Es bleibt uns nur noch übrig, ein kurzes Wort von den

_Venusdurchgängen_ zu sagen, deren Bedeutung bereits in dem mehrfach

erwähnten Kosmosbändchen »Sonne und Sterne« eingehender behandelt

worden ist. Diese Vorübergänge der Venus vor der Sonnenscheibe sind

viel seltener als die des Merkur. Sie ereignen sich in einem Zyklus,

mit Zwischenräumen von 105½, 8, 121½ und 8 Jahren, so daß also die

Jahre 1761 und 1769, dann wieder 1874 und 1882 Venusdurchgänge hatten,

und die nächsten beiden erst in den Jahren 2004 und 2012 stattfinden.

Wir erleben also solch ein Ereignis nicht mehr. Ich selbst habe den

Durchgang von 1882 auf der Genfer Sternwarte durch Wolkenlücken zum

Teil sehen können. Ernstliche Beobachtungen gestattete das neidische

Wetter nicht. Damals, ebenso wie 1874, waren von allen zivilisierten

Nationen viele Expeditionen in die entlegensten Teile der Erde gesandt

worden, um das Phänomen mit denkbar größter Genauigkeit zu verfolgen

und festzustellen, welchen Weg die Venus über die Sonnenscheibe nahm.

Durch die perspektivische Verschiebung, die dieser Weg durch den

verschiedenen Standpunkt der Beobachter auf der Erde erfuhr, war

dann die Entfernung der Venus von uns in Teilen des Erddurchmessers

zu ermitteln, und jene wieder ergab die Größe jener astronomischen

Einheit der Sonnenentfernung in irdischem Maß. Bis vor kurzem waren

die Venusdurchgänge noch das sicherste Mittel zu dieser Ausmessung des

astronomischen Grundmaßes. Heute hat man in dem neuentdeckten kleinen

Planeten Eros ein viel besseres Mittel zu dieser Bestimmung gefunden.

Entfernen wir uns auf unserer Wanderung durch das Planetensystem

nun abermals weiter von der Sonne, so stoßen wir auf unsern eigenen

Wohnsitz, _die Erde_, die wir hier als einen Himmelskörper, als einen

andern Planeten auffassen, den wir von einem Standpunkte draußen

im Weltgebäude zu erforschen suchen. Es werden sich dann bei der

Fortsetzung unserer Forschungsreise für die Betrachtung anderer

Himmelskörper wertvolle Parallelstellen oder Unterschiede ergeben.

Als gedachten Beobachtungsort im Weltgebäude wollen wir die Venus

wählen, den günstigsten Punkt, den wir zu diesem Zwecke einnehmen

können. Die Erde ist für sie der nächste Planet jenseits ihrer

Sonnenbahn, so daß man uns von dort her während der ganzen, langen

Venusnacht, soweit die dichte Wolkendecke es gestattet, beobachten

kann. Unser Planet wendet ihr dabei seine vollbeleuchtete Tagesseite

zu; er kann in _Opposition_ zur Sonne treten, ihr genau gegenüber am

Himmel stehen, um Mitternacht, wenn die Sonne tief unter dem Horizonte

dahinzieht.

Solche Oppositionen der Erde für die Venusastronomen finden natürlich

zu derselben Zeit statt, wenn Venus für uns in oberer Konjunktion

steht, das heißt, wenn Erde, Venus und Sonne sich in einer Reihe

befinden und die Venus in der Mitte zwischen ihnen. Die _synodische

Umlaufszeit_ der Venus für die Erde ist dieselbe wie die der Erde für

die Venus; also jedesmal nach durchschnittlich 583½ Tagen (siehe S. 32)

haben die Venusastronomen die günstige Gelegenheit, in die Geheimnisse

unserer Welt einzudringen, während für uns sich um diese selbe Zeit die

Venus umgekehrt in den Strahlen der Sonne verbirgt.

Durch Verfolgung der Bewegungen der leuchtenden Erdscheibe unter den

festen Sternen ermittelt man dann leicht die wirkliche _Umlaufszeit_

dieses schönen Sternes um die Sonne, unsere _Jahreslänge_. Man findet

sie gleich 365,2564 Teilen der Einheit, die wir unsern Tag nennen,

und die wir noch besonders zu definieren haben werden. Die Bahn

des Erdsternes würden wir etwas exzentrischer, von der Kreisform

abweichender, finden, als die der Venus ist. Ihre _Exzentrizität_

ist gleich 0,0168. In dieser Bahn bewegt sich die Erde mit einer

durchschnittlichen Geschwindigkeit von 27,8 ~km~ in der Sekunde um

die Sonne, und zwar etwas schneller, wenn sie der Sonne näher steht.

Ihre größte Nähe zur Sonne, ihr _Periheldurchgang_, findet in der

gegenwärtigen Zeitepoche jedesmal am 1. Januar statt. Wir wissen

aber schon, daß diese Richtung der kürzesten Entfernung selbst sich

langsam immer in derselben Weise verschiebt. Diese Verschiebung

(_Säkularbewegung des Perihels_) beträgt im Jahre 61,9 Bogensekunden

(′′) und bewirkt, daß in etwa 10500 Jahren die Richtung, in der uns die

Sonne am nächsten steht, in unsern Juli fällt. Dadurch ändert sich,

wie wir gleich noch besser erkennen werden, die Länge der Jahreszeiten

zwischen den beiden Erdhalbkugeln, und man hat daraus die Ursache jenes

geheimnisvollen Klimawechsels der Eiszeiten abzuleiten versucht.

Die mittlere Entfernung der Erde von der Sonne würde ein außerirdischer

Astronom genau so ermitteln, wie wir es tun, indem wir die _Parallaxe

der Sonne_ ausmessen, das heißt den Winkel, unter dem die Erdscheibe,

vom Mittelpunkte der Sonne aus gesehen, erscheinen würde. Er beträgt

17,60′′. In ein auf der Erde gebräuchliches Maß übersetzt, ergibt sich

die Entfernung der Erde von der Sonne daraus gleich 149500000 ~km~.

Betrachten wir die Scheibe des Erdsterns etwas genauer, so finden wir

zunächst, daß sie vollkommen rund zu sein scheint, soweit sie nicht als

Phase nur teilweise beleuchtet ist. In Wirklichkeit wissen wir, daß die

Erde an den Polen etwas abgeplattet ist, so daß ihr Durchmesser von Pol

zu Pol um ein Zweihundertneunundneunzigstel kleiner ist als der Weg von

einem Punkt des Äquators zu einem andern durch den Erdmittelpunkt. Aber

unsere Meßwerkzeuge würden dies von der Venus aus nicht nachzuweisen

vermögen. Wir schließen daraus, daß auch diese ebenso abgeplattet sein

kann, ohne daß wir es derzeit zu finden vermögen.

Das Licht des Erdsterns, seine _Albedo_, würden wir weniger hell

finden als das der Venus, aber heller als das des Merkur. Interessante

Untersuchungen, die deswegen neuerdings auf Mt. Wilson über die

reflektierende Kraft der Wolken angestellt wurden, ergaben in

Verbindung mit der durchschnittlichen Bedeckung der Erdoberfläche

durch Wolken die _Albedo_ der Erde gleich 0,37, also beinahe dreimal

größer als die des Merkur und des Mondes, aber nur halb so groß wie

die der Venus. Vielleicht würde man das Gesamtlicht der Erde innerhalb

einer Periode, die gerade ihrem Umlauf um die Sonne entspricht, etwas

veränderlich finden und sehr bald erkennen, daß der Grund davon eine

wechselnde Bedeckung der wahrgenommenen festen Flecke auf ihrer

Oberfläche durch kommende und gehende, sich schnell an Ausdehnung und

lichtreflektierender Kraft verändernde, weiße Flecke ist. Wenn auf dem

Planeten, von dem aus wir dies beobachten, etwas Ähnliches auftritt,

so werden wir diese weißen Flecke für Wolken oder vorübergehende

Schneebedeckung, die festen für Kontinente, Meere oder bleibende

Eisflächen erklären.

Unsere Aufmerksamkeit zunächst diesen festen Flecken zuwendend,

machen wir die Wahrnehmung, daß sie in völlig regelmäßiger Weise

auf der leuchtenden Erdscheibe hinziehen, am schnellsten, wenn sie

gerade über die Mitte der Scheibe wandern, langsamer und sich in

ihrer Form in bestimmter Weise verkürzend, wenn sie gegen den Rand

hin rücken. Wir schließen daraus, daß die Erde eine Kugel ist, die

sich in unveränderlicher Weise um ihre Achse dreht. Wir können auch

sofort deutlich unterscheiden, daß dies in einer Weise geschieht, die

uns verrät, daß die Erdachse nicht senkrecht auf der Ebene steht, in

der sich unser Planet um die Sonne bewegt, und also die Ebene der am

schnellsten sich bewegenden Flecke der Erdoberfläche, die Ebene ihres

_Äquators_, einen bestimmten Winkel mit der Ebene der Erdbahn macht.

Wir nennen diesen Winkel die _Schiefe der Ekliptik_. Sie beträgt

gegenwärtig 23° 27′ 8′′ und ist, im Laufe der Jahrhunderte nur sehr

wenig um einen Mittelwert schwankend, veränderlich.

Dieser Winkel bedingt bekanntlich die _Jahreszeiten_, und ein ähnlicher

Winkel muß auch auf andern Planeten die entsprechende Wirkung haben,

wenn wir ihn dort beobachten, weshalb diese Verhältnisse uns hier

besonders interessieren.

Der noch nicht mit den betreffenden Verhältnissen aus der

mathematischen Geographie vertraute Leser mag das einfache Experiment

mit einem Apfel machen, den er mit einer Stricknadel durchsticht und

mit dieser auf einem tellerförmigen Fuß derartig befestigt, daß der

Apfel mit seiner Stricknadel schräg auf der Tischplatte steht. In

der Mitte des Tisches steht die Lampe als Sonne, der Apfel ist die

Erde, und die Stricknadel die Achse, um welche sie sich in ihrer

täglichen Bewegung dreht. Die Tischplatte ist die Ebene der Erdbahn,

die Ekliptik. Wir schieben nun den Erdapfel auf seinem Fuße um die

Sonnenlampe derart, daß die Stricknadel stets dieselbe Richtung, nicht

zur Lampe, sondern zu irgend etwas außerhalb des Tisches, etwa dem

Fensterkreuz, beibehält. Dieses »außerhalb« bedeutet den Weltraum: die

Lage der Erdachse in diesem verändert sich nicht, trotz aller sonstigen

Bewegungen der Erde. Nehmen wir einmal an, in einer bestimmten Stellung

des Erdapfels zur Sonnenlampe sei das untere Ende der Stricknadelachse

gerade gegen die Lampe hin, das obere schräg von ihr abgewendet. Wir

können noch auf dem Erdapfel einen Äquator einschneiden, indem wir ihn

in zwei gleiche Hälften derart trennen, daß die Mitte jeder Hälfte oben

und unten die Punkte sind, wo die Stricknadel den Apfel durchsticht,

die Pole, oben der Nordpol, unten der Südpol. In der von uns gewählten

Lage wird dann der Nordpol nicht mehr von der Sonnenlampe beschienen;

er ist ja von ihr abgewendet. Dagegen ist der Südpol voll beleuchtet.

Wir können den Apfel noch soviel um die Nadel drehen, indem wir nur

ihre Lage gegen die Tischplatte nicht verändern, so bleibt doch der

Nordpol im Dunkeln, der Südpol im Sonnenschein. Die Lichtgrenze, die

sich beim Drehen oben und unten auf dem Apfel als ein kleiner Kreis

bildet, ist der Polarkreis, oben der nördliche, unten der südliche.

Ziehen wir von der Lampe bis zum Apfel eine gerade Linie parallel zur

Tischplatte, vielleicht wieder in der Form einer langen Stricknadel,

so trifft sie ihn in den Punkten, wo die Sonnenlampe senkrecht auf

den Apfel scheint. Drehen wir den Apfel wieder um seine feste Achse,

so entsteht wieder ein Kreis parallel zu unserm Äquatoreinschnitt,

aber kleiner wie dieser. Der beleuchtete Teil dieses Äquators liegt

überall oberhalb dieses kleineren Kreises, der die sogenannte heiße

Zone auf der Erde auf der Südhalbkugel abgrenzt. Es ist der _Wendekreis

des Steinbocks_. Bis hierher kann also die Sonne senkrecht über den

Menschen stehen, die sich hier auf der Erde befinden.

Nun wandern wir mit unserer Erde weiter und machen einen Viertelkreis

um den Tisch, immer so, daß unsere Erdachse ihre Richtung, ihren

Winkel zur Tischebene, beibehält. Dann werden wir sehen, wie immer

mehr von dem Gebiete innerhalb unseres nördlichen Polarkreises

beleuchtet wird, und wenn wir den Viertelkreis vollendet haben, geht

gerade die Sonne am Nordpol auf. Unsere schiefstehende Erdachse ist

jetzt in allen Teilen gleichweit von der Sonnenlampe entfernt, und

drehen wir nun die Erde darum, so werden alle ihre Oberflächenteile

nacheinander beleuchtet. Es ist Frühlingsanfang; die vorige Stellung

entsprach dem Anfang des Winters auf unserer nördlichen Halbkugel.

Bewegen wir die Erde in derselben Weise nun noch um einen weiteren

Viertelkreis, so ist der Nordpol der Sonne am nächsten, der Südpol

beständig im Schatten. Wir finden den _Wendekreis des Krebses_, wie

vorhin den des Steinbocks; es ist Sommersanfang für uns. Zwischen

beiden Wendekreisen liegt die _heiße Zone_, wo die Sonne überall einmal

im Jahre zur Mittagszeit genau über den Köpfen der Bewohner stehen

kann; zwischen Wende- und Polarkreisen sind die beiden _gemäßigten

Zonen_, die Polarkreise schließen auf beiden Seiten die _kalten Zonen_

ein. Bei weiterer Wanderung der Erde aus ihrer jährlichen Reise kommen

wir zum Herbstanfang, wobei die Stellung der Sonne zur Erdachse wieder

dieselbe wird, wie sie es ein halbes Jahr früher beim Frühlingsanfang

war, und dann kommen wir endlich auf unsern Ausgangspunkt zurück. Die

Jahresreise und die Reise durch die Jahreszeiten ist vollendet.

Wenn wir auch in bezug auf die Erde, die wir selbst bewohnen, die

hier wiedergegebenen Erfahrungen auf anderem und sicherem Wege

ermittelt haben, als es von einem außerirdischen Standpunkte möglich

gewesen wäre, so hätten wir sie durch die Bewegungen der festen

Oberflächenflecke, der Kontinente und Meere, ebensogut ermitteln

können. Wir hätten den Winkel der Schiefe der Ekliptik, wie er weiter

oben angegeben ist, richtig gefunden, die Größe der Zonen auf dem

Erdball danach abgemessen und den Anfang der Jahreszeiten sowie ihre

Länge bestimmt.

Dabei hätten wir noch manche interessanten Beobachtungen gemacht. Wir

hätten zunächst gesehen, daß die polaren Gebiete auf beiden Seiten

beständig in »schneeweißem« Lichte strahlen, und daß diese weißen

Hauben mit den Jahreszeiten regelmäßig ihre Ausdehnung verändern. Wenn

auf einer Halbkugel die Sonne am tiefsten steht, die weiße Haube sich

also in ihre Polarnacht gehüllt hat, dann sieht man den weißen Fleck

sich weit in die gemäßigte Zone ausdehnen und erst etwa anderthalb

Monate nach dem betreffenden Sonnenstande sein Maximum oder Minimum der

Ausdehnung erreichen; auf der nördlichen Halbkugel ist seine Ausdehnung

um Mitte Februar am größten, Mitte August am kleinsten, und umgekehrt

auf der andern Seite der Erde. Wir wissen, daß die Ursache davon in den

meteorologischen Verhältnissen unseres Planeten liegt. Wärme und Kälte

werden vom Erdboden aufgesogen und wirken eine Zeitlang der direkten

Sonnenstrahlung entweder entgegen oder verstärken sie. Bis in die

äquatorialen Gegenden indes reicht die weiße Haube niemals, dagegen

würde man in sehr guten Fernrohren hier sowohl wie in gewissen Gebieten

der gemäßigten Zonen beständige weiße Punkte wahrnehmen, unsere

Hochgebirge, von denen aus beim Wechsel der Jahreszeiten die weiße

Bedeckung sich ausdehnt und zurückzieht.

Nachdem von den festen Gebieten der gemäßigten Zonen, die wir als

Kontinente von den Meeren unterscheiden konnten, weil auf diesen

letzteren überhaupt keine Veränderungen gesehen wurden, die weißen

Flecke seit einiger Zeit verschwunden waren, würden wir sie mit einem

grünlichen Ton sich überziehen sehen: der Frühling ist über sie

gekommen.

Aber all diese Beobachtungen würden sehr häufig von jenen weißlichen

Stellen vereitelt werden, die zeitweilig über die Oberfläche hinziehen

und ihre festen Flecke verhüllen: unsere Wolken. Bei genauerem Hinblick

erkennen wir auch bei ihnen den Einfluß der Sonnenbestrahlung und

der Zonen. Sehr auffällig würde namentlich ein Gürtel sein, der sich

zu gewissen Zeiten etwa längs der Grenze zwischen der heißen und der

gemäßigten Zone, also etwa einem Wendekreise folgend, dem Äquator

parallel hinzieht, sich langsam bis gegen den Äquator ausdehnt und von

dort wieder zurückzieht. Es ist der Wolkengürtel, der die periodischen

Regenzeiten der tropischen Gegenden verursacht. Er würde, wenn auch

sonst gar keine Einzelheiten auf dem Planeten zu erkennen wären, aus

denen man auf seinen täglichen Umschwung schließen könnte, diesen uns

verraten, weil nur hierdurch diese dem Äquator parallele Lage solcher

Wolkenstreifen hervorgebracht werden kann. Ein Punkt des Äquators

macht bei seinem täglichen Umschwunge einen Weg von 465 ~m~ in jeder

Sekunde. Dieser großen Geschwindigkeit können die oberen Luftschichten

nicht mehr so gut folgen als die gewissermaßen an der Oberfläche

klebenden. Es entsteht ein beständiger entgegengesetzter (Ost-) Wind

in den äquatorialen Gegenden, der diese Anordnung der Wolkenstreifen

bedingt. Beim Übergang der Luftströmungen in höhere Breiten kehrt sich

dagegen das Verhältnis um, weil die Luft hier mit einer schnelleren

Rotationsgeschwindigkeit ankommt, als sie die feste Oberfläche

hier noch besitzt. Deshalb herrschen in der gemäßigten und kalten

Zone wieder Westwinde vor, die also der Bewegung der Erdoberfläche

vorauseilen.

Eine sehr seltsame Wahrnehmung würden wir in einem gewissen Gebiete

machen, das wir Ägypten nennen. Während diese Gegend für gewöhnlich

eine gleichmäßig gelbe Farbe besitzt, färbt sich zu gewissen

Jahreszeiten ein schmaler, fast geradlinig von Süden nach Norden

verlaufender, nur in den besten Fernrohren sichtbarer Streifen

sozusagen schrittweise gegen Norden hin dunkler, bleibt so eine

Weile, nimmt dann eine grünliche Farbe an, um schließlich wieder in

dem allgemeinen Gelb der Landschaft zu verschwinden. Wir wissen, daß

es die Nilniederung ist, die wir durch ihre verschiedenen Phasen der

Überschwemmung verfolgt haben, von dem aus dem Süden zuströmenden

Wasser herrührend, das ein Wüstengebiet von etwa 30 ~km~ Breite dunkel

färbt, über die Zeit ihrer Begrünung und zurück in ihre ursprüngliche

Wüstennatur.

Noch viele andere interessante Dinge würde das nähere Studium des

Erdplaneten aufdecken, die wir hier nicht weiter verfolgen wollen.

Bemerkt sei noch, daß wir das Verhältnis zwischen Land und Meer wie

etwa 1 zu 4 finden; fast drei Viertel von der Oberfläche des Planeten

sind von jenen dunkleren, unveränderlichen Gebieten, den Meeren,

eingenommen.

In der Umgebung unserer leuchtenden Erdscheibe haben wir schon längst

eine andere kleinere Scheibe in unsern Fernrohren wahrgenommen, die

sie beständig, und zwar in etwa einem Monat, umkreist, unsern _Mond_.

Seine Scheibe ist nur etwa viermal kleiner als die der Erde. Von der

Venus aus würden wir auf seiner Oberfläche in guten Fernrohren noch

manche Einzelheit erkennen und unterscheiden, daß er der Erde immer

dieselbe Seite zukehrt. Dies aber wird wahrscheinlich dadurch noch viel

deutlicher hervortreten, daß das von ihm zurückgestrahlte Gesamtlicht

während eines Umlaufs des Mondes um die Erde in bestimmter Weise

schwankt. Dies muß nämlich geschehen, wenn die uns beständig abgewandte

Seite unseres Begleiters, von der wir freilich gar nichts wissen,

andere Oberflächengestaltung besitzt, etwa mehr Krater oder mehr

Mareebenen, so daß diese Seite im ganzen mehr oder weniger Sonnenlicht

zurückstrahlt als die uns bekannte. Da einem Beschauer außerhalb der

Erde bald diese und bald die andere Seite zugewandt ist, so muß die

Menge des zurückgestrahlten Lichtes in der angeführten Weise schwanken.

Zu gewissen Zeiten, zwei- oder dreimal des Jahres, sehen wir, wie das

Licht des neben der Erde stehenden Mondes langsam ausgelöscht wird,

um nach einer gewissen Zeit, die bis zu drei Stunden ansteigen kann,

erst wieder in seinem vollen Glanze zu strahlen. Wir sehen bald, daß

diese _Verfinsterungen_ nur stattfinden, wenn Sonne, Erde und Mond

in derselben geraden Linie stehen. Der Mond tritt also dann in den

Schatten der Erde. Wenn dagegen der Mond genau zwischen Erde und Sonne

vorüberzieht, so sehen wir, wie ein kleiner schwarzer Fleck vor der

Erdscheibe hinwandert. Die Spitze des Schattenkegels des Mondes trifft

hier die Erdoberfläche und erzeugt dort eine _totale Sonnenfinsternis_.

Zu andern Zeiten sieht man die kleine Mondscheibe vor der der Erde

hinziehen oder sich hinter ihr hindurchschieben, kurz, es ist ein sehr

interessantes Spiel, das die außerirdischen Astronomen an der Erde und

ihrem treuen Begleiter beobachten, und sind sie wirklich vorhanden

und haben eine uns ähnliche Intelligenz, so werden sie alle diese

Beobachtungen verbinden zu einem Weltbilde, das der Wirklichkeit gewiß

nicht völlig entsprechen wird, von ihr aber doch nicht grundzügig

verschieden sein kann.

Ja, es ist sogar möglich, daß von einem außerirdischen Standpunkte

Dinge sich offenbaren, die uns hier auf der Erde verborgen geblieben

sind. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Erde neben ihrem

großen noch eine Anzahl sehr kleiner Monde besitzt, wie wir sie bei

andern Planeten auf photographischem Wege durch lange Expositionszeiten

entdeckt haben. Für uns würden sich solche winzigen Lichtpunkte wegen

ihrer zu schnellen Bewegung nicht mehr auf der empfindlichen Platte

markieren können. Es sind sogar, wenn auch noch unsichere, Anzeichen

dafür vorhanden, daß die Erde einen ganzen Ring von solchen winzigen

Körperchen um sich versammelt hat, der sich durch gewisse veränderliche

Anziehungen zu verraten scheint. Er würde jedenfalls aus einer gewissen

Entfernung von der Erde wesentlich besser zu entdecken sein, wie bei

uns.

▣

Nachdem wir so alles Wesentliche über unsere Erde als Himmelskörper

verzeichnet haben, können wir unsere Reise in den Weltraum mit

geklärteren Blicken fortsetzen. Wir übergehen dabei zunächst den

kleinen Planeten Eros, obgleich dieser für uns der nächste im

Sonnenreiche jenseits der Erdbahn ist. Er gehört nach seiner ganzen Art

in die Reihe der kleinen Himmelskörper, die jenseits des Mars einen

Ring um die Sonne bilden. Erst im Zusammenhange mit diesen werden wir

deshalb auf Eros zurückkommen.

[Illustration: Abb. 12. Mars in verschiedenen Oppositionen.]

Nur noch eine kleine Strecke weiter jenseits begegnen wir dem _Mars_,

dem meistgenannten und interessantesten der Geschwister unserer

Erde. Er bewegt sich in einer Entfernung von 1,5237 Einheiten einer

Sonnenweite in 686,9796 unserer Tage um das Zentralgestirn, und zwar

geschieht dies in einer Bahn, die nach der des Merkur, abgesehen

von den kleinen Planeten, am meisten vom Kreise abweicht. Die

_Exzentrizität_ ist 0,0933. Die Bahnebene ist um 1° 51′ gegen die der

Ekliptik geneigt.

Seine synodische Umlaufszeit, während der er immer einmal in

_Opposition_ tritt, also der Sonne gerade gegenübersteht und uns

dabei seine vollbeleuchtete Seite zeigt, ist durchschnittlich gleich

2 Jahren 49 Tagen. Die letzten Oppositionen fanden am 8. Mai 1905,

am 6. Juli 1907 und am 23. September 1909 statt. Die nächsten werden

im November 1911 und im Januar 1914 eintreten. Bei einer solchen

Stellung ist Mars natürlich am besten zu beobachten, zumal er uns

dann auch am nächsten steht. Aber die verschiedenen Oppositionen sind

in dieser Hinsicht nicht gleichwertig. Die Marsbahn ist, wie wir schon

erfuhren, recht exzentrisch, und auch die Erdbahn ist kein vollkommener

Kreis. Es können also die beiden extremen Fälle eintreten, daß die

Opposition gerade stattfindet, wenn die Erde der Sonne am nächsten,

Mars aber ihr am entferntesten steht, und umgekehrt. Die günstigsten

Oppositionen ereignen sich immer nach sechzehn Jahren. Die Opposition

von 1909 gehört zu diesen besonders begünstigten. Er erscheint dabei

unter einem Winkel von etwas mehr als 24 Bogensekunden, während dieser

bei mittleren Oppositionsbedingungen nur etwa 18 Sekunden mißt. In

Abb. 12 sind Scheiben abgebildet, die diese Größen etwa für ein 300mal

vergrößerndes Fernrohr wiedergeben, wenn man sie in einer Entfernung

von 1,15 ~m~ vom Auge aufstellt. Zu diesen allgemeinen Bedingungen der

Sichtbarkeit treten aber noch die für einen bestimmten Beobachtungsort.

Die Höhe, bis zu der Mars während der verschiedenen Oppositionen

höchstens über den Horizont steigen kann, ist sehr verschieden. 1907

blieb er für die europäischen Sternwarten so nahe am Horizont, daß die

atmosphärischen Dünste nur selten ein klares Bild des Planeten zeigten.

1909 waren diese Verhältnisse schon wesentlich günstiger, und noch

besser werden sie 1911 werden, obwohl dann der Durchmesser des Planeten

gegen 1909 bereits wieder abgenommen hat.

Aus den wechselnden scheinbaren Durchmessern des Planeten bei seinen

verschiedenen Entfernungen von uns folgt sein _wahrer Durchmesser_ zu

6740 ~km~, immerhin mit einer Unsicherheit von etwa hundert Kilometern,

die bei der Ausmessung so kleiner Winkel, wie sie die Planetenscheibe

bietet, übrigbleibt. Aus diesem Durchmesser, in Verbindung mit der

Anziehungskraft, die Mars ausübt, ergibt sich die Dichtigkeit seiner

Masse zu etwa 0,7 der der Erde. Sie ist also noch ein wenig geringer

wie die der Venus. Einige Beobachter wollen eine geringe Abplattung

wahrgenommen haben, aber auch diese ist innerhalb der Unsicherheit

der Beobachtung geblieben. Wir sehen also, daß die Welt des Mars im

Durchmesser nur wenig mehr als die Hälfte der unsrigen hält. Sehen wir

nun zu, was wir von ihrer inneren Einrichtung zu erforschen vermögen.

Die Welt der Planeten · 第 3 / 10 段