Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen

des Altertums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die

leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand

weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachte eröffnen,

und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe und Felsmassen

von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter

sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein

lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den seinem Boden

von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederläßt auf

dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Tau in sich

zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger

Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmäßig gebauten Zellen

zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der

mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt, und mit starkem

und vielgeübtem Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher

zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.

Um alles bisher Gesagte in einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen.

In Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines

Menschengeschlechts, das historisch in ein Altertum und in eine neue

Welt zerfallen ist, werden zur ursprünglichen Fortbildung dieser

neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstämme

sich also verhalten. Der ausländisch gewordene Teil der frischen

Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit

größere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile

anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer

ersten und unveränderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer

Bildung einzudringen, und in dieselben ungefähr so viel frisches

Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfügen

können. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Altertums

über das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelöst gebliebenen

Aufgaben desselben begeistert wird es dieselben fortbearbeiten, aber

freilich nur also, wie man eine, keineswegs durch ein Bedürfnis des

Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet,

leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemüte, sondern nur mit der

Einbildungskraft sie erfassend, und lediglich in dieser zu einem

luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichtume des Stoffs, den

das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser

Weise sich arbeiten läßt, werden sie eine Fülle solcher Bilder in den

Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue Form

gestalteten Bilder der Alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile

des Urstamms, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprünglicher

Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbsttätigkeit

reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben

wären, unbeachtet und unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber

er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt und nicht etwa nur sie

weitergibt von Hand in Hand, dieselben erfassen gemäß seiner Natur,

nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandteil seines

Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten,

sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd die

vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen

Lebenselemente haltbaren Leibern.

In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben

niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück,

und vermittelst dieses Durchgangs allein wird eine Fortbildung

des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine

Vereinigung der beiden Haupthälften und ein regelmäßiger Fortfluß

der menschlichen Entwicklung möglich. In dieser neuen Ordnung

der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern

im Kleinsten wie im Größten wird es immer bekennen müssen, daß

es durch irgendeinen Wink des Auslandes angeregt worden, welches

Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das

Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einführen, was

dort nur obenhin und flüchtig entworfen wurde. An treffenden und

tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältnis darzulegen, ist, wie

schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns

vor auf die künftige Rede.

Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins,

und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein

Pfropfreis auf dem Stamme der altertümlichen Bildung, welche

letztere außerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein und die

Menschheit ihren Wert von vorn wieder angefangen haben würde.

In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen am Ziele

zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich

selbst und den andern, erkennen, und denselben gemäß einander

benutzen; besonders aber jeder den andern zu erhalten und in

seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu lassen sich bequemen;

wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des Ganzen

einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt,

so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst

der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber

in seiner Blindheit für solche Verhältnisse und fortgerissen

von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen

sollte, sein Mutterland der Selbständigkeit zu berauben, und es

dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich: so würde dasselbe,

wenn ihm dieser Vorsatz gelänge, dadurch für sich selbst die

letzte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing

mit der Natur und dem Leben, und es würde gänzlich anheimfallen

dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten immer

sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre

der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers

Geschlechts in der Tat beschlossen, und die Barbarei müßte

wieder beginnen und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis

wir insgesamt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Tiere, und

gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich

also sei, und notwendig also erfolgen müsse, kann freilich

nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch; dem

Ausländer, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegrenztes

Feld hat, sich in der seinigen zu bewundern, muß es, und mag es

immer erscheinen als eine abgeschmackte Lästerung der schlecht

unterrichteten Unwissenheit.

Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich

absondern und sich emporheben zu den Wolken und durch welche auch

noch die in den Tartarus verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit

dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umgebende ewige

Himmel, an welchem die leichten Dünste sich verdichten zu Wolken,

die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl

geschwängert, herabfallen, als befeuchtender Regen, der Himmel und

Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem

Schoße der letztern entkeimen läßt. Wollen neue Titanen abermals den

Himmel erstürmen? Er wird für sie nicht Himmel sein, denn sie sind

Erdgeborne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des

Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere

und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber was vermöchte,

sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhoeus, oder der

gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhötus,

oder der kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn

sie sich stürzen gegen Pallas' tönenden Schild. Dieser selbige Schild

ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen,

uns unter seinen Schutz zu begeben.

Sechste Rede.

Darlegung der deutschen Grundzüge in der Geschichte.

Welche Hauptunterschiede sein würden zwischen einem Volke,

das in seiner ursprünglichen Sprache sich fortbildet, und

einem solchen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in

der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei dieser

Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen

Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung überlassen, ob

in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich einträten, die

zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten müßten; was aber

die Deutschen betrifft, machten wir uns anheischig darzulegen,

daß diese sich wirklich also geäußert, wie unsern Behauptungen

zufolge das Volk einer Ursprache sich äußern müsse. Wir gehen

heute an die Erfüllung unsres Versprechens, und zwar legen wir

das zu Erweisende zunächst dar an der letzten großen und in

gewissem Sinne vollendeten Welttat des deutschen Volkes, an der

kirchlichen Reformation.

Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht

asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben

predigende Christentum war schon für die Römer etwas Fremdartiges

und Ausländisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrungen

und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht aneinander

passende Hälften; wobei jedoch die Anfügung des fremden Teils durch

den angestammten schwermütigen Aberglauben vermittelt wurde. An

den eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zöglinge, in

denen keine frühere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch

kein angestammter Aberglaube sie begünstigte und so wurde sie denn

an dieselben gebracht, als ein zum Römer, das sie nun einmal sein

wollten, eben auch gehöriges Stück, ohne sonderlichen Einfluß auf ihr

Leben. Daß diese christlichen Erzieher von der altrömischen Bildung

und dem Sprachverständnisse, als dem Behälter derselben, nicht mehr

an diese Neubekehrten kommen ließen, als mit ihren Absichten sich

vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund

des Verfalls und der Ertötung der römischen Sprache in ihrem Munde.

Als späterhin die echten und unverfälschten Denkmale der alten

Bildung in die Hände dieser Völker fielen und dadurch der Trieb,

selbsttätig zu denken und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde: so

mußte, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war, teils kein

angestammtes Erschrecken vor den Göttern ihm das Gegengewicht hielt,

der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge,

welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenständen desselben geworden

waren, dieselben weit härter treffen, denn sogar die Römer, als

an diese zuerst das Christentum kam. Einleuchten des vollkommenen

Widerspruchs aus demjenigen, woran man bisher treuherzig geglaubt

hat, erregt Lachen; die, welche das Rätsel gelöst hatten, lachten und

spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelöst hatten,

lachten mit, gesichert dadurch, daß nur sehr wenigen der Zugang zur

altertümlichen Bildung, als dem Lösungsmittel des Zaubers, offen

stehe. Ich deute hiermit vorzüglich auf Italien, als den damaligen

Hauptsitz der neurömischen Bildung, hinter welchem die übrigen

neurömischen Stämme in jeder Rücksicht noch sehr weit zurück waren.

Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den

er erbittert hätte; sie wurden durch diesen ausschließenden

Besitz einer ungemeinen Erkenntnis um so sicherer ein vornehmer

und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, daß der

große Haufe, für den sie kein Gemüt hatten, dem Truge ferner

preisgegeben und so auch für ihre Zwecke folgsamer erhalten

bliebe. Also nur, daß das Volk betrogen werde, der Vornehmere den

Betrug nütze und sein lache, konnte es fortbestehen; und es würde

wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen

wäre, außer Neurömern, also fortbestanden haben bis ans Ende der

Tage.

Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was früher über die

Fortsetzung der alten Bildung durch die neue und über den Anteil,

den die Neurömer daran zu haben vermögen, gesagt wurde. Die

neue Klarheit ging aus von den Alten, sie fiel zuerst in den

Mittelpunkt der neurömischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu

einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen

und anders zu gestalten.

Nicht länger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge

bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf

das Leben herab religiöses Gemüt fiel, und, wenn dieses Gemüt

von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der

Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Häupter fand,

welche auf sein entschiedenes Bedürfnis etwas gaben. So tief

auch das Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer

in ihm ein Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist und der ein

Leben, das nur wirkliches und selbständiges Leben ist, sicher

anregt; die Frage: was sollen wir tun, damit wir selig werden?

War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo es

entweder überhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas

wie Seligkeit im Ernste möglich sei, oder, wenn auch das erste

angenommen worden wäre, dennoch gar kein fester und entschiedener

Wille, selbst auch selig zu werden, vorhanden war, so hatte auf

diesem Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in

Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender und

blasser Schatten im Gedächtnisse und in der Einbildungskraft

behangen geblieben; und so mußten natürlich auch alle ferneren

Aufklärungen über den Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe

gleichfalls ohne Einfluß auf das Leben bleiben. War hingegen

jene Frage in einen ursprünglich lebendigen Boden gefallen, so

daß im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit und der

feste Wille da war, selig zu werden und die von der bisherigen

Religion angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und

redlichem Ernste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so

mußte, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen

dem Lichte über die Beschaffenheit dieser Mittel sich länger

verschloß, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein gräßliches

Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele

und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andre Weise zu retten

und was als in ewiges Verderben stürzend erschien, konnte nicht

scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der einzelne, den

zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegs zufrieden sein, etwa

nur seine eigne Seele zu retten, gleichgültig über das Wohl aller

übrigen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion

zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet

hätte: sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fühlte,

mußte er ringen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge

zu öffnen über die verdammliche Täuschung.

Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm

sehr viele Ausländer wohl in größerer Verstandesklarheit

gehabt hatten, in das Gemüt des deutschen Mannes, Luther. An

altertümlicher und feiner Bildung, an Gelehrsamkeit, an andern

Vorzügen übertrafen ihn nicht nur Ausländer, sondern sogar viele

in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmächtiger Antrieb, die

Angst um das ewige Heil und dieser ward das Leben in seinem Leben

und setzte immerfort das letzte in die Wage und gab ihm die Kraft

und die Gaben, die die Nachwelt bewundert. Mögen andre bei der

Reformation irdische Zwecke gehabt haben, sie hätten nie gesiegt,

hätte nicht an ihrer Spitze ein Anführer gestanden, der durch das

Ewige begeistert wurde; daß dieser, der immerfort das Heil aller

unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes

allen Teufeln in der Hölle furchtlos entgegenging, ist natürlich

und durchaus kein Wunder. Dies nun ist ein Beleg von deutschem

Ernst und Gemüt.

Daß Luther mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden

selbst zu besorgenden Anliegen an alle und zunächst an die

Gesamtheit seiner Nation sich wendete, lag, wie gesagt, in

der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag auf? Blieb es

in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische

Geschäfte und ungestört fortgehend den gewohnten Gang, oder

erregte die nicht alltägliche Erscheinung gewaltiger Begeisterung

bloß sein Gelächter? Keineswegs, sondern es wurde wie durch ein

fortlaufendes Feuer ergriffen von derselben Sorge für das Heil

der Seele und diese Sorge eröffnete schnell auch ihr Auge der

vollkommenen Klarheit und sie nahmen auf im Fluge das ihnen

Dargebotene. War diese Begeisterung nur eine augenblickliche

Erhebung der Einbildungskraft, die im Leben und gegen dessen

ernsthafte Kämpfe und Gefahren nicht standhielt? Keineswegs,

sie entbehrten alles, und trugen alle Martern und kämpften in

blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder

unter die Gewalt des verdammlichen Papsttums gerieten, sondern

ihnen und ihren Kindern fort das allein seligmachende Licht des

Evangeliums schiene; und es erneuten sich an ihnen in später Zeit

alle Wunder, die das Christentum bei seinem Beginnen an seinen

Bekennern darlegte. Alle Aeußerungen jener Zeit sind erfüllt

von dieser allgemein verbreiteten Besorgtheit um die Seligkeit.

Sehen Sie hier einen Beleg von der Eigentümlichkeit des deutschen

Volkes. Es ist durch Begeisterung zu jedweder Begeisterung und

jedweder Klarheit leicht zu erheben und seine Begeisterung hält

aus für das Leben und gestaltet dasselbe um.

Auch früher und anderwärts hatten Reformatoren Haufen des Volks

begeistert und sie zu Gemeinden versammelt und gebildet; dennoch

erhielten diese Gemeinden keinen festen und auf dem Boden der

bisherigen Verfassung begründeten Bestand, weil die Volkshäupter

und Fürsten der bisherigen Verfassung nicht auf ihre Seite

traten. Auch der Reformation durch Luther schien anfangs kein

günstigeres Schicksal bestimmt. Der weise Kurfürst, unter dessen

Augen sie begann, schien mehr im Sinne des Auslandes als in dem

deutschen weise zu sein; er schien die eigentliche Streitfrage

nicht sonderlich gefaßt zu haben, einem Streite zwischen zwei

Mönchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen

und höchstens bloß um den guten Ruf seiner neu errichteten

Universität besorgt zu sein. Aber er hatte Nachfolger, die weit

weniger weise, denn er, von derselben ernstlichen Sorge für

ihre Seligkeit ergriffen wurden, die in ihren Völkern lebte,

und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu

gemeinsamem Leben oder Tod, Sieg oder Untergang.

Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebenen Grundzuge der

Deutschen, als einer Gesamtheit und zu ihrer durch die Natur

begründeten Verfassung. Die großen National- und Weltangelegenheiten

sind bisher durch freiwillig auftretende Redner an das Volk

gebracht worden und bei diesem durchgegangen. Mochten doch ihre

Fürsten anfangs aus Ausländerei und aus Sucht vornehm zu tun und

zu glänzen, wie jene, sich absondern von der Nation und diese

verlassen oder verraten, so wurden sie auch später leicht wieder

fortgerissen zur Einstimmigkeit mit derselben und erbarmten sich

ihrer Völker. Daß das erste stets der Fall gewesen sei, werden

wir tiefer unten noch an andern Belegen dartun; daß das letztere

fortdauernd der Fall bleiben möge, können wir nur mit heißer

Sehnsucht wünschen.

Ohnerachtet man nun bekennen muß, daß in der Angst jenes

Zeitalters um das Heil der Seelen, eine Dunkelheit und Unklarheit

blieb, indem es nicht darum zu tun war, den äußeren Vermittler

zwischen Gott und den Menschen nur zu verändern, sondern

gar keines äußern Mittlers zu bedürfen, und das Band des

Zusammenhanges in sich selber zu finden; so war es doch

vielleicht notwendig, daß die religiöse Ausbildung der Menschen

im ganzen durch diesen Mittelzustand hindurchginge. Luthern

selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn er

suchte, und ihn weit hinausgeführt über sein Lehrgebäude. Nachdem

er nur die ersten Kämpfe der Gewissensangst, die ihm sein

kühnes Losreißen von dem ganzen bisherigen Glauben verursachte,

bestanden hatte, sind alle seine Aeußerungen voll eines Jubels

und Triumphs über die erlangte Freiheit der Kinder Gottes, welche

die Seligkeit gewiß nicht mehr außer sich und jenseit des Grabes

suchten, sondern der Ausbruch des unmittelbaren Gefühls derselben

waren. Er ist hierin das Vorbild aller künftigen Zeitalter

geworden und hat für uns alle vollendet. -- Sehen Sie auch hier

einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er nur sucht, so

findet er mehr, als er suchte; denn er gerät hinein in den Strom

lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt und ihn mit

sich fortreißt.

Dem Papsttume, dieses nach seiner eignen Gesinnung genommen und

beurteilt, geschah durch die Weise, wie die Reformation dasselbe

nahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeußerungen desselben waren wohl

größtenteils aus der vorliegenden Sprache blind herausgerissen,

asiatisch rednerisch übertreibend, gelten sollend, was sie

könnten, und rechnend, daß mehr als der gebührende Abzug wohl

ohnedies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen,

erwogen oder gemeint. Die Reformation nahm mit deutschem

Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte; und sie hatte recht,

daß man alles also nehmen solle, unrecht, wenn sie glaubte,

jene hätten es also genommen und sie noch andrer Dinge, denn

ihrer natürlichen Flachheit und Ungründlichkeit, bezichtigte.

Ueberhaupt ist dies die stets sich gleichbleibende Erscheinung

in jedem Streit des deutschen Ernstes gegen das Ausland, ob

dieses sich nun außer Landes oder im Lande befinde, daß das

letztere gar nicht begreifen kann, wie man über so gleichgültige

Dinge, als Worte und Redensarten sind, ein so großes Wesen

erheben möge und daß sie, aus deutschem Munde es wieder hörend,

nicht gesagt haben wollen, was sie doch gesagt haben und sagen,

und immerfort sagen werden, und über Verleumdung, die sie

Konsequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre Aeußerungen in

ihrem buchstäblichen Sinne und als ernstlich gemeint, nimmt, und

dieselben betrachtet als Bestandteile einer folgebeständigen

Denkreihe, die man nun rückwärts nach ihren Grundsätzen, und

vorwärts nach ihren Folgen herstellt; indes man doch vielleicht

sehr entfernt ist, ihnen für die Person klares Bewußtsein dessen,

was sie reden, und Folgebeständigkeit, beizumessen. In jener

Anmutung, man müsse eben jedwedes Ding nehmen wie es gemeint sei,

nicht aber etwa noch darüber hinaus das Recht zu meinen und laut

zu meinen, in Frage ziehen, verrät sich immer die noch so tief

versteckte Ausländerei.

Dieser Ernst, mit welchem das alte Religionslehrgebäude genommen

wurde, nötigte dieses selbst zu einem größeren Ernste, als es

bisher gehabt hatte, und zu neuer Prüfung, Umdeutung, Befestigung

der alten Lehre, sowie zu größerer Behutsamkeit in Lehre und

Leben für die Zukunft: und dieses, sowie das zunächstfolgende,

sei Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das

übrige Europa immer zurückgewirkt hat. Hierdurch erhielt für

das Allgemeine die alte Lehre wenigstens diejenige unschädliche

Wirksamkeit, die sie, nachdem sie nun einmal nicht aufgegeben

werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie für

die Verteidiger derselben Gelegenheit und Aufforderung zu

einem gründlicheren und folgegemäßeren Nachdenken, als bisher

stattgehabt hatte. Davon, daß die in Deutschland verbesserte

Lehre auch in das neulateinische Ausland sich verbreitet und

daselbst denselben Erfolg höherer Begeisterung hervorgebracht,

wollen wir hier, als von einer vorübergehenden Erscheinung

schweigen: wiewohl es immer merkwürdig ist, daß die neue Lehre

in keinem eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate

anerkannten Bestande gekommen; indem es scheint, daß es deutscher

Gründlichkeit bei den Regierenden und deutscher Gutmütigkeit beim

Volke bedurft habe, um diese Lehre verträglich mit der Obergewalt

zu finden, und sie also zu machen.

Reden an die deutsche Nation · 第 7 / 21 段