Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der

Erfolg für Deutschland und für die Welt von dem berüchtigten

Lehrgebäude eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts der

Macht unter den europäischen Staaten. Wäre das christliche

Europa eins geblieben, wie es sollte und wie es ursprünglich

war, so hätte man nie Veranlassung gehabt, einen solchen

Gedanken zu erzeugen; das eine ruht auf sich selbst und trägt

sich selbst, und zerteilt sich nicht in streitende Kräfte, die

miteinander in ein Gleichgewicht gebracht werden müßten; nur

für das unrechtlich gewordene und zerteilte Europa erhielt

jener Gedanke eine notdürftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich

gewordenen und zerteilten Europa gehörte Deutschland nicht.

Wäre nur wenigstens dieses eins geblieben, so hätte es auf sich

selbst geruht im Mittelpunkte der gebildeten Erde, so wie die

Sonne im Mittelpunkte der Welt; es hätte sich in Ruhe erhalten

und durch sich seine nächste Umgebung, und hätte ohne alle

künstliche Vorkehrung durch sein bloßes natürliches Dasein allem

das Gleichgewicht gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte

dasselbe in seine Unrechtlichkeit und seine Zwiste, und brachte

ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der wirksamsten

Mittel, dasselbe über seinen wahren Vorteil zu täuschen und es

in der Täuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlänglich

erreicht, und der beabsichtigte Erfolg liegt vollendet da vor

unsern Augen. Können wir nun auch diesen nicht aufheben: warum

sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in unserm

eignen Verstande, der fast noch das einzige ist, das unsrer

Botmäßigkeit überlassen geblieben, austilgen? Warum soll das

alte Traumbild noch immer uns vor die Augen gestellt werden,

nachdem das Uebel uns aus dem Schlafe geweckt hat? Warum sollen

wir nicht wenigstens jetzt die Wahrheit sehen und das einzige

Mittel, das uns hätte erretten können, erblicken -- ob vielleicht

unsre Nachkommen tun möchten, was wir einsehen; so wie wir jetzt

leiden, weil unsre Väter träumten. Lasset uns begreifen, daß

der Gedanke eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts zwar

für das Ausland ein tröstender Traum sein konnte bei der Schuld

und dem Uebel, welche dasselbe drückten; daß er aber, als ein

durchaus ausländisches Erzeugnis, niemals in dem Gemüte eines

Deutschen hätte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in

die Lage hätten kommen sollen, daß er bei ihnen Wurzel fassen

gekonnt hätte; daß wir wenigstens jetzt in seiner Nichtigkeit ihn

durchdringen, und daß wir einsehen müssen, daß nicht bei ihm,

sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber

das allgemeine Heil zu finden sei.

Ebenso fremd ist dem Deutschen die in unsern Tagen so häufig

gepredigte Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit

oder ob bloß das Vermögen, daß man selbst alle andern von

derselben ausschließen könne, beabsichtigt werde. Jahrhunderte

hindurch, während des Wetteifers aller andern Nationen, hat

der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem

ausgedehnten Maße teilzunehmen, und er wird es nie. Auch

bedarf er derselben nicht. Sein reichlich ausgestattetes

Land und sein Fleiß gewährt ihm alles, dessen der gebildete

Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit, dasselbe für den

Zweck zu verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht; und um den

einigen wahrhaften Gewinn, den der Welthandel mit sich führt,

die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntnis der Erde

und ihrer Bewohner an sich zu bringen, wird es sein eigner

wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen

lassen. -- O, möchte doch nur den Deutschen sein günstiges

Geschick ebenso vor dem mittelbaren Anteile an der Beute der

andern Welt bewahrt haben, wie es ihn vor dem unmittelbaren

bewahrte! Möchte Leichtgläubigkeit und die Sucht, auch fein

und vornehm zu leben, wie die andern Völker, uns nicht die

entbehrlichen Waren, die in fremden Welten erzeugt werden, zum

Bedürfnisse gemacht haben; möchten wir in Absicht der weniger

entbehrlichen lieber unserm freien Mitbürger erträgliche

Bedingungen haben machen, als von dem Schweiße und Blute eines

armen Sklaven jenseit der Meere Gewinn ziehen wollen: so hätten

wir wenigstens nicht selbst den Vorwand geliefert zu unserm

dermaligen Schicksale und würden nicht bekriegt als Abkäufer

und zugrunde gerichtet als ein Marktplatz. Fast vor einem

Jahrzehnt, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich

ereignet, ist den Deutschen geraten worden, vom Welthandel sich

unabhängig zu machen und als Handelsstaat sich zu schließen.

Dieser Vorschlag verstieß gegen unsre Gewöhnungen, besonders

aber gegen unsre abgöttische Verehrung der ausgeprägten Metalle,

und wurde leidenschaftlich angefeindet und beiseite geschoben.

Seitdem lernen wir, durch fremde Gewalt genötigt und mit Unehre,

das und noch weit mehr entbehren, was wir damals mit Freiheit und

zu unsrer höchsten Ehre nicht entbehren zu können versicherten.

Möchten wir diese Gelegenheit, da der Genuß wenigstens uns nicht

besticht, ergreifen, um auf immer unsre Begriffe zu berichtigen!

Möchten wir endlich einsehen, daß alle jene schwindelnden

Lehrgebäude über Welthandel und Fabrikation für die Welt zwar

für den Ausländer passen und gerade unter die Waffen desselben

gehören, womit er von jeher uns bekriegt hat, daß sie aber

bei den Deutschen keine Anwendung haben, und daß, nächst der

Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbständigkeit

und Handelsunabhängigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und

durch sie des Heils von Europa.

Wage man es endlich auch noch das Traumbild einer Universalmonarchie,

das an die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher

werdenden Gleichgewichts der öffentlichen Verehrung dargeboten zu

werden anfängt, in seiner Hassenswürdigkeit und Vernunftlosigkeit

zu erblicken! Die geistige Natur vermochte das Wesen der Menschheit

nur in höchst mannigfaltigen Abstufungen an einzelnen, und an der

Einzelheit im großen und ganzen, an Völkern, darzustellen. Nur wie

jedes dieser letzten, sich selbst überlassen, seiner Eigenheit

gemäß, und in jedem derselben jeder einzelne jener Gemeinsamen, so

wie seiner besondern Eigenheit gemäß, sich entwickelt und gestaltet,

tritt die Erscheinung der Gottheit in ihrem eigentlichen Spiegel

heraus, so wie sie soll; und nur der, der entweder ohne alle Ahnung

für Gesetzmäßigkeit und göttliche Ordnung oder ein verstockter Feind

derselben wäre, könnte einen Eingriff in jenes höchste Gesetz der

Geisterwelt wagen wollen. Nur in den unsichtbaren und den eignen

Augen verborgenen Eigentümlichkeiten der Nation, als demjenigen,

wodurch sie mit der Quelle ursprünglichen Lebens zusammenhängen,

liegt die Bürgschaft ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Würde,

Tugend, Verdienstes; werden diese durch Vermischung und Verreibung

abgestumpft, so entsteht Abtrennung von der geistigen Natur aus

dieser Flachheit, aus dieser die Verschmelzung aller zu dem

gleichmäßigen und aneinander hängenden Verderben. Sollen wir es den

Schriftstellern, die über alle unsre Uebel uns mit der Aussicht

trösten, daß wir dafür auch Untertanen der beginnenden neuen

Universalmonarchie sein werden, glauben, daß irgend jemand eine

solche Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit

beschlossen habe, um den zerfließenden Teig in irgendeine Form

zu drücken; und daß eine so ungeheure Roheit oder Feindseligkeit

gegen das menschliche Geschlecht in unserm Zeitalter möglich sei?

Oder wenn wir uns auch entschließen wollten, dieses durchaus

Unglaubliche fürs erste zu glauben: durch welches Werkzeug soll

denn ferner ein solcher Plan ausgeführt werden; welche Art von Volk

soll es denn sein, die bei dem gegenwärtigen Bildungszustande von

Europa für irgendeinen neuen Universalmonarchen die Welt erobere?

Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben die Völker Europas

aufgehört, Wilde zu sein und einer zerstörenden Tätigkeit um ihrer

selbst willen sich zu freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen

endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe, hinter der

Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem

Frieden eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt sehen. Auf eine

Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter Nationalvorteil sie zum

Kriege begeistern; wenn die Aufforderung immer auf dieselbe Weise

zurückkehrt, verschwindet das Traumbild und die Fieberkraft, die

dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger Ordnung kehrt

zurück, und die Frage: für welchen Zweck tue und trage ich denn nun

dies alles? erhebt sich. Diese Gefühle alle müßte zuvörderst ein

Welteroberer unsrer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das

durch seine Natur ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener

Kunst eins hineinbilden. Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen

gebildeten Anbau der Länder, an Wohlstand und Ordnung gewöhnten Auge

tut, wenn man den Menschen nur ein wenig zur Ruhe kommen läßt, der

Anblick derselben allenthalben, wo er ihn antrifft, wohl, indem er

ihm den Hintergrund seiner eignen, doch niemals ganz auszurottenden

Sehnsucht darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben zerstören

zu müssen. Auch gegen dieses dem gesellschaftlichen Menschen tief

eingeprägte Wohlwollen und gegen die Wehmut über die Uebel, die

der Krieger über die eroberten Länder bringt, muß ein Gegengewicht

gefunden werden. Es gibt kein andres, denn die Raubsucht. Wird es

zum herrschenden Antrieb des Kriegers, sich einen Schatz zu machen,

und wird er gewöhnt, bei Verheerung blühender Länder an nichts

andres mehr zu denken, denn daran, was er für seine Person bei dem

allgemeinen Elende gewinnen könne, so ist zu erwarten, daß die

Gefühle des Mitleids und des Erbarmens in ihm verstummen. Außer jener

barbarischen Roheit müßte demnach ein Welteroberer unsrer Zeit die

Seinigen auch noch zur kühlen und besonnenen Raubsucht bilden; er

müßte Erpressungen nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern.

Auch müßte die Schande, die natürlich auf der Sache ruht, erst

wegfallen, und Rauben müßte für ein ehrenvolles Zeichen eines feinen

Verstandes gelten, zu den Großtaten gezählt werden und den Weg zu

allen Ehren und Würden bahnen. Wo ist eine Nation im neuern Europa

also ehrlos, daß man sie auf diese Weise abrichten könnte? Oder

setzet, daß ihm selbst diese Umbildung gelänge, so wird nun gerade

durch sein Mittel die Erreichung seines Zwecks vereitelt werden.

Ein solches Volk erblickt von nun an in eroberten Menschen, Ländern

und Kunsterzeugungen nichts mehr, denn ein Mittel, in höchster Eile

Geld zu machen, um weiter zu gehen und abermals Geld zu machen; es

erpreßt schnell und wirft das Ausgesogene weg auf jedes mögliche

Schicksal; es haut ab den Baum, zu dessen Früchten es gelangen will:

wer mit solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Künste der

Verführung, der Ueberredung und des Truges vereitelt; nur aus der

Entfernung können sie täuschen, wie man sie in der Nähe erblickt,

fällt die tierische Roheit und die schamlose und freche Raubsucht

selbst dem Blödsinnigsten in die Augen, und der Abscheu des ganzen

menschlichen Geschlechts erklärt sich laut. Mit solchen kann man die

Erde zwar ausplündern und wüste machen und sie zu einem dumpfen Chaos

zerreiben, nimmermehr aber sie zu einer Universalmonarchie ordnen.

Die genannten Gedanken und alle Gedanken dieser Art sind

Erzeugnisse eines bloß mit sich selber spielenden und in seinem

Gespinste zuweilen auch hängenbleibenden Denkens, unwert

deutscher Gründlichkeit und Ernstes. Höchstens sind einige dieser

Bilder, wie zum Beispiel das eines politischen Gleichgewichts,

taugliche Hilfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen

Mannigfaltigen der Erscheinung sich zurecht zu finden und es zu

ordnen; aber an das natürliche Vorhandensein dieser Dinge zu

glauben oder ihre Verwirklichung anzustreben ist ebenso, als

ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch

die seine Betrachtung auf der Erde sich zurecht findet, an der

wirklichen Erdkugel ausgedrückt und bezeichnet aufsuchte. Möchte

es Sitte werden in unsrer Nation, nicht bloß zum Scherze und

gleichsam versuchend, was dabei herauskommen werde, zu denken,

sondern also, als ob wahr sein solle und wirklich gelten im

Leben, was wir denken: so wird es überflüssig werden, vor solchen

Truggestalten einer ursprünglich ausländischen und die Deutschen

bloß berückenden Staatsklugheit zu warnen.

Diese Gründlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird,

wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben.

Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch verachtet und mit

Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem andern Verluste

auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von uns

abhängen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt

sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der

Sitten, des Charakters.

Geben wir unsern Gästen ein Bild treuer Anhänglichkeit an

Vaterland und Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und

Pflichtliebe, aller bürgerlichen und häuslichen Tugenden,

als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu der sie

doch wohl endlich einmal zurückkehren werden. Hüten wir uns,

sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber

würden wir es sicherer, als wenn wir sie entweder übermäßig

fürchteten, oder unsre Weise dazusein aufzugeben, und in der

ihrigen ihnen ähnlich zu werden strebten. Fern zwar sei von

uns die Ungebühr, daß der einzelne die einzelnen herausfordere

und reize; übrigens aber wird es die sicherste Maßregel sein,

allenthalben unsern Weg also fortzugehen, als ob wir mit uns

selber allein wären, und durchaus kein Verhältnis anzuknüpfen,

das uns die Notwendigkeit nicht schlechthin auflegt; und das

sicherste Mittel hierzu wird sein, daß jeder sich mit dem

begnüge, was die alten vaterländischen Verhältnisse ihm zu

leisten vermögen, die gemeinschaftliche Last nach seinen Kräften

mit trage, jede Begünstigung aber durch das Ausland für eine

entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe allgemeine

europäische und so auch deutsche Sitte geworden, daß man im Falle

der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle,

was man imponierend nennt, und es dürfte vielleicht das ganze

Lehrgebäude der angenommenen guten Lebensart auf die Einheit

jenes Grundsatzes sich zurückführen lassen. Möchten wir Deutsche

bei der gegenwärtigen Veranlassung lieber gegen diese Lebensart,

denn gegen etwas Höheres verstoßen! Möchten wir, obwohl dies

ein solcher Verstoß sein dürfte, bleiben, so wie wir sind, ja,

wenn wir es vermöchten, noch stärker und entschiedener werden,

also wie wir sein sollen! Möchten wir der Ausstellungen, die man

uns zu machen pflegt, daß es uns gar sehr an Schnelligkeit und

leichter Fertigkeit gebreche, und daß wir über allem zu ernst,

zu schwer und zu gewichtig werden, uns so wenig schämen, daß

wir uns vielmehr bestrebten, sie immer mit größerem Rechte und

in weiterer Ausdehnung zu verdienen! Es befestige uns in diesem

Entschlusse die leicht zu erlangende Ueberzeugung, daß wir mit

aller unsrer Mühe dennoch niemals jenen recht sein werden, wenn

wir nicht ganz aufhören wir selber zu sein, was dem überhaupt

gar nicht mehr Dasein gleich gilt. Es gibt nämlich Völker,

welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit beibehalten und

dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Völkern die

ihrigen zugestehen, und sie ihnen gönnen und verstatten; zu

diesen gehören ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug

in ihrem ganzen vergangenen und gegenwärtigen Weltleben so tief

begründet, daß sie sehr oft, um gerecht zu sein, sowohl gegen das

gleichzeitige Ausland als gegen das Altertum, ungerecht gewesen

sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andre Völker, denen

ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit

gestattet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des Fremden

abzusondern, und die daher zu glauben genötigt sind, es gebe nur

eine einzige mögliche Weise als gebildeter Mensch zu bestehen,

und dies sei jedesmal die, welche in diesem Zeitpunkte gerade

ihnen irgendein Zufall angeworfen; alle übrigen Menschen in der

Welt hätten keine andre Bestimmung, denn also zu werden, wie sie

sind, und sie hätten ihnen den größten Dank abzustatten, wenn sie

die Mühe über sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen

Völkern der ersten Art findet eine der Ausbildung zum Menschen

überhaupt höchst wohltätige Wechselwirkung der gegenseitigen

Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher

dennoch jeder, mit dem guten Willen des andern, sich selbst

gleich bleibt. Völker von der zweiten Art vermögen nichts zu

bilden, denn sie vermögen nichts in seinem vorhandenen Sein

anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten und

außer sich allenthalben eine leere Stätte hervorbringen, in

der sie nur immer die eigne Gestalt wiederholen können; selbst

ihr anfängliches scheinbares Hineingehen in fremde Sitte ist

nur die gutmütige Herablassung des Erziehers zum jetzt noch

schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge; selbst die

Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie

dieselben in ihr Gewand gehüllt haben, und sie würden, wenn sie

könnten, dieselben aus den Gräbern aufwecken, um sie nach ihrer

Weise zu erziehen. Ferne zwar bleibe von mir die Vermessenheit,

irgendeine vorhandene Nation im ganzen und ohne Ausnahme jener

Beschränktheit zu beschuldigen. Laßt uns vielmehr annehmen,

daß auch hier diejenigen, die sich nicht äußern, die bessern

sind. Soll man aber die, die unter uns erschienen sind und sich

geäußert haben, nach diesen ihren Aeußerungen beurteilen, so

scheint zu folgen, daß sie in die geschilderte Klasse zu setzen

sind. Eine solche Aeußerung scheint eines Beleges zu bedürfen,

und ich führe, von den übrigen Ausflüssen dieses Geistes, die vor

den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigen Umstand

an, den folgenden: -- Wir haben miteinander Krieg geführt; wir

unsersteils sind die Ueberwundenen, jene die Sieger; dies ist

wahr und wird zugestanden. Damit nun könnten jene ohne Zweifel

sich begnügen. Ob nun etwa jemand unter uns fortführe, dafür zu

halten, wir hätten dennoch die gerechte Sache für uns gehabt

und den Sieg verdient, und es sei zu beklagen, daß er nicht uns

zuteil geworden: wäre denn dies so übel, und könnten es uns denn

jene, die ja von ihrer Seite gleichfalls denken mögen, was sie

wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu denken, sollen wir

uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch ein

Unrecht es sei, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu

widerstehen; wir sollen unsre Niederlagen als das heilsamste

Ereignis für uns selbst, und sie als unsre größten Wohltäter

segnen. Anders kann es ja nicht sein, und man hat diese Hoffnung

zu unserm guten Verstande! -- Doch was spreche ich länger aus,

was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauigkeit zum

Beispiel in den Geschichtsbüchern des Tacitus ausgesprochen

worden ist? Jene Ansicht der Römer von dem Verhältnisse der

bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei diesen denn

doch auf einen einige Entschuldigung verdienenden Schein sich

gründete, daß es verbrecherische Rebellion und Auflehnung gegen

göttliche und menschliche Gesetze sei, ihnen Widerstand zu

leisten, und daß ihre Waffen den Völkern nichts andres zu bringen

vermöchten, denn Segen, und ihre Ketten nichts andres, denn

Ehre -- diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns

gewonnen, und mit sehr vieler Gutmütigkeit uns selbst angemutet

und bei uns vorausgesetzt hat. Ich gebe dergleichen Aeußerungen

nicht für übermütigen Hohn aus; ich kann begreifen, wie man bei

großem Eigendünkel und Beschränktheit im Ernste also glauben und

dem Gegenteile ehrlich denselben Glauben zutrauen könne, wie ich

denn zum Beispiel dafürhalte, daß die Römer wirklich so glaubten;

aber ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es

unmöglich fällt, jemals zu jenem Glauben sich zu bekehren, auf

irgendeine Ausgleichung rechnen können.

Tief verächtlich machen wir uns dem Auslande, wenn wir vor den

Ohren desselben uns, einer dem andern, deutsche Stämme, Stände,

Personen, über unser gemeinschaftliches Schicksal anklagen und

einander gegenseitige bittere und leidenschaftliche Vorwürfe

machen. Zuvörderst sind alle Anklagen dieser Art größtenteils

unbillig, ungerecht, ungegründet. Welche Ursachen es sind,

die Deutschlands letztes Schicksal herbeigeführt haben, haben

wir oben angegeben; diese sind seit Jahrhunderten bei allen

deutschen Stämmen ohne Ausnahme auf die gleiche Weise einheimisch

gewesen; die letzten Ereignisse sind nicht die Folgen irgendeines

besondern Fehltrittes eines einzelnen Stammes oder seiner

Regierung, sie haben sich lange genug vorbereitet, und hätten,

wenn es bloß auf die in uns selbst liegenden Gründe angekommen

wäre, schon vor langem uns ebensowohl treffen können. Hierin

ist die Schuld oder Unschuld aller wohl gleich groß, und die

Berechnung ist nicht wohl mehr möglich. Bei der Herbeieilung des

endlichen Erfolgs hat sich gefunden, daß die einzelnen deutschen

Staaten nicht einmal sich selbst, ihre Kräfte und ihre wahre

Lage kannten: wie könnte denn irgendeiner sich anmaßen, aus sich

selbst herauszutreten und über fremde Schuld ein auf gründliche

Kenntnis sich stützendes Endurteil zu fällen?

Mag es sein, daß über alle Stämme des deutschen Vaterlandes

hinweg einen gewissen Stand ein gegründeterer Vorwurf trifft,

nicht, weil er eben auch nicht mehr eingesehen oder vermocht,

als die andern alle, was eine gemeinschaftliche Schuld ist,

sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr einsähe

und vermöchte, und alle übrigen von der Verwaltung der Staaten

verdrängt. Wäre nun auch ein solcher Vorwurf gegründet: wer soll

ihn aussprechen, und wozu ist es nötig, daß er gerade jetzt

lauter und bitterer denn je ausgesprochen und verhandelt werde?

Wir sehen, daß Schriftsteller es tun. Haben diese nun ehemals,

als bei jenem Stande noch alle Macht und alles Ansehen mit der

stillschweigenden Einwilligung der entschiedenen Mehrheit des

übrigen Menschengeschlechts sich befand, ebenso also geredet, wie

sie jetzt reden: wer kann es ihnen verdenken, daß sie an ihre

durch die Erfahrung sehr bestätigte ehemalige Rede erinnern?

Wir hören auch, daß sie einzelne genannte Personen, die ehemals

an der Spitze der Geschäfte standen, vor das Volksgericht

führen, ihre Untauglichkeit, ihre Trägheit, ihren bösen Willen

darlegen und klar dartun, daß aus solchen Ursachen notwendig

solche Wirkungen hervorgehen mußten. Haben sie schon ehemals,

als bei den Angeklagten noch die Gewalt war, und die aus ihrer

Verwaltung notwendig erfolgen müssenden Uebel noch abzuwenden

waren, ebendasselbe eingesehen, was sie jetzt einsehen, und

es ebenso laut ausgesprochen; haben sie schon damals ihre

Schuldigen mit derselben Kraft angeklagt, und kein Mittel

unversucht gelassen, das Vaterland aus ihren Händen zu erretten,

und sind sie bloß nicht gehört worden: so tun sie sehr recht,

an ihre damals verschmähte Warnung zu erinnern. Haben sie aber

etwa ihre dermalige Weisheit nur aus dem Erfolge gezogen, aus

welchem seitdem alles Volk mit ihnen ebendieselbe gezogen hat:

warum sagen jetzt eben sie, was alle andern nun ebensowohl

wissen? Oder haben sie vielleicht gar damals aus Gewinnsucht

geschmeichelt, oder aus Furcht geschwiegen vor dem Stande und

den Personen, über die jetzt, nachdem sie die Gewalt verloren

haben, ungemäßigt ihre Strafrede hereinbricht: o so vergessen

sie künftig nicht unter den Quellen unsrer Uebel, neben dem Adel

und den untauglichen Ministern und Feldherren, auch noch die

politischen Schriftsteller anzuführen, die erst nach gegebnem

Erfolge wissen, was da hätte geschehen sollen, so wie der Pöbel

auch, und die den Gewalthabern schmeicheln, die Gefallenen aber

schadenfroh verhöhnen!

Reden an die deutsche Nation · 第 18 / 21 段