Das eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen

Erziehung, inwiefern dieselbe in der vorigen Rede beschrieben

worden, bestand darin, daß sie die besonnene und sichere Kunst

sei, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden. Zu reiner

Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet,

steht als ein Erstes, Unabhängiges und Selbständiges da, das

aus sich selber lebet sein eignes Leben: keineswegs aber, so

wie die bisher oft beabsichtigte Gesetzmäßigkeit, angeknüpft

ist und eingeimpft einem andern nicht sittlichen Triebe, dessen

Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst

dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht

planlos und auf gutes Glück, sondern nach einer festen und ihr

wohlbekannten Regel einher, und ist ihres Erfolges gewiß. Ihr

Zögling geht zu rechter Zeit als ein festes und unwandelbares

Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders

gehen könne, denn also, wie es durch sie gestellt worden, und das

nicht etwa einer Nachhilfe bedürfe, sondern das durch sich selbst

nach seinem eignen Gesetze fortgeht.

Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zöglings; und

diese geistige Bildung ist sogar ihr Erstes, mit welchem sie ihr

Geschäft anhebt. Doch ist diese geistige Entwicklung nicht erster

und selbständiger Zweck, sondern nur das bedingende Mittel, um

sittliche Bildung an den Zögling zu bringen. Inzwischen bleibt

auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus

dem Leben des Zöglings unaustilgbarer Besitz, und die ewig

fortbrennende Leuchte seiner sittlichen Liebe. Wie groß auch,

oder wie geringfügig die Summe der Erkenntnisse sein möge, die

er aus der Erziehung mitgebracht; einen Geist, der sein ganzes

Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntnis ihm notwendig

wird, zu fassen vermag, und welcher ebenso der Belehrung durch

andre empfänglich, als des eignen Nachdenkens fähig ohne Unterlaß

bleibt, hat er von derselben sicherlich mit davon gebracht.

So weit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in

der vorigen Rede gekommen. Wir bemerkten am Schlusse derselben,

daß durch dieses alles sie dennoch noch nicht vollendet sei,

sondern noch eine andre, von den bis jetzt aufgestellten

verschiedene Aufgabe zu lösen habe; und wir gehen jetzt an das

Geschäft, diese Aufgabe näher zu bezeichnen.

Der Zögling dieser Erziehung ist ja nicht bloß Mitglied der

menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Erde und für die kurze

Spanne Lebens, die ihm auf derselben vergönnt ist, sondern er

ist auch, und wird ohne Zweifel von der Erziehung anerkannt für

ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens überhaupt,

unter einer höhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel muß

auch zur Einsicht in diese höhere Ordnung eine Bildung, die sein

ganzes Wesen zu umfassen sich vorgenommen hat, ihn anführen, und

so wie sie ihn leitete, ein Bild jener sittlichen Weltordnung,

die da niemals ist, sondern ewig werden soll, durch eigne

Selbsttätigkeit sich vorzuzeichnen, ebenso muß sie ihn leiten,

ein Bild jener übersinnlichen Weltordnung, in der nichts wird,

und die auch niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist,

in dem Gedanken zu entwerfen, mit gleicher Selbsttätigkeit und

also, daß er innigst verstehe und einsehe, daß es nicht anders

sein könne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen eines

solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, daß

nichts wahrhaftig da sei, außer das Leben, und zwar das geistige

Leben, das da lebet in dem Gedanken; und daß alles übrige

nicht wahrhaftig da sei, sondern nur dazusein scheine, welches

Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls,

sei es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner

einsehen, daß jenes allein wahrhaft daseiende geistige Leben,

in den mannigfaltigen Gestaltungen, die es nicht durch ein

Ohngefähr, sondern durch ein in Gott selber gegründetes Gesetz

erhielt, wiederum eins sei, das göttliche Leben selber, welches

göttliche Leben allein in dem lebendigen Gedanken da ist und

sich offenbarmacht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied

in der Kette der Offenbarung des göttlichen Lebens und jedwedes

andre geistige Leben, als eben ein solches Glied erkennen und

heilig halten lernen; und nur in der unmittelbaren Berührung mit

Gott und dem nicht vermittelten Ausströmen seines Lebens aus

jenem Leben, Licht und Seligkeit; in jeder Entfernung aber aus

der Unmittelbarkeit Tod, Finsternis und Elend finden. Mit einem

Worte: diese Entwicklung wird ihn zur Religion bilden; und diese

Religion des Einwohnens unsers Lebens in Gott soll allerdings

auch in der neuen Zeit herrschen und in derselben sorgfältig

gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die

das geistige Leben von dem göttlichen abtrennte, und dem erstern

nur vermittelst eines Abfalls von dem zweiten das absolute Dasein

zu verschaffen wußte, das sie ihm zugedacht hatte, und welche

Gott als Faden brauchte, um die Selbstsucht noch über den Tod

des sterblichen Leibes hinaus in andre Welten einzuführen, und

durch Furcht und Hoffnung in diesen die für die gegenwärtige Welt

schwach gebliebene, zu verstärken -- diese Religion, die offenbar

eine Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten

Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit

bricht die Ewigkeit nicht erst jenseit des Grabes an, sondern sie

kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein, die Selbstsucht ist

aber sowohl des Regiments, als des Dienstes entlassen, und zieht

demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab.

Die Erziehung zur wahren Religion ist somit das letzte Geschäft der

neuen Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hierzu erforderlichen

Bildes der übersinnlichen Weltordnung der Zögling wahrhaft

selbsttätig verfahren sei; und ob das entworfene Bild allenthalben

richtig und durchaus klar und verständlich sei, wird die Erziehung

leicht, auf dieselbe Weise wie bei den übrigen Gegenständen der

Erkenntnis, beurteilen können; denn auch dies bleibt auf dem

Gebiete der Erkenntnis.

Bedeutender aber ist auch hier die Frage, wie die Erziehung

ermessen, und sich die Gewährschaft leisten könne, daß diese

Religionskenntnisse nicht tot und kalt bleiben, sondern daß sie

sich ausdrücken werden im wirklichen Leben ihres Zöglings; welcher

Frage die Beantwortung einer andern Frage vorauszuschicken ist, der

folgenden: wie und auf welche Weise zeigt sich die Religion überhaupt

im Leben?

Unmittelbar, im gewöhnlichen Leben und in einer wohlgeordneten

Gesellschaft, bedarf es der Religion durchaus nicht, um das

Leben zu bilden, sondern es reicht für diese Zwecke die wahre

Sittlichkeit vollkommen hin. In dieser Rücksicht ist also die

Religion nicht praktisch und kann und soll gar nicht praktisch

werden, sondern sie ist lediglich Erkenntnis: sie macht bloß

den Menschen sich selber vollkommen klar und verständlich,

beantwortet die höchste Frage, die er aufwerfen kann, löset ihm

den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommene Einigkeit

mit sich selbst, und durchgeführte Klarheit in seinen Verstand.

Sie ist seine vollständige Erlösung und Befreiung von allem

fremden Bande; und so ist sie ihm denn die Erziehung, als etwas,

das ihm schlechtweg und ohne weitern Zweck gebührt, schuldig.

Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhält die Religion

nur entweder in einer höchst unsittlichen und verdorbenen

Gesellschaft, oder wenn die Wirkungssphäre des Menschen nicht

innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern über dieselbe

hinaus liegt, und dieselbe vielmehr immerfort neu zu erschaffen

und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen

Fällen ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen

führen könnte. Von dem letztern Falle ist in einer auf alle

und auf die ganze Nation berechneten Erziehung nicht die Rede.

Wo in der ersten Rücksicht bei klarer Einsicht des Verstandes

in die Unverbesserlichkeit des Zeitalters dennoch unablässig

fortgearbeitet wird an demselben; wo mutig der Schweiß des Säens

erduldet wird, ohne einige Aussicht auf eine Ernte; wo wohlgetan

wird auch den Undankbaren, und gesegnet werden mit Taten und

Gütern diejenigen, die da fluchen, und in der klaren Vorhersicht,

daß sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfältigem

Mißlingen dennoch ausgeharrt wird im Glauben und in der Liebe: da

ist es nicht die bloße Sittlichkeit, die da treibt, denn diese

will einen Zweck, sondern es ist die Religion, die Ergebung in

ein höheres und unbekanntes Gesetz, das demütige Verstummen vor

Gott, die innige Liebe zu seinem in uns ausgebrochenen Leben,

welches allein und um sein selbst willen gerettet werden soll, wo

das Auge nichts anders zu retten sieht.

Auf diese Weise kann die erlangte Religionseinsicht der Zöglinge

der neuen Erziehung in ihrem kleinen Gemeinwesen, in dem sie

zunächst aufwachsen, nicht praktisch werden, noch soll sie es

auch. Dieses Gemeinwesen ist wohlgeordnet, und in ihm gelingt das

geschickt Unternommene immer; auch soll das noch zarte Alter des

Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit und im ruhigen

Glauben an sein Geschlecht. Die Erkenntnis seiner Tücken bleibe

vorbehalten der eignen Erfahrung des gereiften und befestigten

Alters.

Nur in diesem gereifteren Alter sonach und in dem ernstlich

gemeinten Leben, nachdem die Erziehung längst ihn sich selber

überlassen hat, könnte der Zögling derselben, falls seine

gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Einfachheit zu höhern

Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntnis, als eines

Antriebes bedürfen. Wie soll nun die Erziehung, welche über

diesen Punkt den Zögling, solange er unter ihren Händen ist,

nicht prüfen kann, dennoch sicher sein können, daß, wenn nur

dieses Bedürfnis eintreten werde, auch dieser Antrieb unfehlbar

wirken werde? Ich antworte: dadurch, daß ihr Zögling überhaupt

so gebildet ist, daß keine Erkenntnis, die er hat, in ihm tot

und kalt bleibt, wenn die Möglichkeit eintritt, daß sie ein

Leben bekomme, sondern jedwede notwendig sogleich eingreift in

das Leben, sowie das Leben derselben bedarf. Ich werde diese

Behauptung sogleich noch tiefer begründen, und dadurch den ganzen

in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben und

einfügen in ein größeres Ganzes der Erkenntnis, welchem größeren

Ganzen selber ich aus diesem Begriffe ein neues Licht und eine

höhere Klarheit geben werde, nachdem ich nur vorher das wahre

Wesen der neuen Erziehung, deren allgemeine Beschreibung ich

soeben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben haben.

Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange

unsrer heutigen Rede, bloß als die Kunst den Zögling zu reiner

Sittlichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein als

die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und vollständig zum

Menschen zu bilden. Hierzu gehören zwei Hauptstücke, zuerst in

Absicht der Form, daß der wirkliche lebendige Mensch, bis in die

Wurzel seines Lebens hinein, keineswegs aber der bloße Schatten

und Schemen eines Menschen gebildet werde, sodann in Absicht des

Inhalts, daß alle notwendigen Bestandteile des Menschen ohne

Ausnahme und gleichmäßig ausgebildet werden. Diese Bestandteile

sind Verstand und Wille, und die Erziehung hat zu beabsichtigen

die Klarheit des ersten, und die Reinheit des zweiten. Zur

Klarheit des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst

was es sei, das der reine Wille eigentlich wolle, und durch

welche Mittel dieses Gewollte zu erreichen sei, durch welches

Hauptstück die übrigen dem Zöglinge beizubringenden Erkenntnisse

befaßt werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde

und Wesen selber sei, wodurch die Religionserkenntnis befaßt

wird. Die genannten Stücke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins

Leben, fordert die Erziehung schlechtweg, und gedenkt keinem das

mindeste davon zu erlassen, denn jeder soll eben ein Mensch sein;

was jemand nun noch weiter werde, und welche besondere Gestalt

die allgemeine Menschheit in ihm annehme oder erhalte, geht

die allgemeine Erziehung nichts an, und liegt außerhalb ihres

Kreises. -- Ich gehe jetzt fort zu der versprochenen tieferen

Begründung des Satzes, daß im Zöglinge der neuen Erziehung gar

keine Erkenntnis tot bleiben könne, und zu dem Zusammenhange, in

den ich alles Gesagte erheben will, vermittelst folgender Sätze.

1. Es gibt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und

völlig entgegengesetzte Klassen unter den Menschen in Absicht

ihrer Bildung. Gleich zuvörderst ist alles, was Mensch ist,

und so auch diese beiden Klassen darin, daß den mannigfaltigen

Aeußerungen ihres Lebens ein Trieb zugrunde liegt, der in allem

Wechsel unverändert beharret, und sich selbst gleich bleibt.

-- Im Vorbeigehen: das Sichverstehen dieses Triebes und die

Uebersetzung desselben in Begriffe erzeugt die Welt, und es

gibt keine andre Welt, als diese auf diese Weise in dem, jedoch

keineswegs freien, sondern notwendigen Gedanken sich erzeugende

Welt. Dieser, immer in ein Bewußtsein zu übersetzende Trieb,

worin somit abermals die beiden Klassen einander gleich sind,

kann nun auf eine doppelte Weise, nach den zwei verschiedenen

Grundarten des Bewußtseins, in dasselbe übersetzt werden, und in

dieser Weise der Uebersetzung und des sich Selbstverstehens sind

die beiden Klassen verschieden.

Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart

des Bewußtseins ist die des dunklen Gefühls. Mit diesem Gefühle

wird am gewöhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfaßt

als Liebe des einzelnen zu sich selbst, und zwar gibt das dunkle

Gefühl dieses Selbst zunächst nur als ein solches, das da leben

will und wohl sein. Hieraus entsteht die sinnliche Selbstsucht,

als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines solchen,

in dieser Uebersetzung seines ursprünglichen Grundtriebes

befangenen Lebens. Solange der Mensch fortfährt, also sich zu

verstehen, solange muß er selbstsüchtig handeln, und kann nicht

anders; und diese Selbstsucht ist das einzig beharrende, sich

gleichbleibende und sicher zu erwartende in dem unaufhörlichen

Wandel seines Lebens. Als außergewöhnliche Ausnahme von der

Regel kann dieses dunkle Gefühl auch das persönliche Selbst

überspringen und den Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen

nach einer dunkel gefühlten andern Ordnung der Dinge. Hieraus

entspringt das, an andern Orten von uns sattsam beschriebene

Leben, das da, erhaben über die Selbstsucht, durch Ideen, die

zwar dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in

welchem die Vernunft als Instinkt waltet. Dieses Erfassen

des Grundtriebes, überhaupt nur im dunklen Gefühle, ist der

Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch

Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche

Klasse wiederum zwei Unterarten in sich faßt, die durch einen

unbegreiflichen, der menschlichen Kunst durchaus unzugänglichen

Grund geschieden werden.

Die zweite Grundart des Bewußtseins, welche in der Regel sich

nicht von selbst entwickelt, sondern in der Gesellschaft

sorgfältig gepflegt werden muß, ist die klare Erkenntnis. Würde

der Grundtrieb der Menschheit in diesem Elemente erfaßt, so würde

dies eine zweite, von der ersten ganz verschiedene Klasse von

Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende

Erkenntnis läßt nun nicht, wie eine andre Erkenntnis dies wohl

kann, kalt und unteilnehmend, sondern der Gegenstand derselben

wird geliebt über alles, da dieser Gegenstand ja nur die Deutung

und Uebersetzung unsrer ursprünglichen Liebe selbst ist. Andre

Erkenntnis erfaßt Fremdes, und dieses bleibt fremd, und läßt

kalt; diese erfaßt den Erkennenden selbst und seine Liebe, und

diese liebt er. Unerachtet es nun bei beiden Klassen dieselbe

ursprüngliche nur in andrer Gestalt erscheinende Liebe ist, die

sie treibt, so kann man dennoch, von jenem Umstande absehend,

sagen, daß dort der Mensch durch dunkle Gefühle, hier durch klare

Erkenntnis getrieben werde.

Daß nun eine solche klare Erkenntnis unmittelbar antreibend werde

im Leben, und man hierauf sicher zählen könne, hängt, wie gesagt,

davon ab, daß es die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sei,

die durch dieselbe gedeutet werde; auch daß ihm unmittelbar

klar werde, daß es also sei, und mit der Deutung zugleich das

Gefühl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden werde;

daß daher niemals die Erkenntnis in ihm entwickelt werde, ohne

daß zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesetzten

Falle er kalt bleiben würde, und niemals die Liebe, ohne daß die

Erkenntnis zugleich es werde, indem im Gegenteile sein Antrieb

ein dunkles Gefühl werden würde; daß daher mit jedem Schritte

seiner Bildung der ganze vereinigte Mensch gebildet werde. Ein

von der Erziehung also als ein unteilbares Ganzes immerfort

behandelter Mensch wird es auch fernerhin bleiben, und jede

Erkenntnis wird ihm notwendig Lebensantrieb werden.

2. Indem auf diese Weise statt des dunkeln Gefühls die klare

Erkenntnis zu dem allerersten, und zu der wahren Grundlage und

Ausgangspunkte des Lebens gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz

übergangen, und um ihre Entwicklung betrogen. Denn nur das dunkle

Gefühl gibt dem Menschen sein Selbst als ein genußbedürftiges und

schmerzscheuendes; keineswegs aber gibt es ihm also der klare

Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen

Ordnung, und es gibt eine Liebe zu dieser Ordnung, welche bei der

Entwicklung des Begriffs zugleich mit angezündet und entwickelt

wird. Mit der Selbstsucht bekommt diese Erziehung gar nichts zu

tun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefühl, durch

Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, ebensowenig als sie

dieselbe entwickelt, sie weiß gar nicht von ihr. Wäre es möglich,

daß diese Sucht später dennoch sich regen sollte, so würde sie

das Herz schon angefüllt finden von einer höhern Liebe, die ihr

den Platz versagt.

3. Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare

Erkenntnis übersetzt wird, geht nicht auf eine schon gegebene

und vorhandene Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann,

wie sie eben ist, und in der eine zu ursprünglich schöpferischer

Tätigkeit treibende Liebe keinen Wirkungskreis für sich fände;

sondern er geht, zur Erkenntnis gesteigert auf eine Welt, die

da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig

ist, und ewig fort zukünftig bleibt. Das aller Erscheinung

zugrunde liegende göttliche Leben tritt darum niemals ein als ein

bestehendes und gegebenes Sein, sondern als etwas, das da werden

soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden

ist, wird es abermals eintreten als ein werden sollendes in alle

Ewigkeit, daß daher jenes göttliche Leben niemals eintritt in

den Tod des stehenden Seins, sondern immerfort bleibt in der

Form des fortfließenden Lebens. Die unmittelbare Erscheinung und

Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe

durch die Erkenntnis setzt ein Sein, und zwar ein solches, das

ewig fort nur werden soll, und dieses, als die einzige wahre

Welt, inwiefern an einer Welt überhaupt Wahrheit ist. Dagegen

ist die zweite gegebene und von uns als vorhanden vorgefundene

Welt nur der Schatten und Schemen, aus welchem die Erkenntnis

ihrer Deutung der Liebe eine feste Gestalt und einen sichtbaren

Leib erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung

der Anschaulichkeit der für sich selbst unsichtbaren höhern

Welt. Nicht einmal in diese letztere höhere Welt tritt Gott

unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die eine,

reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe

allein er unmittelbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu

die anschauende Erkenntnis, welche aus sich selber ein Bild

mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren Gegenstand der

Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und

darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben

also widersprochen wird; wodurch allein nun die Liebe, welche

rein für sich eins ist, des Fortfließens, der Unendlichkeit und

der Ewigkeit durchaus unfähig, in dieser Verschmelzung mit der

Anschauung auch ein Ewiges und Unendliches wird so wie diese.

Das soeben erwähnte aus der Erkenntnis selbst hergegebene Bild

-- für sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich

erkannte Liebe dasselbe genommen -- ist die stehende und gegebene

Welt, oder die Natur. Der Wahn, daß in diese Natur Gottes Wesen

auf irgendeine Weise unmittelbar, und anders, als durch die

angegebenen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus

Finsternis im Geiste und aus Unheiligkeit im Willen.

4. Daß nun das dunkle Gefühl, als Auflösungsmittel der Liebe

in der Regel ganz übersprungen und an die Stelle desselben die

klare Erkenntnis als das gewöhnliche Auflösungsmittel gesetzt

werde, kann, wie schon erinnert, nur durch eine besonnene Kunst

der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht

also geschehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben,

auf die letzte Weise eine von den bisherigen gewöhnlichen

Menschen durchaus verschiedene Menschenart eingeführt und als

die Regel gesetzt wird, so würde durch eine solche Erziehung

allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge, und eine neue

Schöpfung beginnen. Zu dieser neuen Gestalt würde nun die

Menschheit sich selber durch sich selbst, eben indem sie als

gegenwärtiges Geschlecht sich selbst als zukünftiges Geschlecht

erzieht, erschaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann,

durch die Erkenntnis, als das einzige gemeinschaftliche und

frei mitzuteilende, und das wahre, die Geisterwelt zur Einheit

verbindende Licht und Luft dieser Welt. Bisher wurde die

Menschheit, was sie eben wurde und werden konnte; mit diesem

Werden durch das Ohngefähr ist es vorbei; denn da, wo sie am

allerweitesten sich entwickelt hat, ist sie zu Nichts geworden.

Soll sie nicht bleiben in diesem Nichts, so muß sie von nun an

zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich selbst machen.

Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf

der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese

sind, daß es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich

ursprünglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im allgemeinen

mit Besonnenheit und nach einer Regel, muß nun irgendwo und

irgendwann im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein

zweiter Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwicklung des

Menschengeschlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer

nicht freien Entwicklung treten würde. Wir sind der Meinung, daß,

in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sei, und daß dermalen

das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Erde

zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in Absicht des Raums

aber glauben wir, daß zu allernächst den Deutschen es anzumuten

sei, die neue Zeit, vorangehend und vorbildend für die übrigen,

zu beginnen.

5. Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schöpfung nicht durch

einen Sprung erfolgen aus dem Vorhergehenden, sondern sie ist

die wahre natürliche Fortsetzung und Folge der bisherigen Zeit,

ganz besonders unter den Deutschen. Sichtbar, und wie ich glaube,

allgemein zugestanden, ging ja alles Regen und Streben der Zeit

darauf, die dunklen Gefühle zu verbannen und allein der Klarheit

und der Erkenntnis die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben

ist auch insofern vollkommen gelungen, daß das bisherige Nichts

vollkommen enthüllt ist. Keineswegs soll nun dieser Trieb nach

Klarheit ausgerottet, oder das dumpfe Beruhen beim dunkeln Gefühle

wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch weiter entwickelt

und in höhere Kreise eingeführt werden, also, daß nach der Enthüllung

des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende

Wahrheit, ebenfalls offenbar werde. Die aus dem dunklen Gefühle

stammende Welt des gegebenen und sich durch sich selbst machenden

Seins ist versunken, und sie soll versunken bleiben; dagegen soll

die aus der ursprünglichen Klarheit stammende Welt des ewig fort aus

dem Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen und anbrechen in ihrem

ganzen Glanze.

Reden an die deutsche Nation · 第 3 / 21 段