a. $Princip.$ Die Grundlage und Theorie dieser einfachen, schönen
und genauen Methode, auf welcher bekanntlich eine grosse Menge von
Bestimmungsweisen beruhen, ist folgende:
[Greek: a]. Jod und schweflige Säure zersetzen sich bei Gegenwart von
Wasser zu Jodwasserstoffsäure und Schwefelsäure (J + HO + SO_{2} =
JH + SO_{3}; andererseits zersetzen sich aber auch Schwefelsäure und
Jodwasserstoff in Jod, schweflige Säure und Wasser (JH + SO_{3} = J +
HO + SO_{2}). Welche von diesen Reactionen eintritt oder vorwaltend zur
Geltung kommt, ist abhängig von den Concentrationsverhältnissen. Durch
genaue Versuche hat nun $Bunsen$ festgestellt, dass beim Zusammentreffen
von Jod mit einer wässerigen Lösung von schwefliger Säure, welche nicht
mehr als 0,04 bis 0,05 Gewichtsprocente wasserfreie Säure enthält,
nur die erste Reaction eintritt; es oxydirt demnach unter diesen
Verhältnissen 1 Aeq. Jod 1 Aeq. schweflige Säure zu Schwefelsäure.
[Greek: b]. Bringt man somit eine unbekannte Menge Jod, in Jodkalium
gelöst, mit einer überschüssigen Menge so verdünnter schwefliger Säure
von bekanntem Gehalte zusammen und ermittelt die nicht oxydirte Portion,
so erfährt man aus der Differenz die vom Jod zu Schwefelsäure oxydirte
und somit auch die Menge des Jods.
[Greek: c]. Den Gehalt der verdünnten Lösung von schwefliger Säure
bestimmt man aber, indem man ermittelt, wieviel Jodlösung von bekanntem
Gehalte man braucht, um die darin enthaltene schweflige Säure zu
oxydiren.
b. $Erfordernisse.$ Aus a. ergiebt sich, dass man zu dieser Bestimmung
folgende Flüssigkeiten gebraucht.
[Greek: a]. _Jodlösung_ von bekanntem Gehalt. -- Man bereitet
dieselbe, indem man 5 Grm. möglichst reines, unter dem Exsiccator über
Schwefelsäure oder Chlorcalcium längere Zeit hindurch getrocknetes Jod
mit Hülfe einer concentrirten Lösung von reinem Jodkalium (dieselbe muss
farblos sein und darf auch unmittelbar nach Zusatz von Salzsäure keine
braune Färbung zeigen) in einem 1 Liter fassenden Messkolben auflöst,
Wasser zusetzt bis zu der Marke und umschüttelt bis zu gleichmässiger
Mischung. -- Da somit 1000 C.C. dieser Lösung 5 Grm. Jod enthalten, so
enthält 1 C.C. 0,005 oder 1 Bürettengrad (1/2 C.C.) 0,0025 Grm. Jod. --
Da aber das Jod meist kleine Spuren von Chlor enthält und dieses zwar
ebenso auf schweflige Säure wirkt, wie Jod, aber ein anderes Aequivalent
hat, so muss die Jodlösung noch geprüft werden, wieviel völlig reinem
Jod ein Bürettengrad in seiner Wirkung entspricht. Ich komme auf diese
Prüfung unter c. [Greek: b]. zurück.
[Greek: b]. _Lösung von schwefliger Säure._ -- Man sättigt Wasser völlig
mit schwefliger Säure bei gewöhnlicher Temperatur, füllt die Lösung in
Medicingläser, verstopft diese wohl und stürzt sie in Wasser um. -- Von
dieser gesättigten Lösung setzt man 35-40 C.C. zu 5000 C.C. Wasser.
[Greek: c]. _Lösung von Jodkalium._ Man löst 1 Gewichtstheil reines
(jodsäurefreies) Jodkalium in etwa 10 Gewichtstheilen Wasser. Die Lösung
darf weder beim Stehen an der Luft noch unmittelbar nach Zusatz von
Salzsäure eine Bräunung zeigen.
[Greek: d]. _Stärkekleister._ Derselbe wird jedesmal frisch bereitet; er
sei sehr verdünnt und fast ganz klar.
c. $Vorbereitende Bestimmungen.$
[Greek: a]. _Feststellung der Beziehung zwischen der Jodlösung und der
Lösung der schwefligen Säure._
Man misst in einem Messkolben oder Cylinder oder mittelst einer Pipette
100 C.C. der verdünnten Lösung von schwefliger Säure genau ab, bringt sie
in einen Kolben (je nachdem die Messgefässe auf Einguss oder Ausguss
abgeglichen sind, muss nachgespült werden oder nicht, §. 12. 4.),
setzt 3-4 C.C. Stärkekleister zu und tröpfelt dann, unter Umschütteln,
aus einer Bürette so lange von der Jodlösung zu, bis eben bleibende
Blaufärbung eintritt.
Setzen wir den Fall, wir fänden so für unsere Lösungen das Verhältniss:
100 C.C. (= 200°) der verdünnten schwefligen Säure erfordern 54°
Jodlösung.
Diese Bestimmung muss jeder Versuchsreihe vorausgehen, da sich die
schweflige Säure in ihrem Gehalte ändert, in Folge des oxydirenden
Einflusses der Luft.
[Greek: b]. _Prüfung, wieviel völlig reinem Jod ein Bürettengrad der
Jodlösung in seiner Wirkung auf schweflige Säure entspricht._
Man wägt etwa 0,35 Grm. reinsten sauren chromsauren Kalis, nachdem
man es scharf getrocknet hat, ab und behandelt es genau nach der in
§. 104. d. [Greek: b]. beschriebenen Weise mit rauchender Salzsäure.
Das entwickelte Chlor leitet man, wie dort angeführt, in überschüssige
Jodkaliumlösung. -- Man erhält somit für: