Bei kaustischen Alkalien trifft man denselben leicht, bei kohlensauren
macht die frei werdende und die Flüssigkeit weinroth färbende
Kohlensäure einige Schwierigkeit. Dieselbe lässt sich auf zwei Arten
überwinden.
a. Nachdem man von der Probesäure soviel zu der kalten oder auch vorher
schon erhitzten Soda- oder Pottaschelösung gesetzt hat, dass die Farbe
weinroth geworden ist, erhitzt man, unter häufigem Umschwenken, zum
wallenden Kochen, wodurch die Farbe in dem Maasse wieder blauer wird,
als die Kohlensäure entweicht. Man tröpfelt nun zu der fast kochenden
Flüssigkeit weitere Probesäure hinzu, stellt zuweilen nochmals auf die
Lampe und trifft so den Punkt der vollendeten Sättigung, oder richtiger
der eben beginnenden Uebersättigung, welcher sich durch eine ins
Gelbliche ziehende rothe Farbe der Flüssigkeit zu erkennen giebt, sehr
leicht und ganz genau.
b. Auch ohne Erwärmen lässt sich der Punkt treffen, jedoch nicht ganz
mit derselben Genauigkeit. Es ist hierbei nothwendig, dass der Kolben
nicht zu klein sei. Man schwenkt nach jedesmaligem Eintröpfeln geschickt
und tüchtig um und fährt mit dem Zusatze der Probesäure getrost
fort, so lange das Roth der Flüssigkeit noch ins Violette spielt.
Nähert man sich endlich dem Sättigungspunkte, so giesst man die Säure
zweitropfenweise ein, macht nach jedem Zusatze mit einem eingetauchten
Glasstab einen, besser nach einander zwei Flecke, auf schön blaues
Lackmuspapier, liest ab und schreibt die Zahl zwischen die Flecke. So
fährt man fort, bis die Flecke ganz entschieden roth werden. Nun lässt
man das Lackmuspapier trocken werden und betrachtet $die$ niedrigste
Zahl als die richtige, deren Flecke eben noch roth geblieben sind.
$Als Regel hat man zu beachten, dass die Probesäure nach derselben
Methode geprüft sein muss, nach der die Ausführung erfolgen soll.$
2. _Bei Anwendung des Verfahrens auf Pottasche_ ist noch Folgendes
zu beachten.
Die Pottasche enthält ausser kohlensaurem Kali:
a. _neutrale Salze_ (z. B. schwefelsaures Kali, Chlorkalium),
b. _alkalisch reagirende Salze_, z. B. kieselsaures, phosphorsaures
Kali,
c. _in Wasser unlösliche Bestandtheile_, namentlich kohlensauren,
phosphorsauren und kieselsauren Kalk.
Die in a. genannten Salze sind ohne Einfluss auf die Resultate, nicht
so die in b. und c. genannten. Die letzteren können durch Filtriren
entfernt werden, die in b. angeführten aber veranlassen einen geringen,
nicht zu beseitigenden Fehler.
Will man nicht bloss den Gehalt im Ganzen kennen lernen, sondern sein
Urtheil in der Art vollständiger machen, dass man erfährt, ob die in
der Pottasche dem kohlensauren Kali beigemischten Substanzen nur fremde
Salze sind, oder ob auch Wasser den Gehalt herabstimmt, so muss der
alkalimetrischen Prüfung eine Wasserbestimmung vorhergehen. -- Dieser
letzte Satz gilt auch für Soda.
3. _Bei Anwendung des Verfahrens auf Soda_ dagegen kommen folgende
Umstände in Betracht.
Die nach der $Leblanc$'schen Methode dargestellte, in den Handel
kommende Soda enthält, ausser kohlensaurem Natron, meistens
oder immer Natronhydrat, schwefelsaures Natron, Chlornatrium,
kieselsaures und Thonerdenatron, ferner nicht selten Schwefelnatrium,
unterschwefligsaures und schwefligsaures Natron.
Von diesen Bestandtheilen erschweren die drei letztgenannten und ferner
das kieselsaure und Thonerdenatron die Prüfung und machen sie mehr oder
minder ungenau. Die Gegenwart der letzteren ergiebt sich meist schon
dadurch, dass die Sodalösung, sobald sie mit Säure gesättigt wird, einen
Niederschlag ausscheidet, -- die Anwesenheit der ersteren erforscht man
einfach in folgender Art:
a. Man vermischt mit Schwefelsäure. Geruch nach Schwefelwasserstoff
zeigt $Schwefelnatrium$ an.
b. Man färbt verdünnte Schwefelsäure mit 1 Tropfen chromsaurer
Kalilösung und fügt von der Soda hinzu, doch so dass die Säure
noch vorherrscht. Bleibt die Lösung rothgelb, so ist hierdurch die
Abwesenheit, wird sie grün, die Gegenwart von schwefligsaurem oder
unterschwefligsaurem Natron erwiesen.
c. Ob die in b. besprochene Reaction von schwefligsaurem oder
unterschwefligsaurem Salze herrührt, erforscht man, indem man eine
klare Lösung der zu untersuchenden Soda mit Salzsäure übersättigt.
Wird die Lösung nach einiger Zeit durch Abscheidung von Schwefel trübe
(wobei gleichzeitig der Geruch nach schwefliger Säure auftritt), so
ist jedenfalls unterschwefligsaures (vielleicht jedoch ausserdem auch
schwefligsaures) Salz zugegen.
Die durch die drei letztgenannten Verbindungen entstehenden Fehler
lassen sich einigermaassen umgehen, wenn man die abgewogene Sodaprobe
mit chlorsaurem Kali glüht, bevor man sie sättigt. Hierdurch werden
Schwefelnatrium, unterschwefligsaures und schwefligsaures Natron in
schwefelsaures Natron verwandelt. -- Sofern unterschwefligsaures Natron
zugegen ist, veranlasst man aber hierdurch neuerdings ein falsches
Resultat, indem dieses Salz bei seinem Uebergange in schwefelsaures
Natron ein Aequivalent kohlensaures Natron zersetzt und dessen
Kohlensäure austreibt. [NaO, S_{2}O_{2} + 4O (vom chlorsauren Kali
herrührend) + NaO, CO_{2} = 2(NaO, SO_{3}) + CO_{2}.]
§. 186.
$Mohr$[114] hat in der neuesten Zeit eine Modification des im
Vorstehenden beschriebenen Verfahrens der Soda- und Pottascheprüfung
vorgeschlagen, welche sehr gute Resultate liefert. Die wesentlichen
Punkte des modificirten Verfahrens sind folgende:
1. Anwendung der Quetschhahnpipette anstatt der früher allgemein
üblichen Bürette.
2. Statt der Probeschwefelsäure dient eine Lösung von 63 Gramm (1
Aequivalent H = 1) krystallisirter Kleesäure in 1 Liter Wasser, d. h.
dieselbe Lösung, von der schon bei der Acidimetrie die Rede war und
statt welcher man auch die nach §. 182. aa. [Greek: a]. bereitete
gleichwerthige Schwefelsäure anwenden kann.
3. Ausser dieser Probesäure hat man noch die in §. 182. aa. [Greek: b].
beschriebene Lösung von Aetznatron in Wasser nöthig.
4. Abgewogen werden von der zu prüfenden Pottasche oder Soda 1/10
der Aequivalente, also von Soda 5,3 Grm., von Pottasche 6,91 Grm. Da
die Probesäure in 1000 C.C. 1 Aeq. Kleesäure enthält, so reichen 100
C. C. gerade hin, die Zehnteläquivalente zu neutralisiren, wenn die
kohlensauren Alkalien vollkommen rein sind.
5. Das Alkali wird in Wasser gelöst und mit etwas Lackmustinctur blau
gefärbt. Man lässt jetzt zunächst soviel Probesäure zufliessen, dass
die Farbe violett wird, kocht, lässt weitere Säure zu, bis die Farbe
entschieden gelbroth ist, und dann noch weitere, bis zu den nächsten
vollen 5 oder 10 C.C. -- Das Alkali ist jetzt entschieden übersättigt;
durch Kochen, Schütteln, Hineinblasen und zuletzt Aussaugen der Luft im
Kolben wird die letzte Spur Kohlensäure entfernt.
6. Man füllt jetzt einen in 1/10 C.C. getheilten Messapparat (Pipette
oder Bürette) mit dem Probenatron und setzt tropfenweise zu, bis die
Farbe durch Hellroth in Violett und dann plötzlich in klares Blau
übergeht.
7. Man liest jetzt die verbrauchten C.C. Natronlösung ab, zieht sie
von den verwendeten C.C. Probesäure ab und erkennt aus dem Reste ohne
Weiteres die Procente an reinem kohlensauren Alkali.
[114] Annal. d. Chem. u. Pharm. 86. 129.