In einer andern Rücksicht aber, und zwar nicht auf das Volk,

sondern auf die gebildeten Stände, hat Deutschland durch seine

Kirchenverbesserung einen allgemeinen und dauernden Einfluß auf

das Ausland gehabt; und durch diesen Einfluß das Ausland wieder

zum Vorgänger für sich selbst, und zu seinem eignen Anreger zu

neuen Schöpfungen sich zubereitet. Das freie und selbsttätige

Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden

Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre häufig

angeregt und geübt worden, keineswegs aber, um aus sich selbst

Wahrheit hervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen, daß und auf

welche Weise die Lehre der Kirche wahr sei. Dasselbe Geschäft in

Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunächst die Philosophie auch

bei den deutschen Protestanten und ward bei diesen Dienerin des

Evangeliums, so wie sie bei den Scholastikern die der Kirche

gewesen war. Im Auslande, das entweder kein Evangelium hatte,

oder das dasselbe nicht mit unvermischt deutscher Andacht und

Tiefe des Gemüts gefaßt hatte, erhob das durch den erhaltenen

glänzenden Triumph angefeuerte freie Denken sich leichter und

höher, ohne die Fessel eines Glaubens an Uebersinnliches;

aber es blieb in der sinnlichen Fessel des Glaubens an den

natürlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewachsenen Verstand;

und weit entfernt, daß es in der Vernunft die Quelle auf sich

selbst beruhender Wahrheit entdeckt hätte, wurden für dasselbe

die Aussprüche dieses rohen Verstandes dasjenige, was für

die Scholastiker die Kirche, für die ersten protestantischen

Theologen das Evangelium war; ob sie wahr seien, darüber regte

sich kein Zweifel, die Frage war bloß, wie sie diese Wahrheit

gegen bestreitende Ansprüche behaupten könnten.

Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren

Gegenstreit bedeutender gewesen sein würde, gar nicht hineinkam,

so fand es keinen Gegner, außer der historisch vorhandenen

Religion und wurde mit dieser leicht fertig, indem es sie an

den Maßstab des vorausgesetzten gesunden Verstandes hielt und

sich dabei klar zeigte, daß sie demselben eben widerspräche,

und so kam es denn, daß, so wie dieses alles ins reine gebracht

wurde, im Auslande die Benennung des Philosophen und die des

Irreligiösen und Gottesleugners, gleichbedeutend wurden, und zu

gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten.

Die versuchte gänzliche Erhebung über allen Glauben an fremdes

Ansehen, welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das

richtige war, wurde den Deutschen, von denen sie vermittelst der

Kirchenverbesserung erst ausgegangen war, zu neuer Anregung. Zwar

sagten untergeordnete und unselbständige Köpfe unter uns diese

Lehre des Auslandes eben nach -- lieber die des Auslandes, wie

es scheint, als die ebenso leicht zu habende ihrer Landsleute,

darum, weil ihnen das erste vornehmer dünkte -- und diese Köpfe

suchten, so gut es gehen wollte, sich selber davon zu überzeugen;

wo aber selbständiger deutscher Geist sich regte, da genügte das

Sinnliche nicht, sondern es entstand die Aufgabe, das freilich

nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinnliche in der

Vernunft selbst aufzusuchen und so erst eigentliche Philosophie

zu erschaffen, indem man, wie es sein sollte, das freie Denken

zur Quelle unabhängiger Wahrheit machte. Dahin strebte Leibniz im

Kampfe mit jener ausländischen Philosophie; dies erreichte der

eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht ohne

das Geständnis durch eine Aeußerung des Auslandes, die inzwischen

tiefer genommen worden, als sie gemeint gewesen, angeregt worden

zu sein. Seitdem ist unter uns die Aufgabe vollständig gelöst

und die Philosophie vollendet worden, welches man indessen sich

begnügen muß, zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das es begreift.

Dies vorausgesetzt, so wäre abermals durch Anregung des durch das

neurömische Ausland hindurchgegangenen Altertums im deutschen

Mutterlande die Schöpfung eines vorher durchaus nicht dagewesenen

Neuen erfolgt.

Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andre

Aufgabe der Vernunft und der Philosophie an die neue Welt, die

Errichtung des vollkommenen Staats, leicht und mit feuriger

Kühnheit ergriffen und kurz darauf dieselbe also fallen lassen,

daß es durch seinen jetzigen Zustand genötigt ist, den bloßen

Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen und alles

anwenden mußte, um, wenn es könnte, jene Bestrebungen aus den

Jahrbüchern seiner Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses

Erfolgs liegt am Tage: Der vernunftgemäße Staat läßt sich nicht

durch künstliche Vorkehrungen aus jedem vorhandenen Stoffe

aufbauen, sondern die Nation muß zu demselben erst gebildet und

herausgezogen werden. Nur diejenige Nation, welche zuvörderst

die Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen, durch die

wirkliche Ausübung, gelöst haben wird, wird sodann auch jene des

vollkommenen Staates lösen.

Auch die zuletztgenannte Aufgabe der Erziehung ist seit unsrer

Kirchenverbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner

Philosophie mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese

Anregungen haben unter uns fürs erste Nachtreter und Uebertreiber

gefunden. Bis zu welchem Punkte endlich in unsern Tagen abermals

deutsches Gemüt diese Sache gebracht, werden wir zu seiner Zeit

ausführlicher berichten.

Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesamten

Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleichbleibenden

Verhältnisses der verschiedenen Bestandteile der letzten zur ersten.

Wahre Religion, in der Form des Christentums, war der Keim der

neuen Welt und ihre Gesamtaufgabe die, diese Religion in die

vorhandene Bildung des Altertums zu verflößen und die letzte

dadurch zu vergeistigen und zu heiligen. Der erste Schritt auf

diesem Wege war, das die Freiheit raubende äußere Ansehen der

Form dieser Religion von ihr abzuscheiden, und auch in sie

das freie Denken des Altertums einzuführen. Es regte an zu

diesem Schritte das Ausland, der Deutsche tat ihn. Der zweite,

der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten ist,

der, diese Religion und mit ihr alle Weisheit in uns selber

aufzufinden. Auch ihn vorbereitete das Ausland, und vollzog der

Deutsche. Der dermalen in der ewigen Zeit an der Tagesordnung

sich befindende Fortschritt ist die vollkommene Erziehung der

Nation zum Menschen. Ohne dies wird die gewonnene Philosophie

nie ausgedehnte Verständlichkeit, vielweniger noch allgemeine

Anwendbarkeit im Leben finden; so wie hinwiederum ohne Philosophie

die Erziehungskunst niemals zu vollständiger Klarheit in sich

selbst gelangen wird. Beide greifen daher ineinander und sind

eins ohne das andre unvollständig und unbrauchbar. Schon allein

darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bildung zur

Vollendung gebracht und er eigentlich dazu aufbewahrt worden ist

in der neuen Welt, kommt ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu;

wie aber diese einmal in Ordnung gebracht ist, wird es sich mit

den übrigen Angelegenheiten der Menschheit leicht ergeben.

In diesem Verhältnisse also hat wirklich die deutsche Nation zur

Fortbildung des menschlichen Geschlechts in der neuen Zeit bisher

gestanden. Noch ist über eine schon zweimal fallen gelassene

Bemerkung über den naturgemäßen Hergang, den diese Nation hierbei

genommen, daß nämlich in Deutschland alle Bildung vom Volke

ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Daß die Angelegenheit

der Kirchenverbesserung zuerst an das Volk gebracht worden,

und allein dadurch, daß es desselben Angelegenheit geworden,

gelungen sei, haben wir schon ersehen. Aber es ist ferner

darzutun, daß dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern daß er

die Regel gewesen.

Die im Mutterlande zurückgebliebenen Deutschen hatten alle

Tugenden, die ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibehalten:

Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt; aber sie hatten von Bildung

zu einem höhern und geistigen Leben nicht mehr erhalten,

als das damalige Christentum und seine Lehrer an zerstreut

wohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie

standen so gegen ihre ausgewanderten Stammverwandten zurück,

und waren in der Tat zwar brav und bieder, aber dennoch halb

Barbaren. Es entstanden unter ihnen indessen Städte, die durch

Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte

sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schönsten

Blüte. In ihnen entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch

aber treffliche bürgerliche Verfassungen und Einrichtungen, und

von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von Ordnung und eine

Liebe derselben erst über das übrige Land. Ihr ausgebreiteter

Handel half die Welt entdecken. Ihren Bund fürchteten Könige. Die

Denkmäler ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstörung von

Jahrhunderten getrotzt, die Nachwelt steht bewundernd vor ihnen

und bekennt ihre eigne Unmacht.

Ich will diese Bürger der deutschen Reichsstädte des Mittelalters

nicht vergleichen mit den andern ihnen gleichzeitigen Ständen und

nicht fragen, was indessen der Adel tat und die Fürsten; aber in

Vergleich mit den übrigen germanischen Nationen, einige Striche

Italiens abgerechnet, hinter welchen selbst jedoch in den schönen

Künsten die Deutschen nicht zurückblieben, in den nützlichen

sie übertrafen und ihre Lehrer wurden -- diese abgerechnet

waren nun diese deutschen Bürger die gebildeten und jene die

Barbaren. Die Geschichte Deutschlands, deutscher Macht, deutscher

Unternehmungen, Erfindungen, Denkmale, Geistes, ist in diesem

Zeitraume lediglich die Geschichte dieser Städte, und alles

übrige, als da sind Länderverpfändungen und Wiedereinlösungen

und dergleichen, ist nicht des Erwähnens wert. Auch ist dieser

Zeitpunkt der einzige in der deutschen Geschichte, in der

diese Nation glänzend und ruhmvoll und mit dem Range der ihr

als Stammvolk gebührt, dasteht; so wie ihre Blüte durch die

Habsucht und Herrschsucht der Fürsten zerstört und ihre Freiheit

zertreten wird, sinkt das Ganze allmählich immer tiefer herab und

geht entgegen dem gegenwärtigen Zustand; wie aber Deutschland

herabsinkt, sieht man das übrige Europa eben also sinken, in

Rücksicht dessen, was das Wesen betrifft und nicht den bloßen

äußern Schein.

Der entscheidende Einfluß dieses in der Tat herrschenden Standes

auf die Entwicklung der deutschen Reichsverfassung, auf die

Kirchenverbesserung und auf alles, was jemals die deutsche Nation

bezeichnete und von ihr ausging in das Ausland, ist allenthalben

unverkennbar, und es läßt sich nachweisen, daß alles, was noch

jetzt Ehrwürdiges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte

entstanden ist.

Und mit welchem Geiste brachte hervor und genoß dieser deutsche

Stand diese Blüten? Mit dem Geiste der Frömmigkeit, der Ehrbarkeit,

der Bescheidenheit, des Gemeinsinnes. Für sich selbst bedurften sie

wenig, für öffentliche Unternehmungen machten sie unermeßlichen

Aufwand. Selten steht irgendwo ein einzelner Name hervor und zeichnet

sich aus, weil alle gleichen Sinnes waren und gleicher Aufopferung

für das Gemeinsame. Ganz unter denselben äußern Bedingungen, wie

in Deutschland, waren auch in Italien freie Städte entstanden. Man

vergleiche die Geschichten beider; man halte die fortwährenden

Unruhen, die innern Zwiste, ja Kriege, den beständigen Wechsel

der Verfassungen und der Herrscher, in den ersten, gegen die

friedliche Ruhe und Eintracht in den letztern. Wie konnte klarer

sich aussprechen, daß ein innerlicher Unterschied in den Gemütern

der beiden Nationen gewesen sein müsse? Die deutsche Nation ist

die einzige unter den neueuropäischen Nationen, die es an ihrem

Bürgerstande schon seit Jahrhunderten durch die Tat gezeigt hat, daß

sie die republikanische Verfassung zu ertragen vermöge.

Unter den einzelnen und besondern Mitteln, den deutschen Geist

wieder zu heben, würde es ein sehr kräftiges sein, wenn wir

eine begeisternde Geschichte der Deutschen aus diesem Zeitraume

hätten, die da National- und Volksbuch würde, so wie Bibel oder

Gesangbuch es sind, so lange, bis wir selbst wiederum etwas

des Aufzeichnens Wertes hervorbrächten. Nur müßte eine solche

Geschichte nicht etwa chronikenmäßig die Taten und Ereignisse

aufzählen, sondern sie müßte uns, wunderbar ergreifend und

ohne unser eignes Zutun oder klares Bewußtsein, mitten hinein

versetzen in das Leben jener Zeit, so daß wir selbst mit ihnen

zu gehen, zu stehen, zu beschließen, zu handeln schienen, und

dies nicht durch kindische und tändelnde Erdichtung, wie es so

viele historische Romane getan haben, sondern durch Wahrheit;

und aus diesem ihrem Leben müßte sie die Taten und Ereignisse,

als Belege desselben, hervorblicken lassen. Ein solches Werk

könnte zwar nur die Frucht von ausgebreiteten Kenntnissen sein,

und von Forschungen, die vielleicht noch niemals angestellt

sind, aber die Ausstellung dieser Kenntnisse und Forschungen

müßte uns der Verfasser ersparen und nur lediglich die gereifte

Frucht uns vorlegen in der gegenwärtigen Sprache, auf eine

jedwedem Deutschen ohne Ausnahme verständliche Weise. Außer jenen

historischen Kenntnissen würde ein solches Werk auch noch ein

hohes Maß philosophischen Geistes erfordern, der ebensowenig sich

zur Schau ausstellte; und vor allem ein treues und liebendes

Gemüt.

Jene Zeit war der jugendliche Traum der Nation in beschränkten

Kreisen von künftigen Taten, Kämpfen und Siegen, und die

Weissagung, was sie einst bei vollendeter Kraft sein würde.

Verführerische Gesellschaft und die Lockung der Eitelkeit

hat die heranwachsende fortgerissen in Kreise, die nicht die

ihrigen sind, und indem sie auch da glänzen wollte, steht sie da

mit Schmach bedeckt und ringend sogar um ihre Fortdauer. Aber

ist sie denn wirklich veraltet und entkräftet? Hat ihr nicht

auch seitdem immerfort und bis auf diesen Tag die Quelle des

ursprünglichen Lebens fortgequollen, wie keiner andern Nation?

Können jene Weissagungen ihres jugendlichen Lebens, die durch

die Beschaffenheit der übrigen Völker und durch den Bildungsplan

der ganzen Menschheit bestätigt werden -- können sie unerfüllt

bleiben? Nimmermehr. Bringe man diese Nation nur zuvörderst

zurück von der falschen Richtung, die sie ergriffen, zeige man

ihr in dem Spiegel jener ihrer Jugendträume ihren wahren Hang und

ihre wahre Bestimmung, bis unter diesen Betrachtungen sich ihr

die Kraft entfalte, diese ihre Bestimmung mächtig zu ergreifen.

Möchte diese Aufforderung etwas dazu beitragen, daß recht bald

ein dazu ausgerüsteter deutscher Mann diese vorläufige Aufgabe

löse!

Siebente Rede.

Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit und Deutschheit eines

Volkes.

Es sind in den vorigen Reden angegeben und in der Geschichte

nachgewiesen die Grundzüge der Deutschen, als eines Urvolks, und

als eines solchen, das das Recht hat, sich das Volk schlechtweg,

im Gegensatze mit andern von ihm abgerissenen Stämmen, zu

nennen, wie denn auch das Wort »Deutsch« in seiner eigentlichen

Wortbedeutung das soeben Gesagte bezeichnet. Es ist zweckmäßig,

daß wir bei diesem Gegenstande noch eine Stunde verweilen und

uns auf den möglichen Einwurf einlassen, daß, wenn dies deutsche

Eigentümlichkeit sei, man werde bekennen müssen, daß dermalen

unter den Deutschen selber wenig Deutsches mehr übrig sei. Indem

auch wir diese Erscheinung keineswegs leugnen können, sondern

sie vielmehr anzuerkennen und in ihren einzelnen Teilen sie zu

übersehen gedenken, wollen wir mit einer Erklärung derselben

anheben.

Das war im ganzen das Verhältnis des Urvolks der neuen Welt

zum Fortgange der Bildung dieser Welt, daß das erstere durch

unvollständige und auf der Oberfläche verbleibende Bestrebungen

des Auslandes erst angeregt werde zu tiefern aus seiner eignen

Mitte heraus zu entwickelnden Schöpfungen. Da von der Anregung

bis zur Schöpfung es ohne Zweifel seine Zeit dauert, so ist

klar, daß ein solches Verhältnis Zeiträume herbeiführen werde,

in welchem das Urvolk fast ganz mit dem Auslande verflossen, und

demselben gleich erscheinen müsse, weil es nämlich gerade im

Zustande des bloßen Angeregtseins sich befindet, und die dabei

beabsichtigte Schöpfung noch nicht zum Durchbruche gekommen

ist. In einem solchen Zeitraume befindet sich nun gerade jetzt

Deutschland in Absicht der großen Mehrzahl seiner gebildeten

Bewohner, und daher rühren die durch das ganze innere Wesen und

Leben dieser Mehrzahl verflossenen Erscheinungen der Ausländerei.

Die Philosophie als freies von allen Fesseln des Glaubens an

fremdes Ansehen erledigtes Denken, sei es, wodurch dermalen

das Ausland sein Mutterland anrege, haben wir in der vorigen

Rede ersehen. Wo es nun von dieser Anregung aus nicht zur neuen

Schöpfung gekommen, welches, da die letzte von der großen

Mehrzahl unvernommen geblieben, bei äußerst wenigen der Fall

ist: da gestaltet sich teils noch jene schon früher bezeichnete

Philosophie des Auslandes selber zu andern und andern Formen;

teils bemächtigt sich der Geist derselben auch der übrigen an

die Philosophie zunächst grenzenden Wissenschaften, und sieht

dieselben an aus seinem Gesichtspunkte; endlich da der Deutsche

seinen Ernst und sein unmittelbares Eingreifen in das Leben

doch niemals ablegen kann, so fließt diese Philosophie ein auf

die öffentliche Lebensweise und auf die Grundsätze und Regeln

derselben. Wir werden dies Stück um Stück dartun.

Zuvörderst und vor allen Dingen: der Mensch bildet seine

wissenschaftliche Ansicht nicht etwa mit Freiheit und Willkür,

so oder so, sondern sie wird ihm gebildet durch sein Leben und

ist eigentlich die zur Anschauung gewordene innere, und übrigens

ihm unbekannte Wurzel seines Lebens selbst. Was du so recht

innerlich eigentlich bist, das tritt heraus vor dein äußeres

Auge, und du vermöchtest niemals etwas andres zu sehen. Solltest

du anders sehen, so müßtest du erst anders werden. Nun ist das

innere Wesen des Auslandes oder der Nichtursprünglichkeit, der

Glaube an irgendein Letztes, Festes, unveränderlich Stehendes,

an eine Grenze, diesseit welcher zwar das freie Leben sein Spiel

treibe, welche selbst aber es niemals zu durchbrechen, und

durch sich flüssig zu machen und sich in dieselbe zu verflößen

vermöge. Diese undurchdringliche Grenze tritt ihm darum irgendwo

notwendig auch vor die Augen, und es kann nicht anders denken

oder glauben, außer unter Voraussetzung einer solchen, wenn nicht

sein ganzes Wesen umgewandelt, und sein Herz ihm aus dem Leibe

gerissen werden soll. Es glaubt notwendig an den Tod, als das

Ursprüngliche und Letzte, den Grundquell aller Dinge, und mit

ihnen des Lebens.

Wir haben hier nur zunächst anzugeben, wie dieser Grundglaube des

Auslandes unter den Deutschen dermalen sich ausspreche.

Er spricht sich aus zuvörderst in der eigentlichen Philosophie.

Die dermalige deutsche Philosophie, inwiefern dieselbe hier der

Erwähnung wert ist, will Gründlichkeit und wissenschaftliche

Form, unerachtet sie dieselbe nicht zu erschwingen vermag, sie

will Einheit, auch nicht ohne frühern Vorgang des Auslandes, sie

will Realität und Wesen -- nicht bloße Erscheinung, sondern eine

in der Erscheinung erscheinende Grundlage dieser Erscheinung,

und hat in allen diesen Stücken recht und übertrifft sehr

weit die herrschenden Philosophien des dermaligen auswärtigen

Auslandes, indem sie in der Ausländerei weit gründlicher und

folgebeständiger ist, denn jenes. Diese der bloßen Erscheinung

unterzulegende Grundlage ist ihnen nun, wie sie sie auch etwa

noch fehlerhafter weiterbestimmen mögen, immer ein festes Sein,

das da ist, was es eben ist, und nichts weiter, in sich gefesselt

und an sein eignes Wesen gebunden; und so tritt denn der Tod und

die Entfremdung von der Ursprünglichkeit, die in ihnen selbst

sind, auch heraus vor ihre Augen. Weil sie selbst nicht zum Leben

schlechtweg aus sich selber heraus sich aufzuschwingen vermögen,

sondern für freien Aufflug stets eines Trägers und einer Stütze

bedürfen, darum kommen sie auch mit ihrem Denken, als dem Abbilde

ihres Lebens, nicht über diesen Träger hinaus: das, was nicht

etwas ist, ist ihnen notwendig nichts, weil, zwischen jenem in

sich verwachsenen Sein und dem Nichts, ihr Auge nichts weiter

sieht, da ihr Leben da nichts weiter hat. Ihr Gefühl, worauf auch

allein sie sich berufen können, erscheint ihnen als untrüglich;

und so jemand diesen Träger nicht zugibt, so sind sie weit

entfernt von der Voraussetzung, daß er mit dem Leben allein sich

begnüge, sondern sie glauben, daß es ihm nur an Scharfsinn fehle,

den Träger, der ohne Zweifel auch ihn trage, zu bemerken, und daß

er der Fähigkeit, sich zu ihren hohen Ansichten aufzuschwingen,

ermangle. Es ist darum vergeblich und unmöglich, sie zu belehren;

machen müßte man sie, und anders machen, wenn man könnte. In

diesem Teile ist nun die dermalige deutsche Philosophie nicht

deutsch, sondern Ausländerei.

Die wahre in sich selbst zu Ende gekommene und über die Erscheinung

hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie

hingegen geht aus von dem einen, reinen, göttlichen Leben -- als

Leben schlechtweg, welches es auch in alle Ewigkeit, und darin immer

eines bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem Leben; und sie

sieht, wie lediglich in der Erscheinung dieses Leben unendlich fort

sich schließe und wiederum öffne, und erst diesem Gesetze zufolge

es zu einem Sein, und zu einem Etwas überhaupt komme. Ihr entsteht

das Sein, was jene sich vorausgeben läßt. Und so ist denn diese

Philosophie recht eigentlich nur deutsch, d. i. ursprünglich; und

umgekehrt, so jemand nur ein wahrer Deutscher würde, so würde er

nicht anders denn also philosophieren können.

Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutsch Philosophierenden

herrschende, dennoch nicht eigentlich deutsche Denksystem greift,

ob es nun mit Bewußtsein als eigentliches philosophisches

Lehrgebäude aufgestellt sei, oder ob es nur unbewußt unserm

übrigen Denken zum Grunde liege -- es greift, sage ich, ein in

die übrigen wissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denn dies

ein Hauptbestreben unsrer durch das Ausland angeregten Zeit ist,

den wissenschaftlichen Stoff nicht mehr bloß, wie wohl unsre

Vorfahren taten, in das Gedächtnis zu fassen, sondern denselben

auch selbstdenkend und philosophierend zu bearbeiten. An Absicht

des Bestrebens überhaupt hat die Zeit recht; wenn sie aber, wie

dies zu erwarten ist, in der Ausführung dieses Philosophierens

von der totgläubigen Philosophie des Auslandes ausgeht, wird sie

unrecht haben. Wir wollen hier nur auf die unserm ganzen Vorhaben

am nächsten liegenden Wissenschaften einen Blick werfen, und

die in ihnen verbreiteten ausländischen Begriffe und Ansichten

aufsuchen.

Daß die Errichtung und Regierung der Staaten als eine freie Kunst

angesehen werde, die ihre festen Regeln habe, darin hat ohne

Zweifel das Ausland, es selbst nach dem Muster des Altertums, uns

zum Vorgänger gedient. Worein wird nun ein solches Ausland, das

schon an dem Elemente seines Denkens und Wollens, seiner Sprache,

einen festen geschlossenen und toten Träger hat, und alle, die

ihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen? Ohne Zweifel in

die Kunst, eine gleichfalls feste und tote Ordnung der Dinge zu

finden, aus welchem Toten das lebendige Regen der Gesellschaft

hervorgehe, und also hervorgehe, wie sie es beabsichtigt; alles

Leben in der Gesellschaft zu einem großen und künstlichen Druck-

und Räderwerke zusammenzufügen, in welchem jedes Einzelne durch

das Ganze immerfort genötigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein

Rechenexempel zu lösen aus endlichen und benannten Größen zu

einer nennbaren Summe, aus der Voraussetzung, jeder wolle sein

Wohl, zu dem Zwecke, eben dadurch jeden wider seinen Dank und

Willen zu zwingen das allgemeine Wohl zu befördern. Das Ausland

hat vielfältig diesen Grundsatz ausgesprochen und Kunstwerke

jener gesellschaftlichen Maschinenkunst geliefert; das Mutterland

hat die Lehre angenommen, und die Anwendung derselben zu

Hervorbringung gesellschaftlicher Maschinen weiter bearbeitet,

auch hier, wie immer, umfassender, tiefer, wahrer, seine Muster

bei weitem übertreffend. Solche Staatskünstler wissen, falls

es etwa mit dem bisherigen Gange der Gesellschaft stockt, dies

nicht anders zu erklären, als daß etwa eines der Räder derselben

ausgelaufen sein möge, und kennen kein andres Heilungsmittel,

denn dies, die schadhaften Räder herauszuheben und neue

einzusetzen. Je eingewurzelter jemand in diese mechanische

Ansicht der Gesellschaft ist, je mehr er es versteht, diesen

Mechanismus zu vereinfachen, indem er alle Teile der Maschine

so gleich als möglich macht, und alle als gleichmäßigen Stoff

behandelt, für einen desto größern Staatskünstler gilt er mit

Recht in dieser unsrer Zeit; -- denn mit den unentschieden

schwankenden, und gar keiner festen Ansicht fähigen ist man noch

übler daran.

Reden an die deutsche Nation · 第 8 / 21 段