Eine andere Frage ist, ob man diese Gebilde als natürliche oder

künstliche aufzufassen hat. Wir wollen diese Frage hier nur streifen.

Die Anordnung dieser »Kanäle«, wie wir sie der Einfachheit weiter

bezeichnen wollen, erscheint auf den Marskarten als eine derart

im menschlichen Sinne zweckentsprechende, den Anforderungen eines

ausgedehnten Verkehrs über die Kontinente hinweg von Meer zu Meer

angepaßte, daß man wohl intelligente Wesen als ihre Urheber annehmen

durfte. Die Naturkräfte allein, ohne die Führung einer vordenkenden

Intelligenz, konnten solch ein geradezu raffiniert angelegtes Netzwerk

von Verbindungen nicht geschaffen haben. Dazu kam noch eine ganz

wunderbare Erscheinung, nämlich die der zeitweiligen _Verdoppelung der

Kanäle_, die Schiaparelli zuerst gesehen hatte, und die dann später

nur noch wenige andere wahrgenommen zu haben glauben. Zu gewissen

Zeiten, immer wieder, wenn der Wasserreichtum in der betreffenden

Gegend am größten war, erschienen statt einem zwei dicht nebeneinander

herlaufende Kanäle, der zweite Parallelkanal meist etwas später als

der erste, ursprüngliche. Man hätte also annehmen können, daß hier in

Fällen des Überflusses so etwas wie Schleusen geöffnet worden wären,

um auch diese Reservekanäle noch zu speisen. Aber wir wollen zugeben,

daß über diese geheimnisvolle Verdoppelung die Beobachtungsakten noch

recht dürftig und zweifelhaft geblieben sind. Schiaparelli hat zwar

die Erscheinung mit Sicherheit gesehen, aber es ist später gezeigt

worden, daß eine sehr dünne Linie an der Grenze der Wahrnehmung durch

optische und physiologische Täuschungen doppelt erscheinen kann. Wir

dürfen also diese Verdoppelung noch nicht als Tatsache anerkennen und

daran weitere Schlüsse knüpfen. Was sodann die zweckmäßige Anordnung

des Kanalnetzes selbst betrifft, so hat man auch darüber Zweifel

erhoben. Ein italienischer Astronom hat das jedenfalls lehrreiche

Experiment gemacht, den Mond durch ein so schwach vergrößerndes

Glas zu betrachten, daß er dadurch uns nur etwa so weit genähert

wird, wie Mars in unseren besten Fernrohren. Dabei zeigten manche

Oberflächeneinzelheiten des doch gewiß nicht von intelligenten Wesen

umgestalteten Mondes ganz erstaunliche Ähnlichkeiten mit den auf

dem Mars beobachteten. Die starren Mareebenen des Mondes wurden zu

Marsmeeren, die helleren, gebirgigen Gegenden zu Marsfestländern,

und bestimmte Reihen von schattenwerfenden Kratern vereinigten

sich scheinbar zu Liniensystemen von einer gewissen Ordnung und

Regelmäßigkeit. Dagegen läßt sich folgendes geltendmachen. Wenn man den

Mond noch so lange in der beschriebenen Weise beobachten würde, so

entdeckte man doch auf ihm niemals Veränderungen der Schattierungen und

der Einzelheiten, wie sie die Marsbeobachter konstatieren. Stellen wir

uns deshalb selbst auf den allerkritischsten Standpunkt, so bleibt doch

zum mindesten die Überzeugung zurück, daß der Mars als Weltkörper noch

lebt, wenn auch seine Lebensbedingungen im Vergleich zu den irdischen

vermindert sind.

Das Bild, das wir von unserer Nachbarwelt bisher entwerfen können,

zeigt uns wenig tiefe, häufig von Überschwemmungen überflutete

Niederungen und Wüstengebiete, die ihrerseits nicht sehr hoch

emporragen können, da sich hohe Gebirgszüge deutlich verraten haben

müßten. Die Arbeit der abtragenden Erosion, die bei uns die Gebirge ins

Meer trägt, Festländer und Meere zugleich verflachend, ist also, wie es

scheint, auf dem Mars bereits viel weiter vorgeschritten als bei uns,

und wir dürfen also auch deshalb Mars als eine alternde Welt bezeichnen.

Aber völlig sind die Unebenheiten noch nicht ausgeglichen. Wir haben

davon schon Andeutungen in dem zeitweilig weiß gesprenkelten Aussehen

gewisser Gegenden erkannt. Ferner sieht man gelegentlich an ganz

bestimmten Stellen des »_Terminators_« der nicht vollbeleuchteten

Marsscheibe, das heißt an ihrer Lichtgrenze, Hervorragungen, die

nur als die Schattenwürfe ziemlich langer, aber nicht sehr hoher

Erhebungen der Oberfläche gedeutet werden können. In einem dieser

Fälle konnte man auf Hochflächen von etwa 140 ~km~ Ausdehnung und

einer Durchschnittshöhe über dem allgemeinen Niveau von etwa 3000 ~m~

schließen. Solchen Ausbuchtungen stehen auch Einbiegungen gegenüber,

die dann Niederungen voraussetzen Auch diese sind nicht sehr bedeutend.

Jene sich leuchtend in die Nachtseite des Planeten schiebenden

Hervorragungen sind seinerzeit von phantasiereichen Leuten für

Lichtsignale gehalten worden, die uns von den Bewohnern des Mars

zugesandt wurden. Wir wissen sie heute einfacher und natürlicher zu

deuten. Aber die Überzeugung, daß dort wirklich solche Wesen wohnen

und mit ihren Erdenbrüdern in Verbindung zu treten wünschen, hat

sich vielfach erhalten. Es sind hohe Preise für die Beschaffung

der technischen Mittel zu einer Verbindung mit unserer Nachbarwelt

ausgestellt.

Mars wird von zwei _Monden_ umkreist, die sehr klein sind und erst

am 11. und 17. August 1877 von Asaph _Hall_ in Washington mit dem

damals stärksten Fernrohr entdeckt wurden. Man nannte sie _Deimos_ und

_Phobos_, Furcht und Schrecken, wie die Begleiter des Kriegsgottes

Mars. Sie sind ganz winzige Lichtpünktchen, zu deren Erkennung auch

heute noch die besten Instrumente gehören. Ihre beständige große Nähe

bei der leuchtenden Marsscheibe erhöht noch die Schwierigkeit ihrer

Beobachtung. Aus dem Vergleich ihrer Helligkeit mit der der Marsscheibe

selbst kann man auf ihre wahren Durchmesser schließen und findet sie

zu 9,5 und 8 ~km~. Deimos, der entfernteste, ist der kleinere. Es

sind also wahre Spielbälle von Himmelskörpern, und sie gehören zu den

kleinsten in unserer Kenntnis überhaupt.

Die Entfernung der beiden Körper vom Mittelpunkt des Mars beträgt nur

9400 und 29600 ~km~. Von der Oberfläche des Planeten ist deshalb der

nächste nur noch etwa 6000 ~km~ entfernt, und der Weg bis zu ihrer

Nachbarwelt ist also für die etwaigen Marsbewohner nicht größer wie

für uns eine Reise nach Amerika. Diese große Nähe bedingt nach dem

Keplerschen Gesetze eine sehr große Umlaufsgeschwindigkeit dieses

Mondes, der bereits in 7 Stunden und 40 Minuten seinen Planeten einmal

völlig umkreist hat. Ein Punkt des Marsäquators gebraucht dazu, wie

wir schon wissen, 24 Stunden 37 Minuten. Phobos holt also diesen

Umschwung in einem Marstage mehr als zweimal ein. Dadurch entsteht

die für den Himmel dieser andern Welt höchst merkwürdige Erscheinung,

daß dieser Mond für die Marsbeobachter in umgekehrter Ordnung über

die Fixsterndecke wandert, wie alle andern Gestirne, also von Westen

nach Osten, und zwar zweimal im Westen auf- und im Osten untergeht. In

derselben Zeit, des Tages zweimal, wechselt auch der quecksilberige

Trabant seine Phasen. Man könnte aus seiner Gestalt an dem immer

heitern Himmel des Mars die Tagesstunden ablesen. Diese Tatsache,

daß hier ein Körper vorliegt, der seinen Umschwung in viel kürzerer

Zeit vollendet, als sein »Mutterplanet« sich um seine eigene Achse

dreht, gab der Ansicht, daß sich die Himmelskörper unseres Systems

als Ringe von ihren Zentralkörpern abgelöst haben sollten, einen

starken Stoß, und man hat aus noch anderen Gründen diese _Laplacesche

Weltbildungshypothese_ in der Tat gänzlich fallen lassen müssen.

Der zweite Marstrabant Deimos ist das gerade Gegenspiel zu dem ersten,

was seine scheinbaren Bewegungen am Marshimmel betrifft. Er vollendet

seinen Umlauf in etwa 30 Stunden, braucht dazu also nicht viel mehr

als einen Marstag. Das bedeutet, daß er eine ganze Weile über einer

bestimmten Marsgegend stehenbleibt und in bezug auf den Horizont

nur ganz langsam von Osten nach Westen fortschreitet, während die

Sterne hinter ihm ihre scheinbare tägliche Bewegung ausführen. Deimos

geht also mehrere Tage lang über einer bestimmten Gegend überhaupt

nicht unter, zeigt aber, nahezu an derselben Stelle des Himmels

stehenbleibend, dennoch täglich den Phasenwechsel, der der veränderten

Stellung der Sonne zu ihm in ihrem Tageslaufe entspricht. Alle diese

Erscheinungen können wir geometrisch ebenso sicher feststellen und für

eine beliebige Zeit für einen Punkt der Marsoberfläche vorausberechnen,

wie die täglichen Erscheinungen unseres irdischen Himmels.

Der nächste große Planet jenseits des Mars ist der Jupiter, der in

einem Abstande von mehr als 5 Einheiten des Sonnensystems umkreist

gegen 1½ beim Mars. Diese große Lücke zwischen den beiden Planeten

war um so auffälliger, als man eine gewisse merkwürdige, zwar

ursächlich noch nicht erklärte Regel in den Abständen aller Planeten

herausgefunden hatte, von der wir schon Seite 13 sprachen. Wir sahen

dort, wie die Abweichungen dieser Bode-Titiusschen Regel von der

Wahrheit, mit Ausnahme der für Neptun gefundenen Entfernung, merkwürdig

gering sind, daß aber für die Zahl 8 in der angeführten Reihe der

zugehörige Planet überhaupt fehlt. Ein mit bloßem Auge sichtbarer

Planet war hier sicher nicht vorhanden, und auch mit den optischen

Mitteln, die bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zur Verfügung

standen, ließ sich die Lücke nicht ausfüllen. Aber gerade an der

Jahrhundertwende, am 1. Januar 1801, fand _Piazzi_ in Palermo ein an

der Grenze der Sichtbarkeit mit dem bloßen Auge gelegenes Sternchen 6.

Größe, das seinen Ort am Himmel beständig veränderte, also notwendig

ein Angehöriger unseres Sonnensystems sein mußte, weil alle übrigen

Sterne, wenigstens in so kurzen Zeiträumen, unveränderlich am Himmel

stehenbleiben. Daß es sich aber um einen Planeten handeln könne, der

jene empfindliche Lücke ausfüllte, daran dachte man zunächst doch noch

nicht. Es war vielleicht einer von den Kometen des Sonnensystems, die

alle erdenklichen Formen annehmen und darum auch wohl als ungeschweifte

Sterne erscheinen können. Erst als der junge _Gauß_ in Braunschweig

nach einer von ihm erdachten Methode die Bahn des Neulings um die

Sonne berechnet hatte, zeigte es sich, daß diese Bahn gerade in der

Lücke zwischen Mars und Jupiter lag, die die oben angegebene Regel

bei 2,8 der Sonnenentfernung angab. Die mittlere Entfernung des neuen

Planeten fand sich zu 2,77. Die Bahn ist einem Kreise ähnlicher wie

die Bahnen von Merkur und Mars, zeigt also in dieser Hinsicht durchaus

planetarischen Charakter, aber die Abweichung der Bahnlage von der

Ekliptik, um die sich, wie schon oben (S. 18) dargestellt, alle Bahnen

der großen Planeten in einer flachen Linse ordnen, war größer als bei

Merkur, der mit 7° Neigungswinkel seiner Bahn von den großen Planeten

am meisten von der Ebene der Erdbahn abweicht. Der neue Planet kann

sich bis zu etwa 10½° über diese Fundamentalebene erheben. Man gab

ihm den Namen _Ceres_. Nicht viel mehr als ein Jahr nach dieser

epochemachenden Entdeckung fand – wieder zufällig – _Olbers_, ein Arzt

in Bremen, der, ursprünglich nur Liebhaber der Sternkunde, doch sowohl

als Beobachter wie namentlich auch als Rechner und Theoretiker einen

bedeutenden Namen unter den Astronomen seiner Zeit gewann, am 28. März

1802 einen zweiten kleinen Planeten in dieser Lücke, der _Pallas_

genannt wurde. Auch sein Sonnenabstand ist gleich 2,77, aber seine

Bahn erwies sich sowohl stark von einem Kreise wie von der Ekliptik

abweichend. Die Exzentrizität beträgt 0,24 und die Neigung nicht

weniger als 35°. Pallas ist noch etwas lichtschwächer wie Ceres. Zwei

weitere ähnliche Körper wurden dann noch 1804 von _Harding_ und 1807

wieder von _Olbers_ in derselben Lücke gefunden und _Juno_ und _Vesta_

getauft. Juno ist noch etwas kleiner als die beiden vorher entdeckten,

Vesta dagegen tritt zuweilen an die Grenze der Sichtbarkeit mit dem

freien Auge.

Erst nach 38jähriger Zwischenzeit seit der Entdeckung der Vesta ist,

wieder durch einen Liebhaber der Sternkunde, _Hencke_ in Driesen,

ein äußerst kleines, bewegliches Sternchen gefunden worden, das sich

gleichfalls als ein in diese Lücke gehöriger kleiner Planet erwies.

Dieser fünfte _Planetoid_, wie man die Glieder dieser Gruppe nunmehr

unterbenannte, war nur 10. Größe; man gab ihm den Namen _Asträa_.

Nachdem dann derselbe Hencke zwei Jahre später noch einen sechsten

Planetoiden, _Hebe_, entdeckt hatte, ging es nun an eine allgemeine

»Planetenjagd«, deren Erfolge bald alle Erwartungen überstiegen,

so daß man wegen der Überfülle von Entdeckungen auf diesem Gebiete

bald von einer »Kleinen Planetenplage« zu sprechen begann. Bis 1850

waren zu den vier anfangs des Jahrhunderts entdeckten zunächst nur

noch 9 neue hinzugekommen; dann wurden bis 1870 jährlich etwa fünf

hinzuentdeckt. Von dieser Zeit an begann die Photographie sich in den

Dienst der Astronomie zu stellen, und mit ihrer Hilfe mehrten sich

nun die Planetenentdeckungen in wirklich beängstigender Weise. In den

fünf Jahren von 1891 bis 1895 wurden beispielsweise nicht weniger

als 107 davon neu entdeckt. Heute kennt man mehr als sechshundert.

Es hat wenig Sinn, die genaue Zahl der in unserer Kenntnis zu einer

bestimmten Zeit vorhandenen genauer anzugeben, weil man diese Zahl

mit völliger Gewißheit überhaupt nicht mehr zu ermitteln vermag. Es

ist zu schwer geworden, die zunächst als neu hinzugekommenen wirklich

als solche festzustellen. Sie unterscheiden sich ja äußerlich nicht

von längst bekannten. Nur eine für alle durchgeführte Rechnung kann

die Frage entscheiden, ob an dem Orte, wo der Neuling gefunden wurde,

nicht zu der betreffenden Zeit ein bekannter Planet stehen mußte.

Diese Rechnungen, also die Bahnbestimmung der neu entdeckten und

die dauernde Vorausberechnung der wechselnden Orte der bekannten

Planetoiden, hatte das Rechenbureau der Berliner Sternwarte übernommen,

es konnte aber schließlich der Riesenaufgabe nicht mehr gerecht werden

und ließ deshalb von 1890 ab nur noch die _Ephemeriden_, das heißt

die scheinbaren Orte, von einer Auswahl erscheinen, von den andern

dagegen nur Angaben über ihre günstige Beobachtungszeit (Opposition)

sowie über ihren Ort und ihre Bewegung zu dieser Zeit. Es war nun

viel schwieriger geworden, einen aufgefundenen Planeten als einen

wirklich neuen zu erkennen, und der ziemlich wohlfeil gewordene Ruhm,

einen solchen herauszufinden, der vordem den Namen des Entdeckers

durch alle Zeitungen trug, verminderte sich noch weiter. Die Folge

war eine wesentliche Verminderung der Zahl der Entdeckungen selbst.

Die Befürchtung, daß dadurch wichtige Aufschlüsse von allgemeinem

Interesse auf diesem Gebiete nicht erfolgen könnten, hat sich durch

diese Einschränkung glücklicherweise nicht bestätigt. Den Rechnern

bleibt mehr Muße, sich mit besonderen Fragen eifriger zu befassen, die

einzelne Individuen in diesem wahren Ameisengewimmel von Weltkörpern im

Duodezformat stellen.

Es mag hier inzwischen noch interessieren zu erfahren, wie man

einstmals diese »_Planetenjagd_« betrieb, und wie man heute unter all

den vielen Millionen von andern Sternen selbst die kleinsten Planeten

auf der photographischen Platte herausfindet.

Wie schon oben gesagt, unterscheiden sich diese Körper von den

Fixsternen nur durch ihre Bewegung. Nur bei den vier größten hat man in

den stärksten Fernrohren erkannt, daß sie kleine Scheibchen besitzen,

und hat ihre Durchmesser zu bestimmen versucht. Alle andern sind

durchmesserlose Lichtpunkte, die sich zunächst im Fernrohr von jener

Unzahl von kleinen Fixsternen nicht unterscheiden. Diese kleineren

Fixsterne sind nur zum geringen Teil derart in Karten festgehalten,

daß es möglich wäre, durch eine Vergleichung dieser Karten mit dem

Himmel ein neu hinzugekommenes Objekt zu erkennen. Eine fortgesetzte

Mappierung des Himmels konnte deshalb wohl in der ersten Zeit der

Planetenentdeckung, wo noch hellere unter diesen Körpern aufzufinden

waren, wertvolle Hilfe leisten. Später aber mußten die Planetenjäger

für ihre Zwecke die vorhandenen Karten durch Eintragung der in ihrem

Fernrohre noch mehr gesehenen Sterne vervollständigen, was, wie man

leicht versteht, eine recht mühsame Arbeit war, um dann diese so

hergestellte Karte eines kleinen Teiles des Himmels nach einiger Zeit,

meist schon nach wenigen Stunden, abermals mit dem Himmel, Sternchen

für Sternchen, zu vergleichen. Dann konnte man gelegentlich das Glück

haben, einen unter ihnen herauszufinden, der in der Zwischenzeit

seinen Ort unter den anderen geändert hatte. Dieser Ort wird nun durch

genauere Messungen festgelegt, und man kann dann am nächsten Tage durch

Vergleichung mit den Ephemeriden der bekannten Planeten feststellen, ob

man wirklich eine neue Entdeckung gemacht hatte. Da die meisten dieser

Weltkörperchen sich in der Nähe der Ekliptik aufhielten, so suchte man

auch nur in ihrer Nähe nach ihnen, und es entstanden die sogenannten

»_Ekliptikal-Karten_«, die namentlich von _Palisa_ in Wien, der

allein 83 kleine Planeten entdeckte, hergestellt wurden und in ihrer

Sternfülle die vorhandenen Karten des übrigen Himmels weit übertrafen.

Aber all diese Arbeit zur Auffindung eines beweglichen Sternes unter

den festen Himmelskörpern wurde durch die _Photographie_ plötzlich zu

einer rein mechanischen, die in einer halben Stunde erledigt werden

konnte, und zwar von jedem, der nur über die nötige instrumentelle

Ausrüstung verfügte. Es ist wohl bekannt, daß man heute imstande ist,

eine Stelle des Himmels stundenlang der lichtempfindlichen Platte

auszusetzen, indem man das photographische Fernrohr der scheinbaren

täglichen Bewegung nachführt. Dadurch zeichnen sich schließlich so

feine Lichtpünktchen auf, wie man sie im Fernrohr selbst gar nicht

mehr zu erkennen vermag. Befindet sich nun an der aufgenommenen Stelle

unter den festen Sternen ein bewegliches, so wird dieses in der Zeit,

die zur Belichtung erforderlich war, einen Weg beschrieben haben, und

es unterscheidet sich also sofort von den Tausenden von Lichtpunkten

auf der Platte durch einen feinen Strich, den der Planet darauf erzeugt

hat. Die ganze Arbeit besteht also nur noch in der Belichtung, der

Entwicklung der Platte und endlich in ihrer Durchsuchung in einem

geeigneten Apparate. Häufig genug findet man mehrere Striche auf einer

solchen Platte, und es läßt sich, wie ich schon sagte, heute erst nach

sorgfältiger Prüfung entscheiden, ob sich ein wirklich bisher noch

nicht gesehener Planet darunter befindet. Auf diese Art hat _Wolf_ in

Heidelberg mit seinen dortigen Schülern bereits mehr als hundert kleine

Planeten entdeckt. In Abb. 16 ist eine solche Himmelsaufnahme mit einem

Planetenstrich abgebildet.

[Illustration: Abb. 16. Photographische Aufnahme eines kleinen Planeten

(Eros).]

Es war selbstverständlich nicht leicht, in diesem Gewimmel Gesetz und

Regel zu erkennen und uns über das Wesen, die Eigentümlichkeiten und

die Bedeutung dieser Kleinbürger im Sonnenreiche einigen Aufschluß zu

verschaffen. Wir können hier davon nur ein allgemeines Charakterbild

geben.

Was zunächst ihre wirkliche Größe anbetrifft, so kann man sich davon

wenigstens eine Vorstellung machen, wenn man annimmt, ihre Oberflächen

strahlten das Sonnenlicht ebenso stark zurück wie irgendein dafür

ausgewählter Planet von bekannter Oberfläche, wenn man also eine

bestimmte »Albedo« für sie voraussetzt. Nimmt man zum Vergleich

die Albedo von Mars, so ergibt sich der Durchmesser der Vesta mit

etwa 400 km als der größte; Ceres wird ungefähr ebenso groß, Pallas

dagegen nur zu 300 ~km~ gefunden. Die direkten Messungen, von denen

schon weiter oben die Rede war, weichen hiervon aber zum Teil recht

bedeutend ab, _Barnard_ fand danach Ceres bedeutend größer als Vesta,

770 gegen 380 ~km~, woraus folgen würde, daß Vesta das Licht viel

stärker reflektiert als Ceres, letztere etwa so wie der wahrscheinlich

atmosphärenlose Merkur, Vesta dagegen wie der beständig mit

undurchdringlichen Wolken überlagerte Jupiter. Man muß jedoch bedenken,

daß die direkten Messungen wegen der zu geringen Größe der zu messenden

Scheibe noch sehr unsicher bleiben. Die kleinsten unter den in neuerer

Zeit entdeckten Planeten werden kaum mehr als 5 ~km~ im Durchmesser

haben. Selbst der größte unter den Planetoiden ist immer noch

mindestens 17mal im Durchmesser kleiner als unsere Erde. Die Oberfläche

dieser ganzen Welt könnte das Deutsche Reich ohne seine Schutzgebiete

etwa viermal tragen, während die letzteren allein auf diesem Planeten

schon nicht mehr Platz genug hätten. Ein so kleines Ländchen aber, wie

es auf dem kleinsten dieser Weltkörper Platz hätte, gibt es überhaupt

nicht auf der Erde, denn er faßt nur noch etwa 80 ~qkm~; höchstens

könnte sich noch eine größere Stadt auf ihm einrichten. Es ist aber gar

kein Grund vorhanden, weshalb in diesem Gürtel nicht noch viel kleinere

Welten um die Sonne kreisen sollten, die wir nicht mehr mit unsern

Fernrohren erreichen können. Man hat geschätzt, daß selbst noch mit

den uns gegenwärtig zur Verfügung stehenden optischen Mitteln an 5000

gefunden werden könnten, wenn wir sie voll ausnützen, wovor der Himmel

die Rechner bewahren möge. Ihre wirkliche Zahl aber mag sich nach

Hunderttausenden bemessen.

Macht man, wieder nur um einen ungefähren Überschlag zu

erhalten, die Annahme, die Massen dieser Körperchen hätten die

durchschnittliche Dichtigkeit der größeren Planeten, so kann man

etwas über die Gesamtmasse erfahren, welche höchstens alle diese

Körper zusammengenommen besitzen würden, wenn man sie zu nur einem

zusammenschmelzte. Nimmt man hierfür die photometrischen Messungen als

Grundlage, so kommt für alle bekannten Planetoiden ein Körper heraus,

der im Durchmesser etwa 20mal kleiner ist als die Erde. Aber selbst

bei den größtmöglichen Annahmen, auch über die unserer Kenntnis noch

nicht erschlossenen Planetoiden, kann man sicher voraussetzen, daß sich

in diesem Ringe zwischen Mars und Jupiter nicht mehr Masse befindet,

als etwa der kleinste unter den anderen Planeten, Merkur, besitzt.

Sie spielen also in dem Organismus des Sonnensystems selbst in ihrer

Vereinigung nur eine untergeordnete Rolle.

Gleich nach der Entdeckung der ersten dieser Körper hat man sich

gefragt, ob sie nicht Teile eines größeren Planeten sein könnten,

der hier einmal zu Urzeiten wie die andern gebildet worden war und

durch irgendeine Katastrophe zertrümmert worden sei. Namentlich

_Olbers_ vertrat diese Ansicht. Hatten die Körper dann auch bei ihrer

Zersplitterung sämtlich verschiedene Bahnen erhalten, so mußten sich

diese doch offenbar in dem Punkte, wo die Katastrophe stattgefunden

hatte, kreuzen, wenn sie nicht etwa durch spätere Einflüsse ihre Lage

wieder erheblich verändert hatten. Dies letztere mußte nun freilich

unbedingt für die meisten unter ihnen angenommen werden, weil in

diesem Gewimmel von Körpern gegenseitige Störungen ihrer Bewegung

unvermeidlich sind. Immerhin haben einschlägige Untersuchungen für

einige Gruppen von kleinen Planeten die Möglichkeit eines gemeinsamen

Ursprungs bestehen lassen, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht

groß. Es ist nach den heutigen Ansichten über die Entstehung des

Sonnensystems und der übrigen Welten, die ich in einem Kosmosbändchen

(»Weltschöpfung«) entwickelt habe, im Gegenteil anzunehmen, daß der

ursprüngliche Zustand der Materie, aus der sich später die Planeten

bildeten, der einer Zerstreuung über einen zuerst nur spiralig

gewundenen Ring war, und daß gerade der Olbersschen Hypothese

entgegengesetzt anzunehmen ist, daß sich von dieser Schar von kleinen

Körpern noch gelegentlich einige zu größeren Körpern vereinigten. Wir

hätten danach keinen bereits wieder zerstörten, sondern einen noch

nicht geschaffenen Planeten von der Ordnung der größeren vor uns,

dessen Entwicklung nur durch den beständig störend in die Bewegung

dieser Wolke von Weltkörperchen eingreifenden großen Jupiter

zurückgehalten worden ist. Dies sind natürlich alles nur Hypothesen,

für die die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit noch abzuwägen

ist.

Die Welt der Planeten · 第 5 / 10 段