Planeten, die ihre Form nicht veränderten, aber über die Scheibe
hinzogen, ihre Rotation um eine feste Achse zweifellos verratend. Die
Umdrehungszeit ergab sich zu 24 Stunden 37 Minuten und 23 Sekunden, das
macht 41 Minuten mehr für den Marstag als den der Erde, denn dieser
ist nicht 24 Stunden lang, sondern in bezug auf eine feste Richtung
im Weltgebäude um etwa 4 Minuten weniger; der _Sterntag_ der Erde
hat nur 23 Stunden 56 Minuten und 4 Sekunden. Es ergibt sich ferner
aus der Verfolgung jener festen Flecke, daß der Marsäquator gegen
die Ebene der Marsbahn um etwa 25° geneigt ist, das ist also nur ein
geringes mehr als bei der Erde, wo die Schiefe der Ekliptik bekanntlich
23½° beträgt. Wir wissen, daß von diesem Winkel der Wechsel der
Jahreszeiten, die Lage und Größe der klimatischen Zonen abhängt. Statt
47°, wie bei uns, hat also auf Mars die heiße Zone eine Ausdehnung
von 50°; die Polarregionen reichen bis zu 25° statt 23½° rings um
die geometrischen Pole herum, deren Lage wir natürlich genau angeben
können. Die gemäßigten Zonen bilden Gürtel von nur 40°, gegen 43° auf
der Erde. Wir können auch durch diese Lageverhältnisse den Beginn und
die Länge der Jahreszeiten auf Mars leicht berechnen und finden, daß
der Frühling dort 199 unserer Tage lang ist, der Sommer 182, der Herbst
146 und der Winter 160 Tage. Die beträchtliche, bei uns viel geringere
Verschiedenheit der Jahreszeitenlänge ist durch die größere Abweichung
der Marsbahn von einem Kreise bedingt, wodurch nach dem Keplerschen
Gesetze Mars verschieden schnell seine Bahn durchläuft, je nachdem er
sich der Sonne näher oder entfernter befindet.
Wie wir es bei der Erde sahen, wird Mars durch diese schiefe Stellung
seiner Achse der Sonne sowohl wie auch uns abwechselnd seinen Süd- und
Nordpol zuwenden, je nachdem seine Südhalbkugel oder die Nordhälfte
Sommer hat. Dazwischen liegen die Zeiten der Nachtgleichen, in
denen er beide Pole zeigt. Wir beobachten dabei regelmäßig, daß die
Polarregionen des Planeten, die vorher in Nacht gehüllt waren, also
ihren Winter hatten, mit einer weißen Haube überdeckt waren, sobald
sie uns wieder sichtbar wurden. Diese _weißen Polarflecke_ aber
wurden immer kleiner, je länger die Sonne die betreffende Gegend
beschienen hatte, je weiter also die Sommerszeit vorrückte. Endlich, im
Hochsommer, ein bis zwei Monate über den höchsten Sonnenstand hinaus,
war alles Weiße in der betreffenden Polarzone verschwunden.
Der Vergleich mit irdischen Verhältnissen drängt uns die Vermutung auf,
daß es sich hier um Schnee und Eis handelt, die in den betreffenden
Jahreszeiten kommen und gehen, wie bei uns. Aber wir müssen hier
sofort ein Fragezeichen machen, denn die beobachteten Verhältnisse
entsprechen doch nicht ganz denen auf der Erde. Der Traum unserer
Polarforscher ist auf dem Mars erfüllt: die Pole werden zur Sommerszeit
eisfrei. Das ist um so merkwürdiger, als man leicht berechnen kann,
daß die Sonnenstrahlung auf dem 1½mal weiter als wir vom Zentralherde
unseres Systems entfernten Planeten 1½mal 1½, also 2¼mal geringer sein
muß als bei uns, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß auf
der Marsoberfläche selbst sich diese Verhältnisse durch verschiedene
Eigenschaften der Wärme absorbierenden Atmosphäre wesentlich ändern
können. Dieser geringeren Sonnenkraft scheint auch die Wahrnehmung zu
entsprechen, daß die weißen Flecke gelegentlich viel weiter gegen den
Äquator vorrücken als bei uns; selbst völlig unter dem Gleicher hat
man Gebiete weiß übersprenkelt gesehen. Man konnte sich denken, daß
hier auf dem Nachbarplaneten Gebirgszüge sich erheben, deren Gipfel
gelegentlich überschneit wurden. Zunächst wollen wir uns hier mit
der Feststellung begnügen, daß auf jener andern Welt wohl zweifellos
Ähnlichkeiten mit der unsrigen hervortreten, daß aber doch auch
deutliche Unterschiede vorhanden sind, die einer besonderen, von unsern
irdischen Erfahrungen abweichenden Erklärung bedürfen. Wir müssen noch
weiteres Beobachtungsmaterial sammeln, ehe wir es versuchen dürfen, ein
der Wirklichkeit sich vermutlich näherndes Bild dieser andern Welt zu
entwerfen.
[Illustration: Abb. 13. Karte des Mars.]
Wir wenden uns den helleren und dunkleren festen Flecken auf der
Planetenscheibe zu, die wir nach irdischer Analogie für Festländer und
Meere, vorbehaltlich entgegenstehender weiterer Erfahrungen, halten
dürfen. Die Ausdauer und Kunst unserer besten Beobachter, ausgerüstet
mit den vorzüglichsten Sehwerkzeugen unter günstigen Himmelsstrichen,
hat in jahrzehntelanger Arbeit eine Fülle von Einzelheiten auf dem
kleinen Planeten aufgedeckt, die zu einer _Karte des Mars_ vereinigt
sind, von der in Abb. 13 eine Wiedergabe abgedruckt ist. Sie ist in
neuerer Zeit nach allen bekannt gewordenen, zuverlässigen Beobachtungen
von _Flammarion_ und _Antoniadi_ zusammengestellt worden. Es sei
aber gleich bemerkt, daß der Besitzer selbst eines schon ziemlich
bedeutenden Fernrohrs sehr enttäuscht sein würde, wenn er unter
gewöhnlichen Umständen von diesen Oberflächengestaltungen auf der
kleinen Scheibe des Planeten mehr als einige schwache Andeutungen
sehen wollte. Es gehören außer den günstigsten optischen und
atmosphärischen Bedingungen jahrelang geübte Augen dazu, um diese
meist an der letzten Grenze unseres Wahrnehmungsvermögens liegenden
Feinheiten mit einiger Sicherheit zu unterscheiden. Ich selbst habe
kaum jemals mit dem schönen Instrument von zehn Zoll Öffnung unter
dem oft vorzüglichen Himmel Genfs einen »Kanal« sicher gesehen. Die
hier unten wiedergegebenen, bei der Opposition von 1907 hergestellten
Photographien (Abb. 14) mögen eine Anschauung davon geben, wie die
Planetenscheibe in den günstigsten Fällen im Fernrohr aussieht. Aber
auch sie sind noch zum Zwecke der Reproduktion »retuschiert« worden,
damit die mit äußerster Anstrengung gesehenen Einzelheiten beim Druck
nicht wieder verschwinden. Diese Aufnahmen sind von _Lowell_ auf der
Flagstaff-Sternwarte in Arizona gemacht worden, die der Genannte unter
dem reinen Himmel der Subtropen in bevorzugter Höhenlage eigens zur
Erforschung der Welt des Mars errichtet hat.
[Illustration: Abb. 14. Photographien des Mars.]
Jene helleren und dunkleren Gebiete aber, die wir vorläufig als Länder
und Meere bezeichnen, sind meist schon unter mäßig guten Bedingungen zu
erkennen. Ihre Ausdehnung zeigt zunächst, daß auf dem Mars die Meere
(immer unter der Voraussetzung, daß es wirklich solche sind) gegen die
Landgebiete wesentlich zurücktreten. Fanden wir, daß auf der Erde nur
etwa ein Vierteil der Fläche als Land über die Meere hervorragt, so ist
das Verhältnis auf dem Mars gerade umgekehrt. Die nördliche Halbkugel
des Mars ist fast ganz mit Land bedeckt, und nur auf der Südhälfte
befindet sich ein ausgedehnteres Meer, wie unsere Karte zeigt. Aber
ein anderer Umstand beweist, daß diese »Meere« vielfach sehr seicht,
ja daß es vielleicht zum Teil gar keine Meere, sondern eine Art von
Moorgründen sind, die nur zeitweise überschwemmt werden. Man erkennt
nämlich auch in diesen dunkeln Gebieten zuweilen Einzelheiten, die
denen auf den »Landgebieten« ähnlich sind, Linien, rund umgrenzte
Stellen und anderes, auf das hier nicht im einzelnen beschreibend
einzugehen ist. Nehmen wir alle betreffenden Wahrnehmungen zusammen,
so müssen wir zu dem Schlusse kommen, daß auf dem Mars jedenfalls
viel weniger Wasser vorhanden ist als auf der Erde. Wir wollen diese
wichtige Frage vorweg weiter verfolgen, ehe wir uns den übrigen
Verhältnissen auf der Marsoberfläche zuwenden.
Nur sehr selten bemerkt man auf dem Mars etwas, das einer
Wolkenbedeckung ähnlich wäre. Man hat wohl gelegentlich leichte
Schleier bemerkt, die vorher sichtbare feste Flecke undeutlich
erscheinen ließen, und dann war es recht charakteristisch, daß nach dem
Verschwinden der Trübung die betreffende Gegend oft mit weißen Punkten
übersprenkelt erschien, die ihrerseits bald wieder verschwanden. Das
würde also auf einen Schneefall hindeuten. Aber die Frage, ob es
sich hierbei um wirkliche Wolken handelte, konnte doch nicht sicher
entschieden werden. Man sah sich die Oberfläche auch mit weißen, in
der Richtung der Umdrehung des Planeten um seine Achse verschobenen
Streifen überziehen, ohne daß vorher Wolkenschleier in den betreffenden
Gegenden bemerkt worden wären.
Diese letztere Wahrnehmung macht das Vorhandensein von Winden auf dem
Mars fast unzweifelhaft, die unserm Gesetze der Stürme folgen, was jene
Ausweichung ihrer Richtung beweist. Hier hätte man sich also kalte, von
den Polen ausgehende Luftströmungen zu denken, unter deren Einfluß sich
ein Niederschlag gebildet hätte, etwa unserer Reifbildung entsprechend.
Alle diese Wahrnehmungen machen das Vorhandensein einer Marsatmosphäre
unzweifelhaft. Es fragt sich nur, welche Zusammensetzung, welche
Dichtigkeit und vor allem, welche Temperatur man ihr zuzuschreiben
hat. Hierüber sind namentlich in der neueren Zeit sehr interessante
Untersuchungen und theoretische Betrachtungen angestellt worden, die
über die Welt des Nachbarplaneten Licht zu verbreiten beginnen.
Zunächst ist zu sagen, daß die direkte Beobachtung des Spektroskops
das Vorhandensein einer von der unsrigen vermutlich nicht wesentlich
verschiedenen, aber viel dünneren Lufthülle sehr wahrscheinlich gemacht
hat, wofür auch die geringe _Albedo_ des Mars spricht, die mit 0,22
nur wenig größer ist als die des Merkur und des Mondes, so daß wir
also annehmen müssen, daß ein wesentlich beträchtlicherer Teil der
Sonnenwärme bis zur Oberfläche des Mars gelangt als bei uns. Eine
Reihe von anderweitigen Untersuchungen gibt der Lufthülle des Mars nur
etwa den vierten Teil der Dichte der unsrigen. Wir hätten sie also
mit der zu vergleichen, die auf den Gipfeln unserer Gebirgsriesen
anzutreffen ist. Dabei ist zu bedenken, daß die Sonnenstrahlung auf dem
entfernteren Mars geringer ist als bei uns. Man kann nun nach einem
von _Stefan_ gefundenen Gesetze die Temperatur der Marsoberfläche aus
der Menge der von der Sonne ihm zugestrahlten Wärmemengen berechnen.
Um diese letztere zu bestimmen, muß man das Verhältnis der sogleich
wieder von der Atmosphäre des Planeten in den Weltraum zurückgegebenen
Sonnenstrahlung zu der wirklich aufgenommenen festzustellen suchen.
Was wir vorhin als »_Albedo_« bezeichneten, ist dieses Verhältnis. Je
heller ein Planet uns erscheint, desto mehr Sonnenstrahlung hält er
eben für sich zurück. Wendet man dieses Gesetz auf den atmosphärenlosen
Mond an, so kommt man zu Temperaturen, die mit den in neuerer Zeit
direkt gemessenen sehr gut übereinstimmen. Für die Erde zwar erhält man
unter der Voraussetzung, ihre rückstrahlende Kraft, ihre Albedo, sei
der der Venus mit ihrer dichten Wolkendecke gleich, einen zu geringen
Wert, ~minus~ 1,7° ~C~ für die Durchschnittstemperatur der gesamten
Erdoberfläche, die in Wirklichkeit etwa ~plus~ 15° beträgt, aber dies
hat wahrscheinlich seinen Grund darin, daß die errechnete Temperatur
für die der Oberfläche sozusagen mitanhaftenden Luftschichten mitgilt,
die ja eine geringere Temperatur besitzen als die Luft der Oberfläche
selbst. Auch scheint nach den weiter oben angeführten Beobachtungen die
Albedo der Erde zu groß angenommen zu sein. Diese Wärme verschluckende
Wirkung der Atmosphäre hängt wesentlich von ihrer Zusammensetzung ab.
Sauerstoff, Stickstoff und Argon, die hauptsächlichsten Bestandteile
unserer Erdenluft, können nur wenig Wärme festhalten, wohl aber der
Wasserdampf und die Kohlensäure. Sie wirken als schützender Mantel,
verhindern sowohl die zu starke Einstrahlung wie andererseits die
Ausstrahlung.
Für den Planeten Mars gibt die betreffende Rechnung eine
Durchschnittstemperatur von minus 37° C. Bei dieser würde das Wasser
also beständig im festen Zustande beharren und könnte die dort
beobachteten Erscheinungen des Schmelzens der weißen Polarkappen
sogar bis zu den Polen selbst hin nicht erklären. Man hat deshalb
seinerzeit die Vermutung ausgesprochen, was man dort sich als Schnee
niederschlagen und wieder tauen sah, sei gar kein Wasser, sondern
Kohlensäure, die ja auch alle drei Aggregatzustände anzunehmen vermag.
Kohlensäure spielt ja auch in unserer Atmosphäre eine wichtige Rolle
und wird in früheren Entwicklungsperioden der Erde jedenfalls in
noch erheblich bedeutenderem Prozentsatze unserer Luft beigemischt
gewesen sein, der gegenwärtig nur 0,03% beträgt. Aber der schwedische
Forscher _Arrhenius_, der sich in tiefgründender Weise mit der Frage
der physikalischen Zustände auf andern Welten befaßt hat, und dessen
Betrachtungen ich hier in der Hauptsache folge, machte unter anderm
darauf aufmerksam, daß Kohlensäure ja erst unter sehr hohen Drücken
flüssig bleibt, andernfalls aber schnell aus dem festen, schneeartigen
Zustande in den gasförmigen übergeht. Von solchem Drucke kann aber
auf dem Mars nicht die Rede sein, während wir andererseits sehr
deutlich den Übergang dieses Marsschnees in einen flüssigen Zustand
beobachten. Wir müssen die Kohlensäurehypothese in dieser Form für den
Mars aufgeben. Aber Arrhenius glaubt in anderer Weise die Kohlensäure
für die Erklärung der dortigen Zustände heranziehen zu können. Die in
der Atmosphäre freischwebende Kohlensäure ist nämlich in noch weit
höherem Maße wie der Wasserdampf imstande, die einstrahlende Wärme
festzuhalten und deshalb der eigentlichen Oberfläche des betreffenden
Weltkörpers als schützendes Dach zu dienen. Wenn die Marsatmosphäre
selbst hundertmal so viel Kohlensäure enthielte wie die der Erde,
so machte dies ja immerhin noch nicht den dreißigsten Teil ihres
sonstigen Gehaltes aus, und man könnte aus den sonst vom Mars bekannten
Zuständen wohl die Erzeugung und Festhaltung solcher Mengen dieses
Gases für möglich erklären. Dann aber müßte durch diesen schützenden
Kohlensäuremantel die Temperatur auf der Oberfläche jenes Planeten
selbst eine höhere als auf der Erde sein, und alle die wechselvollen
Vorgänge, die wir auf ihr beobachten, ließen sich durch den Kreislauf
des Wasserdampfes zwanglos erklären.
Es läßt sich nun aus theoretischen Betrachtungen, die aus der
Erkenntnis der »kinetischen Gastheorie« sich ergeben und besagen,
daß die einzelnen Molekeln freier Gase mit sehr großen, für
bestimmte Temperaturen berechenbaren Geschwindigkeiten hin und her
schwingen, ermitteln, welche Gase von einem Weltkörper von bestimmter
Anziehungskraft noch festgehalten werden können, und welche dagegen mit
einer so großen Geschwindigkeit aus eigener Kraft die Atmosphäre eines
solchen Körpers verlassen, wenn sie sich vorher darin befunden haben
sollten. Durch die bekannten Zustände bei uns und auch auf der Sonne
hat man eine gute Kontrolle über die Zulässigkeit dieser Theorie auch
für die andern Himmelskörper, deren Anziehungskraft wir kennen. Für die
Erde ergibt sich zum Beispiel, daß Wasserstoff und Helium in unserer
Atmosphäre nicht mehr bestehen können. Die äußerst geringen Spuren,
die man davon bei uns findet, sind offenbar Ausdünstungen der festen
Erdrinde, die im Begriffe sind, sich sogleich wieder in den Weltraum
zu verflüchtigen. Dagegen sehen wir die Atmosphäre der Sonne erfüllt
von diesen beiden Gasen, wie es auch der Theorie entspricht. Für den
Mars ergibt sich, daß dort die beiden Hauptgase unserer Atmosphäre,
Sauerstoff und Stickstoff, in der Tat bestehen können. Für den
Wasserdampf kommen gewisse Forscher zu verschiedenen Ergebnissen. Aber
Arrhenius hält dessen Vorhandensein in geringen Mengen doch für sehr
wahrscheinlich.
Fassen wir alle bisherigen Forschungen zusammen, so müssen wir
den Planeten Mars für einen zwar wasserarmen, aber doch dieses
Lebenselementes nicht völlig entbehrenden Weltkörper mit einer der
unsrigen in der Zusammensetzung nicht unähnlichen, aber viel dünneren
Atmosphäre erklären, in der die Wasserzirkulation nicht mehr oder
doch nur noch sehr selten in Form von Wolken vor sich geht, so daß
wir die wahrgenommenen weißen Niederschläge für eine Art von dünnem
Reif halten müssen, der schnell erzeugt und auch ebenso schnell wieder
aufgeschmelzt werden kann. Derartige Verhältnisse würden auch auf der
Erde eintreten, wenn auf ihr Luft und Wasser entsprechend seltener
wären, und dies muß bei fortschreitendem Alter notwendig stattfinden.
Wir hätten danach Mars als eine alternde Erde anzusehen, die aber noch
immer merkliche Mengen der das Leben unterhaltenden Elemente der Luft
und des Wassers besitzt. Unter solchen Gesichtspunkten haben wir unsere
Studien dieser Welt fortzusetzen.
In den sogenannten Meeren des Mars machen wir eine Wahrnehmung, die
diesen Wassermangel bestätigt. Es unterliegt nämlich keinem Zweifel,
daß einige dieser Gebiete nur zeitweilig »überschwemmt« sind. Sie
zeigen dann eine besonders dunkle Färbung, während sie zu andern Zeiten
ganz ähnliche Einzelheiten, nur schwächer angedeutet, erkennen lassen
wie die »Festländer«. _Pickering_ und _Lowell_ glauben zu diesen
Zeiten, die in den Sommer der betreffenden Marsgegend fallen, eine
grünliche Färbung sich über diese »amphibischen« Gebiete verbreiten
zu sehen, die wir demnach, wie bemerkt, als eine Art von Moorgründen
aufzufassen hätten, über welche die Schmelzwasser im Frühjahr
hinrieseln, um sie im Sommer zu fruchtbaren Feldern zu machen. Wir
hätten danach hier eine Erscheinung, die man mit der Nilüberschwemmung
vergleichen könnte. Die Ähnlichkeit tritt noch ganz besonders dadurch
hervor, daß die benachbarten Marsfestländer die charakteristische gelbe
Färbung der Wüstenländer besitzen, wie dies auch mit der Umgebung des
Nils der Fall ist.
Diese Festländer werden nun von jenen viel besprochenen, immer noch
rätselhaften, dunkeln Linien durchzogen, die unter dem Namen der
_Marskanäle_ so verschiedenartig gedeutet worden sind. Es ist nach den
Karten der hervorragenden Marsforscher ein wunderbares Netzwerk von
Verbindungen zwischen den dunkeln Gebieten, den »Meeren«, die auf dem
Mars durch die gelben Gebiete kein zusammenhängendes Weltmeer bilden
wie bei uns. Die meisten dieser Linien sind außerordentlich dünn und
nur mit letzter Anstrengung unter günstigsten optischen Bedingungen
zu sehen. Man kann es deshalb wohl begreifen, daß ihre Existenz
vielfach angezweifelt worden ist. Namentlich ein englischer Astronom,
_Maunder_, hat hierüber interessante Experimente angestellt, die in der
Tat zeigen, wieviel der menschliche Geist in zweifelhaften Fällen zu
»ergänzen« sich bemüht, wo es in Wirklichkeit gar nichts zu ergänzen
gibt. Der Genannte verfertigte Marsbilder, die nur die unzweifelhaft
vorhandenen hellen und dunkeln Stellen seiner Oberfläche enthielten.
Diese stellte er vor Schulkindern in einer Entfernung auf, in der
sie eben noch diese Flecke sehen konnten, und ließ sie, die keine
Ahnung hatten, worum es sich handelte, aufzeichnen, was sie sahen.
Und siehe da, eine ganze Reihe dieser Schulkinderzeichnungen enthielt
»Marskanäle«, die zum Teil sogar dieselben Verbindungen zwischen den
»Meeren« herstellten, wie die von unsern Marsforschern gesehenen.
Das war gewiß ein verblüffendes Resultat, mit dem der Engländer
die ganze jahrzehntelange Arbeit der gewissenhaftesten Forscher als
eitel Trugbilder glaubte aus der wissenschaftlichen Welt blasen zu
können. Aber dieses Experiment beweist doch nur, daß solche Illusionen
vorliegen _können_, nicht aber _müssen_. Die dunkeln Gebiete greifen
vielfach spitz in die hellen ein, da ist es ganz natürlich, daß ein
Kind zwischen zwei solchen sich etwa gegenüberliegenden Spitzen eine
Verbindung zu sehen glaubt, wie es nicht minder wahrscheinlich ist, daß
eben auch die Natur zwischen diesen tiefen Einschnitten eine wirkliche
Verbindung hergestellt hat, und daß eben nun jene Schulkinder die zwar
auf ihren Vorlagen fortgelassene natürliche Verbindung gewissermaßen
fühlten. Eine ganze Reihe von Forschern ist trotzdem der Sache am
Fernrohr noch einmal kritisch zu Leibe gegangen. Sie kommen trotz jenen
»vernichtenden« Schulkinderzeichnungen zu der Überzeugung, daß viele
jener zarten Gebilde ganz zweifellos vorhanden sind, während andere
vielleicht auf irgendwelchen Illusionen beruhen können. Es war auch
von vornherein höchst unwahrscheinlich, daß der als außerordentlich
gewissenhaft und selbstkritisch längst vorher bekannte Mailänder
Forscher _Schiaparelli_, durch dessen jahrzehntelange Untersuchungen
die erste ausführliche Marskarte geschaffen wurde, sich in so vielen
hundert Fällen hätte täuschen lassen können. In neuerer Zeit führt
der vielleicht etwas zu weit gehende _Lowell_ sogar Photographien von
Marskanälen für deren zweifellose Existenz ins Feld. Wir haben solche
Aufnahmen schon weiter oben wiedergegeben. Mir will indes dieser Beweis
nicht viel gelten. Wären diese Objekte auf den Platten wirklich so
deutlich zu sehen gewesen, wie auf den hier vorliegenden Abbildungen,
so würden sie allerdings aller Diskussion ein Ende machen. Aber der
Autor sagt selbst, daß er die Platten hat »retuschieren« müssen, um
die äußersten Feinheiten auf ihnen deutlicher wiedergeben zu können.
Da bleibt natürlich dieselbe Möglichkeit jenes »Hineinforschens«
vielleicht doch nicht vorhandener Details, wie am Fernrohr direkt.
Überblicken wir aber alles Für und Wider, so müssen wir doch überzeugt
bleiben, daß eine große Anzahl solcher die Marsmeere verbindenden
»Kanäle« wirklich dort vorhanden sind.
Die Frage ist nun, was diese Kanäle in Wirklichkeit sind. Es war
ja ihrer Lage nach gewiß das Nächstliegende, sie für wirkliche
Wasserverbindungen zwischen jenen sonst isolierten Meeresbecken zu
halten. Aber da trat bald die Schwierigkeit ihrer ungeheuern Breite
ein. Die allerfeinsten Linien, die man auf dem Mars mit unsern
optischen Mitteln noch unterscheiden kann, müssen 30 ~km~ breit
sein. Gewisse und gerade die am sichersten existierenden haben aber
eine mindestens zehnfache Breite. Mag man sie nun für Erzeugnisse
intelligenter Wesen oder für Naturprodukte erklären, so fehlen uns
alle Vergleichsobjekte, und wir können uns ihre Notwendigkeit oder
Nützlichkeit nicht vorstellen. Es können ihrer ganzen Breite nach keine
Wasserläufe sein. Da fällt uns aber das Beispiel der Nilniederung
wieder ein, die auch eine Breite von durchschnittlich 30 ~km~ hat.
Wir könnten uns also vorstellen, daß ein uns an sich unsichtbarer
Wasserlauf nur zeitweilig mit Wasser gefüllt sei, wodurch erst die
sonst als Wüstenei brachliegende Umgebung sich mit dunkler Vegetation
überzieht, wie es eben auch beim Nil der Fall ist. Nun nimmt man diese
allmähliche Ausbreitung der »Kanäle« wirklich wahr. Schiaparelli hatte
schon vermutet, daß sie sich bei ihrem ersten Auftreten aus einzelnen,
gesondert erscheinenden Stellen zusammenfügen. Sie verschwinden,
wenigstens zum größeren Teile, zur wasserarmen Winterzeit und sind
im Frühling und Sommer, zur Zeit der Schneeschmelze oder etwas nach
ihr, am dunkelsten. Ist die Welt des Mars mit der unserer Erde also
überhaupt vergleichbar, und sind unsere Wahrnehmungen auf dieser Welt
reell, so ist in der Tat der Vergleich mit Erscheinungen, wie wir
sie bei den Nilüberschwemmungen kennen, als der allein alle bisher
vorliegenden Beobachtungstatsachen vereinbarende gegeben.
[Illustration: Abb. 15. Doppelte Marskanäle.]