Schall und Wort, als Entwicklungsmittel der geistigen Kraft
spricht, zu berichtigen und zu beschränken. In das Einzelne zu
gehen, erlaubt mir nicht der Plan dieser Reden. Nur noch die
folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage
seiner Entwicklung aller Erkenntnis enthält sein Buch für Mütter,
in dem er unter andern gar sehr auf häusliche Erziehung rechnet.
Was zuvörderst diese, die häusliche Erziehung, selbst anbelangt,
so wollen wir zwar mit ihm keineswegs über die Hoffnungen, die
er sich von den Müttern macht, streiten; was aber unsern höhern
Begriff einer Nationalerziehung anbelangt, so sind wir fest
überzeugt, daß diese, besonders bei den arbeitenden Ständen, im
Hause der Eltern, und überhaupt ohne gänzliche Absonderung der
Kinder von ihnen, durchaus weder angefangen, noch fortgesetzt,
oder vollendet werden kann. Der Druck, die Angst um das tägliche
Auskommen, die kleinliche Genauigkeit und Gewinnsucht, die sich
hierzu fügt, würde die Kinder notwendig anstecken, herabziehen
und sie verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des
Gedankens zu nehmen. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, die
bei der Ausführung unsers Plans unbedingt ist, und auf keine
Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im
ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie
sie im vorhergehenden war, haben wir nun zur Genüge ersehen;
soll eine gänzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden,
so muß sie einmal ganz losgerissen werden von sich selber, und
ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr hergebrachtes
Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung
hindurch gegangen sein wird, wird sich beratschlagen lassen,
welchen Teil von der Nationalerziehung man dem Hause anvertrauen
wolle. -- Dies nun abgerechnet, und das Pestalozzische Buch
für die Mütter lediglich als erste Grundlage des Unterrichts
betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Körper des Kindes,
ein vollkommner Mißgriff. Er geht von dem sehr richtigen Satze
aus, der erste Gegenstand der Erkenntnis des Kindes müsse das
Kind selbst sein, aber ist denn der Körper des Kindes das Kind
selbst? wäre, wenn es doch ein menschlicher Körper sein sollte,
der Körper der Mutter ihm nicht weit näher und sichtbarer? und
wie kann doch das Kind eine anschauliche Erkenntnis von seinem
Körper bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu
gebrauchen? Jene Kenntnis ist keine Erkenntnis, sondern ein
bloßes Auswendiglernen von willkürlichen Wortzeichen, das
durch die Ueberschätzung des Redens herbeigeführt wird. Die
wahre Grundlage des Unterrichts und der Erkenntnis wäre, um
es in der Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein Abc der
Empfindungen. Wie das Kind anfängt Sprachtöne zu vernehmen und
selbst notdürftig zu bilden, müßte es geleitet werden, sich
vollkommen deutlich zu machen: ob es hungere oder schläfrig sei,
ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwärtige
Empfindung sehe oder ob es vielmehr dieselbe höre usf., oder ob
es wohl gar etwas bloß hinzudenke; wie die verschiedenen durch
besondere Wörter bezeichneten Eindrücke auf denselben Sinn,
zum Beispiel die Farben, die Schalle der verschiedenen Körper
usf. verschieden seien, und in welchen Abstufungen; alles dies
in richtiger und das Empfindungsvermögen selbst regelmäßig
entwickelnder Folge. Hierdurch erhält das Kind erst ein Ich,
das es im freien und besonnenen Begriffe absondert, und mit
demselben durchdringt, und gleich bei seinem Erwachen ins Leben
wird dem Leben ein geistiges Auge eingesetzt, das von nun an
wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hierdurch erhalten
auch für die nachfolgenden Uebungen der Anschauung die an sich
leeren Formen des Maßes und der Zahl ihren deutlich erkannten
innern Gehalt, der bei der Pestalozzischen Verfahrungsweise
doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden
kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser
Rücksicht merkwürdiges Geständnis eines seiner Lehrer vor, der,
in dieses Verfahren eingeweiht, anfing, nur noch ausgeleerte
geometrische Körper zu erblicken. So müßte es allen Zöglingen
dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unvermerkt die geistige
Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen
dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo zwar
nicht das Sprachzeichen, aber das Reden selbst und das Bedürfnis
sich für andre auszusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus
der Dunkelheit und Verworrenheit zur Klarheit und Bestimmtheit
erhebt. Auf das zuerst zum Bewußtsein erwachende Kind dringen
alle Eindrücke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein, und
vermischen sich zu einem dumpfen Chaos, in welchem nichts
Einzelnes aus dem allgemeinen Gewühl hervorsteht. Wie soll es
jemals herauskommen aus dieser Dumpfheit? Es bedarf der Hilfe
andrer; es kann diese Hilfe auf keine andre Weise an sich
bringen, denn dadurch, daß es sein Bedürfnis bestimmt ausspreche,
mit den Unterscheidungen von ähnlichen Bedürfnissen, die schon
in der Sprache niedergelegt sind. Es wird genötigt, nach
Anleitung jener Unterscheidungen, mit Zurückziehung und Sammlung
auf sich zu merken, das, was es wirklich fühlt, zu vergleichen
und zu unterscheiden von anderm, das es wohl auch kennt, aber
gegenwärtig nicht fühlt. Hierdurch sondert sich erst ab in ihm
ein besonnenes und freies Ich. Diesen Weg nun, den Not und Natur
mit uns anhebt, soll die Erziehung mit besonnener und freier
Kunst fortsetzen.
Im Felde der objektiven Erkenntnis, die auf äußere Gegenstände
geht, fügt die Bekanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlichkeit
und Bestimmtheit der innern Erkenntnis für den Erkennenden selbst
durchaus nichts hinzu, sondern sie erhebt dieselbe bloß in den
völlig verschiedenen Kreis der Mitteilbarkeit für andre. Die
Klarheit jener Erkenntnis beruht gänzlich auf der Anschauung,
und dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Teilen,
gerade so wie es wirklich ist, in der Einbildungskraft wieder
erzeugen kann, ist vollkommen erkannt, ob man nun dazu ein Wort
habe oder nicht. Wir sind sogar der Ueberzeugung, daß jene
Vollendung der Anschauung der Bekanntschaft mit dem Wortzeichen
vorausgehen müsse, und daß der umgekehrte Weg gerade in jene
Schatten- und Nebelwelt, und zu dem frühen Maulbrauchen, welche
beide Pestalozzi mit Recht so verhaßt sind, führe, ja daß der,
der nur je eher je lieber das Wort wissen will, und der seine
Erkenntnisse für vermehrt hält, sobald er es weiß, eben in jener
Nebelwelt lebt, und bloß um deren Erweiterung bekümmert ist. Des
Erfinders Denkgebäude im ganzen erfassend, glaube ich, daß es
gerade dieses Abc der Empfindung war, was er, als erste Grundlage
der geistigen Entwicklung und als Inhalt seines Buchs der Mütter,
anstrebte, und was ihm dunkel bei allen seinen Aeußerungen
über die Sprache vorschwebte, und daß allein der Mangel an
philosophischen Studien ihn verhinderte, in diesem Punkte sich
selber vollkommen klar zu werden.
Diese Entwicklung nun des erkennenden Subjekts selbst, an der
Empfindung, vorausgesetzt, und der Nationalerziehung, die wir
beabsichtigten, als allererste Grundlage untergelegt, ist das
Pestalozzische Abc der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und
Maßverhältnissen, die vollkommen zweckmäßige und vortreffliche Folge.
An diese Anschauung kann ein beliebiger Teil der Sinnenwelt geknüpft
werden, sie kann eingeführt werden in das Gebiet der Mathematik, so
lange, bis an diesen Vorübungen der Zögling hinlänglich gebildet sei,
um zur Entwerfung einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und
zur Liebe dieser Ordnung, als dem zweiten und wesentlichen Schritte
seiner Bildung, angeführt zu werden.
Noch ist, gleich beim ersten Teile der Erziehung ein andrer
von Pestalozzi gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand
nicht zu übergehen: die Entwicklung der körperlichen Fertigkeit
des Zöglings, die mit der geistigen notwendig Hand in Hand
gehend fortschreiten muß. Er fordert ein Abc der Kunst, d. h.
des körperlichen Könnens. Seine hervorstechendsten Aeußerungen
hierüber sind folgende: »Schlagen, Tragen, Werfen, Stoßen,
Ziehen, Drehen, Ringen, Schwingen usf. seien die einfachsten
Uebungen der Kraft. Es gebe eine naturgemäße Stufenfolge von
den Anfängen in diesen Uebungen bis zu ihrer vollendeten Kunst,
d. i. bis zum höchsten Grade des Nerventaktes, der Schlag
und Stoß, Schwung und Wurf, in hundertfachen Abwechslungen
sichere, und Hand und Fuß gewiß mache.« Alles kommt hierbei auf
die naturgemäße Stufenfolge an, und es reicht nicht hin, daß
man mit blinder Willkür hineingreife und irgendeine Uebung
einführe, damit doch von uns gesagt werden könne, wir hätten
auch, etwa wie die Griechen, körperliche Erziehung. In dieser
Rücksicht ist nun noch alles zu tun, denn Pestalozzi hat kein
Abc der Kunst geliefert. Dieses müßte erst geliefert werden,
und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des
menschlichen Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf
gleiche Weise zu Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Maß
philosophischen Geistes verbände, und der auf diese Weise fähig
wäre, in allseitiger Vollendung diejenige Maschine zu finden,
zu der der menschliche Körper angelegt ist, und anzugeben,
wie diese Maschine allmählich, also, daß jeder Schritt in der
einzig möglichen richtigen Folge geschähe, durch jeden alle
künftigen vorbereitet und erleichtert, und dabei die Gesundheit
und Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht nur
nicht gefährdet, sondern sogar gestärkt und erhöht würde, wie,
sage ich, auf diese Weise die Maschine aus jedem gesunden
menschlichen Körper entwickelt werden könne. Die Unerläßlichkeit
dieses Bestandteils für eine Erziehung, die den ganzen Menschen
zu bilden verspricht, und die besonders für eine Nation sich
bestimmt, welche ihre Selbständigkeit wiederherstellen und
fernerhin erhalten soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die
Augen.
Was für nähere Bestimmung unsers Begriffs von deutscher
Nationalerziehung noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor der
nächstkünftigen Rede.
Zehnte Rede.
Zur nähern Bestimmung der deutschen Nationalerziehung.
Die Anführung des Zöglings, zuerst seine Empfindungen, sodann
seine Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine
folgegemäße Kunstbildung seines Körpers Hand in Hand gehen muß,
ist der erste Hauptteil der neuen deutschen Nationalerziehung.
Was die Bildung der Anschauung betrifft, haben wir eine
zweckmäßige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur
Bildung des Empfindungsvermögens wird derselbe Mann und seine
Mitarbeiter, die zur Lösung dieser Aufgabe zunächst berufen sind,
leicht geben können. Eine Anweisung zur folgegemäßen Ausbildung
der körperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben, was zur
Lösung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, daß,
wenn die Nation Begierde nach dieser Lösung bezeigen sollte,
dieselbe sich finden werde. Dieser ganze Teil der Erziehung
ist nur Mittel und Vorübung zu dem zweiten wesentlichen Teile
derselben, der bürgerlichen und religiösen Erziehung. Was
hierüber im allgemeinen zu sagen dermalen not tut, ist in unsrer
zweiten und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in
dieser Rücksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anweisung
zur Kunst dieser Erziehung zu geben ist -- immer wie sich
versteht, in Beratung und Rücksprache mit der Pestalozzischen
eigentlichen Erziehungskunst -- die Sache derselben Philosophie,
die eine deutsche Nationalerziehung überhaupt in Vorschlag
bringt; und diese Philosophie wird, wenn nur erst das Bedürfnis
einer solchen Anweisung durch vollendete Ausübung des ersten
Teils eintritt, nicht säumen, dieselbe zu liefern. Wie es möglich
sein werde, daß jedweder Zögling, auch aus dem niedrigsten Stande
geboren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig keinen Unterschied
in den Anlagen macht, den Unterricht über diese Gegenstände, der
allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik enthält
und die Ausbeute der abgezogensten Spekulation ist, und welche zu
fassen dermalen sogar Gelehrten und selbst spekulierenden Köpfen
so unmöglich fällt, fassen und sogar leicht fassen werde; darüber
ermüde man sich nur vorläufig nicht im Hin- und Herzweifeln;
wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so
wird dies späterhin die Erfahrung lehren. Nur darum, weil unsre
Zeit überhaupt in der Welt der leeren Begriffe gefesselt und
an keiner Stelle in die Welt der wahrhaftigen Realität und
Anschauung hineingekommen ist, ist es ihr nicht anzumuten, daß
sie gerade bei der allerhöchsten und geistigsten Anschauung, und
nachdem sie schon über alles Maß klug ist, das Anschauen anfange.
Ihr muß die Philosophie anmuten, ihre bisherige Welt aufzugeben
und eine ganz andre sich zu verschaffen, und es ist kein Wunder,
wenn eine solche Anmutung ohne Erfolg bleibt. Der Zögling unsrer
Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an einheimisch geworden in
der Welt der Anschauung und hat niemals eine andre gesehen; er
soll seine Welt nicht verändern, sondern sie nur steigern, und
dieses ergibt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie
wir schon oben darauf deuteten, die einzig mögliche Erziehung für
Philosophie und das einzige Mittel, diese letztere allgemein zu
machen.
Mit dieser bürgerlichen und religiösen Erziehung nun ist die
Erziehung beschlossen und der Zögling zu entlassen, und so wären
wir denn fürs erste in Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen
Erziehung im reinen.
Es müsse niemals das Erkenntnisvermögen des Zöglings angeregt werden,
ohne daß die Liebe für den erkannten Gegenstand es zugleich werde,
indem außerdem die Erkenntnis tot, und ebenso niemals die Liebe, ohne
daß sie der Erkenntnis klar werde, indem außerdem die Liebe blind
bleibe -- ist einer der Hauptgrundsätze der von uns vorgeschlagenen
Erziehung, mit welchem auch Pestalozzi seinem ganzen Denkgebäude
zufolge einverstanden sein muß. Die Anregung und Entwicklung dieser
Liebe nun knüpft sich an den folgegemäßen Lehrgang am Faden der
Empfindung und der Anschauung von selbst, und kommt ohne allen
unsern Vorsatz oder Zutun. Das Kind hat einen natürlichen Trieb
nach Klarheit und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort
befriedigt, und erfüllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in
der Befriedigung aber wird es durch die neuen Dunkelheiten, die nun
zum Vorschein kommen, wiederum angeregt, und so ferner befriedigt,
und so geht das Leben hin in Liebe und Lust am Lernen. Dies ist die
Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens geknüpft
wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt überhaupt. Durch diese
Liebe entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie
bisher durch das Ungefähr bei wenigen vorzüglich begünstigten Köpfen,
die leichte Entwicklung des Erkenntnisvermögens, und die glückliche
Bearbeitung der Felder der Wissenschaft.
Noch aber gibt es eine andre Liebe, diejenige, welche den
Menschen an den Menschen bindet, und alle einzelne zu einer
einigen Vernunftgemeinde der gleichen Gesinnung verbindet. Wie
jene die Erkenntnis, so bildet diese das handelnde Leben, und
treibt an, das Erkannte in sich und andern darzustellen. Da
es für unsern eigentlichen Zweck wenig helfen würde, bloß die
Gelehrtenerziehung zu verbessern und die von uns beabsichtigte
Nationalerziehung zunächst nicht darauf ausgeht, Gelehrte,
sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, daß neben jener
ersten auch die Entwicklung der zweiten Liebe unerläßliche
Pflicht dieser Erziehung ist.
Pestalozzi redet[4] von diesem Gegenstande mit herzerhebender
Begeisterung; dennoch aber müssen wir bekennen, daß alles dieses
uns nicht im mindesten klar geschienen hat und am allerwenigsten
so klar, daß es einer kunstmäßigen Entwicklung jener Liebe zur
Grundlage dienen könne. Es ist darum nötig, daß wir unsre eignen
Gedanken zu einer solchen Grundlage mitteilen.
[4] Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Beförderung einer der
Menschennatur angemessenen Erziehungsweise. Leipzig 1807.
Die gewöhnliche Annahme, daß der Mensch von Natur selbstsüchtig
sei, und auch das Kind mit dieser Selbstsucht geboren werde, und
daß es allein die Erziehung sei, die demselben eine sittliche
Triebfeder einpflanze, gründet sich auf eine sehr oberflächliche
Beobachtung und ist durchaus falsch. Da aus Nichts sich nicht
etwas machen läßt, die noch so weit fortgesetzte Entwicklung
eines Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegenteile von
sich selbst machen kann; wie sollte doch die Erziehung vermögen,
jemals Sittlichkeit in das Kind hineinzubringen, wenn diese
nicht ursprünglich und vor aller Erziehung vorher in demselben
wäre? So ist sie es denn auch wirklich in allen menschlichen
Kindern, die zur Welt geboren werden; die Aufgabe ist bloß, die
ursprünglichste und reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein
kommt, zu ergründen.
Durchgeführte Spekulation sowohl, als die gesamte Beobachtung stimmen
überein, daß diese ursprünglichste und reinste Gestalt der Trieb
nach Achtung sei, und daß diesem Triebe erst das Sittliche, als
einzig möglicher Gegenstand der Achtung, das Rechte und Gute, die
Wahrhaftigkeit, die Kraft der Selbstbeherrschung, in der Erkenntnis
aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser Trieb zuerst als Trieb auch
geachtet zu werden von dem, was ihm die höchste Achtung einflößt; und
es richtet sich dieser Trieb, zum sichern Beweise, daß keineswegs
aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit stärker
und entschiedener auf den ernsteren, öfter abwesenden und nicht
unmittelbar als Wohltäter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer
Wohltätigkeit stets gegenwärtige Mutter. Von diesem will das Kind
bemerkt sein, es will seinen Beifall haben; nur inwiefern dieser mit
ihm zufrieden ist, ist es selbst mit sich zufrieden: dies ist die
natürliche Liebe des Kindes zum Vater; keineswegs als zum Pfleger
seines sinnlichen Wohlseins, sondern als zu dem Spiegel, aus welchem
ihm sein eigner Wert oder Unwert entgegenstrahlt; an diese Liebe kann
nun der Vater selbst schweren Gehorsam und jede Selbstverleugnung
leicht anknüpfen; für den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es
mit Freuden. Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt,
daß dieser bemerke sein Bestreben, gut zu sein, und es anerkenne, daß
er sich merken lasse, es mache ihm Freude, wenn er billigen könne,
und tue ihm herzlich wehe, wenn er mißbilligen müsse, er wünsche
nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden sein zu können, und
alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht, das Kind
selbst immer besser und achtungswürdiger zu machen; deren Anblick
wiederum die Liebe des Kindes fortdauernd belebt und verstärkt, und
ihm zu allen seinen fernern Bestrebungen neue Kraft gibt. Dagegen
wird diese Liebe ertötet durch Nichtbeachtung oder anhaltendes
unbilliges Verkennen; ganz besonders aber erzeugt es sogar Haß, wenn
man in der Behandlung desselben Eigennützigkeit blicken läßt, und
zum Beispiel einen durch die Unvorsichtigkeit desselben verursachten
Verlust als ein Hauptverbrechen behandelt. Es sieht sich sodann als
ein bloßes Werkzeug betrachtet, und dies empört sein zwar dunkles,
aber dennoch nicht abwesendes Gefühl, daß es durch sich selbst einen
Wert haben müsse.
Um dies an einem Beispiele zu belegen. Was ist es doch, das dem
Schmerze der Züchtigung beim Kinde noch die Scham hinzufügt,
und was ist diese Scham? Offenbar ist sie das Gefühl der
Selbstverachtung, die es sich zufügen muß, da ihm das Mißfallen
seiner Eltern und Erzieher bezeugt wird. Daher denn auch in einem
Zusammenhange, wo die Bestrafung von keiner Scham begleitet wird,
es mit der Erziehung zu Ende ist, und die Bestrafung erscheint
als eine Gewalttätigkeit, über die der Zögling mit hohem Sinne
sich hinwegsetzt und ihrer spottet.
Dies also ist das Band, was die Menschen zur Einheit des Sinnes
verknüpft und dessen Entwicklung ein Hauptbestandteil der
Erziehung zum Menschen ist -- keineswegs sinnliche Liebe, sondern
Trieb zu gegenseitiger Achtung. Dieser Trieb gestaltet sich auf
eine doppelte Weise: im Kinde, ausgehend von unbedingter Achtung
für die erwachsene Menschheit außer sich, zu dem Triebe, von
dieser geachtet zu werden, und an ihrer wirklichen Achtung, als
seinem Maßstabe, abzunehmen, inwiefern es auch selbst sich
achten dürfe. Dieses Vertrauen auf einen fremden und außer uns
befindlichen Maßstab der Selbstachtung ist auch der eigentümliche
Grundzug der Kindheit und Unmündigkeit, auf dessen Vorhandensein
ganz allein die Möglichkeit aller Belehrung und aller Erziehung
der nachwachsenden Jugend zu vollendeten Menschen sich gründet.
Der mündige Mensch hat den Maßstab seiner Selbstschätzung in ihm
selber, und will von andern geachtet sein, nur inwiefern sie
selbst erst seiner Achtung sich würdig gemacht haben; und bei ihm
nimmt dieser Trieb die Gestalt des Verlangens an, andre achten
zu können, und Achtungswürdiges außer sich hervorzubringen.
Wenn es nicht einen solchen Grundtrieb im Menschen gäbe, woher
käme doch die Erscheinung, daß es dem auch nur erträglich guten
Menschen wehe tut, die Menschen schlechter zu finden, als er
sie sich dachte, und daß es ihn tief schmerzt, sie verachten zu
müssen; da es ja der Selbstsucht im Gegenteile wohltun müßte,
über andre sich hochmütig erheben zu können? Diesen letzten
Grundzug der Mündigkeit nun soll der Erzieher darstellen, so wie
auf den ersten bei dem Zöglinge sicher zu rechnen ist. Der Zweck
der Erziehung in dieser Rücksicht ist es eben, die Mündigkeit
in dem von uns angegebenen Sinne hervorzubringen, und nur,
nachdem dieser Zweck erreicht ist, ist die Erziehung wirklich
vollendet und zu Ende gebracht. Bisher sind viele Menschen ihr
ganzes Leben hindurch Kinder geblieben: diejenigen, welche zu
ihrer Zufriedenheit des Beifalls der Umgebung bedurften, und
nichts Rechtes geleistet zu haben glaubten, als wenn sie dieser
gefielen. Ihnen hat man entgegengesetzt, als starke und kräftige
Charaktere, die wenigen, die über fremdes Urteil sich zu erheben
und sich selbst zu genügen vermochten, und hat diese in der Regel
gehaßt, indes man jene zwar nicht achtete, aber dennoch sie
liebenswürdig fand.
Die Grundlage aller sittlichen Erziehung ist es, daß man
wisse, es sei ein solcher Trieb im Kinde, und ihn festiglich
voraussetze, sodann, daß man ihn in seiner Erscheinung erkenne,
und ihn durch zweckmäßige Aufregung und durch Darreichung
eines Stoffs, woran er sich befriedige, allmählich immer mehr
entwickle. Die allererste Regel ist, daß man ihn auf den ihm
allein angemessenen Gegenstand richte, auf das Sittliche,
keineswegs aber etwa in einem ihm fremdartigen Stoffe ihn
abfinde. Das Lernen zum Beispiel führt seinen Reiz und seine
Belohnung in sich selber; höchstens könnte angestrengter Fleiß,
als eine Uebung der Selbstüberwindung, Beifall verdienen; aber
dieser freie und über die Forderung hinausgehende Fleiß wird
wenigstens in der bloßen, allgemeinen Nationalerziehung kaum eine
Stelle finden. Daß daher der Zögling lerne, was er soll, muß
betrachtet werden als etwas, das sich eben von selbst versteht,
und wovon nicht weiter geredet wird; selbst das schnellere und
bessere Lernen des fähigern Kopfs muß betrachtet werden eben
als ein bloßes Naturereignis, das ihm selber zu keinem Lobe
oder Auszeichnung dient, am allerwenigsten aber andre Mängel
verdeckt. Nur im Sittlichen soll diesem Trieb sein Wirkungskreis
angewiesen werden; aber die Wurzel aller Sittlichkeit ist die
Selbstbeherrschung, die Selbstüberwindung, die Unterordnung
seiner selbstsüchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen.
Nur durch diese, und schlechthin durch nichts andres, sei es
dem Zöglinge möglich, den Beifall des Erziehers zu erhalten,
dessen für seine eigne Zufriedenheit zu bedürfen er von seiner
geistigen Natur angewiesen und durch die Erziehung gewöhnt ist.
Es gibt, wie wir schon in unsrer zweiten Rede erinnert haben,
zwei sehr verschiedene Weisen jener Unterordnung des persönlichen
Selbst unter das Ganze. Zuvörderst diejenige, die schlechthin
sein muß, und keinem in keinem Stücke erlassen werden kann,
die Unterwerfung unter das, um der bloßen Ordnung des Ganzen
willen entworfene, Gesetz der Verfassung. Wer gegen dieses
sich nicht vergeht, den trifft nur nicht Mißfallen, keineswegs
aber wird ihm Beifall zuteil; so wie den, der sich dagegen
verginge, wirkliches Mißfallen und Tadel treffen würde, der da,
wo öffentlich gefehlt worden, auch öffentlich ergehen müßte,
und, wo er fruchtlos bliebe, sogar durch hinzugefügte Strafe
geschärft werden könnte. Sodann gibt es eine Unterordnung des
einzelnen unter das Ganze, die nicht gefordert, sondern nur
freiwillig geleistet werden kann: daß man durch eigne Aufopferung
den Wohlstand desselben steigere und vermehre. Um das Verhältnis
der bloßen Gesetzmäßigkeit und dieser höhern Tugend zueinander
den Zöglingen gleich von Jugend auf recht einzuprägen, wird
es zweckmäßig sein, nur demjenigen, gegen den einen gewissen
Zeitraum hindurch in der ersten Rücksicht keine Klage gewesen,
solche freiwillige Aufopferungen, gleichsam als den Lohn der
Gesetzmäßigkeit zu gestatten, dem aber, der in Regelmäßigkeit und
Ordnung seiner selbst noch nicht ganz sicher ist, die Erlaubnis
dazu zu versagen. Die Gegenstände solcher freiwilligen Leistungen
sind im allgemeinen schon oben angezeigt, und werden tiefer unten
sich noch näher ergeben. Dieser Art der Aufopferung werde zuteil
tätige Billigung, wirkliche Anerkennung ihrer Verdienstlichkeit,
keineswegs zwar öffentlich, als Lob, was das Gemüt verderben und
eitel machen, und es von der Selbständigkeit ableiten könnte,
sondern im geheimen und mit dem Zögling allein. Diese Anerkennung
soll nichts mehr sein, als das eigne, dem Zöglinge auch äußerlich
dargestellte gute Gewissen desselben, und die Bestätigung
seiner Zufriedenheit mit sich selbst, seiner Selbstachtung, und
die Ermunterung, sich auch ferner zu vertrauen. Die hierbei
beabsichtigten Vorteile würde folgende Einrichtung vortrefflich
befördern. Wo mehrere Erzieher und Erzieherinnen sind, wie wir
denn dies als die Regel voraussetzen, da wähle jedes Kind frei,
und so wie sein Vertrauen und sein Gefühl dasselbe treibt, einen
darunter zum besondern Freunde und gleichsam Gewissensrate.
Bei diesem suche es Rat in allen Fällen, wo es ihm schwer
wird, recht zu tun; er helfe ihm durch freundliche Zusprache
nach; er sei der Vertraute der freiwilligen Leistungen, die es
übernimmt; und er sei endlich derjenige, der das Treffliche mit
seinem Beifalle krönt. In den Personen dieser Gewissensräte
nun müßte die Erziehung, jedem einzelnen nach seiner Weise,
folgegemäß zu immer größerer Stärke in der Selbstüberwindung
und Selbstbeherrschung emporhelfen; und so wird allmählich
Festigkeit und Selbständigkeit entstehen, durch deren Erzeugung
die Erziehung sich selbst abschließt und für die Zukunft aufhebt.
Durch eignes Tun und Handeln schließt sich uns am klarsten der
Umfang der sittlichen Welt auf, und wem sie also aufgegangen ist,
dem ist sie wahrhaftig aufgegangen. Ein solcher weiß nun selbst,
was in ihr enthalten ist, und bedarf keines fremden Zeugnisses
mehr über sich, sondern vermag es, selbst ein richtiges Gericht
über sich zu halten und ist von nun an mündig.