Sehr interessant ist es, die Verteilung der Körper in diesem Raume

zwischen Mars und Jupiter etwas näher ins Auge zu fassen. Zunächst

zeigt es sich, daß bei weitem die meisten sich gerade in dem Gebiete

befinden, wo nach dem obenangeführten »Gesetz« ein einzelner Planet

hätte stehen müssen, also in der mittleren Entfernung von 2,8. Hier,

zwischen 2,6 und 3,0, befinden sich von 463 bis 1900 näher bekannt

gewordenen Bahnen 240, also mehr als die Hälfte, 106 zwischen 2,1

und 2,5 und 109 zwischen 3,1 und 3,5. Näher dem Mars und anderseits

dem Jupiter werden die Bahnen plötzlich viel seltener. Zwischen 1,5

und 2,0 kannte man bis 1900 nur noch zwei, zwischen 3,5 und 4,0 fünf

kleine Planeten. Man konnte also wohl von einem Ringe sprechen, der

zwischen die beiden nächsten, größeren Planeten eingeschoben war.

Wir haben es mit einem Gegenstück zum Saturnringe zu tun. Auch die

eigentümlichen Lücken, die man in diesem Ringe direkt beobachtet, sind

in dem »Asteroidenringe« zu erkennen; sie finden sich immer dort, wo

die Umlaufszeiten der hier fehlenden Körper in einem durch einfache

Zahlen ausdrückbaren Verhältnisse zu der des Jupiter stehen würden,

also etwa gleich ½, ⅓, ⅖ usw., oder, wie man sich ausdrückt, wenn die

Umlaufszeiten »kommensurabel« wären. Man hat gefunden, daß sich dann

die Einwirkungen des großen Jupiter auf die Umlaufszeit des kleinen

Planeten derart summieren müßten, daß er, wenn nicht für immer, so doch

für lange Zeit aus dieser Bahnlage gewiesen würde.

Aber ebenso wie die Saturnringe wenigstens nach innen keine feste

Abgrenzung zeigen, sondern sich an den innern hellen Ring noch ein

mattschimmernder Schleierring legt, wo sich die ihn ebenso wie den

Ring der Asteroiden bildenden Einzelkörper offenbar in viel geringerer

Zahl befinden, hat man auch in neuerer Zeit wenigstens einige kleine

Planeten gefunden, die entweder wegen der starken Exzentrizität oder

auch wegen ihrer mittleren Entfernung selbst die von der überwiegenden

Mehrzahl der übrigen gesteckten Grenzen des Ringes weit überschreiten,

und zwar sowohl nach der Seite des Mars wie der des Jupiter hin. Diese

»Ausreißer« erwecken unser besonderes Interesse.

Unter ihnen ist der kleine Planet _Eros_ die bei weitem wertvollste

Bereicherung auf diesem Gebiete geworden. Eros wurde von dem damaligen

Vorstand der Urania-Sternwarte in Berlin, Herrn Gustav _Witt_, am 13.

August 1898 auf photographischem Wege entdeckt. Der besonders lange

Strich, den der Körper auf der Platte zurückgelassen hatte (Seite

65 abgebildet), zeigte sofort an, daß er sich uns ungewöhnlich nahe

befinden müßte, da er nur deswegen eine so große Bewegung besitzen

konnte. In der Tat ergab schon die erste Bahnrechnung, die sich später

vollkommen bestätigte, daß hier das einzig dastehende Beispiel einer

Bahn vorliegt, die sich zum größten Teil noch innerhalb der Marsbahn

befindet, so daß der kleine Planet uns meist näher steht als Mars,

ja, uns infolge der großen Exzentrizität seiner Bahn näher kommen

kann als irgendein anderer permanenter Körper unseres Systems, der

Mond ausgenommen. Venus, auf der andern Seite, kann uns bis auf 0,28

Sonnenentfernungen nahekommen. Eros aber im günstigen Falle bis auf

den 0,15ten Teil dieses Grundmaßes, also fast auf die Hälfte. Dies

verschafft den Astronomen einen bisher nicht erreichbaren Vorteil für

die Ausmessung jener Fundamentalgröße der Sonnenentfernung selbst, die

am genauesten an einer möglichst kleinen Strecke zu bestimmen ist.

Unser Mond, der im Bewegungsmechanismus des Systems als mit der Erde

fest verbunden zu denken ist, kommt hierfür nicht in Betracht. Man

versteht nun, daß Eros nur dann in diese günstige Lage zu uns gelangen

kann, wenn er in seiner elliptischen Bahn zu einer Zeit in seine größte

Annäherung zur Sonne, also auch zur Erdbahn tritt, zu der zugleich

auch die Erde selbst sich gerade zwischen der Sonne und jenem Planeten

befindet, er also seine »Opposition« hat. Die Stelle, in der Eros

durch seine größte Sonnennähe geht, also die Richtung seines Perihels,

liegt, von der Sonne gesehen, dort, wo die Erde alljährlich am 20.

Januar steht. Es muß also eine Opposition des Eros in der Nähe dieses

Datums liegen, damit jene günstige Annäherung stattfindet. Einigermaßen

günstige Oppositionen ereignen sich immer nach vier Umläufen des Eros,

von denen jeder 643 Tage dauert, das macht für vier Umläufe 7 Jahre und

16 Tage. Leidlich günstige Oppositionen fanden 1900 und 1907 statt,

besonders günstige werden sich 1931 und 1938 ereignen. Dabei kann

Eros vielleicht sogar mit bloßem Auge sichtbar werden. In mittlerer

Entfernung ist er 9,7. Größe, was einem wahren Durchmesser von 16 ~km~

entsprechen würde.

Schon für die Opposition von 1900 bis 1901 hatten sich 180 über die

ganze Erde verteilte Sternwarten vereinigt, um nach einem durch eine

internationale Kommission festgelegten Plane durch Beobachtungen des

Eros die Sonnenparallaxe neu zu bestimmen. Es wurden 2000 direkte und

11000 photographische Beobachtungen gesammelt und auf dem dafür eigens

in Paris organisierten Bureau bearbeitet. Die Sonnenentfernung ergab

sich dabei zu 149471000 ~km~, mit einer noch bleibenden Unsicherheit

von kaum 1/1600 des Wertes selbst. Der Wert dieser astronomischen

Fundamentengröße wurde dadurch mit dem bisher dafür angenommenen in

nahe Übereinstimmung gefunden, und die Genauigkeit, mit der man sich

dadurch der stets unerreichbaren Wahrheit weiter näherte, um mindestens

das Zehnfache gesteigert.

Man hat sich gefragt, wie es kommt, daß ein Objekt, das zeitweise

so lichtstark werden kann, so lange der doch so eifrigen Suche nach

kleinen Planeten entgangen ist. In dieser Hinsicht ist zunächst zu

erwähnen, daß die Zeit solcher günstigen Sichtbarkeit doch nur eine

verhältnismäßig kurze ist. Dazu kommt noch, daß Eros sich meist

recht weit von der Ekliptik entfernt aufhält, in deren Umgebung man

bisher nur nach Planeten gesucht hatte. Dieser extravagante Körper

aber entfernt sich gerade zur Zeit seiner größten Helligkeit oft

beträchtlich weiter von der Ekliptik, wo er sich dann unter dem

Gewimmel der übrigen Sterne völlig verlor, wenn nicht ganz zufällig

einmal aus ganz anderer Absicht gerade dort eine Daueraufnahme gemacht

wurde. Dies ist nun in der Tat dreimal vor der Entdeckung, 1893, 1894

und 1896, auf der Harvard-Sternwarte in Nordamerika geschehen, wie man

nachträglich auf den betreffenden Platten konstatieren konnte. Immerhin

war dies nur ein Zufall, und es blieb durchaus wahrscheinlich, daß der

interessante Himmelskörper der Aufmerksamkeit der Astronomen entging,

während er doch stets in dieser ungewöhnlichen Bahn einhergegangen

war. Aber andererseits könnte es auch wohl möglich sein, daß er auf

irgendeine Weise erst kürzlich in diese ungewöhnliche Bahn gedrängt

worden war. In dem Gewimmel jenes Asteroidenringes kann es leicht

einmal vorkommen, daß zwei von den Körpern so nahe aneinandergeraten,

daß der stärkere den schwächeren völlig aus seiner Bahn schleudert,

ja, es konnte vielleicht gar einmal zu einem wirklichen Zusammenstoß

gekommen sein. Eine eigentümliche Wahrnehmung an Eros sprach für diese

Möglichkeit. Bald nach seiner Entdeckung zeigte er nämlich auffällige

_Lichtschwankungen_, die sich innerhalb merkwürdig wechselnder Perioden

wiederholten. Innerhalb einer Zeit von 5 Stunden und 17 Minuten

schwankte das Licht des seltsamen Körpers zweimal auf und ab, und zwar

in ungleichen, sich aber regelmäßig wiederholenden Zwischenräumen.

Diese Erscheinung war kaum anders zu erklären, als daß der Körper sich

in dieser Zeit um eine Achse drehte und uns dabei sehr verschieden

helle Oberflächenteile zukehrte. Man hätte selbst vermuten können,

Eros bestände aus mehreren, umeinander laufenden »Weltsplittern«.

Diese Lichtschwankungen haben aber später gänzlich aufgehört, wodurch

sie uns ein neues Rätsel aufgeben. Man könnte etwa annehmen, es sei

dem Körper kurz zuvor etwas zugestoßen, das ihn zersplitterte, und es

seien erst allmählich wieder geordnetere Verhältnisse eingetreten. Wir

hätten dann hier eine jener »Weltkatastrophen« vor Augen, von denen ich

in meinem Kosmosbändchen »_Vom Weltuntergange_« ausführlicher geredet

habe. Hierfür spricht auch eine Untersuchung von _Hinks_, der fand, daß

der Ort des Eros am Himmel während der Opposition von 1900 bis 1901

innerhalb der Zeit einer halben Lichtschwankung des kleinen Planeten,

also 2¾ Stunden, um 8 ~km~ um einen Mittelwert schwankte, das ist

ungefähr die Hälfte des eigenen Durchmessers Hier wäre also durch die

direkte Messung eine Umschwungsbewegung nachgewiesen. Aber wir müssen

über Eros noch mehr Erfahrungen sammeln, ehe wir über seine Herkunft

und sein Wesen etwas mehr Sicherheit gewinnen.

Diese Lichtschwankungen, die man auch noch an einigen andern kleinen

Planeten, wenn auch nicht in so auffälliger und eigentümlicher Weise,

wahrgenommen hat, machen diese Körper, die schon wegen der großen

Exzentrizitäten und Neigung ihrer Bahnen an die periodischen Kometen

erinnern, diesen seltsamen Himmelskörpern auch in dieser Hinsicht

ähnlich, denn auch sie sind häufig Lichtschwankungen unterworfen, deren

Ursache noch nicht aufgeklärt ist. Bekanntlich ist (siehe auch meine

»_Kometen und Meteore_«) eine Anzahl von ihnen von den großen Planeten

»eingefangen«, so daß sie nun in langgestreckten Bahnen, vielfach auch

zwischen Mars und Jupiter, um die Sonne laufen. _Rydberg_, der in

mancher Hinsicht klärende Ansichten über die Kometen verbreitet hat,

sagt mit Recht, daß ein Komet, der etwa in eine sehr wenig exzentrische

Bahn innerhalb des Asteroidenringes gezwungen würde, sich von einem

kleinen Planeten für uns durch nichts mehr unterscheiden könnte. Denn

infolge des nur noch wenig schwankenden Abstandes von der Sonne müßten

die Einwirkungen, denen die Kometen ihre Nebelhülle und den Schweif

verdanken, aufhören, und es bliebe nur noch der sternartige Kern übrig.

Andererseits müßte ein kleiner Planet, der aus einer ursprünglich

ungefähr kreisförmigen Bahn in eine kometenartig exzentrische gewiesen

würde, bald auch in seinem Äußern zu einem wirklichen Kometen werden,

weil bei der nun stattfindenden großen Annäherung an die Sonne deren

Einstrahlung das Ausstoßen von Gasen aus dem kleinen Körper bewirken

und damit den Kometennebel oder auch selbst einen Schweif bilden müsse.

Nach dieser Ansicht haben wir also in den kleinen Planeten wirkliche

Übergangsformen zwischen Planeten und Kometen vor uns. Es können unter

ihnen beständig Planeten zu Kometen werden, und Eros würde hier an

der Grenze zwischen den beiden Arten von Himmelskörpern stehen. Es

können auch wirkliche Kometen, die erst vor kurzer Zeit aus unbekannten

Fernen des Weltraumes zur Sonne herabgewandert waren, in den Ring der

Asteroiden als beständige Mitglieder unseres Systems eingereiht werden.

Wir hätten dann hier ein Durchgangs- oder Austauschgebiet von Materie

vor uns, das dauernden Veränderungen unterworfen wäre.

Aus dem Vorhergehenden folgt, daß noch eine ganze Anzahl ähnlicher

Körper wie Eros zwischen Mars und der Erde vorhanden sein können, die

nur der Zufall unserer Erkenntnis zuführen wird. Auch könnte wohl,

vorausgesetzt, daß die Annahme von der Versprengung solcher Körper aus

dem Ringe zutrifft, einmal der Fall eintreten oder schon früher einmal

eingetreten sein, daß ein solcher Körper der Erde so nahe gebracht

wird, daß er als Meteorit in ihre Atmosphäre schlägt; es könnten ihn

endlich besondere Verhältnisse in eine Bahn zwingen, in der er als

kleiner Mond beständig die Erde umkreist. Ebenso nämlich, wie Jupiter

Kometen für das Sonnensystem einzufangen wußte, kann es auch unser Mond

für das Erdsystem. Eine Untersuchung über die Bewegung des Eros, die

in jüngster Zeit _Witt_, der Entdecker dieses interessanten Planeten,

veröffentlichte, und die auf allen bis 1907 bekannt gewordenen

Beobachtungen beruht, zeigt in der Tat, daß die Bewegungen des Planeten

nur unter der Bedingung zu vereinigen sind, daß man die Maße des

Systems Erde-Mond um 0,45 Prozent ihres Betrages vermehrt, was also

durch das Vorhandensein noch eines oder mehrerer Körper (oder eines

Ringes) geschehen könnte. Da der Mond selber 0,0124 der Masse des

Systems Erde-Mond besitzt, so wäre die gesuchte Masse immerhin gleich

einem Drittel der des Mondes selber. Auch hier mag die Masse des

Zodiakallichtringes eine Rolle mitspielen. Jedenfalls sehen wir, in wie

vielfacher Hinsicht dieser kleine Körper imstande ist, unser Wissen von

der Einrichtung unseres Sonnensystems zu erweitern.

Zeigt es sich, daß der Asteroidenring in seinen letzten Ausläufern

keineswegs seine Abgrenzung bei der Marsbahn hat, so sind auch in den

letzten Jahren bisher vier kleine Planeten aufgefunden, deren mittlere

Entfernungen über die Jupiterbahn hinausreichen oder doch ganz nahe an

sie herankommen. Drei von ihnen, 1906 und 1907 auf der Heidelberger

Sternwarte entdeckt, haben die Namen _Achilles_, _Patroklus_ und

_Hektor_ erhalten, der vierte, gleichfalls daselbst am 23. März 1908

aufgefunden, ist noch nicht definitiv benannt worden. Die halben

großen Achsen dieser Körper liegen zwischen 5,18 und 5,28; die des

Jupiter ist 5,20. Die Umlaufszeit ist bei dem am schnellsten laufenden

etwa einen Monat geringer, beim langsamsten drei Monate länger als

die des Jupiter, die 11 Jahre und 10½ Monate beträgt. Da also die

Geschwindigkeiten, mit denen diese Körper um die Sonne laufen, von der

des Jupiter nur wenig verschieden sind, so müßten sie, diesem mächtigen

Planeten einmal nahegekommen, ihm auch sehr lange nahebleiben, und er

würde ihren Lauf fortwährend derart beeinflussen, daß sie, wenigstens

unter gewissen Umständen, schließlich ganz in seiner Nähe blieben, also

zu Satelliten des Jupiter würden. Im Falle der hier vorliegenden Körper

zwar ergibt die Theorie, daß sie immer in einem beträchtlichen Abstande

vom Jupiter bleiben müssen, und zwar so, daß je einer dieser kleinen

Planeten mit Jupiter und der Sonne ein gleichseitiges Dreieck bildet.

Mit Ausnahme der des Hektor sind die Bahnen dieser merkwürdigen Körper

sehr exzentrisch, so daß zum Beispiel Achilles in seiner Sonnennähe

sich zwar etwas diesseits der Jupiterbahn befindet, in der Sonnenferne

aber sich so weit über sie hinaus entfernt, als Venus von der Sonne

absteht.

Es spricht heute alles dafür, daß auch noch weiter hinaus im

Sonnensystem solche kleinen Körper aufgefunden werden würden, wenn

unsere optischen Hilfsmittel dazu ausreichten, daß also überall noch

Materie in dieser Form verstreut ist, die sich in dieser oder jener

Weise in das System zu ordnen bestrebt ist. Nur in der Lücke zwischen

Mars und Jupiter, wo solche Materie am ungestörtesten ihre Bahnen um

die Sonne beschreiben kann, haben sich auch die meisten und größten

dieser Körper eingefunden oder sind dort geblieben, wenn sie schon von

Anfang an dort waren.

Diese Brücke des Asteroidenringes führt uns deshalb naturgemäß zu dem

größten Planeten, _Jupiter_, hinüber, der, im Durchmesser 11,3mal so

groß wie die Erde und nur 9,6mal so klein als die Sonne, als eine, wie

wir sehen werden, noch nicht einmal völlig erloschene Nebensonne in

unserm System gelten kann. Wir haben schon erfahren, daß er in 5,2mal

so großer Entfernung wie die Erde die Sonne in 11 Jahren und 315 Tagen

umkreist. Seine Bahnexzentrizität beträgt 0,0483, ist also unter den

übrigen großen Planeten von mittlerer Größe, auch die Neigung seiner

Bahn ist nicht sehr beträchtlich, 1° 19′. Seine Masse ist 314,5mal

so groß wie die der Erde und 1047mal so klein wie die der gewaltigen

Sonne, sie übersteigt fast um das Dreifache die aller andern Planeten

zusammen. Da ist es begreiflich, daß er in sehr merklicher Weise in das

Getriebe der Planetenbewegungen eingreift, daß er in der Verwaltung des

Sonnenreiches ein gewichtiges Wort als erster Vasall mitzusprechen hat.

Da seine Entfernung von uns nur zwischen 4,2 und 6,2 Sonnenentfernungen

schwanken kann, so verändert sich auch die scheinbare Größe seines

Scheibendurchmessers nicht viel. Sie beträgt in seiner Opposition

etwa 50′′ und geht zur Zeit der Konjunktion mit der Sonne, wenn er

nicht mehr beobachtet werden kann, auf etwa 30′′ herab. Er bleibt also

trotz seiner so viel größeren Entfernung für uns nicht viel kleiner

als Venus, wenn sie uns am nächsten steht; er zeigt uns deshalb

eine stattliche Scheibe im Fernrohr, die zu den sich alle 13 Monate

wiederholenden Oppositionszeiten die ganze Nacht hindurch beobachtet

werden kann und in seinen verschiedenen Stellungen zur Sonne keine

merklichen Phasen mehr zeigt, weil seine Bahn ja so weit jenseits der

Erdbahn bleibt.

Die Jupiterscheibe verrät schon dem oberflächlichen Anblick im

Fernrohr eine beträchtliche _Abplattung_. Der Unterschied zwischen

dem Durchmesser am Äquator und am Pol beträgt den 14., nach andern

Messungen den 16. Teil des ersteren. Nach _Barnard_ ist der

Äquatorialdurchmesser 145100 ~km~ lang, der Polardurchmesser aber nur

136100 ~km~.

Die in jedem Fernrohr sehr auffälligen Gebilde auf der Oberfläche des

Planeten ordnen sich so, daß sie in der Hauptsache Streifen bilden, die

alle auf dem kürzesten Durchmesser senkrecht stehen. Die untenstehende

Darstellung des Anblicks des Planeten, wie ihn seinerzeit das große

Lickfernrohr gewährte, gibt ein sehr charakteristisches Bild davon.

Wir sehen daraus ohne alle andern Erfahrungen über diese ungeheure

Welt, daß sie sich sehr schnell um ihre Polarachse drehen muß, um die

Materie, die wir hier sehen, gleichviel welcher Art sie sei, zu so

scharf ausgeprägter Anordnung in den Parallelkreisen zu nötigen. In der

Tat läßt schon eine Beobachtung von wenigen Stunden keinen Zweifel über

die schnelle Drehung der ungeheuren Kugel, die sich in weniger als zehn

Stunden vollzieht. Es folgt daraus, daß ein Punkt des Jupiteräquators

in jeder Sekunde einen Weg von rund 12½ ~km~ zurücklegt, das ist also

ungefähr 25mal schneller, als die Erdoberfläche am Äquator umschwingt.

Es ist dies überhaupt die größte Äquatorgeschwindigkeit im ganzen

System mit Einschluß der Sonne, bei der sie nur 2 ~km~ beträgt.

[Illustration: Abb. 17. Jupiter.]

Die Einzelheiten, die man auf der uns sichtbaren Oberfläche des Jupiter

wahrnimmt, sind fortwährenden langsamen Änderungen unterworfen;

noch kein Gebilde hat sich auch nur annähernd so wie bei denen auf

der Marsoberfläche beständig erwiesen. Was man auf Jupiter sieht,

sind offenbar Wolkengebilde, die die oberen Schichten einer tiefen

Atmosphäre einnehmen und niemals einen Blick auf eine etwa darunter

befindliche feste Oberfläche gestatten. Auch das Spektroskop läßt

hierüber keinen Zweifel; es läßt eine dichte Atmosphäre erkennen, deren

Zusammensetzung von der der Erdatmosphäre merklich abweicht. Dieser

Wolkenhülle des Jupiter entsprechend, ist auch die Rückstrahlungskraft,

die Albedo des Jupiter, bedeutend. Sie ist 0,61. Von den übrigen

Planeten ist nur die der Venus und des Saturn noch etwas größer. Es

zeigt sich, daß die _Dichtigkeit_, mit welcher die Masse des Planeten

in ihm verteilt ist, sogar noch etwas geringer ist als die der Sonne.

Sie beträgt nur 0,23 von der der Erde und ist nur ein Drittel größer

als die des Wassers. Da die Dichtigkeit, wie in allen Körpern, gegen

den Mittelpunkt beträchtlich zunehmen muß, so können wir beim Jupiter

bis in beträchtliche Tiefen unter der sichtbaren Oberfläche sicher

keine dichteren Stoffe als Wasser antreffen. Es ist deshalb keineswegs

ausgeschlossen, daß Jupiter im wesentlichen noch ein Gasball ist,

ähnlich wie die Sonne, und daß seine innern dichteren und heißeren

Schichten noch selbstleuchtend sind. Wir hätten dann in Jupiter eine

alternde, schon fast erloschene Nebensonne unseres Systems vor uns.

Es ist natürlich von großer Wichtigkeit, daß von den Beobachtern alle

Einzelheiten möglichst sorgfältig durch Zeichnung oder Beschreibung

festgehalten werden, weil man in »der Erscheinungen Flucht« doch

auch hier das Beharrliche, das Gesetzmäßige zu ergründen suchen muß.

Jupiter ist deshalb auch für den nur mit einem mittleren Fernrohr

ausgestatteten Liebhaber der Sternkunde ein höchst dankbares Objekt,

namentlich wenn der Beobachter mit einigem Zeichentalent begabt

ist. Man wird dann bald erkennen, daß sich gewisse Zonen auf der

Jupiteroberfläche deutlich unterscheiden lassen, von denen die einen

beständig mit besonders hellen, die andern mit dunkleren Gebilden

überdeckt sind. Aus der Gesamtheit der Wahrnehmungen läßt sich die in

Abb. 18 abgebildete schematische Darstellung ableiten. Wir sehen aus

ihr, daß die Äquatorgebiete des Planeten, mit Ausnahme eines schmalen

Streifens am Äquator selbst, besonders hell erscheinen, daß sich

dann nördlich und südlich dunklere Zonen anschließen, denen hellere

folgen, und daß die Polargebiete wieder eine dunklere Färbung besitzen.

Namentlich in neuerer Zeit hat man gefunden, daß die helleren Partien

höher gelegene Wolkengebilde sein müssen, während man in den dunkleren

Gebieten durch Lücken dieser Wolkenbedeckung in tiefere Regionen

der Jupiteratmosphäre blickt, die meist in bräunlich rotem Lichte

durchschimmern. Von den hellen Tropengürteln, den »Äquatorialzonen«,

zweigen oft langgezogene, helle Streifen in die »Äquatorialgürtel« (~N~

und ~S~ in der schematischen Darstellung) ab, wie wir es auch auf der

schönen Zeichnung, Seite 75, sehen, die den deutlichen Eindruck machen,

als ob die Wolkenbildungen der geringeren Breiten der so sehr schnellen

Rotation des Planeten nicht mehr nachkommen konnten und deshalb langsam

in den höheren Breiten sich auflösen. Wir beobachten auf der Erde ganz

analoge Erscheinungen in den Passatwinden. In Wirklichkeit rührt dieses

Zurückbleiben von den am Äquator aufsteigenden Luftströmungen her,

die wegen des geringeren Durchmessers der umschwingenden Kugelteile,

aus denen sie aufstiegen, eine geringere Geschwindigkeit besitzen

müssen als die höher gelegenen, in die sie gelangen. Wir sehen also

aus diesen Gebilden, daß auf Jupiter ganz gleichartige, ausgleichende

Luftströmungen zwischen den Polen und dem Äquator existieren müssen,

wie auf der Erde. Infolge dieses Zurückbleibens der Wolkengebilde

müssen auch die Umlaufszeiten des Jupiter, die aus ihrer Beobachtung

in den verschiedenen »jovigraphischen« Breiten abgeleitet werden,

verschieden ausfallen. In der Tat konnte man nachweisen, daß diese

Umlaufszeit vom Äquator gegen die höheren Breiten hin allmählich

abnimmt, zwischen 9 Stunden 50 Minuten bis auf 55 Minuten.

[Illustration: Abb. 18.]

Tritt hier im Verhalten der Wolkenbedeckung des Jupiter eine deutliche

Ähnlichkeit mit Verhältnissen hervor, die man auch an der Erde als

Himmelskörper, nur in bedeutend verminderter Weise, beobachten würde,

so erscheint Jupiter auf der andern Seite wieder der Sonne verwandt,

nur daß dann Jupiter vergleichsweise die schwächeren Reaktionen zeigt.

Man hat die Sonnenflecken als Lücken in der leuchtenden Atmosphäre des

Zentralgestirns erkannt, durch die man in tiefer gelegene, dunklere

Regionen sieht. Dasselbe ist bei den dunkleren Streifen des Jupiter

der Fall, die auch, wie die Sonnenflecke, hauptsächlich nur in

mittleren Breiten auftreten. In den Polarregionen sieht man auf beiden

Weltkörpern keinerlei Einzelheiten mehr. Während aber auf der Sonne

Veränderungen oft schon in wenigen Minuten erkennbar sind, ändert sich

der Anblick Jupiters oft monatelang nur wenig.

Ein Beispiel einer jahrzehntelang anhaltenden, merkwürdigen Erscheinung

auf dem großen Planeten bietet der sogenannte _rote Fleck_, der im

Jahre 1872 zuerst nur schwach sichtbar wurde, um 1880 herum seine

größte Deutlichkeit zeigte, um dann langsam abzublassen, ohne bisher

gänzlich verschwunden zu sein. Die nebenstehende Abb. 19 wurde von

mir zu einer Zeit, als er am kräftigsten auftrat, am Genfer Refraktor

angefertigt. Man hat ihn sich von etwas schmutzig ziegelroter Farbe

vorzustellen. Seine länglich runde Fläche war seinerzeit größer

als die von ganz Europa, seine Längsausdehnung wurde zu 30000 ~km~

gemessen. Es hat sich ergeben, daß er sich in den oberen Regionen

der Jupiteratmosphäre befindet. Freilich hat man unzweifelhaft

gelegentlich helle Wolkenschleier über ihn hinwegziehen sehen, und sehr

charakteristisch ist es, wie er den hellen Äquatorstreifen, über dem er

(also südlich, denn alle Angaben beziehen sich immer auf den Anblick im

Fernrohr) steht, zu verdrängen scheint.

[Illustration: Abb. 19.]

Die Welt der Planeten · 第 6 / 10 段