzsichtigkeit, an die der Laie hier zu denken pflegt, kommt aus

biologischen Gründen nicht in Betracht. ~Schlesinger~ hat denn

auch bei seinen ausgedehnten Untersuchungen gefunden, daß die

Zahl der Schüler mit normalen Augen im Laufe von 6 Schuljahren

weder in den höheren noch in den Volksschulen abnahm, daß vielmehr

die Kurzsichtigkeit nur bei den von vornherein dazu veranlagten

zunahm. Auch aus den Zahlen des Schularztes ~Gastpar~ in Stuttgart

vom Jahre 1916/17, welche offenbar zuverlässiger sind als die

Zahlen ~Cohns~ vom Jahre 1867, geht hervor, daß die Zunahme der

Kurzsichtigkeit im Laufe der Schulzeit in den höheren Schulen

relativ nicht größer war als in den Volksschulen. Somit liegt

es nahe, auch in der größeren Häufigkeit der Kurzsichtigkeit in

den oberen Ständen mit ~Steiger~ eine Folge sozialer Auslese zu

sehen. ~Steiger~ ist in der Tat der Meinung, daß „unzweifelhaft

das Interesse für die Fragen einer höheren Kulturstufe bei

kurzsichtigen Leuten auffallend häufig sich vorfindet“. Es wäre

durchaus möglich, daß gewisse Erbanlagen sich einerseits in einer

abnormen Nachgiebigkeit des Augapfels, die zur Kurzsichtigkeit

führt, und andererseits in einer abnormen Reizempfindlichkeit und

geistigen Regsamkeit äußert, die den sozialen Aufstieg begünstigt.

Statistische Untersuchungen über eine Korrelation zwischen

Kurzsichtigkeit und Psychopathie fehlen bisher leider.

Auch bei der Zuckerkrankheit und der Gicht, welche ebenfalls in den

höheren Ständen häufiger als in den niederen vorkommen, muß man an

ähnliche Zusammenhänge immerhin wenigstens denken. Manche Kliniker

nehmen ja eine „arthritische Konstitution“ an, die sich nicht nur

in einer Empfindlichkeit des Stoffwechsels, sondern auch in einer

Labilität des Seelenlebens äußern soll.

Andererseits muß man auch daran denken, daß die größere Häufigkeit

der genannten krankhaften Anlagen der oberen Stände zum Teil

eine Folge idiokinetischer Einwirkungen des städtischen Lebens,

dem die gebildeten Familien im Durchschnitt schon länger als die

ungebildeten ausgesetzt sind, sein könnte; und weiter kommt die

viel geringere Säuglingssterblichkeit in den oberen Ständen in

Betracht, so daß sich krankhafte Erbanlagen eher haben halten

können. Dem widerspricht es nicht, daß die ~durchschnittliche~

körperliche und geistige Tüchtigkeit in den oberen Ständen trotzdem

größer ist als in den unteren; denn auch körperliche Tüchtigkeit

ist ja im allgemeinen dem sozialen Aufstieg förderlich, während

körperliche Untüchtigkeit, wenn ihr nicht zufällig durch besondere

geistige Begabung das Gleichgewicht gehalten wird, zum sozialen

Abstieg zu führen pflegt.

In jener sozialen Schicht, welche die Bettler und Landstreicher,

die Prostituierten und Zuhälter und die Gewohnheitsverbrecher

umfaßt, finden sich nicht nur seelische, sondern auch körperliche

Schwächezustände in gehäuftem Maße. Es ist durchaus verfehlt, diese

Schicht mit der der Handarbeiter als „Proletariat“ zusammenzuwerfen.

Diese Elemente stellen vielmehr das Gegenteil von ordentlichen

Arbeitern dar, da sie ihrer ganzen Veranlagung nach die Kraft und

Ausdauer zu geregelter Arbeit überhaupt nicht zu besitzen pflegen.

Auf die erbliche Bedingtheit des ~Verbrechens~ hat zuerst

~Lombroso~ nachdrücklich hingewiesen. Im einzelnen können die

verschiedensten Arten von Geistesstörungen und seelischen Anomalien

zu gemeinschädlichem und gesellschaftsfeindlichem Verhalten führen,

z. B. Schizophrenie, Epilepsie, Schwachsinn und schwerere Orgoristie.

Die Epileptiker sind in hohem Maße an Gewalttätigkeiten beteiligt;

die Orgoristen stellen einen großen Teil der Schwindler und Betrüger,

was mit ihrer Unfähigkeit, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu

unterscheiden, zusammenhängt; zu kaltherzigen Grausamkeiten sind

besonders Schizophrene fähig, bei denen das Gefühlsleben weitgehend

verödet ist; Schwachsinnige kommen leicht zu allerhand Verbrechen, da

sie die Folgen ihres Tuns nicht genügend voraussehen können; Anomalien

des Trieblebens führen daher besonders leicht zu Verbrechen, wenn sie

mit Schwachsinn verbunden sind. Ein großer Teil aller Verbrechen wird

von Alkoholikern begangen; und zum Zustandekommen des Alkoholismus

können mancherlei krankhafte Seelenverfassungen beitragen. Das

sogenannte „moralische Irresein“ wurde schon im ersten Bande (S. 238)

besprochen.

Zweifellos ist die Umwelt von wesentlicher Bedeutung bei der

Entwicklung vieler Verbrecher; aber ebenso zweifellos ist es, daß die

erbliche Veranlagung von wesentlicher Bedeutung ist für die Gestaltung

der Umwelt, in welcher er lebt. In jenem Bodensatz der Bevölkerung, der

die Verbrecher, Landstreicher und Prostituierten angehören, besteht

höchstens ein kleiner Bruchteil aus Menschen mit normaler Erbverfassung

der Seele. Der Ausdruck „Verwahrlosung“, welcher in bezug auf diese

gern gebraucht wird, ist insofern irreführend, als dadurch das Gewicht

zu sehr auf die Umwelt gelegt wird.

~Gruhle~ ist auf Grund einer sorgfältigen Untersuchung der

Zöglinge der badischen Zwangserziehungsanstalt Flehingen zu dem

Ergebnis gekommen, daß bei 41% die entscheidende Ursache der

Verwahrlosung in der erblichen Veranlagung lag und nur bei 18% in

Umwelteinflüssen, während bei den übrigen 41% sowohl die Umwelt als

auch die erbliche Veranlagung ungünstig waren. ~Irma Heymann~ hat

in ähnlicher Weise bei 49 Prostituierten gefunden, daß nur eine

einzige ohne wesentliche Mitwirkung krankhafter Veranlagung zur

Prostitution gekommen war.

Da die soziale Auslese sich nicht nur auf einzelne Individuen,

sondern vor allem auch auf ganze Familien erstreckt, so ist es nicht

verwunderlich, daß große Geschlechter durch viele Generationen im

Bodensatz der Bevölkerung verfolgt werden können. Schon i. J. 1877

hat ~Dugdale~ einen großen Verwandtschaftskreis beschrieben, welcher

auf eine gemeinsame Stammutter namens ~Ada Juke~ zurückgeführt werden

konnte. Durch ~Estabrook~ ist das Geschlecht bis auf die Gegenwart

verfolgt worden.

Bisher hat die ~Ada Juke~ 2820 Nachkommen, von denen die große

Mehrzahl in irgendeiner Beziehung minderwertig ist. Aus dem

Geschlecht stammt eine große Zahl von Verbrechern, darunter

mehrere Mörder. Von den weiblichen Personen verfiel über die Hälfte

der Prostitution. Die allermeisten Mitglieder dieses Geschlechts

konnten nicht selbst ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern

fielen der Armenpflege zur Last. ~Estabrook~ schätzt, daß dem

Staate durch dieses Geschlecht 2-1/2 Millionen Dollars an direkten

Ausgaben erwachsen sind. 600 Schwachsinnige aus diesem Geschlecht

leben noch, davon nur 3 in Anstalten, wo sie keine Gelegenheit

zur Fortpflanzung haben. Dieses Geschlecht stellt ein schlagendes

Gegenbeispiel gegenüber dem oben erwähnten großen Geschlecht der

~Edwards~ dar, in dem kein einziger Verbrecher beobachtet wurde.

Ähnliche Familien wie die der ~Jukes~ sind eine ganze Reihe

beschrieben worden, so die „~Familie Zero~“ durch den deutschen

Irrenarzt ~Jörger~, die „~Nam Family~“ und das „~Hill Folk~“ durch

das von dem amerikanischen Rassenhygieniker ~Davenport~ geleitete

Institut für Rassenbiologie.

Wenn man Verwandtschaftskreise wie den der ~Jukes~ betrachtet, so

kommt man zu dem Schluß, daß es keineswegs angeht, die in späteren

Generationen beobachteten Minderwertigkeiten alle oder auch nur

zum größten Teil auf das verhängnisvolle Erbe eines einzigen

Stammelternpaares zurückzuführen. Man muß vielmehr annehmen, daß die

Minderwertigen in der Regel auch Minderwertige heiraten, weil sie

keine normalen Ehegatten bekommen. In jener Bevölkerungsschicht,

welche die Landstreicher und die mit ihnen auf gleicher sozialer Stufe

stehenden Elemente umfaßt, ist eben kaum Gelegenheit zur Ehe mit

einer geistig auf der Höhe stehenden Person gegeben. Die genannten

Verwandtschaftskreise bilden daher nicht nur Belege für die Erblichkeit

geistiger Minderwertigkeit, als welche sie gewöhnlich angeführt zu

werden pflegen, sondern mindestens ebensosehr für die Bedeutung der

sozialen Auslese.

Aus dieser Anhäufung geistiger und körperlicher Minderwertigkeiten

im Bodensatz der Bevölkerung erklärt sich zum Teil auch die

Erscheinung der sogenannten ~Entartungszeichen~. Nicht nur bei

Geisteskranken, sondern auch bei Verbrechern und ähnlichen Gruppen

finden sich körperliche Anomalien häufiger als sonst in der

Bevölkerung. „Niemand wird sich dem überwältigenden Eindrucke

entziehen können, den der gleichzeitige Anblick einer größeren

Anzahl von Zuchthausgefangenen darbietet“ sagt ~Kraepelin~. Im

einzelnen hat man Verbildungen des Schädels, der Kiefer, der

Ohren, der Geschlechtsorgane, Eigentümlichkeiten der Behaarung,

Sprachstörungen, Linkshändigkeit, Bettnässen und manches Andere

als Entartungszeichen beschrieben. Von wenigen Ausnahmen

abgesehen, kommen diese freilich alle gelegentlich auch bei

geistig hochstehenden Menschen vor. Es dürfte verhältnismäßig

selten sein, daß ein Entartungszeichen durch dieselbe Erbeinheit

bedingt ist, wie die geistige Minderwertigkeit ihres Trägers;

zum größeren Teil erklärt sich das Zusammentreffen durch soziale

Auslese. Auch körperliche Mißbildungen und Schwächezustände

tragen zur Verarmung bei und damit zur Versuchung zu Verbrechen.

Wie Schönheit sozialen Aufstieg begünstigt, so kann Häßlichkeit

zu sozialem Abstieg führen. So kommt es, daß ein abstoßendes

Äußere, d. h. eben eine Häufung von Entartungszeichen sich am

häufigsten in den verkommensten Schichten der Bevölkerung findet.

Das Zusammenbestehen mehrerer krankhafter Erbanlagen an einem

Individuum kann übrigens auch durch gleichzeitige idiokinetische

Schädigung mehrerer Anlagen in der Erbmasse der Eltern

zustandekommen.

b) ~Rasse und soziale Gliederung.~

Es wurde bisher absichtlich von dem Umstande abgesehen, daß auch

die Anlagen der großen ~anthropologischen Rassen~ einer sozialen

Auslese unterliegen. Nach dem, was im ersten Bande über die

seelischen Unterschiede der Rassen ausgeführt wurde, ist das aber

selbstverständlich. In der Tat sind jene Erbanlagen, die wir als

Rassenanlagen im engeren Sinne anzusehen gewöhnt sind, nicht nur

nach geographischen Gegenden und nicht nur nach sprachlichen Gruppen

verschieden, sondern auch nach sozialen Gruppen.

Wo Angehörige verschiedener Sprachnationen in einem Lande

zusammenleben, finden sich die Angehörigen jener Nationen, die den

stärkeren Einschlag nordischen Blutes enthalten, in der Regel in

den oberen Ständen. In außereuropäischen Ländern, wo sich Europäer

aufhalten, finden sie sich fast ausschließlich in der sozialen

Oberschicht, so in Mittel- und Südamerika, auch im südlichen

Nordamerika, in Indien, Südafrika usw. In geringerem Grade gilt

Ähnliches von den Unterschieden zwischen der nordwestlichen Hälfte

Europas einerseits und der südöstlichen andererseits. Wo sich

Nordwesteuropäer in Süd- oder Osteuropa aufhalten, tun sie es

hauptsächlich als Kaufleute, Unternehmer, Ingenieure, oder in der

Ausübung anderer höherer Berufe. Süd- und Osteuropäer dagegen kommen

viel weniger zur Ausübung höherer Berufe nach Nordwesteuropa, sondern

hauptsächlich als Ziegel-, Land- und Bergarbeiter. Auch in der

Gesellschaft der Völker bilden die wohlhabenderen und gebildeteren

gewissermaßen eine soziale obere Schicht; und da zeigt sich, daß in

der ersten Reihe hauptsächlich Völker mit einem starken Einschlag

nordischer Rasse stehen.

Wenn wir in einer so stark gemischten Bevölkerung wie der

mitteleuropäischen die soziale Verteilung der Rassenanlagen verfolgen

wollen, so müssen wir vor allem im Gedächtnis behalten, daß der Typus

einer Rasse in der Vermischung sich nicht als Einheit vererbt; wir

müssen also die einzelnen Erbanlagen jede für sich verfolgen. Auch dann

aber zeigt sich, daß in den oberen Ständen die Merkmale der nordischen

Rasse häufiger sind als in den unteren, wenn wir von den Juden zunächst

einmal absehen.

Die größere Körperlänge der oberen Stände, für welche ~Niceforo~,

~Röse~ und andere unwiderlegliche Belege beigebracht haben, beruht

sicher nicht nur auf reichlicherer Ernährung im Jugendalter,

sondern zum Teil auch auf einem größeren Anteil nordischer Rasse.

Die Körperlänge der Schüler höherer Schulen ist im Durchschnitt

um mehrere Zentimeter größer als die gleichaltriger Volksschüler

(nach ~Graupner~, ~Rietz~ u. a.); dabei sind diese aber nicht etwa

schmäler, sondern im Vergleich zur Länge dicker und schwerer,

während Unterschiede der Ernährung sich viel eher im Gewicht als

in der Länge äußern. Auch in den Unterschieden der Kopfgröße in

den verschiedenen Ständen kommen sicher z. T. Unterschiede der

anthropologischen Rasse zum Ausdruck, insofern als die nordische

Rasse eine erheblichere Kopfgröße als andere, wenn auch vielleicht

nicht alle, Rassen Europas hat. Die Erbanlagen, welche die

Kopf~form~ beeinflussen, scheinen dagegen nur in geringerem Maße

der sozialen Auslese zu unterliegen. Wenn ~Röse~ fand, daß die

adeligen Schüler einerseits, die begabteren andererseits eine

länglichere Kopfform hatten als die übrigen, so kann das einfach

mit der größeren Körperlänge dieser Gruppen zusammenhängen,

da Körperlänge und Länge des Kopfes zum Teil von denselben

Einflüssen abhängig sind. Der Umstand, daß ~Röse~ bei Schülern

höherer Lehranstalten im allgemeinen keine länglichere Kopfform

fand als bei den Volksschülern, obwohl sie größer sind, würde

eher dafür sprechen, daß jene ihrer Erbanlage nach etwas mehr zu

Breitköpfigkeit neigen. Die Professoren der Universität Erlangen

und der technischen Hochschule in Dresden und Karlsruhe, welche

~Röse~ und ~Ammon~ untersucht haben, waren allerdings erheblich

langköpfiger als die dortige Bevölkerung. Das braucht aber nicht

für eine direkte Beziehung der Kopfform zur Begabung und zur

sozialen Lage zu sprechen, da die Professoren zum größten Teil

nicht aus der näheren Umgebung ihrer Hochschule zu stammen pflegen;

immerhin sprechen diese Befunde aber dafür, daß die deutschen

Professoren verhältnismäßig häufig aus langköpfigen, an nordischem

Blut reicheren Gegenden stammen. Die Befunde von ~de Lapouge~

über die soziale Verteilung der Kopfform sprechen zwar in gleichem

Sinne, sind aber nicht beweisend, weil er nicht Gruppen gleichen

Lebensalters und gleicher Größe verglichen hat.

Was die Gesichtsform betrifft, so beruht die geringere

Jochbogenbreite, welche ~Niceforo~ in den oberen Ständen fand, ganz

offenbar auf einem größeren Anteil nordischer Rasse. Dasselbe gilt

von dem geringeren Vorspringen der Kiefer in den oberen Ständen.

~Bertillon~ fand bei Angehörigen freier Berufe einen um 4° größeren

Gesichtswinkel, d. h. ein steileres Profil des Gesichtes. Sehr

ausgesprochen sind die sozialen Unterschiede in der Nasenform. Die

schmale, verhältnismäßig lange Nase mit hohem Rücken findet sich

viel häufiger in den oberen Ständen, während sich in den unteren

Ständen kurze breite Stumpfnasen mit flachem Rücken viel häufiger

finden.

Die größere Häufigkeit hellerer Farben der Haut, der Haare und

der Augen in den oberen Ständen ist ebenfalls deutlich; auch hier

natürlich abgesehen von den Juden.

Der schwedische Rassenbiologe ~Lundborg~ fand z. B. im Jahre 1918,

daß unter 820 Seminaristinnen 3,9% braune Augen hatten, unter 1076

weiblichen Landstreichern, Prostituierten und Sträflingen dagegen

8,9%, also mehr als doppelt so viele. 2225 männliche Landstreicher,

Verwahrloste und Sträflinge hatten in 7,3% braune Augen gegenüber

einem an 45000 Soldaten festgestellten Landesdurchschnitt von

4,5%. Unter Tuberkulösen, die ja vorzugsweise aus den niederen

Ständen stammen, fand er 7,4% braunäugige im männlichen und 9,0% im

weiblichen Geschlecht.

Kein unbefangener Beobachter zweifelt daran, daß man eine Reihe von

Angehörigen der oberen Stände auch bei gleicher Tracht von einer

solchen der unteren auf einen Blick am Typus unterscheiden kann. Auch

hier handelt es sich freilich nur um Durchschnittsunterschiede. Es gibt

Leute in hohen Stellen mit „proletarischem“ Typus und Handarbeiter

mit „aristokratischem“ Typus. Wenn man aus 1000 Angehörigen der

„oberen Zehntausend“ die 10 gewöhnlichsten Typen und aus 1000

Gelegenheitsarbeitern die 10 vornehmsten Typen heraussuchen würde, so

würde ein uneingeweihter Beurteiler die beiden Reihen sicher falsch

einordnen. Die Ausnahme bestätigt also auch in diesem Falle die Regel.

Die Künstler des Simplizissimus zeichneten auch vor dem Kriege die

Angehörigen der „oberen Zehntausend“ regelmäßig mit ausgesprochen

nordischem Typus, während sie das „Proletariat“ mit Typen primitiver

Rassen bedachten; und die Leser empfanden ohne Weiteres, daß darin

etwas Typisches zum Ausdruck kam, obwohl sie natürlich zu mehr als 99%

von Rassenunterschieden keine Ahnung hatten.

Wie im Körperlichen so unterscheiden sich auch im Seelischen die

oberen Stände von den unteren in derselben Richtung wie die nordische

Rasse von den meisten übrigen, besonders von den negriden und den

primitiven Urrassen. Für die seelische Ausstattung der untersten

Gesellschaftsschichten ist ein eigentümlicher Mangel an Voraussicht

und Stetigkeit des Willens kennzeichnend. Sauer verdientes Geld wird

meist leichtsinnig wieder ausgegeben; Vorräte, die für längere Zeit

reichen sollten, werden gewöhnlich bald aufgezehrt. Infolge dieser

Seelenverfassung, die durch Erziehung nicht entscheidend geändert

werden kann, werden die so Veranlagten immer wieder ein Objekt der

Ausbeutung, sei es durch Kapitalisten oder durch Demagogen. Weil ihnen

die kritische Voraussicht fehlt, handeln sie ihrem wahren Vorteil

oft in erschreckender Weise entgegen. Hingegeben dem Augenblick,

bestechlich durch Flitterkram und leere Worte ähnelt ihr Verhalten dem

südlicher primitiver Rassen.

Die soziale Verteilung der verschiedenen Rassenelemente in

Europa geht zum Teil auf frühe Zeiten zurück. Die Germanen der

Völkerwanderung waren noch ziemlich einheitlich von nordischer

Rasse. Der Adel, welcher aus den militärischen Führern

hervorgegangen war, dürfte sich raßlich kaum von den Gemeinfreien

unterschieden haben. Außerdem gab es Unfreie und Hörige, die aus

Kriegsgefangenen und Unterworfenen bestanden. Diese waren im

Nordwesten natürlich auch überwiegend von nordischer Rasse, während

sie in anderen Gegenden mehr von fremder oder doch gemischter

Rasse waren. Aber auch in jenen Gegenden des heutigen deutschen

Sprachgebietes, wo die germanischen Eroberer von vornherein nur

gering an Zahl waren und wo die Hauptmasse der heutigen Bevölkerung

offenbar aus der vorgermanischen Bevölkerung hervorgegangen ist,

enthält die Bevölkerung auch aus der Kelten- und Slavenzeit, und

vielleicht auch aus noch früheren, einen nicht unbeträchtlichen

Einschlag nordischer Rasse.

Der germanische Uradel ist im wesentlichen schon im Mittelalter

ausgestorben. Der Adel der Ritterzeit ist als Dienstadel

entstanden, indem sowohl freie als auch unfreie Volksgenossen

in den militärischen Dienst der Landesherren traten. Später kam

dann der Briefadel dazu, indem Männer, welche sich als Beamte,

Diplomaten, Kaufleute oder Unternehmer ausgezeichnet hatten, in den

erblichen Adelstand erhoben wurden. Auch hierbei hat offenbar eine

soziale Auslese nach nordischen Rassenanlagen stattgefunden, wie

man aus dem Durchschnittstypus des Adels schließen darf.

Nachdem nun einmal der nordische Typus der der Vornehmen war,

dürfte auch geschlechtliche Auslese zu weiterer Anreicherung

des nordischen Typus in den oberen Ständen beigetragen haben.

Man kann es nicht selten beobachten, daß Mädchen von nordischem

Äußeren in einen höheren Stand heiraten. Es ist auch unverkennbar,

daß viele Juden den nordischen Typus bei der Ehewahl bevorzugen.

Außer durch Ehewahl kann wahrscheinlich eine nordische Erscheinung

auch sonst dem sozialen Aufstieg förderlich sein, weil Menschen

von „germanischem“ Äußeren öfter bei Anstellungen und anderen

Beziehungen bevorzugt werden. Daher mag die größere Häufigkeit

nordischer Merkmale in den oberen Ständen zum Teil auch ohne

Zusammenhang mit der geistigen Begabung zustandegekommen sein.

Die soziale Auslese nach Rassenanlagen läßt sich zahlenmäßig am

schlagendsten an der ~sozialen Stellung der Juden~ belegen, weil in

diesem Falle die Konfession eine verhältnismäßig klare Abgrenzung

ermöglicht oder doch wenigstens früher ermöglichte. In die

Berufsverteilung der Juden gewährt folgende Aufstellung (nach ~Segall~)

einen gewissen Einblick:

Im Jahre 1907 waren im Deutschen Reich beschäftigt:

von den von den

erwerbstätigen erwerbstätigen

Juden Nichtjuden

in der Landwirtschaft 1,0 % 28,9 %

in Industrie und Gewerbe 22,6 % 42,9 %

im Handel und Verkehr 55,2 % 13,4 %

als Beamte und in freien Berufen 6,6 % 5,5 %

als Selbständige ohne Beruf

(Rentner u. ä.) 14,2 % 8,4 %

als häusliche Dienstboten 0,3 % 1,3 %

Die Juden finden sich fast nur in Berufen mit vorwiegend geistiger

Tätigkeit, insbesondere in solchen, bei denen der Erfolg von der

Beeinflussung anderer Menschen abhängt; sie sind daher insbesondere

im Kleidergeschäft, im Kunsthandel, im Theater und Kino, im

Warenhauswesen, in der Börse, unter Journalisten, Schauspielern,

Musikern, Rechtsanwälten, Ärzten ganz unverhältnismäßig stark

vertreten, was in Anbetracht ihrer psychologischen Veranlagung ohne

weiteres verständlich ist (vgl. S. 294 des ersten Bandes).

Während die Juden im Jahre 1907 von der Gesamtbevölkerung nur

1% ausmachten, betrug ihr Anteil bei den Ärzten 6%, bei den

Rechtsanwälten 15%. Unter den deutschen Hochschullehrern gab es im

Jahre 1909/10 bei den Juristen 14,2% geborene Juden (einschließlich

der später getauften), bei den Philosophen 12,0%, bei den

Medizinern 16,8%. Die Zahl der Hochschullehrer von ganz oder

teilweise jüdischer Abstammung übertrifft die der geborenen Juden

sicher noch bedeutend. Diese Zahlen werfen zugleich auch Licht auf

die mit der Berufsauslese zusammenhängende Standesauslese; und

es ist klar, daß die Juden ihr so überaus günstiges Abschneiden

in der sozialen Auslese nicht ihrer Konfession, sondern ihren

Rassenanlagen verdanken.

Auf die Verteilung der Juden nach wirtschaftlichen Klassen wirft

folgende Aufstellung Licht:

Von den im Jahre 1907 in waren Arbeiter in leitender

der Industrie beschäftigten oder Gehilfen Stellung

Juden 31,5 % 46,0 %

Nichtjuden 77,1 % 16,2 %

Von den im Verkehrsgewerbe

beschäftigten

Juden 24,5 % 58,8 %

Nichtjuden 39,9 % 39,0 %

Von den im Handel beschäftigten

Juden 28,0 % 40,3 %

Nichtjuden 74,8 % 8,6 %

Noch schlagender geht die unverhältnismäßig günstige Wirtschaftslage

der Juden aus der Steuerstatistik hervor. In Berlin machten die Juden

i. J. 1910 noch nicht 5% der Bevölkerung aus, hatten aber über 30% der

Steuern zu zahlen. Auf einen Juden entfielen in Berlin i. J. 1905/6

357 Mk. Steuer, auf einen Evangelischen 133 Mk. In Frankfurt a. M.

machten die Juden i. J. 1902 14,5% der Steuerpflichtigen aus, hatten

aber 41,3% der Steuern zu zahlen. In Baden bildeten die Juden 1908

1,3% der Bevölkerung, zahlten aber 8,4% der Vermögens- und 9,0% der

Einkommensteuer.

Die soziale Auslese zugunsten der Juden würde natürlich noch

stärker hervortreten, wenn man die getauften Juden und die

Mischlinge aus der nichtjüdischen Bevölkerung aussondern könnte.

Auch ist zu bedenken, daß die festgestellten Unterschiede um so

bedeutungsvoller sind, als dem sozialen Aufstieg der Juden bis

vor kurzem mancherlei Hemmnisse bereitet wurden. Von gewissen

angesehenen Berufen, wie dem des Offiziers, des Richters, des

höheren Beamten, wurden die Juden nach Möglichkeit ferngehalten;

trotzdem waren im Jahre 1907 unter den höheren Beamten schon 1,9%

Juden, unter den Richtern sogar 4,3% Juden gegenüber einem Anteil

von 1% an der Gesamtbevölkerung. Auch im Adel ist jüdisches Blut

offenbar viel stärker als sonst in der Bevölkerung vertreten. Im

ganzen aber entsprach das gesellschaftliche Ansehen der Juden bis

vor kurzem ihrer günstigen wirtschaftlichen Lage nicht.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die soziale Stellung der Juden,

welche durch die Revolution im ganzen noch bedeutend zu ihren

Gunsten verschoben worden sein dürfte, weiterhin gestalten wird. In

den revolutionären Bewegungen der Gegenwart lag die Führung fast

überall hauptsächlich in den Händen von Juden, und viele Zeichen

sprechen dafür, daß an die Stelle der bisherigen vorwiegend

nordischen Führerschicht in Europa mehr und mehr eine jüdische

treten wird.

Auch an der Klasse der ~Verbrecher~ sind die verschiedenen Rassen in

verschiedenem Maße beteiligt. In Nordamerika haben die Neger eine

bedeutend größere Kriminalität als die weiße Bevölkerung. Unter den

Einwanderern aus den südlichen und östlichen Teilen Europas hat man

eine erheblich größere Häufigkeit von Verbrechern als unter denen aus

den nordwestlichen Ländern Europas festgestellt. Schon ~Lombroso~

hat darauf hingewiesen, daß in Europa Mord und Totschlag bei den

germanischen Völkern am seltensten, bei den romanischen am häufigsten

vorkommt, und daß in Italien diese Verbrechen in den Landesteilen mit

überwiegend mediterranem Typus, also im Süden und auf den Inseln,

bedeutend häufiger sind als in den übrigen, die vorwiegend alpinen

Typus mit nordischem Einschlag haben.

In Deutschland ist die Häufigkeit von Verbrechen in den nordwestlichen

Teilen, welche eine vorwiegend nordische Bevölkerung haben, bedeutend

geringer als in den östlichen und südlichen Teilen, welche erheblichere

Einschläge anderer Rassen haben.

In den Jahren 1882/91 kamen auf 100000 strafmündige Personen

nach dem Wohnort der Täter zur Zeit der Tat folgende Zahlen von

Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze in verschiedenen

Landesteilen:

Hannover, Oldenburg 711

Hessen-Nassau, Großh. Hessen 729

Rheinprovinz 746

Württemberg und Baden 811

Pommern, Schleswig-Holstein, Mecklenburg 822

Oberschlesien 1711

Posen 1612

Ost- und Westpreußen 1570

Bayern (ohne die Pfalz) 1170

Schlesien (ohne Oberschlesien) 1060

Die übrigen Gebiete standen in der Mitte, und auf den

Reichsdurchschnitt kamen etwas über 1000 Vergehen auf 100000

Einwohner.

Natürlich kommt auch den Unterschieden der Wirtschaftslage und der

Bildung ein bedeutender ursächlicher Einfluß zu; aber man darf

andererseits nicht vergessen, daß auch diese Unterschiede durch die

Rassenanlage wesentlich mitbedingt sind.

1892-1901 kamen im Deutschen Reich auf 100000 strafmündige

Zivilpersonen 1207 Verfehlungen im Durchschnitt, bei den Juden

nur 1030 gegenüber 1122 bei den Evangelischen und 1361 bei den

Katholiken. Die Juden schneiden besonders günstig ab bei einfacher

Körperverletzung (49 Fälle auf 100000 Personen gegen 71 bei

den Christen), gefährlicher Körperverletzung (54 gegen 161),

einfachem Diebstahl (80 gegen 231), schwerem Diebstahl (11 gegen

33), recht ungünstig dagegen bei der Beleidigung (200 gegen 143),

Betrug (113 gegen 61), Urkundenfälschung (25 gegen 13). Auch

beim Zustandekommen dieser Unterschiede spielt die soziale Lage

und insbesondere die Berufstätigkeit natürlich eine große Rolle.

Andererseits aber wirken die seelischen Rassenunterschiede, welche

im ersten Teil erörtert wurden, offenbar in derselben Richtung.

Ob dabei die geringere Widerstandskraft gegenüber Versuchungen

zu Gewalttätigkeiten oder zu Betrügereien moralisch schwerer zu

beurteilen sei, kann hier völlig dahingestellt bleiben.

Auf jeden Fall bestehen enge Beziehungen zwischen Rasse und Verbrechen.

Selbst die alte Lehre ~Lombrosos~, daß der „geborene Verbrecher“

einer besonderen primitiven Urrasse des Menschengeschlechts angehöre,

scheint mir nicht ohne ein Körnchen von Wahrheit zu sein. Im Typus der

Verbrecher findet man recht oft Züge, die an den Neandertalmenschen

oder sonstige primitive Rassen erinnern durch vorspringende massige

Kiefer, fliehende Stirn u. a. Wenn eine Rasse durch eine andere

verdrängt wird, so pflegt ja im allgemeinen doch etwas von ihrer

Erbmasse in Mischung erhalten zu bleiben, und es ist daher ganz gut

möglich, daß auch von den frühdiluvialen Rassen Europas noch Erbanlagen

in der europäischen Bevölkerung zerstreut vorhanden sind und daß ihre

Träger mit den Forderungen des sozialen Lebens besonders leicht in

Widerstreit geraten. Auch ist zu bedenken, daß es einen biologischen

Wesensunterschied zwischen den Rassenanlagen und den sonstigen

erblichen Anlagen einschließlich der krankhaften eigentlich nicht gibt

(vgl. S. 285 des ersten Teils).

#3. Die Zusammenhänge zwischen sozialer und biologischer Auslese.#

a) ~Die sozialen Unterschiede der Fortpflanzung.~

Wenn von Auslese beim Menschen die Rede ist, so wird die soziale

Auslese gewöhnlich mit der biologischen verwechselt. In den Ländern

abendländischer Kultur spielt ja der Tod durch Verhungern, Erfrieren

und Ähnliches, wenn man von Zeiten des Krieges und der Revolution

absieht, kaum eine Rolle. Die Anstrengungen der allermeisten Menschen

gelten daher weniger der unmittelbaren Erhaltung des Lebens als

vielmehr der Erringung eines als „besser“ oder „höher“ angesehenen

Lebens. Gewöhnlich wird dabei ohne weiteres vorausgesetzt, daß der

Sieg im Kampfe um eine höhere wirtschaftliche oder soziale Stellung

zugleich auch den Sieg im Kampfe ums Dasein bedeute. In Wahrheit ist

meist das Gegenteil der Fall. Wir haben weiter oben gesehen, daß die

biologische Auslese sich letzten Endes ausschließlich nach der Zahl der

zur Fortpflanzung kommenden Nachkommen bemißt. Mag ein Mensch daher

eine noch so glänzende wirtschaftliche oder gesellschaftliche Laufbahn

haben, wenn er keine Kinder hinterläßt, so ist er in der biologischen

Auslese unterlegen. Nun liegen die Verhältnisse im Bereiche der

abendländischen Kultur in der Tat so, daß die oberen Stände überall

eine unterdurchschnittliche Zahl von Nachkommen haben; ja in den höher

gebildeten Ständen reicht die Zahl der Kinder nicht einmal mehr zur

einfachen Erhaltung der Familien aus. Der soziale Aufstieg führt daher

unter den Verhältnissen der modernen Kultur zum Aussterben der Familien.

Das ist durchaus nicht immer so gewesen. Bei Naturvölkern haben die

bewährten Krieger und besonders die Häuptlinge, die Möglichkeit,

die meisten Frauen zu nehmen und die meisten Kinder zu erzeugen. So

war es auch noch bei den Germanen der Völkerwanderung. In Zeiten

der Hungersnot gingen vorzugsweise die Besitzlosen und die Unfreien

zugrunde, insbesondere deren Kinder. Bis in die letzten Jahrhunderte

konnte der wohlhabende Bauer eher heiraten, als der besitzlose

Arbeiter, der erst an die Gründung einer Familie denken konnte, wenn

er in eine entsprechende Stelle einrückte, was bei den meisten spät,

bei manchen nie geschah. Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse im

Handwerk, wo die Gesellen in der Regel nicht heiraten konnten. Die

besitzenden Bauern und die Handwerksmeister dagegen machten von der

Möglichkeit der Kindererzeugung ungehemmten Gebrauch. Außerdem hatten

Gutsherren, Großbauern und andere sozial günstig gestellten Männer

in Zeiten, als die Geschlechtskrankheiten auf dem Lande noch keine

Rolle spielten und die sozialen Zustände es ermöglichten, oft eine

ganze Anzahl unehelicher Kinder. Das galt für manche Gegenden bis vor

wenigen Jahrzehnten. Vor allem aber durch die erwähnte Gestaltung der

ehelichen Fortpflanzungsverhältnisse war die positive soziale Auslese

mit positiver biologischer verknüpft.

Heute ist es umgekehrt. Das Heiratsalter in den besitzenden und

gebildeten Klassen ist viel höher als in den besitzlosen und

ungebildeten, Ehelosigkeit in ihnen viel häufiger, die Kinderzahl in

den Ehen viel geringer. Auch heute ist also zwar die soziale Auslese

mit biologischer verknüpft, aber so, daß die positive soziale Auslese

zur negativen biologischen führt. Dazu kommt noch, daß negative

biologische Auslese zur positiven sozialen führen kann. Schon weiter

oben wurde erwähnt, daß z. B. Kinderarmut infolge Gonorrhoe der Eltern

zum sozialen Aufstieg der Kinder führen kann, weil bei wenigen Kindern

jedes eine sorgfältigere Erziehung und ein größeres Erbteil bekommen

kann als bei vielen. Und was nun das Verhängnisvollste ist: ~der

Umstand, daß Kleinheit der Familie zum sozialen Aufstieg führen kann,

wird zum Beweggrund, die Familie klein zu halten~. Das Unterliegen

in der biologischen Auslese wird im Interesse des Sieges in der

sozialen in Kauf genommen, ja mehr noch, es wird als Mittel dazu

benützt, zumal von solchen, die den Zusammenhang zwischen Kleinheit

der Familie und sozialem Aufstieg erkennen, ohne daß ihnen freilich

die letzten Folgen, das Aussterben der Familie und die Entartung der

Bevölkerung klar zu sein pflegen. ~So wird die soziale Auslese

unter den modernen Lebensverhältnissen die Ursache einer biologischen

Gegenauslese größten Stiles~.

Um die Unterschiede der Fortpflanzung richtig beurteilen zu können,

ist es nötig, zu wissen, wie viele Kinder im Durchschnitt gerade eben

noch zur Erhaltung der Familie ausreichen. Von vornherein ist klar,

daß zwei Kinder dazu nicht genügen, obwohl das die landläufige Meinung

ist. Da ein Teil der Nachkommen vor Erreichung des Fortpflanzungsalters

stirbt und ein weiterer kinderlos bleibt, müssen mehr als zwei Kinder

vorhanden sein, wenn auch nur zwei wieder zur Fortpflanzung kommen

sollen.

~Fahlbeck~ hat im Jahre 1903 das Erhaltungsminimum auf gegen 4

Kinder pro Ehe angegeben, ~Graßl~ im Jahre 1914 auf 3,3. Das

Erhaltungsminimum ist nicht zu allen Zeiten gleich, sondern

abhängig von dem Bruchteil der Geborenen, der vor Erreichung des

fortpflanzungsfähigen Alters stirbt. In den letzten Jahren vor dem

Kriege lebten von 1000 geborenen weiblichen Personen während des

gebärfähigen Alters im Durchschnitt etwa 750. Wenn 1000 Frauen

und die dazugehörigen 1000 Männer ihre Zahl ersetzen wollten, so

mußten sie also etwa 2700 Kinder bekommen (x: 2000 = 2000: 1500).

Auf 1000 gebärfähige weibliche Personen von 15 bis 45 Jahren

mußten dann also jährlich 2700: 30 = 90 Geburten kommen, oder auf

eine erwachsene weibliche Person im ganzen 2,7 Geburten. Wenn die

Kriegsverluste nicht ersetzt zu werden brauchten, so würde diese

Zahl auch heute noch gelten.

Wenn der Ersatz der Familien nur durch eheliche Geburten erfolgen

soll, so müssen auf eine Ehefrau natürlich etwas mehr Geburten

kommen. Vor dem Kriege blieb etwa jede achte weibliche Person

dauernd ehelos; die Erhaltung würde also erst bei 3,1 Geburten

auf eine Ehefrau im Durchschnitt gewährleistet sein (x: 2,7 =

8: 7). In der nächsten Zeit wird etwa jede vierte Frau ehelos

bleiben. Wenn die Bevölkerung ihre Zahl erhalten soll, so müßten

also mindestens 3,6 Geburten auf eine Ehefrau kommen (x: 2,7 =

4: 3). Auf 1000 Ehefrauen im gebärfähigen Alter wären vor dem

Kriege etwa 160 Geburten jährlich zur Erhaltung gerade ausreichend

gewesen, gegenwärtig etwa 185. Auf 1000 Einwohner betrug das

Erhaltungsminimum vor dem Kriege etwa 20 Geburten jährlich und

gegenwärtig etwa 21.

Die zur Erhaltung gerade ausreichende Zahl von Geburten beträgt für die

deutsche Bevölkerung also ungefähr:

| | auf 1000 | auf 1 | | auf 1000

| auf 1000 | weibl. | weibl. | auf 1 | Ehefrauen

| Einw. | Personen | Person | Ehefrau | von

| jährlich | von 15-45 | im Leben | im Leben | 15-45 Jahren

| | Jahren | | |

--------+----------+-----------+----------+----------+-------------

vor dem | 20 | 90 | 2,7 | 3,1 | 160

Kriege | | | | |

--------+----------+-----------+----------+----------+-------------

nach dem| 21 | 90 | 2,7 | 3,6 | 185

Kriege | | | | |

An der Hand dieser Zahlen können wir die statistischen Angaben in

den folgenden Abschnitten einigermaßen quantitativ beurteilen. Wenn

in einer Bevölkerungsgruppe die entsprechenden Zahlen z. B. doppelt

so hoch sind, so bedeutet das eine Verdoppelung der betreffenden

Bevölkerungsgruppe innerhalb einer Generation; wo sie hinter den

angegebenen Zahlen mehr oder weniger zurückbleiben, bedeutet es ein

schnelleres oder langsameres Aussterben.

Die Abhängigkeit der Nachkommenzahl von der sozialen Stellung

geht aus einer Erhebung über die Beamten des deutschen Post- und

Telegraphenwesens vom Jahre 1912 schlagend hervor. Im Alter von 55

bis 60 Jahren betrug die durchschnittliche Kinderzahl

bei den höheren Beamten 2,2

bei den mittleren Beamten 2,6

bei den unteren Beamten 3,9.

Dabei sind die Ledigen nicht eingerechnet. Nur die unteren

Beamten (Briefträger, Bahnwärter u. a.) hatten also eine über das

Erhaltungsminimum hinausgehende Kinderzahl; von den höheren Beamten

dagegen nur etwa ein Fünftel, während die übrigen vier Fünftel mehr

oder weniger weit dahinter zurückblieben. Bei den jüngeren Beamten,

deren Fortpflanzung im Jahre 1912 noch nicht abgeschlossen war,

liegen die Verhältnisse zweifellos noch schlimmer. Dabei stellen

die höheren Beamten und in geringerem Grade auch die mittleren eine

soziale Auslese nach geistiger Begabung, Pflichttreue und auch

körperlicher Tüchtigkeit dar.

Nach dem statistischen Jahrbuch für Frankreich stellte sich im

Jahre 1906 die Kinderzahl abgeschlossener Ehen in verschiedenen

Berufen folgendermaßen:

Textilarbeiter 3,4

Erdarbeiter 3,0

Metallarbeiter 2,8

Monteure 2,3

Bankiers 2,2

Rechtsanwälte 2,0

Ärzte und Apotheker 1,9.

~Je höher die Bildung und soziale Stellung und, wie man schließen

darf, je höher die geistige Begabung ist, desto geringer ist also

die Zahl der Nachkommen~. Bei uns liegen die Verhältnisse sicher

nicht wesentlich anders. Zwar war die absolute Geburtenzahl bei uns

vor dem Kriege erheblich höher als in Frankreich; die Unterschiede

zwischen den verschiedenen sozialen Schichten waren aber dafür um so

größer, und gegenwärtig ist natürlich die Fortpflanzung der gebildeten

Familien erst recht ungenügend. ~Bei Fortbestehen der bisherigen

Ausleseverhältnisse ist daher ein ziemlich rascher Rückgang der

Begabung unserer Bevölkerung eine unentrinnbare Folge~.

Am schlimmsten steht es um die Erhaltung der hervorragend begabten

Familien in der abendländischen Kultur.

~J. Bertillon~ stellte i. J. 1911 die Kinderzahl von 445 der

berühmtesten Franzosen fest und fand 1,3 Kinder pro Ehe. Die 575

Kinder reichen natürlich nicht entfernt aus, um die 890 Eltern

an Zahl zu ersetzen; 117 waren überhaupt kinderlos, und nur 24

hatten mehr als 2 Kinder. ~Catell~ fand i. J. 1914 an 1000 Ehen

amerikanischer Gelehrter eine Kinderzahl von 1,5. ~Webb~ fand bei

englischen Intellektuellen eine durchschnittliche Kinderzahl von

1,5, während die Kinderzahl der Handarbeiter um dieselbe Zeit etwa

5 betrug. Im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie berichtet

i. J. 1920 ein älterer deutscher Akademiker über seine 26 näheren

Jugendfreunde, die in den siebziger Jahren ihre Hochschulstudien

betrieben. Alle seien überdurchschnittlich, die meisten hoch

begabt, und die meisten seien zu Wohlstand und Ansehen, mehrere zu

Berühmtheit gelangt. Die Kinderzahl pro Ehe betrug 1,8.

~Jedenfalls reichte auch in Deutschland in dieser Generation der

Nachwuchs der Höherbegabten schon lange nicht mehr zum Ersatz der

Familien aus, und um die junge Generation steht es zweifellos noch

schlimmer~.

Als einer der Ersten hat der holländische Soziologe ~Steinmetz~

auf die große Kulturgefahr hingewiesen, welche in der Tatsache

des unzureichenden Nachwuchses der Begabten liegt. Die von ihm

beigebrachten Zahlen sind indessen vermutlich noch zu günstig, da

er von 800 Fragebogen nur 300 zurückbekam und da die Kinderarmen

weniger gern geantwortet haben dürften.

Den Unterschieden der Fortpflanzung nach der gesellschaftlichen

Stellung entsprechen im allgemeinen die nach der wirtschaftlichen

Lage; doch darf man nicht ohne weiteres aus den einen auf die ändern

schließen. So haben die höheren Beamten gesellschaftlich eine sehr

angesehene Stellung, ohne daß sie in der Regel besonders wohlhabend

zu sein pflegen; und wenn die Besoldung der höheren Beamten im neuen

Deutschland der der unteren stark angenähert worden ist, so hat das

natürlich nicht etwa auch eine Annäherung in der Nachkommenzahl an

diese zur Folge. Auch die Offiziersfamilien, welche im kaiserlichen

Deutschland das höchste Ansehen genossen, verfügten zum größten

Teil nicht über größeren Besitz und nur über ein sehr bescheidenes

Diensteinkommen, während die gesellschaftlichen Anforderungen, die an

sie gestellt wurden, sehr hohe waren. Die Offiziersfamilien, welche an

körperlicher und geistiger Tüchtigkeit den Durchschnitt weit überragen,

hatten schon vor dem Kriege eine eher noch geringere Kinderzahl als

die der höheren Beamten, und auch sie gingen daher ziemlich schnell

dem Aussterben entgegen, noch schneller natürlich jetzt. Andererseits

sind aber auch die deutschen Juden, welche sich vor dem Kriege mehr

durch Wohlstand als durch soziales Ansehen auszeichneten, in einer ganz

ähnlichen Lage.

Wie ~Theilhaber~ gezeigt hat, reichte die Fortpflanzung der

Berliner Juden i. J. 1910 nur hin, um zwei Drittel der elterlichen

Generation zu ersetzen, und wenn man die ärmeren Judenfamilien

ausscheiden könnte, so würde das Aussterben der wohlhabenderen

natürlich noch viel schlagender zutage treten.

In England stellte eine Kommission, die 1913 zum Studium der

Geburtenfrage eingesetzt wurde, fest, daß auf 1000 verheiratete

Männer unter 55 Jahren folgende Geburtenzahlen kamen:

in der Oberschicht und im oberen Mittelstande 119

im unteren Mittelstande 132

bei den gelernten Arbeitern 153

bei den ungelernten Arbeitern 213.

Vergleicht man diese Zahlen mit der oben berechneten Tabelle (S.

72), so sieht man, daß das Erhaltungsminimum nur bei den ungelernten

Arbeitern überschritten wird, bei diesen allerdings bedeutend. Bei uns

liegen die Verhältnisse in dieser Beziehung sicher ganz ähnlich wie

in England. In verhältnismäßig wenigen Generationen wird also jener

körperliche und seelische Typus, den heute die ungelernten Arbeiter

aufweisen, den Typus der ganzen Bevölkerung darstellen.

Auch in der ländlichen Bevölkerung sind die Unterschiede der

Fortpflanzung zwischen den verschiedenen sozialen Schichten ganz

entsprechend.

Nach ~Berger~ kamen i. J. 1907 in Preußen auf 1000

verheiratete Männer in der Landwirtschaft folgende Geburtenzahlen:

bei Selbständigen und Verwaltern 155

bei Landarbeitern 238.

Der Züricher Statistiker ~Feld~ hat in sorgfältiger Weise alle

Ehen untersucht, die in Zürich in den Jahren 1905-1911 durch den

Tod gelöst wurden, die mindestens 15 Jahre gedauert hatten und in

denen die Frau im Alter von weniger als 25 Jahren geheiratet hatte:

weniger mehr

als als

Von 100 Züricher Ehen hatten 3 Kinder 3 Kinder

bei den Fabrikanten, Großkaufleuten, Akademikern 58,6 41,4

bei den Beamten, Lehrern, Privatangestellten 47,8 52,2

bei den kleineren Geschäftsleuten u.

Handwerksmeistern 42,7 57,3

bei den gelernten Arbeitern und Unterbeamten 38,3 61,7

bei den ungelernten Arbeitern 38,1 61,9.

In Wirklichkeit schneiden die oberen Stände zweifellos noch viel

ungünstiger ab, als es nach dieser Aufstellung scheint. Man muß

nämlich bedenken, daß Ehen, in denen die Frau bei der Heirat

weniger als 25 Jahre alt war und die hier allein berücksichtigt

sind, in den oberen Ständen erheblich seltener als in den unteren

sind und daß völlige Ehelosigkeit in den oberen Ständen häufiger

ist. Ferner ist zu bedenken, daß es sich in der Untersuchung

~Felds~ um Ehen handelt, die alle noch im 19. Jahrhundert

geschlossen wurden, und daß gegenwärtig die Fortpflanzung der

oberen Stände zweifellos noch geringer ist. In dieser Aufstellung

kommen also nur jene Unterschiede der Fortpflanzung zum Ausdruck,

die um die Jahrhundertwende zwischen etwa gleich lange dauernden

Ehen in den verschiedenen Ständen bestanden. Das aber ist nur

ein kleiner Teil des Gesamtunterschiedes ihrer Fortpflanzung.

Jedenfalls ist es durchaus zutreffend, wenn ~Feld~ sagt: „Je höher

wir in der sozialen Rangordnung emporsteigen, um so geringer ist

die Fruchtbarkeit, die wir antreffen. Die Schichten, die ökonomisch

am ehesten in der Lage wären, eine größere Nachkommenschaft

aufzuziehen, haben die wenigsten Kinder.“ Auch bei Betrachtung des

Schicksals der einzelnen Familien wird man an die Lehre Christi

erinnert, daß der, welcher sein individuelles Leben lieb hat, das

dauernde verlieren wird und umgekehrt. Jene Lehre war natürlich

nicht biologisch gemeint, aber auch biologisch ist es tatsächlich

die Regel, daß der, welcher seinen individuellen Machtwillen

durchzusetzen in der Lage ist, dem dauernden Leben der Rasse

verloren zu gehen pflegt. Und die Folgen dieses Umstandes sind

leider ganz und gar nicht erfreulich.

Es gibt noch eine Menge statistischer Belege dafür. Die meisten

beziehen sich allerdings mehr auf mittelbare Zusammenhänge, da der

direkte Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und Kinderzahl

nur schwer zu fassen ist. So hat z. ~B. Mombert~ gezeigt, daß die

Fruchtbarkeit im umgekehrten Verhältnis zur Wohnungsgröße steht,

~Bertillon~, ~Clémentel~ u. a. haben gezeigt, daß die Fruchtbarkeit

armer Stadtteile größer ist als die wohlhabender und daß sie am

kleinsten in den reichsten ist. Hierbei spielt freilich auch der

Umstand mit, daß kinderlose und kinderarme Leute sich eher das

Wohnen in vornehmen Wohnungen leisten können als kinderreiche und

daß die Überfüllung der Wohnungen zum Teil erst eine Folge der

größeren Kinderzahl ist. Gerade darum aber kann das Verlangen nach

einer geräumigen und behaglichen Wohnung die Beweggründe für die

Kleinhaltung der Familie verstärken und eben darum die bessere

Wohnung zu einer direkten Ursache der Kinderarmut werden.

Im Deutschen Reich fanden vor dem Kriege jährlich nicht ganz 2

Millionen Geburten statt (1912 etwa 1,92; 1914 etwa 1,9 Mill.).

Wenn keinerlei Hemmungen der Fortpflanzung bestanden hätten,

so würde jedes weibliche Wesen zwischen 16 und 45 Jahren etwa

alle 1-1/2 Jahre ein Kind bekommen haben, was bei dem damaligen

Bevölkerungsaufbau jährlich etwa 14 Millionen Geburten ausgemacht

hätte. Wie ist nun der Unterschied zwischen dieser höchstmöglichen

und der wirklichen Zahl zustandegekommen? Zunächst blieb etwa jede

achte weibliche Person dauernd ehelos und damit in den meisten

Fällen auch kinderlos, was einen Ausfall von etwa 2-2,5 Kindern

pro Frau oder von 1,5-2 Millionen pro Jahr und Reich bedeutet. Von

wesentlich größerer Bedeutung war der Umstand, daß das mittlere

Heiratsalter mit 25 Jahren um etwa 10 Jahre später lag als die

erste Empfängnismöglichkeit, was einen Ausfall von 6-7 Kindern

pro Frau oder von 4-5 Millionen pro Jahr und Reich bedeutete.

Die dritte große Ursache des Geburtenausfalles sind Gonorrhoe und

Syphilis. Ich schätze, daß dadurch etwa ein Fünftel der Ehen in

ihrer Fruchtbarkeit eingeschränkt wurden oder daß 2-2,5 Kinder

pro Frau oder etwa 1 Million pro Jahr und Reich ausfielen. Durch

sonstige Ursachen krankhafter Natur fiel vielleicht noch 1-1,5

Kind pro Weib oder etwa 1 Million Kinder pro Jahr und Reich aus.

Durch vorzeitigen Tod des Mannes oder Entfremdung der Gatten kam

vielleicht ein ebenso großer Ausfall zustande. Für die letzte und

praktisch wichtigste Ursache des Geburtenausfalls, die absichtliche

Verhütung, würde dann noch etwa ein Ausfall von 3-4 Kindern pro

Frauenleben oder von 2-3 Millionen pro Jahr und Reich anzunehmen

sein.

| pro | pro Jahr u. Reich

|Frauenleben| vor dem Kriege

======================================+===========+==================

Höchstmögliche Geburtenzahl | ca. 20 | ca. 14 Mill.

Tatsächliche Geburtenzahl | ca. 3,5 | ca. 1,9 „

--------------------------------------+-----------+------------------

Geburtenausfall im Ganzen | ca. 16,5 | ca. 12 Mill.

--------------------------------------+-----------+------------------

Geburtenausfall durch dauernde | 2-2,5 | 1,5-2 Mill.

Ehelosigkeit | 2-2,5 | 1,5-2 Mill.

„ Verzögerung der Eheschließung | 6-7 | 4-5 „

„ Gonorrhoe und Syphilis | 2-2,5 | 1,5-2 „

„ sonstige nicht absichtliche | 2-3 | 1,5-2,5 „

Ursachen | 2-3 | 1,5-2,5 „

„ Verhütung in der Ehe | 3-4 | 2-3 „

Im Einzelfall liegen natürlich oft mehrere Ursachen zugleich vor,

deren jede für sich schon zum Geburtenausfall genügen würde. Wenn

z. B. nicht schon so viele Ehen infolge Gonorrhoe oder Syphilis

unfruchtbar wären, so würde auch in diesen vielfach absichtliche

Verhütung eintreten. Nur wo das nicht der Fall sein würde, kann

man den Geburtenausfall in jenen Ehen ausschließlich auf die

Krankheit beziehen. Wenn es diese Krankheiten garnicht gegeben

hätte, so würden doch nicht 1,5-2 Millionen Kinder mehr geboren

worden sein, sondern vielleicht nur 3/4 Million. Wenn anderseits

alle anderen Ursachen des Geburtenausfalls keine Rolle gespielt

hätten, so würde der durch Gonorrhoe und Syphilis entsprechend

stärker in die Erscheinung getreten sein. In der Aufstellung ist

bei der Abschätzung des Einflusses der Geschlechtskrankheiten

angenommen, daß Ehelosigkeit und Heiratsalter schon den

tatsächlichen Verhältnissen entsprechend gegeben waren, der

Ausfall durch Verhütung dagegen noch nicht. So versteht sich diese

Zahl. Gonorrhoe und Syphilis untergraben also die Möglichkeit von

vielleicht 2 Millionen Geburten, aber nur die Wirklichkeit von 3/4

Million.

Selbstverständlich handelt es sich nur um ungefähre Schätzungen.

Statistiker, welche auf die „Genauigkeit“ der 3. Stelle rechts vom

Komma ebenso großen Wert legen wie auf die der 3. Stelle links

vom Komma, werden sagen, daß diese Aufstellung wertlos sei. Ich

glaube aber, daß sie von den Ursachen des Geburtenausfalls eine

deutlichere Vorstellung gibt als manche auf drei Dezimalen „genaue“

Berechnung.

Da die Auslese die weitaus wichtigste Ursache der ferneren Gestaltung

der Erbbeschaffenheit einer Bevölkerung ist, haben die verschiedenen

Gruppen von Ursachen des Geburtenausfalls für uns vor allem nach ihrer

Auslesebedeutung Interesse.

Völlige Ehelosigkeit ist oft eine Folge körperlicher oder geistiger

Mängel. Alte Jungfern sind im Durchschnitt häßlicher und auch häufiger

kränklich oder psychopathisch als Ehefrauen desselben Alters, weil sie

eben einen Rückstand von der geschlechtlichen Auslese darstellen. Von

den Junggesellen gilt Ähnliches in etwas geringerem Grade, weil viele

von ihnen aus Bequemlichkeit oder wegen erworbener Krankheit ehelos

bleiben. Andererseits ist z. B. die Ehelosigkeit bei katholischen

Geistlichen zum Teil geradezu eine Folge ihrer höheren Begabung, indem

hauptsächlich besonders begabte junge Leute den geistlichen Beruf

ergreifen. Besonders in der neuesten Zeit führt gerade geistige und

körperliche Tüchtigkeit in zunehmendem Maße zur Ehelosigkeit; so werden

die meisten Mädchen, welche einen Beruf ausüben, der hohe Anforderungen

stellt, eben wegen ihrer Tüchtigkeit der Ehe entzogen. In der gleichen

Richtung wirkt der Umstand, daß Ehelosigkeit in den oberen Ständen

häufiger ist als in den unteren.

Vor dem Kriege blieb etwa ein Achtel aller Mädchen dauernd ledig, in

den oberen Ständen aber erheblich mehr. In den nächsten Jahren kommt

dazu die Wirkung der Kriegsverluste. Wenn man diese in Beziehung zu

der Zahl der heiratsfähigen Männer setzt, so ergibt sich, daß etwa ein

weiteres Achtel aller Mädchen infolge der Kriegsverluste keinen Mann

finden wird. Da nun die oberen Stände viel schwerere Kriegsverluste

als die unteren erlitten haben und da infolge des unglücklichen

Kriegsausganges und der Revolution die Berufsaussichten der gebildeten

jungen Männer sich überaus ungünstig gestaltet haben, so wird in den

kommenden Jahren mindestens ein Drittel oder vielleicht sogar die

Hälfte der Töchter der gebildeten Familien keinen Mann finden. Die

Auslese durch Ehelosigkeit, welche in früherer Zeit ganz überwiegend

günstig war, hat daher gegenwärtig zum großen Teil den Charakter der

Gegenauslese.

Ganz Entsprechendes gilt von der Verzögerung der Eheschließung. Auch

diese ist vielfach durch körperliche oder seelische Mängel bedingt.

Aber andererseits führen auch besondere Vorzüge, insbesondere höhere

Begabung, sehr oft zur Spätehe, zumal in der Gegenwart. Für die

gebildeten Stände, besonders für die höheren Beamten und Offiziere ist

die Spätehe ganz charakteristisch.

Von den höheren Post- und Telegraphenbeamten waren i. J. 1912 im

Alter von 35-40 Jahren noch 25% ledig gegenüber 13,1% bei der

Gesamtbevölkerung. Nach der deutschen Berufsstatistik von 1907

waren im Alter von 30-40 Jahren noch ledig Offiziere 49,3%, höhere

Beamte 45,4%, Hochschullehrer 41,4%, Ärzte 35,7% gegenüber 17,9%

in der männlichen Gesamtbevölkerung. In England betrug 1884-85 das

durchschnittliche Heiratsalter der

Bergarbeiter 24,0, ihrer Frauen 22,5

Textilarbeiter 24,4, „ „ 23,4

Schuster und Schneider 24,9, „ „ 24,3

Handlungsgehilfen 26,3, „ „ 24,4

Gebildeten und Selbständigen 31,2, „ „ 26,4

Diese Unterschiede entsprechen ziemlich genau dem Beispiel, an

welchem oben die Auslesebedeutung der Fortpflanzungsunterschiede

dargelegt wurde (vgl. S. 6). ~Rubin~ und ~Westergaard~ fanden

für die Jahre 1878-82 in Dänemark folgende Beziehungen zwischen

Heiratsalter und Kinderzahl:

Heiratsalter

des Mannes unter 25 J. 25-29 J. 30-34 J. 35-44 J. über 45 J.

Kinderzahl

pro Ehe 3,5 3,2 3,0 2,3 1,1

Eine noch stärkere Abhängigkeit besteht natürlich von dem

Heiratsalter der Frau, wie z. B. folgende Aufstellung des

Statistikers ~Boeckh~ zeigt:

Heiratsalter

der Frau unter 20 J. 20-25 J. 25-30 J. 30-35 J. über 35 J.

Kinderzahl

pro Ehe 5,5 4,5 4,1 2,9 1,3

Eine spät heiratende Bevölkerungsgruppe ist in mehrfacher Beziehung

gegenüber einer früh heiratenden biologisch im Nachteil. Erstens steht

bei Spätehe bis zum Ende der Fortpflanzungsfähigkeit eine geringere

Zeit zur Verfügung. Zweitens bleibt eine Gruppe mit langsamerer

Generationenfolge auch bei gleicher Kinderzahl hinter einer Gruppe mit

schnellerer Generationenfolge in der Vermehrung mehr oder weniger stark

zurück (vgl. S. 6). Verstärkt wird die unheilvolle Wirkung der Spätehe

noch dadurch, daß während der langen Jahre vor der Eheschließung

vielfach Geschlechtskrankheiten erworben zu werden pflegen, die

ihrerseits die Fruchtbarkeit herabsetzen. Auch haben Alkohol, Tabak und

andere idiokinetische Einflüsse viel länger Zeit zur Schädigung der

Erbmasse vor der Kindererzeugung. Auch wenn die Frauen spät heiratender

Männer selber in jugendlichem Alter stehen, so nehmen sie doch häufig

an deren Krankheit und Unfruchtbarkeit teil. Die Folgen für die

Familien gerade der gebildeten Stände liegen auf der Hand. ~Die Spätehe

wirkt daher in verhängnisvoller Weise bei der Austilgung der höheren

Begabungen mit~.

~Noch ungleich furchtbarer ist die Gegenauslese infolge absichtlicher

Geburtenverhütung, welche die praktisch entscheidende Hauptursache

des Geburtenausfalles darstellt~. Sie geschieht hauptsächlich durch

empfängnisverhütende Maßnahmen beim geschlechtlichen Verkehr, weniger

durch Verzicht auf geschlechtlichem Verkehr und durch absichtliche

Herbeiführung von Fehlgeburt.

Immerhin hat der bekannte Gynäkologe ~Döderlein~ die Zahl der

künstlichen Fehlgeburten in Deutschland auf 2-400000 Fälle jährlich

geschätzt, also auf mindestens 10-20% aller Befruchtungen.

Sehr wichtig ist es, sich über die Beweggründe der Geburtenverhütung

klar zu werden. Sehr häufig wird angegeben, daß diese hauptsächlich

aus wirtschaftlicher Not geschehe, weil man eben viele Kinder

nicht ernähren könne. Es ist in der Tat nicht zu bezweifeln, daß

wirtschaftliche Not in vielen Fällen zur Geburtenverhütung treibt,

besonders in der gegenwärtigen Lage der deutschen Bevölkerung. Dennoch

kann keine Rede davon sein, daß eigentliche Not die hauptsächlichste

Ursache der Geburtenverhütung sei. Dem widerspricht unbedingt die

Tatsache, daß die Kinderzahl im Durchschnitt um so kleiner ist, je

günstiger die wirtschaftliche Lage ist. Das hängt damit zusammen, daß

der durch Geburtenverhütung erzielbare wirtschaftliche Vorteil um

so größer ist, je günstiger die wirtschaftliche Lage ist. Ehepaare

mit großem Einkommen pflegen sich für verpflichtet zu halten, für

die Erziehung jedes Kindes große Summen aufzuwenden; das ist aber

natürlich nur bei wenigen Kindern möglich. Leute mit größerem Besitze

streben darnach, jedem Kinde einen möglichst großen Teil des Vermögens

zu hinterlassen. Daher ist die Rücksicht auf die Erbteilung eines

der wesentlichen Beweggründe für die Kleinhaltung der Familie.

Die unbeabsichtigte Geburt eines dritten Kindes wird von vielen

wohlhabenden Familien geradezu als ein Unglück empfunden.

Mindestens ebenso stark wie ~wirtschaftliche Rücksichten~ treiben

~gesellschaftliche~ zur Kleinhaltung der Familie; beides hängt

übrigens eng zusammen. Die gesellschaftliche Geltung eines Menschen

wird ja zum großen Teil nach dem Aufwand, welchen er machen kann,

beurteilt; vor dem Kriege war das noch ausgesprochener der Fall als

gegenwärtig. Wenn nur ein oder zwei Kinder vorhanden sind, so kann

natürlich ein größerer gesellschaftlicher Aufwand getrieben, mehr zur

Befriedigung des Geltungsbedürfnisses ausgegeben werden, als wenn

mehrere Kinder vorhanden sind. Auch dabei ist die Rücksicht auf die

Kinder noch entscheidender als die auf die eigene Person. Es gibt

kaum einen peinlicheren Gedanken für unsere Gebildeten als den eines

gesellschaftlichen Abstieges ihrer Nachkommenschaft. Eher findet

man sich noch mit dem Aussterben der Familie ab. Allerdings kommt

das Aussterben den Familien meist gar nicht zum Bewußtsein, da man

bei der allgemeinen biologischen Unbildung unserer Gebildeten sich

gar nicht klar darüber zu werden pflegt, wie schnell bei Zwei- und

Einkindersystem die Familien dahinschwinden.

Gemessen an den Ansprüchen, welche die „Gesellschaft“ an ihre

Mitglieder stellt, bestand in der Tat für viele eine relative

wirtschaftliche Not schon vor dem Kriege. In gewissen angesehenen

Ständen gibt es neben Familien mit großem Privatvermögen auch viele

solche, die auf ein bescheidenes Berufseinkommen angewiesen sind, die

sich aber gleichwohl für verpflichtet halten, es an gesellschaftlichem

Aufwand den reichen einigermaßen gleich zu tun. Das kann natürlich nur

auf Kosten einer ausreichenden Kinderzahl geschehen. Auch wo keine

größeren Unterschiede im Privatvermögen bestehen, können kinderreiche

Familien sich lange nicht denselben gesellschaftlichen Aufwand leisten

wie kinderarme. Wo es z. B. als unerläßlich gilt, für kleine Kinder

mehrere Dienstboten zu halten, verzichtet man lieber auf die Kinder als

auf die Dienstboten. Andererseits gilt freilich auch die Erhaltung der

Familie als gesellschaftliche Pflicht; sobald aber ein „Stammhalter“

vorhanden ist, pflegt man die Kindererzeugung einzustellen.

Dazu kommen die Rücksichten auf die Wohnungsverhältnisse. In vornehmen

Häusern ist es eben nicht üblich, daß viele Kinder vorhanden sind. Vor

dem Kriege wurde Kinderarmut oder selbst Kinderlosigkeit oft geradezu

zur Bedingung des Vermietens gemacht. Wenn mehrere Kinder kamen und die

vornehme Ruhe des Hauses störten, hatte man Kündigung zu gewärtigen.

Das ist ja nun gegenwärtig nicht der Fall; statt dessen wirkt aber

die Zwangseinmietung fremder Hausgenossen der Kindererzeugung in den

gebildeten Familien entgegen.

~Im ganzen stehen jedenfalls wirtschaftliche Rücksichten unter den

Beweggründen der Geburtenverhütung an erster Stelle~; das gilt für die

unteren Stände in gleicher Weise wie für die oberen. Je weniger Kinder

vorhanden sind, desto mehr kann für die Bedürfnisse und Neigungen der

einzelnen Familienmitglieder ausgegeben werden. Aber auch unmittelbar

scheuen die meisten Leute die Behinderung, welche in dem Vorhandensein

einer größeren Kinderzahl liegt. Das Verlangen nach möglichst großer

individueller Bewegungsfreiheit, die Scheu vor den Mühen und Sorgen der

Aufzucht und Erziehung, da und dort auch die Furcht vor den Schmerzen

und Gefahren der Geburt, wirken ebenfalls bei der Geburtenverhütung

mit. Nachdem nun einmal die Geburtenverhütung in weitesten Kreisen

bekannt ist und die weitgehende Beschränkung der Kinderzahl als

allein menschenwürdig angesehen wird, fürchten viele Ehepaare und

besonders Frauen auch den Spott der Nachbarn und Bekannten, wenn sie

mehr Kinder als einige wenige bekommen; und dieser Spott läßt auch

nicht auf sich warten. Die Angst, für dumm und gewöhnlich angesehen zu

werden, ist auch in den breiten Massen ein wesentlicher Beweggrund zur

Geburtenverhütung.

Die Auslesewirkung der Geburtenverhütung ist ganz überwiegend

ungünstig. Dadurch in erster Linie ist das Zurückbleiben der

wohlhabenden und gebildeten Familien in der Fortpflanzung bedingt, ein

Zurückbleiben, das, wie wir gesehen haben, bis zum Aussterben geht. So

werden die geistigen Anlagen, welche zur Erringung und Behauptung einer

höheren Stellung führen, durch die Geburtenverhütung ausgetilgt. Da

die Geburtenverhütung vielfach gerade aus Verantwortlichkeitsgefühl und

aus Liebe zu den vorhandenen Kindern geschieht, werden dadurch auch

ganz unmittelbar günstige seelische Anlagen ausgetilgt. Während die

Menschen von vorausschauender und vorsorglicher Geistesart, die von so

unersetzlicher Bedeutung für die Kultur ist, im großen Durchschnitt

keine zur Erhaltung ausreichende Kinderzahl mehr erzeugen, vermehren

sich solche Familien, die leichtsinnig und ohne Verantwortungsgefühl in

den Tag hinein leben, welche die für die einzelne Familie ungünstigen

Folgen einer größeren Kinderzahl nicht durchschauen oder welche die

Geburtenverhütung aus Dummheit oder Mangel an Selbstbeherrschung nicht

fertig bringen.

So kommt es, daß die gebildeten Stände gegenüber den ungebildeten

in der Kinderzahl noch ungünstiger abschneiden als die wohlhabenden

gegenüber den vermögenslosen. Für Berlin hat ~Theilhaber~ i. J. 1913

festgestellt, daß die Lehrer „an der Spitze der Unterfruchtigkeit

marschieren“; und die Lehrer sind im Durchschnitt ohne Zweifel höher

begabt als die meisten andern Stände von ähnlicher wirtschaftlicher

Lage. Auch unter den Arbeitern waren es die gebildeteren, insbesondere

die Schriftsetzer und die Buchdrucker, welche die wenigsten Kinder

hatten.

Eine nicht zu unterschätzende Ursache der ungenügenden

Fortpflanzung gerade der hervorragendsten Forscher und Gelehrten

ist die nicht unbegründete Furcht, durch eine größere Familie in

ihrer wissenschaftlichen Arbeit behindert zu werden. Die Familie

und die Rasse wird daher auf dem Altar der „Kultur“ geopfert.

Es ist tieftraurig, wie gerade die bedeutendsten Forscher sich

vielfach im Dienste der Wissenschaft oder, was noch trauriger ist,

in einer Arbeit, die ihrer Begabung nicht entspricht, aufreiben,

ohne zur Gründung einer Familie zu kommen. Man lese z. B. die

erschütternde Schilderung, welche ~Kraepelin~ in der Münchener

Medizinischen Wochenschrift 1920 Nr. 3 von dem Leben dreier

bahnbrechender psychiatrischer Forscher gegeben hat. Hier liegt

natürlich auch eine schwere Schuld der Gesellschaft vor. In der

starken Neigung zur Wissenschaft, auch wenn sie der Erhaltung

schädlich wird, darf man dagegen nicht einfach einen Ausfluß von

Entartung sehen; es handelt sich dabei vielmehr in der Regel um

Erbanlagen, die an und für sich von höchstem Werte für das Leben

der Rasse sein könnten, die aber im Banne lebensfeindlicher

Anschauungen, also einer ungünstigen Umwelt, ausgetilgt werden.

Hier liegt also echte Gegenauslese vor.

Ganz ähnlich liegt die Sache, wenn die moderne Dame, die in

zahllosen Damenreden als eine Art höheren Wesens, das die

Schönheit ins Leben bringt, und als die eigentliche Blume der

Kultur gefeiert wird, diese hohe Kulturaufgabe zu verfehlen

glaubt, wenn sie sich zur „Gebärmaschine“ hergäbe. Die Einsicht

in die biologische Bedingtheit aller Kultur liegt ja noch völlig

außerhalb des Gesichtskreises der meisten unserer Gebildeten;

und wenn einmal die Rede darauf kommt, so pflegt eine solche

Ansicht als „materialistisch“ oder „naturalistisch“ empfunden zu

werden. Die Vorstellungen darüber, was denn Kultur eigentlich

sei, pflegen recht verschwommen zu sein. Jedenfalls rechnet man

Kunst und Wissenschaft dazu, nicht aber die Aufzucht von Kindern.

Trotz ihrer verhängnisvollen Wirkung auf die Rasse kann man in

solchen Anschauungen aber nicht eine Folge von Entartung, d.

h. von krankhafter Veranlagung sehen, sondern nur von äußerer

Beeinflussung.

Selbstverständlich können gelegentlich auch ungünstige Seelenanlagen

zur Geburtenverhütung führen. Ehepaare, welche gar keine Kinder

haben wollen, sind in der Regel als entartet anzusehen. Scheu vor

Verantwortung, mangelndes Muttergefühl, Selbstsucht, Gefühl eigener

Unzulänglichkeit führen nicht selten zur Geburtenverhütung, und

wo das der Fall ist, ist diese meist als günstig anzusehen. Aber

dadurch können die verhängnisvollen Auslesewirkungen, welche die

Geburtenverhütung insgesamt hat, nicht entfernt ausgeglichen werden.

b) ~Der Geburtenrückgang.~

Wir haben bisher von den Ursachen des Geburten~ausfalls~ gegenüber der

physiologisch möglichen Höchstzahl gesprochen ohne Rücksicht darauf, ob

dieser Ausfall heute größer oder geringer ist als früher: Demgegenüber

beschäftigen sich die meisten Schriften über die Geburtenfrage

hauptsächlich mit dem sogenannten Geburten~rückgang~. Dieser ist zwar

rassenhygienisch von geringerem Interesse; immerhin aber werfen die

Unterschiede der Geburtenzahl zwischen heute und früher auch einiges

Licht auf die Auslesewirkung des Geburtenausfalls.

Die meisten Betrachtungen über den Geburtenrückgang sind mehr

oder weniger moralisch gehalten; man hat den Eindruck, daß viele

Autoren nicht recht zwischen den Tatsachen und ihrer eigenen

moralischen Stellungnahme unterscheiden konnten. Wir wollen

demgegenüber hier die Ursachen des Geburtenrückganges möglichst

unbeeinflußt von unserer wertenden Stellungnahme, sozusagen rein

naturwissenschaftlich betrachten.

Die Zahl der Geburten auf 1000 Einwohner (Geburtenziffer) im

Deutschen Reich hatte sich schon seit den siebziger Jahren

des vorigen Jahrhunderts dauernd vermindert, und um die

Jahrhundertwende setzte dann ein reißender Absturz ein. In

Abständen von 10 zu 10 Jahren betrug die Geburtenziffer im

Deutschen Reich:

1874 1884 1894 1904 1914

41,8 38,7 37,1 35,2 27,6

Während des Krieges sank die deutsche Geburtenziffer etwa auf

die Hälfte des Standes von 1914; sie betrug i. J. 1917 14,4.

Gegenwärtig ist sie wieder höher. Wegen der außergewöhnlichen

Verhältnisse sind aber die Geburtenziffern seit 1914 mit denen

vorher nicht vergleichbar. Auch i. J. 1914 bestand noch ein

beträchtlicher Geburtenüberschuß, d. h. die Zahl der Geborenen

übertraf die der Gestorbenen. Während des Krieges war natürlich das

Gegenteil der Fall; und gegenwärtig dürften sich beide Zahlen etwa

die Waage halten.

Es gibt eine ganze Menge von „Theorien“ des Geburtenrückganges, eine

Wohlstands-, eine Notstands-, eine Bildungs-, eine Entartungstheorie u.

a. Alle diese Ansichten enthalten etwas Wahres; es wirken eben viele

Ursachen zusammen. Jedenfalls aber kann ein Rückgang der Geburten

nur durch Ursachen erklärt werden, die früher nicht oder doch nur

in geringem Grade wirksam waren. Daher scheiden z. B. Ehelosigkeit

und hohes Heiratsalter, die wir als Ursachen des Geburtenausfalls so

bedeutend fanden, als Ursachen des Geburtenrückganges, wenigstens

hinsichtlich der Gesamtbevölkerung, völlig aus. In der Zeit des

Geburtenrückganges ist die Ehelosigkeit nicht häufiger, sondern

seltener geworden, und das Heiratsalter ist nicht unbeträchtlich

gesunken. Eher schon kommt Entartung, d. h. Entstehung und

Ausbreitung krankhafter Erbanlagen in Betracht. Aber dadurch kann der

Geburtenrückgang höchstens zu einem ganz kleinen Teil erklärt werden.

Es kann keine Rede davon sein, daß die Masse der deutschen Frauen in

wenigen Jahrzehnten gebäruntüchtig geworden sei.

Ein erheblich größerer Anteil ist der Ausbreitung der

Geschlechtskrankheiten beizumessen. Syphilis und Gonorrhoe sind noch

vor wenigen Jahrzehnten sicher nicht entfernt so verbreitet in der

deutschen Bevölkerung gewesen, als im neuen Jahrhundert. Der Syphilis

dürfte auch ein gewisser Einfluß auf die absichtliche Geburtenverhütung

zuzuschreiben sein, insofern als damit behaftete Männer vielfach die

Erzeugung von Kindern scheuen, zumal wenn schon ein krankes Kind

geboren wurde.

Dem Alkoholismus glaube ich keine Bedeutung für den

Geburtenrückgang zuschreiben zu dürfen. Unfruchtbarkeit

infolge Alkoholmißbrauch ist dazu nicht häufig genug, und der

leichte Rausch fördert eher die Kindererzeugung, weil er die

Bedenken dagegen öfter zum Schweigen bringt und gelegentlich

Verhütungsmaßregeln mißlingen läßt (vgl. S. 34). Der Alkoholismus

hat während des Geburtenrückganges auch gar nicht so stark

zugenommen, daß er als wesentliche Ursache dafür in Betracht käme.

Auch die Notstandstheorie kann wenigstens für jene Zeit, für

die sie aufgestellt war, keine allgemeine Geltung beanspruchen.

Der Volkswohlstand war zu Anfang des Jahrhunderts, als der jähe

Geburtensturz einsetzte, so groß wie niemals vorher. Auch subjektiv

fühlten sich vor dem Kriege sicher nicht mehr Menschen in Not als

früher. Zutreffend war dies nur für einzelne Berufe, z. B. für die

meisten akademischen. Da dieser Umstand aber nicht allgemeiner

Not, sondern nur einer Zunahme der gebildeten Berufe über den

volkswirtschaftlichen Bedarf hinaus zuzuschreiben ist, soll diese Frage

bei Besprechung der Bildung erörtert werden.

Viel allgemeinere Geltung kommt der Wohlstandstheorie zu. Während

die deutsche Bevölkerung um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch

verhältnismäßig arm war, gelangte sie in der zweiten Hälfte des

Jahrhunderts durch die Ausnutzung vieler technischer Errungenschaften

in Landwirtschaft und Industrie und das damit zusammenhängende

Aufblühen des Außenhandels zu Wohlstand und zum Teil zu Reichtum.

Dadurch wurden die materiellen Güter viel mehr in den Mittelpunkt des

Lebens gerückt als früher. Die gesellschaftliche Geltung eines Menschen

bestimmte sich mehr und mehr nach dem Aufwand, den er treiben konnte.

Infolgedessen wurden auch immer systematischer alle Wege begangen, die

zur Steigerung des für den Aufwand freibleibenden Einkommensteiles

geeignet erscheinen, insbesondere die Geburtenverhütung.

Dabei ist der Wohlstand als solcher natürlich nicht „die“ Ursache

des Geburtenrückganges; in vergangenen Zeiten waren auch in

sehr wohlhabenden Familien viele Kinder die Regel. ~Kekule v.

Stradonitz~ hat z. B. folgende Kinderzahlen aus dem wegen seines

Reichtums berühmten Geschlecht der ~Fugger~ berichtet. ~Graf Johann

Jakob Fugger~ im 16. Jahrhundert hatte 19 Kinder; ~Graf Georg

Fugger~ zu Anfang des 17. Jahrhunderts hatte 20 Kinder; ~Graf

Albert Fugger~ gegen Ende des 17. Jahrhunderts 21, allerdings von 2

Frauen.

Wohlstand hat nur dann Geburtenrückgang zur Folge, wenn er eine

Bevölkerung trifft, deren ganze Lebensanschauung ohnehin schon darauf

hindrängt, und das war bei dem Individualismus des 19. Jahrhunderts der

Fall. Schon lange vorbereitet in der Weltanschauung des Abendlandes,

hatte der Individualismus, welcher im Einzelindividuum das Prinzip des

Wertes sieht, vorher nur nicht seine letzten Konsequenzen gezogen, da

er durch Reste organischer Weltanschauung, insbesondere durch religiöse

Bindungen bis dahin in Schranken gehalten worden war.

Die Abwendung der Massen von der überlieferten Religion ist überhaupt

eine der wichtigsten Ursachen des Geburtenrückganges. Um die Mitte

des 19. Jahrhunderts wurzelte die deutsche Landbevölkerung noch

ganz überwiegend im Kirchenglauben und auch von der städtischen

Bevölkerung, die damals überhaupt noch wenig zahlreich war, ein großer

Teil. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen war die große Mehrzahl

der städtischen Bevölkerung bereits dem Kirchenglauben abgewandt und

auch von der Landbevölkerung ein beträchtlicher Teil. Die katholische

Kirche, welche über eine viel festere Organisation als die evangelische

verfügt, hat diesem Abfall verhältnismäßig viel größeren Widerstand zu

leisten vermocht. Daher ist der Geburtenrückgang in den katholischen

Gegenden bisher nur in viel geringerem Grade erfolgt.

In Preußen kamen auf eine Eheschließung:

1891-95 1913

bei den Evangelischen 4,2 2,9 Geburten

bei den Katholiken 5,2 4,7 „

bei den Juden 3,3 2,2 „

Diese Unterschiede hängen z. T. allerdings mit dem geringeren Wohlstand

der Katholiken zusammen; doch ist dieser z. T. seinerseits wieder

eine Folge ihres größeren Kinderreichtums. Dazu kommt noch, daß bei

geringerem Wohlstande auch die Bildung geringer zu sein pflegt. Auch

Unterschiede der raßlichen Zusammensetzung der Bevölkerung wirken

offenbar mit. Von größter Bedeutung ist aber der Umstand, daß die

katholische Kirche sich ganz direkt um die Fortpflanzung der ihr

angehörenden Familien kümmert und im Beichtstuhl dauernd darüber wacht,

daß die Eheleute keine künstliche Geburtenverhütung treiben.

Mit 2,9 Kindern pro Ehe -- gegenwärtig sind es jedenfalls noch weniger

-- kann sich die evangelische Bevölkerung nicht mehr ganz auf ihrem

Bestande erhalten, noch weniger natürlich die jüdische mit 2,2. An

und für sich ist der evangelische Kirchenglaube zwar gewiß nicht

nachwuchsfeindlich. Die evangelischen Pastorenfamilien waren noch

vor verhältnismäßig kurzer Zeit sehr kinderreich. Aber eine direkte

Beeinflussung der Eheleute ist ohne Ohrenbeichte kaum möglich; und

im übrigen haben sich die meisten äußeren Anhänger der evangelischen

Kirche offenbar innerlich vom Kirchenglauben abgewandt. Wo aber die

Bevölkerung innerlich der Religion entfremdet ist, da schützt natürlich

auch die katholische Konfession nicht vor dem Aussterben, wie das

Beispiel Frankreichs lehrt.

Eine wesentliche Ursache des Geburtenrückganges ist auch die

Zunahme der Bildung, die mit der Zunahme des Wohlstandes in engem

Zusammenhange steht. Einerseits hat der Fortschritt der Wissenschaften

im 19. Jahrhundert den wirtschaftlichen Aufschwung sehr gefördert;

andererseits wurde eine solche Ausbreitung der Bildung, wie sie

tatsächlich stattgefunden hat, erst durch einen gewissen Wohlstand der

Bevölkerung möglich. Die zunehmende Aufklärung der Bevölkerung brachte

es mit sich, daß man immer mehr bestrebt war, alle Lebensverhältnisse

möglichst zweckmäßig zu gestalten. Da aber durch den Verstand letzte

Lebensziele nicht gesetzt werden können, so führte die Aufklärung in

der praktischen Lebensanschauung nur dazu, daß der Individualismus

seine letzten Konsequenzen zog und mehr und mehr alle organischen

Bindungen ablehnte. In diesem Sinne wurde auch die Fortpflanzung

„rationalisiert“. Die immer zunehmende Masse der Gebildeten

erkannte die unter der Herrschaft der individualkapitalistischen

Wirtschaftsweise durch Geburtenbeschränkung erreichbaren Vorteile

natürlich eher als die Masse der Ungebildeten; und die natürliche

Folge war die große Kinderarmut der Gebildeten, wie sie weiter oben

geschildert wurde. Die Zunahme der Bildung wirkt also noch stärker auf

den Geburtenrückgang hin als die Zunahme des Wohlstandes. Trotzdem aber

wäre es falsch, der Bildung als solcher die Schuld zuzuschreiben. Nur

unter der Voraussetzung der individualkapitalistischen Wirtschaftsweise

und der individualistischen Weltanschauung wirkt die Bildung so.

Auch in diesem Zusammenhange darf noch einmal auf das Beispiel der

evangelischen Pastoren hingewiesen werden, die bis gegen Ende des 19.

Jahrhunderts in evangelischen Gegenden geradezu die hauptsächlichsten

Träger höherer Bildung waren und die doch keine geringere Kinderzahl

als die übrige Bevölkerung hatten. ~Wenn eine Bevölkerung im Gedeihen

der Rasse ein höheres Gut sehen würde als in der Bequemlichkeit der

Individuen und wenn diese Anschauung wirklich zur inneren Überzeugung

werden würde, so würde auch hohe Geistesbildung dem Leben der Rasse

nicht widerstreiten, sondern ihm sogar dienlich sein. Letzten Endes ist

also die Weltanschauung das Entscheidende.~

Die Ausbreitung der Bildung hat auch noch auf einem andern Wege

zum Geburtenrückgang beigetragen, nämlich durch die Überfüllung

der gebildeten Berufe. Als im 19. Jahrhundert die alte ständische

Gliederung mehr und mehr an Bedeutung verlor, wurde in gleichem Maße

die Bildung zum Kennzeichen der oberen Stände. Sie wurde daher eines

der hauptsächlichsten Ziele des menschlichen Geltungsbedürfnisses.

Ein ungeheurer Zudrang zu den gebildeten Berufen setzte ein, und die

unvermeidliche Folge war die wirtschaftliche Entwertung der geistigen

Arbeit. Unter den gebildeten Berufen bestand schon seit Jahrzehnten

eine wirkliche Notlage, die nun nach dem unglücklichen Kriege den

bekannten katastrophalen Charakter angenommen hat. Aber auch schon vor

dem Kriege mußten die Akademiker unverhältnismäßig lange auf Anstellung

warten; ihr Heiratsalter wurde immer höher; der Zwang zur Beschränkung

der Kinderzahl immer stärker. So ist das verhängnisvolle Aussterben

der gebildeten Familien zum großen Teil nur eine natürliche Folge des

ungehemmten Andranges zu den gebildeten Berufen. Dabei wurde diese

Entwicklung ganz allgemein als Fortschritt angesehen. Man war stolz

auf die Zunahme der Studentenzahl; selbst während des Krieges hat man

noch neue Universitäten gegründet. Die Zulassungsbedingungen und die

Examina wurden allmählich immer mehr erleichtert. Der Aufstieg in die

gebildeten Kreise wurde als ein so hohes Gut angesehen, daß man ihn

möglichst niemandem verwehren wollte. In Wirklichkeit überantwortete

man nur zu viele junge Leute dadurch der Familienlosigkeit, der

Syphilis, dem Alkoholismus und dem Gefühle der Verfehltheit ihres

Daseins.

In eigentümlicher Verblendung glaubte man in dauerndem

gesellschaftlichen Aufstieg zugleich einen dauernden Aufstieg der

Kultur und der Rasse zu sehen. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der

Fall. ~Dauerndes gesellschaftliches Aufsteigen ist ohne Aussterben

an der Spitze gar nicht möglich~. Wir wollen uns einmal die soziale

Gliederung in grober Annäherung als Pyramide mit breiter Basis und

spitzem Gipfel dargestellt denken. Wenn nun die Resultante der sozialen

Auslese für den Durchschnitt der Bevölkerung ein sozialer Aufstieg ist,

wie ihn der von unten nach oben gerichtete Pfeil in Fig. 1 darstellt,

so ist das selbstverständlich nur möglich, wenn in den oberen Schichten

dauernd zahlreiche Familien aussterben, um aufsteigenden Platz zu

machen. Diese Richtung der Bevölkerungserneuerung wird fast ganz

allgemein als die „normale“ angesehen, obwohl sie auf die Dauer mit

Sicherheit zur Verpöbelung der Rasse und zum Verfall der Kultur führt.

Wenn dagegen in den oberen Schichten die Kinderzahl größer wäre als in

den unteren, so würde die Richtung der Bevölkerungserneuerung notwendig

von oben nach unten gehen, wie es Fig. 2 zeigt, und die Begabung der

Bevölkerung würde zunehmen.

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[Illustration: Fig. 1. Die Familien in den sozial oberen Schichten

pflanzen sich geringer fort als in den unteren. Nächste Folge: Der

soziale Aufstieg überwiegt den sozialen Abstieg. Weitere Folge: Abnahme

der Durchschnittsbegabung der Bevölkerung.]

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[Illustration: Fig. 2. Die Familien in den sozial oberen Schichten

pflanzen sich stärker fort als in den unteren. Nächste Folge: Der

soziale Abstieg überwiegt den sozialen Aufstieg. Weitere Folge: Zunahme

der Durchschnittsbegabung der Bevölkerung.]

Der durch die Überfüllung der gebildeten Berufe hervorgerufene

Geburtenrückgang betraf unmittelbar natürlich nur die gebildeten

Familien einschließlich der sozial aufsteigenden und der

aufgestiegenen. Mittelbar aber hat er ohne Zweifel auch zum allgemeinen

Geburtenrückgang wesentlich beigetragen und zwar dadurch, daß die

breiten Massen immer bestrebt sind, das Beispiel der Gebildeten

nachzuahmen. Für die Begabung der Rasse ist der Geburtenrückgang in den

gebildeten Ständen natürlich noch ungünstiger einzuschätzen als der

allgemeine Geburtenrückgang.

Sehr wesentlich ist der Geburtenrückgang auch durch den Übergang

eines sehr großen Teiles der Bevölkerung von der bäuerlichen

Familienwirtschaft zur städtischen Industriearbeit bedingt worden.

In der bäuerlichen Wirtschaft konnte wenigstens früher die

Arbeitskraft der Kinder sehr früh ausgenützt werden, durch Hüten

von Vieh u. a. Wenn die Kinder heranwuchsen, stellte jedes einzelne

eine Vermehrung der Arbeitskraft und damit der Wirtschaftskraft der

Familie dar. In der Stadt ist das ganz anders. Hier konnten die

Kinder höchstens auf sehr ungesunde Weise zur Arbeit herangezogen

werden, und durch die Kinderschutzgesetzgebung wurde auch das

unterbunden. Sobald sie aber erwachsen sind, haben sie ihren

eigenen Verdienst, von dem sie nur in Ausnahmefällen den Eltern

abgeben. Für die städtischen Arbeiter bedeuteten Kinder daher

wirtschaftlich fast nur noch eine Last. Aber auch auf dem Lande

ist der wirtschaftliche Wert der Kinderarbeit gegen früher viel

geringer geworden. Noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit war die

Schule Nebensache gegenüber der Landarbeit; heute beansprucht

sie die ganze Kraft der Kinder. Im gleichen Sinne haben die

Kinderschutzbestimmungen auch auf dem Lande gewirkt. Ob das für die

Rassentüchtigkeit nützlich oder schädlich wirkt, ist eine Frage

für sich. Jedenfalls aber hat es im Sinne des Geburtenrückganges

gewirkt.

Der Geburtenrückgang ist weiterhin durch die mit dem Übergang

zur Industrie zusammenhängende außerhäusliche Erwerbsarbeit der

Frau gefördert worden. In der bäuerlichen Wirtschaft war die

Aufgabe der Frau in der Hauptsache Hauswirtschaft, sodann Stall-

und Gartenarbeit. Jedenfalls stand diese ländliche Frauenarbeit

der Aufzucht von Kindern nicht im Wege. Die Industriearbeit

der Frau aber ist damit nur außerordentlich schwer vereinbar.

Dabei sind oft gerade die kinderreichen Mütter am meisten zu

außerhäuslicher Arbeit gezwungen. Kein Wunder daher, wenn für

die Industriearbeiterin ganz besonders starke Beweggründe

zur Geburtenverhütung bestehen. Nach einer Arbeit aus dem

Galton-Institut betrug in dem Industrieort Blackburn die Kinderzahl

der Lohnarbeit betreibenden Frauen im Durchschnitt 3, die der nicht

Lohnarbeit treibenden dagegen 5,3. Eine große rassenbiologische

Bedeutung kommt der weiblichen Industriearbeit aber trotzdem nicht

zu. Von den i. J. 1907 gewerblich tätigen Frauen in Deutschland

war noch nicht ein Drittel verheiratet; und von den erwerbstätigen

Frauen heirateten später 90 bis 95%, womit sie die außerhäusliche

Arbeit dann meist aufgaben. Insgesamt wirkt die außerhäusliche

Arbeit der Frauen auf eine Einschränkung der Fruchtbarkeit der

Industriebevölkerung hin. Da wir keinen Anlaß haben, diese als

rassentüchtiger als die übrige anzusetzen, braucht auch die dadurch

bedingte Auslese nicht ungünstig zu sein. Ganz anders wirkt

die Frauenarbeit in höheren Berufen; da diese indessen an dem

allgemeinen Geburtenrückgang keinen bedeutenden Anteil hat, soll

sie weiter unten gesondert besprochen werden.

Als Ursache des Geburtenrückganges wird oft auch die Wohnnot in

den Städten angeführt. Das scheint mir wenigstens allgemein nicht

richtig zu sein. Vor Jahrzehnten und erst recht vor Jahrhunderten

haben die Menschen im Durchschnitt noch viel weniger Wohnraum

gehabt, und sie haben doch mehr Kinder gehabt. Auch ist ja

in den Städten die Kinderzahl in den geräumigen Wohnungen im

Durchschnitt nicht größer, sondern kleiner als in den engen. Wohl

ist die Rücksicht auf die Wohnung ein wesentlicher Beweggrund zur

Geburtenverhütung, wie oben betont wurde; aber als Ursache des

Geburtenrückganges ist die Wohnenge darum doch nicht anzusehen.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf den Geburtenrückgang

hat der sogenannte ~Neumalthusianismus~ ausgeübt, eine

sozialmoralische Lehre, welche an den Namen des englischen Pastors

und Volkswirtes ~Th. R. Malthus~ anknüpft. Dieser hatte schon i.

J. 1798 in einem Buche die Lehre vertreten, daß das Elend in der

Welt durch Einschränkung der Kindererzeugung zu bekämpfen sei.

Nach ~Malthus~ vermehren sich die Menschen wie alle Lebewesen

von Natur stärker, als sie ihren Nahrungsspielraum vermehren

können. Solange die Kindererzeugung unbeschränkt sei, sei daher

Elend in der Form von Krankheiten, Kriegen, Hungersnot und Armut

unvermeidlich, um die Bevölkerungszahl dem Nahrungsspielraum

anzupassen. In der gleichen Richtung wirken nach ~Malthus~ die

„Laster“ Abtreibung, Kindstötung und Prostitution. Die Menschheit

könne aus Elend und Laster nur herauskommen, wenn an deren Stelle

ein moralischer Verzicht auf unbeschränkten Geschlechtsverkehr

trete. Die Formen dieses „moral restraint“ seien Spätehe,

Enthaltsamkeit in der Ehe und Ehelosigkeit eines Teiles der

Menschen. Die Verhinderung der Befruchtung beim Geschlechtsverkehr

dagegen knüpft sich zu Unrecht an den Namen ~Malthus~; dieser

hat sich sogar ausdrücklich dagegen ausgesprochen, weil er davon

Untervölkerung und schweren Schaden für die Kultur befürchtete.

Die künstliche Verhütung der Befruchtung ist vielmehr erst

von der sogenannten neumalthusianischen Bewegung zum Programm

erhoben worden, besonders seit dem letzten Viertel des 19.

Jahrhunderts; und aus begreiflichen Gründen hat diese Lehre viel

mehr zum Geburtenrückgang beigetragen als die Entsagung fordernde

ursprüngliche Lehre des ~Malthus~.

Der Wunsch, nur wenige Kinder zu haben, war aus den oben

geschilderten Gründen mehr oder weniger unbewußt schon vorher

in der Bevölkerung verbreitet. Durch die neumalthusianische

Werbetätigkeit wurde er nun weiten Kreisen zum lebhaften Bewußtsein

gebracht. Zugleich bemächtigten sich rührige Geschäftsleute

der Sache, welche künstliche Verhütungsmittel herstellten und

anpriesen. Was vorher eine ehrlich gemeinte sozialmoralische Lehre

gewesen war, wurde nun zu einem Deckmantel der Geschäftsreklame.

Reklameschriften, in denen die Geburtenverhütung als sittliche

Pflicht hingestellt wurde, wurden massenhaft hergestellt und

den Eheleuten mit Anpreisungen von Verhütungsmitteln ins Haus

geschickt. Hausierer zogen von Haus zu Haus. In Hunderten von

Zeitungen und Zeitschriften erscheinen regelmäßig Anzeigen von

„hygienischen Gummiwaren“. So hat die Werbetätigkeit dieses

Gummikapitals wirksamer zum Geburtenrückgang beigetragen als die

uneigennützige neumalthusianische Lehre.

Aber man darf nicht übersehen, daß auch die von ~Malthus~

empfohlenen Wege einen großen Teil des Geburtenausfalls bedingen.

Schon seit Jahrhunderten haben Ehelosigkeit, Spätehe und Verzicht

auf geschlechtlichen Verkehr der Beschränkung des Nachwuchses

gedient, und mannigfache Einrichtungen der Gesellschaft haben

darin ihren Sinn. Daß z. B. die Spätehe in den gebildeten Ständen

zur gesellschaftlich geforderten Sitte geworden ist, hat sicher

z. T. seine Ursache in der nachwuchsbeschränkenden Wirkung der

Spätehe. Insgesamt ist auch heute noch der Geburtenausfall durch

Verzögerung der Eheschließung, Verzicht auf geschlechtlichen

Verkehr und Ehelosigkeit unzweifelhaft größer als der durch

künstliche Verhütung der Befruchtung, wie die Aufstellung auf

S. 77 zeigt. Jene Erscheinungen sind nun zwar sicher nicht auf

~Malthus’~ Einfluß zurückzuführen, sie liegen aber durchaus in

seinem Sinne. Es muß auch anerkannt werden, daß ~Malthus’~ Lehre

nicht nur sehr menschenfreundlich gedacht war, sondern daß er die

rein quantitativen Folgen der Geburtenbeschränkung im wesentlichen

auch richtig beurteilt hat. ~Wenn alle Menschen von gleicher

Erbbeschaffenheit wären, so würden die Folgen der Geburtenverhütung

in der Tat lediglich wirtschaftlicher Natur sein, und zwar würden

sie bei der gegenwärtigen Bevölkerungsdichte der Erde überwiegend

günstig sein. Ein ganz anderes Gesicht bekommt die künstliche

Geburtenverhütung aber, sobald man eingesehen hat, daß die Menschen

in ihrer Erbverfassung nicht gleich, sondern sehr ungleich sind und

daß dadurch gerade die vorausschauenden und kulturbegabten Rassen

zum Aussterben gebracht werden.~ Diese verhängnisvolle Gegenauslese

aber lag völlig außerhalb des Gesichtskreises von ~Malthus~ ebenso

wie der Gedanke der Auslese überhaupt, mag er auch noch so oft als

geistiger Großvater der Selektionstheorie hingestellt werden.

Unter den Neumalthusianern, welche mit der Lehre von der Auslese

bekannt geworden sind, gibt es mehr oder weniger gutgläubige

Optimisten, welche wie z. B. ~Forel~ meinen, daß vorwiegend

entartete Menschen von der Geburtenverhütung Gebrauch machen

würden, während die wirklich gesunden und instinktsicheren sich

trotzdem ausreichend fortpflanzen würden. Das bedeutet eine

völlige Verkennung der verzweifelten Lage, in der sich unsere

Rasse befindet. Die ererbten normalen Instinkte sind eben nicht

an die moderne Umwelt angepaßt, weil es eine ganz andere Umwelt

war, in der sie gezüchtet wurden. Das gilt ganz besonders von

den Geschlechtsinstinkten. Unter natürlichen Verhältnissen

führte die Begattung ganz von selbst auch zur Befruchtung. Es

genügte daher, daß die Geschlechtsinstinkte in der Hauptsache

auf die Lust der Begattung gerichtet waren. In einer Umwelt,

wo die Verhütung der Befruchtung allgemein bekannt ist und wo

infolge der Wirtschaftsordnung Kinder für den Einzelnen eine

Belastung bedeuten, ist das aber nicht mehr der Fall. So kommt

es, daß die Lust der Begattung unter Verhütung der Befruchtung

gesucht wird. Die normalen Geschlechtsinstinkte sind also an

eine solche Umwelt nicht angepaßt. Die Folge ist, daß die

Auslese durch Geburtenverhütung bei den modernen Kulturvölkern

ganz überwiegend den Charakter der Gegenauslese hat, wie oben

auf S. 82 dargetan wurde, ja daß die entsetzliche Austilgung

der Tüchtigen, welche unsere Rasse und Kultur dem Niedergang

zutreibt, in allererster Linie der absichtlichen Geburtenverhütung

zur Last zu legen ist. Und wenn es nicht in letzter Stunde

gelingt, durch rassenhygienische Reformen der Wirtschaftsordnung

und durch Ausgestaltung der abendländischen Weltanschauung in

lebensfreundlichem Sinne für die Höherbegabten Beweggründe zu

ausreichender Fortpflanzung zu schaffen, so wird das Schicksal

unserer Rasse und Kultur eben durch die Geburtenverhütung besiegelt

sein.

Die Geburtenverhütung hat natürlich nicht nur eine Auslesebedeutung

innerhalb der Bevölkerung eines Landes; sondern auch zwischen den

Bevölkerungen verschiedener Länder kommen dadurch folgenschwere

Verschiebungen zustande. Die Länder der nordwestlichen Hälfte

Europas, welche wir oben als die eigentliche Heimat der modernen

Kultur kennen gelernt haben, haben viel geringere Geburtenziffern als

die östlichen und südlichen Länder Europas. Auch außerhalb Europas

bleiben die Bevölkerungen von germanischem Ursprung, insbesondere

die Nordamerikas und Australiens, hinter den übrigen Ländern der

Erde, zumal jenen Ostasiens, zurück. Darin kommen ohne Zweifel auch

Unterschiede der Rassenveranlagung zum Ausdruck. Vor allem ist es die

nordische Rasse, welche infolge ihrer vordenklichen Sinnesart unter

den modernen Lebensverhältnissen am meisten zur Geburtenbeschränkung

neigt. Der Geburtenrückgang als solcher ist selbstverständlich nicht

auf Besonderheiten der Rassenanlage zurückzuführen; die Anlagen der

Rassen haben sich ja in so kurzer Zeit nicht wesentlich geändert, und

die nordische Rasse insbesondere machte früher, als es noch keinen

Geburtenrückgang gab, sogar einen größeren Bruchteil der Bevölkerung

aus als heute. An den Unterschieden der Geburtenziffern verschiedener

Bevölkerungen und Bevölkerungsteile wirken die Rassenunterschiede aber

nicht unwesentlich mit, und zum guten Teil eben darum kommt der dadurch

bedingten Auslese eine so große und verhängnisvolle Bedeutung zu.

Von geringerer Bedeutung als die Gegenauslese ist die durch die

Geburtenverhütung bewirkte ~Abschwächung der Auslese~ (vgl. S. 7).

Man hat daraus z. B. auf eine Abnahme der Fruchtbarkeit

geschlossen. Wenn besonders fruchtbare Familien ihre Fruchtbarkeit

nicht ausnützen, so hat man gemeint, pflanzen sich nunmehr

minder fruchtbare ebenso stark fort, und auf diese Weise könnten

sich heute Anlagen zu geringer Fruchtbarkeit ausbreiten, was

seinerseits wieder im Sinne des Geburtenrückganges wirken

würde. Große Bedeutung kommt diesem Vorgange aber offenbar

nicht zu. Andererseits ist auch zu bedenken, daß bei schwachem

Geschlechtstriebe die Verhütung viel sicherer gelingt, als

wenn infolge großer Stärke des Triebes die Begattung sehr oft

und stürmisch erfolgt. Es wäre also auch denkbar, daß durch

diese Auslese, welche der durch die Geschlechtskrankheiten

entgegengesetzt gerichtet ist, eher eine Zunahme der potentiellen

Fruchtbarkeit stattfände.

Auch die angebliche „Minderwertigkeit der Erstgeborenen“ hat man

zur Begründung der rasseschädlichen Wirkung der Geburtenverhütung

herangezogen. Wenn die ersten Kinder minderwertiger wären als die

späteren, so würden in der Tat bei Geburtenverhütung vorzugsweise

minderwertige erhalten werden. Aber die Voraussetzung ist eben

unbegründet.

Im übrigen darf man die auslesehemmende Wirkung allgemeiner

Geburtenbeschränkung freilich auch nicht unterschätzen. Der Schutz der

Schwachen und Minderwertigen ist heute in um so größerem Maße möglich,

je weniger Menschen geboren werden. Von neumalthusianischer Seite

wird daher die Geburtenverhütung nicht ganz ohne Grund als ein Mittel

zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit empfohlen. Aber die dadurch

erzielte Erweiterung des Lebensraumes für die Schwachen wirkt eben

nachteilig auf die Tüchtigkeit der Rasse.

c) ~Die Auslesewirkung der Damenberufe.~

Einer besonderen Betrachtung bedarf die Berufstätigkeit weiblicher

Personen in geistigen Berufen. Diese ist in den meisten Fällen nicht

weniger schlecht mit der Aufzucht einer ausreichenden Kinderzahl

vereinbar als die Fabrikarbeit. Die allermeisten der in geistigen

Berufen tätigen Frauen sind denn auch unverheiratet oder, soweit sie

verheiratet sind, haben sie doch eine zur Erhaltung völlig ungenügende

Zahl von Kindern.

Schon i. J. 1907 gab es in Deutschland 89000 Lehrerinnen,

gegenwärtig sicher über 100000. Oberlehrerinnen gab es i. J. 1917

1466. Bei der Reichspost gab es vor dem Kriege 28000 Beamtinnen,

gegenwärtig natürlich weit über 30000. Dazu kommt eine immer

steigende Zahl Sozialbeamtinnen, Säuglingspflegerinnen usw.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (2/2) Menschliche Auslese und Rassenhygiene · 第 10 / 74 题