Das sind große Unterlassungssünden. Ich bin ein bedeutender Schurke
gegen mich selber. An mir sehe ich, wie die Menschen durch Trägheit
sündigen. Ich warte immer auf etwas, das mir entgegenzutreten habe. Wie
nun, wenn alle Menschen das tun; wenn jeder so wartet auf das, was da
kommen soll? Es kommt nie etwas. Es kommt demnach für niemand das
betreffende Etwas. Was einer so erwartet und erwartet, kommt nie. Was
also alle erwarten, erscheint allen nie. Hier ist die große Sünde.
Anstatt daß ich gehe und jemand entgegengehe, warte ich, bis jemand mir
gefällig entgegentritt, das ist die rechte Trägheit, der rechte
ungerechtfertigte Stolz. Gestern abend schaute ein sonderbarer
wildfremder Geselle, der irgend etwas zu suchen schien, zu mir hinauf.
Ich stand am offenen Fenster. Ich schaute ihn an, der zu mir
hinaufschaute, so, als sei er eines kleinen Zeichens gewärtig. Ich hätte
nur zu nicken brauchen mit dem Kopf, und eine seltsame, ungewöhnliche
Menschenverbindung wäre vielleicht schon angebahnt gewesen. Vielleicht
auch nicht. Wer vermag es zu wissen. Etwas Ungewisses vermag man nicht
zu wissen, aber gleichviel. Ich hätte der dunklen, ungewissen, vom
zauberischen Abendlicht umflossenen Menschengestalt ein Zeichen geben
sollen. Es sah aus, als sei der fremde Mensch einsam, arm und einsam.
Doch sah es zur selben Zeit aus, als wisse er viel und vermöge manches,
das wert sei, vernommen zu werden, zu erzählen, als sei alles das, was
er zu sagen habe, angetan, zu Herzen genommen zu werden. Und warum bin
ich ihm nun gar nicht entgegengekommen? Ich begreife mein Benehmen kaum;
auf solche Art und Weise kommen sich Menschen in die Nähe und gehen,
ohne Spuren zu hinterlassen, wieder voneinander weg. Das ist nicht gut.
Das ist eigentlich recht schlecht. Es ist eine rechte Sünde. Nun will
ich natürlich eine Ausrede suchen und mir vorsagen, daß an dem Fremdling
möglicherweise nichts gelegen sei. Möglicherweise? Da bin ich schon
gefangen; denn ich gebe ja zu, daß, auf der andern Seite, d. h. bei
anderem Licht besehen, irgend etwas ist an ihm. Ich bin demnach also
keineswegs zu entschuldigen. Kalt habe ich den Gesellen, der mir
vielleicht ein Freund hätte werden, und dem auch ich ein Freund hätte
werden können, abziehen lassen. Seltsam, seltsam. Ich bin erstaunt,
nein, ich bin mehr als erstaunt, ich bin ergriffen, und Trauer schleicht
sich mir in das Herz.
Ich komme mir ganz unverantwortlich vor, und ich könnte sagen, daß ich
unglücklich sei. Doch ich liebe die Worte Glück und Unglück nicht; sie
sagen nicht das Rechte. Ich habe bereits dem unbekannten Menschen, der
zu mir hinaufgeschaut hat, einen Namen gegeben. Ich nenne ihn, wenn ich
an ihn denke, Tobold. Mir ist dieser Name zwischen Schlafen und Wachen
eingefallen. Wo ist er jetzt, und an was denkt er? Ob es mir wohl
möglich sein wird, seine Gedanken zu denken, zu erraten, was er denkt,
und das gleiche, wie er, zu denken? Meine Gedanken sind bei ihm, der
mich suchte. Offenbar hat er mich gesucht, und ich habe ihn nicht
eingeladen, zu mir zu kommen, und er ist dann wieder gegangen. An der
Ecke des Hauses hat er sich nochmals umgedreht, dann verschwand er. Ist
er nun für immer verschwunden?