jedem unter euch, der da noch denken kann über etwas offen
vor seinen Augen Liegendes, in seiner eignen Person. Ihr
habt Zeit dazu; der Augenblick will euch nicht übertäuben und
überraschen; die Akten der mit euch gepflogenen Unterhandlungen
bleiben unter euren Augen liegen. Legt sie nicht aus den Händen,
bis ihr einig geworden seid mit euch selbst. Lasset, o lasset
euch ja nicht lässig machen durch das Verlassen auf andre,
oder auf irgend etwas, das außerhalb eurer selbst liegt; noch
durch die unverständige Weisheit der Zeit, daß die Zeitalter
sich selbst machen, ohne alles menschliche Zutun, vermittelst
irgendeiner unbekannten Kraft. Diese Reden sind nicht müde
geworden, euch einzuschärfen, daß euch durchaus nichts helfen
kann, denn ihr euch selber, und sie finden nötig, es bis auf den
letzten Augenblick zu wiederholen. Wohl mögen Regen und Tau und
unfruchtbare oder fruchtbare Jahre gemacht werden durch eine
uns unbekannte und nicht unter unsrer Gewalt stehende Macht;
aber die ganz eigentümliche Zeit der Menschen, die menschlichen
Verhältnisse, machen nur die Menschen sich selber und schlechthin
keine außer ihnen befindliche Macht. Nur wenn sie alle insgesamt
gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser verborgenen
Macht anheim: aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend
zu sein. Zwar in welchem höhern oder niedern Grade es uns übel
gehen wird, dies mag abhängen teils von jener unbekannten Macht,
ganz besonders aber von dem Verstande und dem guten Willen
derer, denen wir unterworfen sind. Ob aber jemals es uns wieder
wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab, und es wird
sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn
wir nicht selbst es uns verschaffen: und insbesondere, wenn
nicht jeder einzelne unter uns in seiner Weise tut und wirket,
als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der
künftigen Geschlechter beruhe.
Dies ist's, was ihr zu tun habt; dies ohne Säumen zu tun,
beschwören euch diese Reden.
Sie beschwören euch, Jünglinge. Ich, der ich schon seit geraumer
Zeit aufgehört habe zu euch zu gehören, halte dafür, und habe es
auch in diesen Reden ausgesprochen, daß ihr noch fähiger seid eines
jeglichen über das Gemeine hinausliegenden Gedankens und erregbarer
für jedes Gute und Tüchtige, weil euer Alter noch näher liegt den
Jahren der kindlichen Unschuld und der Natur. Ganz anders sieht
diesen Grundzug an euch an die Mehrheit der älteren Welt. Diese
klaget euch an der Anmaßung, des vorschnellen, vermessenen und eure
Kräfte überfliegenden Urteils, der Rechthaberei, der Neuerungssucht.
Jedoch lächelt sie nur gutmütig dieser eurer Fehler. Alles dieses,
meint sie, sei begründet lediglich durch euren Mangel an Kenntnis
der Welt, d. h. des allgemeinen menschlichen Verderbens, denn für
etwas anders an der Welt haben sie nicht Augen. Jetzt nur, weil
ihr gleichgesinnte Gehilfen zu finden hofftet und den grimmigen
und hartnäckigen Widerstand, den man euren Entwürfen des Bessern
entgegensetzen werde, nicht kenntet, hättet ihr Mut. Wenn nur das
jugendliche Feuer eurer Einbildungskraft einmal verflogen sein werde,
wenn ihr nur die allgemeine Selbstsucht, Trägheit und Arbeitsscheu
wahrnehmen würdet, wenn ihr nur die Süßigkeit des Fortgehens in
dem gewohnten Gleise selbst einmal recht würdet geschmeckt haben:
so werde euch die Lust, besser und klüger sein zu wollen, denn die
andern alle, schon vergehen. Sie greifen diese gute Hoffnung von euch
nicht etwa aus der Luft; sie haben dieselbe an ihrer eignen Person
bestätigt gefunden. Sie müssen bekennen, daß sie in den Tagen ihrer
unverständigen Jugend ebenso von Weltverbesserung geträumt haben,
wie ihr jetzt; dennoch seien sie bei zunehmender Reife so zahm und
ruhig geworden, wie ihr sie jetzt sehet. Ich glaube ihnen; ich habe
selbst schon in meiner nicht sehr langwierigen Erfahrung erlebt,
daß Jünglinge, die erst andre Hoffnung erregten, dennoch späterhin
jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters vollkommen
entsprachen. Tut dies nicht länger, Jünglinge, denn wie könnte sonst
jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz der Jugend zwar
wird von euch abfallen, und die Flamme der Einbildungskraft wird
aufhören, sich aus sich selber zu ernähren; aber fasset diese Flamme
und verdichtet sie durch klares Denken, macht euch zu eigen die Kunst
dieses Denkens, und ihr werdet die schönste Ausstattung des Menschen,
den Charakter, noch zur Zugabe bekommen. An jenem klaren Denken
erhaltet ihr die Quelle der ewigen Jugendblüte; wie auch euer Körper
altere oder eure Knie wanken, euer Geist wird in stets erneuerter
Frischheit sich wiedergebären und euer Charakter feststehen und ohne
Wandel. Ergreift sogleich die sich hier euch darbietende Gelegenheit;
denkt klar über den euch zur Beratung vorgelegten Gegenstand; die
Klarheit, die in einem Punkte für euch angebrochen ist, wird sich
allmählich auch über allen übrigen verbreiten.
Diese Reden beschwören euch Alte. So wie ihr eben gehört
habt, denkt man von euch, und sagt es euch unter die Augen;
und der Redner setzt in seiner eignen Person freimütig hinzu,
daß, die freilich auch nicht selten vorkommenden und um so
verehrungswürdigern Ausnahmen abgerechnet, in Absicht der großen
Mehrheit unter euch man vollkommen recht hat. Gehe man durch die
Geschichte der letzten zwei oder drei Jahrzehnte; alles außer ihr
selbst stimmt überein, sogar ihr selbst, jeder in dem Fache, das
ihn nicht unmittelbar trifft, stimmt mit überein, daß, immer die
Ausnahmen abgerechnet und nur auf die Mehrheit gesehen, in allen
Zweigen, in der Wissenschaft sowie in den Geschäften des Lebens,
die größere Untauglichkeit und Selbstsucht sich bei dem höheren
Alter gefunden habe. Die ganze Mitwelt hat es mit angesehen, daß
jeder, der das Bessere und Vollkommenere wollte, außer dem Kampfe
mit seiner eignen Unklarheit und den übrigen Umgebungen noch den
schwersten Kampf mit euch zu führen hatte; daß ihr des festen
Vorsatzes waret, es müsse nichts aufkommen, was ihr nicht ebenso
gemacht und gewußt hättet; daß ihr jede Regung des Denkens für
eine Beschimpfung eures Verstandes ansahet, und daß ihr keine
Kraft ungebraucht ließet, um in dieser Bekämpfung des Bessern zu
siegen, wie ihr denn gewöhnlich auch wirklich siegtet. So waret
ihr die aufhaltende Kraft aller Verbesserungen, welche die gütige
Natur aus ihrem stets jugendlichen Schoße uns darbot, so lange,
bis ihr versammelt wurdet zu dem Staube, der ihr schon vorher
waret, und das folgende Geschlecht, im Kriege mit euch, euch
gleich geworden war und eure bisherige Verrichtung übernahm. Ihr
dürft nur auch jetzt handeln, wie ihr bisher bei allen Anträgen
zur Verbesserung gehandelt habt, ihr dürft nur wiederum eure
eitle Ehre, daß zwischen Himmel und Erde nichts sein solle,
das ihr nicht schon erforscht hättet, dem gemeinsamen Wohle
vorziehen: so seid ihr durch diesen letzten Kampf alles fernern
Kämpfens überhoben; es wird keine Verbesserung erfolgen, sondern
Verschlimmerung auf Verschlimmerung, so daß ihr noch manche
Freude erleben könnt.
Man wolle nicht glauben, daß ich das Alter als Alter verachte und
herabsetze. Wird nur durch Freiheit die Quelle des ursprünglichen
Lebens und seiner Fortbewegung aufgenommen in das Leben, so
wächst die Klarheit und mit ihr die Kraft, solange das Leben
dauert. Ein solches Leben lebt sich besser, die Schlacken der
irdischen Abkunft fallen immer mehr ab, und es veredelt sich
herauf zum ewigen Leben und blüht ihm entgegen. Die Erfahrung
eines solchen Alters söhnt nicht aus mit dem Bösen, sondern sie
macht nur die Mittel klarer und die Kunst gewandter, um dasselbe
siegreich zu bekämpfen. Die Verschlimmerung durch zunehmendes
Alter ist lediglich die Schuld unsrer Zeit, und allenthalben,
wo die Gesellschaft sehr verdorben ist, muß dasselbe erfolgen.
Nicht die Natur ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns
in Unschuld, die Gesellschaft ist's. Wer nun der Einwirkung
derselben einmal sich übergibt, der muß natürlich immer
schlechter werden, je länger er diesem Einflusse ausgesetzt ist.
Es wäre der Mühe wert, die Geschichte andrer sehr verdorbener
Zeitalter in dieser Rücksicht zu untersuchen und zu sehen,
ob nicht zum Beispiel auch unter der Regierung der römischen
Imperatoren das, was einmal schlecht war, mit zunehmendem Alter
immer schlechter geworden.
Euch Alte sonach und Erfahrene, die ihr die Ausnahme macht, euch
zuvörderst beschwören diese Reden: bestätigt, bestärkt, beratet
in dieser Angelegenheit die jüngere Welt, die ehrfurchtsvoll ihre
Blicke nach euch richtet. Euch andre aber, die ihr in der Regel
seid, beschwören sie: helfen sollt ihr nicht, störet nur dieses
einzige Mal nicht, stellt euch nicht wieder, wie bisher immer, in
den Weg mit eurer Weisheit und euren tausend Bedenklichkeiten.
Diese Sache, sowie jede vernünftige Sache in der Welt, ist nicht
tausendfach, sondern einfach, welches auch unter die tausend
Dinge gehört, die ihr nicht wißt. Wenn eure Weisheit retten
könnte, so würde sie uns ja früher gerettet haben, denn ihr seid
es ja, die uns bisher beraten haben. Dies ist nun, sowie alles
andre, vergeben, und soll euch nicht weiter vorgerückt werden.
Lernt nur endlich einmal euch selbst erkennen, und schweiget.
Diese Reden beschwören euch Geschäftsmänner. Mit wenigen
Ausnahmen waret ihr bisher dem abgezogenen Denken und aller
Wissenschaft, die für sich selbst etwas zu sein begehrte, von
Herzen feind, obwohl ihr euch die Miene gabet, als ob ihr
dieses alles nur vornehm verachtet; ihr hieltet die Männer, die
dergleichen trieben, und ihre Vorschläge so weit von euch weg,
als ihr irgend konntet; und der Vorwurf des Wahnsinnes, oder der
Rat, sie ins Tollhaus zu schicken, war der Dank, auf den sie
bei euch am gewöhnlichsten rechnen konnten. Diese hinwiederum
getrauten sich zwar nicht über euch mit derselben Freimütigkeit
sich zu äußern, weil sie von euch abhingen, aber ihres innern
Herzens wahrhafte Meinung war die: daß ihr mit wenigen Ausnahmen
seichte Schwätzer seiet und aufgeblasene Prahler, Halbgelehrte,
die durch die Schule nur hindurchgelaufen, blinde Zutapper und
Fortschleicher im alten Geleise, und die sonst nichts wollten
oder könnten. Straft sie durch die Tat der Lüge, und erweiset
hierzu die jetzt euch dargebotene Gelegenheit; legt ab jene
Verachtung für gründliches Denken und Wissenschaft, laßt euch
bedeuten, und höret und lernet, was ihr nicht wißt; außerdem
behalten eure Ankläger recht.
Diese Reden beschwören euch Denker, Gelehrte, Schriftsteller, die
ihr dieses Namens noch wert seid. Jener Tadel der Geschäftsmänner
an euch war in gewissem Sinne nicht ungerecht. Ihr ginget oft
zu unbesorgt im Gebiete des bloßen Denkens fort, ohne euch um
die wirkliche Welt zu bekümmern, und nachzusehen, wie jenes an
diese angeknüpft werden könne; ihr beschriebet euch eure eigne
Welt, und ließet die wirkliche zu verachtet und verschmähet auf
der Seite liegen. Zwar muß alle Anordnung und Gestaltung des
wirklichen Lebens ausgehen vom höheren ordnenden Begriffe, und
das Fortgehen im gewohnten Geleise tut's ihm nicht; dies ist eine
ewige Wahrheit, und drückt in Gottes Namen mit unverhohlener
Verachtung jeglichen nieder, der es wagt, sich mit den Geschäften
zu befassen, ohne dieses zu wissen. Zwischen dem Begriffe jedoch
und der Einführung desselben in jedwedes besondere Leben liegt
eine große Kluft. Diese Kluft auszufüllen ist sowohl das Werk des
Geschäftsmannes, der freilich schon vorher so viel gelernt haben
soll, um euch zu verstehen, als auch das eurige, die ihr über
der Gedankenwelt das Leben nicht vergessen sollt. Hier trefft
ihr beide zusammen. Statt über die Kluft hinüber einander scheel
anzusehen und herabzuwürdigen, beeifere sich vielmehr jeder
Teil von seiner Seite dieselbe auszufüllen, und so den Weg zur
Vereinigung zu bahnen. Begreift es doch endlich, daß ihr beide
untereinander euch also notwendig seid, wie Kopf und Arm sich
notwendig sind.
Diese Reden beschwören noch in andern Rücksichten euch Denker,
Gelehrte, Schriftsteller, die ihr dieses Namens noch wert seid.
Eure Klagen über die allgemeine Seichtigkeit, Gedankenlosigkeit
und Verflossenheit, über den Klugdünkel und das unversiegbare
Geschwätz, über die Verachtung des Ernstes und der Gründlichkeit
in allen Ständen mögen wahr sein, wie sie es denn sind. Aber
welcher Stand ist es denn, der diese Stände insgesamt erzogen
hat, der ihnen alles Wissenschaftliche in ein Spiel verwandelt,
und von der frühesten Jugend an zu jenem Klugdünkel und jenem
Geschwätze sie angeführt hat? Wer ist es denn, der auch die
der Schule entwachsenen Geschlechter noch immerfort erzieht?
Der in die Augen fallendste Grund der Dumpfheit des Zeitalters
ist der, daß es sich dumpf gelesen hat an den Schriften, die
ihr geschrieben habt. Warum laßt ihr dennoch immerfort euch so
angelegen sein, dieses müßige Volk zu unterhalten, unerachtet
ihr wißt, daß es nichts gelernt hat und nichts lernen will;
nennt es Publikum, schmeichelt ihm als eurem Richter, hetzt
es auf gegen eure Mitbewerber, und sucht diesen blinden und
verworrenen Haufen durch jedes Mittel auf eure Seite zu bringen;
gebt endlich selbst in euren Rezensieranstalten und Journalen
ihm so Stoff wie Beispiel seiner vorschnellen Urteilerei, indem
ihr da ebenso ohne Zusammenhang, und so aus freier Hand in den
Tag hinein urteilt, meist ebenso abgeschmackt, wie es auch der
letzte eurer Leser könnte? Denkt ihr nicht alle so, gibt es
unter euch noch Bessergesinnte, warum vereinigen sich denn nicht
diese Bessergesinnten, um dem Unheile ein Ende zu machen? Was
insbesondere jene Geschäftsmänner anbelangt; diese sind bei euch
durch die Schule gelaufen, ihr sagt es selbst. Warum habt ihr
denn diesen ihren Durchgang nicht wenigstens dazu benutzt, um
ihnen einige stumme Achtung für die Wissenschaften einzuflößen,
und besonders dem hochgeborenen Jünglinge den Eigendünkel
beizeiten zu brechen, und ihm zu zeigen, daß Stand und Geburt in
Sachen des Denkens nichts fördert? Habt ihr ihm vielleicht schon
damals geschmeichelt, und ihn ungebührlich hervorgehoben, so
traget nun, was ihr selbst veranlaßt habt!
Sie wollen euch entschuldigen, diese Reden, mit der Voraussetzung,
daß ihr die Wichtigkeit eures Geschäfts nicht begriffen hättet; sie
beschwören euch, daß ihr euch von Stund an bekannt macht mit dieser
Wichtigkeit, und es nicht länger als ein bloßes Gewerbe treibt. Lernt
euch selbst achten, und zeigt in eurem Handeln, daß ihr es tut, und
die Welt wird euch achten. Die erste Probe davon werdet ihr ablegen
durch den Einfluß, den ihr auf die angetragene Entschließung euch
geben, und durch die Weise, wie ihr euch dabei benehmen werdet.
Diese Reden beschwören euch Fürsten Deutschlands. Diejenigen,
die euch gegenüber so tun, als ob man euch gar nichts sagen
dürfte, oder zu sagen hätte, sind verächtliche Schmeichler, sie
sind arge Verleumder eurer selbst; weiset sie weit weg von euch.
Die Wahrheit ist, daß ihr ebenso unwissend geboren werdet, als
wir andern alle, und daß ihr hören müßt und lernen, gleich wie
auch wir, wenn ihr herauskommen sollt aus dieser natürlichen
Unwissenheit. Euer Anteil an der Herbeiführung des Schicksals,
das euch zugleich mit euren Völkern betroffen hat, ist hier auf
die mildeste, und wie wir glauben, auf die allein gerechte und
billige Weise dargelegt worden, und ihr könnt euch, falls ihr
nicht etwa nur Schmeichelei, niemals aber Wahrheit hören wollt,
über diese Reden nicht beklagen. Dies alles sei vergessen, so
wie wir andern alle auch wünschen, daß unser Anteil an der
Schuld vergessen werde. Jetzt beginnt, so wie für uns alle, also
auch für euch, ein neues Leben. Möchte doch diese Stimme durch
alle die Umgebungen hindurch, die euch unzugänglich zu machen
pflegen, bis zu euch dringen! Mit stolzem Selbstgefühl darf sie
euch sagen: ihr beherrschet Völker, treu, bildsam, des Glücks
würdig, wie keiner Zeit und keiner Nation Fürsten sie beherrscht
haben. Sie haben Sinn für die Freiheit und sind derselben fähig;
aber sie sind euch gefolgt in den blutigen Krieg gegen das, was
ihnen Freiheit schien, weil ihr es so wolltet. Einige unter euch
haben späterhin anders gewollt, und sie sind euch gefolgt in
das, was ihnen ein Ausrottungskrieg scheinen mußte gegen einen
der letzten Reste deutscher Unabhängigkeit und Selbständigkeit;
auch weil ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem die
drückende Last gemeinsamer Uebel; und sie hörten nicht auf,
euch treu zu sein, mit inniger Ergebung an euch zu hangen, und
euch zu lieben, als ihre ihnen von Gott verliehenen Vormünder.
Möchtet ihr sie doch, unbemerkt von ihnen, beobachten können;
möchtet ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht immer die
schönste Seite der Menschheit euch darbieten, herabsteigen können
in die Häuser des Bürgers, in die Hütten des Landmanns, und dem
stillen und verborgenen Leben dieser Stände, zu denen die in
den höhern Ständen seltener gewordene Treue und Biederkeit ihre
Zuflucht genommen zu haben scheint, betrachtend folgen können;
gewiß, o gewiß würde euch der Entschluß ergreifen, ernstlicher
denn jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden könne. Diese
Reden haben euch ein Mittel der Hilfe vorgeschlagen, das sie
für sicher, durchgreifend und entscheidend halten. Lasset eure
Räte sich beratschlagen, ob sie es auch so finden, oder ob sie
ein besseres wissen, nur, daß es ebenso entscheidend sei. Die
Ueberzeugung aber, daß etwas geschehen müsse, und auf der Stelle
geschehen müsse, und etwas Durchgreifendes und Entscheidendes
geschehen müsse, und daß die Zeit der halben Maßregeln und der
Hinhaltungsmittel vorüber sei: diese Ueberzeugung möchten sie
gern, wenn sie könnten, bei euch selbst hervorbringen, indem sie
zu eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen hegen.
Euch Deutsche insgesamt, welchen Platz in der Gesellschaft
ihr einnehmen möget, beschwören diese Reden, daß jeder unter
euch, der da denken kann, zuvörderst denke über den angeregten
Gegenstand, und daß jeder dafür tue, was gerade ihm an seinem
Platze am nächsten liegt.
Es vereinigen sich mit diesen Reden und beschwören euch eure
Vorfahren. Denket, daß in meine Stimme sich mischen die Stimmen
eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit ihren Leibern sich
entgegengestemmt haben der heranströmenden römischen Weltherrschaft,
die mit ihrem Blute erkämpft haben die Unabhängigkeit der Berge,
Ebenen und Ströme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden
sind. Sie rufen euch zu: vertretet uns, überliefert unser Andenken
ebenso ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf euch
gekommen ist, und wie ihr euch dessen und der Abstammung von uns
gerühmt habt. Bis jetzt galt unser Widerstand für edel und groß und
weise, wir schienen die Eingeweihten zu sein und die Begeisterten
des göttlichen Weltplans. Gehet mit euch unser Geschlecht aus, so
verwandelt sich unsre Ehre in Schimpf, und unsre Weisheit in Torheit.
Denn sollte der deutsche Stamm einmal untergehen in das Römertum,
so war es besser, daß es in das alte geschähe, denn in ein neues.
Wir standen jenem und besiegten es; ihr seid verstäubt worden vor
diesem. Auch sollt ihr nun, nachdem einmal die Sachen also stehen,
sie nicht besiegen mit leiblichen Waffen; nur euer Geist soll sich
ihnen gegenüber erheben und aufrechtstehen. Euch ist das größere
Geschick zuteil geworden, überhaupt das Reich des Geistes und der
Vernunft zu begründen, und die rohe körperliche Gewalt insgesamt, als
beherrschendes der Welt, zu vernichten. Werdet ihr dies tun, dann
seid ihr würdig der Abkunft von uns.
Auch mischen in diese Stimmen sich die Geister eurer spätern
Vorfahren, die da fielen im heiligen Kampfe für Religions- und
Glaubensfreiheit. Rettet auch unsre Ehre, rufen sie euch zu. Uns
war nicht ganz klar, wofür wir stritten; außer dem rechtsmäßigen
Entschlusse, in Sachen des Gewissens durch äußere Gewalt uns
nicht gebieten zu lassen, trieb uns noch ein höherer Geist, der
uns niemals sich ganz enthüllte. Euch ist er enthüllt, dieser
Geist, falls ihr eine Sehkraft habt für die Geisterwelt, und
blickt euch an mit hohen klaren Augen. Das bunte und verworrene
Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe durcheinander soll
überhaupt der Weltherrschaft entsetzt werden, und der Geist
allein, rein und ausgezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll
an das Ruder der menschlichen Angelegenheiten treten. Damit
diesem Geiste die Freiheit werde, sich zu entwickeln und zu einem
selbständigen Dasein emporzuwachsen, dafür floß unser Blut. An
euch ist's, diesem Opfer seine Bedeutung und seine Rechtfertigung
zu geben, indem ihr diesen Geist einsetzt in die ihm bestimmte
Weltherrschaft. Erfolgt nicht dieses, als das letzte, worauf
alle bisherige Entwicklung unsrer Nation zielte, so werden auch
unsre Kämpfe zum vorüberrauschenden leeren Possenspiele, und
die von uns erfochtene Geistes- und Gewissensfreiheit ist ein
leeres Wort, wenn es von nun an überhaupt nicht länger Geist oder
Gewissen geben soll.
Es beschwören euch eure noch ungeborne Nachkommen. Ihr rühmt
euch eurer Vorfahren, rufen sie euch zu, und schließt mit Stolz
euch an an eine edle Reihe. Sorget, daß bei euch die Kette nicht
abreiße: machet, daß auch wir uns eurer rühmen können, und durch
euch, als untadeliges Mittelglied, hindurch uns anschließen an
dieselbe glorreiche Reihe. Veranlasset nicht, daß wir uns der
Abkunft von euch schämen müssen, als einer niedern, barbarischen,
sklavischen, daß wir unsre Abstammung verbergen oder einen
fremden Namen und eine fremde Abkunft erlügen müssen, um nicht
sogleich, ohne weitere Prüfung, weggeworfen oder zertreten zu
werden. Wie das nächste Geschlecht, das von euch ausgehen wird,
sein wird, also wird euer Andenken ausfallen in der Geschichte:
ehrenvoll, wenn dieses ehrenvoll für euch zeugt; sogar über die
Gebühr schmählich, wenn ihr keine laute Nachkommenschaft habt,
und der Sieger eure Geschichte macht. Noch niemals hat ein
Sieger Neigung oder Kunde genug gehabt, um die Ueberwundenen
gerecht zu beurteilen. Je mehr er sie herabwürdigt, desto
gerechter steht er selbst da. Wer kann wissen, welche Großtaten,
welche treffliche Einrichtungen, welche edle Sitten manches
Volkes der Vorwelt in Vergessenheit geraten sind, weil die
Nachkommen unterjocht wurden, und der Ueberwinder, seinen Zwecken
gemäß, unwidersprochen Bericht über sie erstattete.
Es beschwöret euch selbst das Ausland, inwiefern dasselbe nur
noch im mindesten sich selbst versteht und noch ein Auge hat
für seinen wahren Vorteil. Ja, es gibt noch unter allen Völkern
Gemüter, die noch immer nicht glauben können, daß die großen
Verheißungen eines Reichs des Rechts, der Vernunft und der
Wahrheit an das Menschengeschlecht eitel und ein leeres Trugbild
seien, und die daher annehmen, daß die gegenwärtige eiserne Zeit
nur ein Durchgang sei zu einem bessern Zustande. Diese, und
in ihnen die gesamte neuere Menschheit, rechnet auf euch. Ein
großer Teil derselben stammt ab von uns, die übrigen haben von
uns Religion und jedwede Bildung erhalten. Jene beschwören uns
bei dem gemeinsamen vaterländischen Boden, auch ihrer Wiege, den
sie uns frei hinterlassen haben; diese bei der Bildung, die sie
von uns als Unterpfand eines höhern Glücks bekommen haben -- uns
selbst auch für sie, und um ihrer willen zu erhalten, so wie wir
immer gewesen sind, aus dem Zusammenhange des neu entsprossenen
Geschlechts nicht dieses ihm so wichtige Glied herausreißen zu
lassen, damit, wenn sie einst unsers Rates, unsers Beispiels,
unsrer Mitwirkung gegen das wahre Ziel des Erdenlebens hin
bedürfen, sie uns nicht schmerzlich vermissen.