Erster Abschnitt.
Die Auslese beim Menschen.
#1. Die biologische Auslese.#
a) ~Begriff und Formen der Auslese.~
Im ersten Bande ist gezeigt worden, daß es innerhalb der menschlichen
Bevölkerungen sehr mannigfache erbliche Unterschiede gibt, außer
jenen, die man als Rassenunterschiede im engeren Sinne zu bezeichnen
pflegt, auch allerlei andere Unterschiede der körperlichen und
seelischen Veranlagung, insbesondere auch zahlreiche Abweichungen
krankhafter Natur. Wenn nun alle Individuen einer Bevölkerung genau
gleich viele Nachkommen hinterlassen würden, so würde die erbliche
Durchschnittsbeschaffenheit (abgesehen von dem Auftreten neuer
Idiovariationen) immer die gleiche bleiben, wie schon auf S. 70 des
ersten Bandes dargelegt wurde. In Wirklichkeit ist das aber niemals
und nirgends der Fall; und wenn die erblich verschiedenen Individuen
einer Bevölkerung nicht die gleiche, sondern eine verschiedene Zahl von
Nachkommen hinterlassen, so sprechen wir von ~biologischer Auslese~
(~Selektion~ oder ~Zuchtwahl~) oder auch wohl ~Auslese~ schlechtweg.
In der freien Natur, bei Tieren und Pflanzen, kommt die Auslese
hauptsächlich dadurch zustande, daß die allermeisten Individuen
vor Abschluß ihrer Fortpflanzung zugrunde gehen; der größte Teil
erreicht nicht einmal das Fortpflanzungsalter, sondern fällt bereits
im Jugendzustande irgend welchen Feinden oder Klimaeinflüssen zum
Opfer. Im allgemeinen kommen nur besonders widerstandsfähige und zum
Daseinskampf wohlausgerüstete Wesen in der freien Natur zur Erzeugung
von Nachkommen. Das ist auch bei menschlichen Naturvölkern die Regel.
Bei den modernen Kulturvölkern dagegen kommen die meisten Individuen,
welche geboren werden, auch wieder zur Fortpflanzung. Gleichwohl aber
ist auch bei allen Kulturvölkern dauernd Auslese am Werke. Der Tod der
Individuen als solcher macht nämlich nicht das Wesen der Auslese aus;
denn alle Individuen müssen ja sterben. Nur insofern als der frühere
oder spätere Eintritt des Todes auch für die Zahl der Nachkommen von
Bedeutung ist, hat er eine Auslese zur Folge. In unseren Bevölkerungen
hat aber die Verschiedenheit der Nachkommenzahl vorwiegend andere
Ursachen. Eine Auslese, die nicht durch den früheren oder späteren
Tod der Individuen sondern nur durch Unterschiede der Fruchtbarkeit
zustandekommt, bezeichnet man als ~Fruchtbarkeitsauslese~. Eine
scharfe Unterscheidung gegenüber der ~Lebensauslese~, die durch
das unterschiedliche Zugrundegehen der Individuen zustandekommt,
ist aber nicht durchführbar; denn im Grunde ist eben alle Auslese
Fruchtbarkeitsauslese.
Durch jede Auslese wird eine Bevölkerung gewissermaßen in zwei Teile
geteilt, von denen der eine erhalten, der andere ausgeschaltet wird.
Diese Ausschaltung bezeichnet man auch wohl als negative Auslese, die
Erhaltung als positive oder auch als Auslese schlechthin. Immer aber
ist dabei vorausgesetzt, daß der überlebende Teil der Bevölkerung von
anderer Beschaffenheit als der ausgeschaltete ist. Wenn das nicht
der Fall ist, so liegt überhaupt keine Auslese vor, sondern eine
~wahllose Ausschaltung~ oder nonselektorische Elimination (~Ploetz~)
einerseits und eine wahllose Erhaltung andererseits. Das ist z. B.
der Fall, wenn von einer Reihe erbgleicher Lebewesen ein Teil infolge
äußerer Zufälligkeiten zugrundegeht. Bei der Auslese dagegen findet die
Erhaltung und Ausschaltung nicht zufällig statt, wie öfter von Leuten,
die den Begriff der Auslese nicht verstanden haben, angegeben wird,
sondern in Abhängigkeit von der erblichen Beschaffenheit der Lebewesen.
Im wirklichen Leben kommen wahllose und auslesende Ausschaltung
vielfach miteinander vermischt vor. Bei gewissen Schädlichkeiten oder
Katastrophen, wie etwa einem Erdbeben, wiegt die wahllose Vernichtung
vor, bei andern die selektive Ausschaltung. Je größer die wahllose
Ausschaltung durch eine Schädlichkeit ist, desto geringer ist natürlich
ihre Auslesewirkung und umgekehrt. Gleich Null ist aber kaum jemals
eine dieser beiden Größen. Das wird immer wieder verkannt. Immer wieder
muß man hören, daß eine Schädlichkeit deshalb keine Auslesebedeutung
haben könne, weil die Entscheidung über Ausschaltung oder Überleben
ja nicht ~nur~ in den Unterschieden der erblichen Veranlagung liege.
In diesem Argument liegt aber ein logischer Widersinn, denn wenn
allein die erbliche Veranlagung den Ausschlag gäbe, so würde ja der
äußeren Schädlichkeit überhaupt keine Bedeutung, also auch keine
Auslesebedeutung zukommen können. Aber gerade überall dort, wo die
Entscheidung über Leben und Tod von äußeren Einflüssen im Verein mit
der erblichen Veranlagung abhängt, ist Auslese wirksam. Auch wo den
Unterschieden der Erbanlage eine viel geringere Bedeutung als den
äußeren Einflüssen für Überleben oder Unterliegen zukommt, findet immer
noch Auslese statt, wenn auch nicht in gleich hohem Grade wie bei
vorwiegender Bedeutung der Erbanlage. Im wirklichen Leben sind bald die
äußeren Einflüsse und bald die Erbanlagen von größerer Bedeutung für
Ausschaltung oder Überleben, und dasselbe gilt von den Unterschieden
der Fortpflanzung.
Mit welcher Verständnislosigkeit heute noch manche Gelehrte
dem Gedanken der Auslese gegenüberstehen, möge eine Auslassung
eines namhaften Mediziners zeigen, der es i. J. 1919 als seine
„elementare Pflicht, die Lehre von der Auslese zu untersuchen“,
bezeichnet und zu dem Schluß kommt: „Sie wirkt nur negativ, indem
sie ohne Unterschied vernichtet, was gut und schlecht.“ Der Begriff
der Auslese wird also direkt mit seinem Gegenteil verwechselt, der
wahllosen Ausschaltung.
Mit großer Vorliebe wird auch der Begriff des ~Kampfes ums Dasein~
mißverstanden. Weil der Lebensraum für alle Lebewesen notwendig
begrenzt ist und weil diese infolge ihrer natürlichen Vermehrung
den verfügbaren Lebensraum immer mehr oder weniger ausfüllen, so
stehen alle Lebewesen, welche einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse
gemeinsam haben, dauernd in einem Konkurrenzkampf um Nahrung
und Lebensraum. Nur ausnahmsweise findet dabei ein Kampf im
eigentlichen Sinne statt, etwa wenn Raubtiere um die Beute kämpfen
oder Vögel um eine Nistgelegenheit. Der von ~Darwin~ eingeführte
Begriff des Kampfes ums Dasein bezeichnet also ganz allgemein die
Tatsache der Lebenskonkurrenz der Organismen, welche eine der
hauptsächlichsten Ursachen der Auslese ist.
Mit dem Begriff der Fruchtbarkeitsauslese hängt der der
~geschlechtlichen Auslese~ zusammen. Während die natürliche Auslese
nach ~Darwin~ im allgemeinen auf Überleben der angepaßteren und
Zugrundegehen der weniger angepaßten Lebewesen beruht, soll die
geschlechtliche Zuchtwahl nur in Unterschieden der Fortpflanzung
zum Ausdruck kommen. Im engeren Sinne wird jener Teil der
Fortpflanzungsauslese als geschlechtliche Zuchtwahl bezeichnet, der
durch den Wettbewerb von Individuen des einen Geschlechts um das andere
Geschlecht zustande kommt, insbesondere durch den Wettbewerb der
Männchen um die Weibchen und die Wahl der Männchen durch die Weibchen.
Die Bedeutung dieser geschlechtlichen Wahl für die Rasse wird oft
sehr überschätzt. Öfter wird sie sogar mit der biologischen Auslese
überhaupt gleichgesetzt. ~In Wahrheit hat aber die geschlechtliche Wahl
als solche überhaupt keine Auslesebedeutung für eine Bevölkerung~,
sondern nur dann, wenn sie zur Ausschaltung eines Teiles der
Bevölkerung von der Fortpflanzung führt oder doch zu einer wesentlichen
Beeinträchtigung der Fortpflanzung.
Das ist hauptsächlich bei polygyner Fortpflanzung der Fall, wie sie
bei vielen gesellig lebenden Tieren die Regel ist. Wenn von wenigen
Männchen viele Weibchen befruchtet werden, so werden die übrigen
Männchen dadurch eben mehr oder weniger von der Fortpflanzung
ausgeschaltet, und die zur Fortpflanzung kommenden sind im
Durchschnitt natürlich stärker und lebenstüchtiger als die übrigen.
Eine rationelle Tierzucht ohne polygyne Fortpflanzung wäre kaum
durchführbar. Auch bei vielen menschlichen Völkern ist oder war
die Polygynie von der Sitte gutgeheißen. Daß die dadurch bewirkte
schärfere Auslese für sich allein aber nicht den Sieg im Kampfe ums
Dasein der Völker verbürgt, zeigt die Tatsache, daß gerade jene
Völker, welche gegenwärtig den größten Teil der Erde beherrschen,
sich im wesentlichen durch Einehe fortpflanzen.
Da in monogamen menschlichen Bevölkerungen im allgemeinen nur ein recht
kleiner Teil dauernd ehelos zu bleiben pflegt, hat die geschlechtliche
Wahl dort keine große Auslesebedeutung. Wenn alle Individuen zur
Eheschließung kämen und keine Unterschiede der Fruchtbarkeit zwischen
den verschiedenen Paaren beständen, so würde die Liebeswahl auf
die durchschnittliche Zusammensetzung der Erbmasse der Bevölkerung
überhaupt keinen Einfluß haben. Deren Änderung durch Auslese kommt
eben ausschließlich durch Unterschiede der Nachkommenzahl der
verschiedenen Individuen zustande, nicht aber durch die Art und Weise,
wie die verschiedenen Individuen beider Geschlechter sich zu Paaren
zusammenfinden.
Im übrigen finden auch bei allgemeiner Einehe in allen Bevölkerungen
dauernd ziemlich intensive Auslesevorgänge statt, weil niemals alle
Ehepaare dieselbe Zahl von Nachkommen hinterlassen. Keinerlei Auslese
würde nur in dem gedachten Falle stattfinden, wenn alle Menschen zur
Ehe gelangen, jedes Ehepaar nur zwei Kinder erzeugen und die Kinder
auch ihrerseits wieder alle das fortpflanzungsfähige Alter erreichen
und je zwei Kinder erzeugen würden.
Die ~Intensität der Auslese~ ist im allgemeinen um so größer, je
größer die durchschnittliche Kinderzahl und je schneller die Folge
der Generationen ist. Wie auch scheinbar geringe Unterschiede der
Fruchtbarkeit und der Generationendauer weitgehende Auslesebedeutung
haben, möge an einem Zahlenbeispiel veranschaulicht werden.
Angenommen, in einer Bevölkerungsgruppe A gelangten von jedem
Ehepaar im Durchschnitt drei Kinder wieder zur Fortpflanzung, in
einer Bevölkerungsgruppe B dagegen vier. Wenn die durchschnittliche
Dauer der Generationen 33 Jahre betrüge und zu einer gegebenen
Zeit die beiden Gruppen je die Hälfte der Bevölkerung ausmachten,
so würde doch schon nach 100 Jahren die Gruppe A nur noch 28% der
Bevölkerung ausmachen, die Gruppe B dagegen 72%; und nach 300
Jahren würde das Zahlenverhältnis 7:93% betragen.
Aber auch wenn die Zahl der Kinder, welche zur Fortpflanzung kämen,
in beiden Gruppen gleich wäre, z. B. vier, die Generationendauer
aber verschieden wäre und zwar in der Gruppe A 33, in der
Gruppe B 25 betrüge, würden sich starke Verschiebungen in der
Zusammensetzung der Bevölkerung vollziehen. Das Verhältnis, welches
zu Anfang als 50:50 angenommen wurde, würde nach 100 Jahren 33:67
und nach 300 Jahren 11:89 sein.
In Wirklichkeit haben nun jene Gruppen, die eine schnellere
Generationenfolge haben, in der Regel zugleich auch eine größere
Kinderzahl, was z. T. einfach eine Folge des früheren Heiratsalters
ist. Würden also in Gruppe A von jeder Familie im Durchschnitt 3
Kinder nach 33 Jahren zur Fortpflanzung kommen, in Gruppe B aber 4
Kinder nach je 25 Jahren, so würde das Verhältnis 50:50 nach 100
Jahren in 17,5:82,5 und nach 300 Jahren in 0,9:99,1 umgewandelt
sein.
Diese Unterschiede bleiben hinter den wirklich in unserer
Bevölkerung vorkommenden sogar noch zurück. Das ist der Weg, auf
dem Rassen verschwinden. Man hat sich wohl den Kopf zerbrochen,
weshalb die Mehrzahl der heutigen Deutschen den Germanen der
Völkerwanderung nicht gleicht. Zur Erklärung des Dahinschwindens
der Germanen genügt vollauf ein scheinbar so geringfügiges
Zurückbleiben in der Fortpflanzung hinter Bevölkerungselementen von
anderer Herkunft, die zunächst garnicht besonders zahlreich gewesen
zu sein brauchen.
Da die ~Intensität der Auslese~ mit der durchschnittlichen Zahl der
Nachkommen und mit den Unterschieden zwischen der Nachkommenzahl
verschiedener Gruppen steigt, so muß sie umgekehrt natürlich mit der
Abnahme der durchschnittlichen Nachkommenzahl abnehmen, bis sie bei
allgemeinem Zweikindersystem so ziemlich auf dem Nullpunkt angelangt
wäre. Das ist die hauptsächlichste Ursache einer ~Einschränkung der
Auslese~, die man auch wohl mit einem nicht besonders treffenden
Namen als Panmixie bezeichnet. Scharf davon zu trennen ist die
~Richtungsänderung~ der Auslese, welche öfter damit verwechselt wird.
Die ~Richtung der Auslese~ ist natürlich von der Umwelt abhängig, sie
ändert sich folglich mit der Umwelt.
Wenn die Ausleseverhältnisse in einer Bevölkerung sich so gestalten,
daß nicht die Tüchtigeren, sondern die Untüchtigeren überleben und die
größere Nachkommenschaft haben, so sprechen wir von ~Gegenauslese~ oder
~Kontraselektion~.
Da die Unterscheidung zwischen Tüchtigeren und Untüchtigeren einen
Wertmaßstab voraussetzt, so setzt der Begriff der Gegenauslese
ebenfalls einen solchen voraus. Rein naturwissenschaftlich ist die
Gegenauslese eine Auslese wie jede andere auch; denn auch im Falle
der Gegenauslese sind die Überlebenden an die gerade bestehenden
Lebensverhältnisse besser angepaßt als die Ausgeschalteten, und
der Begriff der Anpassung ist ja von dem der Erhaltung abhängig.
Besondere Bedeutung, und zwar ganz gewaltige, gewinnt der Begriff
der Gegenauslese aber, wenn man ihn auf ein Ziel bezieht, etwa
die Entwicklung der Kultur oder das dauernde Gedeihen der Rasse.
Es ist nicht nur möglich, sondern heute leider in weitestem
Umfange Tatsache, daß gerade die hauptsächlichsten Träger der
modernen Kultur und solche Menschen, die ihrer ganzen Veranlagung
nach am besten dem dauernden Gedeihen der Rasse dienen könnten,
eine geringere Nachkommenzahl zu hinterlassen pflegen als der
Durchschnitt der Bevölkerung.
Die Gegenauslese ist die praktisch wichtigste Ursache der ~Entartung~.
Auch der Begriff der Entartung setzt ein Werturteil voraus, wenn
wir darunter nicht nur die Neuentstehung und Ausbreitung eigentlich
krankhafter Erbanlagen, sondern auch die sonst unerwünschter, wie
etwa mangelnder Kulturbegabung, verstehen. Wir haben im 3. Abschnitt
des ersten Bandes die ~Idiokinese~ als eine Ursache von Entartung
kennen gelernt. Die durch idiokinetische Einwirkungen entstehenden
krankhaften Erbanlagen können sich natürlich um so eher erhalten,
je geringer die Intensität der Auslese ist. So ist also die vorhin
besprochene ~Einschränkung der Auslese~ eine weitere Ursache der
Entartung. Eine schnelle Ausbreitung und Überhandnahme krankhafter
und sonstiger unerwünschter Erbanlagen tritt aber nur ein, wenn die
Ausleseverhältnisse in einer Bevölkerung in größerem Ausmaße den
Charakter der ~Gegenauslese~ haben; und das ist in den Ländern der
abendländischen Kultur gegenwärtig ohne Zweifel der Fall.
b) ~Die moderne Gestaltung der natürlichen Auslese in ihrer Wirkung auf
die verschiedenen Organsysteme.~
Wenn wir nun die Wirkung der natürlichen Auslese auf die wichtigsten
krankhaften Anlagen betrachten, so wollen wir dabei dieselbe
Reihenfolge einhalten wie bei der Besprechung ihres Erbganges im ersten
Bande.
~Der Brechungszustand des Auges~ hat heute nicht entfernt mehr dieselbe
lebenswichtige Bedeutung wie auf den primitivsten Kulturstufen. Auf
der Stufe des Sammlers und Jägers konnten nur Normalsichtige oder
leicht Übersichtige ihren Lebensunterhalt gewinnen und den mannigfachen
Feinden in einem Leben immerwährenden Kampfes standhalten oder
entgehen. Anlagen zu ~Kurzsichtigkeit~ wurden daher schonungslos durch
die natürliche Auslese beseitigt. Auch auf der Stufe des Nomaden
herrscht noch eine scharfe Auslese in bezug auf den Brechungszustand
des Auges. Mit dem Aufkommen des Ackerbaues wird sie allmählich weniger
streng. Noch geringer wird sie mit dem Aufkommen anderer Gewerbe neben
dem Ackerbau; und je mehr die Arbeitsteilung fortschreitet, um so mehr
finden auch Kurzsichtige Erwerbsmöglichkeiten. Besonders seit der
Erfindung der Brille haben die Brechungsfehler ihre Auslesebedeutung
zum größten Teil verloren, und sie können sich daher unter unseren
Lebensverhältnissen ziemlich ungestört ausbreiten, sofern sie nicht
gar zu hochgradig sind. Mit dieser Abschwächung der Auslese hängt
es zweifellos zusammen, daß heute mehr als 25% aller Erwachsenen in
unserer Bevölkerung in geringerem oder höherem Grade kurzsichtig sind.
Bei Naturvölkern ist die Kurzsichtigkeit dagegen sehr viel seltener;
auch bei den Negern Nordamerikas findet sie sich erst in einigen
wenigen Prozenten.
Eine biologische Benachteiligung der mit Kurzsichtigkeit und
anderen leichteren Augenfehlern Behafteten findet heute in der
Hauptsache nur bei der Ehewahl statt. Das Tragen einer Brille
wird beim weiblichen Geschlecht als recht störend empfunden.
Da aber überhaupt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ehelos
bleibt, hat auch diese Auslese keine große Bedeutung mehr. Die
schweren, zur ~Erblindung~ führenden erblichen Augenleiden sind
heute zwar im Gegensatz zu primitiven Kulturzuständen mit der
Erhaltung des Individuums vereinbar, weil die Blinden in besonderen
Anstalten oder in Familien gepflegt werden. Da aber Heiraten von
Blinden verhältnismäßig selten sind, so wirkt auch heute noch
die natürliche Auslese der Ausbreitung der schwersten erblichen
Augenleiden entgegen. Auch vorübergehend können sich nur solche zur
Erblindung führende Erbanlagen einige Generationen lang halten,
welche erst im mittleren oder späteren Lebensalter zum Ausbruch
kommen, wie manche Formen des Glaukoms und der Sehnervatrophie.
Von den schwereren erblichen ~Störungen des Gehörsinnes~ gilt
Entsprechendes wie von denen des Gesichtssinnes, nur mit dem
Unterschiede, daß Taubstumme erheblich häufiger zur Eheschließung
und Fortpflanzung gelangen als Blinde. Aber auch von den
Schwerhörigen bleibt immerhin ein viel größerer Bruchteil ehelos
als von den Normalhörenden.
Von der großen Zahl der erblichen ~Hautleiden~ hat keines eine
besondere Verbreitung erlangt. Hautkrankheiten wirken bei der
geschlechtlichen Wahl besonders abstoßend, ein „reiner Teint“
dagegen besonders anziehend. Andererseits scheint aber die
Widerstandsfähigkeit und Elastizität der Haut geringer zu werden.
Der schweifende Jäger und der primitive Ackerbauer bedurfte einer
festen und derben Haut, die ihm gegen die Dornen des Busches, gegen
das Ungeziefer der Hütten und gegen die eitererregenden Bakterien
seiner unreinlichen Umgebung einen gewissen Schutz gewährte. Heute
aber richtet sich die geschlechtliche Zuchtwahl gerade auf eine
weiche und zarte Haut. Deutliche Zeichen von Entartung finden sich
heute besonders an den Anhängen der Haut, den Nägeln und Haaren.
Der primitive Mensch brauchte feste, harte Nägel zum Graben, zum
Öffnen der Früchte und als Waffe. Heute aber haben sehr viele
Menschen nur noch ganz kümmerliche Nägel. Auch Haarmangel und
Glatzenbildung scheinen in Zunahme begriffen zu sein, obwohl
reiches, volles Haar besonders beim weiblichen Geschlecht sehr
anziehend wirkt. Von kleineren Hautmälern oder Leberflecken sind
heute wohl nur noch wenige Menschen frei; und das ist sicher nicht
seit je so gewesen.
Alle schwereren ~Mißbildungen~ waren für den Menschen auf der Stufe
des Jägers und Sammlers natürlich von verhängnisvoller Bedeutung.
Bei vielen Völkern wurden daher auch noch auf der Stufe geregelten
Ackerbaues Kinder mit Mißbildungen gar nicht erst aufgezogen, sondern
gleich nach der Geburt ausgesetzt oder getötet, wie es von den alten
Spartanern bekannt ist. Bei den alten Germanen hatte der Familienvater
darüber zu entscheiden, ob er ein Kind als würdig zur Fortsetzung der
Familie anerkennen wollte. So roh und barbarisch diese Methode auch
ist, so hat sie doch ganz offenbar zur Erhaltung der Rassentüchtigkeit
beigetragen. In unseren Lebensverhältnissen sind leichtere erbliche
Mißbildungen wie Kurzfingrigkeit oder Verwachsenfingrigkeit kaum
noch bei der Gewinnung des Lebensunterhaltes hinderlich. Immerhin
werden Mißbildungen bei der Ehewahl von dem gesunden Instinkt
zurückgewiesen. Insbesondere Störungen des Ganges, z. B. infolge
erblicher Hüftverrenkung, und Verbiegungen der Wirbelsäule hindern oft,
daß sich die Liebe auf ein solches Individuum richtet. Andererseits
ermöglicht es die Kunst der Schneider, körperliche Mängel weitgehend zu
verdecken. Durch orthopädische Maßnahmen können erblich bedingte Fehler
zum großen Teil ausgeglichen werden, und das trägt natürlich ebenfalls
zur Erhaltung krankhafter Erbanlagen bei. Von viel größerer Bedeutung
ist aber natürlich der Umstand, daß auch Menschen mit beträchtlichen
erblichen Fehlern in der modernen Umwelt Möglichkeiten des Fortkommens
finden. ~Leistenbrüche~ z. B. sind schon derart verbreitet, daß 3-5%
aller Männer damit behaftet sind, und durch die Erfolge der Behandlung
mit Bruchbändern und besonders der Bruchoperationen wird in Zukunft
eine noch größere Zahl befähigt sein, ihre Bruchanlage fortzupflanzen.
Im Leben der Naturvölker kommt sehr viel auf die Schnelligkeit und
~Ausdauer beim Laufen~ an. Nur schnellstes Davonlaufen rettet dort oft
vor wilden Tieren und ebenso vor menschlichen Feinden; der schweifende
Jäger holt die Jagdtiere sogar oft im Laufe ein, um sie mit dem Speer
zu erlegen. In unserer Bevölkerung aber haben nur noch wenige Menschen
eine solche Fähigkeit zu laufen bewahrt, daß sie es mit Pferden oder
freilebenden Tieren an Schnelligkeit aufnehmen können. Die Fähigkeit
zu laufen hängt nicht nur vom Bau der Beine ab, sondern sie ist ein
~Prüfstein für die ganze Konstitution~, für die Leistungsfähigkeit des
Herzens, der Lunge und fast aller Organe. Seit die großen Raubtiere
ausgerottet sind, seit Jagd und Kampf vorwiegend mit Feuerwaffen
betrieben werden und seit dem Menschen vielerlei Fahrzeuge zur
Fortbewegung zur Verfügung stehen, ist daher auch die Auslese nach der
Konstitution wesentlich schwächer geworden. Sich selbst überlassen,
stellt die Konstitutionstüchtigkeit einer Bevölkerung sich im Laufe der
Zeit notwendig auf das Mindestmaß dessen ein, was mit der Erhaltung des
Lebens gerade noch vereinbar ist.
Seit der Entwicklung geordneter Staaten, in denen durch die Polizei
die Ruhe im Innern aufrechterhalten wird, ist die persönliche
Kampfestüchtigkeit für jeden Einzelnen nicht mehr Lebensbedingung wie
in alten Zeiten. Daher konnten sich in der neueren Zeit mehr und mehr
schwächlich veranlagte Menschen, insbesondere solche von ~asthenischer
Konstitution~, halten und ausbreiten. Sehr wesentlich trug dazu auch
die Ausbildung von Gewerben bei, die keine besondere körperliche
Rüstigkeit erfordern. So ist das Schneidergewerbe seit Jahrhunderten
als Sammelbecken schwächlicher Menschen bekannt. Die ererbte Vorliebe
des weiblichen Geschlechtes für kriegerische Männlichkeit kann die
Ausbreitung schwacher Konstitutionen nicht verhindern, weil nur ein
ganz kleiner Teil aller Männer ehelos bleibt. Immerhin findet auch
heute noch eine gewisse Ausmerzung der Allerschwächsten statt. ~Bartel~
hat bei der Sektion von mehr als 100 hypoplastischen Leichen gefunden,
daß mehr als die Hälfte dieser Menschen schon vor dem 25. Lebensjahre
sterben und daß nur etwa 4% älter als 50 Jahre werden. Je später der
Tod erfolgt, desto weniger ist in der Regel die Konstitutionsschwäche
ausgesprochen.
Die ~Auslese nach der Konstitution~ kommt auch in der sehr geringen
Sterblichkeit von Kindern, deren Eltern ein hohes Alter erreichen, zum
Ausdruck. ~Ploetz~ hat an einem Material von 5585 Kindern gefunden,
daß die Sterblichkeit bis zum 5. Lebensjahr um so geringer war, ein
je höheres Alter die Eltern erreichen. Wenn die Mütter oder die Väter
über 85 Jahre alt werden, so war die Sterblichkeit der Kinder nur ein
Drittel bis halb so groß als sonst im Durchschnitt (11,2 gegen 32% bzw.
15,4 gegen 31,3%). Im ganzen geht die Auslese gerade in der bäuerlichen
Bevölkerung, welche hauptsächlich den Nachwuchs des Volkes stellt,
auch heute noch in der Richtung auf eine kräftige Konstitution, weil
die landwirtschaftliche Arbeit eine solche mehr erfordert als viele
städtische Berufe. Aber auch in der bäuerlichen Bevölkerung ist diese
Auslese heute viel weniger scharf als in vergangenen Zeiten.
Die schwereren ~Stoffwechselkrankheiten~ führen auch heute
noch häufig zur Unfruchtbarkeit, besonders Zuckerkrankheit und
Fettsucht. Weil Anlagen zur Fettsucht sich in früheren Zeiten
mit ihren oft dürftigen Ernährungsverhältnissen wohl nur selten
so ausgesprochen wie in der Gegenwart entfalten konnten, ist
es möglich, daß die natürliche Ausmerzung dieser Anlagen heute
schärfer als damals sei. Ähnliches mag auch von den Anlagen zu
Zuckerkrankheit und Gicht gelten.
Auch in bezug auf ~Herzfehler~ und die Anlage zu
Herzklappenentzündungen findet heute noch eine ziemlich scharfe
Auslese statt. Kinder mit angeborenen Herzfehlern sterben in der
Regel früh. Viel eher kann sich die Anlage zu ~Arteriosklerose~
ausbreiten, weil die damit Behafteten meist erst in einem Alter an
Gehirnschlägen, Herzschlägen oder Nierenschrumpfung sterben, in dem
die Fortpflanzung schon abgeschlossen ist.
Bei manchen Krankheiten sollte angeblich die Kinderzahl
überdurchschnittlich groß sein. So wurde angegeben, daß die
Kinderzahl in Bluterfamilien 6,1 bis 9,5 im Durchschnitt
betrage. Das dürfte indessen auf einer statistischen Täuschung
beruhen. Da nämlich vorzugsweise Familien mit besonders vielen
Krankheitsfällen in der Literatur beschrieben werden, so ergibt
sich eine ungewöhnlich große Kinderzahl infolge unbeabsichtigter
Auslese großer Familien. Auch die bei Sehnervatrophie berichtete
ungewöhnlich große Fruchtbarkeit von 8 Kindern im Durchschnitt
dürfte daher nur scheinbar sein; in Wirklichkeit findet bei
diesem Leiden ebenso wie bei Bluterkrankheit auch heute noch eine
beträchtliche Ausmerzung statt.
Sehr groß ist die Entartung und die Gefahr weiterer Entartung bei den
~Zähnen~. Schon unter den Schulkindern haben nur noch etwa 5% ein
tadelloses Gebiß, 15-20% dagegen ein ganz schlechtes und die übrigen
ein mittelmäßiges. Die Widerstandskraft gegen die häufigste und
praktisch wichtigste Zahnkrankheit, die ~Karies~ (das Hohlwerden) ist
familienweise sehr verschieden. Diese Widerstandskraft kann zwar auch
durch Außeneinflüsse, insbesondere Ernährungsstörungen im Kindesalter
herabgesetzt werden. Die Bedeutung der erblichen Veranlagung ist aber
gleichwohl ganz unverkennbar. Auf der Stufe des schweifenden Jägers und
Sammlers war ein starkes gesundes Gebiß noch unbedingt lebensnotwendig;
es mußte nicht nur zur Zerkleinerung des zähen ungekochten Fleisches
der Jagdtiere, von harten Früchten und Wurzeln, sondern oft genug auch
als Waffe dienen. Mit dem Aufkommen von Werkzeugen zur Zerkleinerung
der Nahrung und ganz besonders mit dem Gebrauch des Feuers zur
Erweichung der Nahrung durch Braten oder Kochen nahm allmählich
die Lebenswichtigkeit eines starken Gebisses ab. Damit dürfte auch
die Verkleinerung des Gebisses gegenüber den Urrassen des Menschen
zusammenhängen, was natürlich keine Entartung, sondern vielmehr eine
Anpassung an neue Lebensbedingungen bedeutet. Mit der immer weiteren
Verfeinerung der Nahrung konnten sich aber auch mehr und mehr Menschen
mit ganz mangelhaften Zähnen halten und ihre Anlage weitervererben.
Immerhin findet auch heute noch eine gewisse Auslese nach der
Beschaffenheit des Gebisses statt. So verfallen Menschen mit schlechten
Zähnen erfahrungsgemäß häufiger als andere der Tuberkulose (ohne daß
diese freilich direkt dadurch begünstigt zu werden braucht). Bei der
Ehewahl sind schöne Zähne deutlich von Einfluß. Auch diese Auslese wird
aber mehr und mehr durch die Kunst der Zahnärzte durchkreuzt.
Auch die ~Funktionstüchtigkeit der Verdauungsorgane~ hat
infolge der sorgfältigen Zubereitung der Speisen viel von ihrer
Lebenswichtigkeit verloren. Bei einer vorsichtig gewählten Diät
können sich Personen mit Schlaffheit der Magenmuskulatur oder mit
mangelhafter Absonderung der Magensäfte fast ebenso gut halten wie
solche mit kräftigem Magen. Auch die Anlage zu Magengeschwüren
hat durch die Möglichkeit vorsorglicher Kostwahl und wirksamer
ärztlicher Behandlung viel von ihrer Gefährlichkeit verloren. Die
Möglichkeit weiterer Ausbreitung erblich bedingter Schwäche der
Verdauungsorgane ist daher wohl gegeben.
Erbliche ~Anfälligkeit der Atmungsorgane~ führte in jenen Zeiten,
als der Mensch noch nicht in dem künstlichen Klima der modernen
Wohnungen lebte, sicher viel öfter als heute zu Erkältungen mit
lebensgefährlichen Folgen. Menschen mit Neigung zu Asthma oder
Bronchialkatarrhen können sich heute viel eher als damals erhalten.
Eine unmittelbare Auslese findet natürlich auch heute noch in bezug auf
alle Anlagen, von denen die ~Fortpflanzungstüchtigkeit~ abhängt, statt.
Der ~Infantilismus~, welcher eine der Hauptursachen weiblicher
Unfruchtbarkeit ist, unterliegt natürlich auch heute einer
fortdauernden natürlichen Ausmerzung. Wenn er nach Ansicht mancher
Frauenärzte trotzdem in Zunahme begriffen ist, so spricht das für
eine starke Neuentstehung krankhafter Erbanlagen. Auch die Anlage
zu jenen häufigen Geschwülsten der Gebärmutter, welche man Myome
nennt, und welche oft familienweise gehäuft vorkommen, wird dauernd
von der natürlichen Auslese eingeschränkt, da die Fruchtbarkeit
der Myomträgerinnen erheblich geringer ist als die anderer Frauen.
Etwas anders liegt die Sache bei jenen krankhaften Anlagen, die zu
Schwierigkeiten bei der Geburt Anlaß geben, insbesondere bei Anlagen zu
engen Becken. Die häufigste Ursache einer Verengerung des knöchernen
Beckenringes, den der kindliche Kopf zu passieren hat, ist allerdings
eine in früher Kindheit durchgemachte Rachitis der Mutter. Aber auch
Erbanlagen sind für die Entstehung ~enger Becken~ von großer Bedeutung,
darunter wie es scheint, auch Rassenanlagen im engeren Sinne.
In den Küstenländern der Nord- und Ostsee, wo die nordische Rasse
stark vorwiegt, sind enge Becken verhältnismäßig recht selten,
viel häufiger dagegen in solchen Bevölkerungsgruppen Europas,
wo mongolide Rassenelemente einen größeren Bestandteil bilden.
In vergangenen Zeiten gingen bei schweren Geburten die Frauen
natürlich viel häufiger zugrunde als heute, und eben darum waren
die Geburten im Durchschnitt offenbar leichter. In einem älteren
Lehrbuche der Geburtshilfe findet sich der oft zitierte Satz, daß
die gebärende Indianerin, wenn ihr Stamm auf dem Kriegspfade sei,
sich einfach „seitwärts in die Büsche“ schlage und bald darauf mit
dem Neugeborenen den Stamm wieder einhole. Es scheint mir zwar,
daß diese Schilderung der Phantasie des Verfassers unter dem
Eindruck von Indianergeschichten für die Jugend entsprossen sei,
aber andererseits dürfte es doch sicher sein, daß bei Naturvölkern
die Geburten im Durchschnitt viel leichter verlaufen als bei uns,
was zum großen Teil eben durch die schärfere Auslese bedingt
sein dürfte. Auch bei wildlebenden Tieren verlaufen die Geburten
im allgemeinen offenbar sehr leicht, während z. B. bei Kühen
schwere Geburten sehr häufig sind, was z. T. eben eine Folge der
Geburtshilfe, welche den Kühen seit zahlreichen Generationen zuteil
geworden ist, sein dürfte.
Beim Menschen führte in vergangenen Jahrhunderten besonders
auch das Wochenbettsfieber zur Ausmerzung von Erbanlagen, die
Geburtsschwierigkeiten bedingen, weil diese gefährliche Krankheit
sich mit Vorliebe an schwere und lange Geburten, bei denen die
Weichteile gequetscht und verletzt werden, anschließt. Je mehr es der
Geburtshilfe gelingt, das Puerperalfieber zu vermeiden und abnorme
Geburtsschwierigkeiten zu überwinden, desto mehr werden auch krankhafte
Erbanlagen, die enges Becken oder sonstige Geburtsschwierigkeiten
bedingen, sich ausbreiten können. Gegenwärtig erwachsen allein infolge
zu engen Beckens schon bei 3-5% aller Geburten Schwierigkeiten.
Besonders groß ist die Gefahr einer ~Entartung der Stillfähigkeit~.
Vollständige Stillunfähigkeit ist zwar noch nicht häufig; aber fast ein
Drittel aller Frauen können ihre Kinder nicht mehr 6 Monate stillen,
was man nach ~Agnes Bluhm~ wohl als Mindestmaß ansehen müßte. Bis vor
kurzem wiesen die Flaschenkinder allerdings noch eine viel größere
Sterblichkeit auf als die Brustkinder. Je mehr es aber gelingt, auch
die Sterblichkeit der nicht gestillten Säuglinge herabzudrücken, desto
mehr müssen wir mit einem weiteren Überhandnehmen der Stillschwäche
rechnen, zumal da bei nichtstillenden Müttern schneller eine neue
Empfängnis einzutreten pflegt als bei stillenden. Vor dem Aufkommen der
künstlichen Säuglingsernährung bedeutete Stillunfähigkeit der Mutter
fast regelmäßig den Tod des Kindes, wenn dieses nicht gerade bei einer
andern Mutter angelegt werden konnte. Auch für die heutigen Naturvölker
trifft das noch zu. Sogar in China und Japan soll die künstliche
Säuglingsernährung so gut wie unbekannt und demgemäß das Stillvermögen
der Mütter allgemein ausreichend sein.
Die schwereren ~erblichen Nervenleiden~ wie Muskelatrophie oder
Rückenmarksataxie sind mit der Ausfüllung eines Berufes kaum
vereinbar und unterliegen daher auch heute noch einer ziemlich
scharfen Ausmerzung. Leiden, die erst im Alter zum Ausbruch
kommen, wie die Paralysis agitans oder die erbliche Chorea,
beeinträchtigen dagegen die Fortpflanzung nicht. Die Kinderzahl
in den Choreafamilien soll den Durchschnitt sogar übertreffen.
Vielleicht hängt das damit zusammen, daß diese Familien durch
ihr Leiden in den unteren Gesellschaftsschichten, welche eine
überdurchschnittliche Fortpflanzung haben, festgehalten werden.
Entsprechendes gilt wahrscheinlich auch von mancherlei leichteren
Anomalien des Nervensystems. So sind Stotterer als Lehrer, Pfarrer,
Offiziere, höhere Beamte oder Kaufleute nicht gut denkbar,
während sie viele Berufe mit vorwiegend körperlicher Arbeit ganz
gut ausfüllen können; und gerade diese Berufe sind besonders
kinderreich, wie wir noch sehen werden.
Hinsichtlich der eigentlichen ~Geisteskrankheiten~ ist die natürliche
Auslese auch heute noch recht wirksam, wenn auch nicht im gleichen
Maße wie unter primitiven Kulturzuständen, wo Geisteskranke ziemlich
regelmäßig bald zugrundegehen. Auch bei den heutigen Naturvölkern
werden demgemäß Geisteskranke viel seltener angetroffen als bei uns, wo
die Irren sorgsam gepflegt und behütet werden. Ohne diese Pflege würden
die meisten Geisteskranken bald allerlei Gefahren zum Opfer fallen,
insbesondere auch dem Selbstmord, zu dem viele von ihnen neigen. Ein
erheblicher Teil der Träger von Anlagen zu Geistesstörungen wird aus
den Anstalten wieder als geheilt oder gebessert entlassen. Diese haben
dann oft auch Gelegenheit zur Fortpflanzung, und man hat wohl gemeint,
daß dadurch eine fortschreitende Zunahme der Geisteskrankheiten
statthabe.
Ob tatsächlich die erblichen Geisteskrankheiten bei uns zunehmen, ist
statistisch bisher weder bewiesen noch widerlegt. Die Zunahme der
Aufnahmen in Irrenanstalten, welche z. B. in Bayern von 24 auf 100000
Einwohner i. J. 1880 auf 50:100000 i. J. 1910 gestiegen ist, erklärt
sich vor allem durch die inzwischen eingetretene bessere Versorgung
mit Anstalten. Sicher hat die Paralyse in den letzten Jahrzehnten
stark zugenommen; aber gerade diese interessiert uns hier wenig,
weil sie durch Syphilis, also eine äußere Ursache entsteht. Auch die
alkoholischen Geistesstörungen sind in früherer Zeit selbstverständlich
nicht so häufig gewesen wie in den Jahrzehnten vor dem Kriege. Daß
aber die erblich bedingten Geisteskrankheiten im Zunehmen seien, ist
kaum wahrscheinlich, eher das Gegenteil. Für die Behauptung, daß die
Eltern von Geisteskranken oder gar diese selber überdurchschnittlich
viele Kinder hätten, gibt es keine stichhaltigen zahlenmäßigen Belege.
Von den Geisteskranken, welche in Anstalten aufgenommen werden, sind
etwa zwei Drittel ledig. Die Unterbringung in Anstalten hat unter dem
Gesichtspunkt der Auslese eine überwiegend günstige Wirkung; sie nimmt
den Irren nämlich die Fortpflanzungsmöglichkeit, die sie außerhalb der
Anstalt hätten.
Anlagen zu Geistesstörungen dürften unter Verhältnissen einfacher
bäuerlicher Kultur eher mehr Gelegenheit zur Ausbreitung haben
als bei uns. Dafür scheinen mir Erfahrungen zu sprechen,
die ich während des Krieges an russischen und französischen
Kriegsgefangenen gemacht habe. Bei den Russen erkrankten von
10000 Mann jährlich etwa 9 unter dem Bilde schizophrener
Geistesstörungen, bei den Franzosen aber nur 1,7. Da im ganzen
etwa 14000 Gefangene 3 Jahre lang beobachtet wurden, kann es sich
wohl nicht um Zufall handeln. Auch dürfte der Unterschied nur
zum kleineren Teil auf sorgfältigere Musterung in Frankreich
zurückzuführen sein, zumal da der Prozentsatz der Zurückgestellten
dort ja nur ganz klein war. Ich möchte annehmen, daß schizophrene
Konstitutionen sich unter den einfacheren Lebensverhältnissen
des russischen Bauern leichter halten und fortpflanzen können
als in Westeuropa. Von besonderer Wichtigkeit dürfte dabei der
beträchtliche Unterschied des durchschnittlichen Heiratsalters
sein. Da in Mittel- und Westeuropa die Ehe erst gegen Ende des 3.
Jahrzehnts geschlossen zu werden pflegt, zu einer Zeit, wo die
Mehrzahl der Fälle von Schizophrenie schon zum Ausbruch gekommen
sind, so kommen hier die derart Veranlagten nur zum kleinen Teil
zur Fortpflanzung. In Osteuropa aber, wo die Eheschließung schon
am Ende des zweiten Jahrzehnts stattzufinden pflegt, kommen Träger
der Anlagen offenbar in großer Zahl zur Eheschließung; und bei der
Seelenverfassung mancher Bauern kommt es vor, daß eine Frau, auch
wenn sie infolge der Krankheit verblödet ist, noch mehrere Kinder
bekommt.
Wenn auch in vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Geisteskranke einer
barbarischen Rechtspflege zum Opfer fielen und noch zahlreichere
einfach als Narren verkamen, so glaube ich trotzdem, daß unter unseren
Lebensverhältnissen die natürliche Auslese in bezug auf die Anlagen
zu Geisteskrankheiten eher intensiver ist als damals. Immerhin ist
die gegenwärtige Entartung erschreckend groß. Bei der Volkszählung
von 1910 wurden 392 Geisteskranke und Geistesschwache auf 100000
Einwohner gezählt, was für das ganze Reich mehr als eine Viertelmillion
ergibt; und dabei konnten natürlich nur die ohne weiteres bekannten
Fälle gezählt werden, während bei allgemeiner ärztlicher Untersuchung
der Bevölkerung sich offenbar eine noch viel größere Zahl ergeben
haben würde. In der Schweiz, wo Zählungen unter ärztlicher Mitwirkung
stattgefunden haben, fanden sich 800 bis 1000 Geistesgestörte auf
100000 Einwohner; und dabei handelt es sich in der großen Mehrzahl
offenbar um erblich bedingte Zustände, da die durch äußere Ursachen
entstandenen, wie Paralyse oder Delirium, entweder schnell zum Tode
führen oder bald vorüberzugehen pflegen.
Die eigentliche _Idiotie_ wird heute ebenso sicher ausgetilgt wie vor
Jahrtausenden. Ein großer Teil der idiotischen Kinder stirbt schon
in den ersten Lebensjahren, und auch jene Idioten, die ein höheres
Alter erreichen, kommen natürlich niemals zur Eheschließung und
auch kaum zur außerehelichen Fortpflanzung. Auch die Fortpflanzung
ausgesprochen schwachsinniger Personen ist sicher geringer als die
durchschnittliche; doch ist die geschlechtliche Auslese in dieser
Beziehung im männlichen Geschlecht wirksamer als im weiblichen. Der
Mann muß im allgemeinen doch einen Beruf ausfüllen, um heiraten
zu können. Schwachsinnige Mädchen werden aber nicht selten ohne
Rücksicht auf ihre geistige Beschaffenheit geheiratet; auch bekommen
sie verhältnismäßig oft uneheliche Kinder, da sie die Folgen
geschlechtlichen Verkehrs nicht genügend voraussehen können. Im ganzen
soll es im Deutschen Reich 1-200000 Schwachsinnige und mehr als 75000
Idioten geben. Da ein großer Teil der Geistesschwachen verhältnismäßig
frühzeitig stirbt, machen unter den Neugeborenen Geistesschwache
einen größeren Bruchteil als später aus. Von allen Geborenen dürften
mindestens 1-2% schwachsinnig und 1/4% idiotisch sein.
Für die Tüchtigkeit der Rasse droht gerade von den leichteren Graden
der Geistesschwäche eine größere Gefahr als von den schwereren.
Hier gilt dasselbe wie von manchen organischen Nervenleiden. Die
leicht ~Schwachsinnigen~ sind durch ihre Veranlagung auf die
Ausübung einfacher körperlicher Berufe angewiesen: und gerade diese
haben eine überdurchschnittliche Fortpflanzung. Der absichtlichen
Geburtenverhütung sind die Schwachsinnigen natürlich am wenigsten
zugänglich, und die große Sterblichkeit ihrer Kinder wird mehr und
mehr durch Fürsorgemaßnahmen ausgeschaltet. So muß man wohl mit einer
weiteren Zunahme des leichten Schwachsinns rechnen.
Ein Teil der ~Epileptiker~ verblödet schon in früher Jugend, so daß
ihre Fortpflanzung nicht in Frage kommt. Ein anderer Teil hat aber nur
einzelne Anfälle und kann seine Anlage fortpflanzen. Nach ~Echeverria~
kamen schon vor Jahrzehnten auf die Ehe eines Epileptikers nur etwa 3,3
Kinder, von denen 1,4 frühzeitig starben; somit würden nur 1,9 pro Ehe
aufwachsen. Und da sehr viele andere überhaupt nicht zur Eheschließung
kommen, ist ihre Gesamtfortpflanzung vermutlich noch geringer. Immerhin
aber ist die Epilepsie gegenwärtig außerordentlich verbreitet. Man muß
wohl auf 3-400 Einwohner bei uns einen Epileptiker rechnen und unter
den Neugeborenen noch mehr.
Recht verwickelt liegen die Ausleseverhältnisse bei den
~Psychopathien~. Unter Kriegsgefangenen beobachtete ich ausgesprochene
Hysterie entschieden häufiger bei Russen als bei Franzosen. Hier dürfte
ein ähnlicher Gedankengang wie hinsichtlich der Schizophrenie am Platze
sein. „Die Intensifizierung und Tempobeschleunigung des modernen
Arbeitsprozesses, der Lärm, die Hast und die erhöhte Verantwortung,
all dies bringt zahllose Nerven auch in niederen Volksschichten, im
Arbeiterstande, zu Fall“ (~Rüdin~). Man kann wohl sagen, daß die
natürliche Auslese um so mehr auf eine Abnahme der nervösen Veranlagung
hinwirkt, je mehr die äußeren Lebensbedingungen die Anlagen zur
Auslösung bringen.
Wenn uns aus dem Mittelalter von seelischen Massenepidemien, von
Kinderkreuzzügen, Flagellantenwesen, Tanzepidemien und epidemischer
Besessenheit berichtet wird, so sind wir meist geneigt, zu glauben,
daß so etwas in unserem aufgeklärten Zeitalter nicht mehr möglich
sei. In Rußland ist jedenfalls die „Besessenheit“ noch recht
häufig; es ist dort ganz gewöhnlich, daß sich jemand einbildet,
eine Schlange oder ein anderes Reptil sei in ihn hineingefahren.
Noch in den letzten Jahrhunderten hat Rußland grausige
seelische Epidemien erlebt; Selbstverstümmelung, haufenweise
Selbstverbrennung, Erwürgung von Glaubensgenossen und Kindsmord aus
abergläubischen Beweggründen waren bei russischen Sektierern an der
Tagesordnung. Und wenn wir mit offenen Augen um uns blicken, so
können wir in so manchen seelischen Massenerscheinungen während des
Krieges und in der Nachkriegszeit auch bei uns die Auswirkung ganz
ähnlicher Seelenverfassungen erkennen.
Ein recht erheblicher Teil aller Psychopathen geht durch eigene
Hand zugrunde. Im Deutschen Reiche wurden vor dem Kriege jährlich
etwa 20 Selbstmorde auf 100000 Einwohner gezählt. Da außer den von
der Statistik erfaßten Fällen noch zahlreiche andere vorkommen, die
verheimlicht und als Unglücksfälle gezählt werden, so dürften bei uns
etwa 2-4% aller Männer durch eigene Hand enden, während bei Frauen der
Selbstmord etwa dreimal seltener ist. Obwohl jene Bevölkerungsgruppen,
in denen die meisten Selbstmorde vorkommen, sich durch höhere
Intelligenz auszeichnen (höhere Schüler, Akademiker, Künstler), ist die
Auslesewirkung dieser durch die modernen Lebensverhältnisse wesentlich
mitbedingten Erscheinung insgesamt sicher doch überwiegend günstig.
Besonders Anlagen zu manisch-melancholischen Seelenstörungen, zu
Epilepsie, zu Neurasthenie und anderen Psychopathien werden dadurch
ausgemerzt. ~Die Auslese durch den Selbstmord~ liegt daher in der
Richtung auf eine Stärkung des Lebenswillens und auf ein heiteres
Temperament der Bevölkerung.
Die schweren Verbrecher, welche fast regelmäßig psychopathisch
veranlagt sind, hinterlassen auch heute noch eine geringere
Nachkommenschaft als der Durchschnitt. Nach ~Goring~ waren in
England die Gewohnheitsverbrecher zwar nicht weniger häufig als
die übrige Bevölkerung verheiratet (63% gegen 62%); sie hatten
aber nur 3,5 Nachkommen gegenüber einem Durchschnitt von 5,7.
Außerdem starben von ihren Säuglingen 31,5% gegenüber 15,6% bei
der Allgemeinheit. Andererseits ermöglicht heute die im Vergleich
zu früheren Zeiten viel mildere Handhabung der Rechtspflege die
Erhaltung unsozialer Anlagen immerhin in höherem Maße als früher.
Jene seelischen Anomalien, die sich in ~sexuellen Perversionen~
äußern, haben natürlich zu allen Zeiten eine starke
Selbstausmerzung zur Folge gehabt. Ganz besonders aber ist das
wohl in der Gegenwart der Fall, wo zumal die Homosexuellen durch
eine große Werbetätigkeit von Ihresgleichen aufgeklärt werden. Die
dadurch bedingte Abhaltung derartiger Personen von der Ehe dürfte
auch auf eine allgemeine Abnahme psychopathischer Anlagen hinwirken.
c) ~Die Auslese durch akute Infektionskrankheiten.~
In vergangenen Jahrhunderten wurden alle Länder von Zeit zu Zeit
von mörderischen ~Epidemien~ heimgesucht, welche in manchen Fällen
den größten Teil der Bevölkerung dahinrafften. Es ist nun ganz
selbstverständlich, daß diejenigen, welche eine solche Epidemie
überleben, im Durchschnitt von tüchtigerer Konstitution sind als
die, welche daran sterben. Von noch größerer Bedeutung für Sterben
oder Überleben ist allerdings die spezifische Anfälligkeit bzw.
Widerstandskraft gegen die gerade herrschende Epidemie. Gewisse
Personen erkranken überhaupt nicht, weil ihre spezifischen
Abwehrreaktionen schon die ersten eingedrungenen Krankheitserreger
unschädlich zu machen vermögen; andere erkranken nur leicht,
weil sie mit Hilfe ihrer spezifischen Abwehrmittel den Kampf von
vornherein erfolgreich aufnehmen können; ein je nach der Art der
Epidemie wechselnd großer Teil pflegt aber schwer oder gar tödlich
zu erkranken. Die Abwehrreaktionen liegen ihrer Möglichkeit nach
natürlich in der Erbmasse begründet, und infolgedessen findet bei jeder
Epidemie eine Auslese nach den Abwehrmöglichkeiten statt. Man darf
über dieser Auslese nach der spezifischen Disposition bzw. Immunität
aber nicht die nach der allgemeinen Konstitution übersehen. Jede
spezifische Reaktionsmöglichkeit ist ja überhaupt nur ein Teil der
Gesamtkonstitution. Sodann aber beschränkt sich die Auslese durch
Infektionskrankheiten durchaus nicht auf diese spezifischen Anlagen.
~Jede schwere Infektionskrankheit ist eine Belastungsprobe für die
gesamte Konstitution.~ Schwächezustände an irgendwelchen Organen haben
nicht selten zur Folge, daß eine Infektionskrankheit, die sonst hätte
überwunden werden können, zum Tode führt. Bei der Lungenentzündung
kommt es sehr wesentlich auf die Leistungsfähigkeit des Herzens an,
ob der Kranke durchkommt oder nicht. Bei längerem Darniederliegen im
Fieber, wie es viele Infektionskrankheiten (z. B. das Fleckfieber) mit
sich bringen, ist der Ernährungszustand von entscheidender Bedeutung,
und dieser ist durch die erbliche Veranlagung wesentlich mitbedingt.
Die Cholera hat eine Auslese nach tüchtigen Verdauungsorganen zur
Folge, da durch normalen Magensaft Cholerabazillen abgetötet werden
können. Bei einmal ausgebrochener Cholera kommt es besonders auf die
Beschaffenheit des Herzens und der Blutgefäße an, derart, daß Personen
mit schlechtem Blutkreislauf von vornherein geringe Aussicht zu genesen
haben. Eine ähnlich schwere Belastungsprobe bedeuten die Pocken, welche
im Kindesalter so gut wie alle Befallenen und im erwachsenen Alter auch
noch einen großen Teil dahinraffen. Bei vielen Völkern von einfacher
Kultur bedeuten die Pocken die häufigste Todesursache überhaupt.
Seit der Einführung der Impfung spielen die Pocken keine Rolle mehr.
Cholera und Typhus sind durch die Sanierung der Trinkwasserverhältnisse
bei uns fast ganz beseitigt worden. Das Fleckfieber ist bei uns
nicht mehr heimisch, weil die Körperläuse, welche es übertragen,
keine regelmäßigen Begleiter des Menschen mehr sind. Die Pest kann
in Ländern mit modernen Wohnungen kaum noch um sich greifen. Wenn
trotzdem gelegentlich Fälle dieser gefährlichen Krankheiten bei uns
eingeschleppt werden, so werden sie durch Absonderungsmaßnahmen
schon in ihren ersten Anfängen an der Ausbreitung verhindert. Es
liegt daher nahe, daß die Konstitution unserer Bevölkerung, die
jener scharfen Auslese, der sie früher ausgesetzt war, nicht mehr
unterliegt, schwächer werden wird und zum guten Teil schon schwächer
geworden ist. Soll man die Einschränkung der großen Epidemien nun
bedauern? Gewiß nicht. Aus der Einsicht in die Auslesebedeutung der
Infektionskrankheiten folgt selbstverständlich nicht, daß man den
verheerenden Seuchen nun wieder Tor und Tür öffnen solle; es folgt
aber daraus, daß diese Faktoren einer rohen natürlichen Auslese durch
Einrichtungen bewußter humaner Auslese, d. h. durch rassenhygienische
Maßnahmen, ersetzt werden müssen, wenn die Rassentüchtigkeit nicht
weiter zurückgehen soll.
Alle schwereren Infektionskrankheiten, die von Mensch zu Mensch
übertragen werden, bringen eine gewisse Gegenauslese in bezug auf
die sozialen oder geselligen Anlagen des Menschen mit sich. Als die
Vorfahren des Menschen noch einsam oder in kleinen Horden durch die
Wälder streiften, können Epidemien natürlich noch keine besondere
Rolle gespielt haben, da es an Gelegenheiten zur Übertragung
fehlte. Die epidemischen Krankheiten dürften ihre große Bedeutung
vielmehr erst mit der zunehmenden Vergesellschaftung des Menschen
gewonnen haben. Das Zusammenleben in größeren Verbänden hatte
für den Menschen aber offenbar einen so großen Erhaltungswert,
daß die üble Begleiterscheinung der Vergesellschaftung, welche
die Epidemien darstellen, trotz ihrer Furchtbarkeit in Kauf
genommen werden konnte. Immerhin aber wirkten die epidemischen
Krankheiten ohne Zweifel hemmend auf die Vergesellschaftung,
indem die dichtesten Siedelungen natürlich am schwersten darunter
litten, während die zur Einsamkeit neigenden Menschen eher
davon verschont blieben. Auch heute noch sind ja sozialgesinnte
Menschen, die sich im Dienste der Krankenpflege betätigen, mehr von
Infektionskrankheiten bedroht als andere. Im wesentlichen aber kann
die Hemmung, welche die Infektionskrankheiten für die Entwicklung
der sozialen Anlagen des Menschen bedeuten, heute als überwunden
gelten; und die Eindämmung der epidemischen Krankheiten hat daher
wenigstens auch eine günstige Seite im Leben der Rasse, insofern
als sie die erwähnte Gegenauslese sozialer Anlagen ausschaltet.
d) ~Die Auslese durch Tuberkulose.~
Seitdem die akuten Infektionskrankheiten nicht mehr schonungslos die
schwächlichen Konstitutionen ausmerzen, besorgt das bis zu einem
gewissen Grade allerdings die ~Tuberkulose~. Um die Jahrhundertwende
hatten etwa 15% aller Todesfälle ihre entscheidende Ursache in der
Tuberkulose, und gegenwärtig sind es eher noch mehr. Die Tuberkulose
wirkt dauernd im Sinne der Austilgung schwacher Konstitutionen,
insbesondere der asthenischen bzw. hypoplastischen Konstitution.
Alle Anlagen, welche die allgemeine Widerstandskraft des Körpers
beeinträchtigen, erhöhen auch die Anfälligkeit gegen die Tuberkulose
und unterliegen daher auch einer nicht zu unterschätzenden Auslese
durch diese allgemein verbreitete Krankheit.
~Weinberg~, der die Fruchtbarkeit der Tuberkulösen sorgfältig
statistisch untersucht hat, hat gefunden, daß die von 1873 bis 1902
in Stuttgart an Tuberkulose gestorbenen Eheleute im Durchschnitt
3,16 Kinder hatten, während die Nichttuberkulösen mehr als 4
Kinder hatten. Außerdem fand sich bei den Kindern Tuberkulöser
eine außerordentlich hohe Sterblichkeit. Von diesen überlebten
nur 1,7 bis 1,8 pro Ehe das 20. Lebensjahr gegenüber 2,3 bis
2,6 bei Kindern Nichttuberkulöser. Die geringere Geburtenzahl
war hauptsächlich durch die kürzere Dauer der Ehen Tuberkulöser
infolge früheren Todes bedingt. Außerdem fand sich, daß die
Tuberkulosesterblichkeit der Ledigen viel höher als die der
Verheirateten war; die Tuberkulose und wahrscheinlich auch die sie
begünstigenden Schwächezustände hindern die damit Behafteten also
offenbar oft auch an der Eheschließung, so daß auch auf diesem
Wege eine nicht zu unterschätzende Auslese stattfindet. Auch
~Lundborg~ hat bei seinen Forschungen eine unterdurchschnittliche
Fruchtbarkeit in den tuberkulösen Familien gefunden.
Die ~Auslese durch Tuberkulose~ ist im letzten Jahrhundert wohl eher
schärfer als in früheren gewesen. In Zeiten als die menschlichen
Siedelungen noch sehr zerstreut waren, dürfte auch die Tuberkulose
kaum sehr verbreitet gewesen sein. Solange die Menschen den größten
Teil des Tages im Freien waren, konnte die Tuberkulose wohl nur schwer
Boden fassen; denn gerade die Sonne ist ein sehr wirksames Vorbeugungs-
und Heilmittel gegen die Tuberkulose. Diese hat ihre ungeheure
Ausbreitung daher erst mit der Anhäufung der Menschen in Städten und
engen Wohnungen gewonnen. Ganz besonders ist sie in den Wohnungen der
Armen und Ungebildeten zu Hause. Darum wirkt sie auch ausmerzend auf
alle jene körperlichen und seelischen Anlagen, welche wirtschaftliche
Schwäche und Unwissenheit begünstigen. Eine eingehende Erörterung der
Auslese in bezug auf diese Anlagen setzt aber die Kenntnis der sozialen
Auslese voraus, von der noch zu handeln sein wird.
Wenn in einer Bevölkerung jahrhundertelang immer die für Tuberkulose
besonders Anfälligen ausgetilgt werden, so ist zu erwarten, daß die
Anfälligkeit der Bevölkerung gegen Tuberkulose allmählich abnimmt.
Auf diese Weise dürfte es zu erklären sein, daß die Europäer, bei
denen die Tuberkulose seit unvordenklicher Zeit zu Hause ist,
heute widerstandsfähiger dagegen sind als etwa die Indianer und
die Neger. Bei den Ureinwohnern Amerikas verläuft die Tuberkulose
unverhältnismäßig oft in Form der „galoppierenden Schwindsucht“, welche
schnell zum Tode führt; ähnliches wird auch von den Javanen und anderen
mongoliden Stämmen berichtet. Auffallend unempfindlich sind die Juden
gegen die Tuberkulose. In Tunis betrug die Tuberkulosesterblichkeit
in den Jahren 1894-1900 nur 0,75 bei den Juden gegenüber 11,3 bei
den Arabern und 5,3 bei den Europäern. In Wien starben 1901-1903 von
1000 Juden nur 1,8 an Tuberkulose, von 1000 Protestanten 3,3, von
1000 Katholiken 5,0. Und das ist nicht etwa nur auf die günstigere
wirtschaftliche Lage der Juden zurückzuführen. Auch in Krakau hatten
die Juden eine nur halb so hohe Tuberkulosesterblichkeit als die übrige
Bevölkerung, obwohl sie dort eher unter ungünstigeren Verhältnissen
leben. Entsprechendes hat man auch an den Juden Newyorks beobachtet.
Die ungezwungenste Erklärung dieser Erscheinung ist vielmehr die, daß
gerade die Juden infolge ihres städtischen Lebens schon seit vielen
Jahrhunderten ganz besonders stark der Ansteckung mit Tuberkulose
ausgesetzt gewesen sind, und daß bei ihnen eben dadurch eine gewisse
Immunität dagegen herausgezüchtet worden ist.
Wenn man die Tuberkulosesterblichkeit der verschiedenen
Länder Europas vergleicht, so zeigt sich, daß die Länder mit
stärkerem mongoliden Einschlag im allgemeinen auch eine höhere
Tuberkulosesterblichkeit als die mit vorwiegend nordischer und
mediterraner Rasse haben. Stark von Tuberkulose heimgesucht
wird Polen, Rumänien, die Balkanländer, Rußland, Finnland und
Österreich, viel weniger dagegen England, Dänemark, Island,
Holland, Norddeutschland, Spanien, Süditalien. Freilich sprechen
dabei sicher die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse
wesentlich mit, aber andererseits hängen diese wieder eng mit den
Rassenanlagen zusammen, wie im ersten Teil gezeigt wurde. Auf
jeden Fall aber hat die Tuberkulose auch wesentlichen Einfluß
auf die Verschiebung der großen Rassen. Die Indianerbevölkerung
Nordamerikas ist bei der Berührung mit den Europäern z. B.
nicht so sehr durch Waffengewalt als durch Tuberkulose und
Pocken zusammengeschmolzen, die in kurzer Zeit viele Millionen
dahinrafften. Die Feuerländer sind an der Tuberkulose geradezu
ausgestorben. In den Südstaaten Nordamerikas betrug i. J. 1900 die
Tuberkulosesterblichkeit der Neger 4,3 auf 1000, die der Weißen 1,7.
Es ist wohl geltend gemacht worden, daß die günstige Auslesewirkung
der Tuberkulose durch Schädigung der Erbmasse infolge der
Krankheit mehr als ausgeglichen wurde und daß daher die
Gesamtwirkung der Tuberkulose auf die Rasse doch unbedingt
ungünstig sei. Eine idiokinetische Wirkung der Tuberkulose ist zwar
denkbar; nachgewiesen ist aber nichts davon. Jedenfalls dürfen
wir damit nicht als mit einer gegebenen Tatsache rechnen. Die
Auslesewirkung der Tuberkulose aber liegt auf der Hand. Im übrigen
darf aber das Interesse der Rasse selbstverständlich nicht einfach
dadurch gewahrt werden, daß man die Tuberkulose weiter wüten läßt.
Der Rassenhygieniker bekämpft ja die krankhaften Erbanlagen nur
darum, weil sie die damit behafteten Menschen krank machen. Es
wäre also widersinnig, wenn man dauernd zahlreiche Menschen wollte
dahinsiechen lassen, nur damit die Erbanlagen der Bevölkerung
verbessert würden.
e) ~Die Auslese durch Syphilis und Gonorrhoe.~
Einer besonderen Betrachtung bedürfen die sogenannten
~Geschlechtskrankheiten~, die ~Syphilis~ und die ~Gonorrhoe~ (oder
der Tripper). Über die ungeheure Verbreitung dieser Krankheiten
haben wir eigentlich erst in den letzten Jahren ein einigermaßen
zuverlässiges Bild gewonnen. Auf Grund einer Rundfrage, welche i. J.
1913 in deutschen Großstädten angestellt wurde und welche in Hamburg
unter allen 800 Ärzten nur von zweien nicht beantwortet wurde, läßt
sich berechnen, daß etwa 40% aller Männer, welche in Hamburg das 50.
Lebensjahr erreichen, wegen Syphilis ärztlich behandelt werden. Dabei
sind die, welche sich von Kurpfuschern behandeln ließen, und die,
welche ganz unbehandelt blieben, noch nicht einmal erfaßt. In anderen
Großstädten konnte die Erhebung nicht mit gleicher Vollständigkeit
durchgeführt werden, doch ergab sich im ganzen ein ähnliches Bild. In
Berlin litten 4,2% aller Männer, die in den Jahren 1905-1914 im Alter
von mehr als 30 Jahren starben, an jener syphilitischen Zerstörung
des Gehirns, die man Paralyse nennt. Da wir Grund zu der Annahme
haben, daß etwa 7% aller Syphilitiker der Paralyse verfallen, so würde
das bedeuten, daß etwa 60% aller Männer in Berlin sich mit Syphilis
infizieren. Diese Zahl entspricht etwa der, die man nach dem Ergebnis
der Rundfrage in Hamburg für Berlin erwarten dürfte. In den kleinen
Städten und auf dem Lande ist die Verseuchung natürlich geringer.
Für das ganze Reich wird man die Syphilishäufigkeit wohl auf 10%
schätzen dürfen. Im weiblichen Geschlecht ist die Häufigkeit der
Syphilis weniger groß; von den weiblichen Mitgliedern der Berliner
Gewerkschaftskrankenkasse wurden nur etwa 2/3 so viele wegen Syphilis
behandelt als von den männlichen. Insgesamt werden in Deutschland
vielleicht nur halb so viele weibliche als männliche Personen
syphilitisch sein.
Die Gonorrhoe ist nach den Erfahrungen der Ärzte und den Aufzeichnungen
der Krankenkassen mehrfach so häufig als die Syphilis. Die meisten
Männer in der Großstadt machen also mehrmals Gonorrhoe durch. Ein
gewisser Bruchteil auch der großstädtischen Männer, der überhaupt den
außerehelichen Geschlechtsverkehr vermeidet, bleibt selbstverständlich
auch von Gonorrhoe frei. Insgesamt dürften im Reichsdurchschnitt
vielleicht 40-50% aller Männer während ihres Lebens mindestens einmal
an Gonorrhoe erkranken und vielleicht 20-25% aller Frauen.
Die ~Auslesewirkung der Syphilis~ kommt nur zum kleinen Teil durch die
Verkürzung der Lebensdauer, welche im Durchschnitt schätzungsweise
immerhin 6-8 Jahre betragen dürfte, zustande. Stärker fällt der Umstand
ins Gewicht, daß die Syphilis in der Regel mindestens einen Aufschub
der Eheschließung um mehrere Jahre bedingt und daß viele Syphilitiker
ganz ehelos bleiben. Wenn die Syphilis in die Ehe eingeschleppt wird,
so endet eine Schwangerschaft sehr oft mit Fehlgeburt; in anderen
Fällen werden syphilitisch infizierte Kinder geboren, von denen die
meisten dann noch in den ersten Lebensjahren sterben. Andererseits
kommen aber auch viele Fälle vor, wo die Kinder ehemaliger Syphilitiker
keinerlei krankhafte Zeichen aufweisen. Wenn die Syphilis in den ersten
Wochen nach der Ansteckung sachgemäß behandelt wird, so kann sie heute
zwar mit ziemlicher Sicherheit endgültig geheilt werden. Bisher ließ
sich aber nur ein kleiner Teil der Syphilitiker ausreichend behandeln.
Insgesamt darf man jedenfalls annehmen, daß die Nachkommenschaft der
Syphilitiker im Durchschnitt quantitativ nicht zur Erhaltung der
Familie ausreicht.
Im Gegensatz zu der Syphilis wirkt die Gonorrhoe nur selten
lebensverkürzend. In den meisten Fällen tritt auch nach verhältnismäßig
kurzer Zeit vollständige Heilung ein, wenigstens beim Manne.
Trotzdem aber ist die ~Auslesebedeutung der Gonorrhoe~ eher noch
größer als die der Syphilis, weil die Gonorrhoe viel häufiger ist
und weil sie verhältnismäßig recht oft Unfruchtbarkeit zur Folge
hat. Mindestens die Hälfte aller kinderlosen Ehen ist auf Gonorrhoe
zurückzuführen. Noch häufiger tritt nach der Eheschließung eines
gonorrhoischen Mannes zunächst eine Empfängnis ein, zugleich aber
auch die Ansteckung der Frau und im Anschluß an die erste Geburt ein
Aufsteigen der Trippererreger in die inneren Geschlechtsorgane der
Frau. Die „Einkindsterilität“ ist geradezu typisch für Gonorrhoe. Im
Deutschen Reich gibt es etwa 10 Millionen Ehen, von denen etwa eine
Million kinderlos sind; also bleibt wohl mindestens eine halbe Million
Ehen in jeder Generation wegen Gonorrhoe kinderlos; und der Ausfall
infolge Einkindsterilität dürfte eher noch größer sein, so daß in jeder
Generation viele Millionen Kinder wegen Gonorrhoe der Eltern nicht
geboren werden. Es fragt sich nur, inwieweit dadurch eine günstige
Auslese und inwieweit eine Gegenauslese bewirkt wird.
Bei robustem Körperbau sind die geschlechtlichen Triebe im allgemeinen
stärker als bei schwächlicher Konstitution, und entsprechend ist
auch die Gefährdung größer. Der verhältnismäßig kleine Teil der
großstädtischen Männer, welcher von der Ansteckung verschont bleibt,
dürfte daher im Durchschnitt körperlich wohl etwas weniger kräftig
sein, als der welcher der Gonorrhoe oder der Syphilis verfällt.
Diese Krankheiten wirken daher gerade umgekehrt wie die Tuberkulose
eher auf eine Züchtung der asthenischen und infantilistischen
Konstitution hin. Auch in bezug auf seelische Anlagen kommt eine
ungünstige Auslesewirkung immerhin in Betracht. Neurastheniker, die
schon durch die gewöhnliche Arbeit des Tages stark ermüdet werden,
sind verhältnismäßig wenig der Versuchung ausgesetzt, bedenklichen
Verkehr zu suchen. Hypochondrische Ängstlichkeit bedingt natürlich
einen gewissen Schutz vor Ansteckung. Andererseits werden freilich
haltlose Naturen, die dem Sinneseindruck des Augenblicks hingegeben
sind und bei denen die normalen „Hemmungen“ fehlen, vorzugsweise
betroffen. Was die geschlechtlichen Triebe im besonderen angeht,
so geht die Auslese durch Gonorrhoe und Syphilis unzweifelhaft auf
deren Abschwächung hin. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das so
häufige Fehlen eines Begattungstriebes bei Frauen, das schwerlich
als ursprünglich normal anzusehen ist, gerade infolge der Auslese
durch Gonorrhoe und Syphilis seine heutige Verbreitung erlangt hat.
Andererseits werden Personen mit abnorm starkem Geschlechtstrieb
natürlich ganz besonders davon betroffen und ausgemerzt. Ganz allgemein
führen Leichtsinn und sittliche Haltlosigkeit offenbar sehr häufig
zur Ausmerzung durch Syphilis und Gonorrhoe. So wie die Dinge heute
liegen, sind die Geschlechtskrankheiten geradezu die wesentlichste
Ursache für das Aussterben von allerhand Gesindel, das sich in den
Großstädten ansammelt. Die Prostituierten, welche fast ausnahmslos
durch Geschlechtskrankheiten unfruchtbar werden, sind zum ganz
überwiegenden Teil psychopathisch veranlagt, während sie körperlich
eher über dem Durchschnitt stehen dürften. Die Gesamtwirkung der durch
die Geschlechtskrankheiten bedingten Auslese ist daher, wenigstens was
die seelischen Anlagen betrifft, vielleicht gar nicht so ungünstig.
Noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit waren allerdings gerade die
geistigen Berufe, Akademiker, Offiziere, Kaufleute, wegen ihres hohen
Heiratsalters in ganz besonders hohem Maße von Geschlechtskrankheiten
betroffen. Davon wird noch im Zusammenhang mit der sozialen Auslese
zu reden sein. Andererseits hat aber die zunehmende Aufklärung über
die Gefahren der Geschlechtskrankheiten ganz offenbar schon gute
Erfolge gerade unter der gebildeten Jugend gehabt. Die Erkenntnis der
Gefahr in ihrem ganzen Umfange hält ohne Zweifel oft vor bedenklichen
Abenteuern zurück. Auch die Anwendung von Schutzmitteln wird natürlich
von einsichtigen jungen Leuten erfolgreicher durchgeführt als von
beschränkten und leichtsinnigen. Und wenn ein einsichtiger junger
Mann trotzdem das Unglück hat, sich eine Ansteckung zuzuziehen, so
wird er die Krankheit nicht vernachlässigen, sondern zur rechten
Zeit sachverständige Behandlung suchen, welche in vielen Fällen zu
völliger Heilung führen wird. Infolgedessen wird auch die Bekämpfung
der Geschlechtskrankheiten, vor allem die Aufklärung darüber, keine
ungünstige Auslesewirkung haben, weil sie in erster Linie die
Einsichtigen bewahrt.
Durch Auslesevorgänge erklärt sich auch die Wandlung im Charakter
der Syphilis seit ihrem ersten Auftreten in Europa, das
augenscheinlich im Anschluß an die Entdeckung Amerikas erfolgte.
Die Syphilis pflegte damals schon bald nach der Ansteckung zu
ausgedehnten Zerstörungen der Haut sowie auch innerer Organe
und nicht selten rasch zum Tode zu führen. In der modernen Zeit
dagegen nimmt die Syphilis in den ersten Jahren gewöhnlich
einen schleichenden Verlauf; andererseits treten jetzt bei
verhältnismäßig vielen Kranken lange Jahre nach der Ansteckung
schwere Spätfolgen auf, die in früheren Jahrhunderten unbekannt
waren. So entwickelt sich nach 10 bis 15 Jahren bei ca. 6-10% der
Syphilitiker die unter dem Namen Paralyse bekannte Zerstörung des
Gehirns, bei ca. 2 bis 3% die als Tabes bezeichnete Zerstörung des
Rückenmarkes und nach 15 bis 25 Jahren bei ca. 20% eine schwere,
oft tödliche Erkrankung der vom Herzen ausgehenden Hauptschlagader
des Körpers. Man hat diesen Wandel des Krankheitsbildes wohl
durch Vererbung einer erworbenen Immunität erklären wollen, wofür
aber greifbare Anhaltspunkte völlig fehlen und was auch aus
allgemein biologischen Gründen abzulehnen ist, da eine „Vererbung
erworbener Eigenschaften“ überhaupt nicht stattfindet, wie im
ersten Bande gezeigt wurde. Es bleibt daher nur die Erklärung durch
Auslesevorgänge übrig. Diejenigen Stämme des Syphiliserregers,
welche bei Europäern in kurzer Zeit zum Tode führten, verfielen
eben mitsamt ihren Trägern der Ausmerzung. So wurden nicht nur
Rassen des Syphiliserregers, die schwere Früherscheinungen machten,
allmählich seltener, sondern ebenso auch menschliche Anlagen, die
eine besondere Empfindlichkeit gegen Syphilis bedingten. Dazu kam
dann die Auslesewirkung der Behandlung. Jene Syphilisfälle, die
sich in starken frühzeitigen Hauterscheinungen äußerten, wurden
natürlich ganz besonders intensiv mit Quecksilber behandelt, und
jene Rassen der Erreger, welche sich so zu äußern pflegten, wurden
daher oft abgetötet oder doch stark in der Ausbreitung beschränkt.
Die schleichenden Formen der Syphilis, welche zunächst nur geringe
Erscheinungen machen, konnten sich infolgedessen viel unbehelligter
ausbreiten, und wenn sie nach vielen Jahren zur Zerstörung des
Gehirns oder der Hauptschlagader ihres Trägers führten, so hatten
sie vorher doch jahrelang Zeit zur Ausbreitung gehabt. Es ist daher
nicht unwahrscheinlich, daß der Charakter der Syphilis sich auch
noch weiterhin in dieser Richtung ändern wird.
f) ~Die Auslesebedeutung der Säuglings- und Kindersterblichkeit.~
Bei Naturvölkern geht in der Regel mehr als die Hälfte aller Geborenen
im Säuglingsalter wieder zugrunde. Auch bei uns ist die Sterblichkeit
im ersten Lebensjahr ja größer als die in irgendeinem anderen Jahr,
und entsprechend ist auch die dadurch bedingte Auslese größer. In den
ersten 3-4 Lebenstagen, wo das Neugeborene noch keine Nahrung zu sich
nimmt, erfolgen Todesfälle fast nur auf Grund angeborener Fehler
oder Schwächezustände, für die neben Schädigungen durch Syphilis und
Alkoholismus der Eltern als Ursache vor allem ererbte krankhafte
Veranlagung in Betracht kommt. Auch für die nächsten Tage gilt im
wesentlichen noch dasselbe. Bis zum 10. Lebenstage sterben von allen
Kindern etwa 2%. Von nun an treten Ernährungsstörungen als Todesursache
in den Vordergrund; aber auch diese sind durch die ererbten Anlagen
sehr wesentlich mitbedingt. Es gibt Kinder, denen nicht einmal die
Milch der eigenen Mutter gut bekommt und die nur mit ganz besonders
hergestellten Nahrungsmitteln mühsam durchgebracht werden können.
Von Kindern, die von vornherein künstlich ernährt werden, verfällt
ein viel größerer Teil mehr oder weniger schweren Störungen, während
es andererseits auch nicht wenige Säuglinge gibt, die sowohl an der
Mutterbrust als auch bei verschiedenen Arten künstlicher Ernährung
eine schier unverwüstliche Gesundheit bewahren. Es ist nur eine
selbstverständliche Folge dieser Tatsachen, daß der Durchschnitt
der erkrankenden Säuglinge dem der übrigen konstitutionell nicht
gleichwertig ist.
Von den Kindern, welche im Kaiserin Auguste Viktoria-Haus in
Berlin in den 10 Jahren von 1909 bis 1918 wegen chronischer
Ernährungsstörungen behandelt und durchgebracht wurden,
boten später fast zwei Drittel irgendwelche Zeichen von
Minderwertigkeit, und diese wären ohne die sorgsame Behandlung
zum großen Teil natürlich gestorben. Die hauptsächlichste
Todesursache im Säuglingsalter bestand wenigstens bisher in akuten
Ernährungsstörungen, zumal in dem sogenannten Brechdurchfall.
Als Beleg, daß auch dabei Auslese am Werke ist, kann z. B. die
Erfahrung des Auguste Viktoria-Hauses dienen, daß von den dort
an akuten Ernährungsstörungen gestorbenen Säuglingen ein Drittel
Zeichen schwerer konstitutioneller Minderwertigkeit aufwies.
~Eliasberg~ fand unter 80 Säuglingen, die an Sommerdurchfällen
litten, sogar bei 70 Konstitutionsanomalien wie exsudative oder
neuropathische Diathese.
Dieselben Anomalien der Konstitution, welche im späteren Leben
Nervenleiden und andere Schwächezustände bedingen, äußern sich vielfach
schon im Kindesalter unter dem Bilde von allerhand „Diathesen“. Die
meisten Kinder, welche im Säuglingsalter an Krämpfen leiden, weisen z.
B. später Zeichen von Neuropathie oder Psychopathie auf.
Die Auslesewirkung der Säuglingssterblichkeit beschränkt sich übrigens
durchaus nicht auf jene Anlagen, die schon im Säuglingsalter
zum Ausdruck kommen. So wirkt die Säuglingssterblichkeit unter
anderm auch züchtend auf die Stillfähigkeit, wie schon weiter oben
erwähnt wurde. Da die Hauptursache des Nichtstillens und damit der
Säuglingssterblichkeit weniger im Mangel körperlicher Stillfähigkeit
als vielmehr in einem Mangel an Stillwillen und in wirtschaftlichen
Verhältnissen begründet liegt, so hat die Säuglingssterblichkeit
auch eine Auslesebedeutung in bezug auf die Einsicht der Mütter, ihr
Pflichtgefühl und ihre Mutterliebe, lauter Eigenschaften, die durch
die Erbanlagen wesentlich mitbedingt sind. Auch unter den künstlich
ernährten Säuglingen findet eine Auslese nach den Anlagen der Eltern,
insbesondere denen der Mutter statt, weil die sorgsameren und
einsichtigeren Mütter bessere Erfolge mit der künstlichen Ernährung
haben als die leichtsinnigen und beschränkten.
Auch die großen Unterschiede, welche die Säuglingssterblichkeit
je nach der wirtschaftlichen Lage aufweist, sind keineswegs ohne
Auslesebedeutung, weil die erbliche Veranlagung der verschiedenen
wirtschaftlichen Klassen im Durchschnitt nicht gleich, sondern stark
verschieden ist, wie bei Besprechung der sozialen Auslese näher
erörtert werden wird.
Die Unterschiede der Säuglingssterblichkeit nach der sozialen
Lage mögen an einigen Zahlen veranschaulicht werden, die einer
Untersuchung von H. ~Neumann~ vom Jahre 1908 entnommen sind, wobei
die Wohnungsgröße als Maßstab der wirtschaftlichen Lage genommen
ist. Besonders bemerkenswert ist daran, daß die Sterblichkeit der
Flaschenkinder im ersten Monat in allen drei Gruppen fast genau
gleich groß befunden wurde, während sie vom 2. bis 12. Monat in der
ungünstigsten Gruppe viermal so groß war als in der günstigsten.
================================================================
| | |Flaschenkinder
Es starben |Brustkinder im|Flaschenkinder| im 2. bis
| 1. Lebensjahr| im 1. Monat | 12. Monat
-------------------+--------------+--------------+--------------
in Wohnungen von | | |
1-2 Zimmern | 4,9 % | 6,5 % | 16,4 %
| | |
in Wohnungen von | | |
3 Zimmern | 2,6 % | 6,7 % | 10,2 %
| | |
in Wohnungen von | | |
4 und mehr Zimmern | 2,6 % | 6,2 % | 4,1 %
Gewisse Kinderärzte und Sozialhygieniker verschließen vor der
Einsicht in die Auslesebedeutung der Säuglingssterblichkeit
hartnäckig die Augen, weil sie wähnen, daß daraus eine feindliche
Einstellung gegen die Säuglingsfürsorge folgen müßte. Unsere
führenden Rassenhygieniker, ~Ploetz~, ~Schallmayer~ und ~Gruber~
haben indessen klipp und klar ausgesprochen, daß aus der
Anerkennung der Auslesebedeutung der Säuglingssterblichkeit
keineswegs folgt, daß man dieser einfach ihren Lauf lassen müsse.
Viele Maßnahmen der Säuglingsfürsorge haben auch durchaus keinen
ungünstigen Einfluß auf die Auslese. Besonders die Werbetätigkeit
für das Selbststillen der Mütter dient geradezu auch der Auslese.
Durch möglichste Ausbreitung des Selbststillens der Mütter
werden jene äußeren Todesursachen, die wenig oder gar keine
Auslesebedeutung haben, weitgehend eingeschränkt, so daß nun die
Unterschiede der Konstitution um so reiner zur Auswirkung kommen
können. In Gegenden, wo das Stillen überhaupt ungebräuchlich
ist, ist ja die Auslese nach Stillfähigkeit der Mutter geradezu
unterbunden. Auch die sonstige Fürsorge kann eine günstige Auslese
zur Folge haben, vor allem weil die einsichtigeren und sorgsameren
Mütter auch bei künstlicher Ernährung von den Ratschlägen des
Arztes und der Fürsorgerin erfolgreicheren Gebrauch machen werden
als die unbegabten und gleichgültigen. Selbstverständlich aber ist
auch eine unzweckmäßige Fürsorge denkbar, z. B. eine solche, die
viele Mühe und große Kosten für einige wenige minderwertige Kinder
aufwendet, während mit dem gleichen Aufwand eine viel größere Zahl
besser veranlagter Kinder gerettet werden könnte.
Auch jenseits des eigentlichen Säuglingsalters ist die natürliche
Auslese selbstverständlich weiter wirksam. Manche der im ersten
Bande besprochenen angeborenen erblichen Leiden führen erst im
Kindesalter zum Tode, doch kommt ihnen wegen ihrer verhältnismäßigen
Seltenheit keine besondere Bedeutung zu. Wichtiger ist, daß schwere
chronische Verdauungsschwäche auch jenseits des Säuglingsalters
nicht selten ist und daß die damit behafteten Kinder besonders
leicht Infektionskrankheiten zum Opfer fallen. Die sogenannten
~Kinderkrankheiten~, Masern, Scharlach, Diphtherie und Keuchhusten,
bilden überhaupt die häufigste Todesursache im Kindesalter, aber
nur mit einer gewissen Einschränkung, die eben in der Konstitution
begründet liegt. Von den an Masern erkrankten Kindern pflegen nur 2-3%
zu sterben, und auch bei Scharlach, Diphtherie und Keuchhusten bleibt
die Letalität gewöhnlich unter 10%, obwohl sich die verschiedenen
Epidemien je nach der Rasse des Erregers sehr verschieden verhalten
können. Da die allermeisten Kinder durchzukommen pflegen, so ist die
Infektion ja eigentlich gar nicht die entscheidende Todesursache;
neben dem Alter und äußeren Umständen spielen vielmehr die Erbanlagen
dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. An Masern sterben fast nur
schwächliche und kränkliche Kinder. Von Scharlach sind nach ~Feer~
besonders Kinder mit lymphatischer Konstitution gefährdet. Auch die
Diphtherie rafft vorzugsweise Kinder mit lymphatischer und exsudativer
Diathese, mit Ernährungsstörungen und sonstigen Schwächezuständen
dahin. Der Keuchhusten ist bei Kindern mit spasmophiler Diathese stets
lebensgefährlich. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Sterblichkeit
im Kindesalter eher noch stärker durch erbliche Anlagen mitbedingt
ist als im Säuglingsalter und daß sie folglich wie jene eine starke
Auslesebedeutung hat.
g) ~Die Auslese durch Alkohol und andere Genußgifte.~
Für das Zustandekommen der Trunksucht ist die erbliche Veranlagung
wohl von nicht geringerer Bedeutung als die äußeren Umstände. „Wir
dürfen annehmen, daß die große Mehrzahl der hoffnungslosen Fälle
von Hause aus haltlose, minderwertige Persönlichkeiten waren“, sagt
~Kraepelin~. Aus diesem Umstande in Verbindung mit der Tatsache, daß
vor dem Kriege bei 12-14% aller Todesfälle Alkoholmißbrauch mindestens
eine mitwirkende Todesursache war, ergibt sich, daß der Alkohol auch
erhebliche Auslesewirkungen haben muß. Die Sterblichkeit der Trinker
ist bedeutend größer als die der übrigen Bevölkerung. In Preußen betrug
die Lebenserwartung der 25jährigen in Alkoholgewerben Beschäftigten nur
26 Jahre gegenüber 32 Jahren bei der sonstigen männlichen Bevölkerung.
In England betrug die Lebenserwartung der Gastwirte mit 25 Jahren noch
31 Jahre gegenüber einer allgemeinen Lebenserwartung von 36 Jahren. Ein
20jähriger Münchener lebte im Durchschnitt noch 42 Jahre, ein Münchener
Brauer aber nur 22,4.
Entscheidend für die Auslese ist aber nicht das erreichte Lebensalter,
sondern die Zahl der aufgezogenen Nachkommen, und da zeigt sich, daß
die Kinderzahl der Trinker im allgemeinen nicht geringer ist als die
der sonstigen Bevölkerung, sondern eher größer. So hat ~Laitinen~
an 5845 finnländischen Familien gefunden, daß die Trinker eine
durchschnittliche Kinderzahl von 3,9 pro Ehe hatten, die Mäßigen
3,6 und die Enthaltsamen 2,4. Entsprechend fanden auch ~Pearson~ und
seine Schüler bei Trinkern eine Kinderzahl von 4,6, bei Mäßigen von
3,4 und bei Enthaltsamen von 2,7. ~Lundborg~ fand bei seinen bekannten
Untersuchungen an einer schwedischen Bauernbevölkerung, daß die Trinker
eine Kinderzahl von 5,6 hatten, die übrigen Familien 4,9. Nun ist in
Trinkerfamilien freilich auch die Kindersterblichkeit größer, aber
nicht in dem Maße, daß dadurch der bleibende Nachwuchs der Trinker
zahlenmäßig geringer als der durchschnittliche würde. Der Alkoholgenuß
trübt offenbar die Voraussicht und das Verantwortungsgefühl, welche
sonst so vielfach zur Geburtenbeschränkung treiben. So dürfte es
kommen, daß der Alkohol insgesamt die Zahl der Geburten erhöht.
Freilich gibt es auch jugendliche Säufer, die schon früh infolge ihres
Trunkes zugrundegehen oder die doch nicht zur Eheschließung kommen.
In diesen Fällen handelt es sich wohl ganz überwiegend um krankhaft
veranlagte Personen. Da der Alkoholismus zur Auslösung epileptischer
und anderer psychopathischer Anlagen führen kann, so trägt er offenbar
zur Ausmerzung derartiger Anlagen bei. Andererseits kommen Personen mit
krankhafter Empfindlichkeit gegen Alkohol erfahrungsgemäß besonders
leicht zu völliger Enthaltsamkeit. Aus den angeführten Zahlen folgt,
daß die Abstinenten im Durchschnitt eine sehr geringe Kinderzahl
haben und daß diese vielfach nicht einmal zur Erhaltung der Familie
ausreicht. Wenn nun die höhere Kinderzahl der Nichtabstinenten etwa
zum Teil auf Alkoholwirkung beruhen sollte, so könnte der Alkohol also
auch in dieser Hinsicht eine günstige Auslesewirkung haben. Möglich ist
freilich auch, daß die Abstinenten hauptsächlich wegen ihrer größeren
Neigung, die Folgen voraus zu erwägen, sowohl Alkohol wie Geburten
vermeiden.
Diesen eher günstigen Auslesewirkungen des Alkohols stehen andererseits
ungünstige gegenüber; und zwar dürften diese hauptsächlich auf dem
Umwege über die Schädigung der Erbmasse, die im ersten Bande erörtert
wurde, erfolgen. Die Angehörigen des Braugewerbes, welche durch den
Alkohol in ihrer Gesundheit geschädigt werden, stellen wenigstens
körperlich eine überdurchschnittliche Auslese dar; und auch sonst sind
die eigentlichen Trinker häufiger von kräftigem als von schwächlichem
Körperbau, was sich einfach daraus erklärt, daß schwächliche Personen
eben weniger „vertragen“ können und daher eher mäßig bleiben. Wir
haben aber Grund zu der Annahme, daß eine Schädigung der Erbmasse bei
robusten Menschen vielfach schon früher als eine Schädigung ihrer
persönlichen Gesundheit erfolgt. Wenn also die Trinker zunächst
auch eine größere Kinderzahl als die Mäßigen haben mögen, so ist es
doch ganz gut möglich, daß ihre Nachkommenschaft in den weiteren
Generationen infolge der durch die Erbschädigung bedingten Schwäche
einer um so stärkeren Ausmerzung verfällt.
Auch in bezug auf geistige Anlagen hat eine Gegenauslese durch
Alkohol wenigstens bis zur Zeit des großen Krieges insofern bei uns
stattgefunden, als gerade die gebildeten und besitzenden Kreise,
insbesondere die akademische Jugend, dem Alkoholmißbrauch besonders
ausgesetzt waren. Diese Gegenauslese wird verstärkt durch den Umstand,
daß unter dem Einfluß des Alkohols sich gelegentlich auch junge
Leute, die sonst kaum dazu kommen würden, der Gefahr geschlechtlicher
Ansteckung aussetzen. Das unmäßige Trinken hat ja gegenwärtig bei
der gebildeten Jugend zwar stark abgenommen, in der Hauptsache aber
offenbar nur unter dem Zwange der wirtschaftlichen Not, die gerade
diese Kreise betroffen hat. Wie sich die Dinge weiterhin gestalten
werden, bleibt daher abzuwarten.
Andere Genußgifte, wie das Nikotin, das Morphin und das Kokain, haben
eine ähnliche Auslesewirkung wie der Alkohol. Einerseits werden auch
durch diese Gifte vorzugsweise haltlose und krankhaft veranlagte
Personen von der Fortpflanzung ausgeschaltet; andererseits aber
werden auch davon die gebildeten Stände ganz besonders betroffen.
Dem Morphinismus und Kokainismus sind besonders Ärzte, Apotheker,
Heilgehilfen und Krankenschwestern ausgesetzt; und obwohl diese Übel
für die Gesamtbevölkerung keine besondere Rolle spielen, ist die durch
sie bedingte Auslese um so ungünstiger.
Man ist oft geneigt zu meinen, daß instinktgesunde Menschen
den Mißbrauch von Alkohol und anderen Giften ganz von selbst
vermeiden würden, da ja die normalen Instinkte auf Herbeiführung
rasseförderlicher Zustände und Handlungen und auf Vermeidung
schädlicher gerichtet sind. Vom vitalistischen Standpunkt wäre das in
der Tat zu erwarten. Die selektionistische Auffassung der Organismen
dagegen läßt uns das häufige Vorkommen ~erhaltungswidriger Äußerungen
auch an und für sich erhaltungsgemäßer Instinkte~ durchaus verständlich
erscheinen. Die Umwelt, in der die Instinkte der heutigen Menschen
gezüchtet wurden, war eben eine andere als die, in der sie heute leben.
In jener Umwelt kamen Morphin, Kokain und Nikotin praktisch nicht vor,
und auch der Alkohol stand Naturvölkern und selbst den alten Germanen
natürlich niemals in solcher Menge zur Verfügung, daß sich bei ihnen
Alkoholismus in größerem Umfange hätte entwickeln können. Daß es der
modernen Technik aber gelingt, in großem Umfange Stoffe herzustellen,
welche besondere Lustempfindungen oder Ausschaltung der Unlust --
wenn auch nur vorübergehend und auf Kosten der Gesundheit -- bewirken
können, ist nicht weiter verwunderlich.
Ein entsprechender Gedankengang gilt übrigens nicht nur für die
Genußgifte, sondern auch für alle möglichen andern Sinnesreize
des modernen städtischen Lebens, für Literaturerzeugnisse,
Theaterdarbietungen, moderne Musik, sinnenreizende Moden usw. usw.
Solche Dinge können auch von unverdorbenen Sinnen als „schön“ empfunden
werden und doch die Menschen, welche in ihren Bann geraten, aus dem
Lebensstrom der Rasse ausschalten. ~Die ererbten Rassenanlagen sind
nicht mehr an die moderne Umwelt angepaßt, weil es eben eine ganz
andere Umwelt war, in der sie gezüchtet wurden~. ~Ohne besondere
Schutzmaßnahmen verfallen daher vielfach gerade die tüchtigsten und
schönsten Menschen der Ausschaltung von der Fortpflanzung~. ~Auf diese
Formel läßt sich alles Verhängnis der Rasse bringen~.
h) ~Die Auslese durch den Krieg.~
Die Erscheinung des Krieges als eines gruppenweisen Kampfes
innerhalb derselben Art von Lebewesen ist im wesentlichen auf das
Menschengeschlecht beschränkt. Außer beim Menschen kommen nur noch
bei einigen geselligen Insekten wie Bienen und besonders Ameisen
Gruppenkämpfe vor, die man mit einigem Recht als Kriege bezeichnen
kann. Den meisten Menschen aber stecken kriegerische Instinkte tief im
Blute. Schon daraus darf man schließen, daß der Krieg in vergangenen
Zeiten oft der Erhaltung der Rasse förderlich war.
Auf der Stufe des Sammlers und Jägers befanden sich die Menschen
so gut wie dauernd im Kriege. Sie lebten im allgemeinen in kleinen
Horden, die in sich wohl meist von ziemlich einheitlicher Rasse
waren. Der Sieg in den Kämpfen dieser Gruppen fiel in der Regel
natürlich der lebenstüchtigeren Gruppe zu, welche die Wohnstätten und
Jagdgründe der unterlegenen für sich in Anspruch nahm und sich darauf
ausbreitete. Soweit die Unterlegenen nicht einfach aufgefressen oder
sonst ausgerottet wurden, wurden sie in Gegenden mit kümmerlichen
Lebensbedingungen gedrängt, wie z. B. die afrikanischen Pygmäen von den
Negern. Schon in den Kämpfen der primitiven Menschen aber gaben nicht
nur körperliche Kraft und Gewandtheit, List und Mut den Ausschlag;
sondern auch z. B. Gruppen, die infolge besonderer Begabung einzelner
Mitglieder bessere Waffen erfanden, hatten einen großen Vorsprung vor
andern; auch die Fähigkeit zur Übernahme zweckmäßiger Erfindungen von
andern Gruppen war von unmittelbarem Vorteil im Kampf ums Dasein.
~Der Krieg wirkte daher im Sinne der Züchtung nicht nur körperlicher,
sondern vor allem auch seelischer Tüchtigkeit~.
Außer der Tüchtigkeit des Einzelnen war natürlich vor allem auch die
Zahl der Männer entscheidend, welche eine Gruppe zum Kampfe stellen
konnte. Diese aber hing wesentlich von jenen seelischen Anlagen ab,
die das einträchtige Zusammenleben in Gruppen ermöglichten, d. h. von
den geselligen Instinkten. Wo diese schwach waren, zersplitterten sich
die Gruppen, und solche unterlagen natürlich oft gegenüber Gruppen,
die besser zusammenhielten. ~Der Krieg hat also auch zur Züchtung der
sozialen Anlagen des Menschen, der Instinkte gegenseitiger Hilfe,
beigetragen~.
Auf der Stufe einfacher bäuerlicher Kultur geht der Krieg in der
Hauptsache um das Ackerland. Die siegreiche Gruppe hat die Möglichkeit,
ihre bäuerlichen Siedelungen auszubreiten; und die Folge ist natürlich
auch eine Ausbreitung ihrer Rasse. Die Besiegten dagegen werden auch
auf dieser Stufe öfter einfach ausgerottet, wie das z. B. auch aus
dem griechischen und römischen Altertum mehrfach berichtet wird.
Neben die Ausrottung der Unterlegenen tritt aber mehr und mehr ihre
Versklavung oder gar die bloße Unterwerfung und Beherrschung der
Besiegten. Die Sieger wollen sich die Arbeitskraft der Besiegten
nicht entgehen lassen, und sie benutzen sie daher als Sklaven
besonders für den Landbau. Damit wird eine entscheidende Änderung der
rassenbiologischen Wirkung des Krieges eingeleitet, insofern als nun
auch die Unterlegenen die Möglichkeit der Fortpflanzung behalten.
Die Fortpflanzung männlicher Sklaven ist zwar im allgemeinen gering;
durch Sklavinnen aber werden die Rassenanlagen der Besiegten, wenn
auch mit denen der Sieger vermischt, den kommenden Geschlechtern
übermittelt. Bloß unterworfene oder tributpflichtige Stämme haben
natürlich in noch höherem Maße Gelegenheit zur Erhaltung ihrer Rasse
als eigentlich versklavte. So ist im Bereich der alten Kulturvölker auf
die Dauer offenbar viel mehr vom Blute der Sklaven und Unterworfenen
erhalten geblieben als von dem der Herren. In neuerer Zeit hat sich
die Rasse der Neger eben infolge ihrer Versklavung über einen großen
Teil Amerikas ausbreiten können. ~Der kriegerische Sieg braucht also
durchaus nicht auch den biologischen Sieg zur Folge zu haben~. Öfter
ist vielmehr das Gegenteil der Fall.
Man unterscheidet bei der biologischen Betrachtung des Krieges
zwischen einer ~Individualauslese~ und einer Kollektiv- oder
~Gruppenauslese~, oder was dasselbe ist, einer Auslese innerhalb
der einzelnen Gruppe und einer zwischen den verschiedenen Gruppen.
Die Kriege zwischen primitiven Naturvölkern führen nicht nur zur
Ausbreitung der tüchtigeren Gruppe, sondern auch innerhalb der Gruppe
pflegen die kriegstüchtigsten Männer im Durchschnitt eine größere
Zahl von Nachkommen zu hinterlassen als die weniger tüchtigen. Aber
schon bei den alten Kulturvölkern verschlang der Krieg vielfach
gerade die Besten. In den vielen Kriegen der alten Hellenen wurde die
kulturtragende Herrenschicht so stark mitgenommen, daß darin eine der
Hauptursachen des Unterganges der hellenischen Kultur gesehen werden
muß. Ähnliches gilt auch vom römischen Reich. Bei allen Völkern,
wo eine Herrenschicht über eine Schicht von Unfreien oder doch
wirtschaftlich Abhängigen herrscht, werden die Blutsopfer des Krieges
in erster Linie von der Herrenschicht getragen, welche in der Regel
auch die kulturbegabtere ist. Während die Herrenschichten sich im
Kriege aufreiben, können die Unfreien oder Abhängigen, auch wenn sie
unter die Gewalt anderer Herren kommen, sich vermehren. So lagen die
Dinge im wesentlichen auch in den germanischen Reichen, welche aus der
Völkerwanderung hervorgingen. Auch während des ganzen Mittelalters,
wurde der germanische Adel, welcher den dienenden Schichten körperlich
und geistig unzweifelhaft überlegen war, durch Kriegsverluste immer
wieder mitgenommen, ohne daß diese Verluste durch eine entsprechend
größere Fruchtbarkeit wettgemacht worden wären.
Weniger ungünstig wurde die Auslesewirkung des Krieges, als seit
dem ausgehenden Mittelalter die Lehensheere durch Söldnerheere
ersetzt wurden. Diese rekrutierten sich zum größten Teil aus
abenteuernden Gesellen, die einen geordneten Beruf nicht ausfüllen
konnten oder mochten und die daher wenigstens ihrer seelischen
Beschaffenheit nach keine günstige Auslese darstellten. Durch eine
Verfügung Friedrich Wilhelms I. von Preußen wurde die Werbung
im Lande sogar ausdrücklich auf Individuen beschränkt, die für
bürgerliche Berufe nicht brauchbar waren; in der Hauptsache
wurden Ausländer angeworben. Ebenso waren die Truppen der meisten
andern Staaten jener Zeit Fremdenlegionen, die größtenteils aus
hergelaufenem Gesindel bestanden. Auch die Heere Friedrichs
II. bestanden zum größten Teil aus Leibeigenen und Ausländern.
Die gewaltigen Menschenverluste des 7jährigen Krieges -- das
preußische Heer verlor allein in dessen letzten Jahren 200000 Mann
-- brachten daher ebenso wie die des 30jährigen Krieges keine so
schwere Schädigung der Rassentüchtigkeit wie die mit Ritterheeren
geführten Kriege mit sich. Wohl waren die Verwüstungen, besonders
des 30jährigen Krieges, ganz ungeheure, von einem Umfange, mit
denen sich selbst die des Weltkrieges kaum messen können; soll doch
damals nach vorsichtigen Schätzungen die Bevölkerung Deutschlands
auf den dritten oder vierten Teil zusammengeschmolzen sein,
nach weniger wahrscheinlichen Angaben sogar auf den zehnten.
Aber dieser Bevölkerungsrückgang war in der Hauptsache durch
Seuchen, Hunger und andere Not verursacht; und er dürfte daher im
ganzen eher eine günstige Auslese zur Folge gehabt haben, da die
widerstandsfähigsten und klügsten Familien das allgemeine Elend
noch am ehesten überdauert haben dürften. Damit hängt es auch
wohl zusammen, daß Deutschland nach dem 30jährigen Kriege eine
unverkennbare Blütezeit auch in kultureller Hinsicht erleben konnte.
Ein für die Rassentüchtigkeit ungleich furchtbareres Gesicht
hat die Auslese des Krieges mit dem Aufkommen der allgemeinen
Wehrpflicht infolge der französischen Revolution mit ihrer„levée
en masse“ bekommen. Nach ~Taine~ sollen in den Revolutionskriegen
etwa 800000 Franzosen und in den anschließenden Napoleonischen
Kriegen gar 1700000 gefallen sein. Diese Verluste übertreffen
sogar jene, die Frankreich im Weltkriege erlitten hat, zumal wenn
man bedenkt, daß damals die Bevölkerungszahl viel geringer war.
Frankreich hat damals einen nie mehr ausgeglichenen Verlust seiner
Rassentüchtigkeit erlitten.
Im amerikanischen Bürgerkriege fielen in mehreren Staaten etwa
40% der jungen Männer. In dem fünfjährigen Kriege, den Paraguay
gegen Brasilien, Uruguay und Argentinien zu führen hatte, ging der
weitaus größte Teil seiner männlichen Bevölkerung zugrunde. Am Ende
des Krieges kamen nur noch 28000 männliche auf 106000 weibliche
Personen, und die Bevölkerungszahl war von 1-1/3 auf weniger als
1/4 Million gesunken.
Je näher wir der Gegenwart kommen, desto eindeutiger wird die
Austilgung der tüchtigen Rassenelemente durch den Krieg. Mit immer
größerer Zuverlässigkeit werden die körperlich und geistig Untüchtigen
vom eigentlichen Felddienste ferngehalten. Diese bleiben nicht nur vom
feindlichen Feuer verschont, sondern sie haben infolge des Todes eines
großen Teiles der Tüchtigen sogar in erhöhtem Maße Gelegenheit, zu
heiraten und Kinder zu erzeugen. Auch unter den Feldsoldaten sind die
tüchtigsten und opfermutigsten den größten Gefahren ausgesetzt. Die
Offiziere, welche geistig dem Durchschnitt der Mannschaften bedeutend
überlegen sind, müssen bei Angriffen immer wieder vorangehen und haben
demgemäß viel größere Verluste. Auch soweit die Offiziere nicht durch
persönliche Leistungen ihre Befähigung erwiesen haben, stammen sie doch
fast ausschließlich aus Familien, die schon in früheren Generationen
eine geachtete Stellung erworben haben. Im deutsch-französischen Kriege
von 1870/71, der uns heute allerdings fast harmlos vorkommt, fielen auf
deutscher Seite von den Mannschaften 3%, von den Offizieren 8%.
In früheren Kriegen hat die Sterblichkeit an Krankheiten, die meist
auch auf die Zivilbevölkerung übergriffen, die ungünstige Auslese
durch die feindlichen Waffen immerhin bis zu einem gewissen Grade
ausgeglichen. Noch im Krimkriege (1854-56) war die Sterblichkeit
an Krankheiten viermal so groß als die blutigen Verluste. Im
deutsch-französischen Kriege (1870/71) kehrte sich dann das
Verhältnis zum ersten Male um; und im Weltkriege von 1914-18 betrug
die Krankheitssterblichkeit nur etwa den zehnten Teil der durch
Waffenwirkung verursachten.
Im Weltkriege sind im ganzen etwa 10 Millionen Mann gefallen, auf
deutscher Seite etwa 2 Millionen, auf französischer 1,4. Da die
beiderseitigen Volkszahlen 1913 67,4 und 39,7 Millionen betrugen,
sind die Verluste der Franzosen also verhältnismäßig noch schwerer
gewesen. Die Verluste der übrigen am Kriege beteiligten Staaten waren
mit Ausnahme von Österreich und Serbien im Verhältnis zur Volkszahl
weniger schwer. Im deutschen Heere haben über 10 Millionen Mann am
Kriege teilgenommen; davon sind 19% gefallen (einschließlich der
Vermißten). Da in diese Gesamtzahl auch die Truppen in der Heimat
und das Besatzungsheer einbegriffen sind, so darf man die Verluste
der eigentlichen Feldtruppen wohl auf mindestens 25% annehmen. Von
den aktiven Offizieren sind sogar 39,2% gefallen, von den jüngeren
mehr als die Hälfte. Ähnliche Blutsopfer haben auch die gebildeten
bürgerlichen Kreise gebracht. Von den Studenten und Gymnasiasten,
welche hinauszogen, dürfte etwa die Hälfte im Felde geblieben sein, von
denen, die schon 1914 ins Feld zogen, mehr als die Hälfte. Es ist wohl
nicht zuviel gesagt, daß von dem begabtesten Zehntel der jungen Männer
Deutschlands die Mehrzahl dahin ist.
Die militärärztliche Untersuchung sonderte schon bei der Musterung
alle Schwachen und Kranken aus. Besonders die Astheniker sowie Leute
mit Fehlern des Gesichts und Gehörs und anderen Mängeln blieben in
der Heimat oder wurden höchstens im Etappendienst verwendet. Auch
die Verbrecher ließ man daheim. Im Verlaufe des Krieges wurden
Hunderttausende von Soldaten, von denen sich herausstellte, daß sie
infolge körperlicher oder seelischer Anfälligkeit das Leben im Felde
nicht ertragen konnten, wieder heimgeschickt. Das gilt insbesondere von
jenen psychopathisch veranlagten Individuen, die infolge der Eindrücke
des Krieges an sogenannten Kriegsneurosen erkrankten, besonders Zitter-
und Zappelzuständen, die auf dem Boden der Orgoristie (vgl. 1. Bd. S.
234) erwachsen. Sehr groß war auch die Zahl jener, die mit bewußter
Absicht Gelegenheit suchten und fanden, sich dem feindlichen Feuer oder
dem Felddienste überhaupt zu entziehen.
Während auf primitiver Kulturstufe der Kampf der Horden zur Züchtung
sozialer Anlagen führt, hat die Auslese des modernen Krieges den
gegenteiligen Erfolg, indem gerade die, welche das lebendigste Gefühl
für die Volksgemeinschaft haben, sich vorzugsweise opfern. In der
ersten Zeit des Krieges geschah die Opferung gerade der gebildeten
Jugend zum Teil auch ohne Not, nicht nur infolge der Verblendung
einzelner Führer, sondern auch infolge des Drängens dieser Jugend
selber. Der Fall des bayerischen Regimentes Liszt ist nur einer von
vielen. Auch für den weiteren Verlauf des Krieges, wo man diese
Jugend als Führer dringend gebraucht hätte, war diese Aufopferung
verhängnisvoll. Überhaupt war schon im Laufe des Krieges die Abnahme
der Rassentüchtigkeit des deutschen Heeres infolge der furchtbaren
Gegenauslese nur zu deutlich.
Das Bild der Kriegsauslese wäre einseitig, wenn nicht auch jener
Umstände, welche die entsetzliche Gegenauslese etwas zu mildern
geeignet waren, gedacht würde. Die für wichtige Betriebe in der
Heimat vom Kriegsdienste zeitweilig oder dauernd Befreiten standen
zwar in einem schlechten Rufe; aber sie waren ohne Zweifel doch von
überdurchschnittlicher Wirtschaftstüchtigkeit und Intelligenz. Unter
den aktiven Offizieren waren die Generalstabsoffiziere, welche eine
geistige Auslese darstellen, weniger gefährdet als die andern. Auch
alle die, welche im Heere als Techniker, Ärzte, Apotheker, Inspektoren
verwendet wurden und welche sicher überdurchschnittlich begabt waren,
hatten verhältnismäßig geringe Verluste. Auch ganze Truppengattungen
wie die schwere Artillerie, die ein hervorragendes Menschenmaterial
enthielt, hatten unterdurchschnittliche Verluste. Diese Ausnahmen
ändern aber natürlich nichts an dem Urteil über die biologische
Gesamtwirkung des Krieges.
Die verhängnisvolle Auslese innerhalb der kämpfenden Gruppen wird
auch nicht etwa durch eine günstige Gruppenauslese wettgemacht.
In den Gruppenkämpfen moderner Staaten tritt die Gewinnung neuen
Siedelungslandes als Ziel des Krieges gegenüber der Gewinnung
anderweitiger wirtschaftlicher Vorteile und politischer Macht in
den Hintergrund. ~Der moderne Krieg dient daher weniger dem Willen
zum Leben als dem Willen zur Macht~. Das französische Volk hat im
Weltkriege unter ungeheuren Opfern seines Lebenswillens schließlich
seinen Willen zur Macht durchgesetzt. Daß ihm der Sieg aber biologisch
zum Segen gereichen wird, ist wohl mehr als zweifelhaft.
Die Annahme, daß auch der moderne Krieg eine günstige Gruppenauslese
zur Folge habe, müßte weiter die Voraussetzung machen, daß die
kämpfenden Parteien von wesentlich verschiedener Rassentüchtigkeit
wären und daß der Sieg der tüchtigeren zufalle. Im Weltkriege stand
das deutsche Volk seinen Gegnern an Kriegstüchtigkeit gewiß nicht
nach. Hätte es nur mit Frankreich und Rußland zu tun gehabt, so
wäre die siegreiche Entscheidung auch gegen die doppelte Übermacht
nicht zweifelhaft gewesen. Auch an wirtschaftlicher und technischer
Tüchtigkeit war das deutsche Volk den Feinden nicht unterlegen. Die
entscheidende Ursache der Niederlage war vielmehr deren vielfache
Überlegenheit an Menschen und Material.
Auch wenn man die anthropologischen Rassenunterschiede ins Auge faßt,
so bestand kein durchgreifender Rassenunterschied zwischen beiden
Parteien. Auf beiden Seiten finden sich dieselben Rassenbestandteile,
und auch in ihrer Zusammenmischung ist kein wesentlicher Unterschied zu
erkennen, wenn man die Parteien insgesamt ins Auge faßt. Selbst wenn
also der Sieg eine biologische Vermehrung der Sieger zur Folge haben
sollte, was immerhin mindestens zweifelhaft ist, so würde dadurch eine
wesentliche Verschiebung der anthropologischen Rassen Europas nicht
eintreten.
Andererseits haben freilich die Kriegsverluste die verschiedenen
anthropologischen Rassen nicht gleichmäßig betroffen. Die
schwersten Opfer hat auf beiden Seiten die nordische Rasse zu
tragen gehabt. Von den Ländern des ehemaligen österreichischen
Kaiserreichs haben die deutschsprachigen viel stärkere Verluste als
die slavischen gehabt, und jene haben zugleich auch mehr nordisches
Blut als diese. Von den Ländern des Deutschen Reiches haben die
weniger nordisch bestimmten allerdings nur wenig geringere Verluste
gehabt als der Reichsdurchschnitt. Während im Reichsdurchschnitt
auf 100 Einwohner 2,7 Tote (ohne die dauernd Vermißten) kamen,
blieben die Verluste des bayerischen Kontingents mit 2,4 Toten
nur um 10% und die des sächsischen Kontingents mit 2,5 nur um 7%
dahinter zurück. In dem verhältnismäßig stark nordisch bestimmten
Württemberg dagegen haben die Verluste den Reichsdurchschnitt um
10% übertroffen, ebenso anscheinend in einigen nordwestdeutschen
Gebieten, über die freilich genaue Zahlen noch fehlen. Die Verluste
der Marine, welche in diesen Zahlen nicht enthalten sind, haben
ganz überwiegend die nordischen Küstenstriche betroffen. Insgesamt
sind aber die Unterschiede der Verluste nach Rassen innerhalb
desselben Landes viel bedeutender gewesen als die zwischen den
verschiedenen Ländern.
Unter den Offizieren aller Armeen war die nordische Rasse erheblich
stärker vertreten als unter den Mannschaften; das zeigte schon die
unmittelbare Anschauung unverkennbar deutlich; und die Offiziere
haben etwa doppelt so hohe Verluste gehabt. Daß das gebildete
Bürgertum, welches den größten Teil der Reserveoffiziere stellte,
einen überdurchschnittlichen Anteil nordischer Rasse enthält,
wird weiter unten noch erörtert werden. Dazu kommt noch, daß die
nordische Rasse verhältnismäßig kriegerisch veranlagt ist und daß
ihre Angehörigen sich daher auf beiden Seiten ganz besonders stark
der Gefahr ausgesetzt haben. Unterdurchschnittlich gering sind
offenbar die Verluste der Juden gewesen, was z. T. auf geringere
körperliche Kriegstauglichkeit, ihre Fernhaltung vom Offizierkorps,
ihre unzweifelhafte Eignung für viele wichtige Betriebe in der
Heimat, vor allem aber auf ihre im Durchschnitt wenig kriegerische
Veranlagung zurückzuführen sein dürfte. Während sonst auf 100
Einwohner im Deutschen Reich 2,7 Gefallene (ohne die dauernd
Vermißten) kamen, waren es bei den Juden nach ~Q. Armin~ nur etwa
1%. Vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
wird angegeben, daß über 11000 Juden für das deutsche Vaterland
gefallen sind. Das würde etwa 1,6% der jüdischen Bevölkerung
machen. Auch nach dieser Quelle sind die Verluste der Juden also
jedenfalls hinter dem Reichsdurchschnitt um über 40% und noch sehr
viel weiter natürlich hinter denen jener Kreise des deutschen
Volkes, die mit den deutschen Juden etwa in gleicher sozialer Lage
befindlich sind, zurückgeblieben. Die heute ganz unverkennbare
Abneigung der meisten Juden gegen das Kriegshandwerk ist offenbar
zum guten Teil eine Folge der Ausleseverhältnisse während ihrer
fast zweitausendjährigen Unterdrückung. Auch die Juden waren einst
ein kriegstüchtiges Volk, das sich mit bewaffneter Hand das „Land
der Verheißung“ eroberte, und zwar sogar im siegreichen Kampfe
gegen die nordischen Philister, nach denen das Land Palästina
heißt. Als der Judenstaat dann stärkeren Nachbarn politisch
unterlag, wurden natürlich vorab die kampfesmutigsten Familien
ausgetilgt. Das Heldengeschlecht der Makkabäer, das in todesmutigem
Unabhängigkeitsdrang sich gegen die Unterdrücker erhob, wurde
aufgerieben. Die unterwürfigen Bevölkerungsteile dagegen blieben
erhalten. Und später während der Ghettozeit fielen natürlich in
der Regel auch immer vor allem die aufrechtesten Juden, die das
lebendigste Gefühl für ihre persönliche und die Ehre ihres Volkes
hatten, den vielen Pogromen zum Opfer, während die ängstlichen und
unterwürfigen Naturen sich erhielten. Einer ganz entsprechenden
Auslese ist heute das deutsche Volk ausgesetzt. Die unabhängigsten
und opfermutigsten seiner Söhne haben zum großen Teil schon
während des großen Heldenkampfes um die deutsche Unabhängigkeit
ihr Leben gelassen, und in den Kämpfen der Nachkriegszeit (z. B.
in Oberschlesien) werden die Blutsopfer fast ausschließlich von
gebildeten bürgerlichen Familien getragen, in denen das Gefühl für
die Ehre des deutschen Volkes noch am lebendigsten ist.
Seit die Kriege nicht mehr zu unmittelbarer Ausrottung der
Besiegten, sondern nur zu ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung führen,
ist seelische Kriegstüchtigkeit für eine Rasse schwerlich noch
von Vorteil. Das relative Zurückgehen der nordischen Rasse in
den letzten zwei Jahrtausenden ist z. T. wohl geradezu als Folge
ihrer Kriegstüchtigkeit anzusehen. Die Juden andererseits sind
seit der Zerstörung Jerusalems nicht mehr in der Lage gewesen,
ihr Volkstum kriegerisch zu verteidigen; und doch haben sie sich
gerade seit jener Zeit gewaltig ausgebreitet. Auch die Chinesen
verdanken das Gedeihen ihrer Rasse nicht kriegerischer Stärke;
sie haben im Verlaufe ihrer mehrtausendjährigen Geschichte fast
alle Kriege verloren und mehrere Unterwerfungen ohne dauernden
Schaden ertragen. Ähnliches gilt auch von den Polen. Das kann uns
ein gewisser Trost in der gegenwärtigen Lage des deutschen Volkes
sein. Die Betrachtung des Lebens der Völker erinnert geradezu an
die christliche Lehre, daß eher ein Seil aus Kamelshaaren durch ein
Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher und Mächtiger ins Himmelreich
komme und des dauernden Lebens teilhaftig werde. ~Gruber~ hat
einmal i. J. 1913 gesagt, daß vielleicht nur „ein furchtbares
nationales Unglück, wenn wir’s überleben, uns zur Vernunft bringen
könnte, wie schon einmal eines das deutsche Volk man kann sagen
gerettet hat, wie der dreißigjährige Krieg uns aus dem Sumpf der
Zivilisation und des Reichtums herausgerissen hat, in dem wir auch
heute wieder unterzugehen in Gefahr sind. Wenn jener Krieg nicht
gekommen wäre, hätte uns der Reichtum zweifellos schon damals ins
Verderben gestürzt, und nur dadurch, daß uns der Brotkorb höher
gehängt worden ist, ist es damals möglich gewesen, uns wieder empor
zu bringen, uns wieder zum Besinnen zu bringen auf das, was für
das gesunde Leben eines Volkes wirklich notwendig ist“. Es ist
nicht leicht, inmitten des allgemeinen Elends die Wahrheit dieser
seherischen Worte auszuhalten; wenn wir sie aber aushalten, so ist
sie wohl geeignet, uns vor einer allzu trostlosen Einschätzung
der gegenwärtigen Lage unseres Volkes zu bewahren. Es ist sogar
nicht einmal sicher, ob der Weltkrieg bei siegreichem Ausgange
biologisch für das deutsche Volk nicht noch verhängnisvoller als
bei dem tatsächlichen unglücklichen Ausgange geworden wäre. Einer
Rasse pflegt nämlich biologisch nichts so schlecht zu bekommen als
Herrenstellung und Wohlstand, wovon noch ausführlich zu reden sein
wird.
Vielleicht werden die Franzosen mit den Deutschen ähnliche
Erfahrungen machen wie die alten Ägypter mit den Juden, wovon im
zweiten Buche Moses berichtet wird: „Siehe, des Volks der Kinder
Israel ist viel und mehr denn wir. Wohlan, wir wollen sie mit List
dämpfen, daß ihrer nicht so viel werden. Denn wo sich ein Krieg
erhöbe“....... „Und man setzte Frohnvögte über sie, die sie mit
schweren Diensten drücken sollten.“ „Und die Ägypter zwangen die
Kinder Israel zum Dienst mit Unbarmherzigkeit.“ „Und sie hielten
die Kinder Israel wie einen Greuel.“ „~Aber je mehr sie das Volk
drückten, je mehr sich es mehrete und ausbreitete~.“
Auf jeden Fall aber hat die Rassentüchtigkeit Europas in den Jahren
des Weltkrieges stärker gelitten als in irgendeiner andern gleich
langen Spanne seiner Geschichte, wie die Amerikaner ~Popenoe~ und
~Johnson~ in ihrem Buche über angewandte Rassenhygiene treffend
bemerken.
Die rassenbiologische Betrachtung des Krieges wäre unvollständig
ohne die des Bürgerkrieges. Entgegen der landläufigen Meinung sind
bei Bürgerkriegen die kämpfenden Parteien rassenmäßig meist stärker
verschieden als bei Staatenkriegen. Das ist eine Folge der sozialen
Auslese, von der noch ausführlich zu handeln sein wird. Von den
Bürgerkriegen gilt in noch ausgesprochenerem Maße als von den Kriegen
der Staaten, daß sie weniger aus dem Willen zum Leben als vielmehr
aus dem Willen zur Macht entspringen. Wirklich dem Leben dienen die
Bürgerkriege noch seltener als jene. Gewöhnlich wirken sie fast nur
zerstörend auf das Leben der Rasse. Im alten Griechenland wurde die
kulturtragende Herrenschicht durch eine Reihe von Bürgerkriegen schwer
mitgenommen, was wesentlich zum Niedergang der hellenischen Kultur
beigetragen hat. Auch das römische Reich verlor durch wiederholte
und blutige Bürgerkriege einen großen Teil seines besten Blutes.
Frankreich hat durch die Vertreibung der Hugenotten viele seiner
begabtesten Rassenelemente verloren, und die französische Revolution
hat in der gleichen Richtung gewirkt. Die russische Revolution der
Gegenwart hat offenbar nicht nur die gebildeten und besitzenden
Stände zugrundegerichtet, sondern auch bereits einen großen Teil
der besitzlosen städtischen Bevölkerung. Soweit man voraussehen
kann, wird wohl nur der russische Bauernstand das Chaos zum größeren
Teil überleben. Auch die deutsche Revolution hat offenbar eine ganz
überwiegend ungünstige Auslesewirkung. Infolge der einseitigen
Durchsetzung der Interessen der Handarbeiter ist den geistigen
Arbeitern ein furchtbar harter Daseinskampf aufgezwungen worden.
Dieser wird zwar innerhalb des Kreises der gebildeten Familien eine
günstige Auslese zur Folge haben, indem es nur besonders zähen und
tüchtigen gelingen wird, die Zeiten der Not zu überdauern. Wenn man
aber die deutsche Volksgemeinschaft insgesamt ins Auge faßt, so kann
kein Zweifel sein, daß die Folgen der Revolution auf ein Aussterben der
gebildeten Familien, die die hauptsächlichsten Träger der deutschen
Kultur sind, hinwirken.
Es gibt nur eine Überlegung, welche uns vom Standpunkte der Rasse die
Folgen des Weltkrieges und der Revolution zwar nicht in tröstlicherem
Lichte, aber doch weniger unerhört erscheinen läßt: die höher begabten
und geistig führenden Familien waren nämlich auch vor dem Kriege schon
im Aussterben begriffen. ~Der Weltkrieg hat daher die Tüchtigkeit
der Rasse nicht schlimmer verwüstet als einige Jahrzehnte moderner
abendländischer Zivilisation~. Und aus dieser Einsicht ergibt sich eine
ungeheure Verpflichtung.
#2. Die soziale Auslese.#
a) ~Erbliche Veranlagung und soziale Gliederung.~
Unter ~sozialer Auslese~ verstehen wir die Tatsache, daß Menschen von
verschiedener körperlicher und geistiger Beschaffenheit sich über die
verschiedenen sozialen Gruppen einer Bevölkerung nicht gleichmäßig,
sondern verschieden verteilen. Ob die soziale Auslese auch eine
biologische, d. h. Unterschiede der Fortpflanzung zur Folge habe, davon
sehen wir dabei zunächst ganz ab.
Ein einfaches Beispiel sozialer Auslese ist die ~Berufsauslese~.
Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß die Angehörigen der
verschiedenen Berufe sich im Durchschnitt auch körperlich und geistig
zu unterscheiden pflegen. So haben die Müller, Bäcker, Metzger,
Bierbrauer im Durchschnitt eine größere Körperlänge und einen größeren
Brustumfang als die Schneider, Schuster, Korbflechter, Bürstenbinder.
Die Unterschiede in der körperlichen Erscheinung und Leistungsfähigkeit
sind nur zum Teil eine Folge des Berufes; zum großen Teil kommen sie
auch dadurch zustande, daß der Beruf in gewisser Weise auch eine Folge
der körperlichen und geistigen Beschaffenheit ist. Ein schwächlicher
junger Mensch wird nicht Grobschmied oder Zimmermann werden, sondern
vielleicht Schneider oder Schuster. Ein unmusikalischer Mensch wird
natürlich nicht Musiker werden, sondern einen Beruf ergreifen, bei
dem das Musikgehör keine Rolle spielt. Auch durch die Lehrmeister
und Arbeitgeber erfolgt selbstverständlich eine Auslese, indem
untauglich erscheinende junge Leute zurückgewiesen, besonders geeignet
erscheinende bevorzugt werden. Für viele Berufe bestehen festgelegte
Mindestanforderungen an die körperliche und geistige Eignung, z. B.
für Berufssoldaten oder für Beamte. Wenn ein Beruf ergriffen wird,
für den eine geringe Eignung besteht, so tritt oft noch nachträglich
ein Berufswechsel ein, bis öfter erst nach mehrfachem Berufswechsel
eine bessere Anpassung erreicht ist. Für Individuen, die zu einer
geordneten Berufstätigkeit überhaupt wenig geeignet sind, ist häufiger
Berufswechsel bezeichnend; sie werden dann oft Gelegenheitsarbeiter
und landen nicht selten in der Schicht der Bettler, Landstreicher,
Prostituierten und Verbrecher, die daher ebenfalls eine soziale Auslese
darstellt.
Die Anpassung an einen Beruf erfolgt also nur zum Teil durch
direkte Anpassung, welche in diesem Falle darin besteht, daß
durch die Vorbildung und die Übung die Leistungsfähigkeit im
Berufe erhöht wird; zum andern Teil ist die Berufsanpassung eine
indirekte, welche durch soziale Auslese zustande kommt. Der Athlet
verdankt die Stärke seiner Muskeln sicher zum Teil der dauernden
Übung; ebenso sicher aber ist es, daß sich dem Athletenberuf von
vornherein nur besonders muskelstarke Menschen zuwenden. Jeder
Beruf hat daher nicht nur einen durchschnittlichen Paratypus,
sondern auch einen durchschnittlichen Idiotypus.
Wie schwere körperliche Berufe große körperliche Leistungsfähigkeit
voraussetzen, so ist zu erfolgreicher geistiger Arbeit eine
entsprechende geistige Leistungsfähigkeit nötig. Die Vorbildung und
Übung ist bei den geistigen Berufen zwar noch viel wichtiger als bei
den körperlichen, und es wird daher auch ungleich mehr Zeit und Mühe
darauf verwandt; aber durch die Ausbildung allein kann die Eignung für
geistige Berufe nicht geschaffen werden. Trotz der besten Erziehung
können sich schwachbegabte Söhne gebildeter Familien in den geistigen
Berufen in der Regel nicht halten. Im ganzen spielt die soziale Auslese
für die geistigen Berufe eine noch viel größere Rolle als für die
körperlichen. Der Durchschnitt derer, welche geistige Berufe erwählen
und welche sich darin behaupten, verfügt über erheblich größere
Geisteskräfte als der Durchschnitt der in körperlichen Berufen Tätigen.
Auch innerhalb der geistigen Berufe ist die Art der Begabung eine sehr
verschiedene. Der Philologe hat im Durchschnitt eine andere Begabung
als der Naturwissenschaftler, der Historiker eine andere als der
Mathematiker, der Philosoph eine andere als der Techniker, der Jurist
eine andere als der Arzt.
Die überdurchschnittliche geistige Begabung der Angehörigen
geistiger Berufe äußert sich körperlich meßbar in der
beträchtlicheren Kopfgröße, die auf ein größeres Gehirn schließen
läßt. Auch auf körperlichem Gebiet ist ja ein wohlausgebildetes
Organ im allgemeinen leistungsfähiger als ein weniger entwickeltes.
Freilich ist es durchaus nicht nötig, daß ein besonders großes
Organ auch in jedem Falle besonders leistungsfähig ist. Menschen
mit großem Brustumfang sind nicht unter allen Umständen körperlich
leistungsfähiger als solche mit kleinerem Brustumfang. In einzelnen
Fällen kann trotz großen Brustumfanges die Leistungsfähigkeit
gering sein (z. B. bei Fettsucht). Gleichwohl aber sind Menschen
mit größerem Brustumfang im ~Durchschnitt~ leistungsfähiger
als solche mit kleinerem; und unterhalb eines gewissen Maßes
ist größere körperliche Leistungsfähigkeit mit Sicherheit
auszuschließen. Ganz entsprechend liegen die Dinge hinsichtlich
des Gehirns. Die Tatsache, daß die Angehörigen geistiger Berufe im
Durchschnitt eine größere Kopfgröße und damit zusammenhängend ein
größeres Gehirngewicht haben als die körperlicher Berufe, sagt also
in bezug auf die Unterschiede der geistigen Leistungsfähigkeit etwa
dasselbe aus wie der verschiedene durchschnittliche Brustumfang
der Zimmerleute und der Schneider in bezug auf die Unterschiede
der körperlichen; nicht mehr und nicht weniger. ~Matiegka~
hat bei Beamten und Ärzten ein durchschnittliches Hirngewicht
von 1500 gr gefunden, bei Handwerkern 1450, bei Tagelöhnern 1410
gr. An 26 Schädeln berühmter Männer, die in einem Pariser Museum
aufbewahrt werden, hat ~Le Bon~ einen Inhalt von 1732 ccm
festgestellt, was einem Gehirngewicht von etwa 1560 gr entsprechen
würde. Die einfachste näherungsweise Bestimmung der Kopfgröße
erfolgt durch Messen des größten Umfanges. Nach den umfangreichen
Untersuchungen ~Bayerthals~ kommen bei einem Kopfumfang von
weniger als 52 cm bedeutende geistige Leistungen kaum noch vor und
unter 50-1/2 cm keine normale Intelligenz mehr. Geniale Begabung
ist bei einem Umfang von weniger als 56 cm auszuschließen. Der
bekannte Psychiater ~Ziehen~ setzt die Grenze, unterhalb
deren Schwachsinn zu vermuten ist, sogar auf 52 cm. ~Röse~
fand an sehr großem Schülermaterial in Dresden, daß die Köpfe
der Schüler im Durchschnitt um so kleiner sind, je schlechter
ihre Zeugnisse sind. In den Gymnasien hatten die Abiturienten mit
den besten Zeugnissen im Durchschnitt auch die größten Köpfe,
obwohl sie jünger waren als der Durchschnitt. Auch der Anatom und
Anthropologe ~Pfitzner~ in Straßburg kam auf Grund seiner
sozialanthropologischen Studien zu dem Schlusse: „Die höhere
Intelligenz schlechthin dokumentiert sich in der durchschnittlich
höheren Statur und in einer über diese Zunahme hinausgehenden
Größenzunahme des Hirnteils des Kopfes.“
Die Auslese für die verschiedenen Berufe erfolgt nicht nur nach den
Anlagen der einzelnen Individuen, sondern zum Teil auch nach denen der
Familien im Laufe der Generationen. Sehr oft bleibt der Sohn im Berufe
des Vaters; und da die körperlichen und geistigen Anlagen erblich
bedingt sind, so ergibt sich auch auf diesem Wege eine Berufsauslese.
Schon die Kinder in den verschiedenen Berufsgruppen unterscheiden sich
daher durchschnittlich in ihren Anlagen.
Die verschiedenen Berufe unterscheiden sich bekanntlich nicht allein
durch die Art der Tätigkeit, sondern auch nach der wirtschaftlichen
Lage und dem sozialen Ansehen, in dem sie stehen. Die Unterschiede
der Berufstätigkeit, der Wirtschaftslage und des gesellschaftlichen
Ansehens bilden die Grundlage der ~Standesunterschiede~. Man
unterscheidet „höhere“ und „niedere“ Stände und versteht unter höheren
solche, die besonders angesehen sind. Im letzten Jahrhundert erfreute
sich vor allem die Bildung großen Ansehens. Man sah vielfach in dem
Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten einen entscheidenden
Wertunterschied der Menschen. Mit den Unterschieden der Bildung
gehen vielfach solche des Wohlstandes Hand in Hand, einesteils weil
die Aneignung höherer Bildung einen gewissen Wohlstand der Familie
vorauszusetzen pflegt, andernteils weil größerer Wohlstand, soweit
er überhaupt durch Arbeit erworben wird, im allgemeinen nicht durch
körperliche, sondern nur durch geistige Arbeit erworben werden kann.
Auch wo die geistige Arbeit nicht in erster Linie auf Erwerb gerichtet
ist, wurde sie wenigstens früher im allgemeinen höher bezahlt als
die körperliche. So kommt es, daß als höhere Stände bald mehr die
Besitzenden und bald mehr die Gebildeten zusammengefaßt werden, als
niedere Stände besonders die der besitzlosen Handarbeiter.
Auch die Gruppierung nach Ständen wird natürlich zum großen Teil
durch soziale Auslese bedingt. Die allermeisten Menschen pflegen
lebhaft nach ~sozialem Aufstieg~ zu drängen, auch diejenigen,
welche theoretisch an die Gleichheit aller Menschen glauben. Es ist
das natürliche Geltungsbedürfnis, welches zum Aufstieg in einen Stand
von höherem Ansehen treibt. Dazu kommt das natürliche Verlangen nach
Mehrung des Besitzes. Das Verlangen nach gesellschaftlicher Geltung
ist sehr häufig noch stärker als das nach Vermehrung des Besitzes.
Das höhere Einkommen der höheren Stände diente wenigstens früher
zum sehr großen, meist zum größten Teile nur der Befriedigung des
gesellschaftlichen Geltungsbedürfnisses. Manche angesehenen Berufe
wie der des Offiziers oder des Akademikers wurden oft geradezu unter
Verzicht auf ein auskömmliches Einkommen erwählt. Auch die Bildung wird
im allgemeinen hauptsächlich um des gesellschaftlichen Ansehens willen
erstrebt, als ein Mittel, die Zugehörigkeit zu den höheren Ständen
darzutun. Man meint, daß die oberen Stände etwas Besseres seien oder
doch, daß sie ein besseres Leben hätten.