Oder setze man den Fall, daß unsre Sprache lebendig und eine

Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte;

was kann denn das für eine Literatur sein, die Literatur eines

Volkes ohne politische Selbständigkeit? Was will denn der

vernünftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts

andres, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben,

und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und

wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut zum

Kitzel müßiger Ohren. Er will ursprünglich und aus der Wurzel

des geistigen Lebens heraus denken für diejenigen, die ebenso

ursprünglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur in

einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden

denken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines

Volkes, das einen selbständigen Staat ausmacht. Was wollen

denn zuletzt alle unsre Bemühungen selbst um die abgezogensten

Wissenschaften? Lasset sein, der nächste Zweck dieser Bemühungen

sei der, die Wissenschaft fortzupflanzen von Geschlecht zu

Geschlecht, und in der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch

erhalten werden? Offenbar nur, um zu rechter Zeit das allgemeine

Leben und die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten.

Dies ist ihr letzter Zweck; mittelbar dient sonach, sei es auch

erst in einer spätern Zukunft, jede wissenschaftliche Bestrebung

dem Staate. Gibt sie diesen Zweck auf, so ist auch ihre Würde und

ihre Selbständigkeit verloren. Wer aber diesen Zweck hat, der muß

schreiben in der Sprache des herrschenden Volkes.

Wie es ohne Zweifel wahr ist, daß allenthalben, wo eine besondere

Sprache angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden

ist, die das Recht hat, selbständig ihre Angelegenheiten zu

besorgen und sich selber zu regieren; so kann man umgekehrt

sagen, daß, wie ein Volk aufgehört hat, sich selbst zu regieren,

es eben auch schuldig sei, seine Sprache aufzugeben und mit den

Ueberwindern zusammenzufließen, damit Einheit, innerer Friede

und die gänzliche Vergessenheit der Verhältnisse, die nicht mehr

sind, entstehe. Ein nur halbverständiger Anführer einer solchen

Mischung muß hierauf dringen, und wir können uns sicher darauf

verlassen, daß in unserm Falle darauf gedrungen werden wird.

Bis diese Verschmelzung erfolgt sei, wird es Uebersetzungen der

verstatteten Schulbücher in die Sprache der Barbaren geben, d. i.

derjenigen, die zu ungeschickt sind, die Sprache des herrschenden

Volkes zu lernen, und die eben dadurch von allem Einflusse auf

die öffentlichen Angelegenheiten sich ausschließen und sich

zur lebenslänglichen Unterwürfigkeit verdammen; auch wird es

diesen, die zur Stummheit über die wirklichen Begebenheiten

sich selbst verurteilt haben, verstattet werden, an erdichteten

Welthändeln ihre Redefertigkeit zu üben, oder ehemalige und alte

Formen sich selber nachzuahmen, wo man für das erste an der zum

Beispiel angeführten alten, für das letztere an der neuen Sprache

die Belege aufsuchen mag. Eine solche Literatur möchten wir

vielleicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag

sich trösten der, der keinen bessern Trost hat; daß aber auch

solche, die wohl fähig wären, sich zu ermannen, die Wahrheit

zu sehen und aufgeschreckt zu werden durch ihren Anblick zu

Entschluß und Tat, durch solchen nichtigen Trost, mit welchem

einem Feinde unsrer Selbständigkeit recht eigentlich gedient sein

würde, in dem trägen Schlummer erhalten werden: dieses möchte ich

verhindern, wenn ich es könnte.

Man verheißt uns also die Fortdauer einer deutschen Literatur

auf die künftigen Geschlechter. Um die Hoffnungen, die wir

hierüber fassen können, näher zu beurteilen, würde es sehr

zuträglich sein, sich umzusehen, ob wir denn auch nur bis auf

diesen Augenblick eine deutsche Literatur im wahren Sinne des

Wortes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt

des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln und mit

ihr über ihre wichtigsten Angelegenheiten zu beratschlagen; ganz

besonders aber ist dies von jeher das ausschließende Amt des

Schriftstellers gewesen in Deutschland, indem dieses in mehrere

abgesonderte Staaten zertrennt war, und als gemeinsames Ganzes

fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache

und Schrift, zusammengehalten wurde; am eigentlichsten und

dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das letzte

äußere Band, das die Deutschen vereinigte, die Reichsverfassung,

auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen -- wir

sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wüßten oder befürchteten,

sondern nur einen möglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im

voraus Bedacht nehmen müssen -- sollte es sich, sage ich, etwa

zeigen, daß schon jetzt Diener besonderer Staaten von Angst,

Furcht und Schrecken so eingenommen wären, daß sie solchen, eine

Nation eben noch als daseiend voraussetzenden, und an dieselbe

sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote

die Verbreitung versagten: so wäre dies ein Beweis, daß wir

schon jetzt keine deutsche Schriftstellerei mehr hätten, und wir

wüßten, wie wir mit den Aussichten auf eine künftige Literatur

daran wären.

Was könnte es doch sein, das diese fürchteten? Etwa, daß dieser

und jener dergleichen Stimmen nicht gern hören werde? Sie würden

für ihre zarte Besorgtheit wenigstens die Zeit übel gewählt

haben. Schmähungen und Herabwürdigungen des Vaterländischen,

abgeschmackte Lobpreisungen des Ausländischen können sie ja doch

nicht verhindern; seien sie doch nicht so strenge gegen ein

dazwischen tönendes vaterländisches Wort! Es ist wohl möglich,

daß nicht alle alles gleich gern hören; aber dafür können wir

zurzeit nicht sorgen, uns treibt die Not, und wir müssen eben

sagen, was diese zu sagen gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen

sie, daß wir unsre Schritte abmessen, damit nicht etwa durch den

erregten Staub irgendein Staatskleid bestäubt werde? Wir gehen

unter in den Fluten; sollen wir nicht um Hilfe rufen, damit nicht

irgendein schwachnerviger Nachbar erschreckt werde?

Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hören könnten, und

unter welcher Bedingung könnten sie es denn nicht gern hören?

Allenthalben ist es nur die Unklarheit und die Finsternis,

die da schreckt. Jedes Schreckbild verschwindet, wenn man es

fest ins Auge faßt. Lasset uns mit derselben Unbefangenheit

und Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vorträge

fallenden Gegenstand zerlegt haben, auch diesem Schrecknisse

unter die Augen treten.

Man nimmt an, entweder, daß das Wesen, dem dermalen die Leitung

eines großen Teils der Weltangelegenheiten anheimgefallen ist,

ein wahrhaft großes Gemüt sei, oder man nimmt das Gegenteil

an, und ein drittes ist nicht möglich. Im ersten Falle: worauf

beruht denn alle menschliche Größe, außer auf der Selbständigkeit

und Ursprünglichkeit der Person, und daß sie nicht sei ein

erkünsteltes Gemächte ihres Zeitalters, sondern ein Gewächs aus

der ewigen und ursprünglichen Geisterwelt, ganz so wie es ist

hervorgewachsen, daß ihr eine neue und eigentümliche Ansicht

des Weltganzen aufgegangen sei, und daß sie festen Willen

habe und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzuführen in die

Wirklichkeit? Aber es ist schlechthin unmöglich, daß ein solches

Gemüt nicht auch außer sich, an Völkern und einzelnen, ehre, was

in seinem Innern seine eigne Größe ausmacht, die Selbständigkeit,

die Festigkeit, die Eigentümlichkeit des Daseins. So gewiß es

sich in seiner Größe fühlt und derselben vertraut, verschmäht es

über armseligen Knechtssinn zu herrschen und groß zu sein unter

Zwergen; es verschmäht den Gedanken, daß es die Menschen erst

herabwürdigen müsse, um über sie zu gebieten; es ist gedrückt

durch den Anblick des dasselbe umgebenden Verderbens, es tut

ihm weh, die Menschen nicht achten zu können; alles aber, was

sein verbrüdertes Geschlecht erhebt, veredelt, in ein würdigeres

Licht setzt, tut wohl seinem selbst edlen Geiste, und ist sein

höchster Genuß. Ein solches Gemüt sollte ungern vernehmen,

daß die Erschütterungen, die die Zeiten herbeigeführt haben,

benutzt werden, um eine alte ehrwürdige Nation, den Stamm der

mehrsten Völker des neuen Europa, und die Bildnerin aller, aus

dem tiefen Schlummer aufzuregen und dieselbe zu bewegen, daß sie

ein sicheres Verwahrungsmittel ergreifen, um sich zu erheben

aus dem Verderben, welches dieselbe zugleich sichert, nie

wieder herabzusinken, und mit sich selbst zugleich alle übrigen

Völker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt zu ruhestörenden

Auftritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum Verderben

führend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage

angegeben, worauf endlich in einem Volke der Welt die höchste,

reinste und noch niemals also unter den Menschen gewesene

Sittlichkeit aufgebaut, für alle folgende Zeiten gesichert, und

von da aus über andre Völker verbreitet werde; es wird eine

Umschaffung des Menschengeschlechts angegeben aus irdischen und

sinnlichen Geschöpfen, zu reinen und edlen Geistern. Durch einen

solchen Vorschlag, meint man, könne ein Geist, der selbst rein

ist und edel und groß, oder irgend jemand, der nach ihm sich

bildet, beleidigt werden?

Was würden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten und

dieselbe durch ihr Handeln zugeständen, annehmen, und laut vor

aller Welt bekennen, daß sie es annehmen? Sie würden bekennen,

daß sie glaubten, daß ein menschenfeindliches und ein sehr

kleines und niedriges Prinzip über uns herrsche, dem jede Regung

selbständiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion,

Veredlung der Gemüter nicht ohne Angst hören könne, indem allein

in der Herabwürdigung der Menschen, in ihrer Dumpfheit und ihren

Lastern für ihn Heil sei und Hoffnung, sich zu erhalten. Mit

diesem ihrem Glauben, der unsern andern Uebeln noch die drückende

Schmach hinzufügen würde, von einem solchen beherrscht zu sein,

sollen wir nun ohne weiteres und ohne die vorhergegangene

einleuchtende Beweisführung einverstanden sein und in demselben

handeln?

Den schlimmsten Fall gesetzt, daß sie recht hätten, keineswegs

aber wir, die wir das erstere durch unsre Tat annehmen: soll

denn nun wirklich, einem zu Gefallen, dem damit gedient ist, und

ihnen zu Gefallen, die sich fürchten, das Menschengeschlecht

herabgewürdigt werden und versinken, und soll keinem, dem sein

Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfalle zu warnen?

Gesetzt, daß sie nicht bloß recht hätten, sondern daß man sich

auch noch entschließen sollte, im Angesichte der Mitwelt und der

Nachwelt ihnen recht zu geben, und das eben hingelegte Urteil

über sich selbst laut aussprechen: was wäre denn nun das Höchste

und Letzte, das für den unwillkommenen Warner daraus erfolgen

könnte? Kennen sie etwas Höheres, denn den Tod? Dieser erwartet

uns ohnedies alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an

Edle um geringerer Angelegenheit willen -- denn wo gab es jemals

eine höhere, als die gegenwärtige? -- der Gefahr desselben

getrotzt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das auf

diese Gefahr begonnen ist, zu treten?

Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen

geben, so würden diese ungebeten, ohne Dank, und, wie ich hoffe,

zurückgewiesen, ihren Hals dem Joche der geistigen Knechtschaft

darbieten; sie würden, bitter schmähend, indem sie staatsklug

zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Größe

zumute ist, und die Gedanken derselben nach denen ihrer eignen

Klarheit messen -- sie würden die Literatur, mit der sie nichts

andres anzufangen wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung

derselben als Opfertier ihren Hof zu machen. Wir dagegen preisen

durch die Tat unsers Vertrauens und unsers Mutes weit mehr,

denn Worte es je vermöchten, die Größe des Gemüts, bei dem die

Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge

hinweg, wo irgendhin unsre Stimme frei und unaufgehalten ertönt,

ruft sie durch ihr bloßes Dasein den Deutschen zu: niemand

will eure Unterdrückung, euren Knechtssinn, eure sklavische

Unterwürfigkeit, sondern eure Selbständigkeit, eure wahre

Freiheit, eure Erhebung und Veredlung will man, denn man hindert

nicht, daß man sich öffentlich mit euch darüber beratschlage, und

euch das unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehör

und den beabsichtigten Erfolg, so setzt sie ein Denkmal dieser

Größe und unsers Glaubens an dieselbe ein in den Fortlauf der

Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstören vermag, sondern

das mit jedem neuen Geschlechte höher wächst und sich weiter

verbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen, ein solches

Denkmal zu errichten?

Anstatt also mit der zukünftigen Blüte unsrer Literatur über

unsre verlorne Selbständigkeit uns zu trösten, und von der

Aufsuchung eines Mittels, dieselbe wiederherzustellen, uns durch

dergleichen Trost abhalten zu lassen, wollen wir lieber wissen,

ob diejenigen Deutschen, denen eine Art von Bevormundung der

Literatur zugefallen ist, den übrigen selbst schreibenden oder

lesenden Deutschen eine Literatur im wahren Sinne des Worts noch

bis diesen Tag erlauben, und ob sie dafür halten, daß eine solche

Literatur dermalen in Deutschland noch erlaubt sei, oder nicht;

wie sie aber wirklich darüber denken, das wird sich demnächst

entscheiden müssen.

Nach allem ist das nächste, was wir zu tun haben, um bis zur

völligen und gründlichen Verbesserung unsres Stammes uns auch

nur aufzubehalten, dies, daß wir uns Charakter anschaffen, und

diesen zunächst dadurch bewähren, daß wir uns durch eignes

Nachdenken eine feste Meinung bilden über unsre wahre Lage, und

über das sichere Mittel, dieselbe zu verbessern. Die Nichtigkeit

des Trostes aus der Fortdauer unsrer Sprache und Literatur ist

gezeigt. Noch aber gibt es andre, in diesen Reden noch nicht

erwähnte Vorspiegelungen, welche die Bildung einer solchen festen

Meinung verhindern. Es ist zweckmäßig, daß wir auch auf diese

Rücksicht nehmen; jedoch behalten wir dieses Geschäft vor der

nächsten Rede.

Dreizehnte Rede.

Fortsetzung der angefangenen Betrachtung.

Es sei noch ein Mehreres von nichtigen Gedanken und täuschenden

Lehrgebäuden über die Angelegenheiten der Völker unter uns

im Umlaufe, welches die Deutschen verhindere, eine ihrer

Eigentümlichkeit gemäße feste Ansicht über ihre gegenwärtige Lage

zu fassen, äußerten wir am Ende unsrer vorigen Rede. Da diese

Traumbilder gerade jetzt mit größerem Eifer zur öffentlichen

Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles andre

wankend geworden, von manchem lediglich zur Ausfüllung der

entstandenen leeren Stellen aufgefaßt werden könnten: so scheint

es zur Sache zu gehören, dieselben mit größerem Ernste, als

außerdem ihre Wichtigkeit verdienen dürfte, einer Prüfung zu

unterwerfen.

Zuvörderst und vor allen Dingen: Die ersten, ursprünglichen und

wahrhaft natürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre

innern Grenzen. Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor

aller menschlichen Kunst vorher durch die bloße Natur mit einer

Menge von unsichtbaren Banden aneinandergeknüpft; es versteht

sich untereinander und ist fähig, sich immerfort klarer zu

verständigen, es gehört zusammen und ist natürlich eins und

ein unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk andrer

Abkunft und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen

wollen, ohne wenigstens fürs erste sich zu verwirren und den

gleichmäßigen Fortgang seiner Bildung mächtig zu stören. Aus

dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbst

gezogenen Grenze ergibt sich erst die äußere Begrenzung der

Wohnsitze, als die Folge von jener, und in der natürlichen

Ansicht der Dinge sind keineswegs die Menschen, welche innerhalb

gewisser Berge und Flüsse wohnen, um deswillen ein Volk, sondern

umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Glück es so

gefügt hat, durch Flüsse und Berge gedeckt, weil sie schon früher

durch ein weit höheres Naturgesetz ein Volk waren.

So saß die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache

und Denkart sattsam unter sich vereinigt und scharf genug

abgeschnitten von den andern Völkern, in der Mitte von Europa

da als scheidender Wall nicht verwandter Stämme, zahlreich

und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall

zu schützen, sich selbst überlassen, durch ihre ganze Denkart

wenig geneigt, Kunde von den benachbarten Völkerschaften zu

nehmen, in derselben Angelegenheiten sich zu mischen und

durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit aufzureizen. Im

Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr günstiges Geschick vor

dem unmittelbaren Anteile am Raube der andern Welten; dieser

Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der

Fortentwicklung der neuern Weltgeschichte, die Schicksale

der Völker und der größte Teil ihrer Begriffe und Meinungen

begründet worden sind. Seit dieser Begebenheit erst zerteilte

sich das christliche Europa, das vorher auch ohne sein eignes

deutliches Bewußtsein eins gewesen war, und als solches in

gemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte, in

mehrere abgesonderte Teile; seit jener Begebenheit erst war

eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder auf

die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise

brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Händen des

andern erblickte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimer

Feindschaft und Kriegslust aller gegen alle. Auch wurde es

nun erst zum Gewinne für Völker, Völker auch andrer Abkunft

und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht möglich

wäre, durch Bündnisse sich einzuverleiben und ihre Kräfte sich

zuzueignen. Ein der Natur treugebliebnes Volk kann, wenn seine

Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Eroberung des

benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu gewinnen,

und es wird sodann die frühern Bewohner vertreiben; es kann

einen rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern

und gesegnetern vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle

abermals die frühern Besitzer austreiben; es kann, wenn es auch

ausartet, bloße Raubzüge unternehmen, auf denen es, ohne des

Bodens oder der Bewohner zu begehren, bloß alles Brauchbaren

sich bemächtigt und die ausgeleerten Länder wieder verläßt;

es kann endlich die frühern Bewohner des eroberten Bodens als

eine gleichfalls brauchbare Sache, wie Sklaven der einzelnen

unter sich verteilen: aber daß es die fremde Völkerschaft, so

wie dieselbe besteht, als Bestandteile des Staates sich anfüge,

dabei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in

Versuchung kommen, dies zu tun. Ist aber der Fall der, daß einem

gleich starken, oder wohl noch stärkern Nebenbuhler eine reizende

gemeinschaftliche Beute abgekämpft werden soll, so steht die

Rechnung anders. Wie auch übrigens sonst das überwundene Volk zu

uns passen möge, so sind wenigstens seine Fäuste zur Bekämpfung

des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jedermann

ist uns, als eine Vermehrung der öffentlichen Streitkraft,

willkommen. So nun irgendeinem Weisen, der Friede und Ruhe

gewünscht hätte, über diese Lage der Dinge die Augen klar

aufgegangen wären, wovon hätte derselbe Ruhe erwarten können?

Offenbar nicht von der natürlichen Beschränkung der menschlichen

Habsucht dadurch, daß das Ueberflüssige keinem nütze; denn

eine Beute, wodurch alle versucht werden, war vorhanden, und

ebensowenig hätte er sie erwarten können von dem sich selbst

eine Grenze setzenden Willen; denn unter solchen, von denen

jedweder alles an sich reißt, was er vermag, muß der sich selbst

Beschränkende notwendig zugrunde gehen. Keiner will mit dem

andern teilen, was er dermalen zu eigen besitzt; jeder will dem

andern das Seinige rauben, wenn er irgend kann. Ruht einer, so

geschieht dies nur darum, weil er sich nicht für stark genug

hält, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfangen, sobald er

die erforderliche Stärke in sich verspürt. Somit ist das einzige

Mittel die Ruhe zu erhalten dieses, daß niemals einer zu der

Macht gelange, dieselbe stören zu können, und daß jedweder wisse,

es sei auf der andern Seite gerade so viel Kraft zum Widerstande,

als auf seiner Seite sei zum Angriffe; daß also ein Gleichgewicht

und Gegengewicht der gesamten Macht entstehe, wodurch allein,

nachdem alle andre Mittel verschwunden sind, jeder in seinem

gegenwärtigen Besitzstande und alle in Ruhe erhalten werden.

Diese beiden Stücke demnach: einen Raub, auf den kein einziger

einiges Recht habe, alle aber nach ihm die gleiche Begierde,

sodann die allgemeine, immerfort tätig sich regende wirkliche

Raubsucht, setzt jenes bekannte System eines Gleichgewichts der

Macht in Europa voraus; und unter diesen Voraussetzungen würde

dieses Gleichgewicht freilich das einzige Mittel sein, die Ruhe

zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel gefunden wäre, jenes

Gleichgewicht hervorzubringen und es aus einem leeren Gedanken in

ein wirkliches Ding zu verwandeln.

Aber waren denn auch jene Voraussetzungen allgemein und ohne alle

Ausnahme zu machen? War nicht im Mittelpunkte von Europa die

übermächtige deutsche Nation rein geblieben von dieser Beute und

von der Ansteckung mit der Lust danach, und fast ohne Vermögen,

Anspruch auf dieselbe zu machen? Wäre nur diese zu einem

gemeinschaftlichen Willen und einer gemeinschaftlichen Kraft

vereinigt geblieben; hätten doch dann die übrigen Europäer sich

morden mögen in allen Meeren und auf allen Inseln und Küsten:

in der Mitte von Europa hätte der feste Wall der Deutschen sie

verhindert aneinander zu kommen -- hier wäre Friede geblieben,

und die Deutschen hätten sich, und mit sich zugleich einen Teil

der übrigen europäischen Völker in Ruhe und Wohlstand erhalten.

Es war dem nur den nächsten Augenblick berechnenden Eigennutze

des Auslandes nicht gemäß, daß es also bliebe. Sie fanden die

deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu führen,

und die Hände derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die

Beute zu entreißen; es mußte ein Mittel gefunden werden, um

diesen Zweck zu erreichen, und die ausländische Schlauheit siegte

leicht über die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit.

Das Ausland war es, welches zuerst der über Religionsstreitigkeiten

entstandenen Entzweiung der Gemüter in Deutschland sich bediente,

um diesen Inbegriff des gesamten christlichen Europa im kleinen

aus der innig verwachsenen Einheit ebenso in abgesonderte und für

sich bestehende Teile künstlich zu zertrennen, wie erst jenes

über einen gemeinsamen Raub sich natürlich zertrennt hatte;

das Ausland wußte diese also entstandenen besondern Staaten

im Schoße der einen Nation, die keinen Feind hatte, denn das

Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame,

gegen die Verführungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter

Kraft sich zu setzen -- es wußte diese einander gegenseitig

vorzustellen, als natürliche Feinde, gegen die jeder immerfort

auf der Hut sein müsse, sich selbst dagegen darzustellen als die

natürlichen Verbündeten gegen diese von den eignen Landsleuten

drohende Gefahr; als die Verbündeten, mit denen allein sie

selbst ständen oder fielen, und die sie daher gleichfalls in

ihren Unternehmungen mit aller ihrer Macht unterstützen müßten.

Nur durch dieses künstliche Bildungsmittel wurden alle Zwiste,

die über irgendeinen Gegenstand in der Alten oder Neuen Welt

sich entspinnen mochten, zu eignen Zwisten der deutschen Stämme

untereinander; jeder aus irgendeinem Grunde entstandene Krieg

mußte auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten

werden, jede Verrückung des Gleichgewichts in derjenigen Nation,

der der ganze Urquell dieser Verhältnisse fremd war, ausgeglichen

werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Dasein

schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mußten, damit sie

doch etwas wären, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten

in der Wage des europäischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind

und willenlos folgten. So wie man in manchem ausländischen Staate

die Bürger bezeichnet dadurch, daß sie von dieser oder einer

andern fremden Partei seien und für dieses oder jenes auswärtige

Bündnis stimmten, solche aber, die von der vaterländischen Partei

seien, nicht namhaft zu machen weiß: so waren die Deutschen schon

längst nur für irgendeine fremde Partei, und man traf selten auf

einen, der die Partei der Deutschen gehalten und gemeint hätte,

daß dieses Land sich mit sich selbst verbünden sollte.

Reden an die deutsche Nation · 第 17 / 21 段