Diese Ansicht der Staatskunst prägt durch ihre eiserne Folgegemäßheit

und durch einen Anschein von Erhabenheit, der auf sie fällt, Achtung

ein; auch leistet sie, besonders wo alles nach monarchischer und

immer reiner werdender monarchischer Verfassung drängt, bis auf

einen gewissen Punkt gute Dienste. Angekommen aber bei diesem Punkte

springt ihre Unmacht in die Augen. Ich will nämlich annehmen,

daß ihr eurer Maschine die von euch beabsichtigte Vollkommenheit

durchaus verschafft hättet, und daß in ihr jedwedes niedere Glied

unausbleiblich und unwiderstehlich gezwungen werde durch ein höheres,

zum Zwingen gezwungenes Glied, und so fort bis an den Gipfel;

wodurch wird denn nun euer letztes Glied, von dem aller in der

Maschine vorhandene Zwang ausgeht, zu seinem Zwingen gezwungen? Ihr

sollt schlechthin allen Widerstand, der aus der Reibung der Stoffe

gegen jene letzte Triebfeder entstehen könnte, überwunden, und ihr

eine Kraft gegeben haben, gegen welche alle andre Kraft in Nichts

verschwinde, was allein ihr auch durch Mechanismus könnt, und sollt

also die allerkräftigste monarchische Verfassung erschaffen haben;

wie wollt ihr denn nun diese Triebfeder selbst in Bewegung bringen,

und sie zwingen, ohne Ausnahme das Rechte zu sehen und zu wollen? Wie

wollt ihr denn in euer zwar richtig berechnetes und gefügtes, aber

stillstehendes Räderwerk das ewig Bewegliche einsetzen? Soll etwa,

wie ihr dies auch zuweilen in eurer Verlegenheit äußert, das ganze

Werk selbst zurückwirken und seine erste Triebfeder anregen? Entweder

geschieht dies durch eine selbst aus der Anregung der Triebfeder

stammende Kraft, oder es geschieht durch eine solche Kraft, die nicht

aus ihr stammt, sondern die in dem Ganzen selbst, unabhängig von der

Triebfeder, stattfindet; und ein drittes ist nicht möglich. Nehmt ihr

das erste an, so befindet ihr euch in einem alles Denken und allen

Mechanismus aufhebenden Zirkel; das ganze Werk kann die Triebfeder

zwingen, nur, inwiefern es selbst von jener gezwungen ist, sie zu

zwingen, also inwiefern die Triebfeder, nur mittelbar, sich selbst

zwingt; zwingt sie aber sich selbst nicht, welchem Mangel wir ja

eben abhelfen wollten, so erfolgt überhaupt keine Bewegung. Nehmt

ihr das zweite an, so bekennt ihr, daß der Ursprung aller Bewegung

in eurem Werke von einer in eure Berechnung und Anordnung gar nicht

eingetretenen und durch euren Mechanismus gar nicht gebundenen Kraft

ausgehe, die ohne Zweifel ohne euer Zutun nach ihren eignen euch

unbekannten Gesetzen wirkt, wie sie kann. In jedem der beiden Fälle

müßt ihr euch als Stümper und unmächtige Prahler bekennen.

Dies hat man denn auch gefühlt, und in diesem Lehrgebäude, das,

auf seinen Zwang rechnend, um die übrigen Bürger unbesorgt sein

kann, wenigstens den Fürsten, von welchem alle gesellschaftliche

Bewegung ausgeht, durch allerlei gute Lehre und Unterweisung

erziehen wollen. Aber wie will man sich denn versichern, daß man

auf eine der Erziehung zum Fürsten überhaupt fähige Natur treffen

werde; oder falls man auch dieses Glück hätte, daß dieser, den

kein Mensch nötigen kann, gefällig und geneigt sein werde, Zucht

annehmen zu wollen? Eine solche Ansicht der Staatskunst ist nun,

ob sie auf ausländischem oder deutschem Boden angetroffen werde,

immer Ausländerei. Es ist jedoch hierbei zur Ehre deutschen

Geblüts und Gemüts anzumerken, daß, so gute Künstler wir auch

in der bloßen Lehre dieser Zwangsberechnungen sein mochten, wir

dennoch, wenn es zur Ausübung kam, durch das dunkle Gefühl, es

müsse nicht also sein, gar sehr gehemmt wurden, und in diesem

Stücke gegen das Ausland zurückblieben. Sollten wir also auch

genötigt werden, die uns zugedachte Wohltat fremder Formen und

Gesetze anzunehmen, so wollen wir uns dabei wenigstens nicht

über die Gebühr schämen, als ob unser Witz unfähig gewesen wäre,

die Höhen der Gesetzgebung auch zu erschwingen. Da, wenn wir

bloß die Feder in der Hand haben, wir auch hierin keiner Nation

nachstehen, so möchten für das Leben wir wohl gefühlt haben, daß

auch dies noch nicht das rechte sei, und so lieber das Alte haben

stehen lassen wollen, bis das Vollkommne an uns käme, anstatt

bloß die alte Mode mit einer neuen ebenso hinfälligen Mode zu

vertauschen.

Anders die echt deutsche Staatskunst. Auch sie will Festigkeit,

Sicherheit und Unabhängigkeit von der blinden und schwankenden

Natur, und ist hierin mit dem Auslande ganz einverstanden. Nur

will sie nicht, wie diese, ein festes und gewisses Ding, als

das erste, durch welches der Geist als das zweite Glied, erst

gewiß gemacht werde, sondern sie will gleich von vornherein, und

als das allererste und einige Glied, einen festen und gewissen

Geist. Dieser ist für sie die aus sich selbst lebende und ewig

bewegliche Triebfeder, die das Leben der Gesellschaft ordnen und

fortbewegen wird. Sie begreift, daß sie diesen Geist nicht durch

Strafreden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur

durch Erziehung des noch unverdorbenen Jugendalters hervorbringen

könne; und zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das

Ausland, an die schroffe Spitze, den Fürsten, sondern sie will

sich mit derselben an die breite Fläche, an die Nation wenden,

indem ja ohne Zweifel auch der Fürst zu dieser gehören wird.

So wie der Staat an den Personen seiner erwachsenen Bürger die

fortgesetzte Erziehung des Menschengeschlechts ist, so müsse,

meint diese Staatskunst, der künftige Bürger selbst erst zur

Empfänglichkeit jener höheren Erziehung herauferzogen werden.

Hierdurch wird nun diese deutsche und allerneueste Staatskunst

wiederum die allerälteste; denn auch diese bei den Griechen

gründete das Bürgertum auf die Erziehung, und bildete Bürger,

wie die folgenden Zeitalter sie nicht wieder gesehen haben. In

der Form dasselbe, in dem Gehalte mit nicht engherzigem und

ausschließendem, sondern allgemeinem und weltbürgerlichem Geiste,

wird hinfür der Deutsche tun.

Derselbe Geist des Auslandes herrscht bei der großen Mehrzahl

der unsrigen auch in ihrer Ansicht des gesamten Lebens eines

Menschengeschlechts und der Geschichte, als dem Bilde jenes

Lebens. Eine Nation, die eine geschlossene und erstorbene

Grundlage ihrer Sprache hat, kann es, wie wir zu einer andern

Zeit gezeigt haben, in allen Redekünsten nur bis zu einer

gewissen von jener Grundlage verstatteten Stufe der Ausbildung

bringen, und sie wird ein goldenes Zeitalter erleben. Ohne

die größte Bescheidenheit und Selbstverleugnung kann eine

solche Nation von dem ganzen Geschlechte nicht füglich höher

denken, denn sie selbst sich kennt; sie muß daher voraussetzen,

daß es auch für dieses ein letztes, höchstes und niemals zu

übertreffendes Ziel der Ausbildung geben werde. So wie das

Tiergeschlecht der Biber oder Bienen noch jetzt also baut, wie

es vor Jahrtausenden gebaut hat, und in diesem langen Zeitraume

in der Kunst keine Fortschritte gemacht hat, ebenso wird es nach

diesen sich mit dem Tiergeschlechte, Mensch genannt, in allen

Zweigen seiner Ausbildung verhalten. Diese Zweige, Triebe und

Fähigkeiten werden sich erschöpfend übersehen, ja vielleicht

an ein paar Gliedmaßen sogar dem Auge darlegen lassen, und die

höchste Entwicklung einer jeden wird angegeben werden können.

Vielleicht wird das Menschengeschlecht darin noch weit übler

daran sein, als das Biber- oder Bienengeschlecht, daß das

letztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in seiner

Kunst nicht zurückkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal

den Gipfel erreichte, wiederum zurückgeschleudert wird, und nun

Jahrhunderte oder Tausende sich anstrengen mag, um wiederum in

den Punkt hinein zu geraten, in welchem man ihn lieber gleich

hätte lassen sollen. Dergleichen Scheitelpunkte seiner Bildung

und goldene Zeitalter wird, diesen zufolge das Menschengeschlecht

ohne Zweifel auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte

aufzusuchen, und nach ihnen alle Bestrebungen der Menschheit

zu beurteilen und auf sie zurückführen, wird ihr eifrigstes

Bestreben sein. Nach ihnen ist die Geschichte längst fertig, und

ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts

Neues unter der Sonne, denn sie haben unter und über der Sonne

den Quell des ewigen Fortlebens ausgetilgt, und lassen nur den

immer wiederkehrenden Tod sich wiederholen und mehrere Male

setzen.

Es ist bekannt, daß diese Philosophie der Geschichte vom Auslande

aus an uns gekommen ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem

verhallet, und fast ausschließend deutsches Eigentum geworden

ist. Aus dieser tiefern Verwandtschaft erfolgt es denn auch, daß

diese unsre Geschichtsphilosophie die Bestrebungen des Auslandes,

welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte nicht mehr

häufig ausspricht, noch mehr tut, indem es in derselben handelt,

und abermals ein goldnes Zeitalter verfertigt, so durch und

durch zu verstehen, und ihnen sogar weissagend den fernern Weg

vorzuzeichnen, und sie so aufrichtig zu bewundern vermag, wie es

der deutsch Denkende nicht eben also von sich rühmen kann. Wie

könnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Rücksicht sind ihm

eine Beschränktheit der Erstorbenheit. Das Gold möge zwar das

Edelste sein im Schoße der erstorbenen Erde, meint er, aber des

lebendigen Geistes Stoff sei jenseit der Sonne und jenseit aller

Sonnen, und sei ihre Quelle. Ihm wickelt sich die Geschichte, und

mit ihr das Menschengeschlecht, nicht ab nach dem verborgenen und

wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht

der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur

wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein

erschaffend das durchaus Neue. Er erwartet darum niemals bloße

Wiederholung, und wenn sie doch erfolgen sollte, Wort für Wort,

wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht.

Auf ähnliche Weise nun verbreitet der ertötende Geist des

Auslandes, ohne unser deutliches Bewußtsein, sich über unsre

übrigen wissenschaftlichen Ansichten, von denen es hinreichen möge,

die angeführten Beispiele beigebracht zu haben; und zwar erfolgt

dies deswegen also, weil wir gerade jetzt die vom Auslande früher

erhaltenen Anregungen nach unsrer Weise bearbeiten, und durch

einen solchen Mittelzustand hindurchgehen. Weil dies zur Sache

gehörte, habe ich diese Beispiele beigebracht; nebenbei auch noch

darum, damit niemand glaube, durch Folgesätze aus den angeführten

Grundsätzen den hier geäußerten Behauptungen widersprechen zu

können. Weit entfernt, daß etwa jene Grundsätze uns unbekannt

geblieben wären, oder daß wir zu der Höhe derselben uns nicht

aufzuschwingen vermocht hätten, kennen wir sie vielmehr recht

gut, und dürften vielleicht, wenn wir überflüssige Zeit hätten,

fähig sein, dieselben in ihrer ganzen Folgemäßigkeit rückwärts

und vorwärts zu entwickeln; wir werfen sie nur eben gleich von

vornherein weg, und so auch alles, was aus ihnen folgt, dessen

mehreres ist in unserm hergebrachten Denken, als der oberflächliche

Beobachter leicht glauben dürfte.

Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, ebenso fließt dieser

Geist des Auslandes auch ein in unser gewöhnliches Leben und die

Regeln desselben; damit aber dieses klar, und das vorhergehende

noch klarer werde, ist es nötig, zuvörderst das Wesen des

ursprünglichen Lebens oder der Freiheit mit tieferm Blicke zu

durchdringen.

Die Freiheit im Sinne des unentschiedenen Schwankens zwischen

mehreren gleich Möglichen genommen, ist nicht Leben, sondern

nur Vorhof und Eingang zu wirklichem Leben. Endlich muß es doch

einmal aus diesem Schwanken heraus zum Entschlusse und zum

Handeln kommen und erst jetzt beginnt das Leben.

Nun erscheint unmittelbar und auf den ersten Blick jedweder

Willensentschluß als Erstes, keineswegs als Zweites und Folge

aus dem ersten, als seinem Grunde -- als schlechthin durch sich

daseiend, und so daseiend, wie er es ist; welche Bedeutung

als die einzig mögliche verständige des Worts Freiheit wir

festsetzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf den innern

Gehalt eines solchen Willensentschlusses, zwei Fälle möglich;

entweder nämlich erscheint in ihm nur die Erscheinung abgetrennt

vom Wesen, und ohne daß das Wesen auf irgendeine Weise in ihrem

Erscheinen eintrete, oder das Wesen tritt selbst erscheinend

ein in dieser Erscheinung eines Willensentschlusses: und zwar

ist hierbei sogleich mit anzumerken, daß das Wesen nur in

einem Willensentschlusse, und durchaus in nichts anderm, zur

Erscheinung werden kann, wiewohl umgekehrt es Willensentschlüsse

geben kann, in denen keineswegs das Wesen, sondern nur die bloße

Erscheinung heraustritt. Wir reden zunächst von dem letzten Falle.

Die bloße Erscheinung, als solche, ist durch ihre Abtrennung

und durch ihren Gegensatz mit dem Wesen, sodann dadurch, daß

sie fähig ist, selbst auch zu erscheinen und sich darzustellen,

unabänderlich bestimmt, und sie ist darum notwendig also, wie

sie eben ist und ausfällt. Ist daher, wie wir voraussetzen,

irgendein gegebener Willensentschluß in seinem Inhalte bloße

Erscheinung, so ist er insofern in der Tat nicht frei, Erstes

und Ursprüngliches, sondern er ist notwendig, und ein zweites,

aus einem höhern ersten, dem Gesetze der Erscheinung überhaupt,

also wie es ist, hervorgehendes Glied. Da nun, wie auch hier

mehrmals erinnert worden, das Denken des Menschen denselben also

vor ihn selber hinstellt, wie er wirklich ist, und immerfort

der treue Abdruck und Spiegel seines Innern bleibt, so kann

ein solcher Willensentschluß, obwohl er auf den ersten Blick,

da er ja ein Willensentschluß ist, als frei erscheint, dennoch

dem wiederholten und tiefern Denken keineswegs also erscheinen,

sondern er muß in diesem als notwendig gedacht werden, wie er

es denn wirklich in der Tat ist. Für solche, deren Willen sich

noch in keinen höhern Kreis aufgeschwungen hat, als in den, daß

an ihnen ein Wille bloß erscheine, ist der Glaube an Freiheit

allerdings Wahn und Täuschung eines flüchtigen und auf der

Oberfläche behangen bleibenden Anschauens; im Denken allein, das

ihnen allenthalben nur die Fessel der strengen Notwendigkeit

zeigt, ist für sie Wahrheit.

Das erste Grundgesetz der Erscheinung, schlechthin als solcher, (den

Grund anzugeben unterlassen wir um so füglicher, da es anderwärts

zur Genüge geschehen ist), ist dieses, daß sie zerfalle in ein

Mannigfaltiges, daß in einer gewissen Rücksicht ein unendliches,

in einer gewissen andern Rücksicht ein geschlossenes Ganzes ist,

in welchem geschlossenen Ganzen des Mannigfaltigen jedes einzelne

bestimmt ist, durch alle übrige, und wiederum alle übrige bestimmt

sind durch dieses einzelne. Falls daher in dem Willensentschlusse

des einzelnen nichts weiter herausbricht in die Erscheinung, als die

Erscheinbarkeit, Darstellbarkeit und Sichtbarkeit überhaupt, die in

der Tat die Sichtbarkeit von Nichts ist, so ist der Inhalt eines

solchen Willensentschlusses bestimmt durch das geschlossene Ganze

aller möglichen Willensentschlüsse dieses und aller möglichen übrigen

einzelnen Willen, und er enthält nichts weiter und kann nichts weiter

enthalten, denn dasjenige, was nach Abziehung aller jener möglichen

Willensentschlüsse zu wollen übrigbleibt. Es ist darum in der Tat

in ihm nichts Selbständiges, Ursprüngliches und Eignes, sondern er

ist die bloße Folge, als Zweites, aus dem allgemeinen Zusammenhange

der ganzen Erscheinung in ihren einzelnen Teilen, wie er denn dafür

auch stets von allen, die auf dieser Stufe der Bildung sich befanden,

dabei aber gründlich dachten, erkannt worden, und diese ihre

Erkenntnis auch mit denselben Worten, deren wir uns soeben bedienten,

ausgesprochen worden ist; alles dieses aber darum, weil in ihnen

nicht das Wesen, sondern nur die bloße Erscheinung eintritt in die

Erscheinung.

Wo dagegen das Wesen selber, unmittelbar und gleichsam in eigner

Person, keineswegs durch einen Stellvertreter, eintritt in der

Erscheinung eines Willensentschlusses, da ist zwar alles das oben

Erwähnte, aus der Erscheinung, als einem geschlossenen Ganzen

erfolgende, gleichfalls vorhanden, denn die Erscheinung erscheint ja

auch hier; aber eine solche Erscheinung geht in diesem Bestandteile

nicht auf und ist durch denselben nicht erschöpft, sondern es findet

sich in ihr noch ein Mehreres, ein andrer, aus jenem Zusammenhange

nicht zu erklärender, sondern nach Abzug des Erklärbaren

übrigbleibender Bestandteil. Jener erste Bestandteil findet auch hier

statt, sagte ich; jenes Mehr wird sichtbar, und vermittelst dieser

seiner Sichtbarkeit, keineswegs vermittelst seines innern Wesens,

tritt es unter das Gesetz und die Bedingungen der Ersichtlichkeit

überhaupt; aber es ist noch mehr denn dieses aus irgendeinem Gesetze

Hervorgehendes, und darum Notwendiges und Zweites, und es ist in

Absicht dieses Mehr durch sich selbst, was es ist, ein wahrhaft

Erstes, Ursprüngliches und Freies, und da es dieses ist, erscheint

es auch also dem tiefsten und in sich selber zu Ende gekommenen

Denken. Das höchste Gesetz der Ersichtlichkeit ist, wie gesagt, dies,

daß das Erscheinende sich spalte in ein unendliches Mannigfaltiges.

Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als Mehr, denn das nun und eben

jetzt aus dem Zusammenhange der Erscheinung Hervorgehende, und so ins

Unendliche fort; und so erscheint denn dieses Mehr selber als ein

Unendliches. Aber es ist ja sonnenklar, daß es diese Unendlichkeit

nur dadurch erhält, daß es jedesmal sichtbar und denkbar und zu

entdecken ist, allein durch seinen Gegensatz mit dem ins Unendliche

fort aus dem im Zusammenhange Erfolgenden und durch sein Mehrsein

denn dies. Abgesehen aber von diesem Bedürfnisse des Denkens

desselben ist es ja dieses Mehr, denn alles ins Unendliche fort sich

darstellen mögende Unendliche, von Anbeginn in reiner Einfachheit und

Unveränderlichkeit, und es wird in aller Unendlichkeit nicht mehr,

denn dieses Mehr, noch wird es minder; und nur seine Ersichtlichkeit,

als mehr denn das Unendliche -- und auf andre Weise kann es in seiner

höchsten Reinheit nicht sichtbar werden -- erschafft das Unendliche

und alles, was in ihm zu erscheinen scheint. Wo nun dieses Mehr

wirklich als ein solches ersichtliches Mehr eintritt, aber es vermag

nur in einem Wollen einzutreten, da tritt das Wesen selbst, das

allein ist, und allein zu sein vermag, und das da ist von sich und

durch sich, das göttliche Wesen, ein in die Erscheinung, und macht

sich selbst unmittelbar sichtbar; und daselbst ist eben darum wahre

Ursprünglichkeit und Freiheit, und so wird denn auch an sie geglaubt.

Und so findet denn auf die allgemeine Frage, ob der Mensch

frei sei oder nicht, keine allgemeine Antwort statt; denn

eben weil der Mensch frei ist, in niederm Sinne; weil er

bei unentschiedenem Schwanken und Wanken anhebt, kann er

frei sein, oder auch nicht frei, im höhern Sinne des Worts.

In der Wirklichkeit ist die Weise, wie jemand diese Frage

beantwortet, der klare Spiegel seines wahren inwendigen Seins.

Wer in der Tat nicht mehr ist, als ein Glied in der Kette der

Erscheinungen, der kann wohl einen Augenblick sich frei wähnen,

aber seinem strengeren Denken hält dieser Wahn nicht stand; wie

er aber sich selbst findet, eben also denkt er notwendig sein

ganzes Geschlecht. Wessen Leben dagegen ergriffen ist von dem

wahrhaftigen, und Leben unmittelbar aus Gott geworden ist, der

ist frei und glaubt an Freiheit in sich und andern.

Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der glaubt

nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist; und nachdem

er einmal tot ist, kann er nicht anders, denn also glauben,

sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine

ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites und

eine notwendige Folge aus irgendeinem vorauszusetzenden ersten

Gliede. Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, keineswegs ein

bloß gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punkt, wo sein

Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle

alles seines übrigen Denkens und Beurteilens seines Geschlechts

in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den

Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an

ihm selber und andern. Wir haben diesen Glauben an den Tod, im

Gegensatze mit einem ursprünglich lebendigen Volke, Ausländerei

genannt. Diese Ausländerei wird somit, wenn sie einmal unter

den Deutschen ist, sich auch im wirklichen Leben derselben

zeigen, als ruhige Ergebung in die nun einmal unabänderliche

Notwendigkeit ihres Seins, als Aufgeben aller Verbesserung unsrer

selbst oder andrer durch Freiheit, als Geneigtheit, sich selbst

und alle so zu verbrauchen, wie sie sind, und aus ihrem Sein

den möglichst größten Vorteil für uns selbst zu ziehen; kurz,

als das in allen Lebensregungen immerfort sich abspiegelnde

Bekenntnis des Glaubens an die allgemeine und gleichmäßige

Sündhaftigkeit aller, den ich an einem andern Orte hinlänglich

geschildert habe,[3] welche Schilderung selbst nachzulesen,

auch zu beurteilen, inwiefern dieselbe auf die Gegenwart passe,

ich Ihnen überlasse. Diese Denk- und Handelsweise entsteht der

inwendigen Erstorbenheit, wie oft erinnert worden, nur dadurch,

daß sie über sich selbst klar wird, dagegen sie, solange sie im

dunkeln bleibt, den Glauben an Freiheit, der an sich wahr, und

nur in Anwendung auf ihr dermaliges Sein Wahn ist, beibehält.

Es erhellt hier deutlich der Nachteil der Klarheit bei innerer

Schlechtigkeit. Solange diese Schlechtigkeit dunkel bleibt, wird

sie durch die fortdauernde Anforderung an Freiheit immerfort

beunruhigt, gestachelt und getrieben und bietet den Versuchen,

sie zu verbessern, einen Angriffspunkt dar. Die Klarheit aber

vollendet sie und rundet sie in sich selbst ab; sie fügt ihr

die freudige Ergebung, die Ruhe eines guten Gewissens, das

Wohlgefallen an sich selber hinzu; es geschieht ihnen, wie sie

glauben, sie sind von nun an in der Tat unverbesserlich, und

höchstens, um bei den Besseren den unbarmherzigen Abscheu gegen

das Schlechte, oder die Ergebung in den Willen Gottes rege zu

erhalten, und außerdem zu keinem Dinge in der Welt nütze.

[3] M. s. die Anweisung zum seligen Leben; 11. Vorlesung.

Reden an die deutsche Nation · 第 9 / 21 段