ihm selbst einen höhern Zweck setzt, denn den gewöhnlichen der
Erhaltung des innern Friedens, des Eigentums, der persönlichen
Freiheit, des Lebens und des Wohlseins aller. Für diesen höhern
Zweck allein, und in keiner andern Absicht, bringt der Staat
eine bewaffnete Macht zusammen. Wenn von der Anwendung dieser
die Rede entsteht, wenn es gilt, alle Zwecke des Staates im
bloßen Begriffe, Eigentum, persönliche Freiheit, Leben und
Wohlsein, ja die Fortdauer des Staates selbst, auf das Spiel
zu setzen; ohne einen klaren Verstandesbegriff von der sichern
Erreichung des Beabsichtigten, dergleichen in Dingen dieser Art
nie möglich ist, ursprünglich und Gott allein verantwortlich, zu
entscheiden: dann lebt am Ruder des Staates erst ein wahrhaft
ursprüngliches und erstes Leben, und an dieser Stelle erst
treten ein die wahren Majestätsrechte der Regierung, gleich
Gott um höhern Lebens willen das niedere Leben daran zu wagen.
In der Erhaltung der hergebrachten Verfassung, der Gesetze, des
bürgerlichen Wohlstandes, ist gar kein rechtes eigentliches Leben
und kein ursprünglicher Entschluß. Umstände und Lage, längst
vielleicht verstorbene Gesetzgeber, haben diese erschaffen; die
folgenden Zeitalter gehen gläubig fort auf der angetretenen Bahn
und leben so in der Tat nicht ein eignes öffentliches Leben,
sondern sie wiederholen nur ein ehemaliges Leben. Es bedarf in
solchen Zeiten keiner eigentlichen Regierung. Wenn aber dieser
gleichmäßige Fortgang in Gefahr gerät, und es nun gilt, über
neue, nie also dagewesene Fälle zu entscheiden: dann bedarf es
eines Lebens, das aus sich selber lebe. Welcher Geist nun ist
es, der in solchen Fällen sich an das Ruder stellen dürfe, der
mit eigner Sicherheit und Gewißheit und ohne unruhiges Hin- und
Herschwanken, zu entscheiden vermöge, der ein unbezweifeltes
Recht habe, jedem, den es treffen mag, ob er nun selbst es
wolle oder nicht, gebietend anzumuten, und den Widerstrebenden
zu zwingen, daß er alles, bis auf sein Leben, in Gefahr setze?
Nicht der Geist der ruhigen bürgerlichen Liebe zu der Verfassung
und den Gesetzen, sondern die verzehrende Flamme der höheren
Vaterlandsliebe, die die Nation als Hülle des Ewigen umfaßt, für
welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle, der nur
um des ersten willen da ist, sich eben opfern soll. Nicht jene
bürgerliche Liebe zur Verfassung ist es; diese vermag dies gar
nicht, wenn sie bei Verstande bleibt. Wie es auch ergehen möge,
da nicht umsonst regiert wird, so wird sich immer ein Regent
für sie finden. Lasset den neuen Regenten sogar die Sklaverei
wollen (und wo ist Sklaverei, außer in der Nichtachtung und
Unterdrückung der Eigentümlichkeit eines ursprünglichen Volkes,
dergleichen für jenen Sinn nicht vorhanden ist?) -- Lasset ihn
auch die Sklaverei wollen -- da aus dem Leben der Sklaven, ihrer
Menge, sogar ihrem Wohlstande sich Nutzung ziehen läßt, so wird,
wenn er nur einigermaßen ein Rechner ist, die Sklaverei unter
ihm erträglich ausfallen. Leben und Unterhalt wenigstens werden
sie immer finden. Wofür sollten sie denn also kämpfen? Nach
jenen beiden ist es die Ruhe, die ihnen über alles geht. Diese
wird durch die Fortdauer des Kampfes nur gestört. Sie werden
darum alles anwenden, daß dieser nur recht bald ein Ende nehme,
sie werden sich fügen, sie werden nachgeben, und warum sollten
sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehr zu tun gewesen, und sie
haben vom Leben nie etwas weiteres gehofft, denn die Fortsetzung
der Gewohnheit dazusein unter erleidlichen Bedingungen. Die
Verheißung eines Lebens auch hienieden über die Dauer des Lebens
hienieden hinaus -- allein diese ist es, die bis zum Tode fürs
Vaterland begeistern kann.
So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirklich regiert worden
ist, wo bestanden worden sind ernsthafte Kämpfe, wo der Sieg
errungen worden ist gegen gewaltigen Widerstand, da ist es jene
Verheißung ewigen Lebens gewesen, die da regierte und kämpfte und
siegte. Im Glauben an diese Verheißung kämpften die in diesen
Reden früher erwähnten deutschen Protestanten. Wußten sie etwa
nicht, daß auch mit dem alten Glauben Völker regiert und in
rechtlicher Ordnung zusammengehalten werden könnten, und daß
man auch bei diesem Glauben seinen guten Lebensunterhalt finden
könne? Warum beschlossen denn also ihre Fürsten bewaffneten
Widerstand, und warum leisteten ihn mit Begeisterung die Völker?
-- Der Himmel war es und die ewige Seligkeit, für welche sie
willig ihr Blut vergossen. -- Aber welche irdische Gewalt hätte
denn auch in das innere Heiligtum ihres Gemüts eindringen, und
den Glauben, der ihnen ja nun einmal aufgegangen war, und auf
welchen allein sie ihrer Seligkeit Hoffnung gründeten, darin
austilgen können? Also auch ihre eigne Seligkeit war es nicht,
für die sie kämpften; dieser waren sie schon versichert: die
Seligkeit ihrer Kinder, ihrer noch ungeborenen Enkel und aller
noch ungeborenen Nachkommenschaft war es; auch diese sollten
auferzogen werden in derselben Lehre, die ihnen als allein
heilbringend erschienen war, auch diese sollten teilhaftig werden
des Heils, das für sie angebrochen war; diese Hoffnung allein
war es, die durch den Feind bedroht wurde, für sie, für eine
Ordnung der Dinge, die lange nach ihrem Tode über ihren Gräbern
blühen sollte, verspritzten sie mit dieser Freudigkeit ihr
Blut. Geben wir zu, daß sie sich selbst nicht ganz klar waren,
daß sie in der Bezeichnung des Edelsten, was in ihnen war, mit
Worten sich vergriffen, und mit dem Munde ihrem Gemüte unrecht
taten; bekennen wir gern, daß ihr Glaubensbekenntnis nicht das
einzige und ausschließende Mittel war, des Himmels jenseits des
Grabes teilhaftig zu werden: so ist doch dies ewig wahr, daß
mehr Himmel diesseits des Grabes, ein mutigeres und fröhlicheres
Emporblicken von der Erde, und eine freiere Regung des Geistes
durch ihre Aufopferung in alles Leben der Folgezeit gekommen ist,
und die Nachkommen ihrer Gegner ebensowohl als wir selbst, ihre
Nachkommen, die Früchte ihrer Mühen bis auf diesen Tag genießen.
In diesem Glauben setzten unsre ältesten gemeinsamen Vorfahren,
das Stammvolk der neuen Bildung, die von den Römern Germanier
genannten Deutschen, sich der herandringenden Weltherrschaft der
Römer mutig entgegen. Sahen sie denn nicht vor Augen den höhern
Flor der römischen Provinzen neben sich, die feinern Genüsse in
denselben, dabei Gesetze, Richterstühle, Rutenbündel und Beile
in Ueberfluß? Waren die Römer nicht bereitwillig genug, sie
an allen diesen Segnungen teilnehmen zu lassen? Erlebten sie
nicht an mehreren ihrer eignen Fürsten, die sich nur bedeuten
ließen, daß der Krieg gegen solche Wohltäter der Menschheit
Rebellion sei, Beweise der gepriesenen römischen Klemenz, indem
sie die Nachgiebigen mit Königstiteln, mit Anführerstellen
in ihren Heeren, mit römischen Opferbinden auszierten, ihnen,
wenn sie etwa von ihren Landsleuten ausgetrieben wurden, einen
Zufluchtsort und Unterhalt in ihren Pflanzstädten gaben? Hatten
sie keinen Sinn für die Vorzüge römischer Bildung, z. B. für die
bessere Einrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius
das Kriegshandwerk zu erlernen nicht verschmähte? Keine von
allen diesen Unwissenheiten oder Nichtbeachtungen ist ihnen
aufzurücken. Ihre Nachkommen haben sogar, sobald sie es ohne
Verlust für ihre Freiheit konnten, die Bildung derselben sich
angeeignet, inwieweit es ohne Verlust ihrer Eigentümlichkeit
möglich war. Wofür haben sie denn also mehrere Menschenalter
hindurch gekämpft im blutigen, immer mit derselben Kraft sich
wieder erneuernden Kriege? Ein römischer Schriftsteller läßt
es ihre Anführer also aussprechen: »Ob ihnen denn etwas andres
übrigbleibe, als entweder die Freiheit zu behaupten oder zu
sterben, bevor sie Sklaven würden?« Freiheit war ihnen, daß sie
eben Deutsche blieben, daß sie fortführen, ihre Angelegenheiten
selbständig und ursprünglich, ihrem eignen Geiste gemäß,
zu entscheiden, und diesem gleichfalls gemäß auch in ihrer
Fortbildung vorwärts zu rücken, und daß sie diese Selbständigkeit
auch auf ihre Nachkommenschaft fortpflanzten; Sklaverei hießen
ihnen alle jene Segnungen, die ihnen die Römer antrugen, weil sie
dabei etwas andres, denn Deutsche, weil sie halbe Römer werden
müßten. Es versteht sich von selbst, setzten sie voraus, daß
jeder, ehe er dies werde, lieber sterbe, und daß ein wahrhafter
Deutscher nur könne leben wollen, um eben Deutscher zu sein und
zu bleiben, und die Seinigen zu ebensolchen zu bilden.
Sie sind nicht alle gestorben, sie haben die Sklaverei nicht
gesehen, sie haben die Freiheit hinterlassen ihren Kindern. Ihrem
beharrlichen Widerstande verdankt es die ganze neue Welt, daß sie
da ist, so wie sie da ist. Wäre es den Römern gelungen, auch sie
zu unterjochen, und, wie dies der Römer allenthalben tat, sie
als Nation auszurotten, so hätte die ganze Fortentwicklung der
Menschheit eine andre, und man kann nicht glauben erfreulichere
Richtung genommen. Ihnen verdanken wir, die nächsten Erben ihres
Bodens, ihrer Sprache und ihrer Gesinnung, daß wir noch Deutsche
sind, daß der Strom ursprünglichen und selbständigen Lebens uns
noch trägt; ihnen verdanken wir alles, was wir seitdem als Nation
gewesen sind, ihnen, falls es nicht etwa jetzt mit uns zu Ende
ist, und der letzte von ihnen abgestammte Blutstropfen in unsern
Adern versiegt ist, ihnen werden wir verdanken alles, was wir
noch ferner sein werden. Ihnen verdanken selbst die übrigen, uns
jetzt zum Ausland gewordenen Stämme, in ihnen unsre Brüder, ihr
Dasein; als jene die ewige Roma besiegten, war noch keins aller
dieser Völker vorhanden; damals wurde zugleich auch ihnen die
Möglichkeit ihrer künftigen Entstehung mit erkämpft.
Diese, und alle andre in der Weltgeschichte, die ihres Sinnes
waren, haben gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so
siegt immer und notwendig diese Begeisterung über den, der
nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemüts ist es,
welche Siege erkämpft. Wer ein begrenztes Ziel sich setzt
seiner Aufopferungen, und sich nicht weiter wagen mag, als bis
zu einem gewissen Punkte, der gibt den Widerstand auf, sobald
die Gefahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugebenden, noch zu
entbehrenden Punkt kommt. Wer gar kein Ziel sich gesetzt hat,
sondern alles, und das Höchste, was man hienieden verlieren
kann, das Leben, daran setzt, gibt den Widerstand nie auf und
siegt, so der Gegner ein begrenzteres Ziel hat, ohne Zweifel.
Ein Volk, das da fähig ist, sei es auch nur in seinen höchsten
Stellvertretern und Anführern, das Gesicht aus der Geisterwelt,
Selbstständigkeit, fest ins Auge zu fassen, und von der Liebe
dafür ergriffen zu werden, wie unsre ältesten Vorfahren,
siegt gewiß über ein solches, das nur zum Werkzeuge fremder
Herrschsucht und zu Unterjochung selbständiger Völker gebraucht
wird, wie die römischen Heere; denn die erstern haben alles zu
verlieren, die letztern bloß einiges zu gewinnen. Ueber die
Denkart aber, die den Krieg als ein Glücksspiel ansieht, um
zeitlichen Gewinn oder Verlust, und bei der schon, ehe sie das
Spiel anfängt, fest steht, bis zu welcher Summe sie auf die
Karten setzen wolle, siegt sogar eine Grille. Denken Sie sich zum
Beispiel einen Mohammed -- nicht den wirklichen der Geschichte,
über welchen ich kein Urteil zu haben bekenne, sondern den eines
bekannten französischen Dichters -- der sich einmal fest in den
Kopf gesetzt habe, er sei eine der ungemeinen Naturen, die da
berufen sind, das dunkle, das gemeine Erdenvolk zu leiten, und
dem, zufolge dieser ersten Voraussetzung, alle seine Einfälle, so
dürftig und so beschränkt sie auch in der Tat sein mögen, dieweil
es die seinigen sind, notwendig erscheinen müssen als große und
erhabene und beseligende Ideen, und alles, was denselben sich
widersetzt, als dunkles gemeines Volk, Feinde ihres eignen Wohls,
Uebelgesinnte und Hassenswürdige; der nun, um diesen seinen
Eigendünkel vor sich selbst als göttlichen Ruf zu rechtfertigen,
und ganz aufgegangen in diesem Gedanken mit all seinem Leben,
alles daran setzen muß und nicht ruhen kann, bis er alles, das
nicht ebenso groß von ihm denken will, denn er selbst, zertreten
hat, und bis aus der ganzen Mitwelt sein eigner Glaube an seine
göttliche Sendung ihm zurückstrahle: ich will nicht sagen, wie
es ihm ergehen würde, falls wirklich ein geistiges Gesicht, das
da wahr ist und klar in sich selbst, gegen ihn in die Kampfbahn
träte, aber jenen beschränkten Glücksspielern gewinnt er es
sicher ab, denn er setzt alles gegen sie, die nicht alles
setzen; sie treibt kein Geist, ihn aber treibt allerdings ein
schwärmerischer Geist -- der seines gewaltigen und kräftigen
Eigendünkels.
Aus allem geht hervor, daß der Staat, als bloßes Regiment des im
gewöhnlichen friedlichen Gange fortschreitenden menschlichen Lebens,
nichts Erstes und für sich selbst Seiendes, sondern daß er bloß das
Mittel ist für den höhern Zweck der ewig gleichmäßig fortgehenden
Ausbildung des rein Menschlichen in dieser Nation; daß es allein
das Gesicht und die Liebe dieser ewigen Fortbildung ist, welche
immerfort auch in ruhigen Zeitläuften die höhere Aufsicht über die
Staatsverwaltung führen soll, und welche, wo die Selbständigkeit
des Volks in Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag. Bei
den Deutschen, unter denen, als einem ursprünglichen Volke, diese
Vaterlandsliebe möglich und, wie wir fest zu wissen glauben, bis
jetzt auch wirklich war, konnte dieselbe bis jetzt mit einer hohen
Zuversicht auf die Sicherheit ihrer wichtigsten Angelegenheit
rechnen. Wie nur noch bei den Griechen in der alten Zeit, war bei
ihnen der Staat und die Nation sogar voneinander gesondert und jedes
für sich dargestellt, der erste in den besondern deutschen Reichen
und Fürstentümern, die letzte sichtbar im Reichsverbande, unsichtbar,
nicht zufolge eines niedergeschriebenen, aber eines in aller Gemüter
lebenden Rechtes geltend, und in ihren Folgen allenthalben in das
Auge springend in einer Menge von Gewohnheiten und Einrichtungen.
So weit die deutsche Zunge reichte, konnte jeder, dem im Bezirke
derselben das Licht anbrach, sich doppelt betrachten als Bürger,
teils seines Geburtsstaates, dessen Fürsorge er zunächst empfohlen
war, teils des ganzen gemeinsamen Vaterlandes deutscher Nation. Jedem
war es verstattet, über die ganze Oberfläche dieses Vaterlandes hin
sich diejenige Bildung, die am meisten Verwandtschaft zu seinem
Geiste hatte, oder den demselben angemessensten Wirkungskreis
aufzusuchen, und das Talent wuchs nicht hinein in seine Stelle,
wie ein Baum, sondern es war ihm erlaubt, dieselbe zu suchen. Wer
durch die Richtung, die seine Bildung nahm, mit seiner nächsten
Umgebung entzweit wurde, fand leicht anderwärts willige Aufnahme,
fand neue Freunde statt der verlorenen, fand Zeit und Ruhe, um sich
näher zu erklären, vielleicht die Erzürnten selbst zu gewinnen und
zu versöhnen, und so das Ganze zu einigen. Kein deutschgeborener
Fürst hat es je über sich vermocht, seinen Untertanen das Vaterland
innerhalb der Berge oder Flüsse, wo er regierte, abzustecken,
und dieselben zu betrachten als gebunden an die Erdscholle. Eine
Wahrheit, die an einem Orte nicht laut werden durfte, durfte es
an einem andern, an welchem vielleicht im Gegenteile diejenigen
verboten waren, die dort erlaubt wurden; und so fand denn, bei
manchen Einseitigkeiten und Engherzigkeiten der besondern Staaten,
dennoch in Deutschland, dieses als ein Ganzes genommen, die höchste
Freiheit der Erforschung und der Mitteilung statt, die jemals ein
Volk besessen; und die höhere Bildung war und blieb allenthalben der
Erfolg aus der Wechselwirkung der Bürger aller deutschen Staaten,
und diese höhere Bildung kam denn in dieser Gestalt auch allmählich
herab zum größern Volke, das somit immer fortfuhr, sich selber durch
sich selbst im großen und ganzen zu erziehen. Dieses wesentliche
Unterpfand der Fortdauer einer deutschen Nation schmälerte, wie
gesagt, kein am Ruder der Regierung sitzendes deutsches Gemüt; und
wenn auch in Absicht andrer ursprünglichen Entscheidungen nicht
immer geschehen sein sollte, was die höhere deutsche Vaterlandsliebe
wünschen mußte, so ist wenigstens der Angelegenheit desselben nicht
geradezu entgegengehandelt worden, man hat nicht gesucht, jene Liebe
zu untergraben, sie auszurotten und eine entgegengesetzte Liebe an
ihre Stelle zu bringen.
Wenn nun aber etwa die ursprüngliche Leitung sowohl jener
höhern Bildung, als der Nationalmacht, die allein für jene und
ihre Fortdauer als Zweck gebraucht werden darf, die Verwendung
deutschen Gutes und deutschen Blutes, aus der Botmäßigkeit
deutschen Gemüts in eine andre kommen sollte: was würde sodann
notwendig erfolgen müssen?
Hier ist der Ort, wo es der in unsrer ersten Rede in Anspruch
genommenen Geneigtheit, sich über die eignen Angelegenheiten
nicht täuschen zu wollen, und des Mutes, die Wahrheit sehen zu
wollen, und sie sich zu gestehen, vorzüglich bedarf; auch ist
es, soviel mir bekannt, noch immer erlaubt, in deutscher Sprache
miteinander vom Vaterlande zu reden, wenigstens zu seufzen; und
wir würden, glaube ich, nicht wohl tun, wenn wir aus unsrer
eignen Mitte heraus ein solches Verbot verfrühten, und dem
Mute, der ohne Zweifel über das Wagnis schon vorher mit sich zu
Rate gegangen sein wird, die Fessel der Zaghaftigkeit einzelner
anlegen wollten.
Malen Sie sich also die vorausgesetzte neue Gewalt so gütig und
so wohlwollend vor, als Sie irgend wollen, machen Sie sie gut,
wie Gott; werden Sie ihr auch göttlichen Verstand einsetzen
können? Mag sie alles Ernstes das höchste Glück und Wohlsein
aller wollen, wird das höchste Wohlsein, das sie zu fassen
vermag, wohl auch deutsches Wohlsein sein? So hoffe ich über den
Hauptpunkt, den ich Ihnen heute vorgetragen, von Ihnen recht
wohl verstanden worden zu sein, ich hoffe, daß mehrere hierbei
gedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deutlich aus und
spreche aus mit Worten, wie es ihnen von jeher im Gemüte gelegen;
ich hoffe, daß es auch mit den übrigen Deutschen, die einst
dieses lesen werden, sich also verhalten werde; auch haben vor
mir mehrere Deutsche ungefähr dasselbe gesagt; und dem immerfort
bezeugten Widerstreben gegen eine bloß mechanische Einrichtung
und Berechnung des Staates hat dunkel jene Gesinnung zum Grunde
gelegen. Und nun fordere ich alle, die mit der neuen Literatur
des Auslandes bekannt sind, auf: mir nachzuweisen, welcher neuere
Weise, Dichter, Gesetzgeber derselben eine diesem ähnliche
Ahnung, die das Menschengeschlecht als ein ewig fortschreitendes
betrachte, und alles sein Regen in der Zeit nur auf diesen
Fortschritt beziehe, jemals verraten habe; ob irgendeiner selbst
in dem Zeitpunkte, als sie am kühnsten zu politischer Schöpfung
sich emporschwangen, mehr, als nur nicht Ungleichheit, inneren
Frieden, äußern Nationalruhm und, wo es aufs höchste getrieben
wurde, häusliche Glückseligkeit vom Staate gefordert habe? Ist,
wie man aus allen diesen Anzeigen schließen muß, dieses ihr
Höchstes, so werden sie auch uns keine höheren Bedürfnisse und
keine höheren Forderungen an das Leben beimessen, und, immer
jene wohltätigen Gesinnungen gegen uns und die Abwesenheit
alles Eigennutzes und aller Sucht mehr sein zu wollen denn wir,
vorausgesetzt, trefflich für uns gesorgt zu haben glauben,
wenn wir alles das finden, was sie allein als begehrungswürdig
kennen; dasjenige aber, warum der Edlere unter uns allein leben
mag, ist sodann ausgetilgt aus dem öffentlichen Leben, und das
Volk, das für die Anregungen des Edleren sich stets empfänglich
gezeigt hat, und welches man sogar nach seiner Mehrheit zu
jenem Adel emporzuheben hoffen durfte, ist, so wie es behandelt
wird, wie jene behandelt sein wollen, herabgesetzt unter seinen
Rang, entwürdigt, ausgetilgt aus der Reihe der Dinge, indem es
zusammenfließt mit dem von niederer Art.
In wem nun jene höheren Anforderungen an das Leben, nebst dem
Gefühle ihres göttlichen Rechts, dennoch lebendig und kräftig
bleiben, der fühlt mit tiefem Unwillen sich zurückgedrängt in
jene ersten Zeiten des Christentums, zu denen gesagt ist: »Ihr
sollet nicht widerstreben dem Uebel, sondern, so dir jemand
einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den andern
auch dar, und so jemand deinen Rock nehmen will, dem laß auch
den Mantel;« mit Recht das letzte, denn solange er noch einen
Mantel an dir sieht, sucht er einen Handel an dich, um dir auch
diesen zu nehmen, erst wenn du ganz nackend bist, entgehst du
seiner Aufmerksamkeit und hast vor ihm Ruhe. Eben sein höherer
Sinn, der ihn ehrt, macht ihm die Erde zur Hölle und zum Ekel; er
wünscht, nicht geboren zu sein, er wünscht, daß sein Auge je eher
je lieber sich dem Anblicke des Tages verschließe, unversiegbare
Trauer bis an das Grab erfaßt seine Tage; dem, was ihm lieb ist,
kann er keine bessere Gabe wünschen, denn einen dumpfen und
genügsamen Sinn, damit es mit weniger Schmerz einem ewigen Leben
jenseits des Grabes entgegenlebe.
Diese Vernichtung jeder etwa ins künftige unter uns ausbrechenden
edlern Regung, und diese Heruntersetzung unsrer ganzen Nation durch
das einzige, nachdem die andern vergeblich angewendet worden sind,
noch übrigbleibende Mittel zu verhindern, tragen Ihnen diese Reden
an. Sie tragen Ihnen an die wahre und allmächtige Vaterlandsliebe, in
der Erfassung unsers Volks als eines ewigen, und als Bürger unsrer
eignen Ewigkeit durch die Erziehung in aller Gemüter recht tief und
unauslöschlich zu begründen. Welche Erziehung dies vermöge, und auf
welche Weise, werden wir in den folgenden Reden ersehen.
Neunte Rede.
An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen Punkt die neue
Nationalerziehung der Deutschen anzuknüpfen sei.