Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntnis desjenigen,
der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar, und drückt ihm das
Verhältnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen
verständlich aus, denn dieses Verhältnis wird ihm erklärt durch
ein andres unmittelbar lebendiges Verhältnis zu seinem sinnlichen
Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der
neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens
die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in
der Sprache; und die mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis
wird nun nach ihrem Verhältnisse zu der ganzen in der gesamten
Sprache niedergelegten übersinnlichen und sinnlichen Erkenntnis
bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn
die unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder
niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stetiger Fluß. --
Ferner, da die Sprache nicht durch Willkür vermittelt, sondern
als unmittelbare Naturkraft aus dem verständigen Leben ausbricht,
so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte
Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzugreifen in das Leben
und dasselbe anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwärtigen Dinge
den Menschen bewegen, so müssen auch die Worte einer solchen
Sprache den bewegen, der sie versteht, denn auch sie sind Dinge,
keineswegs willkürliches Machwerk. So zunächst im Sinnlichen. Nicht
anders jedoch auch im Uebersinnlichen. Denn obwohl in Beziehung
auf das letztere der stetige Fortgang der Naturbeobachtung durch
freie Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier
gleichsam der unbildliche Gott eintritt, so versetzt dennoch die
Bezeichnung durch die Sprache das Unbildliche auf der Stelle in
den stetigen Zusammenhang des Bildlichen zurück; und so bleibt
auch in dieser Rücksicht der stetige Fortgang der zuerst als
Naturkraft ausgesprochenen Sprache ununterbrochen, und es tritt
in den Fluß der Bezeichnung keine Willkür ein. Es kann darum
auch dem übersinnlichen Teile einer also stetig fortentwickelten
Sprache seine Leben anregende Kraft auf den, der nur sein geistiges
Werkzeug in Bewegung setzt, nicht entgehen. Die Worte einer solchen
Sprache in allen ihren Teilen sind Leben und schaffen Leben. --
Machen wir auch in Rücksicht der Entwicklung der Sprache für das
Uebersinnliche die Voraussetzung, daß das Volk dieser Sprache in
ununterbrochener Mitteilung geblieben, und daß, was einer gedacht
und ausgesprochen, bald an alle gekommen, so gilt, was bisher im
allgemeinen gesagt worden, für alle, die diese Sprache reden.
Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte
Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig und
anregend ihr Leben.
So verhält es sich, sage ich, mit einer Sprache, die von dem
ersten Laute an, der in demselben Volke ausbrach, ununterbrochen
aus dem wirklichen gemeinsamen Leben dieses Volkes sich entwickelt
hat, und in die niemals ein Bestandteil gekommen, der nicht eine
wirklich erlebte Anschauung dieses Volks und eine mit allen übrigen
Anschauungen desselben Volks im allseitig eingreifenden Zusammenhange
stehende Anschauung ausdrückte. Lasset dem Stammvolke dieser Sprache
noch so viele einzelne andern Stammes und andrer Sprache einverleibt
werden; wenn es diesen nur nicht verstattet wird, den Umkreis ihrer
Anschauungen zu dem Standpunkte, von welchem von nun an die Sprache
sich fortentwickle, zu erheben, so bleiben diese stumm in der
Gemeinde und ohne Einfluß auf die Sprache, so lange, bis sie selbst
in den Umkreis der Anschauung des Stammvolks hineingekommen sind, und
so bilden nicht sie die Sprache, sondern die Sprache bildet sie.
Ganz das Gegenteil aber von allem bisher Gesagten erfolgt
alsdann, wenn ein Volk mit Aufgebung seiner eignen Sprache eine
fremde, für übersinnliche Bezeichnung schon sehr gebildete
annimmt; und zwar nicht also, daß es sich der Einwirkung dieser
fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide sprachlos
zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen
dieser fremden Sprache hineingekommen; sondern also, daß es
seinen eignen Anschauungskreis der Sprache aufdringe, und diese,
von dem Standpunkte aus, wo sie dieselbe fanden, von nun an in
diesem Anschauungskreise sich fortbewegen müsse. In Absicht des
sinnlichen Teils der Sprache zwar ist diese Begebenheit ohne
Folgen. In jedem Volke müssen ja ohnedies die Kinder diesen
Teil der Sprache, gleich als ob die Zeichen willkürlich wären,
lernen und so die ganze frühere Sprachentwicklung der Nation
hierin nachholen; jedes Zeichen aber in diesem sinnlichen
Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht oder Berührung des
Bezeichneten vollkommen klargemacht werden. Höchstens würde
daraus folgen, daß das erste Geschlecht eines solchen seine
Sprache ändernden Volkes als Männer wieder in die Kinderjahre
zurückzugehen genötigt gewesen; mit den Nachgebornen aber und
an den künftigen Geschlechtern war alles wieder in der alten
Ordnung. Dagegen ist diese Veränderung von den bedeutendsten
Folgen in Rücksicht des übersinnlichen Teils der Sprache. Dieser
hat zwar für die ersten Eigentümer der Sprache sich gemacht
auf die bisher beschriebene Weise; für die spätern Eroberer
derselben aber enthält das Sinnbild eine Vergleichung mit einer
sinnlichen Anschauung, die sie entweder schon längst, ohne die
beiliegende geistige Ausbildung, übersprungen haben, oder die
sie dermalen noch nicht gehabt haben, auch wohl niemals haben
können. Das Höchste, was sie hierbei tun können, ist, daß sie
das Sinnbild und die geistige Bedeutung derselben sich erklären
lassen, wodurch sie die flache und tote Geschichte einer
fremden Bildung, keineswegs aber eigne Bildung erhalten und
Bilder bekommen, die für sie weder unmittelbar klar, noch auch
lebenanregend sind, sondern völlig also willkürlich erscheinen
müssen, wie der sinnliche Teil der Sprache. Für sie ist nun,
durch diesen Eintritt der bloßen Geschichte als Erklärerin, die
Sprache in Absicht des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit
tot, abgeschlossen und ihr stetiger Fortfluß abgebrochen; und
obwohl über diesen Umkreis hinaus sie nach ihrer Weise, und
inwiefern dies von einem solchen Ausgangspunkte aus möglich ist,
diese Sprache wieder lebendig fortbilden mögen; so bleibt doch
jener Bestandteil die Scheidewand, an welcher der ursprüngliche
Ausgang der Sprache, als eine Naturkraft, aus dem Leben und die
Rückkehr der wirklichen Sprache in das Leben, ohne Ausnahme sich
bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der Oberfläche durch den
Wind des Lebens bewegt werden, und so den Schein eines Lebens von
sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen toten Bestandteil,
und ist durch den Eintritt des neuen Anschauungskreises und die
Abbrechung des alten abgeschnitten von der lebendigen Wurzel.
Wir beleben das soeben Gesagte durch ein Beispiel; indem wir
zum Behuf dieses Beispiels noch beiläufig die Bemerkung machen,
daß eine solche im Grunde tote und unverständliche Sprache sich
auch sehr leicht verdrehen und zu allen Beschönigungen des
menschlichen Verderbens mißbrauchen läßt, was in einer niemals
erstorbenen nicht also möglich ist. Ich bediene mich als solchen
Beispiels der drei berüchtigten Worte, Humanität, Popularität,
Liberalität. Diese Worte, vor dem Deutschen, der keine andre
Sprache gelernt hat, ausgesprochen, sind ihm ein völlig leerer
Schall, der an nichts ihm schon Bekanntes durch Verwandtschaft
des Lautes erinnert und so aus dem Kreise seiner Anschauung und
aller möglichen Anschauung ihn vollkommen herausreißt. Reizt nun
doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden vornehmen
und wohltönenden Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was
so hoch töne, müsse auch etwas Hohes bedeuten; so muß er sich
diese Bedeutung ganz von vornherein und als etwas ihm ganz
Neues erklären lassen und kann dieser Erklärung eben nur blind
glauben und wird so stillschweigend gewöhnt, etwas für wirklich
daseiend und würdig anzuerkennen, das er, sich selbst überlassen,
vielleicht niemals des Erwähnens wert gefunden hätte. Man glaube
nicht, daß es sich mit den neulateinischen Völkern, welche jene
Worte vermeintlich als Worte ihrer Muttersprache aussprechen,
viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergründung des Altertums und
seiner wirklichen Sprache verstehen sie die Wurzeln dieser Wörter
ebensowenig, als der Deutsche. Hätte man nun etwa dem Deutschen
statt des Wortes Humanität das Wort Menschlichkeit, wie jenes
wörtlich übersetzt werden muß, ausgesprochen, so hätte er uns
ohne weitere historische Erklärung verstanden; aber er hätte
gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist und
kein wildes Tier. Also aber, wie wohl nie ein Römer gesagt hätte,
würde der Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit überhaupt
in seiner Sprache nur ein sinnlicher Begriff geblieben, niemals
aber wie bei den Römern zum Sinnbilde eines übersinnlichen
geworden; indem unsre Vorfahren vielleicht lange vorher die
einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt, und sinnbildlich in der
Sprache bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem
Einheitsbegriffe, und zwar als Gegensatz mit der tierischen
Natur, zusammenzufassen, welches denn auch unsern Vorfahren
den Römern gegenüber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer nun den
Deutschen dennoch dieses fremde und römische Sinnbild künstlich
in die Sprache spielen wollte, der würde ihre sittliche Denkart
offenbar herunterstimmen, indem er ihnen als etwas Vorzügliches
und Lobenswürdiges hingäbe, was in der fremden Sprache auch wohl
ein solches sein mag, was er aber, nach der austilgbaren Natur
seiner Nationaleinbildungskraft nur faßt, als das Bekannte, das
gar nicht zu erfassen ist. Es ließe sich vielleicht durch eine
nähere Untersuchung dartun, daß dergleichen Herabstimmungen der
frühern sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder
den germanischen Stämmen, die die römische Sprache annahmen,
schon zu Anfange begegnet: doch wird hier auf diesen Umstand
nicht gerade das größte Gewicht gelegt.
Würde ich ferner dem Deutschen statt der Wörter Popularität und
Liberalität die Ausdrücke Haschen nach Gunst beim großen Haufen,
und Entfernung vom Sklavensinn, wie jene wörtlich übersetzt
werden müssen, sagen, so bekäme derselbe zuvörderst nicht einmal
ein klares und lebhaftes sinnliches Bild, dergleichen der frühere
Römer allerdings bekam. Dieser sah alle Tage die schmiegsame
Höflichkeit des ehrgeizigen Kandidaten gegen alle Welt, so
wie die Ausbrüche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte
bildeten sie ihm wieder lebendig vor. Durch die Veränderung der
Regierungsform und die Einführung des Christentums waren schon
dem spätern Römer diese Schauspiele entrissen; wie denn überhaupt
diesem, besonders durch das fremdartige Christentum, das er
weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne
Sprache guten Teils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie hätte
diese, schon in der eignen Heimat halbtote Sprache, lebendig
überliefert werden können an ein fremdes Volk? Wie sollte sie
es jetzt können an uns Deutsche? Was ferner das in jenen beiden
Ausdrücken liegende Sinnbild eines geistigen betrifft, so liegt
in der Popularität schon ursprünglich eine Schlechtigkeit, die
durch das Verderben der Nation und ihrer Verfassung in ihrem
Munde zur Tugend verdreht wurde. Der Deutsche geht in diese
Verdrehung, sowie sie ihm nur in seiner eignen Sprache dargeboten
wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalität aber dadurch,
daß ein Mensch keine Sklavenseele, oder, wenn es in die neue
Sitte eingeführt wird, keine Lakaiendenkart habe, antwortet er
abermals, daß auch dies sehr wenig gesagt heiße.
Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt
bei den Römern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung
entstandenen, oder geradezu eine Schlechtigkeit bezeichnenden
Sinnbilder in der Fortentwicklung der neulateinischen Sprachen den
Begriff von Mangel an Ernst über die gesellschaftlichen Verhältnisse,
den des Sichwegwerfens, den der gemütlosen Lockerheit, hineingespielt
und dieselben auch in die deutsche Sprache gebracht, um durch das
Ansehen des Altertums und des Auslandes, ganz in der Stille und
ohne daß jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sei, die
letztgenannten Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies
ist von jeher der Zweck und der Erfolg aller Einmischung gewesen;
zuvörderst aus der unmittelbaren Verständlichkeit und Bestimmtheit,
die jede ursprüngliche Sprache bei sich führt, den Hörer in Dunkel
und Unverständlichkeit einzuhüllen; darauf an den dadurch erregten
blinden Glauben desselben sich mit der nun nötig gewordenen Erklärung
zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend so durcheinander
zu rühren, daß es kein leichtes Geschäft ist, dieselben wieder
zu sondern. Hätte man das, was jene drei ausländischen Worte
eigentlich wollen müssen, wenn sie überhaupt etwas wollen, dem
Deutschen in seinen Worten, und in seinem sinnbildlichen Kreise also
ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit, Edelmut, so
hätte er uns verstanden; die genannten Schlechtigkeiten aber hätten
sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange
deutscher Rede entsteht eine solche Einhüllung in Unverständlichkeit
und Dunkel, entweder aus Ungeschicktheit, oder aus böser Tücke; sie
ist zu vermeiden, und die Uebersetzung in rechtes wahres Deutsch
liegt als stets fertiges Hilfsmittel bereit. In den neulateinischen
Sprachen aber ist diese Unverständlichkeit natürlich und
ursprünglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem
diese überhaupt nicht im Besitze irgendeiner lebendigen Sprache,
woran sie die tote prüfen könnten, sich befinden, und die Sache genau
genommen, eine Muttersprache gar nicht haben.
Das an diesem einzelnen Beispiele Dargelegte, was gar leicht
durch den ganzen Umkreis der Sprache sich würde hindurch führen
lassen, und allenthalben also sich wieder finden würde, soll
Ihnen das bis hierher Gesagte so klar machen, als es hier
werden kann. Es ist vom übersinnlichen Teile der Sprache die
Rede, vom sinnlichen zunächst und unmittelbar gar nicht. Dieser
übersinnliche Teil ist in einer immerfort lebendig gebliebenen
Sprache sinnbildlich, zusammenfassend bei jedem Schritte das
Ganze des sinnlichen und geistigen, in der Sprache niedergelegten
Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls
nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben
der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen,
aus welchem, und seiner Bezeichnung, ein scharfes Auge die
ganze Bildungsgeschichte der Nation rückwärtsschreitend wieder
müßte herstellen können. In einer toten Sprache aber, in der
dieser Teil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch
die Ertötung zu einer zerrissenen Sammlung willkürlicher, und
durchaus nicht weiter zu erklärender Zeichen ebenso willkürlicher
Begriffe, wo mit beiden sich nichts weiter anfangen läßt, als daß
man sie eben lerne.
Somit ist unsre nächste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug
des Deutschen vor den andern Völkern germanischer Abkunft zu
finden, gelöst. Die Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten
Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht
darin, daß der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus
der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen germanischen
Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel
aber tote Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit
und in den Tod, setzen wir den Unterschied; keineswegs aber
lassen wir uns ein auf den übrigen innern Wert der deutschen
Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung
statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum
sind alle unmittelbare Vergleichungen der deutschen und der
neulateinischen Sprachen durchaus nichtig, und sind gezwungen
von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind. Sollte
vom innern Werte der deutschen Sprache die Rede entstehen,
so müßte wenigstens eine von gleichem Range, eine ebenfalls
ursprüngliche, als etwa die griechische, den Kampfplatz betreten;
unser gegenwärtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen
Vergleichung.
Welchen unermeßlichen Einfluß auf die ganze menschliche Entwicklung
eines Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben möge, die
Sprache, welche den einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines
Gemüts bei Denken und Wollen begleitet, und beschränkt oder
beflügelt, welche die gesamte Menschenmenge, die dieselbe redet, auf
ihrem Gebiete zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknüpft,
welche der wahre gegenseitige Durchströmungspunkt der Sinnenwelt und
der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also ineinander
verschmilzt, daß gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie
selber gehöre; wie verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen
möge, da, wo das Verhältnis ist, wie Leben und Tod, läßt sich im
allgemeinen erraten. Zunächst bietet sich dar, daß der Deutsche
ein Mittel hat seine lebendige Sprache durch Vergleichung mit der
abgeschlossenen römischen Sprache, die von der seinigen im Fortgange
der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergründen, wie
hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem
Neulateiner, der im Grunde in dem Umkreise derselben _einen_ Sprache
gefangen bleibt, nicht also möglich ist; daß der Deutsche, indem
er die römische Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaßen
zugleich mit erhält, und falls er etwa die erste gründlicher lernen
sollte, denn der Ausländer, welches er aus dem angeführten Grunde gar
wohl vermag, er zugleich auch dieses Ausländers eigne Sprachen weit
gründlicher verstehen und weit eigentümlicher besitzen lernt, denn
jener selbst, der sie redet; daß daher der Deutsche, wenn er sich
nur aller seiner Vorteile bedient, den Ausländer immerfort übersehen
und ihn vollkommen, sogar besser denn er sich selbst, verstehen,
und ihn nach seiner ganzen Ausdehnung übersetzen kann; dagegen der
Ausländer ohne eine höchst mühsame Erlernung der deutschen Sprache
den wahren Deutschen niemals verstehen kann, und das echt Deutsche
ohne Zweifel unübersetzt lassen wird. Was in diesen Sprachen man
nur vom Ausländer selbst lernen kann, sind meistens aus Langeweile
und Grille entstandene neue Moden des Sprechens, und man ist sehr
bescheiden, wenn man auf diese Belehrungen eingeht. Meistens würde
man statt dessen ihnen zeigen können, wie sie der Stammsprache und
ihrem Verwandlungsgesetze gemäßig sprechen sollten, und daß die neue
Mode nichts tauge, und gegen die althergebrachte gute Sitte verstoße.
--
Jener Reichtum an Folgen überhaupt, so wie die besondere zuletzt
erwähnte Folge ergeben sich, wie gesagt, von selbst.
Unsre Absicht aber ist es, diese Folgen insgesamt im ganzen nach
ihrem Einheitsbande und aus der Tiefe zu erfassen, um dadurch
eine gründliche Schilderung des Deutschen im Gegensatze mit den
übrigen germanischen Stämmen zu geben. Ich gebe diese Folgen
vorläufig in der Kürze also an: 1. Beim Volke der lebendigen
Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile
geht geistige Bildung und Leben jedes seinen Gang für sich fort.
2. Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit
aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, daß
dieselbe ins Leben eingreife; dagegen einem von der letztern Art
diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts
weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben
zum Geiste auch noch Gemüt. 3. Was aus dem zweiten folgt: die
erstern haben redlichen Fleiß und Ernst in allen Dingen und sind
mühsam, dagegen die letztern sich im Geleite ihrer glücklichen
Natur gehen lassen. 4. Was aus allem zusammen folgt: In einer
Nation von der ersten Art ist das große Volk bildsam, und die
Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke,
und wollen auf dieses einfließen; dagegen in einer Nation von der
zweiten Art die gebildeten Stände vom Volke sich scheiden, und
des letztern nicht weiter, denn als eines blinden Werkzeugs ihrer
Pläne achten. Die weitere Erörterung dieser angegebenen Merkmale
behalte ich der folgenden Rede vor.
Fünfte Rede.
Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit.
Zum Behuf einer Schilderung der Eigentümlichkeit der Deutschen
ist der Grundunterschied zwischen diesen und den andern Völkern
germanischer Abkunft angegeben worden, daß die ersteren in dem
ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich
fortentwickelnden Sprache geblieben, die letztern aber eine ihnen
fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertötet
worden. Wir haben zu Ende der vorigen Rede andre Erscheinungen
an diesen also verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus
jenem Grundunterschiede notwendig erfolgen mußten; und werden
heute diese Erscheinungen weiter entwickeln und fester auf ihrem
gemeinsamen Boden begründen.
Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleißet, kann
manches Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht
sich überheben. Wie wir ehemals in der Untersuchung, von der
die gegenwärtige die Fortsetzung ist, taten, so werden wir auch
hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem
aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen,
daß diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der
Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der
wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden,
will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter überlassen. Zwar
werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner
Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er
unsrer Ableitung zufolge sein mußte. Was aber die germanischen
Ausländer betrifft, so werde ich nichts dagegen haben, wenn
einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier
die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt,
daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was
die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetzten
Zügen völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre
Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zügen keineswegs in das
Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht
denn ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und
dieses so ehrbar ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen
kann.