Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich

angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die

Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige

Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nützlich

sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu

erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen

der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu

verstehen das ursprüngliche Leben und sein Fortfluß aus dem Quell

alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen

Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen

und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der

bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon

stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner

Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben.

Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter

zu allererst die Philosophie -- wie wir dies mit dem ausländischen

Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst

vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen -- die

Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen;

denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens

wissenschaftlich erfaßt. Von dieser und von aller auf sie gegründeten

Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen

Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem

Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern

gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und

dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und

daß es Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in

diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke

näher zu bestimmen und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind

wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne: zuvörderst,

daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern

Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen

Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen;

sodann daß ein einzelner zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit

vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des

allgemeinen göttlichen Lebens völlig aufgehen könne, ohne eines

außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen; und volle Befriedigung

in ihnen finden könne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger

Bedeutung; denn es ist ebenso unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke

gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einzige

Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das

geistige Leben. Dieses äußert sich nur zum Teil und erscheint als ein

ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Tätigkeit.

Diese Tätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft,

die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der

Kunst; und insoweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst

da seien als Mittel für das tätige Leben, als den Zweck. Nun aber

ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet

und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche.

Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein,

so muß es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die

des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene

Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit

der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfällt, und in dem

letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann.

Beide demnach, der Gedanke, sowie die Tätigkeit, sind nur in der

Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber

sind sie, eine wie die andre, dasselbe _eine_ absolute Leben; und man

kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um

des Gedankens willen sei und also sei, sondern daß beides schlechthin

sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes

Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung.

Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung

ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe

aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbständiges

Leben. -- Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen.

Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht danach

gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für

das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen.

Man könnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das

Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen als

das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind

einseitig; und das Wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf

dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernünftigen Lebens

sind.

In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns

ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke

der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß

er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt

zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge

jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe

aufs Handeln einfließt, nach ihm ebenso notwendig handelt.

Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er

nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und

vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke

begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken möge, wie

etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt

zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen

Denken ein großes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte

wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken

von uns abstehend, und ein bloß mögliches und ein von uns frei

gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem

ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser

Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese

also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre

Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Daß nun das letztere

also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen,

sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber

muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert,

ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar

notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen

Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig

und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so

dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze

einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart

sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer

toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß

desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse

aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine

fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte

der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und

breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt

auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers

der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man

einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht,

sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann

man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht

mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache

niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht

getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.

Es erhellt im Vorbeigehen, daß beim Volke einer toten Sprache

im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug

ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten und

die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber

dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den

Fesseln derselben immermehr ersterben müsse, so daß zuletzt

die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtsein sich

bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder

wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt

hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, daß ein

solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die

Heuchelei in Komödienform für ihr größtes philosophisches Werk

anerkennen wird.

In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier

insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben,

sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es

notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf

andres Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine

Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes

Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem

Wohlgefallen in seiner belebenden, verklärenden und befreienden

Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern,

will notwendig, daß allen andern dasselbe Heil widerfahre, und

er ist so getrieben und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der

ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite.

Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken als ein mögliches

begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch

Wehe gibt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäftigt und

unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern

wohl oder wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei,

woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen

Stunden ausfülle.

Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen,

in das allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste

die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der

geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie

er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem

nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar über den

bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend,

ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim

ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten

das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene

Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache

durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflößen, also

daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebührenden Anteil von

der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Leben

bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen

Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser

Täuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschäft

der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine

solche Dichtung haben; denn nur in ihr ist der sinnbildliche

Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in

ihr bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einströmen

verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache führt in sich

Vermögen unendlicher, ewig zu erfrischender und zu verjüngender

Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr eröffnet

eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn

diese Dichtung das vorzüglichste Verflößungsmittel der erlangten

geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine tote Sprache

kann in diesem höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem

alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht

vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen

Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in

der Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die

Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann die neu entstandene Volksart

nicht fortdichten auf der angehobenen Bahn, denn diese ist

ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben und die neuen

Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen

Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach,

einführen, und zum Beispiel ihren Ritter ankleiden als Heros und

umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen das Gewand tauschen

lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des Gewöhnlichen

wird dasselbe einen dem idealisierten ähnlichen Reiz erhalten,

und es werden ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber

beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der

Stammsprache, als die neuen Lebensverhältnisse, sind endliche und

beschränkte Größen, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo

vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk sein

goldenes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt.

Irgendwo gibt es notwendig einen höchsten Punkt des Anpassens

der geschlossenen Wörter an die geschlossenen Begriffe, und der

geschlossenen Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhältnisse.

Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn

entweder seine gelungensten Meisterstücke verändert wiederholen,

also, daß sie aussehen, als ob sie etwas Neues seien, da sie

doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus neu

sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht

nehmen, und ebenso in der Dichtkunst das Häßliche mit dem Schönen

zusammenmischen, und sich auf die Karikatur und das Humoristische

legen, wie sie in der Prosa genötigt sind, die Begriffe zu

verwirren, und Laster und Tugend miteinander zu vermengen, wenn

sie in neuen Weisen reden wollen.

Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben

jedes für sich seinen besonderen Gang fortgehen: so erfolgt von

selbst, daß die Stände, die zu der ersten keinen Zugang haben,

und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die

Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stände

zurückgesetzt, und gleichsam für eine andre Menschenart gehalten

werden, die an Geisteskräften ursprünglich, und durch die bloße

Geburt den ersten nicht gleich seien; daß darum die gebildeten

Stände gar keine wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen, und keinen

Trieb haben, ihnen gründlich zu helfen, indem sie eben glauben,

daß ihnen, wegen ursprünglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen

sei, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben

zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen.

Auch diese Folge der Ertötung der Sprache kann beim Beginn des

neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch

den Mangel an eigner Gewandtheit der höhern Stände gemildert

werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer

unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des

Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stände hat noch ein

besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die

Deutschen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht

übergangen werden darf. Nämlich die Römer, welche anfangs den

Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich

selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten,[2]

gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden

bei den Germaniern dieselbe gläubige Treuherzigkeit, die erst sie

selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der

Barbarei nicht anders loswerden zu können, als wenn sie Römer

würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden

es nach allem ihrem Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam

aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft,

tölpisch, und so ward das Römische im Gegenteil gleichgeltend mit

vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer Sprachen geht

dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewußten

Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die

germanischen Wurzeln auszuwerfen und aus römischen Wurzeln die

Wörter zu bilden, und so die Romanze, als die Hof- und gebildete

Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme

bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel

das Unedle und Schlechte, das aus römischer Wurzel aber das

Edlere und Vornehmere bedeutet.

[2] Auch über den größern oder geringern Wohllaut einer

Sprache sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem

unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zufälligkeiten

abhängt, entschieden werden, sondern es müßte sich auch ein

solches Urteil auf feste Grundsätze zurückführen lassen.

Das Verdienst einer Sprache in dieser Rücksicht würde ohne

Zweifel darein zu setzen sein, daß sie zuvörderst das

Vermögen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschöpfte und

umfassend darstellte, sodann daß sie die einzelnen Laute

desselben zu einer naturgemäßen und schicklichen Verfließung

ineinander verbände. Es geht schon hieraus hervor, daß

Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig

ausbilden und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter

Vorwand der Schwierigkeit oder des Übelklanges vermeiden,

und denen leichtlich nur das, was sie zu hören gewohnt sind

und hervorbringen können, wohlklingen dürfte, bei einer

solchen Untersuchung keine Stimme haben.

Wie nun, jene höhern Grundsätze vorausgesetzt, das Urteil

über die deutsche Sprache in dieser Rücksicht ausfallen

werde, mag hier unentschieden bleiben. Die römische

Stammsprache selbst wird von jeder neueuropäischen Nation

ausgesprochen nach der derselben eigenen Mundart, und ihr

wahre Aussprache dürfte sich nicht leicht wiederherstellen

lassen. Es bliebe demnach nur noch die Frage übrig, ob denn

den neulateinischen Sprachen gegenüber die deutsche so übel,

hart und rauh töne, wie einige zu glauben geneigt sind.

Bis einmal diese Frage gründlich entschieden werde, mag

wenigstens vorläufig erklärt werden, wie es komme, daß

Ausländern und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen

sind und ohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. Ein

noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft,

bei großer Kindlichkeit des Sinnes und Freiheit von

Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses alles

gewesen zu sein) wird angezogen durch die Ferne und versetzt

gern in diese, in entlegene Länder und ferne Inseln, die

Gegenstände seiner Wünsche und die Herrlichkeiten, die es

ahnt. Es entwickelt sich in ihm ein _romantischer_ Sinn (das

Wort erklärt sich selbst und könnte nicht passender gebildet

sein). Laute und Töne aus jenen Gegenden treffen nun auf

diesen Sinn und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum

gefallen sie. Daher mag es kommen, daß unsre ausgewanderten

Landsleute so leicht die eigne Sprache für die fremde

aufgaben, und daß noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten

Anverwandten, jene Töne so wunderbar gefallen.

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen

Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls

er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unsern

Ohren tönt gar leicht römischer Laut vornehm, auch unsern

Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche

gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus

der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der

zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Römer recht

wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns

als Männer, wie andre auch; wenn wir halb oder auch über die

Hälfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an

uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir

uns vornehm, der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man

uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder

Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten

Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von deutscher Seite,

Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind

die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir

eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns und nimmt uns

als seinesgleichen; nur wenn wir zur letzten unsre Zuflucht

nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andre

Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein

Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur

abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben,

daß etwas schön, schicklich und bequem sei, das auf natürliche

Weise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem

allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die

größere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der

Sucht, ebenso vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft

zwischen den höhern Ständen und dem Volke, die im Auslande

natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den

Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu

haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an

denen wir jetzt zugrunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind,

welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und

Einfluß aufs Leben das Verderben nach sich ziehen mußten, werden

wir zu einer andern Zeit zeigen.

Außer diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden

Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder

nicht, und daß zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke

eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte ich noch die

folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und

Ernst haben und Mühe anwenden werde in allen Dingen, dagegen

das der toten Sprache die geistige Beschäftigung mehr für ein

genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glücklichen Natur

sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben Gesagten

sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die

Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch

sie befriedigt werden soll, und erhält so alle die nötigenden

Antriebe, die das Leben selbst bei sich führt. Bei dem der toten

will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme und

dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie hat

ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei

den Ausländern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen,

wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie

und glückliche Natur eine seiner unwürdige Ausländerei, die, so

wie alle Ausländerei aus der Sucht, vornehm zu tun, entsteht.

Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen

Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem

ausländischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas

Treffliches entstehen. Aber dieser Antrieb für sich allein

regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr über dem

Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß

diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet,

und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf

es des fleißigen, besonnenen und nach einer festen Regel

einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleiße den Stoff

zur Bearbeitung, und der letzte würde ohne die erste entweder

nur das schon bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der

Fleiß aber führt diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel

bleiben würde, ins Leben ein; und so vermögen beide nur in

ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun

kann überdies im Volke einer toten Sprache gar keine wahrhaft

erschaffende Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am

ursprünglichen Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur

schon Angehobenes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene

und vollendete Bezeichnung verflößen.

Was insbesondere die größere Mühe anbelangt, so ist natürlich,

daß diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine

lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer andern auf

einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber sie kann niemals in

sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die

eine tote Sprache gar leichtlich erhält. In der letzten ist

der Umfang der Wörter geschlossen, die möglichen schicklichen

Zusammenstellungen derselben werden allmählich auch erschöpft,

und so muß der, der diese Sprache reden will, sie eben reden,

so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat,

redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt und

dichtet für ihn. In einer lebendigen Sprache aber, wenn nur in

ihr wirklich gelebt wird, vermehren und verändern die Worte

und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden

neue Zusammenstellungen möglich und die Sprache, die niemals

ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern

wer sie gebrauchen will, muß eben selber nach seiner Weise und

schöpferisch für sein Bedürfnis sie reden. Ohne Zweifel erfordert

das letzte weit mehr Fleiß und Uebungen, denn das erste. Ebenso

gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks

einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausströmung

der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer

toten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen und sich

begreiflich zu machen suchen, und so in der Tat nur geschichtlich

und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch sind. Es

begreift sich, daß seine Untersuchung von der letzten Art eher

und leichter abgeschlossen werden möge, denn eine von der ersten.

Reden an die deutsche Nation · 第 6 / 21 段