durch alle ihre Rüge nicht vernichtet werden kann, nur darum,
damit man sie in der Zukunft nicht wieder begehe; und ist es
bloß ihr Eifer, eine gründliche Verbesserung der menschlichen
Verhältnisse zu bewirken, der sie über die Rücksichten der
Klugheit und des Anstandes so kühn hinwegsetzt? Gern möchten wir
ihnen diesen guten Willen zutrauen, wenn nur die Gründlichkeit
der Einsicht und des Verstandes sie berechtigte, in diesem Fache
guten Willen zu haben. Nicht sowohl die einzelnen Personen, die
von ohngefähr auf den höchsten Plätzen sich befunden haben,
sondern die Verbindung und Verwicklung des Ganzen: der ganze
Geist der Zeit, die Irrtümer, die Unwissenheit, Seichtigkeit,
Verzagtheit, und der von diesen unabtrennliche unsichere
Schritt, die gesamten Sitten der Zeit sind es, die unsre
Uebel herbeigeführt haben; und so sind es denn weit weniger
die Personen, welche gehandelt haben, denn die Plätze, und
jedermann, und die heftigen Tadler selbst können mit hoher
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie, an demselben Platze
sich befindend, durch die Umgebungen ohngefähr zu demselben
Ziele würden hingedrängt worden sein. Träume man weniger von
überlegter Bosheit und Verrat! Unverstand und Trägheit reichen
fast allenthalben aus, um die Begebenheiten zu erklären; und
dies ist eine Schuld, von der keiner ohne tiefe Selbstprüfung
sich ganz lossprechen sollte; da zumal, wo in der ganzen Masse
sich ein sehr hohes Maß von Kraft der Trägheit befindet, dem
einzelnen, der da durchdringen sollte, ein sehr hoher Grad von
Kraft der Tätigkeit beiwohnen müßte. Werden daher auch die Fehler
der einzelnen noch so scharf ausgezeichnet, so ist dadurch der
Grund des Uebels noch keineswegs entdeckt, noch wird er dadurch,
daß diese Fehler in der Zukunft vermieden werden, gehoben.
Bleiben die Menschen fehlerhaft, so können sie nicht anders, denn
Fehler machen; und wenn sie auch die ihrer Vorgänger fliehen,
so werden in dem unendlichen Raume der Fehlerhaftigkeit gar
leicht sich neue finden. Nur eine gänzliche Umschaffung, nur das
Beginnen eines ganz neuen Geistes kann uns helfen. Werden sie
auf desselben Entwicklung mit hinarbeiten, dann wollen wir ihnen
neben dem Ruhme des guten Willens auch noch den des rechten und
heilbringenden Verstandes gern zugestehen.
Diese gegenseitigen Vorwürfe sind, sowie sie ungerecht sind und
unnütz, zugleich äußerst unklug, und müssen uns tief herabsetzen
in den Augen des Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde
derselben auf alle Weise erleichtern und aufdringen. Wenn wir
nicht müde werden, ihnen vorzuerzählen, wie verworren und
abgeschmackt alle Dinge bei uns gewesen seien, und in welchem
hohen Grade wir elend regiert worden: müssen sie nicht glauben,
daß, wie auch irgend sie sich gegen uns betragen möchten, sie
doch noch immer viel zu gut für uns seien, und niemals uns zu
schlecht werden könnten? Müssen sie nicht glauben, daß wir
bei unsrer großen Ungeschicktheit und Unbeholfenheit, mit dem
demütigsten Danke jedwedes Ding aufzunehmen haben, das sie
aus dem reichen Schatze ihrer Regierungs-, Verwaltungs- und
Gesetzgebungskunst uns schon dargereicht haben, oder noch für
die Zukunft uns zudenken? Bedarf es von unsrer Seite dieser
Unterstützung ihrer ohnedies nicht unvorteilhaften Meinung
von sich selbst, und der geringfügigen von uns? Werden nicht
dadurch gewisse Aeußerungen, die man außerdem für bittern Hohn
halten müßte, als daß sie erst deutschen Ländern, die vorher
kein Vaterland gehabt hätten, eins brächten, oder, daß sie eine
sklavische Abhängigkeit der Personen als solcher von andern
Personen, die bei uns gesetzlich gewesen wäre, abschafften, zur
Wiederholung unsrer eignen Aussprüche und zum Nachhalle unsrer
eignen Schmeichelworte? Es ist eine Schmach, die wir Deutsche
mit keinem der andern europäischen Völker, die in den übrigen
Schicksalen uns gleich geworden sind, teilen, daß wir, sobald nur
fremde Waffen unter uns geboten, gleich als ob wir schon lange
auf diesen Augenblick gewartet hätten, und uns schnell, ehe die
Zeit vorüber ginge, eine Güte tun wollten, in Schmähungen uns
ergossen über unsre Regierungen, unsre Gewalthaber, denen wir
vorher auf eine geschmacklose Weise geschmeichelt hatten, und
über alles Vaterländische.
Wie wenden wir andern, die wir unschuldig sind, die Schmach
ab von unserm Haupt und lassen die Schuldigen allein stehen?
Es gibt ein Mittel. Es werden von dem Augenblicke an keine
Schmähschriften mehr gedruckt werden, sobald man sicher ist,
daß keine mehr gekauft werden, und sobald die Verfasser und
Verleger derselben nicht mehr auf Leser rechnen können, die
durch Müßiggang, leere Neugier und Schwatzsucht, oder durch
die Schadenfreude, gedemütigt zu sehen, was ihnen einst das
schmerzhafte Gefühl der Achtung einflößte, angelockt werden. Gebe
jeder, der die Schmach fühlt, eine ihm zum Lesen dargebotene
Schmähschrift mit der gebührenden Verachtung zurück; tue er
es, obwohl er glaubt, er sei der einzige, der also handelt,
bis es Sitte unter uns wird, daß jeder Ehrenmann also tut; und
wir werden, ohne gewaltsame Bücherverbote, gar bald dieses
schmachvollen Teils unsrer Literatur erledigt werden.
Am allertiefsten endlich erniedrigt es uns vor dem Auslande,
wenn wir uns darauf legen, demselben zu schmeicheln. Ein Teil
von uns hat schon früher sich sattsam verächtlich, lächerlich
und ekelhaft gemacht, indem sie den vaterländischen Gewalthabern
bei jeder Gelegenheit groben Weihrauch darbrachten, und weder
Vernunft, noch Anstand, gute Sitte und Geschmack verschonten,
wo sie glaubten, eine Schmeichelrede anbringen zu können. Diese
Sitte ist binnen der Zeit abgekommen, und diese Lobeserhebungen
haben sich zum Teil in Scheltworte verwandelt. Wir gaben
indessen unsern Weihrauchwolken, gleichsam damit wir nicht aus
der Uebung kämen, eine andre Richtung nach der Seite hin, wo
jetzt die Gewalt ist. Schon das erste, sowohl die Schmeichelei
selbst, als daß sie nicht verbeten wurde, mußte jeden ernsthaft
denkenden Deutschen schmerzen; doch blieb die Sache unter uns.
Wollen wir jetzt auch das Ausland zum Zeugen machen dieser unsrer
niedrigen Sucht, sowie zugleich der großen Ungeschicklichkeit,
mit welcher wir uns derselben entledigen, und so der Verachtung
unsrer Niedrigkeit auch noch den lächerlichen Anblick unsrer
Ungelenkigkeit hinzufügen? Es fehlt uns nämlich in dieser
Verrichtung an aller dem Ausländer eignen Feinheit; um doch ja
nicht überhört zu werden, werden wir plump und übertreibend, und
heben mit Vergötterungen und Versetzungen unter die Gestirne
gleich an. Dazu kommt, daß es bei uns das Ansehen hat, als
ob es vorzüglich der Schrecken und die Furcht sei, die unsre
Lobeserhebungen uns auspressen; aber es ist kein Gegenstand
lächerlicher, denn ein Furchtsamer, der die Schönheit und Anmut
desjenigen lobpreist, was er in der Tat für ein Ungeheuer hält,
das er durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu
verschlingen.
Oder sind vielleicht diese Lobpreisungen nicht Schmeichelei,
sondern der wahrhafte Ausdruck der Verehrung und Bewunderung,
die sie dem großen Genie, das nach ihnen die Angelegenheiten der
Menschen leitet, zu zollen genötigt sind? Wie wenig kennen sie
auch hier das Gepräge der wahren Größe! Darin ist dieselbe in
allen Zeitaltern und unter allen Völkern sich gleich gewesen,
daß sie nicht eitel war, sowie umgekehrt von jeher sicherlich
klein war und niedrig, was Eitelkeit zeigte. Der wahrhaften,
auf sich selber ruhenden Größe gefallen nicht Bildsäulen von
der Mitwelt errichtet, oder der Beiname des Großen, und der
schreiende Beifall und die Lobpreisungen der Menge; vielmehr
weiset sie diese Dinge mit gebührender Verachtung von sich weg
und erwartet ihr Urteil über sich zunächst von dem eignen Richter
in ihrem Innern, und das laute von der richtenden Nachwelt. Auch
hat mit derselben immer der Zug sich beisammen gefunden, daß
sie das dunkle und rätselhafte Verhängnis ehrt und scheut, des
stets rollenden Rades des Geschicks eingedenk bleibt, und sich
nicht groß oder selig preisen läßt vor ihrem Ende. Also sind jene
Lobredner im Widerspruche mit sich selbst, und machen durch die
Tat ihrer Worte den Inhalt derselben zur Lüge. Hielten sie den
Gegenstand ihrer vorgegebenen Verehrung wirklich für groß, so
würden sie sich bescheiden, daß er über ihren Beifall und ihr Lob
erhaben sei, und ihn durch ehrfurchtsvolles Stillschweigen ehren.
Indem sie sich ein Geschäft daraus machen, ihn zu loben, so
zeigen sie dadurch, daß sie ihn in der Tat für klein und niedrig
halten, und für so eitel, daß ihre Lobpreisungen ihm gefallen
könnten, und daß sie dadurch irgendein Uebel von sich zu wenden,
oder irgendein Gut sich zu verschaffen vermöchten.
Jener begeisterte Ausruf: welch ein erhabenes Genie, welch eine
tiefe Weisheit, welch ein umfassender Plan! -- was sagt er denn
nun zuletzt aus, wenn man ihn recht ins Auge faßt? Er sagt aus,
daß das Genie so groß sei, daß auch wir es vollkommen begreifen,
die Weisheit so tief, daß auch wir sie durchschauen, der Plan so
umfassend, daß auch wir ihn vollständig nachzubilden vermögen.
Er sagt demnach aus, daß der Gelobte ungefähr von demselben Maße
der Größe sei, wie der Lobende, jedoch nicht ganz, indem ja der
letzte den ersten vollkommen versteht und übersieht, und sonach
über demselben steht, und falls er sich nur recht anstrengte,
wohl noch etwas Größeres leisten könnte. Man muß eine sehr gute
Meinung von sich selbst haben, wenn man glaubt, daß man also auf
eine gefällige Weise seinen Hof machen könne; und der Gelobte muß
eine sehr geringe von sich haben, wenn er solche Huldigungen mit
Wohlgefallen aufnimmt.
Nein, biedere, ernste, gesetzte, deutsche Männer und Landsleute,
fern bleibe ein solcher Unverstand von unserm Geiste, und eine
solche Besudelung von unsrer, zum Ausdrucke des Wahren gebildeten
Sprache! Ueberlassen wir es dem Auslande, bei jeder neuen
Erscheinung mit Erstaunen aufzujauchzen; in jedem Jahrzehnt
sich einen neuen Maßstab der Größe zu erzeugen und neue Götter
zu erschaffen; und Gotteslästerungen zu reden, um Menschen zu
preisen. Unser Maßstab der Größe bleibe der alte: daß groß sei
nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil über die Völker
bringen, fähig sei und von ihnen begeistert; über die lebenden
Menschen aber laßt uns das Urteil der richtenden Nachwelt
überlassen!
Vierzehnte Rede.
Beschluß des Ganzen.
Die Reden, welche ich hierdurch beschließe, haben freilich ihre
laute Stimme zunächst an Sie gerichtet, aber sie haben im Auge
gehabt die ganze deutsche Nation, und sie haben in ihrer Absicht
alles, was, so weit die deutsche Zunge reicht, fähig wäre,
dieselben zu verstehen, um sich herum versammelt in den Raum, in
dem Sie sichtbarlich atmen. Wäre es mir gelungen, in irgendeine
Brust, die hier unter meinem Auge geschlagen hat, einen Funken
zu werfen, der da fortglimme und das Leben ergreife, so ist
es nicht meine Absicht, daß diese allein und einsam bleiben,
sondern ich möchte, über den ganzen gemeinsamen Boden hinweg,
ähnliche Gesinnungen und Entschlüsse zu ihnen sammeln und an
die ihrigen anknüpfen, so daß über den vaterländischen Boden
hinweg, bis an dessen ferneste Grenzen, aus diesem Mittelpunkte
heraus eine einzige fortfließende und zusammenhängende Flamme
vaterländischer Denkart sich verbreite und entzünde. Nicht zum
Zeitvertreibe müßiger Ohren und Augen haben sie sich diesem
Zeitalter bestimmt, sondern ich will endlich einmal wissen, und
jeder Gleichgesinnte soll es mit mir wissen, ob auch außer uns
etwas ist, das unsrer Denkart verwandt ist. Jeder Deutsche,
der noch glaubt, Glied einer Nation zu sein, der groß und edel
von ihr denkt, auf sie hofft, für sie wagt, duldet und trägt,
soll endlich herausgerissen werden aus der Unsicherheit seines
Glaubens; er soll klar sehen, ob er recht habe oder nur ein Tor
und Schwärmer sei, er soll von nun an, entweder mit sicherem und
freudigem Bewußtsein seinen Weg fortsetzen, oder mit rüstiger
Entschlossenheit Verzicht tun auf ein Vaterland hienieden, und
sich allein mit dem himmlischen trösten. Ihnen, nicht als diesen
und diesen Personen in unserm täglichen und beschränkten Leben,
sondern als Stellvertretern der Nation, und hindurch durch Ihre
Gehörswerkzeuge der ganzen Nation, rufen diese Reden also zu:
Es sind Jahrhunderte herabgesunken, seitdem ihr nicht also
zusammenberufen worden seid wie heute; in solcher Anzahl;
in einer so großen, so dringenden, so gemeinschaftlichen
Angelegenheit; so durchaus als Nation und Deutsche. Auch wird
es euch niemals wiederum also geboten werden. Merket ihr jetzt
nicht auf und gehet in euch, lasset ihr auch diese Reden wieder
als einen leeren Kitzel der Ohren, oder als ein wunderliches
Ungetüm an euch vorübergehen, so wird kein Mensch mehr auf euch
rechnen. Endlich einmal höret, endlich einmal besinnet euch. Geht
nur dieses Mal nicht von der Stelle, ohne einen festen Entschluß
gefaßt zu haben; und jedweder, der diese Stimme vernimmt, fasse
diesen Entschluß bei sich selbst und für sich selbst, gleich
als ob er allein da sei, und alles allein tun müsse. Wenn
recht viele einzelne so denken, so wird bald ein großes Ganzes
dastehen, das in eine einige, engverbundene Kraft zusammenfließe.
Wenn dagegen jedweder, sich selbst ausschließend, auf die übrigen
hofft, und den andern die Sache überläßt, so gibt es gar keine
andern, und alle zusammen bleiben, so wie sie vorher waren. --
Fasset ihn auf der Stelle, diesen Entschluß. Saget nicht, laß uns
noch ein wenig ruhen, noch ein wenig schlafen und träumen, bis
etwa die Besserung von selber komme. Sie wird niemals von selbst
kommen. Wer, nachdem er einmal das Gestern versäumt hat, das noch
bequemer gewesen wäre zur Besinnung, selbst heute noch nicht
wollen kann, der wird es morgen noch weniger können. Jeder Verzug
macht uns nur noch träger, und wiegt uns nur noch tiefer ein in
die freundliche Gewöhnung an unsern elenden Zustand. Auch können
die äußern Antriebe zur Besinnung niemals stärker und dringender
werden. Wen diese Gegenwart nicht aufregt, der hat sicher alles
Gefühl verloren. -- Ihr seid zusammenberufen, einen letzten und
festen Entschluß und Beschluß zu fassen; keineswegs etwa zu
einem Befehle, einem Auftrage, einer Anmutung an andre, sondern
zu einer Anmutung an euch selber. Eine Entschließung sollt ihr
fassen, die jedweder nur durch sich selbst und in seiner eignen
Person ausführen kann. Es reicht hierbei nicht hin jenes müßige
Vorsatznehmen, jenes Wollen, irgend einmal zu wollen, jenes träge
Sichbescheiden, daß man sich darein ergeben wolle, wenn man
etwa einmal von selber besser würde; sondern es wird von euch
gefordert ein solcher Entschluß, der zugleich unmittelbar Leben
sei und inwendige Tat, und der da ohne Wanken oder Erkältung
fortdaure und fortwalte, bis er am Ziele sei.
Oder ist vielleicht in euch die Wurzel, aus der ein solcher in
das Leben eingreifender Entschluß allein hervorwachsen kann,
völlig ausgerottet und verschwunden? Ist wirklich und in der
Tat euer ganzes Wesen verdünnet, und zerflossen zu einem
hohlen Schatten, ohne Saft und Blut und eigne Bewegkraft; und
zu einem Traume, in welchem zwar bunte Gesichter sich erzeugen
und geschäftig einander durchkreuzen, der Leib aber todähnlich
und erstarrt daliegen bleibt? Es ist dem Zeitalter seit langem
unter die Augen gesagt, und in jeder Einkleidung ihm wiederholt
worden, daß man ungefähr also von ihm denke. Seine Wortführer
haben geglaubt, daß man dadurch nur schmähen wolle, und haben
sich für aufgefordert gehalten, auch von ihrer Seite wiederum
zurück zu schmähen, wodurch die Sache wieder in ihre natürliche
Ordnung komme. Im übrigen hat nicht die mindeste Aenderung oder
Besserung sich spüren lassen. Habt ihr es vernommen, ist es fähig
gewesen, euch zu entrüsten; nun, so strafet doch diejenigen, die
so von euch denken und reden, geradezu durch eure Tat der Lüge:
zeiget euch anders vor aller Welt Augen, und jene sind vor aller
Welt Augen der Unwahrheit überwiesen. Vielleicht, daß sie gerade
in der Absicht, von euch also widerlegt zu werden, und weil sie
an jedem andern Mittel, euch aufzuregen, verzweifelten, also hart
von euch geredet haben. Wieviel besser hätten sie es sodann mit
euch gemeint, als diejenigen, die euch schmeicheln, damit ihr
erhalten werdet in der trägen Ruhe und in der nichts achtenden
Gedankenlosigkeit!
So schwach und so kraftlos ihr auch immer sein möget, man hat
in dieser Zeit euch die klare und ruhige Besinnung so leicht
gemacht, als sie vorher niemals war. Das, was eigentlich in die
Verworrenheit über unsre Lage, in unsre Gedankenlosigkeit, in unser
blindes Gehenlassen uns stürzte, war die süße Selbstzufriedenheit
mit uns und unsrer Weise dazusein. Es war bisher gegangen, und ging
ebenso fort; wer uns zum Nachdenken aufforderte, dem zeigten wir,
statt einer andern Widerlegung, triumphierend unser Dasein und
Fortbestehen, das sich ohne alles unser Nachdenken ergab. Es ging
aber nur darum, weil wir nicht auf die Probe gestellt wurden. Wir
sind seitdem durch sie hindurchgegangen. Seit dieser Zeit sollten
doch wohl die Täuschungen, die Blendwerke, der falsche Trost,
durch die wir alle uns gegenseitig verwirrten, zusammengestürzt
sein! -- Die angeborenen Vorurteile, welche, ohne von hier oder da
auszugehen, wie ein natürlicher Nebel über alle sich verbreiteten,
und alle in dieselbe Dämmerung einhüllten, sollten doch wohl nun
verschwunden sein? Jene Dämmerung hält nicht mehr unsre Augen; sie
kann uns aber auch nicht ferner zur Entschuldigung dienen. Jetzt
stehen wir da, rein, leer, ausgezogen von allen fremden Hüllen und
Umhängen, bloß als das, was wir selbst sind. Jetzt muß es sich
zeigen, was dieses Selbst ist, oder nicht ist.
Es dürfte jemand unter euch hervortreten und mich fragen: was
gibt gerade dir, dem einzigen unter allen deutschen Männern und
Schriftstellern, den besondern Auftrag, Beruf und das Vorrecht,
uns zu versammeln und auf uns einzudringen? hätte nicht jeder
unter den Tausenden der Schriftsteller Deutschlands eben dasselbe
Recht dazu, wie du; von denen keiner es tut, sondern du allein
dich hervordrängst? Ich antworte, daß allerdings jeder dasselbe
Recht gehabt hätte wie ich, und daß ich gerade darum es tue, weil
keiner unter ihnen es vor mir getan hat; und daß ich schweigen
würde, wenn ein andrer es früher getan hätte. Dies war der
erste Schritt zu dem Ziele einer durchgreifenden Verbesserung;
irgendeiner mußte ihn tun. Ich war der, der es zuerst lebendig
einsah; darum wurde ich der, der es zuerst tat. Es wird nach
diesem irgendein andrer Schritt der zweite sein; diesen zu tun
haben jetzt alle dasselbe Recht; wirklich tun aber wird ihn
abermals nur ein einzelner. Einer muß immer der erste sein, und
wer es sein kann, der sei es eben!
Ohne Sorge über diesen Umstand verweilet ein wenig mit eurem
Blicke bei der Betrachtung, auf die wir schon früher euch geführt
haben, in welchem beneidenswürdigen Zustande Deutschland sein
würde, und in welchem die Welt, wenn das erstere das Glück
seiner Lage zu benutzen, und seinen Vorteil zu erkennen gewußt
hätte. Heftet darauf euer Auge auf das, was beide nunmehr sind,
und lasset euch durchdringen von dem Schmerz und dem Unwillen,
der jeden Edlen hierbei erfassen muß. Kehret dann zurück zu
euch selbst, und sehet, daß ihr es seid, die die Zeit von den
Irrtümern der Vorwelt lossprechen, von deren Augen sie den Nebel
hinwegnehmen will, wenn ihr es zulaßt; daß es euch verliehen ist,
wie keinem Geschlechte vor euch, das Geschehene ungeschehen zu
machen, und den nicht ehrenvollen Zwischenraum auszutilgen aus
dem Geschichtsbuche der Deutschen.
Lasset vor euch vorübergehen die verschiedenen Zustände, zwischen
denen ihr eine Wahl zu treffen habt. Gehet ihr ferner so hin in
eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwarten euch zunächst alle
Uebel der Knechtschaft: Entbehrungen, Demütigungen, der Hohn
und Uebermut des Ueberwinders; ihr werdet herumgestoßen werden
in allen Winkeln, weil ihr allenthalben nicht recht und im Wege
seid, so lange, bis ihr durch Aufopferung eurer Nationalität und
Sprache euch irgendein untergeordnetes Plätzchen erkauft, und
bis auf diese Weise allmählich euer Volk auslöscht. Wenn ihr
euch dagegen ermannt zum Aufmerken, so findet ihr zuvörderst
eine erträgliche und ehrenvolle Fortdauer, und sehet noch unter
euch und um euch herum ein Geschlecht aufblühen, das euch und
den Deutschen das rühmlichste Andenken verspricht. Ihr sehet
im Geiste durch dieses Geschlecht den deutschen Namen zum
glorreichsten unter allen Völkern erheben, ihr sehet diese Nation
als Wiedergebärerin und Wiederherstellerin der Welt.
Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten
eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar
über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte
die Nachkommen, falls es nämlich in der Barbarei, die da
beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen
werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal
preisen werden, daß es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein
wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure
Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die
Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenket, daß ihr
die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.
Ihr habt doch noch die Deutschen als eins nennen hören, ihr
habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich und einen
Reichsverband gesehen, oder davon vernommen; unter euch haben
noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören lassen, die von dieser
höhern Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt,
wird sich an andre Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen
und einen andern Geschäfts- und Lebensgang annehmen; und wie
lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen, oder von ihnen gehört habe?
Was von euch gefordert wird, ist nicht viel. Ihr sollt es nur
über euch erhalten, euch auf kurze Zeit zusammenzunehmen und zu
denken über das, was euch unmittelbar und offenbar vor den Augen
liegt. Darüber nur sollt ihr euch eine feste Meinung bilden,
derselben treu bleiben und sie in eurer nächsten Umgebung auch
äußern und aussprechen. Es ist die Voraussetzung, es ist unsre
sichere Ueberzeugung, daß der Erfolg dieses Denkens bei euch
allen auf die gleiche Weise ausfallen werde, und daß, wenn
ihr nur wirklich denket, und nicht hingehet in der bisherigen
Achtlosigkeit, ihr übereinstimmend denken werdet; daß wenn ihr
nur überhaupt Geist euch anschaffet, und nicht in dem bloßen
Pflanzenleben verharren bleibt, die Einmütigkeit und Eintracht
des Geistes von selbst kommen werde. Ist es aber einmal dazu
gekommen, so wird alles übrige, was uns nötig ist, sich von
selbst ergeben.