was wir in unsrer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden
haben. Der eigentliche Unterscheidungsgrund liegt darin, ob man
an ein absolut Erstes und Ursprüngliches im Menschen selber, an
Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten
unsers Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses nicht
glaube, ja wohl deutlich einzusehen und zu begreifen vermeine, daß
das Gegenteil von diesem allem stattfinde. Alle, die entweder
selbst schöpferisch und hervorbringend das Neue leben, oder
die, falls ihnen dies nicht zuteil geworden wäre, das Nichtige
wenigstens entschieden fallen lassen und aufmerkend dastehen,
ob irgendwo der Fluß ursprünglichen Lebens sie ergreifen werde,
oder die, falls sie auch nicht so weit wären, die Freiheit
wenigstens ahnen und sie nicht hassen, oder vor ihr erschrecken,
sondern sie lieben; alle diese sind ursprüngliche Menschen, sie
sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das
Volk schlechtweg, Deutsche. Alle, die sich darein ergeben ein
Zweites zu sein und Abgestammtes, und die deutlich sich also
kennen und begreifen, sind es in der Tat, und werden es immer
mehr durch diesen ihren Glauben, sie sind ein Anhang zum Leben,
das vor ihnen oder neben ihnen aus eignem Triebe sich regte,
ein vom Felsen zurücktönender Nachhall einer schon verstummten
Stimme, sie sind als Volk betrachtet außerhalb des Urvolks und
für dasselbe Fremde und Ausländer. In der Nation, die bis auf
diesen Tag sich das Volk schlechtweg oder Deutsche nennt, ist in
der neuen Zeit wenigstens bis jetzt Ursprüngliches an den Tag
hervorgebrochen, und Schöpferkraft des Neuen hat sich gezeigt;
jetzt wird endlich dieser Nation durch eine in sich selbst klar
gewordene Philosophie der Spiegel vorgehalten, in welchem sie
mit klarem Begriffe erkenne, was sie bisher ohne deutliches
Bewußtsein durch die Natur ward, und wozu sie von derselben
bestimmt ist; und es wird ihr der Antrag gemacht, nach diesem
klaren Begriffe und mit besonnener und freier Kunst, vollendet
und ganz, sich selbst zu dem zu machen, was sie sein soll, den
Bund zu erneuern und ihren Kreis zu schließen. Der Grundsatz,
nach dem sie diesen zu schließen hat, ist ihr vorgelegt; was an
Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige
Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es
auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unsers
Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun. Was an
Stillstand, Rückgang und Zirkeltanz glaubt, oder gar eine tote
Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch
geboren sei und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd
für uns, und es ist zu wünschen, daß es je eher je lieber sich
gänzlich von uns abtrenne.
Und so trete denn bei dieser Gelegenheit, gestützt auf das oben
über die Freiheit Gesagte, endlich auch einmal vernehmlich
heraus, und wer noch Ohren hat zu hören, der höre, was diejenige
Philosophie, die mit gutem Fuge sich die deutsche nennt,
eigentlich wolle, und worin sie jeder ausländischen und
totgläubigen Philosophie mit ernster und unerbittlicher Strenge
sich entgegensetze; und zwar trete dieses heraus keineswegs
darum, damit auch das Tote es verstehe, was unmöglich ist,
sondern damit es diesem schwerer werde, ihr die Worte zu
verdrehen, und sich das Ansehen zu geben, als ob es selbst
eben auch ungefähr dasselbe wolle und im Grunde meine. Diese
deutsche Philosophie erhebt sich wirklich und durch die Tat ihres
Denkens, keineswegs prahlt sie es bloß zufolge einer dunklen
Ahnung, daß es so sein müsse, ohne es jedoch bewerkstelligen
zu können -- sie erhebt sich zu dem unwandelbaren »Mehr denn
alle Unendlichkeit«, und findet allein in diesem das wahrhafte
Sein. Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie in ihrer
Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen,
das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser
seiner Unsichtbarkeit erfaßt, richtig erfaßt wird. Schon die
Unendlichkeit ist nach dieser Philosophie nichts an sich, und es
kommt ihr durchaus kein wahrhaftes Sein zu; sie ist lediglich
das Mittel, woran das einzige, das da ist, und das nur in seiner
Unsichtbarkeit ist, sichtbar wird, und woraus ihm ein Bild, ein
Schemen und Schatten seiner selbst, im Umkreise der Bildlichkeit
erbaut wird. Alles, was innerhalb dieser Unendlichkeit der
Bilderwelt noch weiter sichtbar werden mag, ist nun vollends ein
Nichts des Nichts, ein Schatten des Schattens, und lediglich
das Mittel, woran jenes erste Nichts der Unendlichkeit und der
Zeit selber sichtbar werde, und dem Gedanken der Aufflug zu dem
unbildlichen und unsichtbaren Sein sich eröffne.
Innerhalb dieses einzig möglichen Bildes der Unendlichkeit
tritt nun das Unsichtbare unmittelbar heraus nur als freies und
ursprüngliches Leben des Sehens, oder als Willensentschluß eines
vernünftigen Wesens, und kann durchaus nicht anders heraustreten
und erscheinen. Alles als nicht geistiges Leben erscheinende
beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener,
vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im
Gegensatze mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach
vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich eben erheben soll
zum Erkennen seines eignen Nichts und zur Anerkennung des
Unsichtbaren als des einzigen Wahren.
In diesen Schatten von den Schatten der Schatten bleibt nun jene
totgläubige Seinsphilosophie, die wohl gar Naturphilosophie wird,
die erstorbenste von allen Philosophien, behangen, und fürchtet
und betet an ihr eignes Geschöpf.
Dieses Beharren nun ist der Ausdruck ihres wahren Lebens und
ihrer Liebe, und in diesem ist dieser Philosophie zu glauben.
Wenn sie aber noch weiter sagt, daß dieses von ihr als wirklich
seiendes vorausgesetzte Sein und das Absolute eins sei und
ebendasselbe, so ist ihr hierin, so vielmal sie es auch beteuern
mag, und wenn sie auch manchen Eidschwur hinzufügte, nicht
zu glauben; sie weiß dies nicht, sondern sie sagt es nur auf
gutes Glück hin, einer andern Philosophie, der sie dies nicht
abzustreiten wagt, es nachbetend. Sollte sie es wissen, so müßte
sie nicht von der Zweiheit, die sie durch jenen Machtspruch
nur aufhebt und dennoch stehen läßt, als einer unbezweifelten
Tatsache ausgehen, sondern sie müßte von der Einheit ausgehen,
und aus dieser die Zweiheit, und mit ihr alle Mannigfaltigkeit
verständlich und einleuchtend abzuleiten vermögen. Hierzu bedarf
es aber des Denkens, der durchgeführten und mit sich selbst zu
Ende gekommenen Reflexion. Die Kunst dieses Denkens hat sie
teils nicht gelernt und ist derselben überhaupt unfähig, sie
vermag nur zu schwärmen, teils ist sie diesem Denken feind und
mag es gar nicht versuchen, weil sie dadurch in der geliebten
Täuschung gestört werden würde.
Dies ist es nun, worin unsre Philosophie sich jener Philosophie
ernstlich entgegensetzt, und dies haben wir bei dieser Veranlassung
einmal so vornehmlich als möglich ansprechen und bezeugen wollen.
Achte Rede.
Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des Worts, und was
Vaterlandsliebe.
Die vier letzten Reden haben die Frage beantwortet: was ist
der Deutsche im Gegensatze mit andern Völkern germanischer
Abkunft? Der Beweis, der durch dieses alles für das Ganze
unsrer Untersuchung geführt werden soll, wird vollendet,
wenn wir noch die Untersuchung der Frage hinzufügen: was ist
ein Volk? welche letztere Frage gleich ist einer andern und
zugleich mitbeantwortet diese andre, oft aufgeworfene und auf
sehr verschiedene Weisen beantwortete Frage, diese: was ist
Vaterlandsliebe, oder, wie man sich richtiger ausdrücken würde,
was ist Liebe des einzelnen zu seiner Nation?
Sind wir bisher im Gange unsrer Untersuchung richtig verfahren,
so muß hierbei zugleich erhellen, daß nur der Deutsche -- der
ursprüngliche und nicht in einer willkürlichen Satzung erstorbene
Mensch, wahrhaft ein Volk hat und auf eins zu rechnen befugt ist,
und daß nur er der eigentlichen und vernunftgemäßen Liebe zu
seiner Nation fähig ist.
Wir bahnen uns den Weg zur Lösung der gestellten Aufgabe durch
folgende, fürs erste außer dem Zusammenhange des bisherigen zu
liegen scheinende Bemerkung.
Die Religion, wie wir dies schon in unsrer dritten Rede angemerkt
haben, vermag durchaus hinwegzuversetzen über alle Zeit und
über das ganze gegenwärtige und sinnliche Leben, ohne darum
der Rechtlichkeit, Sittlichkeit und Heiligkeit des von diesem
Glauben ergriffenen Lebens den mindesten Abbruch zu tun. Man
kann, auch bei der sichern Ueberzeugung, daß alles unser Wirken
auf dieser Erde nicht die mindeste Spur hinter sich lassen und
nicht die mindeste Frucht bringen werde, ja, daß das Göttliche
sogar verkehrt und zu einem Werkzeuge des Bösen und noch tieferer
sittlicher Verderbnis werde gebraucht werden, dennoch fortfahren
in diesem Wirken, lediglich, um das in uns ausgebrochene
göttliche Leben aufrecht zu erhalten, und in Beziehung auf eine
höhere Ordnung der Dinge in einer künftigen Welt, in welcher
nichts in Gott Geschehenes zugrunde geht. So waren zum Beispiel
die Apostel, und überhaupt die ersten Christen, durch ihren
Glauben an den Himmel schon im Leben gänzlich über die Erde
hinweggesetzt und die Angelegenheiten derselben, der Staat,
irdisches Vaterland und Nation, waren von ihnen so gänzlich
aufgegeben, daß sie dieselben auch sogar ihrer Beachtung nicht
mehr würdigten. So möglich dieses nun auch ist, und so leicht
auch dem Glauben, und so freudig auch man sich darein ergeben
muß, wenn es einmal unabänderlich der Wille Gottes ist, daß wir
kein irdisches Vaterland mehr haben und hienieden Ausgestoßene
und Knechte seien: so ist dies dennoch nicht der natürliche
Zustand und die Regel des Weltganges, sondern es ist eine
seltene Ausnahme; auch ist es ein sehr verkehrter Gebrauch der
Religion, der unter andern auch sehr häufig vom Christentume
gemacht worden, wenn dieselbe gleich von vornherein und ohne
Rücksicht auf die vorhandenen Umstände darauf ausgeht, diese
Zurückziehung von den Angelegenheiten des Staates und der Nation
als wahre religiöse Gesinnung zu empfehlen. In einer solchen
Lage, wenn sie wahr und wirklich ist und nicht etwa bloß durch
religiöse Schwärmerei herbeigeführt, verliert das zeitliche
Leben alle Selbstbeständigkeit, und es wird lediglich zu einem
Vorhofe des wahren Lebens und zu einer schweren Prüfung, die man
bloß aus Gehorsam und Ergebung in den Willen Gottes erträgt; und
dann ist es wahr, daß, wie es von vielen vorgestellt worden,
unsterbliche Geister nur zu ihrer Strafe in irdische Leiber, als
in Gefängnisse, eingetaucht sind. In der regelmäßigen Ordnung der
Dinge hingegen soll das irdische Leben selber wahrhaftig Leben
sein, dessen man sich erfreuen und das man, freilich in Erwartung
eines höhern, dankbar genießen könne; und obwohl es wahr ist, daß
die Religion auch der Trost ist des widerrechtlich zerdrückten
Sklaven, so ist dennoch vor allen Dingen dies religiöser Sinn,
daß man sich gegen die Sklaverei stemme und, so man es verhindern
kann, die Religion nicht bis zum bloßen Troste der Gefangenen
herabsinken lasse. Dem Tyrannen steht es wohl an, religiöse
Ergebung zu predigen, und die, denen er auf Erden kein Plätzchen
verstatten will, an den Himmel zu verweisen; wir andern müssen
weniger eilen, diese von ihm empfohlene Ansicht der Religion uns
anzueignen und, falls wir können, verhindern, daß man die Erde
zur Hölle mache, um eine desto größere Sehnsucht nach dem Himmel
zu erregen.
Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb
des Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden
und ewig Dauerndes zu verflößen in sein irdisches Tagewerk; das
Unvergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen
-- nicht bloß auf eine unbegreifliche Weise, und allein durch
die, sterblichen Augen undurchdringbare Kluft mit dem Ewigen
zusammenhängend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst
sichtbare Weise.
Daß ich bei diesem gemeinfaßlichen Beispiele anhebe: welcher
Edeldenkende will nicht und wünscht nicht, in seinen Kindern
und wiederum in den Kindern dieser, sein eignes Leben von neuem
auf eine verbesserte Weise zu wiederholen, und in dem Leben
derselben veredelt und vervollkommnet auch auf dieser Erde
noch fortzuleben, nachdem er längst gestorben ist; den Geist,
den Sinn und die Sitte, mit denen er vielleicht in seinen
Tagen abschreckend war für die Verkehrtheit und das Verderben,
befestigend die Rechtschaffenheit, aufmunternd die Trägheit,
erhebend die Niedergeschlagenheit, der Sterblichkeit zu
entreißen, und sie, als sein bestes Vermächtnis an die Nachwelt,
niederzulegen in den Gemütern seiner Hinterlassenen, damit
auch diese sie einst eben also verschönert und vermehrt wieder
niederlegen? Welcher Edeldenkende will nicht durch Tun oder
Denken ein Samenkorn streuen zu unendlicher immerfortgehender
Vervollkommnung seines Geschlechts, etwas Neues und vorher nie
Dagewesenes hineinwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe und nie
versiegende Quelle werde neuer Schöpfungen; seinen Platz auf
dieser Erde und die ihm verliehene kurze Spanne Zeit bezahlen
mit einem auch hienieden ewig Dauernden, so daß er, als dieser
einzelne, wenn auch nicht genannt durch die Geschichte (denn
Durst nach Nachruhm ist eine verächtliche Eitelkeit) dennoch in
seinem eignen Bewußtsein und seinem Glauben offenbare Denkmale
hinterlasse, daß auch er dagewesen sei? Welcher Edeldenkende will
das nicht? sagte ich; aber nur nach den Bedürfnissen der also
Denkenden, als der Regel, wie alle sein sollten, ist die Welt zu
betrachten und einzurichten, und um ihrer willen allein ist eine
Welt da. Sie sind der Kern derselben und die anders Denkenden
sind, als selbst nur ein Teil der vergänglichen Welt, so lange
sie also denken, auch nur um ihrer willen da und müssen sich nach
ihnen bequemen, so lange, bis sie geworden sind wie sie.
Was könnte es nun sein, das dieser Aufforderung und diesem
Glauben des Edlen an die Ewigkeit und Unvergänglichkeit seines
Werkes die Gewähr zu leisten vermöchte? Offenbar nur eine Ordnung
der Dinge, die er für selbst ewig und für fähig, ewiges in sich
aufzunehmen, anzuerkennen vermöchte. Eine solche Ordnung aber ist
die, freilich in keinem Begriffe zu erfassende, aber dennoch
wahrhaft vorhandene, besondere geistige Natur der menschlichen
Umgebung, aus welcher er selbst mit allem seinem Denken und Tun
und mit seinem Glauben an die Ewigkeit desselben hervorgegangen
ist, das Volk, von welchem er abstammt und unter welchem er
gebildet wurde und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs.
Denn so unbezweifelt es auch wahr ist, daß sein Werk, wenn er
mit Recht Anspruch macht auf dessen Ewigkeit, keineswegs der
bloße Erfolg des geistigen Naturgesetzes seiner Nation ist und
mit diesem Erfolge rein aufgeht, sondern, daß es ein Mehreres
ist denn das, und insofern unmittelbar ausströmt aus dem
ursprünglichen und göttlichen Leben; so ist es dennoch ebenso
wahr, daß jenes Mehrere, sogleich bei seiner ersten Gestaltung
zu einer sichtbaren Erscheinung, unter jenes besondere geistige
Naturgesetz sich gefügt und nur nach demselben sich einen
sinnlichen Ausdruck gebildet hat. Unter dasselbe Naturgesetz
nun werden, so lange dieses Volk besteht, auch alle ferneren
Offenbarungen des Göttlichen in demselben eintreten und in ihm
sich gestalten. Dadurch aber, daß auch er da war und so wirkte,
ist selbst dieses Gesetz weiter bestimmt, und seine Wirksamkeit
ist ein stehender Bestandteil desselben geworden. Auch hiernach
wird alles Folgende sich fügen und an dasselbe sich anschließen
müssen. Und so ist er denn sicher, daß die durch ihn errungene
Ausbildung bleibt in seinem Volke, so lange dieses selbst bleibt,
und fortdauernder Bestimmungsgrund wird aller fernern Entwicklung
desselben.
Dies nun ist in höherer, vom Standpunkte der Ansicht einer
geistigen Welt überhaupt genommener Bedeutung des Worts, ein
Volk: das Ganze der in Gesellschaft miteinander fortlebenden und
sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden
Menschen, das insgesamt unter einem gewissen besondern Gesetze
der Entwicklung des Göttlichen aus ihm steht. Die Gemeinsamkeit
dieses besondern Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt und eben
darum auch in der zeitlichen, diese Menge zu einem natürlichen
und von sich selbst durchdrungenen Ganzen verbindet. Dieses
Gesetz selbst, seinem Inhalte nach, kann wohl im ganzen erfaßt
werden, so wie wir es an den Deutschen, als einem Urvolke erfaßt
haben; es kann sogar durch Erwägung der Erscheinungen eines
solchen Volkes noch näher in manchen seiner weiteren Bestimmungen
begriffen werden; aber es kann niemals von irgendeinem, der ja
selbst immerfort unter desselben ihm unbewußten Einflusse bleibt,
ganz mit dem Begriffe durchdrungen werden; obwohl im allgemeinen
klar eingesehen werden kann, daß es ein solches Gesetz gebe. Es
ist dieses Gesetz ein Mehr der Bildlichkeit, das mit dem Mehr
der unbildlichen Ursprünglichkeit in der Erscheinung unmittelbar
verschmilzt; und so sind denn, in der Erscheinung eben, beide
nicht wieder zu trennen. Jenes Gesetz bestimmt durchaus und
vollendet das, was man den Nationalcharakter eines Volkes
genannt hat; jenes Gesetz der Entwicklung des Ursprünglichen
und Göttlichen. Es ist aus dem letztern klar, daß Menschen,
welche so wie wir bisher die Ausländerei beschrieben haben,
an ein Ursprüngliches und an eine Fortentwicklung desselben
gar nicht glauben, sondern bloß an einen ewigen Kreislauf des
scheinbaren Lebens, und welche durch ihren Glauben werden, wie
sie glauben, im höhern Sinne gar kein Volk sind und, da sie
in der Tat eigentlich auch nicht da sind, ebensowenig einen
Nationalcharakter zu haben vermögen.
Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner
Wirksamkeit auch auf dieser Erde gründet sich demnach auf die
Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er selber
sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeit desselben, nach
jenem verborgenen Gesetze; ohne Einmischung und Verderbung
durch irgendein Fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung
nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er
die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut,
die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt; ihre
Fortdauer muß er wollen, denn sie allein ist ihm das entbindende
Mittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebens hienieden zu
fortdauerndem Leben hienieden ausgedehnt wird. Sein Glaube und
sein Streben, Unvergängliches zu pflanzen, sein Begriff, in
welchem er sein eignes Leben als ein ewiges Leben erfaßt, ist
das Band, welches zunächst seine Nation und vermittelst ihrer
das ganze Menschengeschlecht innigst mit ihm selber verknüpft,
und ihrer aller Bedürfnisse, bis ans Ende der Tage, einführt in
sein erweitertes Herz. Dies ist seine Liebe zu seinem Volke,
zuvörderst achtend, vertrauend, desselben sich freuend, mit
der Abstammung daraus sich ehrend. Es ist Göttliches in ihm
erschienen, und das Ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es
zu seiner Hülle und zu seinem unmittelbaren Verflößungsmittel
in die Welt zu machen; es wird darum auch ferner Göttliches
aus ihm hervorbrechen. Sodann tätig, wirksam, sich aufopfernd
für dasselbe. Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen des
wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er
hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer
verspricht ihm allein die selbständige Fortdauer seiner Nation;
um diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese
lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht
hat.
So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sei, und nicht bloß
eine vorübergehende Begehrlichkeit, haftet nie auf Vergänglichem,
sondern sie erwacht und entzündet sich und ruht allein in dem
Ewigen. Nicht einmal sich selbst vermag der Mensch zu lieben, es
sei denn, daß er sich als Ewiges erfasse; außerdem vermag er sich
sogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger vermag er
etwas außer sich zu lieben, außer also, daß er es aufnehme in
die Ewigkeit seines Glaubens und seines Gemüts und es anknüpfe
an diese. Wer nicht zuvörderst sich als ewig erblickt, der hat
überhaupt keine Liebe, und kann auch nicht lieben ein Vaterland,
dergleichen es für ihn nicht gibt. Wer zwar vielleicht sein
unsichtbares Leben, nicht aber eben also sein sichtbares Leben,
als ewig erblickt, der mag wohl einen Himmel haben, und in diesem
sein Vaterland, aber hienieden hat er kein Vaterland, denn auch
dieses wird nur unter dem Bilde der Ewigkeit, und zwar der
sichtbaren und versinnlichten Ewigkeit erblickt, und er vermag
daher auch nicht sein Vaterland zu lieben. Ist einem solchen
keines überliefert worden, so ist er zu beklagen; wem eins
überliefert worden ist, und in wessen Gemüte Himmel und Erde,
Unsichtbares und Sichtbares sich durchdringen, und so erst einen
wahren und gediegenen Himmel erschaffen, der kämpft bis auf den
letzten Blutstropfen, um den teuren Besitz ungeschmälert wiederum
zu überliefern an die Folgezeit.
So ist es auch von jeher gewesen, unerachtet es nicht von jeher
mit dieser Allgemeinheit und mit dieser Klarheit ausgesprochen
worden. Was begeisterte die Edlen unter den Römern, deren
Gesinnungen und Denkweise noch in ihren Denkmalen unter uns leben
und atmen, zu Mühen und Aufopferungen, zum Dulden und Tragen
fürs Vaterland? Sie sprechen es selbst oft und deutlich aus. Ihr
fester Glaube war es an die ewige Fortdauer ihrer Roma, und ihre
zuversichtliche Aussicht, in dieser Ewigkeit selber ewig mit
fortzuleben im Strome der Zeit. Inwiefern dieser Glaube Grund
hatte, und sie selbst, wenn sie in sich selber vollkommen klar
gewesen wären, denselben gefaßt haben würden, hat er sie auch
nicht getäuscht. Bis auf diesen Tag lebt das, was wirklich ewig
war in ihrer ewigen Roma, und sie mit demselben in unsrer Mitte
fort, und wird in seinen Folgen fortleben bis ans Ende der Tage.
Volk und Vaterland in dieser Bedeutung, als Träger und Unterpfand
der irdischen Ewigkeit, und als dasjenige, was hienieden ewig
sein kann, liegt weit hinaus über den Staat, im gewöhnlichen
Sinne des Worts -- über die gesellschaftliche Ordnung, wie
dieselbe im bloßen klaren Begriffe erfaßt, und nach Anleitung
dieses Begriffs errichtet und erhalten wird. Dieser will gewisses
Recht, innerlichen Frieden, und daß jeder durch Fleiß seinen
Unterhalt und die Fristung seines sinnlichen Daseins finde, so
lange Gott sie ihm gewähren will. Dieses alles ist nur Mittel,
Bedingung und Gerüst dessen, was die Vaterlandsliebe eigentlich
will, des Aufblühens des Ewigen und Göttlichen in der Welt, immer
reiner, vollkommener und getroffener im unendlichen Fortgange.
Eben darum muß diese Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren,
als durchaus oberste, letzte und unabhängige Behörde, zuvörderst,
indem sie ihn beschränkt in der Wahl der Mittel für seinen
nächsten Zweck, den innerlichen Frieden. Für diesen Zweck muß
freilich die natürliche Freiheit des einzelnen auf mancherlei
Weise beschränkt werden, und wenn man gar keine andre Rücksicht
und Absicht mit ihnen hätte, denn diese, so würde man wohltun,
dieselbe so eng, als immer möglich, zu beschränken, alle ihre
Regungen unter eine einförmige Regel zu bringen, und sie unter
immerwährender Aufsicht zu erhalten. Gesetzt, diese Strenge wäre
nicht nötig, so könnte sie wenigstens für diesen alleinigen Zweck
nicht schaden. Nur die höhere Ansicht des Menschengeschlechts
und der Völker erweitert diese beschränkte Berechnung. Freiheit,
auch in den Regungen des äußerlichen Lebens, ist der Boden, in
welchem die höhere Bildung keimt; eine Gesetzgebung, welche
diese letztere im Auge behält, wird der ersteren einen möglichst
ausgebreiteten Kreis lassen, selber auf die Gefahr hin, daß ein
geringerer Grad der einförmigen Ruhe und Stille erfolge, und daß
das Regieren ein wenig schwerer und mühsamer werde.
Um dies an einem Beispiele zu erläutern: man hat erlebt, daß
Nationen ins Angesicht gesagt worden, sie bedürften nicht so
vieler Freiheit, als etwa manche andre Nation. Diese Rede kann
sogar eine Schonung und Milderung enthalten, indem man eigentlich
sagen wollte, sie könnte so viele Freiheit gar nicht ertragen,
und nur eine hohe Strenge könne verhindern, daß sie sich
nicht untereinander selber aufrieben. Wenn aber die Worte also
genommen werden, wie sie gesagt sind, so sind sie wahr unter der
Voraussetzung, daß eine solche Nation des ursprünglichen Lebens
und des Triebes nach solchem, durchaus unfähig sei. Eine solche
Nation, falls eine solche, in der auch nicht wenige Edlere eine
Ausnahme von der allgemeinen Regel machten, möglich sein sollte,
bedürfte in der Tat gar keiner Freiheit, denn diese ist nur für
die höhern, über den Staat hinausliegenden Zwecke; sie bedarf
bloß der Bezähmung und Abrichtung, damit die einzelnen friedlich
nebeneinander bestehen, und damit das Ganze zu einem tüchtigen
Mittel für willkürlich zu setzende außer ihr liegende Zwecke
zubereitet werde. Wir können unentschieden lassen, ob man von
irgendeiner Nation dies mit Wahrheit sagen könne; so viel ist
klar, daß ein ursprüngliches Volk der Freiheit bedarf, daß diese
das Unterpfand ist seines Beharrens als ursprünglich, und daß es
in seiner Fortdauer einen immer höher steigenden Grad derselben
ohne alle Gefahr erträgt. Und dies ist das erste Stück, in
Rücksicht dessen die Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren
muß.