Ebene mit der Erdbahn liegt, deshalb wird er für gewöhnlich in seiner
unteren Konjunktion etwas über oder unter der Sonne vorübergehen.
Nur wenn diese Konjunktion gerade zu einer Zeit stattfindet, in der
der Planet auch zugleich die Erdbahn kreuzt, geht er für uns vor der
scheinbaren Sonnenscheibe vorbei, es findet ein _Merkurdurchgang_
statt. Die betreffenden Bahnverhältnisse bedingen es, daß ein solches
Ereignis nur immer im Mai oder November eintreffen kann, und zwar so,
daß innerhalb 46 Jahren sechs solcher Durchgänge stattfinden. Den
letzten haben wir am 14. November 1907 beobachtet, der nächste wird
sich am 7. November 1914 ereignen. Während eines Durchganges sieht man
eine kleine schwarze Scheibe vor der Sonne langsam hinziehen. Merkur
kann dabei mehr als sechs Stunden vor der Sonne verweilen. Es dauert
4–5 Minuten, bis sich die kleine, schwarze Scheibe von der ersten
Berührung ab ganz in die strahlende Scheibe hineingeschoben hat. Dabei
zeigt sich ein merkwürdiges Phänomen, das die Feststellung des rechten
Augenblicks des wahren Kontaktes der beiden Scheiben sehr erschwert.
Merkur – ebenso Venus bei gleicher Gelegenheit – scheint einen Teil
der Sonnenscheibe an sich zu ziehen, wie es unsere Abb. 8 darstellt.
Dieser »schwarze Tropfen« bleibt noch lange bestehen, wenn scheinbar
die schwarze Scheibe, an der er hängt, schon ziemlich weit in die
Sonne eingedrungen ist, bis der Tropfen plötzlich losreißt. Welches
war nun der wirkliche geometrische Kontakt? Künstliche Nachahmungen
der Erscheinung haben das erste Erscheinen beim Eintritt und das
Losreißen des Tropfens beim Austritt als die rechten Augenblicke
erkannt. Die Erscheinung ist rein physiologischer Natur und rührt
von der Überstrahlung des Sonnenlichtes in unserem Auge her, das die
Merkurscheibe kleiner erscheinen läßt, als sie wirklich ist.
Während solcher Durchgänge befindet sich Merkur uns so nahe wie
möglich. Wenn irgend etwas Auffälliges etwa auf seiner uns dann
zugekehrten Nachtseite oder in seiner Umgebung zu bemerken wäre, so
bieten diese Durchgänge die günstigste Gelegenheit, es zu entdecken.
Man glaubte auch beim letzten Durchgang, 1907, Andeutungen eines
helleren Fleckens und vielleicht auch eines sehr zarten Schleierringes
bemerkt zu haben, aber man mußte diese Wahrnehmungen doch immer wieder
in das Gebiet optischer Täuschungen und Kontrastwirkungen verweisen,
die an diesen letzten Grenzen unseres Sehvermögens, an die wir uns
bei der Erforschung der Geheimnisse der Planetenwelten so oft begeben
müssen, leider eine so große Rolle spielen.
Nehmen wir alles zusammen, so müssen wir gestehen, daß wir über die
physischen Zustände der Oberfläche des Merkur noch fast gar nichts
wissen. Wir dürfen nur sagen, daß er keine erhebliche Atmosphäre und
auch sonst eine gewisse Ähnlichkeit mit unserm Monde zu haben scheint.
Wir dürfen mit einiger Wahrscheinlichkeit den Merkur als einen Mond der
Sonne charakterisieren.
Ehe wir den Merkur verlassen und zu seinem nächsten jenseitigen
Nachbarplaneten, der Venus, übergehen, müssen wir uns noch einmal
der Sonne weiter nähern, um zu erforschen, ob nicht hier noch etwas
existiert, das sich in den allzu mächtigen Strahlen des Tagesgestirns
unserer direkten Beobachtung entzieht. Ein _intramerkurieller Planet_?
Wäre er noch kleiner und der Sonne noch wesentlich näher als Merkur, so
könnte ihn uns in der Tat nur ein besonders günstiger Zufall verraten.
Ein sehr genau zu beobachtender Umstand machte es mit fortschreitender
Untersuchung immer unzweifelhafter, daß zwischen Sonne und Merkur
sich eine merkliche Masse befinden müsse, die die Bewegung dieses
Planeten um die Sonne deutlich beeinflußte. Wie die Planeten durch
die Anziehungskraft der Sonne ihren Umlauf um das allgemeine Zentrum
des Systems vollenden, so wirken auch alle Planeten gegenseitig
anziehend aufeinander, da ja nach dem Newtonschen Gesetze jede Masse
jede andere anzieht. Dadurch entstehen gewisse »Störungen«, sehr mit
Unrecht so genannt, weil diese besonderen Bewegungen nicht weniger
gesetzmäßig stattfinden müssen wie die großen Umläufe. Diese Störungen
drücken sich hauptsächlich in einer fortschreitenden Veränderung der
Richtung aus, in der die Planeten ihre größte Sonnennähe erreichen,
in der sogenannten _säkularen Bewegung der Länge des Perihels_.
Diese Bewegung beträgt für Merkur im Jahre etwa 56 Bogensekunden
oder, nach den bewundernswürdig genauen Untersuchungen des kürzlich
verstorbenen Amerikaners _Newcomb_, der alle Bewegungsverhältnisse
des Planetensystems neuerdings aus allen vorhandenen Beobachtungen
neu bestimmt hat, genau 55,987′′. Dieser Wert ist sicher nicht um
eine Zehntelsekunde falsch, so erstaunlich genau sind heute unsere
Untersuchungsmethoden. Eine Berechnung aber, welche die Größe dieser
säkularen Bewegung nach Maßgabe des Newtonschen Gesetzes und der uns
bekannten Massen der Planeten theoretisch bestimmte, ergab einen um
etwa 0,4 Sekunden verschiedenen Wert, als er nach den Beobachtungen
der Wirklichkeit entsprach. Es mußte also noch eine andere uns noch
unbekannte Masse auf Merkur wirken, die sein Perihel im Jahrhundert um
etwa 40′′ verschob. Ähnliche, wenn auch geringere Abweichungen zeigten
sich auch zwischen Theorie und Beobachtung bei Venus, Erde und Mars.
Ein oder mehrere kleine Planeten, die die Sonne in noch größerer Nähe
wie Merkur umkreisten, hätten die Abweichung möglicherweise erklären
können.
_Leverrier_, der theoretische Entdecker des Neptun, hatte bereits in
den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diese Frage aufgeworfen
und sogar die Bahn eines solchen Planeten aus jenen »Störungen«
berechnet, den er _Vulkan_ taufte. Ihn, wenn er überhaupt existierte,
jemals zu sehen, war nur in zwei Fällen möglich, entweder, wenn er
etwa einmal, wie Merkur und Venus, vor der Sonne vorbeiging, so daß
er auf ihr als kleiner schwarzer Fleck bemerkt würde, der sich weit
schneller als ein gewöhnlicher Sonnenfleck über die leuchtende Scheibe
bewegte, oder wenn bei einer totalen Sonnenfinsternis die Umgebung der
Sonne genügend verdunkelt war, um ein entsprechend kleines Sternchen
noch am Himmel erkennen zu lassen. In beiden Richtungen ist ein halbes
Jahrhundert hindurch nach jenem problematischen Planeten geforscht
worden. Man wollte auch wirklich solche Vorübergänge wahrgenommen
haben, aber die wenigen Beobachtungen konnten nicht genügend verbürgt
werden. In den letzten Jahrzehnten ist nichts dergleichen gesehen
worden, obgleich die Sonne fortwährend auf das eifrigste, auch
besonders auf photographischem Wege, durchforscht wird. Ebenso hat
man bei totalen Sonnenfinsternissen die Suche nach intramerkuriellen
Planeten stets als einen besonderen Programmpunkt mit dafür eigens
konstruierten photographischen Apparaten betrieben, aber alles
vergebens. Die Abweichung der Merkurbewegung von der Newtonschen
Theorie schien unaufgeklärt bleiben zu sollen.
[Illustration: Abb. 9. Tierkreislicht.]
Da fügte es sich erst vor wenigen Jahren, daß die Lösung dieses
Rätsels noch ein anderes zugleich lösen sollte, das des _Tierkreis-
oder Zodiakallichtes_ (Abb. 9). Dieser geheimnisvolle Schein ist in
Deutschland nur selten deutlich zu unterscheiden, während er in den
Tropen allnächtlich oft deutlicher als die Milchstraße seine dort
fast senkrecht aufsteigende Pyramide leuchten läßt. Die Achse dieser
Pyramide liegt stets in der Ekliptik, also im Tierkreise, daher sein
Name. Da dieser Kreis um die Zeit der Frühlingsnachtgleiche abends in
mittleren Breiten am meisten zum Horizont aufgerichtet ist, so erhebt
sich bei uns um diese Zeit die mattleuchtende Pyramide am meisten
über den Dunst des Horizontes. Im Herbst ist morgens das gleiche
der Fall, wo dann der Schein am Morgenhimmel der Sonne vorausgeht.
Unter den Tropen, wo die Sonne und alle Gestirne nahezu senkrecht
aufsteigen, sind die Bedingungen der Sichtbarkeit jenes Lichtes
beständig vorhanden, und ganz besonders schön entfaltet es sich dort
über dem reinen Horizonte des nächtlichen Meeres. Dort nimmt man
dann auch häufiger den sogenannten _Gegenschein_ wahr, der als eine
matte, verschwommen scheibenförmige Erhellung des Himmels an dem Orte
auftritt, der dem der Sonne unter dem Horizonte genau gegenüberliegt.
Liebhaber der Sternkunde können sich an der Erforschung dieses
merkwürdigen Phänomens dadurch wertvoll beteiligen, daß sie die Lage
der Spitze der Lichtpyramide unter den Sternen notieren und die Breite
ihres unteren Teiles, soweit man ihn gegen den Horizont hin noch
verfolgen kann. Auch die Stärke seines Lichtes, verglichen mit dem der
Milchstraße, gibt wertvolle Anhaltspunkte, da man vermutet, daß das
Licht in gewissen Jahren stärker und zu andern Zeiten wieder schwächer
auftritt. Gelingt es den Gegenschein zu bemerken, so muß seine Lage
natürlich auch festgelegt werden. Sehr wertvolle Beobachtungen hat
vor kurzem Newcomb auf einer schweizerischen Erholungsreise gemacht,
indem er auf dem Brienzer Rothorn im Hochsommer um Mitternacht den
nördlichen Himmel ganz deutlich vom Zodiakallicht aufgehellt sah. Um
diese Zeit zieht die Ekliptik, in der sich der Schein mit der Sonne
als Mittelpunkt hinerstreckt, unter dem Horizonte mit ihm nahezu
parallel hin. Hat der Schein eine gewisse Breite, so muß er sich noch
über den Horizont erheben, und man kann also dadurch seine größte
Breite bestimmen. Dies ist natürlich nur in geographischen Breiten
möglich, wo um diese Sommerszeit keine »hellen Nächte« mehr eintreten,
die Sonne also um Mitternacht mehr als 18 Grad unter dem Horizonte
bleibt. Newcombs Beobachtungen im Juli 1905 ergaben die Breite des
Tierkreislichtkörpers zu beiden Seiten der Sonne zu mindestens 35 Grad.
Namentlich photometrische Untersuchungen von _Seeliger_ ergaben, daß
der Körper des Tierkreislichts aus einer Unmenge kleiner, meteorartiger
Partikelchen bestehen müsse, die die Sonne linsenförmig umgeben und
sich bis noch etwas jenseits der Erdbahn erstrecken. Diese Partikelchen
der Staubwolke, die wohl noch ein Rest der Urmaterie sind, aus der
sich das ganze System verdichtet hat, reflektieren das Sonnenlicht und
bringen dadurch den Pyramidenschein wie auch den Gegenschein hervor.
Dieser rührt von den jenseits der Erdbahn noch vorhandenen Teilchen
her, die eine Rechnung _Moultons_ in eine Entfernung von 1490000 ~km~
setzt, etwa das Vierfache der Mondentfernung. Unser Trabant bewegt
sich also noch innerhalb dieser Staubwolke, von der vielleicht, als
diese noch wesentlich dichter war, die Projektile ausgingen, durch die,
nach einer gewissen Ansicht, die Mondkrater in die damals noch dünnere
Mondkruste geschlagen wurden.
In dieser linsenförmigen Umhüllung der Sonne befindet sich eine gewisse
Masse vereint, die, so fragte sich Seeliger, vielleicht durch ihre
Anziehung imstande war, das Rätsel der Abweichung der Perihelbewegung
des Merkur zu lösen, und siehe da, die Rechnung ergab unter der
Voraussetzung, daß die über diesen ungeheuern Raum verstreute Masse
nur den zehnten Teil derjenigen der Erde ausmachte, wodurch dann jedes
Kubikkilometer dieser Linse nur so viel wiegen würde wie ein Würfel aus
Wasser von einem drittel Meter Seitenlänge, daß nicht nur die Bewegung
des Merkur, sondern auch die der Venus, der Erde und des Mars, die ja
auch noch kleine Abweichungen zeigten, genau dem Newtonschen Gesetze
folgen. Diese überraschende Mitteilung, die als ein neuer Triumph des
Newtonschen Gesetzes angesehen werden muß, machte der obengenannte
Gelehrte zuerst 1906 der in Jena damals versammelten internationalen
astronomischen Gesellschaft. Es sind dadurch zwei empfindliche Lücken
in unserer Kenntnis des Planetensystems gleichzeitig ausgefüllt.
Nun erst können wir den ersten Schritt jenseits der Merkurbahn tun und
gelangen zum schönen _Abendstern_, der _Venus_. Er heißt Abend- oder
Morgenstern, weil man ihn nur zu diesen Zeiten am Himmel glänzen sieht,
niemals zur eigentlichen Nacht. Der Planet kann sich zwar mehr als
Merkur von der Sonne entfernen, doch niemals weiter als etwa 47 Grad.
Die Bahn der Venus liegt eben innerhalb der Erde, sie kann also niemals
eine Stellung einnehmen, in der die Erde zwischen Venus und Sonne
kommt, also an unserm mitternächtlichen Himmel stehen würde. Wohl aber
tritt Venus zwischen Erde und Sonne, zuweilen auch derartig genau, daß
ein »Venusdurchgang« stattfindet.
[Illustration: Abb. 10. Phasen und Größenverhältnisse der Venus.]
Venus zeigt denselben Phasenwechsel wie Merkur. Da ihre Entfernung
von uns aber zwischen 1 – 0,72 = 0,28 und 1 + 0,72 = 1,72 schwanken
kann (genaue Entfernung 0,7233), so ändert sich die Größe ihrer
Sichelgestalt auch entsprechend mehr. Oben (Abb. 10) haben wir ihre
relative Größe in _ihren extremen Lagen abgebildet_. Die zweite Figur
stellt ihre Phasenform dar, wenn sie für uns in ihrem größten Glanze
strahlt. Dies findet etwa 5 bis 6 Wochen vor und nach der unteren
Konjunktion statt, wenn einerseits die Phase schon oder noch groß genug
ist, die Entfernung des Planeten von uns dagegen ein gewisses Maß nicht
überschreitet, um dem Durchmesser von Horn zu Horn eine bestimmte
Größe zu erhalten, kurz, wenn die leuchtende Fläche der Venussichel ein
Maximum ist. Um diese Zeit ist Venus bei weitem der hellste Stern am
Himmel. Sie übertrifft noch wesentlich die des Sirius, der der hellste
unter den Fixsternen ist. Sie wirft trotz der allgemeinen Dämmerung, in
der sie stets nur sichtbar ist, einen deutlichen Schatten, und man kann
sie, wenn man ihren Ort ungefähr vorher kennt, in dieser Zeit ihrer
größten Helligkeit selbst am hellen Tage mit dem bloßen Auge erkennen.
Einzelne, mit besonders gutem Auge begabte Personen haben Venus unter
sehr günstigem Himmel bis zu einer Entfernung von nur 5° von der Sonne
verfolgen können.
Die Bahn der Venus ist von allen übrigen Planetenbahnen dem Kreise
am ähnlichsten, fachmännisch ausgedrückt, am wenigsten exzentrisch;
0,00682 ist der vorhin definierte Wert für ihre Exzentrizität. Ihre
Bahn ist um 3° 23,6′ gegen die der Erde geneigt. Sie vollendet ihren
Umlauf um die Sonne in 224,701 Tagen, woraus sich in Verbindung mit
der Erdbewegung ihre synodische Umlaufszeit, d. h. der Zwischenraum
zwischen zwei Konjunktionen, zu 583½ Tagen ergibt. Ist also Venus zu
einer gewissen Zeit als Abendstern in ihrem größten Glanze gewesen, so
ereignet sich dies erst nach einem Jahr und etwa sieben Monaten das
nächstemal wieder.
Die neuesten mikrometrischen Vermessungen ergaben den Durchmesser
der Venus in der Entfernung 1 gleich 17,14′′, woraus der _wahre
Durchmesser_ zu 12400 ~km~ folgt. Da diese Bestimmung immerhin auf etwa
400 ~km~ auf oder ab unsicher bleibt, so ergibt sich der uns gegen die
Sonne hin nächste Planet fast als ebenso groß wie die Erde. Ihre Masse
aber erweist sich deutlich als etwas geringer, gleich 0,81, so daß also
auch der Stoff, aus dem diese Welt geformt ist, um etwa ebensoviel
weniger dicht sein muß als die Erdmasse. Die Materie ist dort etwas
lockerer verteilt.
Die rückstrahlende Kraft der Venus, ihre _Albedo_, ist sehr groß
gegenüber der des Merkur; sie ist gleich 0,76, das heißt, nur der
vierte Teil des ihr zugestrahlten Sonnenlichtes wird von ihrer
Oberfläche verschluckt. Dies läßt vermuten, daß der Planet mit einer
dichten Wolkendecke umhüllt ist, die nur wenig Sonnenlicht auf ihre
eigentliche Oberfläche gelangen läßt, sondern es großenteils wieder in
den Weltraum zurückwirft.
Schon dieser Umstand läßt uns wenig Hoffnung, von ihrer eigentlichen
Oberfläche viel zu sehen, da außerdem für Venus dieselben ungünstigen
Lageverhältnisse uns und der Sonne gegenüber vorliegen, wie für Merkur.
Wenn Venus uns ihre volle Scheibe zuwendet, ist sie ja noch weiter von
uns entfernt wie jener. So müssen wir gestehen, daß wir von der Welt
dieses populärsten aller Sterne doch fast gar nichts Sicheres wissen.
[Illustration: Abb. 11. Die Venus, von Tachini gezeichnet.]
Es ist jedoch nicht zu bezweifeln, daß Venus eine ziemlich hohe, der
unsrigen wahrscheinlich recht ähnliche Atmosphäre besitzt. Man kann
dies zunächst daran erkennen, daß in ihren schmalen Phasen die Hörner
weit über die Hälfte der Scheibe übergreifen, wie es auch unsere
Abbildung Seite 31 zeigt. Dies kann nur daher rühren, daß, wie bei der
Erde, die Dämmerung beträchtlich über den direkt beleuchteten Teil
der Oberfläche in das Nachtgebiet hinübergreift. Derselben Ursache
ist die Wahrnehmung zuzuschreiben, daß man bei einem Vorübergange der
Venus vor der Sonne die ganze Planetenscheibe längst sich vom hellen
Himmel abheben sieht, ehe sie völlig vor die Sonne getreten ist. Man
hat aus betreffenden Beobachtungen die Höhe der _Venusatmosphäre_ auf
etwa 88 ~km~ geschätzt, was ungefähr der der Erde gleichkommt. Auch
die spektroskopischen Beobachtungen lassen eine der unsrigen ähnliche
Lufthülle dort vermuten.
Wie beim Merkur haben schon früh Beobachter Flecke auf dem Planeten
wahrgenommen, doch immer nur mit äußerster Anstrengung und unter
ungewöhnlich günstigen Verhältnissen. Wir bringen hier eine Abbildung
(Abb. 11), die in jüngerer Zeit _Tachini_ in Rom von einer Phase der
Venus angefertigt hat. Wie bei allen derartigen Darstellungen, sind die
Einzelheiten wesentlich deutlicher wiedergegeben, als sie im Fernrohr
erscheinen, weil man sonst überhaupt nichts mehr auf der Reproduktion
sehen würde. Ganz ebenso wie beim Merkur hatte Schiaparelli durch eine
kritische Vergleichung aller vertrauenswürdigen Zeichnungen der Venus
nachweisen können, daß diese Flecke während einer Beobachtungsperiode
ihre Lage nicht veränderten. Also auch Venus sollte der Sonne immer
dieselbe Seite zukehren, ihr Tag also gleich ihrem Jahre 224 unserer
Tage lang sein. Auch hierüber hat sich unter den Beobachtern ein
lebhafter Meinungsaustausch entwickelt. Dabei zeigte dann _Villiger_,
daß eine völlig weiße Kugel, in die gleichen Beobachtungsverhältnisse
gebracht wie Venus, auch ähnliche Flecke im Fernrohr aufwies. Die Frage
der _Rotationszeit der Venus_, das heißt ihres etwaigen Umlaufs um
eine Achse, wodurch auf ihrer Oberfläche ein Wechsel von Tag und Nacht
entstehen würde, wie bei uns, wurde dadurch aufs neue zur Diskussion
gestellt und ist bis heute unentschieden geblieben.
Venus stellte die Beobachter aber noch vor andere Rätsel. Zu gewissen
Zeiten erkannte man bei schmaler Sichelgestalt auch den unbeleuchteten
Teil, also die _Nachtseite der Venus_, in einem matt blaugrünen
Lichte, wie phosphoreszierend. Die Erscheinung hat dann eine frappante
Ähnlichkeit mit dem Lichtschimmer, den man auch oft an unserm Monde
wahrnimmt, wenn sein direkt beleuchteter Teil noch als schmale Sichel
auftritt. Wir wissen, daß diese Beleuchtung von der Erde herrührt, die
um die Neumondszeit auf seine Oberfläche als »Vollerde« herabscheint.
Für die Venus gilt aber eine ähnliche Erklärung nicht. Unsere Erde
erscheint zwar für sie um diese Zeit als besonders hellstrahlender
Stern am Nachthimmel, aber es läßt sich leicht berechnen, daß ihr
Licht bei weitem nicht ausreicht, einen so hellen Widerschein zu
erklären. Sie hat auch keinen Mond, der sie derart beleuchten könnte.
Man hat vermutet, daß der Schein von Polarlichtern herrührt, die
dort zu bestimmten Zeiten besonders stark ausgebildet wären. Da die
Ursache dieser »elektrisch-magnetischen Gewitter«, als welche man die
Polarlichter charakterisiert, zweifellos in Einwirkungen der Sonne zu
suchen ist, so könnten, ja müssen diese auf der ihr näheren Venus in
der Tat kräftiger auftreten als bei uns. Nun zeigt es sich, daß bei
uns die Polarlichter in den Zeiten am häufigsten und intensivsten
austreten, in denen auf der Sonne die meisten Flecken vorhanden
sind, was durchschnittlich alle 11 Jahre stattfindet. (Vergleiche
hierüber auch das Kosmosbändchen »_Sonne und Sterne_«.) Ist das
phosphoreszierende Licht der Venus derselben Ursache zuzuschreiben,
so muß es um dieselbe Zeit wie bei uns aufleuchten, und dies scheint
sich wirklich zu bestätigen. Aber auch hierüber sind die Akten nicht
geschlossen. Jedenfalls aber erscheint das geheimnisvolle Licht oft
außerordentlich deutlich, während zu andern Zeiten keine Spur von ihm
zu bemerken ist. Es ist z. B. charakteristisch, daß _Winnecke_, einer
der besten Beobachter seiner Zeit, lange vergeblich danach suchte,
während er es dann sehr deutlich im September 1871 sah, zu einer
Zeit, als auch auf der Erde besonders starke Nordlichter auftraten.
Ich selbst habe es hier auf Capri mit meinem Zeißschen Vierzöller
im Frühjahr 1908 wiederholt unzweifelhaft gesehen, als gleichfalls
die Tätigkeit der Sonne noch bedeutend war. Da dieser Schein in
solchen Zeiten auch in kleineren Instrumenten wahrzunehmen ist, so
mögen Freunde der Sternkunde ihm bei betreffender Gelegenheit ihre
Aufmerksamkeit schenken.
Auch in bezug auf die problematischen Flecke können unter Umständen
wertvolle Beobachtungen mit geringeren optischen Mitteln gelingen.
So glaubt namentlich Schiaparelli auf der Südseite der Venus, in der
äußersten Ecke des oberen (im umkehrenden Fernrohr gesehenen) Horns der
schmalen Sichel, wo also der Südpol des Planeten liegen würde, helle
Flecke so deutlich gesehen zu haben, daß es sich dabei nicht mehr um
optische Täuschungen handeln könne. Es wäre ja immerhin möglich, daß
der meist von Wolken gänzlich verhüllte Planet in Zeiten besonderer
Aufheiterung seiner Atmosphäre einmal deutlichere Einzelheiten seiner
eigentlichen Oberfläche für uns aufdecken könnte.
Mit diesem mysteriösen Lichte der Nachtseite der Venus sind wir noch
nicht am Ende der Rätsel, die uns der so nahe Planet aufgegeben hat.
Von der Mitte des siebzehnten bis zu der des folgenden Jahrhunderts
behauptete eine Anzahl geübter Beobachter neben der Venussichel eine
kleinere von derselben Gestalt gesehen zu haben, die die andere
helleuchtend begleitete, also einen verhältnismäßig großen _Mond_.
Später hat man nie wieder etwas davon gesehen. Es ist sehr wohl
möglich, daß die damals noch recht unvollkommenen Fernrohre falsche
Spiegelbilder erzeugten, die nur bei einem so hellen Objekt wie
die Venus auffällig wurden. Nach Erfahrungen jedoch, die man erst
in den letzten Jahren an gewissen neuentdeckten Monden in unserm
System gemacht hat, wäre es nicht ganz ausgeschlossen, daß Venus nur
vorübergehend einen Körper als Mond an sich gefesselt hätte, der durch
dieselben »störenden« Einflüsse, die ihn in ihre Nähe brachten, wieder
von ihr entfernt wurde. Es könnten in der Nähe der Sonne ziemlich
große Massen umherschwirren, die sich in den Sonnenstrahlen beständig
verbergen, um nur unter besonders günstigen Umständen auffällig zu
werden. Ich erwähne dies hier nur als eine Möglichkeit, die jedoch eine
geringe Wahrscheinlichkeit hat.
Nehmen wir auch hier wieder zusammen, was wir von den physischen
Verhältnissen dieser uns nächsten Welt diesseits der Sonne wissen, so
ist es, ebenso wie bei Merkur, herzlich wenig. Wir wissen nur sicher,
daß der an Größe der Erde ebenbürtige Planet eine Atmosphäre hat wie
sie, die auf ihrer Nachtseite zuweilen von einem geheimnisvollen
Scheine, vielleicht Polarlichtern, erhellt wird. Ob dort in dem 225
unserer Tage langen Jahre die Tage wechseln, wie bei uns, hat nicht
festgestellt werden können.