Durch unsre letzte Rede sind mehrere schon in der ersten

versprochene Beweise geführt und vollendet worden. Es sei

dermalen nur davon die Rede, sagten wir, und dies sei die

erste Aufgabe, das Dasein und die Fortdauer des Deutschen

schlechtweg zu retten; alle andre Unterschiede seien dem höhern

Ueberblicke verschwunden; und es würde durch jenes den besondern

Verbindlichkeiten, die etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag

geschehen. Es ist, wenn uns nur der gemachte Unterschied zwischen

Staat und Nation gegenwärtig bleibt, klar, daß auch schon früher

die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit geraten

konnten. Die höhere Vaterlandsliebe für das gemeinsame Volk der

deutschen Nation mußte und sollte ja ohnedies die oberste Leitung

in jedem besondern deutschen Staate führen; keiner von ihnen

durfte ja diese höhere Angelegenheit aus den Augen verlieren,

ohne alles Edle und Tüchtige von sich abwendig zu machen, und so

seinen eignen Untergang zu beschleunigen: je mehr daher jemand

von jener höheren Angelegenheit ergriffen und belebt war, ein

desto besserer Bürger war er auch für den besondern deutschen

Staat, in den sein unmittelbarer Wirkungskreis fiel. Deutsche

Staaten konnten mit deutschen Staaten in Streit geraten, über

besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer des

hergebrachten Zustandes wollte, und jeder Verständige ohne

Zweifel mußte um der ferneren Folgen willen diese wollen, der

mußte wünschen, daß die gerechte Sache siege, in wessen Händen

sie auch sein möchte. Höchstens hätte ein besonderer deutscher

Staat darauf ausgehen können, die ganze deutsche Nation unter

seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten

Völkerrepublik Alleinherrschaft einzuführen. Wenn es wahr ist,

wie ich zum Beispiel es allerdings dafür halte, daß gerade

diese republikanische Verfassung bisher die vorzüglichste

Quelle deutscher Bildung und das erste Sicherungsmittel ihrer

Eigentümlichkeit gewesen, so wäre, falls die vorausgesetzte

Einheit der Regierung nicht etwa selbst die republikanische,

sondern die monarchische Form getragen hätte, in der es dem

Gewalthaber doch möglich gewesen wäre, irgendeinen Sproß

ursprünglicher Bildung über den ganzen deutschen Boden hinweg

für seine Lebenszeit zu zerdrücken; -- wenn dieses wahr ist,

sage ich, so wäre in diesem Falle es allerdings ein großes

Mißgeschick für die Angelegenheit deutscher Vaterlandsliebe

gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen wäre, und jeder Edle

über die ganze Oberfläche des gemeinsamen Bodens hinweg hätte

dagegen sich stemmen müssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten

Falle wären es doch immer Deutsche geblieben, die über Deutsche

regiert, und ihre Angelegenheiten ursprünglich geleitet hätten,

und wenn auch auf eine vorübergehende Zeit der eigentümliche

deutsche Geist vermißt worden wäre, so wäre doch die Hoffnung

geblieben, daß er wieder erwachen werde, und jedes kräftigere

Gemüt über den ganzen Boden hinweg hätte sich versprechen

können, Gehör zu finden und sich verständlich zu machen; es wäre

doch immer eine deutsche Nation im Dasein verblieben, und hätte

sich selbst regiert, und sie wäre nicht untergegangen in einem

andern von niederer Ordnung. Immer bleibt hier das Wesentliche

in unsrer Berechnung, daß die deutsche Nationalliebe selbst an

dem Ruder des deutschen Staates entweder sitze, oder doch mit

ihrem Einflusse dahin gelangen könne. Wenn aber zufolge unsrer

frühern Voraussetzung dieser deutsche Staat -- ob er nun als

einer oder mehrere erscheine, tut nichts zur Sache, in der Tat

ist es dennoch einer -- überhaupt aus deutscher Leitung in fremde

fiele, so ist sicher, und das Gegenteil davon wäre gegen alle

Natur und schlechterdings unmöglich; es ist sicher, sage ich,

daß von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern eine

fremde entscheiden würde. Wo die gesamte Nationalangelegenheit

der Deutschen bisher ihren Sitz hatte und dargestellt wurde am

Ruder des Staats, da wäre sie verwiesen. Soll sie nun hiermit

nicht ganz ausgetilgt sein von der Erde, so muß ihr ein andrer

Zufluchtsort bereitet werden, und zwar in dem, was allein

übrigbleibt, bei den Regierten, in den Bürgern. Wäre sie aber bei

diesen und ihrer Mehrheit schon, so wären wir in den Fall, über

welchen wir uns dermals beratschlagen, gar nicht gekommen; sie

ist daher nicht bei ihnen, und muß erst in sie hineingebracht

werden: das heißt mit andern Worten, die Mehrheit der Bürger

muß zu diesem vaterländischen Sinne erzogen werden, und, damit

man der Mehrheit sicher sei, diese Erziehung muß an der Allheit

versucht werden. Und so ist denn zugleich unumwunden und klar der

gleichfalls ehemals versprochene Beweis geführt worden, daß es

schlechthin nur die Erziehung und kein andres mögliches Mittel

sei, das die deutsche Selbständigkeit zu retten vermöge; und es

wäre ohne Zweifel nicht unsre Schuld, wenn man selbst bis jetzt

noch nicht den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unsrer

Reden, und den Sinn, in welchem alle unsre Aeußerungen zu nehmen

sind, zu fassen vermöchte.

Um es noch kürzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung,

sind den unmündigen ihre väterlichen und blutsverwandten

Vormünder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten;

sollen jene Unmündige nicht gar Sklaven werden, so müssen sie

eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses können,

zu allererst zur Mündigkeit erzogen werden. Die deutsche

Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern

breitern und tiefern erhalten, in welchem sie in ruhiger

Verborgenheit sich begründe und stähle, und zu rechter Zeit in

jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die verlorne

Selbständigkeit wiedergebe. Wegen des letztern können nun sowohl

das Ausland, als die kleinlichen und engherzigen Trübseligkeiten

unter uns selbst in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller

Troste sie versichern, daß sie es insgesamt nicht erleben werden,

und daß die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn

sie.

Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinander

schließen mögen, derselbe auch andre ergreifen und sie zur

Tätigkeit aufregen werde, hängt zu allererst davon ab, ob

es so etwas, wie wir deutsche Eigentümlichkeit und deutsche

Vaterlandsliebe geschildert haben, überhaupt gebe, und ob diese

der Erhaltung und des Strebens dafür wert sei oder nicht. Daß

der -- auswärtige oder einheimische -- Ausländer diese Frage

mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch

nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist hierbei

anzumerken, daß die Entscheidung über diese Frage keineswegs auf

einer Beweisführung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar

klarmachen, keineswegs aber über wirkliches Dasein oder Wert

Auskunft zu geben vermögen, sondern, daß die letztern lediglich

durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber

bewährt werden können. In einem solchen Falle mögen Millionen

sagen: es sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein,

denn daß es nur in ihnen nicht sei, keineswegs, daß es überhaupt

nicht sei, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auftritt

und versichert, daß es sei, so behält er gegen sie alle recht.

Nichts verhindert, daß, da ich nun gerade rede, ich in dem

angegebenen Falle dieser einzige sei, der da versichert, daß

er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, daß es so

etwas, wie deutsche Vaterlandsliebe gebe, daß er den unendlichen

Wert des Gegenstandes derselben kenne, daß diese Liebe allein ihn

getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat und

noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts übriggeblieben

ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und

verkümmert wird. Wer dasselbe in sich fühlt, der wird überzeugt

werden; wer es nicht fühlt, kann nicht überzeugt werden, denn

allein auf jene Voraussetzung stützt sich mein Beweis; an ihm

habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so

Geringfügiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?

Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der

deutschen Nation versprechen, ist in unsrer zweiten und dritten

Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine

gänzliche Umschaffung des Menschengeschlechts bezeichnet, und

es wird passend sein, an diese Bezeichnung eine wiederholte

Uebersicht des Ganzen anzuknüpfen.

In der Regel galt bisher die Sinnenwelt für die rechte, eigentliche,

wahre und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem

Zögling der Erziehung vorgeführt wurde; von ihr erst wurde er zum

Denken, und zwar meist zu einem Denken über diese, und im Dienste

derselben angeführt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu

um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die

wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling,

sogleich wie sie mit demselben beginnt, einführen. An diese Welt

allein will sie seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen

binden; so daß ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm

notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit

allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung

soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der

Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist,

von welchem früher, als von der einzigmöglichen Grundlage eines

wohleingerichteten Staates gesprochen worden, soll im allgemeinen

erzeugt werden.

Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den

wir zunächst uns vorgesetzt haben, und von dem unsre Reden

ausgegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist führt

die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen

Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes, als des Trägers

dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut

wird, die Liebe für das deutsche Vaterland, als einen seiner

notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus

dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der

ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine

solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser nächste

Zweck; wie das allemal der Fall ist, wo ein großes Ziel durch

ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird

nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet,

nach außen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit

vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet. Mit unsrer Genesung für

Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene

Heilung von allen Uebeln, die uns drücken, unzertrennlich

verknüpft.

Mit der stumpfen Verwunderung, daß eine solche Welt des bloßen

Gedankens behauptet, und sogar als die einzig mögliche Welt

behauptet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie

mit der Ableugnung der erstern entweder überhaupt, oder nur

der Möglichkeit, daß selbst die Mehrheit des großen Volks in

dieselbe eingeführt werden könne, haben wir es hier nicht mehr

zu tun, sondern haben dieselben schon früher gänzlich von uns

weggewiesen. Wer noch nicht weiß, daß es eine Welt des Gedankens

gebe, der mag indessen anderwärts durch die vorhandenen Mittel

sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht

Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des großen Volks zu derselben

emporgehoben werden könne, dies wollen wir eben zeigen.

Indem nun, unserm eignen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke

einer solchen neuen Erziehung keineswegs als ein bloßes zur

Uebung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes

Bild zu betrachten ist, sondern derselbe vielmehr zur Stunde

ausgeübt und ins Leben eingeführt werden soll: so kommt uns

zuvörderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon

vorliegende Glied diese Ausführung sich anknüpfen solle.

Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich

Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen

schon in glücklicher Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll

sie sich anschließen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer

begründen und näher bestimmen.

Zuvörderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen und

durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichts-

und Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir

genommen von dem, was die gelehrten Neuigkeitsblätter darüber

berichtet und gemeint, und über die Meinungen wieder gemeint

haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der über diesen

Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben

Weg, und die durchgängige Vermeidung des entgegengesetzten,

zu empfehlen. Ebensowenig haben wir bis jetzt etwas von der

wirklichen Ausübung sehen wollen, keineswegs aus Nichtachtung,

sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von

der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausübung oft

zurückbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe

aber der Begriff von der Ausübung und dem notwendigen Erfolge

ohne alles Probieren, sich von selbst ergibt, und man, nur mit

diesem ausgestattet, die Ausübung wahrhaftig verstehen und

richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser

Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches

Zutappen und in leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet

sein, so ist meines Erachtens der Grundbegriff des Erfinders

wenigstens daran ganz unschuldig.

Für diesen Grundbegriff nun bürgt mir zuerst die Eigentümlichkeit

des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der

treuesten und gemütvollsten Offenheit darlegt. An ihm hätte

ich ebensogut, wie an Luther, oder, falls es noch andre diesen

gleichende gegeben hat, an irgendeinem andern, die Grundzüge des

deutschen Gemüts darlegen, und den erfreuenden Beweis führen

können, daß dieses Gemüt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft

in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag

walte. Auch er hat ein mühvolles Leben hindurch im Kampfe mit

allen möglichen Hindernissen von innen mit eigner hartnäckiger

Unklarheit und Unbeholfenheit, und selbst höchst spärlich

ausgestattet mit den gewöhnlichsten Hilfsmitteln der gelehrten

Erziehung, äußerlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach

einem bloß geahnten, ihm selbst durchaus unbewußten Ziele,

aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren

und allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen

verwahrlosten Volke. Diese allmächtige Liebe hatte ihn, ebenso

wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeßneren

Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben

geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte

feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es

hindurchführte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den

Abend desselben -- denn es war unmöglich, daß eine solche Liebe

unbelohnt von der Erde abtrete -- krönte mit seiner wahrhaft

geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit

seinen kühnsten Wünschen begehrt hatte. Er wollte bloß dem

Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung

genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem

und einem gebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten

Volkserziehung Nationalerziehung, und hätte wohl das Vermögen,

den Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe

seines dermaligen Elendes emporzuhelfen.

Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener

Klarheit und unverkennbarer Bestimmtheit da. Zuvörderst will er

in Absicht der Form nicht die bisherige Willkür und das blinde

Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst

der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Gründlichkeit

es notwendig wollen muß; und er erzählt sehr unbefangen, wie eine

französische Phrase, daß er nämlich die Erziehung mechanisieren

wolle, ihm über diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe.

In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir

beschriebenen neuen Erziehung, daß sie die freie Geistestätigkeit des

Zöglings, sein Denken, in welchem späterhin die Welt seiner Liebe

ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte

beschäftigten sich Pestalozzis Schriften vorzüglich, und auf diesen

Gegenstand geht unsre Prüfung seines Grundbegriffs zu allererst. In

dieser Rücksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichts,

daß derselbe den Schüler nur in Nebel und Schatten eingetaucht,

und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit und Realität habe

gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, daß dieser

Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die

Wurzel desselben zu bilden; und Pestalozzis dagegen vorgeschlagenes

Hilfsmittel, den Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen,

ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Geistestätigkeit desselben

zum Entwerfen von Bildern anzuregen, und nur an diesem freien

Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem

Freientworfenen ist Anschauung möglich. Daß der Erfinder es wirklich

also meint, und keineswegs unter Anschauung jene blindtappende und

betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene

Ausübung. Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der

Anschauung des Zöglings durch die Erziehung das allgemeine und

sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin mit dem Anfange und

Fortschritte der zu entwickelnden Kräfte des Kindes genau Schritt zu

halten.

Dagegen haben die gesamten Mißgriffe dieses Pestalozzischen

Unterrichtsplans in Ausdrücken und Vorschlägen die eine

gemeinschaftliche Quelle, daß der dürftige und begrenzte Zweck, auf

welchen anfangs ausgegangen wurde, äußerst vernachlässigten Kindern

aus dem Volke unter der Voraussetzung, daß das Ganze bliebe, so wie

es ist, die notdürftigste Hilfe zu leisten, von einer Seite, und

von der andern, das zu einem weit höhern Zwecke führende Mittel

in Vermengung und Widerstreit miteinander geraten; und man wird

vor allem Irrtume gesichert und erhält einen mit sich vollkommen

übereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere und alles, was aus

dessen Beachtung gefolgt ist, fallen läßt und sich bloß an das

letztere hält, und es folgegemäß durchführt. Ohne Zweifel entstand

lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der äußersten Armut sobald

als möglich aus der Schule zum Broterwerb zu entlassen, und dennoch

sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen

Unterricht nachholen könnten, in Pestalozzis liebendem Gemüte die

Ueberschätzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser

beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener

Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, daß dieses

die besten Hilfsmittel der Belehrung seien; da er ja außerdem

gefunden haben würde, daß gerade dieses Lesen und Schreiben bisher

die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und

Schatten einzuhüllen und sie überklug zu machen. Daher auch rühren

ohne Zweifel mehrere andre mit seinem Grundsatze der unmittelbaren

Anschauung im Widerspruche stehende Vorschläge, und besonders seine

durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels, unser

Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben.

Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze

höherer Stände geredet, indem wir Volk in diesem Sinne, niedern

und gemeinen Pöbel, gar nicht länger haben wollen, noch er für die

deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann,

sondern wir haben von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu

dieser kommen, so muß der armselige Wunsch, daß die Erziehung doch

ja recht bald vollendet sein, und das Kind wieder hinter die Arbeit

gestellt werden möge, gar nicht mehr zu Odem kommen, sondern sogleich

an der Schwelle der Beratung über diese Angelegenheit abgelegt

werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig

sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten können,

und es wird der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine

Gedanken hierüber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht

so wäre, so muß unbedingt und auf jede Gefahr der Zögling in der

Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist und vollendet sein

kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine;

sie läßt es eben beim alten, und wenn man dies will, so erspare

man sich lieber auch das Halbe, und erkläre gleich von vornherein

geradezu, daß man nicht wolle, daß der Menschheit geholfen werde.

Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloßen Nationalerziehung,

solange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts nützen, wohl

aber kann es sehr schädlich werden, indem es von der unmittelbaren

Anschauung zum bloßen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da

weiß, daß sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle

faßt, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens tröstet,

und irgend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie

lernen wird, und überhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft

begleitenden Träumerei leichtlich verleiten könnte, so wie es dieses

auch bisher getan hat. Erst am völligen Schlusse der Erziehung, und

als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, könnten diese

Künste mitgeteilt und der Zögling geleitet werden durch Zergliederung

der Sprache, die er schon längst vollkommen besitzt, die Buchstaben

zu erfinden und zu gebrauchen; welches ihm bei der übrigen Bildung,

die er schon erlangt hat, ein Spiel sein würde.

So in der bloßen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas andres

ist es mit dem künftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloß

über das Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz

ist, sondern er soll auch in einsamem Nachdenken die verborgene

und ihm selber unbewußte eigentümliche Tiefe seines Gemüts in das

Licht der Sprache erheben, und er muß darum früher an der Schrift

das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die

Hände bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger

zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner

Zeit bei der Unterscheidung der bloßen Nationalerziehung von der

gelehrten deutlicher erhellen.

Reden an die deutsche Nation · 第 12 / 21 段