bisherigen Vortrage blieb, geschlossen, und unsern Vorschlag
erst wahrhaftig ausführbar gemacht. Das Wohlgefallen am Rechten
und Guten um seiner selbst willen, soll durch die neue Erziehung
an die Stelle der bisher gebrauchten sinnlichen Hoffnung oder
Furcht gesetzt werden, und dieses Wohlgefallen soll, als
einzig vorhandene Triebfeder, alles künftige Leben in Bewegung
setzen: dies ist die Hauptsache unsers Vorschlags. Die erste
hierbei sich aufdringende Frage ist: aber, wie soll denn nun
jenes Wohlgefallen selbst erzeugt werden? Erzeugt werden, im
eigentlichen Sinne des Wortes, kann es nun wohl nicht; denn der
Mensch vermag nicht aus Nichts etwas zu machen. Es muß, wenn
unser Vorschlag irgend ausführbar sein soll, dieses Wohlgefallen
ursprünglich vorhanden sein, und schlechthin in allen Menschen
ohne Ausnahme vorhanden sein und ihnen angeboren werden. So
verhält es sich denn auch wirklich. Das Kind ohne alle Ausnahme
will recht und gut sein, keineswegs will es, so wie ein junges
Tier bloß wohl sein. Die Liebe ist der Grundbestandteil des
Menschen; diese ist da, so wie der Mensch da ist, ganz und
vollendet, und es kann ihr nichts hinzugefügt werden; denn diese
liegt hinaus über die fortwachsende Erscheinung des sinnlichen
Lebens und ist unabhängig von ihm. Nur die Erkenntnis ist
es, woran sich dieses sinnliche Leben knüpft, und welche mit
demselben entsteht und fortwächst. Diese entwickelt sich nur
langsam und allmählich im Fortlaufe der Zeit. Wie soll nun,
so lange, bis ein geordnetes Ganzes von Begriffen des Rechten
und Guten entstehe, an welches das treibende Wohlgefallen
sich knüpfen könne, jene angeborene Liebe über die Zeiten
der Unwissenheit hinwegkommen, sich entwickeln und üben? Die
vernünftige Natur hat ohne alles unser Zutun der Schwierigkeit
abgeholfen. Das dem Kinde in seinem Innern abgehende Bewußtsein
stellt sich ihm äußerlich und verkörpert dar an dem Urteile der
erwachsenen Welt. Bis in ihm selbst ein verständiger Richter sich
entwickle, wird es durch einen Naturtrieb an diese verwiesen,
und so ihm ein Gewissen außer ihm gegeben, bis in ihm selber
sich eins erzeuge. Diese bis jetzt wenig bekannte Wahrheit soll
die neue Erziehung anerkennen, und sie soll die ohne ihr Zutun
vorhandene Liebe auf das Rechte leiten. Bis jetzt ist in der
Regel diese Unbefangenheit und diese kindliche Gläubigkeit der
Unmündigen an die höhere Vollkommenheit der Erwachsenen zum
Verderben derselben gebraucht worden; ihre Unschuld gerade, und
ihr natürlicher Glauben an uns, machte es uns möglich, ihnen
statt des Guten, das sie innerlich wollten, unser Verderbnis, das
sie verabscheut haben würden, wenn sie es zu erkennen vermocht
hätten, einzupflanzen, noch ehe sie Gutes und Böses unterscheiden
konnten.
Dies ist eben die allergrößte Vergehung, die unsrer Zeit zur Last
fällt; und es wird hierdurch auch die täglich sich darbietende
Erscheinung erklärt, daß in der Regel der Mensch um so schlechter,
selbstsüchtiger, für alle guten Regungen erstorbener und zu
jedem rechten Werke untauglicher wird, je mehr Jahre er zählt,
und um je weiter daher er sich von den ersten Tagen seiner
Unschuld, die fürs erste noch immer in einigen Ahnungen des
Guten leise nachklingen, entfernt hat; es wird dadurch ferner
bewiesen, daß das gegenwärtige Geschlecht, wenn es nicht einen
durchaus trennenden Abschnitt in sein Fortleben macht, eine
noch verdorbenere Nachkommenschaft, und diese eine abermals
verdorbenere, notwendig hinterlassen werde. Von solchen sagt
ein verehrungswürdiger Lehrer des Menschengeschlechts mit
treffender Wahrheit, daß es besser sei, wenn ihnen beizeiten
ein Mühlstein an den Hals gehängt würde und sie ersäufet würden
im Meere, da wo es am tiefsten ist. Es ist eine abgeschmackte
Verleumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Sünder
geboren werde: wäre dies wahr, wie könnte doch jemals an ihn auch
nur ein Begriff von Sünde kommen, der ja nur im Gegensatze mit
einer Nichtsünde möglich ist? Er lebt sich zum Sünder; und das
bisherige menschliche Leben war in der Regel eine im steigenden
Fortschritte begriffene Entwicklung der Sündhaftigkeit.
Das Gesagte zeigt in einem neuen Lichte die Notwendigkeit,
ohne Verzug Anstalt zu einer wirklichen Erziehung zu machen.
Könnte nur die nachwachsende Jugend ohne alle Berührung mit den
Erwachsenen und völlig ohne Erziehung aufwachsen, so möchte man
ja immer den Versuch machen, was sich hieraus ergeben würde.
Aber, wenn wir sie auch nur in unsrer Gesellschaft lassen, macht
ihre Erziehung, ohne allen unsern Wunsch oder Willen, sich von
selbst; sie selbst erziehen sich an uns: unsre Weise zu sein
dringt sich ihnen auf als ihr Muster, sie eifern uns nach, auch
ohne daß wir es verlangen, und sie begehren nichts andres, denn
also zu werden, wie wir sind. Nun aber sind wir in der Regel und
nach der großen Mehrheit genommen, durchaus verkehrt, teils ohne
es zu wissen, und indem wir selbst, ebenso unbefangen wie unsre
Kinder, unsre Verkehrtheit für das Rechte halten; oder, wenn wir
es auch wüßten, wie vermöchten wir doch in der Gesellschaft
unsrer Kinder plötzlich das, was ein langes Leben uns zur zweiten
Natur gemacht hat, abzulegen, und unsern ganzen alten Sinn und
Geist mit einem neuen zu vertauschen? In der Berührung mit uns
müssen sie verderben, dies ist unvermeidlich; haben wir einen
Funken Liebe für sie, so müssen wir sie entfernen aus unserm
verpestenden Dunstkreise und einen reinern Aufenthalt für sie
errichten. Wir müssen sie in die Gesellschaft von Männern
bringen, welche, wie es auch übrigens um sie stehen möge, dennoch
durch anhaltende Uebung und Gewöhnung wenigstens die Fertigkeit
sich erworben haben, sich zu besinnen, daß Kinder sie beobachten,
und das Vermögen, wenigstens so lange sich zusammenzunehmen, und
die Kenntnis, wie man vor Kindern erscheinen muß; wir müssen
aus dieser Gesellschaft in die unsrige sie nicht eher wieder
zurücklassen, bis sie unser ganzes Verderben gehörig verabscheuen
gelernt haben, und vor aller Ansteckung dadurch völlig gesichert
sind.
Soviel haben wir über die Erziehung zur Sittlichkeit im allgemeinen
hier beizubringen für nötig erachtet.
Daß die Kinder in gänzlicher Absonderung von den Erwachsenen
mit ihren Lehrern und Vorstehern allein zusammenleben sollen,
ist mehrmals erinnert. Es versteht sich ohne unser besonderes
Bemerken, daß beiden Geschlechtern diese Erziehung auf dieselbe
Weise zuteil werden müsse. Eine Absonderung dieser Geschlechter
in besondere Anstalten für Knaben und Mädchen würde zweckwidrig
sein, und mehrere Hauptstücke der Erziehung zum vollkommenen
Menschen aufheben. Die Gegenstände des Unterrichts sind für
beide Geschlechter gleich; der in den Arbeiten stattfindende
Unterschied kann, auch bei Gemeinschaftlichkeit der übrigen
Erziehung, leicht beobachtet werden. Die kleinere Gesellschaft,
in der sie zu Menschen gebildet werden, muß, ebenso wie die
größere, in die sie einst als vollendete Menschen eintreten
sollen, aus einer Vereinigung beider Geschlechter bestehen; beide
müssen erst gegenseitig ineinander die gemeinsame Menschheit
anerkennen und lieben lernen, und Freunde haben und Freundinnen,
ehe sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geschlechtsunterschied
richtet, und sie Gatten und Gattinnen werden. Auch muß das
Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander im ganzen,
starkmütiger Schutz von der einen, liebevoller Beistand von der
andern Seite, in der Erziehungsanstalt dargestellt und in den
Zöglingen gebildet werden.
Wenn es zur Ausführung unsers Vorschlags kommen sollte, würde das
erste Geschäft sein, ein Gesetz für die innere Verfassung dieser
Erziehungsanstalten zu entwerfen. Wenn der von uns aufgestellte
Grundbegriff nur gehörig durchdrungen ist, so ist dies eine sehr
leichte Arbeit, und wir wollen uns hier dabei nicht aufhalten.
Ein Haupterfordernis dieser neuen Nationalerziehung ist es, daß
in ihr Lernen und Arbeiten vereinigt sei, daß die Anstalt durch
sich selbst sich zu erhalten den Zöglingen wenigstens scheine,
und daß jeder in dem Bewußtsein erhalten werde, zu diesem Zwecke
nach aller seiner Kraft beizutragen. Dies wird, durchaus noch
ohne alle Beziehung auf den Zweck der äußern Ausführbarkeit und
der Sparsamkeit hierbei, die man unserm Vorschlage ohne Zweifel
anmuten wird, schon unmittelbar durch die Aufgabe der Erziehung
selbst gefordert; teils darum, weil alle, die bloß durch die
allgemeine Nationalerziehung hindurchgehen, zu den arbeitenden
Ständen bestimmt sind, und zu deren Erziehung die Bildung zum
tüchtigen Arbeiter ohne Zweifel gehört; besonders aber darum,
weil das gegründete Vertrauen, daß man sich stets durch eigne
Kraft werde durch die Welt bringen können und für seinen
Unterhalt keiner fremden Wohltätigkeit bedürfe, zur persönlichen
Selbständigkeit des Menschen gehört, und die sittliche, weit mehr
als man bis jetzt zu glauben scheint, bedingt. Diese Bildung
würde einen andern, bis jetzt auch in der Regel dem blinden
Ungefähr preisgegebenen Teil der Erziehung abgeben, den man
die wirtschaftliche Erziehung nennen könnte, und der keineswegs
aus der dürftigen und beschränkten Ansicht, über welche einige
unter Benennung der Oekonomie spotten, sondern aus dem höhern
sittlichen Standpunkte angesehen werden muß. Unsre Zeit stellt es
oft als einen über alle Gegenrede erhabenen Grundsatz auf, daß
man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen
müsse, wenn man leben wolle, und daß es auf keine andre Weise
angehe. Sie besinnt sich nicht, daß, wenn man sie auch mit dem
heroischen, aber durchaus wahren Gegenspruche verschonen wollte,
daß wenn es so ist, sie eben nicht leben, sondern sterben solle,
noch die Bemerkung übrigbleibt, daß sie hätte lernen sollen, mit
Ehren leben zu können. Man erkundige sich nur näher nach den
Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen; immer
wird man finden, daß sie nicht arbeiten gelernt haben, oder die
Arbeit scheuen, und daß sie noch überdies üble Wirtschafter
sind. Darum soll der Zögling unsrer Erziehung an Arbeitsamkeit
gewöhnt werden, damit er der Versuchung zur Unrechtlichkeit durch
Nahrungssorgen überhoben sei, und tief, und als allererster
Grundsatz der Ehre, soll es in sein Gemüt geprägt werden, daß es
schändlich sei, seinen Lebensunterhalt einem andern, denn seiner
Arbeit verdanken zu wollen.
Pestalozzi will während des Lernens zugleich allerlei Handarbeiten
treiben lassen. Indem wir die Möglichkeit dieser Vereinigung unter
der von ihm angegebenen Bedingung, daß das Kind die Handarbeit schon
vollkommen fertig könne, nicht leugnen wollen, scheint uns dennoch
dieser Vorschlag aus der Dürftigkeit des ersten Zwecks hervorzugehen.
Der Unterricht muß meines Erachtens als so heilig und ehrwürdig
dargestellt werden, daß er der ganzen Aufmerksamkeit und Sammlung
bedürfe, und nicht neben einem andern Geschäfte empfangen werden
könne. Sollen in Jahreszeiten, welche die Zöglinge ohnedies ins
Zimmer einschließen, in den Arbeitsstunden dergleichen Arbeiten,
als da ist Stricken, Spinnen und dergleichen getrieben werden, so
wird es, damit der Geist in Tätigkeit bleibe, sehr zweckmäßig sein,
gemeinschaftliche Geistesübungen unter Aufsicht damit zu verknüpfen;
dennoch ist jetzt die Arbeit die Hauptsache und diese Uebungen sind
nicht zu betrachten als Unterricht, sondern bloß als ein erheiterndes
Spiel.
Alle Arbeiten dieser niedern Art müssen überhaupt nur als
Nebensache, keineswegs als die Hauptarbeit, vorgestellt werden.
Diese Hauptarbeit ist die Ausübung des Acker- und Gartenbaus,
der Viehzucht, und derjenigen Handwerke, deren sie in ihrem
kleinen Staate bedürfen. Es versteht sich, daß der Anteil hieran,
der einem zugemutet wird, mit der körperlichen Kraft seines
Alters in Gleichgewicht zu bringen, und die abgehende Kraft
durch neu zu erfindende Maschinen und Werkzeuge zu ersetzen
ist. Die Hauptrücksicht hierbei ist die, daß sie, soweit
möglich, in seinen Gründen verstehen müssen, was sie treiben,
daß sie die zu ihren Geschäften nötigen Kenntnisse von der
Erzeugung der Pflanzen, von den Eigenschaften und Bedürfnissen
des tierischen Körpers, von den Gesetzen der Mechanik, schon
erhalten haben. Auf diese Art wird teils ihre Erziehung schon
ein folgegemäßer Unterricht über die Gewerbe, die sie künftig zu
treiben haben, und es wird der denkende und verständige Landwirt
in unmittelbarer Anschauung gebildet, teils wird schon jetzt
ihre mechanische Arbeit veredelt und vergeistigt, sie ist in
eben dem Grade Beleg in der freien Anschauung dessen, was sie
begriffen haben, als sie Arbeit um den Unterhalt ist, und auch in
Gesellschaft mit dem Tiere und der Erdscholle bleiben sie dennoch
im Umkreise der geistigen Welt, und sinken nicht herab zu den
letztern.
Das Grundgesetz dieses kleinen Wirtschaftsstaates sei dieses,
daß in ihm kein Artikel zu Speise, Kleidung usw. noch, soweit
dies möglich ist, irgendein Werkzeug gebraucht werden dürfe, das
nicht in ihm selbst erzeugt und verfertigt sei. Bedarf diese
Haushaltung einer Unterstützung von außen, so werden ihr die
Gegenstände in Natur, aber keine andrer Art, als die sie auch
selbst hat, gereicht, und zwar ohne daß die Zöglinge erfahren,
daß ihre eigne Ausbeute vermehrt worden, oder daß sie, wo das
letztere zweckmäßig ist, es nur als Darlehen erhalten, und es zu
bestimmter Zeit wieder zurückerstatten. Für diese Selbständigkeit
und Selbstgenügsamkeit des Ganzen arbeite nun jeder einzelne aus
aller seiner Kraft, ohne daß er doch mit demselben abrechne, oder
für sich auf irgendein Eigentum Anspruch mache. Jeder wisse, daß
er sich dem Ganzen ganz schuldig ist, und genieße nur oder darbe,
wenn es sich so fügt, mit dem Ganzen. Dadurch wird die ehrgemäße
Selbständigkeit des Staates und der Familie, in die er einst
treten soll, und das Verhältnis ihrer einzelnen Glieder zu ihnen,
der lebendigen Anschauung dargestellt, und wurzelt unaustilgbar
ein in sein Gemüt.
Hier bei dieser Anführung zur mechanischen Arbeit ist der
Ort, wo die in der allgemeinen Nationalerziehung liegende und
auf sie gestützte Gelehrtenerziehung von der ersteren sich
absondert, und wo von derselben zu sprechen ist. Die in der
allgemeinen Nationalerziehung liegende Gelehrtenerziehung,
habe ich gesagt. Ob es nicht auch fernerhin jedem, der eignes
Vermögen genug zu haben glaubt, um zu studieren, oder der sich
aus irgendeinem Grunde zu den bisherigen höhern Ständen rechnet,
freistehen werde, den bisher üblichen Weg der Gelehrtenerziehung
zu beschreiten, lasse ich dahingestellt sein: wie, wenn es
nur einmal zur Nationalerziehung kommen sollte, die Mehrheit
dieser Gelehrten, ich will nicht sagen gegen den in der neuen
Schule gebildeten Gelehrten, sondern sogar gegen den aus ihr
hervorgehenden gemeinen Mann, mit ihrer erkauften Gelehrsamkeit,
bestehen werde, wird die Erfahrung lehren: ich aber will jetzt
nicht davon, sondern von der Gelehrtenerziehung in der neuen
Weise reden.
In den Grundsätzen derselben muß auch der künftige Gelehrte
durch die allgemeine Nationalerziehung hindurchgegangen sein,
und den ersten Teil derselben, die Entwicklung der Erkenntnis
an Empfindung, Anschauung und dem, was an die letztere geknüpft
wird, vollständig und klar erhalten haben. Nur dem Knaben, der
eine vorzügliche Gabe zum Lernen, und eine hervorstechende
Hinneigung nach der Welt der Begriffe zeigt, kann die neue
Nationalerziehung erlauben, diesen Stand zu ergreifen; jedem
aber, der diese Eigenschaften zeigt, wird sie es ohne Ausnahme,
und ohne Rücksicht auf einen vorgeblichen Unterschied der Geburt,
erlauben müssen; denn der Gelehrte ist es keineswegs zu seiner
eignen Bequemlichkeit, und jedes Talent dazu ist ein schätzbares
Eigentum der Nation, das ihr nicht entrissen werden darf.
Der Ungelehrte ist bestimmt, das Menschengeschlecht auf dem
Standpunkte der Ausbildung, die es errungen hat, durch sich
selbst zu erhalten, der Gelehrte, nach einem klaren Begriffe und
mit besonnener Kunst, dasselbe weiter zu bringen. Der letztere
muß mit seinem Begriffe der Gegenwart immer voraus sein, die
Zukunft erfassen und dieselbe in die Gegenwart zu künftiger
Entwicklung hineinzupflanzen vermögen. Dazu bedarf es einer
klaren Uebersicht des bisherigen Weltzustandes, einer freien
Fertigkeit im reinen und von der Erscheinung unabhängigen Denken,
und, damit er sich mitteilen könne, des Besitzes der Sprache
bis in ihre lebendige und schöpferische Wurzel hinein. Alles
dieses erfordert geistige Selbsttätigkeit ohne alle fremde
Leitung und einsames Nachdenken, in welchem darum der künftige
Gelehrte von der Stunde an, da sein Beruf entschieden ist, geübt
werden muß, keineswegs bloß, wie beim Ungelehrten, ein Denken
unter dem Auge des stets gegenwärtigen Lehrers; es erfordert
eine Menge Hilfskenntnisse, die dem Ungelehrten für seine
Bestimmung durchaus unbrauchbar sind. Die Arbeit des Gelehrten
und das Tagwerk seines Lebens wird eben jenes einsame Nachdenken
sein; zu dieser Arbeit ist er nun sogleich anzuführen, die
andre mechanische Arbeit ihm dagegen zu erlassen. Indes also
die Erziehung des künftigen Gelehrten zum Menschen überhaupt
mit der allgemeinen Nationalerziehung wie bisher fortginge,
und er dem dahin einschlagenden Unterrichte mit allen übrigen
beiwohnte, würden ihm nur diejenigen Stunden, die für die andern
Arbeitsstunden sind, gleichfalls zu Lehrstunden gemacht werden
müssen in demjenigen, was sein einstiger Beruf eigentümlich
erfordert; und dieses wäre der ganze Unterschied. Die allgemeinen
Kenntnisse des Ackerbaues, andrer mechanischen Künste und der
Handgriffe dabei, die schon dem bloßen Menschen anzumuten sind,
wird er ohne Zweifel schon bei seinem Durchgange durch die erste
Klasse gelernt haben, oder diese Kenntnisse wären, falls dies
nicht der Fall sein sollte, nachzuholen. Daß er, weit weniger
denn irgendein andrer, von den eingeführten körperlichen Uebungen
losgesprochen werden könne, versteht sich von selbst. Die
besondern Lehrgegenstände aber, die in den gelehrten Unterricht
fallen würden, sowie den dabei zu beobachtenden Lehrgang noch
anzugeben, liegt außerhalb des Planes dieser Reden.
Elfte Rede.
Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes anheimfallen werde.
Der Plan der neuen deutschen Nationalerziehung ist für unsern
Zweck hinreichend dargelegt. Die nächste Frage, die sich nun
aufdringt, ist die: wer soll sich an die Spitze der Ausführung
dieses Plans stellen, auf wen ist dabei zu rechnen, und auf wen
haben wir gerechnet?
Wir haben diese Erziehung als die höchste und dermalen sich
einzig aufdringende Angelegenheit der deutschen Vaterlandsliebe
aufgestellt, und wollen an diesem Bande die Verbesserung und
Umschaffung des gesamten Menschengeschlechts zuerst in die Welt
einführen. Jene Vaterlandsliebe aber soll zunächst den deutschen
Staat, allenthalben wo Deutsche regiert werden, begeistern, und
den Vorsitz haben und die treibende Kraft sein bei allen seinen
Beschlüssen. Der Staat also wäre es, auf welchen wir zuerst unsre
erwartenden Blicke zu richten hätten.
Wird dieser unsre Hoffnungen erfüllen? Welches sind die Erwartungen,
die wir, immer wie sich versteht, auf keinen besondern Staat, sondern
auf ganz Deutschland sehend, nach dem bisherigen von ihm fassen
können?
Im neuern Europa ist die Erziehung ausgegangen nicht eigentlich
vom Staate, sondern von derjenigen Gewalt, von der die Staaten
meistens auch die ihrige hatten, von dem himmlisch-geistigen
Reiche der Kirche. Diese betrachtete sich nicht sowohl als ein
Bestandteil des irdischen Gemeinwesens, sondern vielmehr als eine
demselben ganz fremde Pflanzstatt aus dem Himmel, die abgesandt
sei, diesem auswärtigen Staate allenthalben, wo sie Wurzel
fassen konnte, Bürger anzuwerben; ihre Erziehung ging auf nichts
andres, denn daß die Menschen in der andern Welt keineswegs
verdammt, sondern selig würden. Durch die Reformation wurde diese
kirchliche Gewalt, die übrigens fortfuhr sich ebenso anzusehen
wie bisher, mit der weltlichen Macht, mit der sie bisher gar
oft sogar im Widerstreite gelegen hatte, nur vereinigt; dies
war der ganze Unterschied, der in dieser Rücksicht aus jener
Begebenheit erfolgte. Es blieb daher auch die alte Ansicht des
Erziehungswesens. Auch in den neuesten Zeiten, und bis auf diesen
Tag, ist die Bildung der vermögenden Stände betrachtet worden
als eine Privatangelegenheit der Eltern, die sich nach eignem
Gefallen einrichten möchten, und die Kinder dieser wurden in der
Regel nur dazu angeführt, daß sie sich selbst einst nützlich
würden; die einzige öffentliche Erziehung aber, die des Volks,
war lediglich Erziehung zur Seligkeit im Himmel; die Hauptsache
war ein wenig Christentum und Lesen, und falls es zu erschwingen
war, Schreiben, alles um des Christentums willen. Alle andre
Entwicklung der Menschen wurde dem ohngefähren und blind
wirkenden Einflusse der Gesellschaft, in welcher sie aufwuchsen,
und dem wirklichen Leben selbst überlassen. Sogar die Anstalten
zur gelehrten Erziehung waren vorzüglich auf die Bildung von
Geistlichen berechnet; dies war die Hauptfakultät, zu der die
übrigen nur den Anhang bildeten, und meistens auch nur den Abgang
von jener abgetreten erhielten.
Solange diejenigen, die an der Spitze des Regiments standen, über
den eigentlichen Zweck desselben im dunkeln blieben, und selbst
für ihre eigne Person ergriffen waren von jener gewissenhaften
Sorge für ihre und andrer Seligkeit, konnte man auf ihren Eifer
für diese Art der öffentlichen Erziehung und auf ihre ernstlichen
Bemühungen dafür sicher rechnen. Sobald sie aber über den ersten
ins klare kamen und begriffen, daß der Wirkungskreis des Staates
innerhalb der sichtbaren Welt liege, so mußte ihnen einleuchten,
daß jene Sorge für die ewige Seligkeit ihrer Untertanen ihnen
nicht zur Last fallen könne, und daß, wer da selig werden wolle,
selbst sehen möge, wie er es mache. Sie glaubten von nun an genug
zu tun, wenn sie nur die aus gottseligern Zeiten herrührenden
Stiftungen und Anstalten ihrer ersten Bestimmung fernerhin
überließen; so wenig angemessen und ausreichend dieselben auch
für die ganz veränderten Zeiten sein mochten, ihnen mit Ersparung
an ihren anderweitigen Zwecken selbst zuzulegen, hielten sie sich
nicht für verbunden, tätig einzugreifen, und das zweckmäßige
Neue an die Stelle des Veralteten und Unbrauchbaren zu setzen,
nicht für berechtigt, und auf alle Vorschläge dieser Art war die
stets fertige Antwort: hierzu habe der Staat kein Geld. Wurde
ja einmal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, so geschah
es zum Vorteile der höhern Lehranstalten, die einen Glanz
weitumher verbreiten und ihren Beförderern Ruhm bereiten; die
Bildung derjenigen Klasse aber, die der eigentliche Boden des
Menschengeschlechts ist, aus welcher die höhere Bildung sich
immerfort ergänzt, und auf welcher die letztere fortdauernd
zurückwirken muß, die des Volks, blieb unbeachtet und befindet
sich seit der Reformation bis auf diesen Tag im Zustande des
steigenden Verfalles.