versprochene Beweise geführt und vollendet worden. Es sei
dermalen nur davon die Rede, sagten wir, und dies sei die
erste Aufgabe, das Dasein und die Fortdauer des Deutschen
schlechtweg zu retten; alle andre Unterschiede seien dem höhern
Ueberblicke verschwunden; und es würde durch jenes den besondern
Verbindlichkeiten, die etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag
geschehen. Es ist, wenn uns nur der gemachte Unterschied zwischen
Staat und Nation gegenwärtig bleibt, klar, daß auch schon früher
die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit geraten
konnten. Die höhere Vaterlandsliebe für das gemeinsame Volk der
deutschen Nation mußte und sollte ja ohnedies die oberste Leitung
in jedem besondern deutschen Staate führen; keiner von ihnen
durfte ja diese höhere Angelegenheit aus den Augen verlieren,
ohne alles Edle und Tüchtige von sich abwendig zu machen, und so
seinen eignen Untergang zu beschleunigen: je mehr daher jemand
von jener höheren Angelegenheit ergriffen und belebt war, ein
desto besserer Bürger war er auch für den besondern deutschen
Staat, in den sein unmittelbarer Wirkungskreis fiel. Deutsche
Staaten konnten mit deutschen Staaten in Streit geraten, über
besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer des
hergebrachten Zustandes wollte, und jeder Verständige ohne
Zweifel mußte um der ferneren Folgen willen diese wollen, der
mußte wünschen, daß die gerechte Sache siege, in wessen Händen
sie auch sein möchte. Höchstens hätte ein besonderer deutscher
Staat darauf ausgehen können, die ganze deutsche Nation unter
seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten
Völkerrepublik Alleinherrschaft einzuführen. Wenn es wahr ist,
wie ich zum Beispiel es allerdings dafür halte, daß gerade
diese republikanische Verfassung bisher die vorzüglichste
Quelle deutscher Bildung und das erste Sicherungsmittel ihrer
Eigentümlichkeit gewesen, so wäre, falls die vorausgesetzte
Einheit der Regierung nicht etwa selbst die republikanische,
sondern die monarchische Form getragen hätte, in der es dem
Gewalthaber doch möglich gewesen wäre, irgendeinen Sproß
ursprünglicher Bildung über den ganzen deutschen Boden hinweg
für seine Lebenszeit zu zerdrücken; -- wenn dieses wahr ist,
sage ich, so wäre in diesem Falle es allerdings ein großes
Mißgeschick für die Angelegenheit deutscher Vaterlandsliebe
gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen wäre, und jeder Edle
über die ganze Oberfläche des gemeinsamen Bodens hinweg hätte
dagegen sich stemmen müssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten
Falle wären es doch immer Deutsche geblieben, die über Deutsche
regiert, und ihre Angelegenheiten ursprünglich geleitet hätten,
und wenn auch auf eine vorübergehende Zeit der eigentümliche
deutsche Geist vermißt worden wäre, so wäre doch die Hoffnung
geblieben, daß er wieder erwachen werde, und jedes kräftigere
Gemüt über den ganzen Boden hinweg hätte sich versprechen
können, Gehör zu finden und sich verständlich zu machen; es wäre
doch immer eine deutsche Nation im Dasein verblieben, und hätte
sich selbst regiert, und sie wäre nicht untergegangen in einem
andern von niederer Ordnung. Immer bleibt hier das Wesentliche
in unsrer Berechnung, daß die deutsche Nationalliebe selbst an
dem Ruder des deutschen Staates entweder sitze, oder doch mit
ihrem Einflusse dahin gelangen könne. Wenn aber zufolge unsrer
frühern Voraussetzung dieser deutsche Staat -- ob er nun als
einer oder mehrere erscheine, tut nichts zur Sache, in der Tat
ist es dennoch einer -- überhaupt aus deutscher Leitung in fremde
fiele, so ist sicher, und das Gegenteil davon wäre gegen alle
Natur und schlechterdings unmöglich; es ist sicher, sage ich,
daß von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern eine
fremde entscheiden würde. Wo die gesamte Nationalangelegenheit
der Deutschen bisher ihren Sitz hatte und dargestellt wurde am
Ruder des Staats, da wäre sie verwiesen. Soll sie nun hiermit
nicht ganz ausgetilgt sein von der Erde, so muß ihr ein andrer
Zufluchtsort bereitet werden, und zwar in dem, was allein
übrigbleibt, bei den Regierten, in den Bürgern. Wäre sie aber bei
diesen und ihrer Mehrheit schon, so wären wir in den Fall, über
welchen wir uns dermals beratschlagen, gar nicht gekommen; sie
ist daher nicht bei ihnen, und muß erst in sie hineingebracht
werden: das heißt mit andern Worten, die Mehrheit der Bürger
muß zu diesem vaterländischen Sinne erzogen werden, und, damit
man der Mehrheit sicher sei, diese Erziehung muß an der Allheit
versucht werden. Und so ist denn zugleich unumwunden und klar der
gleichfalls ehemals versprochene Beweis geführt worden, daß es
schlechthin nur die Erziehung und kein andres mögliches Mittel
sei, das die deutsche Selbständigkeit zu retten vermöge; und es
wäre ohne Zweifel nicht unsre Schuld, wenn man selbst bis jetzt
noch nicht den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unsrer
Reden, und den Sinn, in welchem alle unsre Aeußerungen zu nehmen
sind, zu fassen vermöchte.
Um es noch kürzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung,
sind den unmündigen ihre väterlichen und blutsverwandten
Vormünder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten;
sollen jene Unmündige nicht gar Sklaven werden, so müssen sie
eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses können,
zu allererst zur Mündigkeit erzogen werden. Die deutsche
Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern
breitern und tiefern erhalten, in welchem sie in ruhiger
Verborgenheit sich begründe und stähle, und zu rechter Zeit in
jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die verlorne
Selbständigkeit wiedergebe. Wegen des letztern können nun sowohl
das Ausland, als die kleinlichen und engherzigen Trübseligkeiten
unter uns selbst in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller
Troste sie versichern, daß sie es insgesamt nicht erleben werden,
und daß die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn
sie.
Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinander
schließen mögen, derselbe auch andre ergreifen und sie zur
Tätigkeit aufregen werde, hängt zu allererst davon ab, ob
es so etwas, wie wir deutsche Eigentümlichkeit und deutsche
Vaterlandsliebe geschildert haben, überhaupt gebe, und ob diese
der Erhaltung und des Strebens dafür wert sei oder nicht. Daß
der -- auswärtige oder einheimische -- Ausländer diese Frage
mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch
nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist hierbei
anzumerken, daß die Entscheidung über diese Frage keineswegs auf
einer Beweisführung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar
klarmachen, keineswegs aber über wirkliches Dasein oder Wert
Auskunft zu geben vermögen, sondern, daß die letztern lediglich
durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber
bewährt werden können. In einem solchen Falle mögen Millionen
sagen: es sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein,
denn daß es nur in ihnen nicht sei, keineswegs, daß es überhaupt
nicht sei, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auftritt
und versichert, daß es sei, so behält er gegen sie alle recht.
Nichts verhindert, daß, da ich nun gerade rede, ich in dem
angegebenen Falle dieser einzige sei, der da versichert, daß
er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, daß es so
etwas, wie deutsche Vaterlandsliebe gebe, daß er den unendlichen
Wert des Gegenstandes derselben kenne, daß diese Liebe allein ihn
getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat und
noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts übriggeblieben
ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und
verkümmert wird. Wer dasselbe in sich fühlt, der wird überzeugt
werden; wer es nicht fühlt, kann nicht überzeugt werden, denn
allein auf jene Voraussetzung stützt sich mein Beweis; an ihm
habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so
Geringfügiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?
Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der
deutschen Nation versprechen, ist in unsrer zweiten und dritten
Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine
gänzliche Umschaffung des Menschengeschlechts bezeichnet, und
es wird passend sein, an diese Bezeichnung eine wiederholte
Uebersicht des Ganzen anzuknüpfen.
In der Regel galt bisher die Sinnenwelt für die rechte, eigentliche,
wahre und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem
Zögling der Erziehung vorgeführt wurde; von ihr erst wurde er zum
Denken, und zwar meist zu einem Denken über diese, und im Dienste
derselben angeführt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu
um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die
wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling,
sogleich wie sie mit demselben beginnt, einführen. An diese Welt
allein will sie seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen
binden; so daß ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm
notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit
allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung
soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der
Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist,
von welchem früher, als von der einzigmöglichen Grundlage eines
wohleingerichteten Staates gesprochen worden, soll im allgemeinen
erzeugt werden.
Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den
wir zunächst uns vorgesetzt haben, und von dem unsre Reden
ausgegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist führt
die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen
Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes, als des Trägers
dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut
wird, die Liebe für das deutsche Vaterland, als einen seiner
notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus
dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der
ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine
solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser nächste
Zweck; wie das allemal der Fall ist, wo ein großes Ziel durch
ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird
nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet,
nach außen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit
vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet. Mit unsrer Genesung für
Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene
Heilung von allen Uebeln, die uns drücken, unzertrennlich
verknüpft.
Mit der stumpfen Verwunderung, daß eine solche Welt des bloßen
Gedankens behauptet, und sogar als die einzig mögliche Welt
behauptet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie
mit der Ableugnung der erstern entweder überhaupt, oder nur
der Möglichkeit, daß selbst die Mehrheit des großen Volks in
dieselbe eingeführt werden könne, haben wir es hier nicht mehr
zu tun, sondern haben dieselben schon früher gänzlich von uns
weggewiesen. Wer noch nicht weiß, daß es eine Welt des Gedankens
gebe, der mag indessen anderwärts durch die vorhandenen Mittel
sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht
Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des großen Volks zu derselben
emporgehoben werden könne, dies wollen wir eben zeigen.
Indem nun, unserm eignen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke
einer solchen neuen Erziehung keineswegs als ein bloßes zur
Uebung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes
Bild zu betrachten ist, sondern derselbe vielmehr zur Stunde
ausgeübt und ins Leben eingeführt werden soll: so kommt uns
zuvörderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon
vorliegende Glied diese Ausführung sich anknüpfen solle.
Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich
Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen
schon in glücklicher Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll
sie sich anschließen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer
begründen und näher bestimmen.
Zuvörderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen und
durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichts-
und Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir
genommen von dem, was die gelehrten Neuigkeitsblätter darüber
berichtet und gemeint, und über die Meinungen wieder gemeint
haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der über diesen
Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben
Weg, und die durchgängige Vermeidung des entgegengesetzten,
zu empfehlen. Ebensowenig haben wir bis jetzt etwas von der
wirklichen Ausübung sehen wollen, keineswegs aus Nichtachtung,
sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von
der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausübung oft
zurückbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe
aber der Begriff von der Ausübung und dem notwendigen Erfolge
ohne alles Probieren, sich von selbst ergibt, und man, nur mit
diesem ausgestattet, die Ausübung wahrhaftig verstehen und
richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser
Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches
Zutappen und in leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet
sein, so ist meines Erachtens der Grundbegriff des Erfinders
wenigstens daran ganz unschuldig.
Für diesen Grundbegriff nun bürgt mir zuerst die Eigentümlichkeit
des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der
treuesten und gemütvollsten Offenheit darlegt. An ihm hätte
ich ebensogut, wie an Luther, oder, falls es noch andre diesen
gleichende gegeben hat, an irgendeinem andern, die Grundzüge des
deutschen Gemüts darlegen, und den erfreuenden Beweis führen
können, daß dieses Gemüt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft
in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag
walte. Auch er hat ein mühvolles Leben hindurch im Kampfe mit
allen möglichen Hindernissen von innen mit eigner hartnäckiger
Unklarheit und Unbeholfenheit, und selbst höchst spärlich
ausgestattet mit den gewöhnlichsten Hilfsmitteln der gelehrten
Erziehung, äußerlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach
einem bloß geahnten, ihm selbst durchaus unbewußten Ziele,
aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren
und allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen
verwahrlosten Volke. Diese allmächtige Liebe hatte ihn, ebenso
wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeßneren
Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben
geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte
feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es
hindurchführte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den
Abend desselben -- denn es war unmöglich, daß eine solche Liebe
unbelohnt von der Erde abtrete -- krönte mit seiner wahrhaft
geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit
seinen kühnsten Wünschen begehrt hatte. Er wollte bloß dem
Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung
genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem
und einem gebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten
Volkserziehung Nationalerziehung, und hätte wohl das Vermögen,
den Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe
seines dermaligen Elendes emporzuhelfen.
Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener
Klarheit und unverkennbarer Bestimmtheit da. Zuvörderst will er
in Absicht der Form nicht die bisherige Willkür und das blinde
Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst
der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Gründlichkeit
es notwendig wollen muß; und er erzählt sehr unbefangen, wie eine
französische Phrase, daß er nämlich die Erziehung mechanisieren
wolle, ihm über diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe.
In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir
beschriebenen neuen Erziehung, daß sie die freie Geistestätigkeit des
Zöglings, sein Denken, in welchem späterhin die Welt seiner Liebe
ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte
beschäftigten sich Pestalozzis Schriften vorzüglich, und auf diesen
Gegenstand geht unsre Prüfung seines Grundbegriffs zu allererst. In
dieser Rücksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichts,
daß derselbe den Schüler nur in Nebel und Schatten eingetaucht,
und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit und Realität habe
gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, daß dieser
Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die
Wurzel desselben zu bilden; und Pestalozzis dagegen vorgeschlagenes
Hilfsmittel, den Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen,
ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Geistestätigkeit desselben
zum Entwerfen von Bildern anzuregen, und nur an diesem freien
Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem
Freientworfenen ist Anschauung möglich. Daß der Erfinder es wirklich
also meint, und keineswegs unter Anschauung jene blindtappende und
betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene
Ausübung. Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der
Anschauung des Zöglings durch die Erziehung das allgemeine und
sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin mit dem Anfange und
Fortschritte der zu entwickelnden Kräfte des Kindes genau Schritt zu
halten.
Dagegen haben die gesamten Mißgriffe dieses Pestalozzischen
Unterrichtsplans in Ausdrücken und Vorschlägen die eine
gemeinschaftliche Quelle, daß der dürftige und begrenzte Zweck, auf
welchen anfangs ausgegangen wurde, äußerst vernachlässigten Kindern
aus dem Volke unter der Voraussetzung, daß das Ganze bliebe, so wie
es ist, die notdürftigste Hilfe zu leisten, von einer Seite, und
von der andern, das zu einem weit höhern Zwecke führende Mittel
in Vermengung und Widerstreit miteinander geraten; und man wird
vor allem Irrtume gesichert und erhält einen mit sich vollkommen
übereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere und alles, was aus
dessen Beachtung gefolgt ist, fallen läßt und sich bloß an das
letztere hält, und es folgegemäß durchführt. Ohne Zweifel entstand
lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der äußersten Armut sobald
als möglich aus der Schule zum Broterwerb zu entlassen, und dennoch
sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen
Unterricht nachholen könnten, in Pestalozzis liebendem Gemüte die
Ueberschätzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser
beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener
Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, daß dieses
die besten Hilfsmittel der Belehrung seien; da er ja außerdem
gefunden haben würde, daß gerade dieses Lesen und Schreiben bisher
die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und
Schatten einzuhüllen und sie überklug zu machen. Daher auch rühren
ohne Zweifel mehrere andre mit seinem Grundsatze der unmittelbaren
Anschauung im Widerspruche stehende Vorschläge, und besonders seine
durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels, unser
Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben.
Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze
höherer Stände geredet, indem wir Volk in diesem Sinne, niedern
und gemeinen Pöbel, gar nicht länger haben wollen, noch er für die
deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann,
sondern wir haben von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu
dieser kommen, so muß der armselige Wunsch, daß die Erziehung doch
ja recht bald vollendet sein, und das Kind wieder hinter die Arbeit
gestellt werden möge, gar nicht mehr zu Odem kommen, sondern sogleich
an der Schwelle der Beratung über diese Angelegenheit abgelegt
werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig
sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten können,
und es wird der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine
Gedanken hierüber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht
so wäre, so muß unbedingt und auf jede Gefahr der Zögling in der
Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist und vollendet sein
kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine;
sie läßt es eben beim alten, und wenn man dies will, so erspare
man sich lieber auch das Halbe, und erkläre gleich von vornherein
geradezu, daß man nicht wolle, daß der Menschheit geholfen werde.
Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloßen Nationalerziehung,
solange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts nützen, wohl
aber kann es sehr schädlich werden, indem es von der unmittelbaren
Anschauung zum bloßen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da
weiß, daß sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle
faßt, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens tröstet,
und irgend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie
lernen wird, und überhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft
begleitenden Träumerei leichtlich verleiten könnte, so wie es dieses
auch bisher getan hat. Erst am völligen Schlusse der Erziehung, und
als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, könnten diese
Künste mitgeteilt und der Zögling geleitet werden durch Zergliederung
der Sprache, die er schon längst vollkommen besitzt, die Buchstaben
zu erfinden und zu gebrauchen; welches ihm bei der übrigen Bildung,
die er schon erlangt hat, ein Spiel sein würde.
So in der bloßen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas andres
ist es mit dem künftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloß
über das Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz
ist, sondern er soll auch in einsamem Nachdenken die verborgene
und ihm selber unbewußte eigentümliche Tiefe seines Gemüts in das
Licht der Sprache erheben, und er muß darum früher an der Schrift
das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die
Hände bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger
zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner
Zeit bei der Unterscheidung der bloßen Nationalerziehung von der
gelehrten deutlicher erhellen.