Wirklichkeit seien, sondern die da fähig sind, Vorbilder
derselben zu werden, selbsttätig zu entwerfen, wäre das erste,
wovon die Bildung des Geschlechts durch die neue Erziehung
ausgehen müßte. Selbsttätig zu entwerfen, habe ich gesagt,
und also, daß der Zögling durch eigne Kraft sie sich erzeuge,
keineswegs etwa, daß er nur fähig werde, das durch die Erziehung
ihm hingegebene Bild, leidend aufzufassen, es hinlänglich zu
verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen,
als ob es nur um das Vorhandensein eines solchen Bildes zu tun
wäre. Der Grund dieser Forderung der eignen Selbsttätigkeit in
diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das
entworfene Bild das tätige Wohlgefallen des Zöglings an sich
ziehen. Es ist nämlich ganz etwas andres, sich etwas nur gefallen
zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes
Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben
entstehen kann; wiederum aber etwas andres, von dem Wohlgefallen
an etwas also ergriffen werden, daß dasselbe schöpferisch werde,
und alle unsre Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in
allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen
wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen
aber wird allein dadurch angezündet, daß die Selbsttätigkeit des
Zöglings zugleich angereizt, und an dem gegebenen Gegenstande
ihm offenbar werde, und so dieser Gegenstand nicht bloß für
sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand der geistigen
Kraftäußerung gefalle, welche letztere unmittelbar, notwendig,
und ohne alle Ausnahme wohlgefällt.
Diese im Zöglinge zu entwickelnde Tätigkeit des geistigen
Bildens ist ohne Zweifel eine Tätigkeit nach Regeln, welche
Regeln dem Tätigen kundwerden, bis zur Einsicht ihrer einzigen
Möglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also,
diese Tätigkeit bringt hervor Erkenntnis, und zwar allgemeiner
und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem
Punkte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist unmöglich, was
gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine Tat, bis
das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung
anfangs von blinden Versuchen ausginge, so müßte sie doch enden
mit erweiterter Erkenntnis des Gesetzes. Diese Bildung ist
daher in ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnisvermögens
des Zöglings, und zwar keineswegs die historische an den
stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die höhere und
philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende
Beschaffenheit der Dinge notwendig wird. Der Zögling lernt.
Ich setze hinzu: der Zögling lernt gern und mit Lust, und er
mag, solange die Spannung der Kraft vorhält, gar nichts lieber
tun, denn lernen, denn er ist selbsttätig, indem er lernt,
und dazu hat er unmittelbar die allerhöchste Lust. Wir haben
hieran ein äußeres, teils unmittelbar ins Auge fallendes, teils
untrügliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies,
daß ohne alle Rücksicht auf die Verschiedenheit der natürlichen
Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zögling, an den diese
Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und
aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das
Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzünden, dies,
die unmittelbare Selbsttätigkeit des Zöglings anzuregen, und
diese zur Grundlage aller Erkenntnis zu machen, also, daß an ihr
gelernt werde, was gelernt wird.
Diese eigne Tätigkeit des Zöglings in irgendeinem uns bekannten
Punkte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst.
Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die
angeregte von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu
erhalten, welches allein durch regelmäßiges Fortschreiten möglich
ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch
Mißlingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch
das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich
angeknüpft wird an die angegebene Wirkungsweise, das ewige und
ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des
Menschen, daß er geistige Tätigkeit unmittelbar anstrebe.
Sollte jemand, durch die gewöhnliche Erfahrung unsrer Tage
irregeleitet, sogar gegen das Vorhandensein eines solchen
Grundgesetzes Zweifel hegen, so merken wir für einen solchen zum
Ueberflusse an, daß der Mensch von Natur allerdings bloß sinnlich
und selbstsüchtig ist, solange die unmittelbare Not und das
gegenwärtige sinnliche Bedürfnis ihn treibt, und daß er durch
kein geistiges Bedürfnis, oder irgendeine schonende Rücksicht
sich abhalten läßt, dieses zu befriedigen; daß er aber, nachdem
nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte
Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten, und es sich
gegenwärtig zu erhalten, sondern daß er es weit mehr liebt,
den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen,
was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja daß
er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht
verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für
das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum
zur Entwicklung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die
Geschichte aller alten Völker, und die mancherlei Beobachtungen
und Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird
bewiesen bis auf unsre Tage durch die Beobachtung der noch
übrigen wilden Völker, falls nämlich sie von ihrem Klima nur
nicht gar zu stiefmütterlich behandelt werden, und durch die
unsrer eignen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimütige
Geständnis unsrer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, daß
es ein weit verdrießlicheres Geschäft sei, Namen und Jahreszahlen
zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere
Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber
das zweite täten, wenn sie sich's erlauben dürften, denn das
erste. Daß an die Stelle dieses naturgemäßen Leichtsinns der
schwere Sinn trete, wo auch dem Gesättigten der künftige Hunger,
und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers,
als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn
immerfort stacheln und treiben, wird in unserm Zeitalter durch
Kunst bewirkt, beim Knaben durch Züchtigung seines natürlichen
Leichtsinns, beim Manne durch das Bestreben für einen klugen Mann
zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zuteil wird, der jenen
Gesichtspunkt keinen Augenblick aus den Augen läßt; es ist daher
dies keineswegs Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein
der widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das
da wegfällt, sowie nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.
Diese unmittelbar die geistige Selbsttätigkeit des Zöglings
anregende Erziehung erzeugt Erkenntnis, sagten wir oben; und
dies gibt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit
der bisherigen, noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nämlich,
und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung
regelmäßig fortschreitender Geistestätigkeit. Die Erkenntnis
ergibt sich, wie wir schon oben gesehen haben, nur nebenbei, und
als nicht außenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese
Erkenntnis ist, in welcher allein das Bild für das wirkliche
Leben, das die künftige ernstliche Tätigkeit unsers zum Manne
gewordenen Zöglings anregen soll, erfaßt werden kann; die
Erkenntnis daher allerdings ein wesentlicher Bestandteil der zu
erlangenden Bildung ist, so kann man dennoch nicht sagen, daß
die neue Erziehung diese Erkenntnis unmittelbar beabsichtige,
sondern die Erkenntnis fällt derselben nur zu. Im Gegenteile
beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntnis,
und ein gewisses Maß eines Erkenntnisstoffes. Ferner ist ein
großer Unterschied zwischen der Art der Erkenntnis, welche der
neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die
bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntnis
der die Möglichkeit aller geistigen Tätigkeit bedingenden
Gesetze dieser Tätigkeit. Zum Beispiel wenn der Zögling in
freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen
versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Tätigkeit
desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, daß er mit
weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so
ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntnis einer
zweiten ganz andern Tätigkeit des, das zuerst angeregte freie
Vermögen beschränkenden Erkenntnisvermögens. Dieser Erziehung
entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft über
alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng notwendige und
allgemeine Erkenntnis, die alle nachher mögliche Erfahrung
schon im voraus unter sich befaßt. Dagegen ging der bisherige
Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten
der Dinge, wie sie eben, ohne daß man dafür einen Grund angeben
könne, seien, und geglaubt, und gemerkt werden müßten; also auf
ein bloß leitendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der
Dinge stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt
gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbständigen und
uranfänglichen Prinzips der Dinge selber kommen konnte. Es
vermeine die neuere Pädagogik ja nicht durch die Berufung auf
ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen,
und auf ihre bekannten Meisterstücke in sokratischer Manier,
gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie
schon längst wo anders den gründlichen Bescheid erhalten, daß
diese sokratischen Räsonnements gleichfalls nur mechanisch
auswendig gelernt werden, und daß dies ein um so gefährlicheres
Auswendiglernen ist, da es dem Zöglinge, der nicht denkt, dennoch
den Schein gibt, daß er denken könne; daß dies bei dem Stoffe,
den sie zur Entwicklung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht
anders erfolgen konnte, und daß man für diesen Zweck mit einem
ganz andern Stoffe anheben müsse. Aus dieser Beschaffenheit des
bisherigen Unterrichts erhellet, teils warum in der Regel der
Zögling bisher ungern, und darum langsam und spärlich lernte,
und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber, fremdartige
Antriebe untergelegt werden mußten, teils geht daraus hervor der
Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedächtnis,
wenn es allein, und ohne irgendeinem andern geistigen Zwecke
dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein
Leiden des Gemüts, als eine Tätigkeit desselben, und es läßt
sich einsehen, daß der Zögling dieses Leiden höchst ungern
übernehmen werde. Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden,
und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden Dingen, und
mit ihren Eigenschaften, ein schlechter Ersatz für jenes ihm
zugefügte Leiden; deswegen mußte seine Abneigung durch die
Vertröstung auf die künftige Nützlichkeit dieser Erkenntnisse,
und daß man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden könne,
und sogar durch unmittelbar gegenwärtige Strafe und Belohnung
überwunden werden; -- daß somit die Erkenntnis gleich von
vornherein als Dienerin des sinnlichen Wohlseins aufgestellt
wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben
als bloß unkräftig für Entwicklung einer sittlichen Denkart
aufgestellt wurde, um nur an den Zögling zu gelangen, das
moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln,
und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen
mußte. Man wird ferner finden, daß das natürliche Talent, welches
als Ausnahme von der Regel, in der Schule dieser bisherigen
Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in ihm
waltende höhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung
überwand, und seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natürlichen
Hang, jenen Gegenständen ein praktisches Interesse abgewann,
und daß es, von seinem glücklichen Instinkte geleitet, vielmehr
darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst hervorzubringen,
denn darauf, sie bloß aufzufassen; sodann, daß in Absicht der
Lehrgegenstände, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser
Erziehung noch am allgemeinsten und glücklichsten gelang, dieses
insgesamt solche sind, die sie tätig ausüben ließ, so wie zum
Beispiel diejenige gelehrte Sprache, in der bis aufs Schreiben
und Reden derselben ausgegangen wurde, beinahe allgemein
ziemlich gut, dagegen diejenige andre, in der die Schreib- und
Redeübungen vernachlässigt wurden, in der Regel sehr schlecht
und oberflächlich gelernt, und in reiferen Jahren vergessen
worden. Daß daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht,
daß es allein die Entwicklung der geistigen Tätigkeit durch
den Unterricht sei, die da Lust an der Erkenntnis, rein als
solcher, hervorbringe, und so auch das Gemüt der sittlichen
Bildung offen erhalte, dagegen das bloß leidende Empfangen ebenso
die Erkenntnis lähme und töte, wie es ihr Bedürfnis sei, den
sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu verderben.
Um wieder zurückzukehren zum Zöglinge der neuen Erziehung: es ist
klar, daß derselbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und da er
alles in seinem Zusammenhange faßt, und das Gefaßte unmittelbar
durch ein Tun übt, dieses viele richtig und unvergeßlich lernen
werde. Doch ist dieses nur Nebensache. Bedeutender ist, daß durch
diese Liebe sein Selbst erhöhet, und in eine ganz neue Ordnung
der Dinge, in welche bisher nur wenige von Gott Begünstigte
von ungefähr kamen, besonnen, und nach einer Regel eingeführt
wird. Ihn treibt eine Liebe, die durchaus nicht auf irgendeinen
sinnlichen Genuß ausgeht, indem dieser, als Antrieb, für ihn
gänzlich schweigt, sondern auf die geistige Tätigkeit, um der
Tätigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes
willen. Ob nun zwar nicht diese geistige Tätigkeit überhaupt es
ist, auf welche die Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine
besondere Richtung jener Tätigkeit kommen muß, so ist dennoch
jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form des sittlichen
Willens; und so ist denn diese Weise der geistigen Bildung die
unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der
Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Genuß
durchaus niemals Antrieb werden läßt, gänzlich aus. Bisher
war dieser Antrieb der erste, der da angeregt und ausgebildet
wurde, weil man außerdem den Zögling gar nicht bearbeiten und
einigen Einfluß auf denselben gewinnen zu können glaubte;
sollte hinterher der sittliche Antrieb entwickelt werden, so
kam derselbe zu spät, und fand das Herz schon eingenommen und
angefüllt von einer andern Liebe. Durch die neue Erziehung soll
umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit,
wenn späterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen, oder von
außen angeregt werden sollte, diese zu spät komme, und in dem
schon von etwas anderm eingenommenen Gemüte keinen Platz für sich
finde.
Wesentlich ist schon für diesen ersten, sowie für den demnächst
anzugebenden zweiten Zweck, daß der Zögling von Anbeginn an
ununterbrochen, und ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung
stehe, und daß er von dem Gemeinen gänzlich abgesondert, und
vor aller Berührung damit verwahrt werde. Daß man um seiner
Erhaltung und seines Wohlseins willen im Leben sich regen und
bewegen könne, muß er gar nicht hören, und ebensowenig, daß
man um deswillen lerne, oder daß das Lernen dazu etwas helfen
könne. Es folgt daraus, daß die geistige Entwicklung in der oben
angegebenen Weise, die einzige sein müsse, die an ihn gebracht
werde, und daß er mit derselben ohne Unterlaß beschäftigt werden
müsse, daß er aber keineswegs diese Weise des Unterrichts mit
demjenigen, der des entgegengesetzten sinnlichen Antriebs bedarf,
abwechseln dürfe.
Ob nun aber wohl diese geistige Entwicklung die Selbstsucht nicht
zum Leben kommen läßt, und die Form eines sittlichen Willens
gibt, so ist dies doch darum noch nicht der sittliche Wille
selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue Erziehung
nicht weiter ginge, so würde sie höchstens treffliche Bearbeiter
der Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat,
und deren es nur wenige bedarf, und die für unsern eigentlichen
menschlichen und nationalen Zweck nicht mehr vermögen würden,
als dergleichen Männer auch bisher vermocht haben; ermahnen und
wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmähen
zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt,
daß diese freie Tätigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt
worden, damit der Zögling mit derselben frei das Bild einer
sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwerfe,
dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe
fasse, und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und
durch sein Leben wirklich darzustellen. Es fragt sich, wie die
neue Erziehung sich den Beweis führen könne, daß sie diesen ihren
eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zöglinge erreicht habe?
Zuvörderst ist klar, daß die schon früher an andern Gegenständen
geübte geistige Tätigkeit des Zöglings angeregt werden müsse,
ein Bild von der gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so
wie dieselbe nach dem Vernunftgesetze schlechthin sein soll,
zu entwerfen. Ob dieses vom Zöglinge entworfene Bild richtig
sei, ist von einer Erziehung, die nur selbst im Besitze dieses
richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurteilen; ob
dasselbe durch die eigne Selbsttätigkeit des Zöglings entworfen,
keineswegs aber nur leidend aufgefaßt, und der Schule gläubig
nachgesagt werde, ferner ob es zur gehörigen Klarheit und
Lebhaftigkeit gesteigert sei, wird die Erziehung auf dieselbe
Weise beurteilen können, wie sie früher in derselben Rücksicht
bei andern Gegenständen ein treffendes Urteil gefällt hat. Alles
dies ist noch Sache der bloßen Erkenntnis, und verbleibt auf dem
in dieser Beziehung sehr zugänglichen Gebiete derselben. Eine
ganz andre aber und höhere Frage ist die, ob der Zögling also von
brennender Liebe für eine solche Ordnung der Dinge ergriffen sei,
daß es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen und selbständig
hingestellt, schlechterdings unmöglich sein werde, diese Ordnung
nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Kräften für die
Beförderung derselben zu arbeiten; über welche Frage ohne Zweifel
nicht Worte und in Worten anzustellende Prüfungen, sondern allein
der Anblick von Taten entscheiden können.
Ich löse die durch diese letzte Betrachtung uns gestellte
Aufgabe also: ohne Zweifel werden doch die Zöglinge dieser
neuen Erziehung, obwohl abgesondert von der schon erwachsenen
Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft leben,
und so ein abgesondertes und für sich selbst bestehendes
Gemeinwesen bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur
der Dinge gegründete, und von der Vernunft durchaus geforderte
Verfassung habe. Das allererste Bild einer geselligen Ordnung,
zu dessen Entwerfung der Geist des Zöglings angeregt werde,
sei das der Gemeinde, in der er selber lebt, also, daß er
innerlich gezwungen sei, diese Ordnung Punkt für Punkt gerade
also sich zu bilden, wie sie wirklich vorgezeichnet ist, und
daß er dieselbe in allen ihren Teilen als durchaus notwendig
aus ihren Gründen verstehe. Dies ist nun abermals bloßes Werk
der Erkenntnis. In dieser gesellschaftlichen Ordnung muß nun im
wirklichen Leben jeder einzelne um des Ganzen willen immerfort
gar vieles unterlassen, was er, wenn er sich allein befände,
unbedenklich tun könnte; und es wird zweckmäßig sein, daß in
der Gesetzgebung, und in dem darauf zu bauenden Unterrichte
über die Verfassung, jedem einzelnen alle die übrigen mit einer
zum Ideal gesteigerten Ordnungsliebe vorgestellt werden, welche
also vielleicht kein einziger wirklich hat, die aber alle haben
sollten; und daß somit diese Gesetzgebung einen hohen Grad von
Strenge erhalte, und der Unterlassungen gar viele auflege. Diese,
als etwas das schlechthin sein muß, und auf welchem das Bestehen
der Gesellschaft beruht, sind auf den Notfall sogar durch Furcht
vor gegenwärtiger Strafe zu erzwingen; und muß dieses Strafgesetz
schlechthin ohne Schonung oder Ausnahme vollzogen werden. Der
Sittlichkeit des Zöglings geschieht durch diese Anwendung der
Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, indem hier ja
nicht zum Tun des Guten, sondern nur zur Unterlassung des in
dieser Verfassung Bösen getrieben werden soll; überdies muß im
Unterrichte über die Verfassung vollkommen verständlich gemacht
werden, daß der, welcher der Vorstellung von der Strafe, oder
wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erduldung
der Strafe selbst noch bedürfe, auf einer sehr niedrigen Stufe
der Bildung stehe. Jedennoch ist bei allem diesen klar, daß, da
man niemals wissen kann, ob da wo gehorcht wird, aus Liebe zur
Ordnung oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in diesem
Umkreise der Zögling seinen guten Willen nicht äußerlich dartun,
noch die Erziehung ihn ermessen könne.
Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Ermessen möglich ist, der
folgende. Die Verfassung muß nämlich ferner also eingerichtet
sein, daß der einzelne für das Ganze nicht bloß unterlassen
müsse, sondern daß er für dasselbe auch tun und handelnd leisten
könne. Außer der geistigen Entwicklung im Lernen finden in
diesem Gemeinwesen der Zöglinge auch noch körperliche Uebungen,
und die mechanischen aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten
des Ackerbaues, und die von mancherlei Handwerken statt. Es
sei Grundregel der Verfassung, daß jedem, der in irgendeinem
dieser Zweige sich hervortut, zugemutet werde, die andern
darin unterrichten zu helfen, und mancherlei Aufsichten und
Verantwortlichkeiten zu übernehmen; jedem, der irgendeine
Verbesserung findet, oder die von einem Lehrer vorgeschlagene
zuerst und am klarsten begreift, dieselbe mit eigner Mühe
auszuführen, ohne daß er doch darum von seinen ohnedies sich
verstehenden persönlichen Aufgaben des Lernens und Arbeitens
losgesprochen sei; daß jeder dieser Anmutung freiwillig genüge,
und nicht aus Zwang, indem es dem Nichtwollenden auch freisteht,
sie abzulehnen; daß er dafür keine Belohnung zu erwarten habe,
indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Arbeit und
Genuß ganz gleich gesetzt sind, nicht einmal Lob, indem es die
herrschende Denkart ist in der Gemeinde, daß daran jeder eben nur
seine Schuldigkeit tue, sondern daß er allein genieße die Freude
an seinem Tun und Wirken für das Ganze, und an dem Gelingen
desselben, falls ihm dieses zuteil wird. In dieser Verfassung
wird sonach aus erworbener größerer Geschicklichkeit, und aus
der hierauf verwendeten Mühe, nur neue Mühe und Arbeit folgen,
und gerade der Tüchtigere wird oft wachen müssen, wenn andre
schlafen, und nachdenken müssen, wenn andre spielen.
Die Zöglinge, welche, ohnerachtet ihnen dieses alles vollkommen
klar und verständlich ist, dennoch fortgesetzt, und also, daß
man mit Sicherheit auf sie rechnen könne, jene erste Mühe und
die aus ihr folgenden weitern Mühen freudig übernehmen, und in
dem Gefühle ihrer Kraft und Tätigkeit stark bleiben und stärker
werden -- diese kann die Erziehung ruhig entlassen in die Welt;
an ihnen hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die
Liebe angezündet und brennt bis in die Wurzel ihrer lebendigen
Regung hinein, und sie wird von nun an weiter alles ohne
Ausnahme ergreifen, was an diese Lebensregung gelangen wird; und
sie werden in dem größeren Gemeinwesen, in das sie von nun an
eintreten, niemals etwas andres zu sein vermögen, denn dasjenige,
was sie in dem kleinen Gemeinwesen, das sie jetzt verlassen,
unverrückt und unwandelbar waren.
Auf diese Weise ist der Zögling vollendet für die nächsten und
ohne Ausnahme eintretenden Anforderungen der Welt an ihn, und es
ist geschehen, was die Erziehung im Namen dieser Welt von ihm
verlangt. Noch aber ist er nicht in sich und für sich selber
vollendet, und es ist noch nicht geschehen, was er selbst von der
Erziehung fordern kann. Sowie auch diese Forderung erfüllt wird,
wird er zugleich tüchtig, den Anforderungen, die eine höhere Welt
im Namen der gegenwärtigen in besondern Fällen an ihn machen
dürfte, zu genügen.
Dritte Rede.
Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung.