Die Einsiedelei

Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen

Felsen eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so

schön ist, daß man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt,

sondern daß man sie für die zarte und träumerische Phantasie eines

Dichters hält. Wie aus einem anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und

liegt und steht das kleine, gartenumsäumte, friedliche Häuschen da, mit

dem Kreuz Christi davor, und mit all dem holden, lieben Duft der

Frömmigkeit umschlungen, der nicht auszusprechen ist in Worten, den man

nur empfinden, sinnen, fühlen und singen kann. Hoffentlich steht das

liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor ein paar Jahren,

und ich müßte weinen bei dem Gedanken, daß es verschwunden sei, was ich

nicht für möglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schöner,

feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er

bewohnt, einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bilde

ähnlich. Wortlos und einflußlos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht

sind in der stillen Einsiedelei wie Bruder und Schwester. Die Woche

fließt dahin wie ein stiller, kleiner, tiefer Bach, die Monate kennen

und grüßen und lieben einander wie alte, gute Freunde, und das Jahr ist

ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert, wie schön, wie

reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und seine

tägliche, gesunde Arbeit gleich schön und ruhig verrichtet. Wenn er am

frühen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und fröhliche Konzert,

das die Waldvögel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten,

süßen Sonnenstrahlen hüpfen in sein Zimmer. Beglückter Mann. Sein

bedächtiger Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er

mit den Augen schauen mag. Ein Millionär mit all dem Aufwand, den er

treibt, erscheint wie ein Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser

Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede Bewegung ist hier ein Gedanke, und

jede Verrichtung umkleidet die Hoheit; doch der Einsiedler braucht an

nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt für ihn. Wie aus

weiter Ferne Königssöhne geheimnisvoll und graziös daherkommen, so

kommen, um dem lieben Tag einen Kuß zu geben und ihn einzuschläfern, die

Abende heran, und ihnen nach folgen, mit Schleier und Sternen und

wundersamer Dunkelheit, die Nächte. Wie gerne möchte ich der Einsiedler

sein und in der Einsiedelei leben.

Aufsätze · 第 110 / 111 题