=Die Magd=. Eine reiche Dame hatte eine Magd, die mußte das Kind hüten.
Das Kind war so zart wie Mondstrahlen, so rein wie frisch gefallener
Schnee und so lieb wie die Sonne. Die Magd hatte es lieb wie Mond, wie
Sonne, fast wie ihren lieben Gott selbst. Aber da ging das Kind einmal
verloren, man wußte nicht wie, und da suchte es die Magd, suchte es in
der ganzen Welt, in allen Städten und Ländern, sogar in Persien. Dort in
Persien kam die Magd eines Nachts vor einen finstern, hohen Turm, der
stand an einem breiten, dunklen Strom. Hoch oben aber im Turm brannte
ein rotes Licht, und dieses Licht fragte die treue Magd: Kannst du mir
nicht sagen, wo mein Kind ist? es ist verloren gegangen, ich suche es
nun schon zehn Jahre! -- So suche noch weitere zehn Jahre! antwortete
das Licht und erlosch. Da suchte die Magd weitere zehn Jahre lang nach
dem Kind, in allen Gegenden und Umgegenden der Erde, sogar in
Frankreich. In Frankreich ist eine große, prächtige Stadt, die heißt
Paris, zu der kam sie. Da stand sie eines Abends vor einem schönen
Garten, weinte, daß sie das Kind nicht zu finden vermochte und nahm ihr
rotes Schnupftuch hervor, um ihre Augen damit abzuwischen. Da ging der
Garten plötzlich auf, und ihr Kind trat heraus. Da sah sie es, und da
starb sie vor Freude. Warum starb sie? Hat das denn etwas genützt? Sie
war aber schon alt und konnte nicht mehr soviel vertragen. Das Kind ist
jetzt eine große, schöne Dame. Wenn du ihr begegnest, so grüße sie doch
von mir.
* * * * *
=Der Mann mit dem Kürbiskopf=. Es war einmal ein Mann, der hatte statt
eines Kopfes einen hohlen Kürbis auf den Schultern. Damit konnte er
nicht weit kommen. Und doch wollte er der Vorderste sein! So einer! --
Als Zunge hatte er ein Eichblatt aus dem Munde hängen, und die Zähne
waren nur mit dem Messer ausgeschnitzt. Statt der Augen hatte er bloß
zwei runde Löcher. Hinter den Löchern flackten zwei Kerzenstümpchen. Das
waren die Augen. Damit konnte er nicht weit sehen. Und doch sagte er, er
habe die besten Augen, der Prahler! -- Auf dem Kopf hatte er einen hohen
Hut; den zog er ab, wenn jemand zu ihm redete, so höflich war er. Da
ging der Mann einmal spazieren. Doch der Wind blies so heftig, daß die
Augen ausloschen. Da wollte er sie wieder anzünden; aber er hatte keine
Zündhölzchen. Er fing an zu weinen mit seinen Kerzenrestchen, weil er
den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte. Da saß er nun, nahm den
Kürbiskopf zwischen seine beiden Hände und wünschte zu sterben. Aber das
Sterben ging ihm nicht so leicht. Es kam vorher noch ein Maikäfer und
fraß ihm das Eichblatt vom Munde weg. Es kam vorher noch ein Vogel, und
pickte ein Loch in seinen Kürbisschädel. Es kam vorher noch ein Kind und
nahm ihm beide Kerzenstümpchen weg. Da konnte er sterben. Noch frißt der
Käfer am Blatt, noch pickt der Vogel, und das Kind spielt mit den
Kerzchen.