Zwar dürfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen

der Zeit sonderbar dünken, und es dürfte diese kaum den Mut

haben, diese Verheißung sich zuzueignen; wenn sie lediglich

auf den ungeheuern Abstand ihrer herrschenden Meinungen über

die soeben zur Sprache gebrachten Gegenstände von dem, was

als Grundsätze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen

wollte. Ich will von der Bildung, welche jedoch, als ein nicht

gemein zu machendes Vorrecht, bisher in der Regel nur die

höhern Stände erhielten, die von einer übersinnlichen Welt

ganz schwieg, und lediglich einige Geschicklichkeit für die

Geschäfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der

offenbar schlechteren, nicht reden, sondern nur auf diejenige

sehen, welche Volksbildung war und in einem gewissen sehr

beschränkten Sinne auch Nationalerziehung genannt werden könnte,

die über eine übersinnliche Welt nicht durchaus Stillschweigen

beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir

als allererste Voraussetzung der neuen Erziehung aufstellen, daß

in der Wurzel des Menschen ein reines Wohlgefallen am Guten sei

und daß dieses Wohlgefallen so sehr entwickelt werden könne,

daß es dem Menschen unmöglich werde, das für gut Erkannte zu

unterlassen, und statt dessen das für bös Erkannte zu tun; so

hat dagegen die bisherige Erziehung nicht bloß angenommen,

sondern auch ihre Zöglinge von früher Jugend an belehrt, teils,

daß dem Menschen eine natürliche Abneigung gegen Gottes Gebote

beiwohne, teils, daß es ihm schlechthin unmöglich sei, dieselben

zu erfüllen. Was läßt von einer solchen Belehrung, wenn sie für

ernst genommen wird und Glauben findet, andres sich erwarten, als

daß jeder einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuändernde

Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal

unmöglich vorgestellt ist, und nicht besser zu sein begehre, denn

er und alle übrigen zu sein vermögen; ja, daß er sich sogar die

ihm angemutete Niederträchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in

seiner radikalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen;

indem diese Niederträchtigkeit vor Gott ihm als das einzige

Mittel vorgestellt wird, mit demselben sich abzufinden; und daß

er, falls etwa eine solche Behauptung, wie die unsrige, an sein

Ohr trifft, nicht anders denken könne, als daß man bloß einen

schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwärtig

fühlt in seinem Innern, und mit den Händen greift, daß dieses

nicht wahr, sondern das Gegenteil davon allein wahr sei? Wenn

wir eine von allem gegebenen Sein ganz unabhängige und vielmehr

diesem Sein selbst das Gesetz gebende Erkenntnis annehmen, und in

diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind eintauchen, und

es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten wollen,

wogegen wir die nur historisch zu erlernende Beschaffenheit der

Dinge als eine geringfügige Nebensache, die von selbst sich

ergibt, betrachten: so treten die reifsten Früchte der bisherigen

Bildung uns entgegen und erinnern uns, daß es ja bekanntermaßen

gar keine apriorische Erkenntnis gebe, und daß sie wohl wissen

möchten, wie man erkennen könne, außer durch Erfahrung. Und damit

diese übersinnliche und apriorische Welt auch sogar an derjenigen

Stelle sich nicht verrate, wo es gar nicht zu vermeiden schien

-- an der Möglichkeit einer Erkenntnis von Gott, und selbst an

Gott nicht die geistige Selbsttätigkeit sich erhebe, sondern das

leidende Hingeben alles in allem bliebe, hat gegen diese Gefahr

die bisherige Menschenbildung das kühne Mittel gefunden, das

Dasein Gottes zu einem historischen Faktum zu machen, dessen

Wahrheit durch ein Zeugenverhör ausgemittelt wird.

So verhält es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das

Zeitalter darum nicht an sich selber verzagen. Denn diese

und alle andre ähnliche Erscheinungen sind selber nichts

Selbständiges, sondern nur Blüten und Früchte der wilden Wurzel

der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der

Einimpfung einer neuen edlern und kräftigern Wurzel, so wird die

alte ersticken, und die Blüten und Früchte derselben, denen aus

jener keine weitere Nahrung zugefügt wird, werden von selbst

verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter noch gar

nicht, unsern Worten zu glauben, und es ist notwendig, daß ihm

dieselben vorkommen wie Märchen. Wir wollen auch diesen Glauben

nicht; wir wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals

wird es sehen, und es wird glauben seinen eignen Augen.

So wird z. B. jedermann, der mit den Erzeugungen der letzten

Zeit bekannt ist, schon längst bemerkt haben, daß hier abermals

die Sätze und Ansichten ausgesprochen werden, welche die neuere

deutsche Philosophie seit ihrer Entstehung gepredigt hat, und

wiederum gepredigt, weil sie eben nichts weiter vermochte, denn

zu predigen. Daß diese Predigten fruchtlos verhallt sind in

der leeren Luft, ist nun hinlänglich klar, auch ist der Grund

klar, warum sie also verhallen mußten. Nur auf Lebendiges wirkt

Lebendiges; in dem wirklichen Leben der Zeit aber ist gar keine

Verwandtschaft zu dieser Philosophie, indem diese Philosophie

ihr Wesen treibt in einem Kreise, der für jene noch gar nicht

aufgegangen, und für Sinnenwerkzeuge, die jener noch nicht

erwachsen sind. Sie ist gar nicht zu Hause in diesem Zeitalter,

sondern sie ist ein Vorgriff der Zeit und ein schon im voraus

fertiges Lebenselement eines Geschlechts, das in demselben erst

zum Lichte erwachsen soll. Auf das gegenwärtige Geschlecht

muß sie Verzicht tun; damit sie aber bis dahin nicht müßig

sei, so übernehme sie dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu

welchem sie gehört, sich zu bilden. Erst wie dies ihr nächstes

Geschäft ihr klar geworden, wird sie friedlich und freundlich

zusammenleben können mit einem Geschlechte, das übrigens ihr

nicht gefällt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben,

ist zugleich die Erziehung für sie: wiederum kann in einem

gewissen Sinn nur sie die Erzieherin sein in dieser Erziehung;

und so mußte sie ihrer Verständlichkeit und Annehmbarkeit

zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden

und mit Freuden angenommen werden wird; und darum wolle das

Zeitalter nicht an sich selbst verzagen.

Höre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine

wohl nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war. So sagt der

Seher am Wasser Chebar, der Tröster der Gefangenen nicht im eignen

sondern im fremden Lande: »Des Herrn Hand kam über mich und führte

mich hinaus im Geiste des Herrn, und stellte mich auf ein weit Feld,

das voller Gebeine lag, und er führte mich allenthalben herum, und

siehe, des Gebeines lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren

sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind, meinest

du wohl, daß diese Gebeine werden wieder lebendig werden? Und ich

sprach: Herr, das weißest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage

von diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine,

höret des Herrn Wort! So spricht der Herr von euch verdorrten

Gebeinen, ich will euch durch Flechsen und Sehnen wieder verbinden,

und Fleisch lassen über euch wachsen; und euch mit Haut überziehen,

und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet, und ihr

sollet erfahren, daß ich der Herr sei. Und ich weissagte, wie mir

befohlen war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte

sich, und die Gebeine fügten sich wieder aneinander, ein jegliches an

seinen Ort, und es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er überzog

sie mit Haut; noch aber war kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach

zu mir: Weissage zum Winde, du Menschenkind, und sprich zum Winde: so

spricht der Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden, und blase an

diese Getöteten, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte,

wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden

wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Füße, und ihrer war

ein sehr großes Heer.« Lasset immer die Bestandteile unsres höhern

geistigen Lebens ebenso ausgedorret, und eben darum auch die Bande

unsrer Nationaleinheit ebenso zerrissen, und in wilder Unordnung

durcheinander zerstreut herumliegen, wie die Totengebeine des Sehers;

lasset unter Stürmen, Regengüssen und sengendem Sonnenscheine mehrere

Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben: -- der

belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehört zu wehen. Er

wird auch unsers Nationalkörpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie

aneinanderfügen, daß sie herrlich dastehen in neuem und verklärtem

Leben.

Vierte Rede.

Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und den übrigen

Völkern germanischer Abkunft.

Das in diesen Reden vorgeschlagene Bildungsmittel eines neuen

Menschengeschlechts müsse zu allererst von Deutschen an Deutschen

angewendet werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und

zunächst unsrer Nation zu, ist gesagt worden. Auch dieser Satz

bedarf eines Beweises, und wir werden auch hier, so wie bisher,

anheben von dem höchsten und allgemeinsten, zeigend, was der

Deutsche an und für sich, unabhängig von dem Schicksale, das

ihn dermalen betroffen hat, in seinem Grundzuge sei und von

jeher gewesen sei, seitdem er ist; und darlegend, daß schon in

diesem Grundzuge die Fähigkeit und Empfänglichkeit einer solchen

Bildung, ausschließend vor allen andern europäischen Nationen,

liege.

Der Deutsche ist zuvörderst ein Stamm der Germanier überhaupt,

über welche letztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, daß

sie da waren, die im alten Europa errichtete gesellschaftliche

Ordnung mit der im alten Asien aufbewahrten wahren Religion zu

vereinigen, und so an und aus sich selbst eine neue Zeit, im

Gegensatze des untergegangenen Altertums, zu entwickeln. Ferner

reicht es hin den Deutschen insbesondere nur im Gegensatze mit

den andern neben ihm entstandenen germanischen Völkerstämmen zu

bezeichnen; indem andre neueuropäische Nationen, als z. B. die

von slawischer Abstammung, sich vor dem übrigen Europa noch

nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, daß eine bestimmte

Zeichnung von ihnen möglich sei, andre aber von der gleichen

germanischen Abstammung, von denen der zugleich anzuführende

Hauptunterscheidungsgrund nicht gilt, wie die Skandinavier hier

unbezweifelt für Deutsche genommen werden, und unter allen den

allgemeinen Folgen unsrer Betrachtung mit begriffen sind.

Vor allem voraus aber ist der jetzt insbesondere anzustellenden

Betrachtung folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund

des erfolgten Unterschiedes in dem ursprünglich einen Grundstamme

eine Begebenheit angeben, die bloß als Begebenheit klar und

unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann

einzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unterschiedes aufstellen,

welche als bloße Begebenheiten wohl ebenso einleuchtend dürften

gemacht werden können. Was aber die Verknüpfung der letztern,

als Folgen mit dem ersten, als ihrem Grunde, und die Ableitung

der Folge aus dem Grunde betrifft, kann ich im allgemeinen nicht

auf dieselbe Klarheit und überzeugende Kraft für alle rechnen.

Zwar spreche ich auch in dieser Rücksicht nicht eben ganz neue

und bisher unerhörte Sätze aus, sondern es gibt unter uns viele

einzelne, die für eine solche Ansicht der Sache entweder sehr gut

vorbereitet, oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.

Unter der Mehrheit aber sind über den anzuregenden Gegenstand

Begriffe im Umlaufe, die von den unsrigen sehr abweichen, und

welche zu berichtigen, und alle, von solchen die keinen geübten

Sinn für ein Ganzes haben, aus einzelnen Fällen beizubringenden

Einwürfe zu widerlegen, die Grenze unsrer Zeit und unsres

Planes bei weitem überschreiten würde. Den letztern muß ich

mich begnügen das in dieser Rücksicht zu Sagende, das in meinem

gesamten Denken nicht so einzeln und abgerissen und nicht ohne

Begründung bis in die Tiefe des Wissens dastehen dürfte, wie es

hier sich gibt, nur als Gegenstand ihres weitern Nachdenkens

hinzulegen. Ganz übergehen durfte ich es, noch abgerechnet die

für das Ganze nicht zu erlassende Gründlichkeit, auch schon nicht

in Rücksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im spätern

Verlaufe unsrer Reden ergeben werden, und die ganz eigentlich zu

unserm nächsten Vorhaben gehören.

Der zu allererst und unmittelbar der Betrachtung sich darbietende

Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der übrigen

aus derselben Wurzel erzeugten Stämme ist der, daß die ersten in

den ursprünglichen Wohnsitzen des Stammvolks blieben, die letzten

in andre Sitze auswanderten, die ersten die ursprüngliche Sprache

des Stammvolks behielten und fortbildeten, die letzten eine

fremde Sprache annahmen, und dieselbe allmählich nach ihrer Weise

umgestalteten. Aus dieser frühesten Verschiedenheit müssen erst

die spätern erfolgten, z. B. daß im ursprünglichen Vaterlande,

angemessen germanischer Ursitte, ein Staatenbund unter einem

beschränkten Oberhaupte blieb, in den fremden Ländern mehr auf

bisherige römische Weise die Verfassung in Monarchien überging, und

dergleichen erklärt werden, keineswegs aber in umgekehrter Ordnung.

Von den angegebenen Veränderungen ist nun die erste, die Veränderung

der Heimat, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem

Himmelsstriche einheimisch, und die Volkseigentümlichkeit, weit

entfernt durch den Wohnort sehr verändert zu werden, beherrscht

vielmehr diesen, und verändert ihn nach sich. Auch ist die

Verschiedenheit der Natureinflüsse in dem von Germaniern

bewohnten Himmelsstriche nicht sehr groß. Ebensowenig wolle

man auf den Umstand ein Gewicht legen, daß in den eroberten

Ländern die germanische Abstammung mit den frühern Bewohnern

vermischt worden; denn Sieger und Herrscher und Bildner des aus

der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die

Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande

mit Galliern, Kantabriern usw. geschah, im Mutterlande mit Slawen

wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so daß es keinem der aus

Germaniern entstandenen Völker heutzutage leicht fallen dürfte,

eine größere Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzutun.

Bedeutender aber, und wie ich dafürhalte, einen vollkommenen

Gegensatz zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern

germanischer Abkunft begründend, ist die zweite Veränderung, die

der Sprache; und kommt es dabei, welches ich gleich zu Anfange

bestimmt aussprechen will, weder auf die besondere Beschaffenheit

derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch

auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen

wird, sondern allein darauf, daß dort Eignes behalten, hier

Fremdes angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige

Abstammung derer, die eine ursprüngliche Sprache fortsprechen,

sondern nur darauf, daß diese Sprache ohne Unterbrechung

fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der

Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen.

Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Völkererzeugung

und die bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzügen, die

aus dieser Verschiedenheit notwendig erfolgt, klar zu machen,

soweit es hier möglich und nötig ist, muß ich Sie zu einer

Betrachtung über das Wesen der Sprache überhaupt einladen.

Die Sprache überhaupt, und besonders die Bezeichnung der

Gegenstände in derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge

hängt keineswegs von willkürlichen Beschlüssen und Verabredungen

ab, sondern es gibt zuförderst ein Grundgesetz, nach welchem

jedweder Begriff in den menschlichen Sprachwerkzeugen zu diesem

und keinem andern Laute wird. So wie die Gegenstände sich

in den Sinnenwerkzeugen des einzelnen mit dieser bestimmten

Figur, Farbe usw. abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge

des gesellschaftlichen Menschen, in der Sprache mit diesem

bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern

in ihm redet die menschliche Natur, und verkündigt sich andern

seinesgleichen. Und so müßte man sagen: die Sprache ist eine

einzige und durchaus notwendige.

Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer

Einheit für den Menschen schlechtweg als solchen, niemals und

nirgends hervorgebrochen sein, sondern allenthalben weiter geändert

und gebildet durch die Wirkungen, welche der Himmelsstrich, und

häufigerer oder seltenerer Gebrauch, auf die Sprachwerkzeuge und

die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten Gegenstände

auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hatten. Jedoch findet

auch hierin nicht Willkür oder Ohngefähr, sondern strenges Gesetz

statt; und es ist notwendig, daß in einem durch die erwähnten

Bedingungen also bestimmten Sprachwerkzeuge nicht die eine und reine

Menschensprache, sondern daß eine Abweichung davon, und zwar, daß

gerade diese bestimmte Abweichung davon hervorbreche.

Nenne man die unter denselben äußern Einflüssen auf das

Sprachwerkzeug stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter

Mitteilung ihre Sprache fortbildenden Menschen ein Volk, so muß

man sagen: die Sprache dieses Volks ist notwendig so wie sie ist,

und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntnis aus,

sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus aus demselben.

Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwähnten

Umstände erfolgten Veränderungen bleibt, ununterbrochen diese

Gesetzmäßigkeit; und zwar für alle, die in ununterbrochener

Mitteilung bleiben, und wo das von jedem einzelnen ausgesprochene

Neue an das Gehör aller gelangt, dieselbe eine Gesetzmäßigkeit. Nach

Jahrtausenden, und nach allen den Veränderungen, welche in ihnen die

äußere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es

immer dieselbe eine, ursprünglich also ausbrechen müssende lebendige

Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen

herabgeflossen ist und in jeder so werden mußte, wie sie ward, am

Ende derselben so sein mußte, wie sie jetzt ist, und in einiger Zeit

also sein wird, wie sie sodann müssen wird. Die reinmenschliche

Sprache zusammengenommen zuvörderst mit dem Organe des Volks,

als sein erster Laut ertönte, was hieraus sich ergibt, ferner

zusammengenommen mit allen Entwicklungen, die dieser erste Laut

unter den gegebenen Umständen gewinnen mußte, gibt als letzte Folge

die gegenwärtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache

immer dieselbe Sprache. Lasset immer nach einigen Jahrhunderten die

Nachkommen die damalige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen, weil

für sie die Uebergänge verloren gegangen sind; dennoch gibt es vom

Anbeginn an einen stetigen Uebergang, ohne Sprung, immer unmerklich

in der Gegenwart, und nur durch Hinzufügung neuer Uebergänge

bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein

Zeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehört hätten sich zu

verstehen, indem ihr ewiger Vermittler und Dolmetscher die aus ihnen

allen sprechende gemeinsame Naturkraft immerfort war und blieb. So

verhält es sich mit der Sprache als Bezeichnung der Gegenstände

unmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und dieses ist alle menschliche

Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung des

Uebersinnlichen, so vermag dieses Uebersinnliche zur beliebigen

Wiederholung und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem Sinnlichen

für den ersten einzelnen, und zur Mitteilung und zweckmäßigen

Leitung für andre, zuvörderst nicht anders festgehalten zu werden,

denn also, daß ein Selbst als Werkzeug einer übersinnlichen Welt

bezeichnet, und von demselben Selbst, als Werkzeug der sinnlichen

Welt, genau unterschieden werde -- eine Seele, Gemüt und dergleichen

einem körperlichen Leib entgegengesetzt werde. Ferner könnten

die verschiedenen Gegenstände dieser übersinnlichen Welt, da sie

insgesamt nur in jenem übersinnlichen Werkzeuge erscheinen und für

dasselbe da sind, in der Sprache nur dadurch bezeichnet werden, daß

gesagt werde, ihr besonderes Verhältnis zu ihrem Werkzeuge sei also

wie das Verhältnis der und der bestimmten sinnlichen Gegenstände zum

sinnlichen Werkzeuge, und das in diesem Verhältnis ein besonderes

Uebersinnliches einem besondern Sinnlichen gleichgesetzt, und durch

diese Gleichsetzung sein Ort im übersinnlichen Werkzeuge durch die

Sprache angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die

Sprache nichts; sie gibt ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen

bloß mit der Bemerkung, daß es ein solches Bild sei; wer zur Sache

selbst kommen will, muß nach der durch das Bild ihm angegebenen

Regel sein eignes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. -- Im

allgemeinen erhellet, daß diese sinnbildliche Bezeichnung des

Uebersinnlichen jedesmal nach der Stufe der Entwicklung des

sinnlichen Erkenntnisvermögens unter dem gegebenen Volke sich richten

müsse; daß daher der Anfang und Fortgang dieser sinnbildlichen

Bezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr verschieden ausfallen

werde, nach der Verschiedenheit des Verhältnisses, das zwischen der

sinnlichen und geistigen Ausbildung des Volkes, das eine Sprache

redet, stattgefunden und fortwährend stattfindet.

Wir beleben zuvörderst diese in sich klare Bemerkung durch ein

Beispiel. Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklärten

Erfassung des Grundtriebes nicht erst durch das dunkle Gefühl,

sondern sogleich durch klare Erkenntnis entsteht, dergleichen

jedesmal ein übersinnlicher Gegenstand ist, heißt mit einem

griechischen, auch in der deutschen Sprache häufig gebrauchten

Worte, eine Idee, und dieses Wort gibt genau dasselbe Sinnbild,

was in der deutschen das Wort Gesicht, wie dieses in folgenden

Wendungen der lutherschen Bibelübersetzung: ihr werdet Gesichte

sehen, ihr werdet Träume haben, vorkommt. Idee oder Gesicht

in sinnlicher Bedeutung wäre etwas, das nur durch das Auge

des Leibes, keineswegs aber durch einen andern Sinn, etwa

der Betastung, des Gehörs usw. erfaßt werden könnte, so wie

etwa ein Regenbogen, oder die Gestalten, welche im Traume vor

uns vorübergehen. Dasselbe in übersinnlicher Bedeutung hieße

zuvörderst, zufolge des Umkreises, in dem das Wort gelten

soll, etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch

den Geist erfaßt wird, sodann, das auch nicht durch das dunkle

Gefühl des Geistes, wie manches andre, sondern allein durch

das Auge desselben, die klare Erkenntnis, erfaßt werden kann.

Wollte man nun etwa ferner annehmen, daß den Griechen bei dieser

sinnbildlichen Bezeichnung allerdings der Regenbogen und die

Erscheinungen der Art zum Grunde gelegen, so müßte man gestehen,

daß ihre sinnliche Erkenntnis schon vorher sich zur Bemerkung des

Unterschiedes zwischen den Dingen, daß einige sich allen oder

mehreren Sinnen, einige sich bloß dem Auge offenbaren, erhoben

haben müsse, und daß außerdem sie den entwickelten Begriff,

wenn er ihnen klar geworden wäre, nicht also, sondern anders

hätten bezeichnen müssen. Es würde sodann auch ihr Vorzug in

geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem andern Volke, das

den Unterschied zwischen Sinnlichem und Uebersinnlichem nicht

durch ein aus dem besonnenen Zustande des Wachens hergenommenes

Sinnbild habe bezeichnen können, sondern zum Traume seine

Zuflucht genommen, um ein Bild für eine andre Welt zu finden;

zugleich würde einleuchten, daß dieser Unterschied nicht

etwa durch die größere oder geringere Stärke des Sinns fürs

Uebersinnliche in den beiden Völkern, sondern daß er lediglich

durch die Verschiedenheit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als

sie Uebersinnliches bezeichnen wollten, begründet sei.

Reden an die deutsche Nation · 第 4 / 21 段